Verhalten

[1054] Verhalten, verb. irregul. act. & reciproc. S. Halten, welches nach Maßgebung beyder Theile seiner Zusammensetzung auch in verschiedenen Bedeutungen üblich ist. 1. Den Zügel verhalten, bey einigen, dem Pferde den Zügel schießen lassen, wofür doch verhängen üblicher ist. Mit verhaltenem[1054] Zügel, mit verhängtem. Ver scheint hier eine destruirende oder auch entfernende Bedeutung zu haben.

2. Zurück halten, eigentlich durch Halten einsperren, einschließen.

(1) In mehr eigentlichem Verstande, wo es im gesellschaftlichen Leben in sehr vielen Fällen gebraucht wird, wo ein Ding, oder doch dessen Wirkung zurück gehalten wird. Den Urin verhalten. Das Verhalten, die Verhaltung des Urins. Den Athem verhalten, ihn an sich halten. Verhaltene Winde in den Gedärmen, verschlagene. Einem ein anvertrautes Gut verhalten, edler vorenthalten. Verhaltene Dämpfe in den Bergen, eingeschlossene. Den Most verhalten, dessen Gährung hindern, aufhalten. Verhaltener Most, dessen Gährung gehindert worden. Die Sterne verhalten ihren Schein, Joel 2, 10. Auch habe ich den Regen über euch verhalten, Amos 4, 6. Darum hat der Himmel über euch den Thau verhalten, Hagg. 1, 10.


Ich weiß, du strafst mich nicht,

Wenn der verhaltne Strohm aus meinen Augen bricht,

Weiße,


Ein andrer, den ein Strohm verhaltner Weisheit bläht,

Dünkt, wenn er dunkel schreibt, sich mehr als Epictet,

Bernh.


(2) In weiterer und figürlicher Bedeutung. (a) Verweilen, sich aufhalten, eine nur im Niederdeutschen befindliche Bedeutung, wo sie aber auch anfängt zu veralten. (b) Mit dem Nebenbegriffe der Verbergung, zurück halten, um zu verbergen, gleichfalls in vielen Fällen des gesellschaftlichen Lebens. Es hatte sich etwas Feuer in der Asche verhalten. Verhaltene Funken. In der Jägerey werden die Lockvögel verhalten, wenn man sie im Frühlinge an einem finstern Orte aufbewahret, damit sie mit Pfeifen und Singen inne halten, und hernach auf dem Vogelherde desto stärker schlagen. In einem andern Verstande sagt man daselbst von dem Rothwildbrete, es verhalte sich, wenn es sich in einem Dickigt verbirget. Es ist unnöthig, verhalten in dieser Bedeutung von verhehlen abzuleiten, indem sie ganz natürlich aus der vorigen fließt; indessen sind hehlen und halten in ihrem Ursprunge nahe verwandt. (c) Verschweigen, um es einem andern zu verbergen. Einem etwas verhalten. Daß wirs nicht verhalten sollen ihren Kindern, Ps. 78, 4. Ich will dich etwas fragen, lieber, verhalte mir nichts, Jer. 38, 14. Ich will euch aber nicht verhalten, daß ich mir oft habe vorgesetzt, u.s.f. Röm. 1, 13. Es ist in diesem Verstande vorzüglich in den Kanzelleyen üblich. Wir haben euch solches nicht verhalten mögen. Wo denn das Mittelwort in Gestalt eines Nebenwortes auch wohl überhaupt für unbekannt, subjektive, gebraucht wird. Es kann denenselben nicht verhalten seyn, was für Unfug u.s.f. Daher der Gegensatz unverhalten. Es sey dir unverhalten, nicht verschwiegen.

In dieser ganzen zweyten Hauptbedeutung ist sowohl das Verhalten, als auch in der eigentlichen Bedeutung der Zurückhaltung die Verhaltung, üblich.

3. Sich verhalten, als ein Reciprocum, den zufälligen Umständen nach bestimmt werden, und seine zufälligen Veränderungen nach den äußern Umständen bestimmen; besonders in folgenden nahe verwandten Fällen.

(1) Im weitesten Verstande, den zufälligen Umständen nach bestimmt werden, in welchem es nur von geschehenen Dingen, und der Art, wie sie geschehen sind, gebraucht wird. Die Sache verhält sich so. Die Sache verhält sich ganz anders. Es hat sich so verhalten. Da sich nun dieses so verhielt. Wie verhält sich die Sache? oder, wie verhält sichs mit der Sache?[1055] In dieser Bedeutung ist von dem Zeitworte kein Hauptwort, selbst nicht das Verhalten, üblich.

(2) In Beziehung auf ein anderes ähnliches Ding, in Vergleichung mit demselben beschaffen seyn, von allen Arten der Beschaffenheit, besonders aber von der Größe und Intension, da denn dasjenige Ding, mit welchem das erste gleichsam verglichen wird, das Vorwort zu bekommt. Die Höhe verhält sich zur Breite, wie zwey zu Eins d.i. die Höhe ist um so viel größer, als die Breite, um so viel zwey größer ist, als eins. Ingleichen, wenn die zwey Dinge von Einer Art sind, auch ohne das Vorwort: die Räume verhalten sich, wie die Geschwindigkeiten, d.i. der eine Raum verhält sich zu dem andern Raume, wie die eine Geschwindigkeit zu der andern. Es ist in dieser Bedeutung in der Mathematik am üblichsten, aus welcher es hernach auch auf andere Gegenstände angewandt worden. Die Liebe verhält sich zur Freundschaft, wie ein Flammenfeuer zur sanften Sonnenwärme. Donner und Blitz verhalten sich zu einander, wie die Wirkung zur Ursache. In dieser Bedeutung ist kein anderes Hauptwort, als das Verhältniß üblich.

(3) Von einem andern Dinge seinen äußern Umständen nach bestimmt werden, doch nur mit ausdrücklicher Bezeichnung der Art und Weise. Wie verhält sich das Bley im Feuer? was für Veränderungen erleidet es in demselben? Antw. Es schmilzt. Glas verhält sich unter dem Hammer ganz anders, als das Gold. In diesem Verstande ist allenfalls das Verhalten üblich.

(4) Im engsten und moralischen Verstande heißt sich verhalten, seine eigenen Veränderungen in Rücksicht oder nach Maßgebung der Dinge außer uns bestimmen. Ich weiß nicht, wie ich mich in oder bey dieser Sache verhalten soll. Wie habe ich mich in diesem Falle zu verhalten? Verhalte dich ruhig. Sich nach der Vorschrift des Gesetzes verhalten. Sich sehr ungeberdig verhalten. Sich in seinem Amte unsträflich verhalten. Es ist in diesem Verstande ein sehr allgemeines Zeitwort, welches die engern sich betragen, sich aufführen, welche nur von besondern Arten des Verhaltens üblich sind, mit in sich begreift. Es wird daher nicht gern in solchen Fällen gebraucht, wo man ein bestimmteres Wort hat. Man sagt zwar, sich als ein tapferer Mann, sich standhaft im Unglücke verhalten; aber nicht gern, sich hart, gütig gegen jemanden verhalten, sondern betragen. Der Gegenstand der Person, auf welche sich die Veränderungen beziehen, bekommt das Vorwort gegen. Daher das Verhalten, S. solches so gleich besonders.

Anm. Die eigentliche Bedeutung der Partikel in dieser dritten Hauptbedeutung ist dunkel; allem Ansehen nach ist sie bloß intensiv, indem das einfache halten in ähnlicher Bedeutung üblich ist, z.B. sich tapfer halten. Halten aber scheint hier eigentlich die Bestimmung der äußern Stellung und Geberden zu bezeichnen, so wie haben, gehaben, und habere, welche in ähnlichen Fällen gebraucht werden.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 1054-1056.
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