Elftes Kapitel
Vertrag über Helgoland und Sansibar

[621] Daß der Helgoländer Vertrag für uns ein Tauschgeschäft ist ähnlich dem zwischen Glaucus und Diomedes, ist jetzt das Urtheil nicht blos der Kreise, in welchen das Interesse an überseeischen Erwerbungen vorherrscht. In der amtlichen Rechtfertigung dieses Geschäftes ist der Ausgleich, welcher für das Augenmaß fehlt, mehr auf dem Gebiete der Imponderabilien, in der Pflege unserer Beziehungen zu England gesucht worden. Es ist dabei auf die Thatsache Bezug genommen worden, daß auch ich, während ich im Amte gewesen, hohen Werth auf diese Beziehungen gelegt hätte. Das ist ohne Zweifel richtig, aber ich habe an die Möglichkeit einer dauernden Sicherstellung derselben niemals geglaubt und niemals beabsichtigt, Opfer deutschen Besitzes für den Gewinn eines Wohlwollens zu bringen, welches die Dauer eines englischen Kabinetts zu überleben keine Aussicht hat. Die Politik einer jeden Großmacht wird immer wandelbar bleiben im Wandel der Ereignisse und der Interessen, aber die englische ist darüber hinaus von dem Wandel abhängig, welcher sich durchschnittlich alle 5 bis 10 Jahre in dem Personalbestande des Parlaments und des Ministeriums zu vollziehen pflegt. Mir lag die Aufgabe vor, zur Befestigung des uns wohlgesinnten Ministeriums Salisbury mitzuwirken,[621] soweit das durch sympathische Kundgebungen möglich war. Aber um das Wohlwollen oder den Fortbestand eines englischen Ministeriums durch dauernde Opfer erkaufen zu wollen, dazu sind dort die Kabinete zu kurzlebig, auch zu wenig abhängig von ihren Beziehungen zu Deutschland; die zu Frankreich und Rußland, selbst zu Italien und der Türkei fallen in der Regel für ein englisches Ministerium schwerer ins Gewicht.

Der Verzicht auf die Gleichberechtigung in der Handelsstadt Sansibar war aber ein dauerndes Opfer, für welches Helgoland kein Aequivalent gewährt. Der freie Verkehr mit jenem einzigen größeren Handelsplatze an der ostafrikanischen Küste war die Brücke für unsren Verkehr mit dem Festlande, die wir nach heutiger Lage weder entbehren noch verlegen können. Daß der Besitz dieser Brücke uns dermaleinst in ähnlicher Ausschließlichkeit zufallen würde, wie wir ihn den Engländern überliefert haben, habe ich nach den Fortschritten, welche der deutsche Einfluß in den letzten vier Jahren vor 1890 gemacht hatte, nicht für sicher, aber doch für wahrscheinlich genug gehalten, um ein derartiges Ziel in unsre politischen Zukunftspläne nicht als eine Nothwendigkeit, aber doch als eine des Bemühens werthe Möglichkeit aufzunehmen. Ich war dabei von der Ueberzeugung geleitet, daß die Freundschaft Englands für uns zwar von hohem Werthe, die Freundschaft Deutschlands für England aber unter Umständen von noch höherem sei. Wenn England, was nicht außerhalb der natürlichen Entwicklung der Politik liegt, von französischer Landung ernsthaft bedroht wäre, so kann ihm nur Deutschland helfen; ohne unsre Zulassung kann Frankreich auch eine momentane Ueberlegenheit zur See nicht gegen England ausnutzen, und Indien sowohl wie Constantinopel sind gegen russische Gefahren leichter an der polnischen Grenze wie an der afghanischen zu decken. Aehnliche Lagen wie die, in welcher Wellington bei Belle-Alliance sagte oder dachte: »Ich wollte, es wäre Abend oder die Preußen kämen«, können sich in der Entwicklung der großen europäischen Politik leichter wiederholen als die geschichtlichen Momente, aus denen uns die Bethätigung der englischen Freundschaft erinnerlich ist. Im siebenjährigen Kriege versagte dieselbe zu der Zeit, wo wir sie am dringendsten brauchten, und auf dem Wiener Congresse würde sie ihre Besieglung gemäß dem Vertrage mit Frankreich und Oesterreich vom 3. Januar 1815 gefunden haben, wenn nicht die Rückkehr Napoleons von Elba die Coulissen der politischen Bühne in überraschender Weise verschoben hätte. England gehört eben zu des[622] Geschickes Mächten, mit denen nicht nur kein ewiger Bund, sondern auch keine Sicherheit zu flechten ist, weil daselbst die Grundlage aller politischen Beziehungen wandelbarer ist als in allen andren Staaten, das Erzeugniß von Wahlen und daraus hervorgehenden Majoritäten. Nur ein zur Kenntniß des Parlaments gebrachter Staatsvertrag gewährt gegen plötzliche Wandlungen einige Sicherheit, und auch diese hat für meinen Glauben erheblich verloren seit der spitzfindigen Auslegung, welche der Vertrag über die Neutralität Luxemburgs vom 11. Mai 1867 von englischer Seite erfahren hat.

Wenn nun auch meines Erachtens die Freundschaft Deutschlands für den, welcher sie gewinnt, sichrer ist als die englische, so glaube ich doch auch, daß bei richtiger Leitung der deutschen Politik England früher in die Lage kommen wird, unsrer Freundschaft praktisch zu bedürfen, als wir der seinigen. Unter richtiger Leitung verstehe ich, daß wir die Pflege unserer Beziehungen zu Rußland nicht um deshalb aus den Augen verlieren, weil wir uns durch den gegenwärtigen Dreibund gegen russische Angriffe gedeckt fühlten. Auch wenn diese Deckung nach Festigkeit und Dauer unerschütterlich wäre, hätten wir doch kein Recht und kein Motiv, dem deutschen Volke für englische und österreichische Orient-Interessen die schweren und unfruchtbaren Lasten eines russischen Krieges näher zu rücken, als sie vermöge eigner deutscher Interessen und derer an der Integrität Oesterreichs uns stehen. Wir waren im Krimkriege der Zumuthung ausgesetzt, die Kriege Englands wie indische Vasallenfürsten zu führen. Ist das stärkere Deutsche Reich abhängiger, als damals Friedrich Wilhelm IV. sich erwies? Vielleicht nur gefälliger? aber auf Kosten des Reichs.

Die Neigung Caprivi's, für bedenkliche politische Maßregeln, die er ohne Zweifel auf höheren Befehl betrieben hat, mir die Verantwortlichkeit zuzuschieben, zeugt nicht gerade von politischer Ehrlichkeit, so der Versuch, den Vertrag über Sansibar meiner Initiative zuzuschreiben. Er sagte am 5. Februar 1891 im Reichstage (Stenographische Berichte S. 1331):

»Ich will noch auf einen Vorwurf eingehen, der uns wiederholt gemacht worden ist, nämlich den, daß Fürst Bismarck diese Abtretung schwerlich gemacht haben würde. Man hat die jetzige Regierung darin mit der vorigen verglichen, und der Vergleich fiel zu unserem Nachtheil aus. Nun würde ich ganz und gar ein pflichtvergessener Mensch sein, wenn ich, als ich in dieses Amt eintrat und solche Verhandlungen übernahm, mich nicht, selbst wenn[623] mein Vorgänger nicht der bedeutende Mann gewesen wäre, der er war, davon überzeugt hätte: Was sind denn für Vorgänge da, und was hatte denn die Regierung in der Sache vor, was hat sie für einen Standpunkt eingenommen? Das war ja eine ganz selbstverständliche Pflicht, und Sie können glauben, daß ich dieser Pflicht mit großem Eifer nachgegangen bin.«

Auf welche Weise er sich informiert hat, weiß ich nicht. Wenn es durch Actenlesen geschehen wäre, so hätte er nicht aus den Acten herauslesen können, daß ich den Sansibar-Vertrag angerathen hätte. Der Satz, daß England für uns wichtiger sei als Afrika, den ich übereilten und übertriebenen Kolonialprojekten gegenüber gelegentlich ausgesprochen habe, kann unter Umständen ebenso zutreffend sein wie der, daß Deutschland für England wichtiger als Ostafrika sei, er war es aber nicht zu der Zeit, als der Helgoländer Vertrag abgeschlossen wurde. Es war den Engländern gar nicht eingefallen, von uns den Verzicht auf Sansibar zu verlangen oder zu erwarten; im Gegentheil begann man in England sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß der deutsche Handel und Einfluß daselbst im Wachsen sei und schließlich die Herrschaft erlangen werde. Die Engländer in Sansibar selbst waren bei der ersten Nachricht von dem Vertrage überzeugt, daß sie irrthümlich sei, da nicht zu begreifen sei, weshalb wir eine solche Konzession hätten machen können. Der Fall, daß wir zwischen der Behauptung unseres afrikanischen Besitzstandes und einem Bruch mit England zu wählen hätten, lag nicht vor; und nicht das Bedürfniß, unsern Frieden mit England zu erhalten, sondern der Wunsch, Helgoland zu besitzen und England gefällig zu sein, erklären den Abschluß des Vertrages. Nun liegt in dem Besitze dieses Felsens eine Genugthuung für unsere nationalen Empfindungen, aber zugleich entweder eine Verminderung unserer nationalen Sicherheit gegen eine überlegene französische Flotte oder die Nöthigung, aus Helgoland ein Gibraltar zu machen. Bisher war dasselbe im Falle einer französischen Blockade unserer Küsten durch die englische Flagge gedeckt und konnte für die Franzosen kein Kohlendepot und Proviantmagazin werden. Das wird aber geschehn, wenn im nächsten französischen Kriege die Insel weder durch eine englische Flotte noch durch ausreichende Befestigungen geschützt ist. Auf diese Betrachtungen, die in der Presse laut geworden waren, sollte es wohl eine widerlegende Antwort sein, als Caprivi am 30. November 1891 im Reichstage sagte:

»England hat Bedürfnisse in manchen Welttheilen, hat Besitzungen[624] rund um den Erdball, und es möchte am Ende nicht ganz schwer geworden sein für England, ein Tauschobject zu finden, was ihm willkommen gewesen wäre und für das es wohl geneigt gewesen wäre die Insel fortzugeben. Ich möchte einmal den Entrüstungssturm – und in diesem Falle würde ich ihn für berechtigt gehalten haben – gesehen haben, wenn im Laufe von Jahr und Tag oder kurz vor Ausbruch eines künftigen Krieges die englische Flagge von Helgoland heruntergegangen und eine weniger nahestehende vor unseren Häfen erschienen wäre.«

Ob er wohl selbst daran geglaubt hat?

Bemerkenswerth ist ferner, daß in seiner Rede vom 5. Februar 1891 ein Widerspruch lag, welcher die Ueberzeugung des Redners von der Glaubwürdigkeit seiner Argumente in Zweifel stellt. Wenn er den Vertrag an sich und objectiv für nützlich gehalten hätte, so wäre er nicht der Versuchung ausgesetzt gewesen, die Verantwortlichkeit dafür durch gewagte Argumente auf seinen Vorgänger zu übertragen, so hätte er nicht nöthig gehabt, das Verdienst eines vortheilhaften Geschäftes mit mir theilen zu wollen, und zu diesem Zweck aus den Acten Aeußerungen von mir hervorzusuchen, die nach Zeit, Veranlassung, Zusammenhang und Bestimmung nicht die Tragweite haben, die ihnen beigelegt wird. In der Rede vom 30. November 1891 hat er nicht mehr das Bedürfniß, mir einen Theil der Verantwortlichkeit zuzuschieben; er erklärt: Dieses eine Jahr hat hingereicht, um zu zeigen, wie richtig wir gehandelt haben.

Quelle:
Bismarck, Otto Eduard Leopold: Gedanken und Erinnerungen. Stuttgart 1959, S. 621-625.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedanken und Erinnerungen
Gedanken und Erinnerungen 3 Bände in einem Band.
Gedanken und Erinnerungen
Gedanken und Erinnerungen
Gedanken und Erinnerungen
Gedanken und Erinnerungen

Buchempfehlung

Anselm von Canterbury

Warum Gott Mensch geworden

Warum Gott Mensch geworden

Anselm vertritt die Satisfaktionslehre, nach der der Tod Jesu ein nötiges Opfer war, um Gottes Ehrverletzung durch den Sündenfall des Menschen zu sühnen. Nur Gott selbst war groß genug, das Opfer den menschlichen Sündenfall überwiegen zu lassen, daher musste Gott Mensch werden und sündenlos sterben.

86 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon