Vorrede [zu Band 1]

Die Bemühungen unserer Schriftsteller, die Geistesbedürfnisse ihrer Zeitgenossen zu befriedigen, bieten dem Beobachter nicht selten einen auffallenden Contrast dar. Während man dem Publicum mit der größten Ueberredungskunst Bedürfnisse aufdringt, deren es sich nie bewußt war, und für welche es oft bloß der Ueberredung ein täuschendes Bewußtsein in demselben zu wecken gelingt, verkennt oder vernachlässigt man oft die wahren Bedürfnisse desselben, welche sich dem unbefangenen Auge ohne Mühe als solche ankündigen. Ein solches wahres, einem jeden in die Augen springendes und zur Zeit noch unbefriedigtes Bedürfniß für eine überaus große (ich darf sagen für die größte) Classe von Lesern scheint mir ein Buch zu sein, wie das gegenwärtige, dessen ersten Theil wir dem Publicum vorlegen, mit der Versicherung, demselben bald die übrigen folgen zu lassen.

[5] Vor dreißig, vierzig Jahren, als im Allgemeinen größten Theils nur eine gewisse Gattung von Kenntnissen, nehmlich die politischen, Gegenstand der Conversation war, mochte Hübners Zeitungs- und Conversations-Lexikon mehr als hinreichend sein, das erwähnte Bedürfniß zu befriedigen; allein zu einer Zeit, in welcher eine Menge Gegenstände aus den verschiedensten Wissenschaften in das gesellschaftliche Gespräch eingedrungen sind, hat sich der Begriff der Conversation mit dem Gebiete derselben gar sehr erweitert. Zu einer Zeit, in welcher ein allgemeineres Streben nach Geistesbildung, wenigstens nach dem Schein derselben (zu gleicher die Ursache und die Folge der immer mehr sich verbreitenden Annäherung der Geschlechter und Stände in ihren Begriffen an einander), das Weib wie den Mann, den Nichtgelehrten wie den Gelehrten in einen gemeinschaftlichen Conversations-Kreis führt, in welchem man gewisse gemeinschaftliche Begriffe und Kenntnisse bei einem jeden schon aus Höflichkeit voraussetzt, deren Mangel zwar nicht selten Staat findet, aber doch ohne Scham nie verrathen wird, zu einer solchen Zeit muß ohne [6] Zweifel ein dem gegenwärtigen Umfange der Conversation angemessenes Wörterbuch für dieselbe mehr als jemahls nothwendig und nützlich sein. – Mit der Conversation hält, wenigstens bei dem männlichen Geschlechte, die Lectüre gleichen Schritt; nur daß der Schriftsteller bei seinen Lesern noch mehr Begriffe voraussetzen zu dürfen glaubt, als es bei der Conversation der Fall ist.

Indem ich es versucht habe, durch gegenwärtige Erklärung der in das gemeine Leben übergegangenen wissenschaftlichen Kenntnisse und Begriffe die Theilnahme an einer lehrreichen Unterhaltung und zu gleicher Zeit die Benutzung schätzbarer Schriften zu erleichtern, haben mir im Allgemeinen folgende Grundsätze vorgeschwebt: erstlich, mit sorgfältiger Vermeidung der Einseitigkeit mich so viel als möglich über alle gemeinnützige Zweige des menschlichen Wissens zu verbreiten; zweitens aber, aus diesen verschiedenen Kenntnissen bloß das gemeininteressante heraus zu heben, wovon vorzüglich im gemeinen Leben die Rede ist. Dieser zweite Gesichtspunkt enthält zugleich die Ursache, warum ich aus einer Wissenschaft [7] mehr, aus der andern weniger Begriffe heraus gehoben habe.

Ich würde mir ohne Zweifel zu viel schmeicheln, wenn ich behaupten wollte, daß mir die Auswahl der gemeininteressanten Begriffe schon vollkommen geglückt sei; man wird vielleicht manchen Artikel in diesem Wörterbuche entbehrlich finden, manchen andern dagegen vermissen. Sollte mir aber diese Auswahl gegenwärtig nur einiger Maßen gelungen sein; so wird mich vielleicht ein fortgesetztes Nachdenken, verbunden mit dem Rathe unparteiischer Männer, in den Stand setzen, diesem Buche den Grad von Zweckmäßigkeit, der ihm zur Zeit noch abgeht, in der Folge zu ertheilen; alsdann würde dasselbe zu gleicher Zeit einen nicht unwichtigen Beitrag zu einem künftigen Gemählde der gesellschaftlichen Cultur unsrer Zeitgenossen enthalten.

Der Zweck eines solchen Wörterbuchs kann auf keinen Fall der sein, vollständige Kenntnisse zu gewähren; es wird vielmehr dieses Werk – welches eine Art von Schlüssel sein soll, um sich den Eingang in gebildete Zirkel und in den Sinn guter [8] Schriftsteller zu öffnen – aus den wichtigsten Kenntnissen, der Geographie, Geschichte, Mythologie, Philosophie, Naturlehre, den schönen Künsten und andern Wissenschaften, bloß diejenigen Kenntnisse enthalten, welche ein jeder als gebildeter Mensch wissen muß, wenn er an einer guten Conversation Theil nehmen oder ein Buch lesen will, wiefern gewisse wissenschaftliche Begriffe unter den Begriffen des gemeinen Lebens das Bürgerrecht erlangt haben.

Kann aber dieses Werk seinem Zwecke und Umfange nach weder vollständige noch systematische Kenntnisse gewähren, so wird es doch vielleicht bei mehrern den Reitz hervorbringen, sich solche Kenntnisse zu verschaffen. »Macht die Menschen nur erst neugierig, wenn ihr sie gelehrt machen wollt.« sagt Rousseau: dieses sehr wahre Wort scheint mir eine sehr gute Apologie für unsre Wörterbücher zu sein, welche zu verschreien jetzt eben so sehr zum Ton gehört, als sie zu schreiben; es sei auch eine Apologie für das meinige.

Nichts ist für den Menschen so interessant, nichts wird von ihm so allgemein dafür erkannt, als der Mensch selbst; dieses ist der Grund, weßwegen [9] die Gallerie merkwürdiger Menschen einen so großen Platz in diesem Werke behauptet. Was das Verhältniß dieser Artikel zu den übrigen und der verschiedenen Artikel unter einander betrifft, so muß ich zu demjenigen, was ich bereits im Allgemeinen gesagt, noch ins besondre folgendes hinzu setzen: Auf der einen Seite schien es mir nicht genug, daß eine Sache an sich lehrreich und wichtig sei, um derselben einen Platz in diesem Wörterbuche einzuräumen; es schien hierzu noch nöthig, daß sie das allgemeine Interesse auf sich ziehe, und einen Gegenstand der Conversation abgebe. Es ist nicht der Zweck dieses Buchs, den Kreis der gesellschaftlichen Begriffe zu erweitern (so eine nützliche Bemühung auch dieses an sich ist), sondern sich so sehr als möglich innerhalb desselben fest zu halten. Auf der andern Seite hat mich aber eben dieser Zweck veranlaßt, Personen und Dinge aufzunehmen, welche der Geist der Zeit interessant macht, wenn sie es auch weniger durch sich selbst sein sollten. Wenn Mercier von einem jeden Werke verlangt, daß man sogleich erkenne, in welchem Jahre dasselbe geschrieben sei, so ist dieses wenigstens bei einem solchen wie das gegenwärtige durchaus nothwendig. Nach diesem muß ich noch [10] etwas über diejenigen Artikel hinzu fügen, welche bloß Worterklärungen enthalten. Die Erklärung fremder, in unsre Sprache übergangener Wörter habe ich im Ganzen genommen um so eher übergehen zu dürfen geglaubt, da die meisten dieser Wörter so nationalisirt sind, daß sie nicht leicht einem von denen, welcher dieses Buch in die Hand nimmt, unbekannt sein dürften, überdieß viele durch das immer mehr überhand nehmende Streben nach Reinheit des Ausdrucks außer Umlauf gesetzt sind, endlich diejenigen, denen die Erklärung derselben ein Bedürfniß ist, diese Wörter in dem terminologisch-technischen Wörterbuche (Erfurt 1788, 8.) und in Roths gemeinnützigem Lexico bereits gesammelt finden. Indessen habe ich noch folgende Wörter aufnehmen zu müssen geglaubt: erstlich neuere in der Conversation und Lectüre vorkommende Wörter, welche weder in jenen Büchern vorkommen noch allgemein bekannt sind, z. B. amalgamiren; zweitens Wörter, deren Erklärung schon einige Auseinandersetzung von Begriffen fordert, z. B. absolut, abstract1[11] (wiewohl man die Erklärung dieser Wörter vielleicht richtiger unter die Sacherklärungen zählen könnte, so wie auch die Erklärung gewisser Kunstausdrücke); drittens einige, wenn auch sehr, doch nicht allgemein, bekannte Modewörter, in Rücksicht auf dem zweiten Titel, den der Herr Verleger diesem Buche zu geben gedenkt.

[12] Da der Leser, vermöge der Form dieses Werks und des daher oft entspringenden Zusammenhangs mehrerer Artikel unter einander, dasjenige, was er in dem einen Artikel sucht, nicht selten in einem andern finden dürfte; so werde ich für diejenigen Punkte, welche noch nicht hinreichend aus den Nachweisungen in dem Buche selbst erhellen sollten, ein eignes Register anhängen. Gewisse Punkte habe ich zur Zeit mit Fleiß nur kurz berührt, um sie in der Folge desto gründlicher zu behandeln. Dieses war z. B. der Fall bei den Assignaten, über welche sich zu der Zeit, als dieser Artikel gedruckt wurde, noch nicht dasjenige bestimmen ließ, was sich gegenwärtig davon sagen läßt, und was ich nun in dem Artikel Mandaten beibringen werde.

Was endlich die Ausführung der Artikel selbst betrifft, so hoffe ich, daß der aufmerksame Leser das Bestreben des Verfassers und derjenigen seiner Freunde, welche ihn bei diesem Werke unterstützt haben, so sehr als möglich aus den besten Quellen zu schöpfen, und zu gleicher Zeit nicht ohne eigne Beurtheilung dabei zu verfahren, nicht verkennen werde, wenn sie gleich diesem Bestreben – aus Mangel dieser oder jener Schrift oder ähnlichen [13] Ursachen – vielleicht nicht immer Genüge leisten konnten.

Das ganze Werk wird vier Theile in Octav ausmachen, die man bequem wird können in zwei Bände binden lassen, und welche binnen kurzen Zwischenräumen in einzelnen Abtheilungen erscheinen werden.

Um das schöne Geschlecht, welchem, vermöge seiner gegenwärtigen Verhältnisse, ein solches Werk nicht weniger willkommen sein muß als dem männlichen, insbesondere auf dasselbe aufmerksam zu machen, wird der Herr Verleger dasselbe auch unter dem Titel

Frauenzimmer-Lexikon zur Erleichterung der Conversation und Lectüre

ausgeben.


der Herausgeber.

1Und dieses um so mehr, da diese Wörter, welche doch so häufig vorkommen, in den genannten Wörterbüchern so seicht und verworren erklärt werden. Folgende Stellen aus Roths gemein. Lexico werden dieses Urtheil rechtfertigen: »absolut, absolüment, ohne alle Bedingung, Einschränkung. – abstracte Begriffe, abgezogene, metaphysische Begriffe. Abstraction, die, ist das Vermögen der Seele, die Schranken ihrer Kraft nach Belieben zu verändern, hier einzuziehen, dort auszudehnen, und dadurch auszurichten, was ihr sonst nicht möglich wäre. Abstraction, logische, in unsern Gedanken, wenn man eine Sache, welche sonst mit der Sache verknüpft ist, allein betrachtet. Abstractum, diejenige Idee, welche man durch eine logische Abstraction bekommt. abstrahiren, abziehen; von etwas abstehen, an etwas gewisses nicht denken.« – Auch minder schwere Wörter sind in dem Roth oft nicht scharf und genau erklärt, und es fehlt in der That noch an einem genauen und kritischen Wörterbuche der in das gemeine Leben übergegangenen fremden Wörter. Bei alle dem ist das Rothische Werk, als eine Sammlung und wenigstens einstweilige und ungefähre Erklärung von Ausdrücken und Kunstwörtern, in Ermangelung eines bessern oft von Nutzen. Es hat jedoch dieß Werk einen ganz andern Plan als das gegenwärtige, gegen welches gehalten es, wie der erste Anblick lehrt, bald zu viel bald zu wenig befaßt; eine Bemerkung, die mir nothwendig schien, um der möglichen Idee vorzubeugen, als mache das Rothische Werk das meinige überflüssig.
Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 1. Amsterdam 1809, S. 0,XIV14.
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