Wie

[1527] Wie, ein Partikel, welche auf gedoppelte Art gebraucht wird.

I. Als ein Umstandswort, die Beschaffenheit, Art und Weise zu bezeichnen, und zwar.

1. Als ein Fragewort, nach der Art und Weise zu fragen, da es den theils mit Verbis verbunden wird. Wie ist das zugegangen? auf welche Art. Wie gehet es dir? Wie heißt die Stadt? Wie käme ich dazu? Wie hast du das angefangen? Wie bist du dazu gekommen? Da es denn auch als ein höfliches Fragewort für das härtere was gebraucht wird. Wie? – Wie sagten sie? Theils mit Adverbiis und andern Umstandswörtern. Wie groß war es? Wie lange ist es her? Wie oft kam er? Wie bald wird es geschehen? Wie theuer ist es? Wie viel war es?

Besonders mit Adverbiis, wenn ein Ausruf in eine Frage eingekleidet wird. Wie bald ist es um uns geschehen! Wie wohl hast du gethan! Wie sehr hast du geirret! Wie viel verbirgt eine Stunde vor den Augen der Menschen! Wie gern hätt' ich ihn noch Ein Mahl gesprochen! Wie ungeduldig ist nicht die Liebe! Wo auch das Verbum in manchen Fällen versetzt werden kann. Wie ungeduldig nicht die Liebe ist! Oft stehet es in solchen Ausrufen elliptisch für wie sehr. O, wie hab ich um dich geweint! wie sehr. Allein, wie erschrak er, als er mich sahe.


Wie strahlt das Feuer schöner Augen!

Wie blinkt der helle Rebensaft!

Haged.


Oft dienet es bloß, eine Frage einzuleiten oder anzukündigen. Wie? Hab ich es dir nicht gesagt? Wie? Sie hätten mich reden hören? Besonders, wenn ein möglicher Fall als ein Einwurf in eine Frage eingekleidet wird. Wie wenn ich niemahls glücklich würde? Aber wie, wenn ich es nun selbst gemacht hätte? Wie, wenn er es nun thäte? Wo wie so viel sagen will, als, was würde erfolgen? was würde geschehen?

[1527] Wie so? Wie denn das? sind Formen der vertraulichen Sprechart, nach der Ursache, nach der nähern Art und Weise zu fragen. Wie anders? für, wie kann es anders seyn? ist viel zu dunkel und elliptisch, als daß es nachgeahmt zu werden verdiente. Hätten Engel die Sprache erfunden, wie anders, als daß ihr ganzer Bau ein Abdruck von ihrer Denkart seyn müßte? Wo die ganze Wendung des Gedankens gezwungen und ungewöhnlich ist.

2. Als ein relatives Umstandswort, eine gewisse Art und Weise zu bezeichnen. Sowohl vor Verbis. Ich weiß nicht, wie ich es anfange, auf welche Art. Sage ihm, wie er es machen soll. Ich begreife nicht, wie es geschehen ist. Wenn die Liebe nichts ist, als eine Pflicht, so wundert mich's, wie sie so viele Herzen an sich ziehen kann, Gell. Es ist mir, ich weiß nicht wie. Es geschahe, ich weiß nicht wie. Dem sey, wie ihm wolle. Als auch vor Adverbiis, diese Art und Weise näher zu bezeichnen. Siehe, wie fleißig ich bin. Du hast noch nicht erfahren, wie stark er ist. Ich weiß, wie viel es ist.

Sehr überflüssig ist es, sowohl diesem als dem vorigen wie noch ein nach nachschleichen zu lassen, welches zur Bestimmung nichts beytragen kann. Wie nach soll denn Herr Simon an Jungfer Lorchen denken? Gell. Es ist unbegreiflich, wie nach man solches behaupten könne.

II. Als eine Conjunction, da es denn wieder mancherley Arten der Verbindung bezeichnen kann.

1. Eine Ähnlichkeit, versteckte Vergleichung, als eine Conjunctio comparativa. Sowohl auf eine verstecktere Art, welche den Übergang des vorigen Umstandswortes in die Conjunction ausmacht. Wie ich sehe, so ist es sehr groß, nach dem zu urtheilen, was ich sehe. Wie ich höre, so können sie auch spotten. Als auch auf eine unmittelbarere Art, wie als, sowohl vor Nennwörtern. Er ist, wie du. Machs, wie ich. Ich habe nicht so viele Zeit wie dein Freund. Schön, wie ein Engel. So reitzend wie der Morgen. Ich thäte es, wenn ich wie du wäre, besser, wenn ich an deiner Stelle wäre. Als auch vor einigen Adverbiis. Wie gewöhnlich. Das ist ihm wie nichts. Er ist heute, wie gestern. Sie kommen wie gerufen, als wenn sie wären gerufen worden; eine in der vertraulichen Sprechart übliche Ellipse. Er ist wie todt, sie sahe wie tiefsinnig zur Erde, sind härtere Ellipsen, welche man lieber vermeidet. Am häufigsten mit Verbis und ganzen Sätzen. Du wirst behandelt werden, wie du es verdienest. Es ist geschehen, wie ich es gesagt habe. Ich will ihn ziehen, wie ich ihn mir wünsche. Er lebt, wie es einem rechtschaffenen Manne gebühret. Besonders nach einem vorhergegangenen so. Laß die Welt so, wie sie ist. So wie mein Herz ihn liebt. Ingleichen im Vordersatze, mit einem nachfolgenden so. Wie du gedienet hast, so sollst du belohnet werden.

Überflüssig ist es, diesem vergleichenden wie noch ein gleich bedeutendes als vortreten zu lassen. Sie siehet einem Affen ähnlicher, als wie ihnen; wo eines von beyden hinlänglich ist. Aber das wenn nach dem wie und als hat seine Bedeutung. Ich höre ein Plätschern, wie wenn die Weilen wider den Nachen schlagen, Gesner. Aber eine beynahe unverzeihliche Härte ist es, dieses vergleichende wie oder als völlig zu verschweigen. Ein Tiger, dem man seine Brut geraubt, schäumt Pharao für Wuth; für als oder wie ein Tiger.

2. Eine Zeitfolge zu bezeichnen, consecutiv; für als oder da. Wie er gefragt ward, läugnete er es. Wie er mich reden hörte, schlich er sich weg. Und wie er vor Freuden weinte, da weintest du auch vor Freude, Gesn. Dieser Gebrauch ist keiner der besten, und man siehet leicht, warum; indem er[1528] Zweydeutigkeit mit dem Umstandsworte wie macht, wenigstens der ersten dunkeln Empfindung nach, und daher den Leser nur ohne Noth aufhält.

3. Eine Erläuterung des vorher gehenden zu begleiten, explanativ; mit dem denn.


Von vielen nicht gekannt, von andern auch vernichtet,

Wie denn sie schnöde Welt nur nach den Augen richtet,

Opitz.


Die Brust ist nicht so hell, wie denn auch der Rücken nicht so dunkel ist.

4. Eine Ursache anzudeuten, Causal, im Vordersatze, für da. Wie man den Verstand nicht immer anstrengen kann, so ist es auch erlaubt, zuweilen etwas seichtes zu lesen, Gell. Wie der Mensch das Meisterstück der Schöpfung ist, so ist er auch für den Menschen das lehrreichste Studium, eben ders. Auch diesem Gebrauch sollte man um der Zweydeutigkeit Willen veralten lassen, zumahl da da diesen Begriff weit bestimmter ausdruckt.

5. Circumscriptiv, in Verbindung mit dem daß; ein fehlerhafter Pleonasmus, der indessen im Opitz häufig vorkommt. Man hat Nachricht erhalten, wie daß die Feinde geschlagen worden.


Sie haben gesehen,

Wie daß auf eine Zeit sie alle mußten sterben,

Opitz.


Es ist ihm unentfallen,

Wie daß wir nichts als Staub und Asche sind,

Opitz.


Eben derselbe gebraucht wie daß auch, aber eben so fehlerhaft, für damit. Er schlägt beherzt den Feind, wie daß er Lob gewinnt.

Aber erlaubt ist es, wie für das circumscriptive daß allein zu gebrauchen, wenn keine Zweydeutigkeit zu besorgen ist, besonders, wenn mehrere circumscriptive daß auf einander folgen sollten. Ich hörte, daß er sagte, sein Bruder habe behauptet, wie er es nicht gesehen habe. Aber außer diesem Falle kann das wie für daß leicht Zweydeutigkeit machen. Man hat nunmehr Nachricht erhalten, wie der Feind geschlagen worden.

6. In Gesellschaft mit manchen Partikeln druckt es noch verschiedene andere Verbindungsarten aus. So wird es mit dem auch copulativ. Ich, dein Bruder, wie auch dessen Schwager. Ingleichen adversativ. Wie gelehrt er auch ist, so u.s.f. Mit wohl concessiv, S. Wiewohl an seinem Orte.

Anm. 1. Wenn wie als ein bloßes Umstandswort vor Adverbiis stehet, so ist es irrig, es mit denselben zusammen zu ziehen, weil es hier eine bloße abgesonderte Bestimmung ist. Wie groß, wie sehr, wie viel u.s.f. nicht wiegroß, wiesehr, wieviel. Nur im Superlativ des letzten Wortes ist diese Zusammenziehung erlaubt, der wievielste, weil hier nicht allein ein gemeinschaftlicher Artikel, sondern auch eine gemeinschaftliche Biegung, Statt findet. S. meine Sprachlehre.

Anm. 2. Diese alte Partikel erscheinet von den frühesten Zeiten an in mannigfaltigen Gestalten. Im Kero und Isidor lautet sie huueo, bey dem Ottfried, der sie auch für daß gebraucht, wio, im Tatian so, soso, im Willeram suie, bey dem Notker ziu, im Angels. hu, hwa, im Engl. how, im Nieders. wo, im Dänischen hvor.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 1527-1529.
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