Tragen

[639] Tragen, verb. irreg. ich trage, du trägst, er trägt, Conj. ich trage; Imperf. ich trug, Conj. ich trüge; Mittelw. getragen; Imper. trage. Es ist sowohl als ein Activum, als auch als ein[639] Neutrum üblich, welches im letztern Falle das Hülfswort haben erfordert. Es war ehedem von einem überaus weiten Umfange der Bedeutung, wovon aber manche Bedeutungen um der Vieldeutigkeit willen veraltet sind, und jetzt nur noch theils aus den Ableitungen, theils aus den verwandten Sprachen erkannt werden können. Die vornehmsten drey Bedeutungen dieses Wortes, deren jede wieder verschiedene figürliche als Unterarten hatte, sind:

1. * Ziehen; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, in welcher dieses Wort im Angels. dragan, im Isländ. und Schwed. draga, im Engl. dragg und draw, im Französ. trainer, ehedem traigner, dem Intensivo vermittelst des n, und im Lat. trahere lautet. Das noch Nieders. trecken, ziehen, ist ein Intensivum davon. Figürliche Bedeutungen waren davon unter andern: 1) Reisen, Schwed. draga. Unser ziehen und das Lat. ducere sind in ähnlichem Verstande üblich. 2) Zaudern, S. Träge. Auf ähnliche Art ist unser zögern, ein Iterativum von ziehen, so wie das gemeine drucksen von drucken und tragen. 3) Hintergehen, Schwed. draga. Wir sagen dafür jetzt triegen und betriegen, die Franz. trahir. Jemanden beziehen ist in eben diesem Verstande üblich. Vielleicht gehöret hierher 4) auch die Bedeutung des Sehens, Erwägens, Wollens u.s.f. wovon wir noch die Intensiva betrachten und trachten haben. Im Schwed. bedeutet draga auch zweifeln, und daß es auch urtheilen bedeutet haben müsse, erhellet aus dem noch nicht ganz veralteten Austrag und austragen.

2. * Drücken, eine längst veraltete Bedeutung, bey dem Ulphilas threihan, im Angels. threagan, im Schwed. truga. Unser drücken, drängen und dringen stammen noch davon ab.

3. Durch seine Kraft unterstützen, die einzige noch gangbare eigentliche Bedeutung, in welcher es sowohl als ein Activum, als auch als ein Neutrum gebraucht wird.

1) Als ein Activum, einen Körper durch seine Kraft unterstützen, es geschehe nun mit oder ohne Veränderung des Ortes.

(a) Eigentlich. Eine Last tragen, so wohl im Stande der Ruhe, als auch der Bewegung. Die Säule trägt das Dach, der Balken die Wand. Ein Kind auf den Armen, eine Last auf der Achsel, auf dem Kopfe, einen Stein in der Hand, Geld in der Tasche tragen. Etwas in der Tasche bey sich tragen. Eine Leiche zu Grabe tragen. Jemanden in der Sänfte tragen. Sich nach Hause tragen lassen. Etwas auf die Gasse, auf den Boden, vor die Thür, auf das Feld, in den Wald tragen. Briefe herum tragen. Etwas feil tragen, zur Schau tragen. Das Schiff trägt 500 Last, führet so viel, kann so viel tragen.

Daher auch die figürlichen R.A. Jemanden auf den Händen tragen, ihm alle nur mögliche Pflege und Wartung erweisen. Sein Herz auf der Zunge tragen, so reden, wie man denkt. Du trägst dein gutes Herz in den Augen und auf der Zunge, ohne daß du daran denkst, Gell. Auf beyden Achseln tragen, zweyen widerwärtigen Personen zu Gefallen reden, den Mantel nach dem Winde hängen, S. Achselträger. Sich nach Hause tragen, d.i. nach Hause gehen, ist nur im gemeinen Scherze üblich.

Zuweilen wird es auch hier absolute und in Gestalt eines Neutrius gebraucht. Das Eis trägt, wenn es Personen oder Lasten trägt, ohne zu brechen.

(b) In engerer und figürlicher Bedeutung. (1) Die Erde trägt Früchte, wenn Früchte auf ihr wachsen. Der Acker trägt Korn, Weitzen. Der Acker soll dir Dornen und Disteln tragen. Sandige Felder tragen nicht alle Jahre. Ingleichen von Gewächsen. Der Baum trägt Früchte, trägt viele Äpfel. Der Same trägt hundertfältig. Wo es auch absolute gebraucht wird. Der Baum trägt dieses Jahr nicht. Von vierfüßigen[640] Thieren wird es in der anständigen Sprechart für trächtig seyn gebraucht. Die Kuh trägt. Eine tragende Kuh, im gemeinen Leben eine trächtige. Ingleichen von leblosen Dingen, wie bringen und eintragen. Nutzen tragen, bringen. Ein Gut, welches nicht viel trägt, d.i. einträgt, Gewinn bringt. Das Capital trägt 6 pro Cent, bringt so viele Zinsen ein. (2) Als ein Gewehr, noch mehr aber als ein Kleidungsstück an sich haben. Einen Degen tragen. Was die Waffen tragen kann. Die Muskete tragen, auch, ein Musketier seyn. Eine goldene Kette an dem Halse, einen Ring an dem Finger tragen. Eine Perrücke tragen. Sein eigenes Haar tragen. Schuhe, Strümpfe, Stiefel tragen. Ein schwarzes Kleid, einen seidenen Rock, einen groben Kittel tragen. Den Kranz mit Ehren tragen. Wo tragen bald von dem Zeitpuncte, von welchem man spricht, bald auch von der gewöhnlichen Kleidung gebraucht wird. S. Tracht. Ingleichen als ein Reciprocum, sich tragen, gewöhnlich gekleidet seyn, mit näherer Bezeichnung der Art und Weise. Sich prächtig, einfach, vornehm, gemein tragen. Sich schwarz tragen. Du wirst dich bald wie eine Dame zu tragen wissen, Weiße. Wer sich trägt, wie die Alten gingen, der ist ehrbar und sittsam, Gell. Eben dieses Reciprocum wird zuweilen auch von dem Zeuge oder Kleidungsstücke gebraucht. Der Zeug trägt sich gut, wenn er, indem man ihn trägt, nicht schlechter wird. (3) Etwas tragen, es über sich ergehen lassen, erdulden. Die Kosten tragen. Die Reisekosten zur Hälfte tragen. Jemandes Schuld tragen, für eines andern Vergehen büßen. Der Sohn soll nicht tragen die Missethat des Vaters, Ezech. 18, 20. Des Tages Last und Hitze tragen. Sein Kreuz geduldig tragen. Ingleichen Vermögen, Neigung haben, etwas zu dulden oder zu erdulden, wie ertragen. Das Land kann die Auflagen nicht tragen. Ihr könnets jetzt nicht tragen, Joh. 16, 12. Der Wohlstand ist oft schwerer zu tragen, als der Unfall, Gell. Der Schwachen Gebrechen tragen, dulden. Sprich bey dir selbst, Gott trägt die Frechen, Gell. Gott wolle nicht, daß er mir je so begegne, ich würde das nicht tragen können. (4) Von dem Körper und einigen Theilen desselben gebraucht, ist tragen so viel als halten. Den Kopf hoch tragen, ihn in seiner gewöhnlichen Stellung hoch halten. Den Kopf schief tragen. Die Nase hoch tragen. Seinen Leib gerade tragen. Ingleichen als ein Reciprocum, von der ganzen Stellung. Er trägt sich sehr gerade. Wie geschickt trägt er sich nicht! Gell. In noch weiterer Bedeutung wird sich betragen auch von den Handlungen gebraucht. Das Tragen der Stimme, in der Musik, nach dem Italiän. il Portamento di voce, die genaue und sanfte an einander Schließung der Töne von dem Sänger, daß sie nur ein einziger lang gedehnter Hauch zu seyn scheinen. Der Sänger weiß die Stimme gut zu tragen. (5) Davon tragen, erhalten, bekommen. Den Sieg davon tragen. Ehre, Schimpf, Schande davon tragen. Derbe Stöße, eine Tracht Schläge davon tragen. Narben, Wunden davon tragen. (6) Einen Gedanken mit sich herum tragen, demselben ununterbrochen nachhängen. Man trägt sich mit einem Gerüchte, es gehet ein unbestimmtes Gerücht. Er hat sich schon lange mit der Sache getragen, hat die Sache schon lange im Sinne gehabt. (7) In einigen Fällen wird es auch für einschreiben, verzeichnen gebraucht. Etwas in ein Buch tragen, verzeichnen. Eine Summe in die Rechnung tragen. Jemandes Nahmen auf die Liste tragen. So auch Eintragen. (8) Ingleichen für führen, haben, doch nur in einigen Fällen. Jemandes Nahmen tragen, haben, führen. Gewalt tragen, haben, besitzen. Ein Amt tragen, bekleiden. Kraft meines tragenden Amtes, ein schon von andern gerügter Mißbrauch des thätigen Mittelwortes,[641] für: Kraft des Amtes, welches ich trage; indem das Amt hier nicht trägt, sondern getragen wird. (9) Noch häufiger wird es von fast allen Gemüthsbewegungen und Neigungen für haben gebraucht, wo es zwar die vierte Endung zu sich nimmt, aber doch im Passivo nicht üblich ist. Liebe zu oder gegen jemanden tragen. Viele Achtung, Freundschaft für jemanden tragen. Haß, Feindschaft gegen jemanden tragen. Trägst du keine Scheu, mich so zu beleidigen? Die Sorge, welche ich für dich trage. An solchen Dingen trage ich keinen Gefallen. Ich sage es ihnen, daß ich eben den Gehorsam gegen sie trage, den ich meinem Vater schuldig bin, Gell. Ekel für etwas tragen. Hingegen sagt man nicht Gram, Traurigkeit, Freude, Betrübniß tragen; ausgenommen zuweilen mit Bezeichnung des Ortes. Der Gram, welchen ich in meinem Herzen trage. Hierher gehöret ohne Zweifel auch die R.A. Leid um etwas tragen, um etwas trauern, Gram darum empfinden, und selbigen äußern; obgleich solche von andern als eine Figur des Tragens der Kleider angesehen, und durch Trauerkleider tragen erkläret wird.


Der Büsche traurig Grün, scheint Leid um mich zu tragen,

Cron.


2) Als ein Neutrum mit dem Hülfsworte haben, wovon doch die meisten Fälle schon im vorigen angeführet worden. Hier soll nur derjenigen Bedeutung gedacht werden, in welcher tragen zuweilen für reichen gebraucht wird, welches Wort selbst damit verwandt zu seyn scheinet. In dieser Bedeutung gebraucht man es theils von allen Schießgewehren, theils auch von dem Sehen in die Ferne, und allen Werkzeugen desselben. Die Kanone trägt nicht so weit, die daraus geschossene Kugel geht nicht so weit. Das Gewehr trägt hundert Schritt. Meine Augen tragen nicht so weit, ich kann nicht so weit in die Ferne sehen. So weit nur der Blick trägt. Das Fernglas trägt sehr weit.

So auch das Tragen in allen Bedeutungen des Activi, und in einigen wenigen auch wohl die Tragung.

Anm. In dieser dritten Hauptbedeutung schon im Isidor dragan, bey dem Kero tragan, bey dem Ottfried druagen, (von welcher veralteten Form das irreguläre Imperfectum herrühret,) ingleichen dragan, im Nieders. drägen, im Angels. dragan. Die Bedeutung des Ziehens scheinet eine der ersten Bedeutungen dieses Wortes gewesen zu seyn. In den Zusammensetzungen austragen, betragen, sich zutragen u.s.f. hat es noch verschiedene andere Bedeutungen, welche in dem einfachen Zeitworte veraltet sind. S. auch Trachten. Die Latein. ferre und portare, sind ohne Zweifel mit dem im Hochdeutschen veralteten, aber noch im Niederdeutschen üblichen bähren, heben, tragen, verwandt. Da das g in diesem Worte gelinde lautet, so können die Zusammensetzungen desselben im Hochdeutschen das e euphonicum nicht entbehren; Trageband, Tragestollen u.s.f. Tragbar und träglich ausgenommen, welche dieses e nicht leiden.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 639-642.
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