Wohl

[1592] Wohl, eine Partikel, welche auf verschiedene Art gebraucht wird. 1. Als ein Adverbium, oder Beschaffenheitswort, da es denn der Natur der Sache nach zwar der Steigerung fähig ist, selbige aber nicht an sich selbst verstattet, sondern dafür, so wie gut, den Comparativ und Superlativ besser und beste von dem veralteten bes entlehnet.

(1) Dem Gefühle, und in weiterer Bedeutung den äußern Sinnen angenehm. (a) Dem Gefühle angenehm, im Gegensatze des weh. Das thut ihm wohl, erweckt ihm eine angenehme Empfindung des Gefühles. (b) In weiterer Bedeutung, keine unangenehme Empfindung habend; im Gegensatze des übel. Mir ist wohl, ich befinde mich wohl, wenn man keine unangenehme Empfindung der veränderten Gesundheit hat. Mir ist nicht wohl, ich befinde mich nicht wohl. Der Gebrauch mit dem Verbo seyn, und dem Nominative, er ist seit ein Paar Tagen nicht recht wohl, für, ihm ist u.s.f. scheinet mehr eine provinzielle Eigenheit als eine wahre Hochdeutsche Form zu seyn. (b) Den übrigen Sinnen, den Empfindungen angenehm, wie gut, und oft im Gegensatze des schlecht. Es ist mir nicht wohl zu Muthe bey der Sache, ich fürchte ein Übel. Es schmeckt, riecht, klinget wohl, gut. Er gefällt mir ganz wohl. Sie siehet sehr wohl aus. Diese Farbe stehet ihm wohl. Ich kann ihn sehr wohl leiden. Wohl gebauet, wohl gebildet seyn, so daß man andern gefällt.

(2) Den Wünschen, den Absichten, der Natur der Sache angemessen, für gut und im Gegensatze des schlecht. (b) Den Wünschen, der Absicht angemessen. Es gehet ihm wohl, seinen Wünschen gemäß. Leben Sie wohl! Schlafen Sie wohl! Eine Sache sehr wohl ausrichten. Einem wohl wollen, ihm günstig seyn. Das Glück will ihm wohl. (b) Der Natur der Sache angemessen, auf gehörige Art. Etwas wohl überlegen. Es ist sehr wohl gethan. Etwas sehr wohl bedenken. Daran thun sie wohl. Wie wohl hat mein Freund für mein Glück gesorgt! Er zielt und faßt den Pilger wohl, Gell. Den Pfeffer wohl stoßen, gehörig. Etwas wohl unter einander[1592] mengen, hinlänglich. Ich kenne mich mehr als zu wohl, vollkommen.

(3) Da es denn oft dazu dienet, seinen Beyfall an den Tag zu legen, wie gut. Wohl, nun wohl, wenn es dein Ernst ist. Wohl, ganz wohl! Willst du deiner Schwester etwas geben, nun wohl! Gell. Zuweilen auch als eine Verstärkung des ja. Ja wohl kann man vor Liebe krank werden, Gell. allerdings. In manchen Provinzen, z.B. in Baiern, wird wohl allein, für ja gebraucht.

(4) In manchen Fällen gehet die vorige zweyte Bedeutung in eine Art von Intension oder Verstärkung über, und läßt sich alsdann oft durch hinlänglich, füglich u.s.f. auflösen. Ich weiß es wohl; ich sehe, höre es wohl; ich möchte wohl wissen, woher er es hat; ich höre es nunmehr wohl, daß dir nicht recht ist, Gell. Es kann heute nicht wohl seyn, nicht füglich. Gott wirds wohl machen. Da hat man dir nun wohl keine Lügen gesagt. Ingleichen in Fragen. Glauben Sie wohl, daß mir ihr Glück lieb ist? Sehen Sie wohl, daß er noch nicht da ist? Was hätte ich wohl für Vortheil davon? Es hat in allen diesen und ähnlichen Fällen verschiedene schwache Nebenbegriffe, welche den Übergang dieses Adverbii zu dem folgenden Umstandsworte ausmachen.

2. Als eine Interjection, und zwar des Glückwunsches, da sie denn im Hochdeutschen allemahl mit dem Dative der gepriesenen Person verbunden wird. Wohl mir, daß ich es nicht gesehen habe! Wohl dir, wenn du es hast! Wohl dir, o du, durch meinen Freund regieret! Raml. Bey den Schwäbischen Dichtern kommt es sowohl mit dem Dative als Accusative vor. Wol mich! Wol der sumerlichen zit.

3. Als ein Umstandswort, da es denn den Begriff eines Verbi, oder andern Adverbii nur modificiret, und dabey oft so feine Nebenbedeutungen ausdruckt, daß sie sich nur dunkel empfinden, aber nicht leicht durch Worte klar machen lassen. Ich kann daher nur die vornehmsten und hervorstechendsten anführen. Es sind selbige:

(1) Der Nebenbegriff des Zweifels, der Vermuthung, der Frage; wie vielleicht. Das kann wohl nicht seyn. Das ist wohl nicht erlaubt. Er ist nicht so einfältig, als Sie wohl denken. Er hat jetzt wohl andere Gedanken. Das Gewissen eines Menschen, der viel gereis't ist, muß wohl eine Hölle auf Erden seyn. Camilla, – doch wohl nicht die Schwester des Lelio? Da nahmest du es wohl? Todt oder blind seyn, kommt wohl auf eins hinaus. Mit Fleiß wird er's wohl nicht gethan haben. Sie irren sich wohl. Den willst du wohl gar noch lieben? Ich werde wohl nicht dabey nöthig seyn.

(2) Da es denn zuweilen so viel als ungefähr bedeutet, doch mit einem merklichen Nebenbegriffe der Gradation oder Intension. Ich habe es ihm wohl zehnmahl gesagt. Hier sang sie wohl eine Stunde lang. Es sind ihrer wohl zehen. Er muß nun wohl funfzig Jahr alt seyn.

(3) In manchen Fällen sticht die Gradation stärker vor. Den sie so lieb, wie sich, und wohl noch lieber hatte. Ich habe wohl mehr dergleichen Männer gesehen. Die Liebe ist schlauer, als die Freundschaft; ihr süßes Pfeifchen schläfert wohl einen Argus ein, Weisse.

(4) Für zwar, als eine concessive Conjunction. Er hat wohl Geld, aber keinen Verstand. Es sind wohl gute Leute, aber sie sind ein wenig schwatzhaft. Ingleichen in dem zusammen gesetzten Obwohl. S. dasselbe. Oft modificirt es das adversative aber. Heute nicht, aber wohl morgen; und das copulative und disjunctive so, in Sowohl, S. dasselbe.

Anm. 1. Die Niederdeutschen und einige gemeine Oberdeutsche Mundarten sprechen dieses Wort in allen Fällen geschärft, woll, aus;[1593] im Hochdeutschen hingegen lautet es in allen seinen Bedeutungen gedehnt wohl, nur daß es, wenn es das Adverbium, und die Interjection ist, wegen der Vollständigkeit seines Begriffes, auch den Ton hat, in den meisten Fällen des Umstandswortes aber, den Ton auf das folgende Wort wirft. Wóhl mír; ich sehe es wóhl. Aber, ich habe es ihm wohl zéhnmahl gesagt. Da denn im ersten Falle die Dehnung freylich stärker empfunden wird, als im letzten. Sonderbar genug ist es, wenn einige Neuere bey diesem Worte die Hoch- und Niederdeutsche Mundart unter einander werfen, und das Adverbium und die Interjection wohl, das Umstandswort aber wol, oder gar woll, schreiben und sprechen lehren. Wie viele Partikeln, ja wie viele tausend andere Wörter müßten nicht umgemodelt werden, wenn die Verschiedenheit der Bedeutung und des Gebrauches dazu berechtigen könnte. Der Comparativ wöhler, und Superlativ am wöhlsten sind im Hochdeutschen völlig fremd; allein in einigen Oberdeutschen Gegenden sind sie noch gangbar.

Anm. 2. Dieses Wort lautet bey allen alten Schriftstellern von des Kero Zeiten an wola, wela, woraus zugleich das Alter der Dehnung erhellet, bey dem Ulphilas vaila, im Angels. hingegen wel, im Engl. well, im Schwed. wål, im Wallis. gwell. Das Lat. belle ist genau damit verwandt.

Anm. 3. Das Adverbium wohl wird mit vielen Wörtern zusammen gesetzt, da denn der Grund der Zusammensetzung entweder eine elliptische oder figürliche Bedeutung, oder auch ein gemeinschaftliches vorher gehendes und zwar biegsames Bestimmungswort ist. Das Wohlbefinden. Wo keine dieser beyden Ursachen vorhanden ist, da schreibt man es getheilt, wie ein jedes anderes Bestimmungswort, sich wohl befinden. Daher werden viele Verba getheilt, ihre Substantiva aber, ingleichen die Participia, wenn sie als Adjectiva decliniret werden, zusammen gesetzt geschrieben. Man sehe meine Sprachlehre, in dem Kapitel von der Zusammensetzung der Wörter. In vielen Fällen bezeichnen die mit wohl zusammen gesetzten Wörter einen geringern Grad, als die ähnlichen mit hoch, besonders in den Titeln. S. die vornehmsten im Folgenden.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 1592-1594.
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