Volkelt, Johannes

[792] Volkelt, Johannes, geb. 1848 in Lipnik (Galizien), seit 1894 Prof. in Leipzig.

V., der von Kant, Hegel, Schopenhauer, v. Hartmann beeinflußt ist, vertritt einen kritischen Ideal-Realismus sowie eine kritische Metaphysik idealistisch-pantheistischen Charakters.

Die Erkenntnistheorie ist nach V. die Wissenschaft, welche sich »die Möglichkeit und Berechtigung des Erkennens in seinem vollen Umfange und von Grund aus« zum Problem macht. Sie ist die »Theorie der Gewißheit« und als solche voraussetzungslos. Sie beweist nicht, sondern zeigt das im Bewußtsein Vorhandene auf. Sie befolgt die »Methode der denkenden Selbstbetätigung des Bewußtseins«, und will das Bewußtsein dahin führen, daß es sich die unmittelbar in ihm enthaltenen Kriterien der objektiven Gewißheit zum Bewußtsein bringt. Das Erkennen ist »logische Bearbeitung von Erfahrungstatsachen«. Die Gesetzmäßigkeit des Denkens selbst und seiner Funktionen ist apriorisch, nicht durch die Erfahrung gegeben und nicht aus ihr entsprungen, sondern ursprünglich (erkenntnistheoretische und psychologische Apriorität). Die apriorischen psychischen Funktionen sind unbewußt (vgl. E. von Hartmann). Das Denken ist eine subjektive Tätigkeit, aber die Form der Erfahrung berechtigt uns, die Erfahrung zu transzendieren, so daß die Kategorien »transsubjektive« Geltung haben, Formen des unerfahrbaren Erkenntnisgegenstandes sind, welche das Denken als solche fordert. Denken ist eben nicht bloß eine »Verknüpfung der Vorstellungen mit dem Bewußtsein der logischen und sachlichen Notwendigkeit«, sondern ein »Postulieren transsubjektiver Bestimmungen«. Ein sachlicher überindividueller Zwang, eine Gewißheit, die sich als »transsubjektiver Befehl« ankündigt, liegt im Erkennen. Hier wirken die Selbstgewißheit des Bewußtseins und die Denknotwendigkeit zusammen, so daß das Denken zuletzt eine (»mystische«) »Glaubensgrundlage« hat. Alles, was außerhalb des erkennenden Bewußtseins liegt, ist »transsubjektiv«, wird durch den Umstand, daß es gedacht wird, keineswegs immanent, subjektiv. »Indem das Denken transsubjektiv gültige Bestimmungen ausspricht, zieht es ja nicht das Transsubjektive in seinen Bereich herein: es fordert nur, daß seine subjektiven Verknüpfungen für das Transsubjektive gelten. Das Denken bleibt also beim Erkennen des Transsubjektiven durchaus in und bei sich selbst, und[792] ebenso bleibt das Transsubjektive dort, wo es ist.« Ein »transsubjektives Minimum« ist unbedingt, zur Erklärung der Erfahrung zu fordern. Wir sind subjektiv gewiß, daß der Erfahrung etwas Unerfahrenes, ein an sich, zugrunde liegt. Die Empfindung bedeutet kein Abbild, sondern mit ihr haben wir zu gleich den Eindruck des Außenweltlichen. »Das Bewußtsein wird im Empfinden der Bewußtseinsjenseitigkeit seines Inhalts in unmittelbarer Weise inne.« »Das Bewußtsein spürt, indem es sich spürt, zugleich sein eigenes Jenseits.« Auf Grund der Erfahrung des Bewegungswiderstandes legen wir in die Außenwelt Kräfte hinein, die unserem Willen analog sind.

Die Metaphysik ist die hypothetische Wissenschaft von den allgemeinen Prinzipien des Wirklichen. Sie stößt zuletzt auf das Absolute, Unbedingte, Urbedingende, die Gottheit. Diese ist das unendliche All-Eine, die »eigene Substanz der Welt«, der Welt, die in ihr ist, immanent. Im Absoluten ist ein »Prinzip der Negation und Verkehrung« (vgl. Böhme, Schelling). »Einerseits ist die Welt in der Vernunft, im Sein-sollenden, im Positiven gegründet. Aber zugleich hat das ewig Vernünftige, Sein-sollende, Positive es ebenso ewig mit seinem Gegenteil zu schaffen, es leidet am Irrationellen, Nicht-sein-sollenden, Negativen, und es trägt das Gepräge dieses Leidens« (vgl. E. v. Hartmann). Das Absolute gleicht dem tragischen Helden, der in seinem eigenen Innern mit einer herabzerrenden Gegenmacht zu tun hat.

Die Ästhetik behandelt V. als psychologisch begründete, analytisch vorgehende Normwissenschaft, deren Hauptaufgabe in der Aufsuchung der für das individuell ausgereifte Gefühl des modernen Menschen geltenden »ästhetischen Normen« besteht. Schließlich muß aber die Metaphysik in metaphysische Betrachtungen auslaufen und fragen, ob es ein an sich der Schönheit gibt, ob die Welt auf Schönheit angelegt ist usw. Das Ästhetische gehört zum Geistigen, wenn es auch mit der Sinnlichkeit zusammenhängt (Bedeutung der Organ- und Bewegungsempfindungen). Das Ästhetische entbehrt auch nicht des Willens, nur ist dieser hier nicht praktischer Art, sondern auf das ästhetische Anschauen und Genießen gerichtet. Das ästhetische Urteil ist ein Wert- und zugleich ein Verständnisurteil. Am Ästhetischen sind beteiligt eine Lust der Einfühlung (»ästhetische Beseelung«), Lust am Menschlich-Bedeutungsvollen, Lust der Entlastung, Lust an Gliederung und Einheit. Der Form wie dem Gehalte nach gibt es vier ästhetische Grundnormen. Die Kunst, die nach V. mehr als Spiel ist, hat ihren Gegenstand im »Menschlich-Bedeutungsvollen«. Sie bietet den menschlich-bedeutungsvollen Weltinhalt dem reinen Schauen dar und bringt uns zugleich die Persönlichkeiten ihrer Schöpfer nahe. Sie erzeugt eine eigene Welt, deren Betrachtung uns belebt und zugleich entlastet. V. unter scheidet das Ästhetische der erfreuenden und der niederdrückenden Art, ferner die typische und die individualistische Form des Ästhetischen. Nach der vierten ästhetischen Norm muß ein Gegenstand, der einen ästhetisch befriedigenden Eindruck machen soll, auf uns als »organische Einheit« wirken. »Wir müssen den Eindruck haben, als ob dieses Mannigfaltige aus innerer Einheit hervorwüchse und die Einheit sich aus innerem Drang in diese Mannigfaltigkeit gliederte.« Setzt die Sinnenform dem Bedürfnis nach organischer[793] Einheit Schwierigkeiten und Hemmungen entgegen, welche überwunden werden müssen und insofern auch Unlust bereiten (»herbe Lust«), so ist dies das »Charakteristische«. Kommt hingegen der Eindruck der organischen Einheit leicht und mühelos Zustande, so liegt »reine Lust« vor und wir haben das »Schöne« vor uns. Es gibt ein Inhaltsschönes, Formschönes, Gattungsschönes. Diese ergeben zusammen das »Idealschöne«. Der Einfühlungsästhetik gemäß wird jede Gestalt als »Ausdruck seelischer Kraftentfaltung« angesehen. Dies gilt besonders vom Erhabenen, dessen Gehalt im Übermenschlichen, Übermäßigen, Übermächtigen liegt. Indem wir den übermächtigen Gehalt einfühlen, erleben wir zugleich eine Steigerung unseres Selbstgefühls. Elemente des Tragischen sind die Lust an der Erhebung, die Lust des Mitleids, der starken Erregung, die Lust an der künstlerischen Form. Es gibt ein Tragisches der befreienden und der niederdrückenden, abbiegenden und der erschöpfenden Art. Eine »Schuld« ist für das Tragische nicht wesentlich. Das Tragische spricht zu uns von dem »Angelegtsein der Welt auf Zerrüttung und Vernichtung des außerordentlichen Menschen«. Im Tragischen tritt uns die Welt nach ihrer »rätselhaft furchtbaren Seite« entgegen. »Die Große scheint die finstern Mächte gleichsam anzuziehen, sie heraufzubeschwören.« Eine gewisse pessimistische Grundstimmung gehört zum Wesen des Tragischen. Aber indem wir den untergehenden Helden seine Größe bewähren sehen, fühlen wir uns gekräftigt, befestigt, wir richten uns an dem Helden empor. Das Komische enthält subjektiv das Gefühl der Spannung, der Erleichterung und der spielenden Überlegenheit.

Schriften: Pantheismus und Individualismus, 1871. – Das Unbewußte und der Pessimismus, 1873. – Die Traumphantasie, 1875. – Der Symbolbegriff in der neuesten Ästhetik, 1876. – J. Kants Erkenntnistheorie, 1879. – Über d. Möglichkeit einer Metaphysik, 1884. – Erfahrung und Denken, 1886. – F. Grillparzer als Dichter des Tragischen, 1888. – Vorträge nur Einführ. in die Philos. der Gegenwart, 1892. – Ästhetische Zeitfragen, 1895. – Ästhetik des Tragischen, 1897; 2. A. 1906. – A. Schopenhauer, 1900; 2. A. 1907. (Frommanns Klass. d. Philos.). – Die Kunst des Individualisierens in d. Dichtung Jean Pauls, Haym-Festschrift, 1902. – System der Ästhetik I, 1905; II, 1910 (III. Bd. in Vorbereitung). – Die Quellen der menschlichen Gewißheit, 1906. – Zwischen Dichtung u. Philosophie, gesammelte Aufsätze, 1908. – Beiträge zur Analyse des Bewußtseins, Zeitschr. f. Philos. u. philos. Kritik, Bd. 112 u. 118 (Vgl. Bd. 102). – Erinnerungsgewißheit, l. c. 1908, u. andere Abhandlungen (Psychol. Streitfragen 1893; Zur Psychologie d. ästh. Beseelung, 1899; D. ästh. Gefühle; Der ästh. Wert d. niederen Sinne, 1902; Bedeut. d. niederen Empfindungen f. d. ästhet. Einfühlung, 1903; Die entwicklungsgeschichtl. Betrachtungsweise in d. Ästhetik, 1902; Die tragische Entladung der Affekte, u.a.).

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 792-794.
Lizenz:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Lessing, Gotthold Ephraim

Philotas. Ein Trauerspiel

Philotas. Ein Trauerspiel

Der junge Königssohn Philotas gerät während seines ersten militärischen Einsatzes in Gefangenschaft und befürchtet, dass er als Geisel seinen Vater erpressbar machen wird und der Krieg damit verloren wäre. Als er erfährt, dass umgekehrt auch Polytimet, der Sohn des feindlichen Königs Aridäus, gefangen genommen wurde, nimmt Philotas sich das Leben, um einen Austausch zu verhindern und seinem Vater den Kriegsgewinn zu ermöglichen. Lessing veröffentlichte das Trauerspiel um den unreifen Helden 1759 anonym.

32 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon