2. Die Elegie

[151] Gewiß gab es in der Volks- und Religionspoesie populäre alte Formen verschiedener Art300, aber bis ungefähr 700 v. Chr. war die einzige Kunstform, in welche sich alles schmiegte, der Hexameter, dem sich ja auch Hesiod unterordnete; derselbe war die Form der Betrachtung und der subjektiv lyrischen Empfindung so gut als der Erzählung.

Langsam entstanden die neuen Formen; aber die Griechen hielten dafür das Vorzügliche künstlerisch fest. So war es mit den beiden Gattungen der Fall, die sich nun fast zugleich erhoben, der Elegie und dem Iambus. Jene, der wir uns nun zuwenden, hatte zur Voraussetzung, daß sich mit dem Hexameter sein wunderbares Gegenspiel, der Pentameter301, zusammenfand zu derjenigen Verbindung, welche »Elegeion« hieß, hienach erhielt dann das ganze Gedicht den Namen »Elegeia«302; denn man benannte die Gattungen der Poesie gerne nach der metrischen Form und überhaupt nach der äußern Gestalt; diese Formen aber wurden, sobald man einmal die Wahl zwischen mehreren hatte, mit feinster Rücksicht auf die Art der betreffenden Empfindung und den Zustand der Seele gewählt.

Zur Elegie gehörte – d.h. wenn man sie sang und nicht bloß rezitierte – immer und ausschließlich die Flöte (vgl. oben S. 131 f.); als die eigentliche Stelle für ihren Vortrag gilt (vielleicht etwas zu ausschließlich) das Gastmahl, zumal dessen letzter Teil, der Komos303. Ihr Inhalt ist jede erregte Stimmung und ja nicht etwa nur Klage oder vollends Liebesklage. Die Ereignisse und Zustände der Gegenwart wecken in dem Dichter bald Hoffnung, bald Furcht und bestimmen ihn zu Vorwürfen oder Ratschlägen; es ist unnütz, eine Einteilung in kriegerische, politische, sympotische, erotische, threnetische und gnomische Elegie vorzunehmen – sie ist eben je nach der Stimmung dies alles. Das Erhaltene hat vorwiegend paränetischen Charakter, zum bloßen Gnomischen leicht gedämpft; diese Dichtung spricht schön und bequem, nicht großartig abrupt, wie die spätern lyrischen Formen.

[151] Gleich von Anfang an haben wir Reste von sehr bedeutender Art übrig: den schönen Aufruf des Kallinos zur Tapferkeit und die »Gesetzlichkeit« sowie die »Mahnungen« des Tyrtäos. Es sind dies Gedichte von großer typischer Wirkung, bestimmt, auf Feldzügen abends im Lager nach dem Päan durch einen besonders geschickten Krieger vorgetragen zu werden, der dafür eine größere Portion Fleisch bekommen mochte304. Noch jetzt erregen die Aufrufe zum Heldentod in der Schlacht unser Gemüt, so wenig sympathisch uns Tyrtäos durch seinen Eintritt in den Dienst Spartas ist. Dieser ist im Grunde die lebendige, vom Staate gewollte und herbeigerufene, bei den Syssitien beständig rezitierte Paränese in Person. Der Lakonismus gestattete keine sogenannte patriotische Beredsamkeit, dafür aber diese gewissermaßen patentierte Elegie. – Kriegszeiten besangen auch die Elegien des Archilochos, von denen sehr schöne Fragmente erhalten sind, darunter das ionisch leichtsinnige Urbild des horazischen, »relicta non bene parmula« (Fr. 6). Daneben kommt auch die Freude des Gelages und der Liebe und die Trauer um Verstorbene zum Ausdruck; eine Elegie wie die auf die im Meere untergegangenen Freunde (9) wurde wohl etwa beim Leichenmahl vorgetragen; von einem Threnos ist sie wohl zu unterscheiden. – Als dann Ionien den Lydern unterlag, nahm diese eminent ionische Dichtungsart mehr die Wendung zum Genuß und zur Liebe. Diesen Übergang bezeichnet Mimnermos (630-600 v. Chr.), der neben der kriegerischen besonders die erotische Elegie pflegte. In den von ihm erhaltenen Fragmenten überwiegt die wehmütige Betrachtung der Kürze und Hinfälligkeit des Lebens so, daß man an den Koheleth erinnert wird; es sind Aufforderungen zur Freude mit dem dunklen Hintergrund der Unsicherheit. – Später legt Solon alle Seiten seines bewegten Lebens in die Elegie hinein, vor und nach seiner Gesetzgebung, in den verschiedensten Tönen, des Aufrufs, der Warnung, der Betrachtung und der Freude. Es ist zuzugeben, daß er in seinen »Mahnungen« nach schönem Anfang zum Teil recht weitschweifig und prosaisch ist; allein er ist doch von einem schönen Zuge beseelt, und man sieht in ihm einen Mann, der sich seine Aufgabe klar und richtig gestellt hat. Seine klagend paränetische und des Kallinos und Tyrtäos politische und kriegerische Elegie ist das einzige, was bei den Griechen Berührung mit den jüdischen Propheten hat; nur hat sie keine Stelle wie Jesajas 60 aufzuweisen: diesen einen, aber mächtigen Ton hat die Theokratie vor der Polis voraus.

Ein rätselhafter Dichter ist Theognis von Megara (um 500 v. Chr.). Manches in den etwa 1400 von ihm erhaltenen Versen ist fragmentarisch,[152] und daß die Sachen in richtiger Ordnung stehen, ist nicht zu behaupten; doch ist auch mit Umstellungen, wie sie Welcker versucht hat, nicht zu helfen, und in vielen Fällen wird man sich sagen, daß das betreffende Stück von Anfang an nur als kurzer Spruch gedichtet und kein Fragment sei. Solche Gedichte lesen sich nur eben fragmentarisch, ähnlich wie Hesiods Werke und Tage, und die Erklärung für die Kürze liegt oft darin, daß die satte Lebensbitterkeit, die in einem oder zwei Distichen hinlänglich zu Worte kommt, dem Theognis den möglichen elegischen Faden abschneidet. Dieser ist von Grund aus, selbst wo er mahnt, mehr gnomisch (Wahrnehmungen zusammenfassend) als paränetisch305; seine Paränese überschreitet selten den Ton des Hesiod; nur das eigentlich Paränetische aber kann ins Lyrische übergehen. Sein höchster paränetischer Ton ist das an sich selber gerichtete »Ertrage!« (1029). Da er mit Ausnahme der wenigen sympotischen Stücke fast nirgends momentan ist, keinen Augenblick und keine Situation verherrlicht oder verschrecklicht, ist auch seine Paränese meist allgemein und kalt.

Die politisierenden Stücke sind zum Teil in ihrem Ton sichtlich dem Solon verwandt; eigentlich elegisch sind zunächst (am Anfang) einige Proömien an Götter, welche wohl Anfänge von Elegien sein könnten; sodann die schwermutsvollen Eifersuchtsanreden an seinen jüngern Freund Kyrnos, welche man schon als Episteln bezeichnen könnte, wie denn überhaupt aus der Elegie, sobald der Angeredete nicht mehr als anwesend gedacht ist, und vollends wenn kein Leidenschaftsverhältnis zu ihm obwaltet, die poetische Epistel wie von selbst entsteht. Schön elegisch ist z.B. (374) der Vorwurf an Zeus wegen gleicher Behandlung der Guten und der Bösen; eine Meldung, daß der Feind im Anzug sei (549), könnte der Anfang einer Kriegselegie sein und ist echt momentan, energisch spricht sich (599, vgl. 811) der Abscheu gegen einen verräterischen Freund aus, hier hat die Entrüstung den Vers gemacht, und gut ist auch der Glückwunsch zur Seefahrt (691). – Die sympotischen Stücke sind zum Teil wohl wirkliche Anreden bei Gelagen. Wir erinnern an das Gedicht, wo er sich als betrunken bekennt (503), und an das, wo er den Mittelweg zwischen dem Nichts und dem Allzuviel sucht (837), ferner an die Sachen aus der Zeit des Perserkrieges, z.B. die Gebete um Rettung der megarischen Gemütlichkeit (757, vgl. 773), die Anrede an den Wein (873), das Weingeschenk (879), die Entschuldigung (939), den Entschluß zum Wohlleben, solange es hält (983), den Vorschlag zur Pause beim Gelage (997), die Reihe von Distichen (1037 ff.). Dagegen nicht momentan sind die Gedichte, wo er über Symposiengesellschaft spricht (295, 309, 497);[153] auch in der längern Elegie an Simonides (467) gibt er gute Lehren über Symposien. Ebenso sind die kurzen Gedichte an Klearistos (511) und an Simonides (667) keine Ansprachen beim Symposion, sondern eher poetische Episteln. – Eine der stärksten momentanen Bitterkeiten ist die Stelle (1197), wo er den Vogelsang vernimmt, der den Landmann zum Pflügen ruft, und sich dabei an den verlorenen Landbesitz erinnert. – Die Erotika (von 1231 an) sind zum Teil ganz gewiß von ihm und wirklich Fragmente von Elegien, auch wohl zum Teil ganze Elegien; jedenfalls ist das meiste alt und von den ähnlichen Gedichten der Anthologie verschieden.

Schön ist die sympotische Elegie, die Xenophanes für ein Opfer mit Gelage verfaßt hat, von wo er nur wünscht, daß jeder noch ohne Hilfe heimkomme. Merkwürdig für diese Art von Elegie als solche sind die Reden, die er sich ausbittet. Xenophanes war überhaupt einer der ersten, die gegen den Mythus polemisierten, und so verlangt er denn auch hier, daß man nur Edles (ἐσϑλά), nämlich Gespräche über Trefflichkeit vorbringe und nicht Titanen-, Giganten- und Kentaurenschlachten, die »Lügen (πλάσματα) der Alten«, oder Erinnerungen an heftige Zwistigkeiten, d.h. Politik, woran nichts Gutes sei306. In einem Fragment verurteilt er dann auch die Überschätzung der Athletik auf Kosten der »Weisheit«. – Völlig sympotisch sind die Fragmente des Ion, deren zweites an einem Proklidenmahl rezitiert zu sein scheint307, sowie die rätselhaften Fragmente des Dionysios Chalkus308. – Mit Kritias309 dagegen kommt dann die Aufzählung als rhetorische Verfälschung der Poesie auf, was sie im ältern Epos nicht war; er führt eine Anzahl von Erfindungen nach Gegenden an, um zuletzt zu sagen, die Siegerin von Marathon (Athen) sei die Erfinderin des Tongeschirrs, des Kindes von Scheibe, Ton und Kamin. Kann man hier noch an einen Hohn auf die sonstige hohe Einbildung der Athener denken, so findet sich dagegen die helle Prosa in dem Stück über die Mäßigkeit der Spartaner im Weingenuß, wobei gerühmt wird, wie sie das Vortrinken und das systematische Herumgehen des Trinkens vermeiden, was dem Leibe sehr nützlich sei usw. Sehr viel schöner ist das in Hexametern verfaßte Fragment des Kritias über Anakreon; aber die innere Notwendigkeit der Elegie mochte schon damals im Schwinden sein. Einen Teil ihres Inhalts entzog ihr gewiß die Epistel und das Epigramm, zu dem wir schon bei Theognis den Übergang finden, und das[154] Gnomische konnte auf Hexameter und Distichon verzichten, da es längst inzwischen den Iambus erhalten hatte, zumal in dessen späterer, dramatisch-sententiöser Ausprägung bei Euripides und in der neuern Komödie.

Lauter Aufzählung zum Ersatz für den fehlenden innern Drang fand sich denn auch bei Antimachos, und zwar in der berühmten Elegie auf seine verstorbene Geliebte Lyde, wo alles mögliche mythische Unglück zusammengestellt war310, – als ob darin ein großer Trost läge. Mit Krates311 spätestens meldet sich dann die Parodie; erhalten ist eine solche auf die Elegien Solons; der nämliche parodierte aber auch in einem Gedichte, wo er seine Begegnung mit verschiedenen Philosophen erzählt, die homerische Nekyia. – Ein wahrer Alexandriner – ante vel paulo post Alexandriam conditam – ist ferner (der vor 302 v. Chr. verstorbene) Hermesianax mit seinen drei Büchern Elegien auf Leontion312; wenigstens enthalten die erhaltenen hundert Verse lauter Literaturgeschichte der bisherigen Liebesdichter. – Von den eigentlichen Alexandrinern erwähnen wir Alexander von Ätolien, einen Dichter der tragischen Pleiade, dessen elegische Fragmente in sehr dunklem Ton gehalten sind313, und den für uns nur durch kleine (wenn auch viele) Fragmente repräsentierten Kallimachos314, für den Ovid bekanntlich das Wort hat: Quamvis ingenio non valet, arte valet. Als Kunstimitation lebte die Elegie freilich in Alexandria wieder auf, ein echtes Leben gaben ihr aber doch erst die Römer wieder, zu deren innerstem Wesen sie paßte; Tibull und Properz dichten wieder individuell und momentan, und wenn sie auch von den Alexandrinern gelernt haben, so ist das Originale bei ihnen doch außer allem Zweifel; ihre außerordentliche Kraft hatten sie von ihrer Nation, nicht von Hellas her.[155]


Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1957, Band 7, S. CLI151-CLVI156.
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