Triegen (2)

[679] 2. Triegen, verb. irreg. ich triege, du triegst, (Oberd. treugst,) er triegt, (Oberd. treugt;) Imperf. ich trog; Conj. ich tröge; Mittelw. getrogen; Imper. triege. Es bedeutet überhaupt, jemandes Erwartung oder Vertrauen zu dessen Nachtheil unerfüllet lassen, und ist in doppelter Gestalt üblich.

1) Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, wo es absolute und ohne Meldung der Person, deren Erwartung unerfüllet bleibt, gebraucht wird, auch nur von Sachen üblich ist. Das Eis triegt, man kann sich nicht darauf verlassen. Das Wetter, die Hoffnung triegt. Die Sinne triegen oft. Wer redlich ist und auf die Götter traut, der wandelt nicht auf triegendem Sumpf, Geßn.

2) Als ein Activum mit der vierten Endung der Person, jemanden triegen, dessen gegründete Hoffnung zu dessen Schaden hintergehen, oder unerfüllet lassen, so wohl von Personen als Sachen. In dieser Bedeutung ist es im Hochdeutschen veraltet, wo Betriegen dafür üblicher ist, S. dasselbe. Man gebraucht es nur noch zuweilen als ein Reciprocum, sich triegen, sich irren. Trieg ich mich oder hör ich den zärtesten Gesang? Geßn.

So auch das Triegen.[679]

Anm. Bey dem Notker in thätiger Form triegen, im mittlern Lat. mit einem andern Endlaute trufare, im Ital. truffare. Da fast alle Zeitwörter, welche eine Hintergehung bedeuten, Figuren der geschwinden Bewegung sind, durch welche solche am ersten und gewöhnlichsten bewerkstelliget wird, so scheinet triegen vermittelst des vorgesetzten intensiven t von regen gebildet zu seyn. Das Hauptwort lautet Trug; viele haben dieses als das Stammwort angesehen, und wollen daher wider alle Aussprache und Gewohnheit trügen, betrügen, Betrüger u.s.f. geschrieben wissen. Allein, die Hauptwörter stammen allemahl von Zeitwörtern her und nicht umgekehrt, und dieses Zeitwort wird im Deutschen sehr bestimmt triegen gesprochen. Die Selbstlaute sind in den Wörtern keinen Regeln unterworfen, und gehen in der Abstammung und Beugung durch alle Schattierungen durch. Wie man sagt, triegen, trog, Trug, so sagt man auch, schließen, schloß, Schluß; fließen, floß, Fluß; fliehen, floh, Flucht; schieben, schob, Schub; siechen, Sucht; ziehen, zog, Zucht u.s.f.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 679-680.
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