Wollen

[1607] Wollen, verb. irregul. neutr. Präs. ich will, du willst, (nicht du willt,) er will, wir wollen u.s.f. Conj. daß ich wolle; Imperf. ich wollte, Conj. daß ich wollte; Particip. gewollt; Imperat. caret. Es wird mit dem Hülfsworte haben verbunden, und druckt überhaupt die Äußerung des Willens als ein Verbum aus, doch mit manchen Nebenbegriffen und nähern Bestimmungen. Es wird mit dem Infinitive eines andern Verbi verbunden, und bedeutet: 1. Einen Entschluß sowohl fassen, als gefasset haben. Er will hingehen, ist entschlossen. Er will, und will auch nicht, kann sich nicht dazu entschließen. Ich frage, ob du willst? Ich will mich stellen, als wenn ich schliefe. Gut, wir wollen es thun. Ich wollte eben hingehen, als er kam. Du denkst, du hast gefragt, weil du hast fragen wollen, Gell. für gewollt, S. die Sprachlehre. Oft mit dem Nebenbegriffe des festen, unwiderruflichen Entschlusses, da es oft so viel als befehlen ist. Die Gesetze wollen es so. Besonders mit dem Participio eines andern Verbi. Ich will es gethan haben. 2. Verlangen tragen, Verlangen äußern. Sowohl mit dem Infinitive eines andern Verbi. Der Kranke will essen. Sie hätte lieber meine Tochter auch zu der galanten Lebensart anführen wollen, Gell. Ich will nur gerne sehen, wie es ablaufen wird, ich wünsche, es zu sehen. Als auch mit daß. Wollen sie, daß das menschliche Geschlecht untergehen soll? Ingleichen mit dem Accusative oder einem Adverbio. Willst du das Buch haben, oder elliptisch, willst du das Buch? Was will denn ein Mann mehr? Zu wem wollen Sie? Was willst du? Er weiß nicht, was er will. 3. Neigung haben. Ich wollte lieber schlafen, als essen. Er will nicht daran, hat keine Neigung, es zu bewilligen, zu thun. Ich wollte es gern thun, wenn ich nur könnte. Er mag wohl oder übel wollen, er mag dazu geneigt seyn, oder nicht. Man wollte wohl oder übel, so mußte es geschehen. Wer wollte ihm auch nicht gehorchen? wer sollte nicht geneigt seyn, ihm zu gehorchen. Einem wohl wollen, sein Bestes gern sehen. Einem übel wollen, sein Bestes nicht gern sehen. Auf eine ähnliche Art wird dieses Wort in Bitten gebraucht. Wollen Sie es wohl thun! Wollen, oder, wollten Sie wohl die Gütigkeit haben, es zu thun! Aber wollen Sie diese Fabel[1607] wohl auflösen, Gell. Wollen Sie unbeschwert diesen Punct lesen, eben ders. 4. Zur Absicht haben. Was wollen sie damit sagen? Ich weiß nicht, was er damit haben will, oder, was er damit will. Wollen Sie mir etwa sagen, was mir meine Schwester erzählen will? Gell. ist es etwa ihre Absicht, mir zu sagen u.s.f. Nicht verliebt, nur zärtlich wollen (oder, wollten) sie sagen. Ich will damit soviel sagen u.s.f. Das will ich eben nicht sagen. 5. Zulassen, verstatten, veranstalten. So Gott will; im gemeinen Leben, wills Gott! wenn es Gott verstattet. Besonders in Wünschen. Gott wolle, Gott wolle nicht, daß es geschehe! Wollte Gott, daß es geschehe! Gott wolle nicht, daß es mir je so begegne! 6. Behaupten, versichern, mit dem Infinitive und dem Participio. Er will es gehört, gesehen, gesagt haben, er behauptet, es gehört, gesehen, gesagt zu haben. Die Leute wollen dich mit einer Stadtjungfer haben reden sehen, in der vertraulichen Sprechart. 7. Können, vermögen; mit dem Infinitive. Wo will er so viel Geld hernehmen? Was will ich machen? Was wollt er machen? Wer will denn die Geheimnisse der ewigen Vorsehung erforschen? Da es denn, so wie sollen, auch oft gebraucht wird, einen möglichen Fall zu setzen. Ich will mich betrogen haben, gesetzt, ich hätte mich betrogen, oder, es kann seyn, daß ich mich betrogen habe. 8. Im Begriffe seyn, etwas zu thun, oder zu leiden, da es denn auch von leblosen Dingen gebraucht wird. Er will sterben, er ist im Begriffe, zu sterben. Sohn, fing der Vater an, indem er sterben wollte, Gell. Das Schiff will sinken, das Haus will einfallen, der Stock will brechen. Ich that, als wollte michs verdrießen. Es war mir nicht möglich, ihn anzusehen, wenn ich nicht erröthen wollte. 9. Bereit, fähig seyn, eine leidentliche Veränderung anzunehmen, nicht widerstehen; am häufigsten mit der Verneinung. Es will ihm nicht ein. Das Holz will nicht los, der Nagel will nicht heraus. Es will nicht gehen. 10. Erfordern, nothwendig machen. Die Glashütten wollen viel Holz. Diese Sache will sorgfältig in Acht genommen seyn.


Ein kleiner Feind, dieß merke fein,

Will durch Geduld ermüdet seyn,

Gell.


11. Oft wird dieses Verbum gebraucht, eine gewisse Gleichgültigkeit gegen einen Erfolg und dessen Grade zu bezeichnen. Er zürne, so viel er will. Er sey auch, was es will, was es auch seyn mag. Ich mag kommen, wenn ich will, zu welcher Zeit ich auch komme. Es mag über mich ergehen, was da will. Ihre Feinde mögen sagen, was sie wollen.


Nimmt dich die Zärtlichkeit nur erst vollkommen ein,

So sey so stolz du willst, du hörst auf, es zu seyn,

Gell.


Zuweilen auch mit dem Conjunctive. Dem sey, wie ihm wolle; nicht so richtig, dem sey, wie ihm sey. Es habe ihn, was auch immer wolle, zur Untreue bewogen, Gell. 12. Sehr oft gehet eine der vorigen Bedeutungen mit ihren Nebenbegriffen in einen Pleonasmus über. Die frische Luft will mir nicht bekommen, bekommt mir nicht. Dazu will viel gehören, dazu gehöret viel. Es will hier nöthig seyn, es ist hier nöthig. Tausend Thaler wollen nichts sagen. Das will etwas ganz anders sagen. Ich will doch nicht hoffen, daß sie es für Ernst aufnehmen werden. In den Kanzelleyen wird dieser Pleonasmus oft unausstehlich, indem er bloß auf eine unnütze Ausdehnung abzielet. Worauf sich gegründet werden wollen. Wenn nicht daran schleuniger Antheil genommen werden wollte.

So auch das Wollen.

Anm. 1. Dieses Verbum hat keinen Imperativ; auch ist das Participium Präs. wollend wenig oder fast gar nicht üblich. Viele Sprachlehrer zählen dieses Verbum mit zu den Hülfswörtern. Allein,[1608] wenn Hülfswörter solche Verba mit allgemeinen Begriffen sind, deren man sich bedienet, die vollständigere Lateinische Conjugation im Deutschen zu umschreiben, so haben wir deren nicht mehr als drey, seyn, haben und werden. Indessen wird wollen, so wie können, dürfen, mögen u.a. welche einen gewissen Nebenumstand jeder Handlung bezeichnen, mit dem bloßen Infinitiv dieser Handlung verbunden, ich will gehen; welcher Umstand aber zu einem Hülfsworte allein nicht hinreicht. Im Oberdeutschen gebraucht man dieses Wort häufig, den Imperativ anderer Verborum in der ersten vielfachen Person zu umschreiben: wollen wir gehen, laßt uns gehen, oder, wir wollen gehen.

Anm. 2. Man hat noch einen Ausdruck, womit man wollen in der ersten Bedeutung, in manchen Fällen zu umschreiben pflegt, nähmlich gewillet seyn: ich bin gewillet, ich war gewillet, bin gewillet gewesen, für, ich bin entschlossen, will u.s.f. Es ist ein von Wille abgeleitetes Adverbium, wenn es nicht vielmehr das noch übrige Participium einer veralteten Form willen ist, von welchem wollen noch das Präsens der einfachen Zahl entlehnet hat, ich will, du willst, er will. Indessen gebraucht man gewillet für entschlossen, am häufigsten nur noch in den Kanzelleyen, und zwar nur als ein Adverbium, mit dem Verbo seyn, aber nicht als ein Adjectiv.

Anm. 3. Dieses Verbum lautet schon im Kero wellan, bey dem Ottfried wolan, im Nieders. willen, im Angels. willan, bey dem Ulphilas wiljan, im Schwed. vilja, in den Slavonischen Mundarten wola, im Lat. velle, und selbst im Griechischen βουλομάι, ich will. Da der Begriff des Wollens sehr abstract ist, alle solche Wörter aber, der Natur der Sache nach, eine ursprüngliche sinnlichere Bedeutung gehabt haben, so scheinet das noch im Böhmischen übliche wolati, rufen, das Krainerische velim, ich heiße, befehle, und selbst unser fehlen in befehlen den mehr ursprünglichen Begriff aufzubewahren; indem das rufen, schreyen, denn doch die nächste Art ist, wodurch der rohe ungebildete Mensch sein Wollen ausdruckt.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 1607-1609.
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