Schwärmerei

[153] Schwärmerei. Dieser Verirrung der Einbildungskraft ist zunächst das empfängliche, reizbare Gemüth ausgesetzt. Die Schwärmerei gestaltet die Gegenwart zu der seligen Insel der Zukunft. Alles um sich sucht sie mit den Ansichten und Gebilden ihrer Liebe, ihres Glücks und ihres Glaubens zu erfüllen. Seltene Töne und Klänge schallen aus ihren Zaubergärten. Unvergleichbare Gestalten und Wesen bewohnen und bevölkern ihre Sonnenauen.[153] Alles wird während dieser Krankheit des Vorstellungsvermögens vergrößert und möglich. – Doch dieses geistige Freudengelage nähert sich bald dem Ende. Der Rausch der Seele verfliegt. Die Wirklichkeit tritt näher und spricht eben so ernst als wahr: »jene Bilder sind Trug und jene Klänge nur Täuschung. Der Durst ist noch kein labender Trank und der lebhafte Wunsch noch keine Befriedigung.« – Nun erst merkt der Belehrte, daß er in einem gefährlichen Fieber lag und daß sein Herz an krankhaften Zuckungen litt. Mit Schauder gewahrt er das Leere und Vergebliche der Schwärmerei, – denn von vorgespiegelten Wonnen ließ sie ihm weder den Wiederschein, noch das Echo.

–t–

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 9. [o.O.] 1837, S. 153-154.
Lizenz:
Faksimiles:
153 | 154
Kategorien: