Erster Abschnitt. Die Griechen und ihr Mythus

Das hochbegabte Volk, welches wir die Griechen nennen, betrat den Boden, der ihm gehören sollte, vielleicht sehr allmählich, in Gestalt einer Vielheit von Stämmen, ähnlich wie Germanen, Slaven und Kelten, Keltiberer und Italier, nur auf noch engrem Raum als diese. Was für Bewohner sie antrafen, werden wir vielleicht genauer durch die Erforschung der prähistorischen Denkmäler erfahren. Schon Strabo (VII, 7) und Pausanias (I, 41, 8) waren beiläufig einmal der Meinung, daß Hellas einst ganz oder beinahe ganz von Barbaren bewohnt gewesen sei1.

Mit der Zeit erhoben sich inmitten dieser Griechenstämme die Hellenen als herrschender Name. Wer es irgend vermochte, schloß sich ihnen an und gehörte zu ihnen, während nahe ursprüngliche Verwandte, wie Leleger, Karer, Dardaner, Dryoper, Kaukonen, Pelasger als Halbbarbaren ausgeschieden wurden und allmählich in Splitter gingen oder gänzlich verschwanden, schon weil niemand mehr gerne zu ihnen gerechnet sein wollte2.

Vielleicht nimmt man diesen Hergang zu feierlich. Waren die Hellenen ein höchst aktiver, auch physisch, kriegerisch, religiös bevorzugter Teil der Nation? Oder kam die Herrschaft dieses Namens mehr zufällig zu Stande? Im XV. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bekamen die Eidsgenossen am Fuße der Alpen den Namen Schweizer, bloß weil in einem langen Kriege die Schwyzer im Vordergrunde der Parteiung gestanden hatten. Gab es für die Hellenen irgend welche Gründe, die sich anschließen Wollenden nicht abzuweisen? Gaben sie sich diesen Namen selbst, oder erhielten sie ihn durch Fremde? Es scheint ein früherer Gesamtname vorhanden gewesen zu sein, die Gräken, welcher dann bei den Römern weiter klingt; genügte derselbe nicht mehr? und weshalb nicht? Lauter Fragen,[15] auf welche wir keine Antwort wissen. Sicher ist nur, daß der Name Hellas in den frühesten Erwähnungen zwei nördliche Gaue, die thessalische Phthiotis und (laut Aristoteles) die Umgegend des epirotischen Dodona bezeichnet, dann aber auf ganz Thessalien, weiter auf Alles nördlich vom Isthmus, endlich auf den Peloponnes und die Inseln ausgedehnt wird, bis zuletzt das Wort Hellenen alle Nichtbarbaren bedeutet3.

Außerordentlich dunkel ist dann wieder das Auseinandergehen der Hellenen selbst in die berühmten vier Stämme. Von den Namen derselben hat nämlich einer, die Aeoler, sehr wahrscheinlichA1 auch als Gesamtname der Nation gedient, und ein anderer, die Achäer, besitzt offenkundig diesen Umfang bei Homer, während die beiden übrigen, die Dorer und Ionier, nie etwas anderes als Teilnamen gewesen sind4, welche im Verlauf der Zeit einen höchst inhaltsreichen Gegensatz von Sitte, Denkweise und Sprache bedeuten. Ohne allen Wert und völlig irrig in der Koordination ist vollends die bekannte Stammtafel, wonach Hellens Söhne Aeolos, Doros und Xuthos, und des Xuthos Söhne Ion und Achäos gewesen wären. Dies führt uns auf einige besondere Schwierigkeiten der griechischen Ethnographie.


In der Tradition stellt sich die frühere griechische Zeit wie lauter Wanderung dar; ein Stamm schiebt den andern weg und setzt sich an dessen Stelle, bis ihm durch einen dritten Ähnliches widerfährt, ein Prozeß, der viele Jahrhunderte gedauert haben kann. Erst die sogenannte dorische Wanderung im XI. Jahrhundert brachte dann diejenige Lage und Verteilung des Volkes hervor, welche die dauernde wurde; es war jene (aus einer leidlich feststehenden Vulgata bekannte) Reihenfolge von StößenA2, durch welche Thessalier, Böotier, Dorer, Aetoler, Achäer, Ionier u.a. neue Heimatlande auf beiden Seiten des ägäischen Meeres erhielten, neue Staaten gegründet wurden und einzelne alte verschwanden. Daß oft ein Wechsel aller Dinge mit diesen Wanderungen verbunden gewesen, läßt sich schon schließen aus den doppelten, ja mehrfachen Namen so vieler Örtlichkeiten; es hieß dann etwa: der frühere Name stamme aus der Sprache der Götter, einmal aber, bei einer berühmten Insel, ist auch der neue Name göttlichen Ursprungs: »Einst nannten die ewigen Götter diejenige[16] Insel Abantis, welche nun Zeus von einem Rinde Euboia nannte5.« Die nach einander angelangten Völkerschichten scheinen die Örtlichkeiten von selbst neu benannt zu haben.

Gewiß enthalten die Wandersagen der ältern, vor der dorischen Wanderung gelegenen Zeit eine Menge geschichtlicher Tatsachen, die uns jedoch kaum mehr als solche zu gute kommen, weil sie trümmerhaft, chronologisch isoliert erzählt werden, so daß man Älteres und Urältestes nicht mehr unterscheiden und die Bewegungen der Stämme nicht mehr verfolgen kann. Auch wird vielleicht, was rasche Eroberung und was langsames, Jahrhunderte währendes Vorschieben gewesen ist, in denselben Ausdrücken erzählt. Wohl scheinen die reichlich vorkommenden Genealogien der Herrscherhäuser einen Anhalt zu gewähren für die Schicksale und Bewegungen der Stämme, bis man endlich inne wird, wie man mit dieser Aushilfe daran ist.

Denn dieses Alles hat zunächst der Mythus dicht in seinen schimmernden Duft eingehüllt, in welchem er so viel Tellurisches und Kosmisches, so viele Religion und Poesie, so viele unbewußte Weltbetrachtung und aufsummiertes Erlebnis mit beherbergt. Die Bilder, welche aus diesem Ganzen aufstiegen, wurden als das der fernen Vorzeit Entsprechende festgehalten, doch sehr frei und zwanglos. Die stärksten Varianten und Widersprüche, unvermeidlich bei so verschiedenem Ursprung der Dinge, stören die Nation nicht. Dazu kommt aber eine aushelfende freie Fiktion, namentlich in genealogischen Dingen. Frühe wie späte Autoren, auch wenn sie Anspruch auf genaue Erzählung zu machen scheinen, sind und bleiben nicht nur Zöglinge des Mythus und schauen die Dinge mit mythischen Augen, sondern sie fingieren und ergänzen auf eine Art und Weise weiter, welche der ganzen neuern Welt völlig fremd ist.

Bis zu einem gewissen Grade hatte man ein Bewußtsein von dieser Lage der Dinge. Die Tradition, ursprünglich in den Händen der Rhapsoden und Theogoniendichter, war dann in diejenigen der Logographen geraten, jener Sammler von Orts- und Stammsagen, von welchen Thukydides (I, 21) meint, sie hätten geschrieben mehr für Annehmlichkeit des Hörens als nach der Wahrheit. Später heißt es bei Strabo (VIII, 3): »Die alten Schriftsteller sagen Vieles, das nicht geschehen ist, indem sie mit der Lüge aufgewachsen sind vermöge des Aufzeichnens von Mythen.« Er sagt es bei Anlaß des vielleicht wichtigsten jener Logographen, des[17] Hekatäos von Milet; dieser aber, ein halbes Jahrtausend vor Strabo, hatte selber geschrieben: »Die Griechen haben viele und lächerliche Berichte.« – Ephoros, der erste, welcher (im IV. Jahrh. v. Chr.) eine allgemeine Geschichte der Griechen in Verbindung mit derjenigen des Auslandes wagte, wird wohl seine guten Gründe gehabt haben, erst mit der dorischen Wanderung zu beginnen.

Zunächst muß von einer allgemeinen Voraussetzung die Rede sein, welche den griechischen Gesichtskreis völlig beherrschte. So höchst wahrscheinlich die Griechen von außen in ihr Land gekommen sind – mag man sich ihre letzten vorherigen Wohnsitze im Kaukasus, in Kleinasien oder in Europa vorstellen – so völlig hatte man im Volk jede Ahnung hievon verloren. Diejenigen Wanderungen, von welchen man noch etwas zu wissen glaubte, waren nicht von außen her geschehen, sondern auf griechischem Grund und Boden vor sich gegangen; die anerkannten Ausnahmen aber (Kadmos, Pelops, Danaos u.a.) betrafen nur Fürstenhäuser, nicht Bevölkerungen6. Während nun die ganze Nation sich für eine Urbevölkerung, für autochthon hielt, machten einige griechische Stämme sich noch einen ganz besonderen Ruhm daraus, an der nämlichen Stelle zu wohnen, wo mit ihnen einst das Menschengeschlecht entstanden wäre. Mag auch αὐτόχϑων, γηγενής7 (uransässig, bodenentsprossen) bisweilen nur ein negativer Ausdruck sein, um anzudeuten, daß man über einen bestimmten Menschen hinaus nichts Früheres mehr wisse, mag es hie und da sogar nur die Nicht-Flüchlinge bezeichnen, welche bei dem ewigen Wandern, Vertriebenwerden, Flüchten wegen Totschlages u. dgl. in der mythischen Zeit fast in Minderheit sind, – allzu viele und starke Aussagen beweisen, daß es in der Regel wörtlich genommen und als Ruhmestitel betrachtet wurde. Vom ersten Menschen und König von Arkadien sang schon ein sehr alter Dichter (Asios): »Den göttergleichen Pelasgos ließ in hochwaldigen Gebirgen die dunkle Erde emporsteigen, damit ein Geschlecht von Sterblichen vorhanden sei8.« Auf dem menschenleeren[18] Ägina läßt Zeus auf Bitten des Aeakos Menschen aus dem Boden heraufkommen oder Ameisen sich in Menschen verwandeln; auf Rhodos wohnte zuerst ein autochthones Volk unter dem Herrscherhaus der Heliaden9; vollends war das Volk von Attika stolz auf seine Autochthonie, und hier lernen wir auch den symbolischen Ausdruck dafür kennen: Kekrops – laut derjenigen Auffassung, welche ihn nicht als Ägypter, sondern als Eingebornen betrachtete, – ging unten in einen Schlangenleib aus10. Von der Entstehung des Menschengeschlechtes hatten die Griechen sehr verschiedene Ansichten, aber jedenfalls war dasselbe im Lande selbst entstanden. Wenn die spätere Ansicht galt, wonach Prometheus die Menschen aus Lehm bildete, so lagen ja noch Blöcke von diesem Lehm, sogar wie Menschenhaut riechend, bei Panopeus in Phokis11 zu Tage; stammten aber die Menschen von den Göttern, so hatten die Griechen ja auch die Geburtsorte dieser Götter, ihre Mythen, die Gigantenkämpfe, die großen alten Naturkrisen und endlich die Flutsage in ihrem eigenen Lande beisammen, das Meiste sogar in mehrern Landschaften besonders lokalisiert. Mit der Flutsage aber war jedenfalls die zweite Menschenschöpfung – durch Deukalion und Pyrrha – als einheimisches Ereignis gesichert.

Im Lande selbst hatte das Menschengeschlecht auch diejenigen Hilfsmittel des Lebens empfangen, welche man besonders gerne Gaben der Götter zu nennen pflegte, und zwar, wie man glaubte, überhaupt zuerst, vor andern Völkern. Der Weinbau stammte aus Theben12; das Beschneiden der Reben war in Nauplia einem Esel abgelernt worden, welcher die Schößlinge fraß, worauf die Reben besser trugen13; vor allem aber erhob Attika Ansprüche auf den frühesten Besitz der wichtigsten Pflanzen. Die rharische Ebene bei Eleusis, mit Tenne und Altar des Triptolemos, war das früheste Saatfeld auf Erden; auf der Akropolis zu Athen lebte noch spät der heilige Ölbaum, welchen Pallas geschenkt; am heiligen Wege nach Eleusis zeigte man noch die Stelle, wo Demeter, von Phytalos gastlich aufgenommen, zum Danke die erste Feige wachsen ließ; im Demos Acharnai, wo Dionysos Kissos verehrt wurde, wuchs der erste Epheu, und vielleicht sogar die Bohnen waren im Lande autochthon14.

Auch von den Erfindungen15 waren einige auf griechischem Boden[19] selbst daheim; die Argo war das früheste Schiff, das auf den Fluten ging; in Alesiai bei Sparta hatte Myles (der Müller), Sohn des ersten Herrschers Lelex, die früheste Mühle16, und die Athener rühmten sich sogar, sie hätten die Menschen gelehrt Feuer anzuzünden17; im allgemeinen jedoch fügt man sich in Griechenland ohne Beschwerde darein, daß Dinge, welche irgendwie an menschliche Mühsal, an das Banausische erinnern, vom Ausland entlehnt seien, im stärksten Gegensatz zu der jetzigen Welt, welche industrielle Erfindungen zum höchsten Stolz derjenigen Völker rechnet, die darauf Anspruch haben und über Prioritäten dieser Art ernsthaft zu streiten im Stande ist.

So gaben die Griechen zu, daß Tyrsenos, der Lyder, die Trompete erfunden, daß Schild und Helm18 und Streitwagen und Geometrie aus Ägypten, die Gewandung der Pallasbilder aus Libyen, die Buchstabenschrift aus Phönizien, die Sonnenuhr und die Zwölfteilung des Tages aus Babylon zu ihnen gekommen sei19. Wenn man nur das Zentrum der Welt war und den »Nabel der Erde« auf eigenem heiligen Boden im Tempel von Delphi vorzeigen konnte20.

Was dann die Wanderungen betrifft, so ist die mythische Ausdrucksweise im einzelnen Fall oft ganz durchsichtig. Wenn eine Erbtochter an einen fremden Königssohn kommt, der sich etwa durch einen Sieg legitimieren muß, wie Pelops, oder wenn eine solche durch Poseidon geschwängert wird, und dann ihr Sohn weiterherrscht, so läßt sich ein Wechsel der Dynastie oder des herrschenden Volkes, im letzteren Falle durch Eindringen vom Meere her, leicht erraten. Verwandtschaft zweier Bevölkerungen wird symbolisiert durch das Weiterströmen eines Flusses unter dem Meere hindurch und sein Auftauchen als Quelle in einem andern Lande; das weltbekannte Beispiel des peloponnesischen Alpheios und der Quelle Arethusa auf der Insel Ortygia zu Syrakus ist nicht das Einzige, und Pausanias, welcher (II, 5, 2) deren mehrere aufzählt, scheint auch an der physischen Möglichkeit nicht zu zweifeln. Der Stolz auf den Besitz trefflichen Bodens, der Hohn auf den minder gut versehenen, als dumm geltenden Nachbarstamm drückt sich aus in Sagen vom Erwerb des[20] Gebietes durch siegreichen Betrug; noch bei der dorischen Wanderung hatten die mitgezogenen Aetoler sich ein besseres Stück (Elis) zu sichern gewußt, als die Dorer irgend bekamen, und unter den Dorern selbst sollte Kresphontes sein fruchtbareres Gebiet (Messenien) den Spartanern gegenüber durch Arglist beim Lose gewonnen haben. Auch durch Zweikampf der beiderseitigen Anführer wäre laut einer herrschenden Anschauung über den Besitz eines Gebietes entschieden worden: »sie traten vor zur Monomachie,« heißt es, »nach einer alten Sitte der Hellenen21.« Echt volkstümlich gedacht ist es dann, wenn die Lieblingswaffe des einen Volkes den Sieg über die des andern davonträgt. Gegen einander standen Pyraichmes, der Aetoler, und Degmenos, der Epeier; letzterer, als Bogenschütze, gedachte durch den Fernschuß leicht über den Aetoler als Hopliten zu siegen, dieser aber kam mit einer Schleuder und einem Sack voll Steine; denn vor kurzem war durch die Aetoler die Schleuder erfunden worden, und diese trug weiter als der Bogen; Degmenos fiel, und die Aetoler behaupteten das Land und vertrieben die Epeier. – Der häufigste Ausdruck für den Anspruch, den man auf ein Land erhebt, besteht darin, daß man eine Erdscholle des betreffenden Bodens sich hat schenken lassen oder hat erwerben können. Allein in ihrer chronologischen Vereinzelung stückweise vorgetragen, ergeben solche Sagen wenige Resultate.

Auch die Personifikation von Stämmen in Heroen kann scheinbar keine Schwierigkeiten machen, indem der naive Sinn nur Individuen als Urheber von Taten kennt. Es stört uns auch nicht, wenn wir der festen Überzeugung begegnen, daß das Volk nach dem Heros benannt sei und nicht umgekehrt, und daß jede Polis nach dem allgemeinen Glauben eine Gründung gehabt haben und nach einem Gründer heißen muß22. Bei näherer Prüfung findet man jedoch die Sache weniger einfach, insofern nicht nur ein Stamm, sondern auch das Örtliche, ein Fluß, ein Gebirge, eine ganze Gegend in den Geschlechtstafeln als Persönlichkeit auftritt23.[21] Vollends aber geben zu denken die zahlreichen Heroennamen, welche Sachen bedeuten, die irgendwie in das Schicksal des Landes eingegriffen haben, mögen es einzelne Handlungen oder Beschäftigungen oder Arten des Wohnens sein. Freilich, wenn Apoikos (der Kolonist), Teos kolonisiert, wenn Paralos und Aigialeus (beides: Küstenbewohner) Klazomenä und die Küste von Sikyon bevölkern, so wird man auf eine ganz späte Erdichtung raten; aber schon der alte Herodot (V, 68) meint, das Volk der Aigialeer heiße nach jenem Helden so, während es doch ganz gewiß mitsamt dem Helden seinen Namen von der Küste (αἰγιαλός) hatte. Was die Griechen für Etymologen waren, ist weltbekannt, und der vorliegende Fall ist leicht zu durchschauen; ganz etwas Ähnliches ist, daß Pausanias (VIII, 26, 1) das arkadische Heräa von einem Gründer Heräeus ableitet, es mag sich noch so laut als Stadt der Hera zu erkennen geben. Wie leicht aber mögen die Griechen aus wirklich uralten, vorgefundenen Namen irgend etwas herausgehört haben, das erst durch unbewußte Umbildung derselben hineingekommen war, bis man z.B. glaubte, Kureten seien so viel als Geschorene, Akarnanen dagegen Ungeschorene24? Über eine Etymologie war das Altertum vielleicht wirklich im klaren: der große Theseus ist der »Feststeller«, und man hat seinen Namen immer irgendwie von τίϑημι abgeleitet. Anderes können wir gerne preisgeben, wenn z.B. der erste König des später durch die Wettkämpfe bei Olympia so berühmten elischen Landes Aethlios (Kampfpreismann) geheißen haben soll, wenn aus Nauplia (Schiffszufahrt) ein König Nauplios entsteht, und wenn vollends aus der delphischen Amphiktyonie (Umwohnerschaft) ein ganz unmöglicher Heros Amphiktyon erwächst.

Wären nun die vielen Namen – gleichviel welchen Ursprunges – wenigstens durchschnittlich in einer ernst gemeinten genealogischen Folge überliefert, so würden sie Urkunden sein für das, was man über Abstammungen und Wanderungen dachte. Allein neben den bekannten, durch bestimmte Lebensereignisse charakterisierten Personen der heroischen Zeit treten in den Genealogien ganze Scharen auf, welche nur um ihres Namens willen vorhanden sind, und bald meldet sich die Überzeugung, daß man einer schrankenlosen Willkür, ja einer völligen Gleichgültigkeit gegen das Geschehene, einer ungescheuten Fiktion gegenüber stehe. Ließe man auch z.B. bei Apollodor die großen Stammtafeln des ersten Buches als wirkliches Excerpt, als Niederschlag der epischen Dichtung passieren, so gibt es bei ihm andere Tabellen, wie (III, 12) die des Herrscherhauses von Troja, (III, 10) die der Tyndariden u.a.m., in welchen die Namen, zum Teil bloße Örtlichkeiten (Gegenden, Flüsse, Gebirge)25[22] augenscheinlich aufs Geratewohl gruppiert sind, und auf-, ab- und seitwärts ebensogut in einer ganz andern Ordnung stehen könnten, und eben dasselbe gilt auch öfter von Diodor und von Pausanias, z.B. von seiner großen arkadischen Stammtafel (VIII, 3, 1)26. Bei Konon (c. 10) und bei Parthenios (c. 6) wird z.B. der Mythus von der Pallene so erzählt, daß eine beliebige Anzahl von Örtlichkeiten der berühmten Halbinsel dieses Namens und ihrer Umgebung irgendwie als handelnde Menschen darin auftreten27. Schon beim ersten Anblick wird man darauf verzichten, in den hier vorkommenden Verwandtschaftsgraden, in Sohnschaft, Geschwisterschaft, Enkelschaft ein wirkliches Früher oder Später oder Nebeneinander von Stämmen, eine wirkliche Zeitfolge der Gründung der als Personen genannten Städte ausgesprochen zu finden, und auch in den hier vorkommenden Gegnerschaften wird man kaum hie und da einen wirklichen alten Gegensatz erkennen wollen. Lücken des Zusammenhanges sind oft sichtbarlich mit den liederlichsten Füllstücken ausgeflickt, welchen man die bloße Ausrede ansieht. Wenn z.B. Kreter, als Erstlinge dem Gotte geweiht, nach Delphi gesandt werden, von dort aber sich nach Japygien aufmachen, so wird zwischenhinein bemerkt, sie hätten eben in Delphi kein Auskommen gehabt28. Wenn eine mythische Frau ihrem Heros davongeht und in einem anderen Lande eine neue Linie gründet, so heißt es, sie habe den Mann verlassen »wegen Unverträglichkeit des Charakters.« Wie laut einer späteren Sage Danaos seinen mordberüchtigten Töchtern dennoch Männer verschafft habe, ist bei Pausanias (III, 12, 2) nachzulesen. Die Stadt Kyrnos auf dem karischen Chersonnes ist von dem gleichnamigen argivischen Heros nur deshalb gegründet, weil derselbe, von König Inachos von Argos zur Aufspürung von dessen verlorener Tochter Io ausgesandt, dieselbe nicht auffinden konnte und sich daher nicht mehr nach Hause getraute29.

Vielleicht wird man das massenhafte willkürliche Genealogisieren gerne auf müßige, nachalexandrinische Skribenten, ja auf ganz späte Fälscher beschränken wollen. Allein dieselben hatten erlauchte Vorgänger. Wie frischweg improvisiert Aeschylus in den Schutzflehenden[23] (V. 312 ff.) folgende Stammtafel30: von Zeus und Io stammte Epaphos, von diesem Libye, von dieser Belos, von diesem Danaos und Aegyptos31. Und im Grunde hat es schon die alte epische Dichtung nicht genauer genommen. Bei wie vielen Helden der Ilias wird rasch eine Abstammung miterzählt, welcher man das Extemporieren deutlich anhört. Man wird nun einsehen, weshalb oben die Anordnung sogar der Stammtafel Hellens und seiner Söhne nicht ernst genommen worden ist. Die Genealogie ist für die moderne Zeit eine mühsame kritische Arbeit, für die Griechen war sie ein Vergnügen und vernachlässigte selbst die mythischen Tiere nicht, wie man denn32 überzeugt war, daß das krommyonische Schwein, welches von Theseus erlegt wurde, die Mutter des kalydonischen Ebers gewesen.

Es war aber auch nicht bei allen alten Völkern so, wie bei den Griechen. Die Stammtafel im zehnten Kapitel der Genesis – mag sie hebräische oder eher entlehnte phönizische Kunde enthalten – ist das Ergebnis der ernsthaftesten Anstrengung, in Einer Übersicht Alles zu vereinigen, was man über Zusammenhänge der Völker irgend ermitteln konnte. Wie deutlich ist Babel als Ausgangspunkt für Ninive, Sidons höheres Alter gegenüber den Binnenvölkchen, der nahe oder fernere, mit Gunst oder Abgunst betrachtete Verwandschaftsgrad der Nachkommen Abrahams ausgesprochen; wie drängt sich das Gefühl auf, daß man es mit einem Aktenstück zu tun habe!

Gewiß ist kein Name zu viel darin. Für die Griechen dagegen hatte, schon abgesehen von aller Genealogie, das Improvisieren und Rezitieren einer Fülle von Namen einen großen, unabhängigen Reiz, wovon später einmal die Rede sein soll. Das Aufzählen, heute wie das Genealogisieren der ernsten, mühsamen Wissenschaft zugewiesen, erfüllt die epischen und theogonischen Dichter mit Wonne, und wer sich diese Tatsache recht gegenwärtig hält, wird nicht nur die Stammtafeln eines Apollodor dem größten Teile nach auf sich beruhen lassen, sondern vielleicht sogar den Schiffskatalog im zweiten Gesang der Ilias nicht mehr so ganz ernsthaft[24] nehmen. Und neben diesem Allem ist doch gewiß nicht zu leugnen, daß hie und da alte Königsreihen und Genealogien erhalten waren, welche buchstäbliche Wahrheit enthielten.

Bekanntlich suchten die spätern Griechen ihrem mythischen Altertum auch chronologisch beizukommen, und da viele Leute von Göttern und Heroen abzustammen glaubten, mochte irgend eine Berechnung der Urzeiten sehr erwünscht sein; die Stammtafeln aber waren wohl oder übel noch vorhanden und Hekatäos von Milet glaubte z.B. im sechzehnten Glied von einem Gott abzustammen33. Allein in Griechenland war keine Kaste von Alters her für die Chronologie verantwortlich gewesen; das Schreiben blieb lange rar, und das bürgerliche Jahr war überall verschieden und oft sehr ungenau berechnet; was man dann über den Beginn der Olympiadenrechnung (776 v. Chr.) aufwärts34 mit Hilfe von alten Verzeichnissen der argivischen Herapriesterinnen, der Könige und Archonten von Athen, Sikyon, Argos usw. ermitteln konnte, mag wenig sicher gewesen sein. Da fand sich eine ergänzende Aushilfe, indem man nach Generationen rechnete, und auf diesem heroischen Wege wird wohl Herodot zu seiner Annahme (II, 145) gelangt sein, daß Dionysos 1600, Herakles 900, Pan (als Sohn des Hermes und der Penelope) 800 Jahre vor ihm gelebt haben möchten. (Er rechnete die Generation (II, 142) zu etwa 35 Jahren35, obwohl ihm ein Beispiel (1, 7) bekannt war, da eine Reihe von 22 Generationen nur einen Durchschnitt von ungefähr 23 Jahren ergeben hatte). Es machte ihm keine Sorge, mythische Erzeugungen, welche ja oft nur eine Hülle für das Verhältnis von Ursache und Wirkung, jedenfalls aber etwas außer aller Rechnung Liegendes sind, mit der durchschnittlichen Dauer eines Menschengeschlechts in Verbindung zu bringen36. Ein anderes Beispiel, aus welchem man den Humor dieser Angelegenheit kennen lernen mag, bietet etwa Isokrates in seiner Rede »Busiris« (§ 8. 36f.), wo er einen Gegner heruntermacht mit dem chronologischen Beweise, daß Herakles den Busiris nicht könne getötet haben, indem Herakles vier Generationen jünger, Busiris dagegen überA3 200 Jahre älter gewesen als Perseus. Wir wissen jetzt, daß Herakles[25] ein göttliches Wesen und Busiris ein bloßes Schreckgebilde der griechischen Phantasie war. Isokrates dagegen zermalmt seinen Widersacher mit den Worten: »Aber dir ist nichts an der Wahrheit gelegen, sondern du folgtestA4 den Lästerungen der Dichter.« – Immer von neuem muß man gegen den naheliegenden Irrtum ankämpfen, als müßte ein so gescheites Volk wie die Griechen auch etwas wie Kritik gehabt haben. Wohl hingen sie mit dem größten Eifer an dem Einzelnen und Lokalen der Urzeit, aber ihr antiquarischer Sinn hat es über den mythischen Gesichtskreis nicht weit hinausgebracht.

Mit Hilfsmitteln und Methoden dieser Art scheint dann, etwa um die Mitte des III. Jahrhunderts v. Chr., die sogenannte parische Marmorchronik zu Stande gekommen zu sein, das Unternehmen eines gelehrten Privatmannes, worin von Deukalion an eine große Reihe rein mythischer Ereignisse und Personen, mit Jahrzahlen versehen, auftreten: Ares und Poseidon vor dem Areopag, Kadmos in Theben, die Danaiden in Griechenland, Erichthonios, Minos, Demeter und Triptolemos als Lehrer des Ackerbaues usw. Nicht sehr viel später berechnete dann Eratosthenes in seiner Chronographie wenigstens das Jahr der Einnahme von Ilion, welches bekanntlich nach seiner Annahme auf 1184 v. Chr. herauskommt, nebst einigen anderen Hauptdaten bis auf den Beginn der Olympiadenrechnung. Auch er wird selbst bei seinem mäßigen Ziel an der Zeitbestimmung nach Generationen schwerlich vorbeigekommen sein, und Andere zählten die Jahre seit Trojas Fall beträchtlich anders.

Für alle alte Kunde hatte man immer nur den Mythus und dessen Stimme: das Epos, die wissenschaftliche Kalamität begann später damit, daß man dies nicht anerkennen wollte und den Homer durchaus als Urkunde behandelte, auch gegenüber von jeder anderweitigen alten ethnographischen Aussage. Eine solche muß entweder vor ihm weichen oder mit ihm in Einklang gebracht werden. Strabo, welcher beständig homerisiert und vom nachhomerischen Zeitalter bis auf die Perserkriege so Weniges meldet, legt einmal (IX, 5) die sonstige Ur-Ethnographie von Thessalien mit der Herrschaft Achills, wie sie bei Homer vorausgesetzt wird, nach Kräften durcheinander; man wird vorzüglich bei ihm (vgl. VII, 3 und VIII, 3) inne, wie stark die Überzeugung von Homers Genauigkeit war, wie jedes Städtchen die Ambition hatte, in der Ilias als ἐϋκτίμενον πτολίεϑρον (wohlgegründete Stadt) erwähnt zu sein, und wie man den Dichter etwa auch korrigierte, bis er bekannte, was man haben wollte. Wer unter den Antiquaren ganz besonders dem Homer folgte, hieß dann wie mit einem Ehrentitel ὁμηρικώτερος (homerischer).[26] Endlich wurden auf das Unbefangenste eine Anzahl Ereignisse, die in der mythischen Zeit nicht mehr unterzubringen waren, an deren offiziellen Schluß angeheftet, nämlich an die νόστοι, die Sagen von den Irrfahrten der Helden nach der Einnahme von Troja; waren doch nicht bloß Odysseus und Diomed, sondern auch Menelaos, Kalchas und von den Troern Aeneas und Antenor noch weit in der Welt herumgekommen, so daß ihnen noch manche Städtegründung zugeschrieben werden konnte. Uralte Verbreitung griechischen Volkstums an italischen und asiatischen Küsten war unleugbar, der Mythus aber war der große allgemeine geistige Lebensgrund der Nation, und an ihm keinen Teil zu haben galt, wie es scheint, als ein Unglück. So wurde Diomed der Herr des adriatischen Meeres, wie Achill der des Pontus (ποντάρχης), und wo man sonst keinen Rat wußte, da mußte einst Herakles, »der Herr des Westens37« angekehrt sein. Gerade in solchen Außenlanden war dann der Heroenkult ein überaus eifriger.

Und bei den Dichtern begehrt auch die Geographie eine mythische zu bleiben, während bereits exakte Länderkunde in reichlichem Maße vorhanden ist. Nachdem der Pontus längst von griechischen Kolonien gewimmelt, und schon nahe an der Zeit des Herodot und der meisterhaften Ethnographie von Sizilien bei Thukydides (VI, 2f.) bietet Aeschylos im Prometheus noch die wunderbarste Fabelgeographie, die echteste mythische Traumwelt. Dieselbe schöne Fabel, welche in ganz Griechenland Gebirge, Täler und Küsten mit ihren Gestalten und Geschichten belebte, schuf auch das Bild der Außenvölker, anzufangen mit jenen Amazonen, welche mit Antiope, Hippolyte und Penthesilea auch in das Leben der hellenischen Heroen so wundersam eingreifen. Gerade diesen herrlichen oder schauerlichen Außenrand ihrer Welt haben sich die Griechen am längsten nicht wollen nehmen lassen.

Wie fraglich es auch mit dem eigentlichen Wissen von der Urzeit bestellt sein mochte, der Mythus als eine gewaltige Macht beherrschte das griechische Leben und schwebte über demselben wie eine nahe, herrliche Erscheinung38. Er leuchtete in die ganze griechische Gegenwart hinein, überall und bis in späte Zeiten, als wäre er eine noch gar nicht[27] ferne Vergangenheit, während er im Grunde das Schauen und Tun der Nation selbst in höherm Abbilde darstellte.

Auch andere Nationen haben ein ähnliches Abbild ihrer selbst in Gestalt ihrer Götter- und Heroendichtung besessen. Ob Inder, Perser und Germanen einst ebenso innig oder noch inniger zu ihrem Mythus standen, mögen Kenner entscheiden; vielleicht haben die großen herrschenden Orthodoxien des Orients und Ägyptens, welche lauter Folgen späterer Entwicklungen sind, mancher alten Götter- und Heldensage das Leben geraubt, ja die Phantasie des Volkes im Wesentlichen auf das Märchen reduziert, und jedenfalls genossen die Griechen ganz besondere Vorteile. Sie waren noch beinahe im ersten Stadium ihrer Geschichte; es war noch keine große Katastrophe über eine bereits entwickelte Kultur bei ihnen ergangen; keine Völkerwanderung – denn die Wanderungen, von welchen wir wissen, vollzogen sich innerhalb des Volkes selbst; keine Mischung, welche ein älteres Leben gebrochen und dessen Andenken verdunkelt hätte; keine Religionskrise, welche eine Systematisierung des Glaubens, eine Orthodoxie würde herbeigeführt haben; endlich keine weltliche Knechtung. Dazu das merkwürdige Glück, daß der hellenische Mythus, in völlig naiver Zeit geboren, doch in seiner reichsten Vollständigkeit in eine schreibende und dann sogar in eine sehr literarische Zeit hineinreichte und in großer Fülle fixiert werden konnte.

In Platos Timäus (p. 22, a) sagt der hochbejahrte saitische Priester zu Solon: »ihr Hellenen seid immer Knaben, es gibt keinen Hellenen, der ein Greis wäre, ihr seid alle jung an der Seele, weil ihr keine urtümliche Kunde, keine alte Lehre, kein altersgraues Wissen besitzet.« Es ist völlig richtig, daß die Griechen statt gelehrter Kunde und gelehrten Wissens, womit die Ägypter heimgesucht waren, ein wirkliches Mitleben ihrer Vorzeitgenossen, wie kaum ein anderes Volk. Später natürlich, als auch sie eine wissenschaftliche Nation geworden waren, wurde der Mythus auch bei ihnen eine Sache der Gelehrsamkeit und der Kontroverse und lebte als eine zweite Geschichte fort; man stritt darum, wie dieser und jener Heros verwandt gewesen, und wer wen im Kampfe erlegt habe, und verglich die Varianten; noch die spätesten Scholiasten wie Eustathios, Tzetzes usw. scheiden bessere und geringere Autoritäten. Und die Römer, welche den griechischen Mythus wie eine ihnen geschenkte Welt übernommen hatten, memorierten daran im Schweiße ihres Angesichtes und beluden ihre Poesie damit; Kaiser Tiberius, zwischen Ernst und Hohn, vexierte seine Grammatiker mit wissenschaftlichen Fragen39 wie folgende: wer war die Mutter der Hecuba? wie hieß[28] Achill unter den Mädchen auf Skyros? Was pflegten die Sirenen zu singen? Tiberius hätte übrigens einen nicht viel jüngeren Zeitgenossen finden können, der ihm kaum eine Antwort schuldig geblieben wäre; Ptolemäus Hephästion40 behauptet fünf Namen zu wissen, welche Achill auf Skyros geführt, ferner die Namen der Mentoren des Odysseus, Achill, Patroklos usw. und noch vieles Andere dieser Art. In den ganz späten Zeiten, da man die Gestalten des Mythus nicht mehr auf der Szene sah und kaum mehr malte und meißelte, ja zur Zeit des herrschenden Christentums, beschäftigte sich damit die gelehrte Poesie eines Nonnos, und vollends hat die Schulrhetorik dies Substrat gar nicht aus den Händen lassen wollen. Parallelen des Ruhmes werden gezogen z.B. zwischen Odysseus und Nestor; Lob- und Tadelreden auf sie werden losgelassen; Rechtshändel werden für und gegen Gestalten des Mythus geführt, pathetische Deklamationen in entscheidenden Augenblicken ihnen in den Mund gelegt; wir vernehmen, was Kassandra sagen würde beim Einzug des hölzernen Rosses in Troja, oder Agamemnon im Moment seiner Ermordung, Herakles beim Besteigen des Scheiterhaufens, Menelaos bei der Nachricht vom Tode seines Bruders u. dgl. m.41 Wie aber die Volksphantasie noch unter den Kaisern bei irgend einem Anlaß in mythische Wallung geraten konnte, erhellt aus einer Geschichte, welche Pausanias (I, 35, 6) als Zeitgenosse erzählt. Zu Temenu Thyrai im obern Lydien wurde ein Hügel durch Regengüsse zerwühlt, und es kamen Gebeine zum Vorschein, der Form nach von menschlicher Bildung, aber im Maßstab größer; sofort verbreitete sich die Rede unter der Menge, die Leiche sei die des Geryones, Sohns des Chrysaor, und ihm gehöre auch der Thron, denn es fand sich dort an der Felsstirn eines Berges ein Thron gearbeitet; und nun sollte auch der dortige reißende Strom der Okeanos sein; auch hieß es, Einige hätten beim Pflügen Rindshörner gefunden, Geryones aber hatte vorzügliche Rinder aufgezogen. Pausanias warf den Leuten ein, Geryones gehöre nach Gadeira, und die lydischen Ortsexegeten machten geltend, der Tote sei Hyllos, der Sohn der Gäa; nach diesem heiße ja der Fluß, den man schon Okeanos nennen wollte, und schon Herakles habe, wegen seines Aufenthaltes bei der Lydierin Omphale, nach dem Fluß seinen Sohn Hyllos genannt.

[29] Lassen wir diese zum Teil wunderlichen Proben von der Lebenszähigkeit des Mythus; seine volle und glänzende Herrschaft übte er in der Blütezeit der Griechen, ja man könnte sagen, daß letztere ungefähr so lange auf ihrer Höhe bleibt, bis die Abwendung vom Mythus beginnt. Mit ihrem Mythus hatten sie ihre Jugend verteidigt.

In diesen früheren Zeiten sind die Griechen a priori mythisch gesinnt; sie scheinen eben erst aus dem Traume ihrer Fabelwelt zu erwachen. Unsere Absicht in Betreff unserer Vorzeit geht immer auf das Exakte, woran ihnen so gar nichts gelegen war, weil die Gegenstände nicht als außer ihnen liegende gewußt werden mußten, sondern geschaut wurden und insgeheim die Schöpfung des schauenden Volkes selber waren; daher die Freiheit der Auffassung, indem Jeder sah, so weit seine Augen trugen.

Stark muß die Herrschaft des Mythus auch durch die Polis als Lebensform der Nation und durch die Aöden gefördert worden sein. In den deutschen Bevölkerungen, wie sie sich nach der Völkerwanderung befestigt hatten, mag wohl neben dem Götterglauben und neben der jeweiligen Stammsage, auch eine dunkle Heldensage als imaginäre Geschichte der Nation bis zu einem gewissen Grade die Geister beherrscht haben, und deren Hauptgestalt war wohl Dietrich von Bern. Auch hier mögen Sänger die Hauptvermittler gewesen sein und auf den Schlössern des Adels schon früh verkehrt haben. Allein ländliche Bevölkerungen, wie diese fast ohne Ausnahme waren, tragen dergleichen nicht elastisch weiter wie die städtischen der Poleis, sondern sie begnügen sich mit der allgemeinen Anregung der Phantasie, welche vom Bilde großer Gestalten und fabelhafter Zustände ausgeht. Bei den Griechen dagegen sind die Zuhörer bereits sehr vorherrschend städtische Bevölkerungen, und – wie man wird zugeben müssen – begabt mit einer abnormen Anlage für das Aufnehmen und Weiterbilden des Vernommenen, sowie mit der Kraft und dem Willen, sich permanent damit zu beschäftigen, und diese waren dasjenige Publikum, das für die Kunst der Aöden den richtigen Boden abgeben konnte. Ohne die Aöden aber wäre die Verbreitung derjenigen Sagen, welche jetzt die allgemein griechischen wurden, nicht denkbar. Die örtlichen Stadtmythen, wie sie in Verbindung mit alten Tempelkulten vorlagen, hätten sich wohl auch von selbst behauptet, schwer aber würde es sich ohne die Sänger erklären lassen, daß Argofahrt, kalydonische Jagd, Oedipodie bei gar keinem oder nur minimem historischem Kern für alle Griechen gleichmäßig zu historischen Vorgängen wurden, und zwar zu solchen, für die man sich bei weitem stärker und länger interessiert hat als für alles später wirklich Geschehene, und daß eine nicht zu alte Gesamterinnerung der Nation, der Krieg von Ilion, die Basis, den unteren Abschluß dieser gesamten Gestaltenwelt abgeben[30] konnte. Dazu, daß der Nation alle historischen Persönlichkeiten viel gleichgültiger und weniger bekannt waren als Theseus, Meleager, Pelops, die Atriden usw. mag freilich der Umstand beigetragen haben, daß eine historische Persönlichkeit nur Einer von allen andern gehaßten Polis angehörte. Aber dies galt ja im Grunde auch von den meisten mythischen Personen, und dennoch wurden sie allbekannt durch den epischen Gesang.

Und nun wurde Jahrhunderte hindurch, während der ganzen Zeit der sogenannten Zykliker, das Gewonnene vervollständigt und umgebildet; d.h. wo sich irgend wirkliche Geschichte hätte emporrichten mögen, wurde sie niedergerungen durch die fortwachsende Sage resp. Erfindung, welche allmählich jede Ritze verstopfte, durch welche das Exakte hätte eindringen können. Und auch das Tatsächliche, was sich behauptete, wurde nur im Geiste des Mythus geschaut und weiter berichtet; auch, was Geschichte war, geriet unter die Gesetze einer lange Zeit nur mündlichen, nur poetischen Überlieferung. Wo eine echte Genealogie überliefert war, ist sie umsponnen und in kritischen Mißkredit versetzt durch massenhaft ersonnene Genealogien, oft nur das Werk später Ortsantiquare; ebenso eine echte ethnographische Kunde durch reine Fabelvölker, wie z.B. die Kentauren und Lapithen42, und um die fabelhafte Ethnographie und Geographie festzuhalten, geschieht das Mögliche. So ist denn im Grunde das Erstaunliche nicht sowohl, daß der Mythus sich gegen die Geschichte, sondern, daß er sich gegen sich selbst behauptete, d.h. daß Mythen nicht beständig wieder durch andere Mythen verdrängt wurden, mit anderen Worten, daß ein Consensus möglich wurde, und daß die Aöden da müssen angeknüpft haben, wo ein Vorgänger begonnen, resp. aufgehört hatte.

Der Mythus ist eine allgemeine Voraussetzung des griechischen Daseins. Die ganze Kultur samt allem Tun und Lassen war noch die alte, ursprüngliche, nur allmählich weiter gebildet. Von zahlreichen Formen des Lebens kannte man noch den mythischen oder heiligen Ursprung und fühlte sich demselben noch sehr nahe. Das ganze griechische Menschengeschlecht hielt sich für den Erben und Rechtsnachfolger der Heroenzeit; erlittenes Unrecht aus der Urzeit wird noch spät vergolten43; Herodot beginnt seine Erzählung vom großen Kampf des Westens und Ostens mit der Entführung der Io, und der Perserkrieg ist eine Fortsetzung des Trojanischen. Ja, als später (396 v. Chr.) Agesilaos sich wieder zum Kampfe gegen Persien erhob, fuhr er ohne weitern Anlaß nach[31] Aulis, nur um dort ein feierliches Agamemnonsopfer zu bringen, wobei er freilich durch einen Überfall thebanischer Reiter aufs Ärgerlichste gestört wurde. Verdienste der Vorfahren aus der Urzeit werden in offizieller Verhandlung geltend gemacht; vor der Schlacht bei Platää rühmen sich die Athener44, indem sie den Vorstreit vor den Tegeaten begehren, ganz unbefangen damit, daß sie einst die Herakliden beschützt, die Amazonen besiegt, die sieben gegen Theben gezogenen Heroen bestattet, im trojanischen Krieg tapfer gekämpft, und erst ganz zuletzt, daß sie auch die Schlacht von Marathon gewonnen. Daß die athenischen Grabreden auf gefallene Mannschaften solche Themata immer von Neuem vorbrachten, versteht sich von selbst; nur Perikles in seiner Bestattungsrede hat es gewagt, diese mythischen Verdienste wegzulassen und sich bloß auf die noch wirkenden Kräfte Athens zu berufen. Noch beträchtlich später, im IV. Jahrhundert, machten die Pisaten »mythische und alte Beweise« dafür geltend45, daß die Abhaltung des olympischen Festes ihnen und nicht den Eliern gehöre; damals erhob sich (unter Epaminondas) Theben in erneutem »Selbstgefühl wegen der Auszeichnung der Vorfahren in den heroischen Zeiten46« und nicht lange hernach bewies Philomelos das alte Eigentumsrecht der Phokier auf Delphi aus zwei homerischen Versen47. In jener Zeit sandten einst die Athener, erbost über das Bündnis von Theben mit Argos, zu einem Tage nach Arkadien den Redner Kallistratos, welcher nun jenen beiden Städten den Oedipus und Orestes zum Vorwurf machte; da stand Epaminondas auf und sagte: »Wir geben zu, daß bei uns ein Vater- und in Argos ein Muttermörder gewesen ist, wir haben aber beide vertrieben und die Athener sie aufgenommen48!« Noch vor dem tiberianischen Senat verteidigten die kleinasiatischen Tempel ihre Asylrechte49 mit den urältesten Erinnerungen, und das Artemision von Ephesos ließ geltend machen: in seinem Hain seien die Kinder der Leto zur Welt gekommen; später habe sich dort Apoll vor dem Zorne des Zeus geborgen; in diesen Räumen habe der siegreiche Dionysos die Amazonen begnadigt; durch Herakles als Sieger über Lydien sei dann der Tempeldienst herrlicher geworden. Als die Megarer dem großen Alexander das Bürgerrecht zudekretierten, lachte er; sie aber sagten: sie hätten es bisher Niemandem geschenkt als dem Herakles50. Auch die Spartaner beriefen sich auf diesen ihren Stammheros und dessen Söhne, die Herakliden, im Kriege wie bei Staatsbeschlüssen51. Alte Trachten und Gebräuche[32] genießen einen wahren Schutz, indem man sich auf deren mythischen Ursprung beruft52.

Wie ernst es mit dieser Art von Überlieferung genommen wurde, erhellt daraus, daß noch spät etwa auf einer Familie ein Fluch lag, welchen mythische Ahnen ihr einst zugezogen. Das große Geschlecht der Aegiden in Sparta, welches vom labdakidischen Königshaus von Theben abstammte, hatte das Unglück, daß ihnen die Kinder wegstarben; da errichteten sie auf ein Orakel hin ein Heiligutm für die Erinyen des Laïos und des Oedipus, worauf die Kinder weiter lebten53. Pindar glaubt, den Theron von Agrigent, welcher von demselben fluchbeladenen Hause seine Familie ableitete, mit der Erwägung trösten zu müssen: was mit Recht oder wider Recht geschehen, könne die Allmutter Zeit nicht ungeschehen machen, aber mit seligem Glücke stelle sich wohl Vergessen ein54. Wo es aber nicht einzelne Familien betraf, dachte man hierüber anders, und Städte, in welchen sich die furchtbarsten Mythen begeben, hätten sich dieselben um keinen Preis mehr nehmen lassen. Dio Chrysostomus in seiner Rede über die Nichteinnahme von Troja55 redet die Ilienser folgendermaßen an: »Es soll mich nicht wundern, wenn auch ihr, Männer von Ilion, eher dem Homer glaubt, der so schlimm über euch gelogen, als meiner Wahrheit, und wenn eure Kinder von frühe an Gedichte lernen müssen, die nichts als Verwünschungen über eure Stadt enthalten. Käme ich nach Argos, so würde man dort ebenso Atreus und Thyestes nicht aufgeben wollen und mich am Ende aus der Stadt treiben. In Theben freuen sich die Leute, daß Heras Zorn ihnen die Sphinx brachte, welche ihre Söhne fraß, und daß Oedipus den Vater tötete, die Mutter heiratete und dann geblendet herumirrte usw. Denn so sehr ist das Gemüt der Menschen von Ruhmsucht zerrüttet, daß sie lieber durch das größte Unglück berühmt als ohne Unglück obskur sein wollen56«.

Ganz besonders lehrreich ist die Urgeschichte von Athen, weil sie die[33] doppelte Strömung des Mythischen so deutlich verrät; einerseits nämlich ragt dasselbe von selbst in die Gegenwart herab, während andererseits die geschichtliche Entwicklung sich gewaltsam in den Mythus hinaufdrängt. Attika war reich anererbtem Uraltertum, wie denn schon z.B. fast alle Gerichtshöfe von Athen noch mit der Sagenwelt zusammenhingen57, anzufangen vom Areopag, wo einst Ares wegen Tötung des Halirrhothios gerichtet wurde; eine ganze Anzahl von erblichen Priestertümern rühmte sich urzeitlicher Stiftung. Außerdem lebte eine alte zum Teil offenbar kulturmythische Vorgeschichte des Landes weiter, welche sich an die Namen Kekrops, Amphiktyon, Erichthonios, Pandion, Erechtheus, die Metioniden usw. anknüpfte. Allein dies alles wird gekreuzt und zum Teil überflüssig gemacht durch die Gestalt des Theseus. Dieser nämlich ist wohl von der einen Seite ein echter mythischer Heros der gesamthellenischen Sage, von der anderen aber ein Inbegriff der attischen Staatsentwicklung, deren ganz späte Züge noch in sein Tun und Leben hineinverlegt werden. Bekanntlich gibt es bei Plutarch zwei Biographien, welche wesentlich solche Verdichtungen (Kondensationen) aus seitherigen Erlebnissen ganzer Völker sind: die des Lykurg und die des Theseus. Aber sehr lange vor Plutarch war schon bei Xenophon das Bild des Lykurg eine Aufsummierung der spartanischen Entwicklung geworden, und ebenso das Bild des Theseus ein Spiegel der attischen, schon bei Thukydides (II, 15), Isokrates und Aristoteles. Theseus beginnt nun seine politische Laufbahn, indem er die ersten Vorbedingungen für das Dasein desselben Staates schafft, welcher laut den übrigen Sagen doch schon so lange vorhanden ist: er räumt schreckliche Tiere und Verbrecher weg; dann sammelt er die in Attika zerstreut Wohnenden, die bisher sich nie gemeinsam, sondern nur ortweise beraten, ja sich bekriegt hatten, zu Einer Polis und stiftet die festliche Darstellung der ganzen neuen Bürgerschaft, die Panathenäen, sowie als Vereinigungsfest die Met (oder Syn)ökien. Sowie er aber einst bereits den marathonischen Stier erlegt haben sollte, um sich beim Volke einzuschmeicheln, so war er nun der Erste, welcher sich zur Masse hinneigte58, indem er das Königtum niederlegte. Während seiner Gefangenschaft im Hades macht ein Erechthide, Menestheus, ebenfalls ein Volksschmeichler, eine Revolution; Theseus bei seiner Heimkehr findet dann Alles verändert und den Demos völlig verdorben, will die Herrschaft wieder ergreifen, gerät in große Wirren,[34] übt vergeblich Gegendemagogie und zieht endlich, verdrossen fluchend, – man zeigte noch den Fluchfleck, wo dies geschehen – von dannen nach Skyros, wo ihn dann Lykomedes vom Fels stürzt. – Wenn sich später jemand nach dem Ursprung irgend einer Einrichtung erkundigte, und wären es die zwei Obolen gewesen, welche die Schatten an den finsteren Fährmann zu bezahlen hatten, erhielt man leicht die Antwort: Theseus hat es so eingeführt59. Der reich verschlungene Geranostanz war eine Erinnerung an die Windungen des Labyrinthes; ihn tanzten einst zum erstenmale nach der Tötung des Minotaurus Theseus und Ariadne mit den geretteten Knaben und Mädchen. Und ähnlich wird überall in Griechenland das Alltägliche auf anmutige Weise an die Urzeit angeknüpft worden sein.

Daß aber wirklich ein tieferer idealer Zusammenhang im Gesamtleben einer Stadt, eines Volkes vorhanden sei, hat das spätere Altertum ebenfalls geahnt. Die Schrift des Plutarch: »von der späten Rache der Gottheit« ist eine Sammlung von Taten der mythischen Zeit, welche gesühnt oder gebüßt werden durch die Nachkommen, zum Teil bis auf die Tage des Schriftstellers selbst, und insofern sind es nur weitere Belege zu der häufigen Ableitung des Vorhandenen aus grauer Vorzeit. Aber zwischen hinein ermannt er sich60 zu dem tiefsinnigen Worte: »denn eine Polis ist Eines und ein Zusammenhängendes!« – und alle Griechen wußten, daß die Vergehen der Vorfahren heimgesucht werden an den Nachkommen.

Freilich, daß bei der festen Absicht, die Gegenwart mit der fernsten Vergangenheit zu verbinden, die genaue, buchstäbliche Kenntnis der letztern besonders hätte gedeihen sollen, wäre eine törichte Erwartung. Keine Kritik vermag das von einem kräftigen Sinn im Jugendalter der Nation Zusammengeschaute sicher in seine Bestandteile zu zersetzen, und im Grunde darf man sich hierüber beruhigen. Nicht nur mythische, sondern noch viel spätere Ereignisse sind hier so lange in der Erzählung umgestaltet worden, bis sie typisch, sprechend, charakteristisch lauteten. Unsere Erkenntnis, daß sich dies so verhalten habe, ist für unser Urteil über die Griechen auch etwas wert.

Es hat also eine Nation gegeben, welche ihren Mythus als ideale Grundlage ihres ganzen Daseins mit höchster Anstrengung verteidigt und um jeden Preis mit den sachlichen Verhältnissen in Verbindung gesetzt hat. Nicht nur die Geschichte hatte es schwer, dagegen aufzukommen, dieselbe Nation hat auch kein historisches Drama auf ihrer Szene dulden mögen und das historische Epos, d.h. die epische Behandlung einer relativ nahen Vergangenheit nur wenig gepflegt.

[35] Diese Nation gilt nun für »klassisch« im Gegensatz zu aller »Romantik«. Wenn aber Romantik so viel ist als beständige Zurückbeziehung aller Dinge und Anschauungen auf eine poetisch gestaltete Vorzeit, so hatten die Griechen in ihrem Mythus eine ganz kolossale Romantik zur allherrschenden geistigen Voraussetzung. Hat die germanische und keltische Heldensage den Horizont des spätern Mittelalters auch nur annähernd so beherrscht?

Wenige Stellen unseres Abendlandes gibt es noch, an welchen eine Erinnerung aus unseren Heldensagen haftet, und auch vom Untersberg, vom Hörselberg, vom Eckartsberg, vom Wasgenstein würden wir ohne die Hilfe gelehrter Sammler kaum etwas wissen. Wohl spukt es noch an manchen Orten, aber die Sagen, welche dazu erzählt werden, gehören nur dem Volksaberglauben an oder lassen sich doch nur sehr schwer mit unserm ehemaligen Göttermythus und Heldentum zusammenbringen. Griechenland dagegen wimmelte von klassischen Stellen und wohlerhaltenen sichtbaren Erinnerungen, welche sich teils auf den allgemein hellenischen, teils auf den lokalen Mythus bezogen61.

Zunächst hatte an jeder Stelle des Landes der ganze, oft so umfangreiche örtliche Götterkult das Bestreben, seine Ursprünge so alt und ehrwürdig als möglich zu machen, wozu noch die zahllosen Kulte von Ortsheroen kommen, an ihrer Spitze derjenige, welcher als Gründer (κτιστής) der betreffenden Stadt galt. Dann äußerte sich überall der die Landschaft beseelende Polydämonismus, und wäre es auch nur geschehen durch eine Sage von der Liebschaft eines Baches mit einer Meeresgöttin. Auch das entlegenste Heiligtum wollte eine Erinnerung aus der Urzeit besitzen; beim messenischen Kardamyle lag am Strande ein geweihter Raum (τέμενος) der Nereiden; dort waren sie einst aus dem Meere gestiegen, um Pyrrhos, den Sohn Achills, den Enkel ihrer Herrin Thetis, zu sehen, als er nach Sparta zur Hochzeit mit Hermione ging62. In den berühmtern Städten, z.B. in Athen und Theben, zeigte man noch eine ganze Anzahl von Wohnungen mythischer Personen, der massenhaft vorhandenen Gräber nicht zu gedenken; ja es könnte sein, daß man Hünengräber (χώματα) eines vorgeschichtlichen Urvolkes für den griechischen Mythus usurpiert hätte, wie man denn z.B. diejenigen im Peloponnes für Gräber der phrygischen Gefährten des Pelops zu erklären pflegte63.

Namentlich aber wollte man von jedem mythischen Ereignis die Stelle wissen, wo es sich begeben, und Pausanias hat sich aus der Aufzeichnung[36] dieser Kunden der Ortsantiquare eine wahre Pflicht gemacht64. Gleich in Athen weiß er anzugeben, wo Boreas die Oreithyia entführte, wo Aegeus vom Fels sprang, wo Silenos ausruhte beim ersten Besuche des Dionysos, und so weiter durch die ganze Stadt; auf Salamis kennt er den Stein, auf welchem Telamon saß, als er seinen gen Aulis und Troja abfahrenden Söhnen nachsah. In Theben am Grabe des Amphion waren die rohen untern Steine noch dieselben, welche einst der Leyer Amphions gefolgt waren. Für Orestes gab es zwischen Megalopolis und Messene einen wahren Stationenweg: hier, hieß es, verfiel er in Wahnsinn, hier biß er sich einen Finger ab, hier wurde er geheilt, hier schor er sich nach der Genesung die Haare usw.65. Ja Pausanias wundert sich (IX, 2, 3) am Kithäron förmlich, daß man die Stellen nicht wisse, wo Pentheus in Raserei verfiel und wo Oedipus ausgesetzt wurde. Herakles, die Argofahrer, Oedipus, Odysseus, Aeneas waren überall angekehrt und Großes und Kleines wurde an ihr Verweilen angeknüpft; derselbe Herakles, welcher zu Pheneos in Arkadien die Barathra gebaut, hatte im Gymnasion zu Elis auch die Disteln ausgereutet. Für irgend eine auffallende Naturerscheinung wußte man sicher einen mythischen Grund: wo ein Wasser übel roch, mußte einst ein Kentaur seine Wunde darin gewaschen haben66. Auch der bekannte etymologische Eiger der Griechen tat das Seinige: wenn ein Ort Harma (Wagen) hieß, so mußte daselbst Amphiaraos samt seinem Wagen in die Erde verschwunden sein; bei Mykalessos dachte man sogleich an das Muhen des Rindes, welchem einst Kadmos und seine Schar nachgegangen waren67. Auch andere Autoren sind reich an Nachrichten dieser Art; Strabo weiß in Korinth die Quelle, wo Bellerophontes den trinkenden Pegasos einfing, und Aelian (III, 1) verfolgt ganz genau den heiligen pythischen Weg von Delphi aus bis zu demjenigen Lorbeerbaum im Tal Tempe, wo Apoll nach der Tötung des Python war entsühnt worden. Es gab Erinnerungen, die sogar nicht ganz harmlos waren; der leukadische Fels, von welchem einst in mythischen Tagen der verliebte Kephalos in die Flut gesprungen war, sah noch in später Zeit andere Unglückliche, und wenn die Leukadier alljährlich einen Verbrecher hinunterwarfen, welchen man dabei auf alle Weise zu retten suchte, so geschah dies wohl, damit nicht die den Umwohnern unangenehme[37] Magie des Ortes epidemisch um sich greife68, damit gleichsam dem Zwang des Ortes Genüge geleistet sei.

Eine natürliche Folge dieses Hanges nach lokaler Fixierung der Mythen ist, daß dieselben Mythen, besonders von Göttergeburten und Erziehungen oft an verschiedenen Orten lokalisiert wurden, was dann (welches auch der wirkliche Grund davon gewesen sein mag) wiederum zur Häufung der klassischen Erinnerungen beitrug. Neben der Insel Delos gab es69 unweit vom böotischen Tegyra einen Apollotempel, in dessen Nähe man den Gott geboren sein ließ. Ein naher Berg hieß hier Delos, und »Palme und Ölbaum« waren hier die Namen von zwei starken guten und kalten Quellen hinter dem Tempel, welcher einst auch ein Orakel gewesen war. In der Nähe lag das Ptoon, wo die Göttin Leto erschrak (ἀναπτοηϑῆναι), als ihr der Bock erschien; auch brachte die Örtlichkeit die Python- und Tityossage mit der Geburt des Gottes zusammen. An verschiedenen Orten wußte man auch von der Geburt des Zeus und der Athene, von der Auferziehung des Hermes, dem Gigantenkampf, der Entführung der Kore, dem Heraufholen des Kerberos, dem Verschwinden des Amphiaraos usw. zu erzählen70. Hiezu haben die späten Ortsantiquare gewiß das Wenigste beigetragen; vielmehr war eben der Mythus das Allgegenwärtige, und das ganze Volk dachte so und wurde hierin längst vom Epos bestärkt.

Ganz anders war es mit der Geschichte. Die Erinnerungen an Großtaten der historischen Zeit sind, einige wenige Schlachtfelder ausgenommen, wo die Totenopfer an den Kriegergräbern das Andenken wach hielten71, so viel als null; es gab niemanden zu denken, wo einst ein Solon, ein Perikles, ein Demosthenes in entscheidenden Augenblicken möchten aufgetreten sein, während man über die klassischen Stellen der Fabelzeit auf das Genaueste Bescheid wissen wollte. Und ebenso war es mit den Reliquien. Zwar gab es solche: Dionysios der Ältere erwarb von den Erben des verstorbenen Euripides um ein Talent dessen Saiteninstrument, Schreibtafel und Griffel und ließ diese Gegenstände, mit Aufschriften[38] versehen, in einem Tempel der Musen als Weihgeschenke niederlegen; und andere Male können Andenken ähnlicher Art als Weihgeschenke der Berühmten selbst in den Tempel gelangt sein72, die sich so der Erinnerung empfohlen hatten; aber ganz gewiß zogen in denselben Tempeln die Sehenswürdigkeiten aus der mythischen Zeit aller Augen auf sich. Das in neuester Zeit durch Erwähnung des pergamenischen Altares so berühmt gewordene VIII. Kapitel im liber memorialis des Ampelius zählt eine ganze Menge von Waffen, Gerätschaften, Gewändern und anderen Andenken aus der mythischen Zeit auf, welche – vielleicht noch unter Theodosius – sich in den Tempeln Griechenlands befanden; Pausanias sah noch (III, 3, 6) den Speer des Achill, den Dolch des Memnon (VI, 19, 3), das Schwert des Pelops, das Horn der Amalthea; nur, indem er einmal (IX, 40, 41) alle seine Kritik zusammennimmt, erklärt er unter einer Anzahl von noch vorhandenen Arbeiten des Hephästos einzig und allein das Zeus-Szepter in Chäronea als wirklich vom Gott der Esse herrührend. Bei dem berühmten Fichtenhain Poseidons vor Korinth sah man noch die ganze verfallene und doch immer wieder hergestellte Argo. Auch Großgriechenland hatte solche Altertümer vorzuweisen, die Pfeile des Herakles im Apollotempel zu Thurioi, das Schmiedegerät, welches zur Errichtung des trojanischen Pferdes gedient hatte, im Pallastempel zu Metapont73. Von Diomed, der in jenen Gegenden wie ein Gott zu walten schien, besaß man in einem Pallastempel des Daunierlandes die ehernen Beile und Waffen, in einem Artemistempel von Peuketien das eherne Halsband, das er einem Hirsche umgelegt. Und bei den Griechen wurden aus solchen Altertümern, etwa das trojanische Palladion ausgenommen, wenigstens keine res fatales, von welchen das Schicksal des betreffenden Staates magisch abgehangen hätte, wie in Rom von den bekannten, überdies zum Teil aus Griechenland herübergebrachten Siebensachen, die im Vestatempel aufbewahrt wurden. Dagegen hing auch bei den Griechen ein Aberglaube am Besitz von Gebeinen der Heroen, weil etwa Orakelsprüche deren Übertragung geboten hatten und weil überhaupt schon die Grabespietät hier ihr Wort mitzureden hatte; abgesehen aber hievon fürchtete man den Zorn beleidigter Heroen und hoffte zugleich bei sicherer Aufbewahrung ihrer Gebeine Segen für den ganzen Staat. Da hier ein religiöser Gedanke mitwirkte, wird bei Anlaß des Heroenkultus davon genauer zu reden sein, genug, daß auch vermeintliche leibliche Überreste eine nahe Verbindung zwischen Urzeit und Gegenwart bildeten. Nicht Alles war heilig, manches nur Andenken, wie[39] z.B. die Knochen von Giganten und Amazonen und das im Tempel der Athene Alea zu Tegea aufbewahrte Fell des kalydonischen Ebers, dessen Zähne leider nach Rom gelangt waren. In Rom aber ahnte man wenigstens mit der Zeit, daß die vermeintlichen Menschenknochen wohl eher von urweltlichen Tieren herstammen möchten, und bei Anlaß jener paläontologischen Sammlung, welche Augustus auf Capri zusammengebracht hatte, sagte es Sueton (Kapitel 72) deutlich: »gewaltige Glieder ungeheurer Tiere und Ungetüme, welche man Gigantenknochen und Heroenwaffen zu nennen pflegt.«

Anmutiger war allerdings, was noch organisch weiterlebte, uralte heilige Bäume74: der von Pallas geschaffene Ölbaum im Erechtheion von Athen, der von Herakles mächtiger Hand gebogene bei Epidauros, der aus seiner Keule entsprungene bei Trözen, derjenige sorglich eingehegte auf attischem Boden75, von welchem er einen Zweig mitnahm, um ihn in Olympia zu pflanzen, die Reste der Platane im Tempel von Aulis, welche schon die Abfahrt der Griechen nach Troja mit angesehen, die Platane Menelais beim arkadischen Kaphyä u.a.m. Selbst an Tiere, welche aus der mythischen Zeit hinübergelebt in die historische, wurde geglaubt; der neunte Vorfahr eines Feldherrn des achäischen Bundes, also ungefähr ein Mensch des fünften Jahrhunderts, sollte noch in Lykosura die altersschwache, der Despoina geweihte Hirschkuh gesehen haben, deren Halsband die Inschrift trug: ich war noch ein Hirschkalb, als AgapenorA5 vor Ilios lag76.

Es gab jedoch eine Art von Nähe des Mythischen, welche erwünschter sein mußte als alles Übrige. Nicht nur waren laut einem weit verbreiteten Glauben Götter und Menschen überhauptA6 desselben Geschlechtes, sondern eine ganze Menge von Familien und von einzelnen Persönlichkeiten rühmten sich der Abkunft von Göttern77 und Heroen und glaubten sogar, die Zwischengenerationen, wenigstens die Zahl derselben, angeben zu können. Andere alte Völker wußten von dergleichen in der Regel nichts,[40] und Hekatäos von Milet, als er sich, wie oben erwähnt, vor den Priestern des ägyptischen Thebens rühmte, in sechzehnter Generation von einem Gotte abzustammen, erhielt die Antwort, kein Mensch stamme von einem Gotte ab78. Bei den Griechen dagegen sind schon die Heroen selbst zum nicht geringen Teil Göttersöhne; Aeakos war Sohn des Zeus und Vater des Telamon und des Peleus; Achill und Aias also Urenkel des Zeus und Achill zugleich Sohn der Thetis. Bei einer Gestalt wie Hektor fällt es Agamemnon sogar auf, daß derselbe doch weder eines Gottes noch einer Göttin geliebter Sohn sei79. Ebenso stammte von Göttern ab, was in der historischen Zeit noch von Königshäusern vorhanden war; Herakliden und also Abkömmlinge von Zeus waren nicht nur die spartanischen Könige80, sondern auch die makedonischen Temeniden, was denn Isokrates in seinem Philippos (§ 33 f.) im Sinne der Vermahnung sowohl als des Ruhmes des breitesten ausgebeutet hat81. Anerkannte Stammväter des molossischen Königshauses in Epirus waren die Aeakiden Achill und Neoptolem; König Pyrrhos meinte, im einundzwanzigsten Geschlechte von Achill abzustammen und schon in dieser Eigenschaft gegen die Römer als Abkömmlinge der Troer kämpfen zu müssen. Auf den im Kampf gegen Antigonos erbeuteten Waffen, die er als Weihestücke in die Tempel stiftete, stand zu lesen: Lanzenschwinger sind heute wie vor Zeiten die Aeakiden! Aber von Aias und also durch Telamon und Aeakos von Zeus stammte auch der große Miltiades82 und aus demselben Hause Thukydides. Aeakiden waren ferner die Blepsiaden und wer weiß wie viele andere Familien auf Aegina, sowie durch die Linie des Teukros die kyprischen Könige bis auf Euagoras83. Die Jamiden aber, und wer mit ihnen zusammenhing, stammten von Jamos, dem Sohne Apolls und Enkel Poseidons, und Pindar, der diese und so manche andere Häuser von Wettkampfsiegern zu verherrlichen hatte, ließ, wo er konnte, die göttliche Abstammung laut ertönen84. In Athen waren die Peisistratiden und[41] Alkmäoniden anerkannte Neleiden und damit Abkömmlinge Poseidons, die Thymötaden aber Theseiden. Der Redner und Finanzmann Lykurgos stammte, wie sämtliche Eteobutaden, von Erechtheus, dem Sohne der Gäa und des Hephästos85. In einem vielleicht pseudoplatonischen, doch noch sehr alten Dialog, dem ersten Alkibiades (p. 121, a) macht dieser seine Abstammung von Zeus durch Eurysakes geltend, worauf Sokrates ironisch antwortet: auch er stamme durch Dädalos und Hephästos von Zeus ab. Der Dichter Epicharmos galt irgendwie als Abkömmling des Achill86, der berühmte Hippokrates aber stammte laut seinem Biographen Soranos in zwanzigster Generation von Herakles, in neunzehnter von Asklepios, und Letzteres wurde auch in dem athenischen Ehrendekret ausdrücklich ausgesagt. Aristoteles aber (laut Ammonios) war väterlicher und mütterlicherseits Deszendent des Asklepios. Von Epaminondas war es bekannt, daß er einer jener Familien der Spartoi angehörte, der Gewaffneten, welche aus den Drachenzähnen der Kadmossaat entstanden waren, und dies wird man haben bewahrheiten können, wenn die Abkömmlinge der Spartoi wirklich das Muttermahl eines Speeres am Leibe trugen, was bis zu Plutarchs Zeit noch an einzelnen derselben vorkam87. Im Gespräch konnte es ein verbindliches Kompliment sein, wenn man dem Mitredenden sagen durfte: du wirst einst im Jenseits es besonders gut treffen, da du von göttlicher Familie bist88. In einer Zeit wie das IV. Jahrhundert, da schon so viel Adel in den städtischen Kämpfen zernichtet war, werden die noch Übrigen um so beharrlicher auf Vorzüge dieser Art gehalten haben. Ungehörige Prätensionen dieser Gattung zu verhöhnen, war dann Sache der Komiker. Man kennt aus den »Acharnern« des Aristophanes den Bürger Doppelgöttig (Amphitheos), welcher von Demeter und Triptolemos herstammt und, sowie man ihm mit der Polizei droht, seine Ahnen anruft.

Andere bedurften der Urzeit nicht einmal, indem sie – in heller historischer Zeit – als unmittelbar von Göttern erzeugt galten. Große Athleten hießen Söhne von Wassergöttern oder von Herakles, woran sich nach ihrem Tode ganz konsequenterweise das Gerücht knüpfte, sie seien nicht gestorben, sondern auf geheimnisvolle Weise verschwunden89. Ganz besonders glorreich war für Plato gesorgt; zunächst stammte seine väterliche[42] und seine mütterliche Familie von Poseidon, man brauchte ihn aber gar nicht für den Sohn des Ariston zu halten, indem seine schöne Mutter Periktione sollte von Apoll beschlafen worden sein; und zwar ging die letztere Sage von seinen Nächsten aus90. Ebenso konnte auch Alexander seine temenidische Abstammung von Herakles entbehren, wenn er direkt von Zeus Ammon erzeugt war91. Seinen Nachfolgern, den Diadochen, kann man es nachrühmen, daß sie von eigener Vergöttlichung nur ganz mäßigen und zweckmäßigen, von göttlicher Erzeugung beinahe gar keinen Gebrauch gemacht haben. Antigonos, als ihn Hermodotos in seinen Dichtungen einen Sohn des Helios genannt hatte, äußerte sich darüber mit einem derben Spaße92. In Griechenland selbst aber galt noch ein Jahrhundert später Aratos, das Haupt des achäischen Bundes, als unmittelbarer Sprößling des Asklepios, und noch in der Kaiserzeit unter Maximinus Thrax galt der Sophist Apsines von Gadara als von Pan erzeugt.93

Wie sich bisweilen Aberglauben und Gaunerei in die Sache teilten, lehrt (um 400 v. Chr.) die Geschichte des Kindes Silenos94. Am Pontus war ein Weib angeblich von Apoll schwanger; viele trauten ihr nicht, viele aber trauten ihr und als sie einen Sohn gebar, halfen manche angesehene Leute für die Erziehung des Kindes sorgen, welches »aus gewissen Ursachen« den Namen Silenos erhielt. Hier griff dann Lysander ein und ließ den Knaben zu einem jener religiösen Schurkenstreiche dressieren, die ihm bekanntlich alle mißlangen; immerhin muß er diesmal mehr Mithelfer gehabt haben als sonst.

Die Römer dachten in solchen Dingen ganz anders als die Griechen. Daß Cäsar, und zwar schon in seiner Jugend, sein julisches Geschlecht auf Könige und Götter zurückführte, erregte beim Volke Erstaunen und Bewunderung, beim Adel aber Furcht und Erbitterung. Auch die Antonier wollten von Anton, einem Sohn des Herakles, abstammen95, und Sextus Pompejus im Mittelmeerkrieg opferte nur noch der Thalassa und dem Poseidon als seinen Eltern96.

[43] Endlich mag hier noch ein Zeugnis für die Nähe des Mythus und für die Jugendlichkeit des hellenischen Bewußtseins gefunden werden in den Theophanien der historischen Zeit. Die Götter, welche bei Homer so häufig sichtbar aufgetreten waren und im Phäakenland oft dem einsamen Wanderer begegneten oder mit den Leuten festlich zu Tische saßen97, erscheinen fortwährend hie und da bis in die spätern Tage des Altertums.

Vor allemA7 scheint jede tiefe Einsamkeit in den Griechen das Gefühl der Nähe göttlicher Wesen geweckt zu haben; sobald das Geräusch der Welt aufhörte, konnte sich Göttliches oder Dämonisches vernehmen lassen. In Wäldern und Bergschluchten wird man die Nähe von Pan und Artemis nicht los geworden sein. Aus mächtigen Höhlen glaubte man den Ton von Becken zu vernehmen, welche die Nähe des Gefolges des Dionysos oder der großen Mutter verrieten, und noch Pomponius Mela (I, 13) meldet dies von der Höhle, welche sich an das prachtvoll bewachsene Engtal beim cilicischen Korykos anschloß. Sie erschreckt den »Eintretenden durch gottgesandten lärmenden Zymbelnklang..« Der Ort ist erhaben, weihevoll, und daß ihn Götter bewohnen, wird nicht nur für angemessen gehalten, sondern geglaubt; »Alles zeigt sich hier ehrfurchtgebietend und kündet sozusagen die Nähe eines Gottes an (nihil non venerabile et quasi cum aliquo numine se ostentat.).«

Die tiefe Furcht vor einer wirklichen Erscheinung der Artemis verrät sich noch durch die Sagen vom Untergang solcher, welche die Göttin im Bade gesehen. Nur jenen kühnen männischen Jungfrauen (viragines), welche in der alten Zeit sich der Jagd in den Gebirgen mögen völlig hingegeben haben, traute man zu, daß sie »Gespielinnen« der Göttin geworden. Noch in ganz anderer Art aber als bei den übrigen Göttern wird bei Dionysos an die Parusie, die reale Gegenwart, geglaubt. »Um die Zeit der trieterischen Opfer (also alle zwei Jahre) glaubt man, daß der Gott seine Erscheinungen bei den Menschen vollziehe, und da versammeln sich in vielen Griechenstädten die bacchischen Schwärme der Weiber, und die Mädchen tragen Thyrsen, und man besingt die Parusie des Gottes usw.98« Am Feste der Thyien füllte Dionysos selber im Tempel bei Elis die drei Krüge, die man hingestellt99, und der Gesang der elischen Weiber100, welcher die Anwesenheit des Gottes feiert, lautet wahrlich nicht so, als gälte er etwa nur einem herumgetragenen Bilde: »Machet weit den Pfad, denn der Gott will hocherregt durch euere Mitte schreiten101[44] Auch in Gebeten an andere Götter wird deren Anwesenheit erfleht in einem Sinne, welchen neuere Religionen nicht mehr kennen. Die Poesie findet hier Töne seltsamer Art, wie Sappho in ihrem Gesange an Aphrodite, wie die Tragiker und Komiker in mehr als einem Chorgesang. Aristophanes hat z.B. ein hochfeierliches Lied dieser Gattung an Pallas und die Potnien102, und weltbekannt ist die große Anrufung an den »Vielnamigen« bei Sophokles103.

Vielleicht weilten auch Götter hie und da zur Strafe auf Erden, wie einst Apoll, als er mußte die Herden Admets weiden helfen104. Pythagoras galt bei seinen Anhängern als Apoll aus dem Hyperboreerland105, obgleich er selber unter seinen Avatars nur menschliche Persönlichkeiten namhaft machte. Empedokles dagegen nimmt das volle Schicksal der reichsten Metempsychose auf sich. Er ist ein Gott, der wegen einer Missetat zu 30000 Jahren Wanderung verurteilt worden und bereits als Knabe, Mädchen, Pflanze, Vogel und Fisch gelebt hat; jetzt grüßt er die Agrigentiner nicht mehr als ein Sterblicher, sondern als ein unsterblicher Gott, welcher hoch über den hinfälligen Menschen steht106. – Was bei ihm noch echtes Schwärmergefühl gewesen sein kann, wurde dann bei Spätern freilich zur Karikatur.

Einer ganz anderen Quelle, nämlich dem Glauben einfacher, etwa ländlicher Bevölkerungen entspricht es, wenn ein älterer und ein jüngerer Reisender, welche irgend einen außerordentlichen Eindruck hervorbringen, für Zeus und Hermes gehalten werden. Mag auch die Geschichte von Philemon und Baucis107 der mythischen Zeit überlassen bleiben (obgleich hiezu keine Nötigung vorhanden wäre), so haben wir doch das höchst belehrende Ereignis von Lystra in Lykaonien; auf ein Heilungswunder hin werden Barnabas und Paulus, jener für Zeus, dieser – dieweil erA8 das Wort führte – für Hermes gehalten108. Wie oft sind dann zwei[45] Jünglinge zu Pferde für die Dioskuren genommen worden. Der Arkadier Euphorion, der sie unwissentlich als Fremde bewirtet hatte, nahm von da an alle Menschen gastlich auf109. Im Kampf der italischen Lokrer mit den Krotoniaten erschienen zwei mächtige Jünglinge auf weißen Rossen in ungewohnter Rüstung und scharlachroten Mänteln110. Diesmal war es eine wahre hilfreiche Erscheinung, aber das Vorurteil war stark genug, um auch Täuschungen möglich zu machen, wie z.B. im zweiten messenischen Kriege, da zwei junge Messenier aus Andania, als Dioskuren kostümiert und beritten, in ein Dioskurenfest der spartanischen Mannschaft hineinsprengten, die in tiefster Verehrung Anbetenden tödlich trafen und von dannen eiltenA9 111. Auch der Besuch der Dioskuren in Gestalt von Fremdlingen aus Kyrene bei dem Spartaner Phormion lautet, so wie er erzählt wird112, beinahe wie eine Übertölpelung desselben durch Gauner. Doch war noch später der Dichter Simonides überzeugt, durch die Dioskuren rechtzeitig aus dem Palast seiner thessalischen Gastfreunde, bevor derselbe einstürzte, hinausgerufen worden zu sein; es war der Dank der Gottheiten, auf welche er soeben einen Hymnus gesungen. Und wie leicht man noch im V. Jahrhundert einem spartanischen Heer aus Pferdespuren und glänzenden Waffen um einen Altar herum die Anwesenheit des göttlichen Bruderpaares glaubhaft machen konnte, lehrt eine Kriegslist des Königs Archidamos113. Im Kriege glaubte man gerne an Anwesenheit nicht nur der Stammesheroen, sondern auch der Götter, diese kämpften mit bei Marathon und Salamis und schreckten durch ihre Erscheinung die Perser und später die Gallier von Delphi hinweg114. Den Tanagräern zu Hilfe im Kampfe gegen einen Raubeinfall der Eretrier war Hermes, und zwar als Schutzgott des Gymnasiums mit der »Stlengis« erschienen und hatte sie zum Siege geführt115. Den von Illyriern bedrohten Apolloniaten sandten die Epidamnier den Flußgott Aeas zu Hilfe,[46] welchem nun in der Kampfordnung die Stelle angewiesen wurde, da der Anführer zu schreiten pflegte; sie siegten, brachten ihm Opfer und beschlossen: in allen Schlachten solle er fort an ihr Feldherr sein116. War es vielleicht eher der lokrische Aias? Dieser nämlich stand bei seinen Stammverwandten, den italischen oder epizephyrischen Lokrern immer unsichtbar an der Spitze des Heeres, und wiederum (siehe vorige Seite) in einem Kampfe mit den Krotoniaten kam es vor, daß der Anführer der letzteren, Kleonymos, seinen Angriff frevelhaft gerade auf die Stelle richtete, wo er hörte, daß Aias stehen sollte. Aber er erhielt eine schwere Wunde in die Brust117, kam dann krank nach Delphi und wurde von dem Orakel nach der pontischen Insel Leuke geschickt, wo ihm Aias erscheinen und ihn heilen werde, wie denn auch unter den merkwürdigsten Umständen geschah. Man erinnert sich aus neuern Zeiten, wie andächtige Dynastien die Anführerschaft ihrer Armeen etwa dem hl. Antonius von Padua übergeben haben118.

Nun die bekannte Geschichte von der Phye des Peisistratos, wobei sich freilich Herodot (I, 60) von seinem aufgeklärten V. Jahrhundert aus schon nicht mehr genug wundern kann über die Einfalt der Leute vor hundert Jahren, da doch sonst das Hellenenvolk sich im Vergleich mit den Barbaren ausscheide als gescheiter und von törichter Einfalt freier, vollends aber die Athener an Weisheit als die ersten der Hellenen betrachtet würden. Bei der Landbevölkerung in den Demen ging sogleich das Gerücht: Athene führe den Peisistratos heim, und da glaubten auch die Leute in der Stadt, es sei die Göttin selbst und beteten sie an und nahmen den Peisistratos auf. Wahrscheinlich hatte derselbe nicht einmal eine Täuschung bezweckt, als er die schöne Kranzverkäuferin im vollen Schmuck der Göttin auf seinen Wagen nahm; er wollte wohl nur seinen Einzug erleichtern, indem er demselben das Ansehen eines Festzuges gab, und ganz besonders mußte ihm daran liegen, unbehelligt in die Akropolis zu gelangen. Aber es gab eben noch Volksmassen, welche von der Größe und Schönheit der Phye hingerissen wurden und sie für die Gottheit selbst hielten. Die Illusion, wenn man sie hätte absichtlich hervorbringen wollen, wäre keineswegs leicht gewesen, weil man von Festzügen her an götterhaft kostümierte Menschen gewöhnt war, und weil ja schon bei Opfern der Priester oder die Priesterin in der Tracht der betreffenden Gottheit aufzutreten pflegten119.[47]

Noch zur Zeit des achäischen Bundes (um 230) kommt ein ähnliches Ereignis vor. Die in das achäische Pellene eingedrungenen Aetolier werden erschreckt, weil ihnen, da es gerade ein FesttagA10 der Athene war, die Priesterin derselben behelmt und geharnischt wie die Göttin unter der Pforte des Tempels entgegentrat; sie glaubten, eine Göttererscheinung vor sich zu haben und wichen, während die Pellenäer wußten, daß sie einen menschlichen Anblick vor sich hatten120.

Namentlich einzelne Naturgottheiten untergeordneter Art genossen das Privilegium, daß man sie noch lange zu sehen und zu hören glaubte. Die Seeleute ließen sich noch zur Zeit des Pausanias die periodische Erscheinung des weissagenden Meerdämons Glaukos, wie es scheint, nicht nehmen121. Ganz besonders aber lebte Pan noch deutlich fort. Er erschien etwa zwischen Kithäron und Helikon und sang einen Päan des Pindar122; zur Zeit der Schlacht bei Marathon war einem athenischen Laufboten die Begegnung Pans unweit Tegea offiziell geglaubt, und darauf hin an der Akropolis ein Pansheiligtum mit Opfern und Spielen gestiftet worden123. Die Hirten des Theokrit (I, 16) fürchten sich vor Pan als einem nahen, bei Gelegenheit sichtbar erscheinenden Wesen, sie wissen, wie er aussieht, wenn ihm der Zorn die Nase bläht. Zur Zeit des Tiberius wurde sein Tod gemeldet124, und erst die neuere Forschung hat den seltsamen Irrtum aufgedeckt, welcher dabei waltete; noch anderthalb Jahrhunderte später glaubten dann die Anwohner des Mänalos, den Pan auf der Syrinx blasen zu hören125.

Der stille Verkehr einzelner Begnadigter mit Gottheiten hat nie ganz aufgehört. Der Hippolytos des Euripides spielt wohl in mythischer Zeit, aber der Dichter schildert (V. 84) vielleicht eine Gefühlsweise, die noch am Leben war in den Worten seines Helden an Artemis: »ich bin bei dir und rede mit dir und höre deine Stimme, wenn ich schon dein Angesicht nicht schaue.« Von weisen Gesetzgebern hat nicht nur Numa die Inspiration der Nymphe Egeria genossen; dem Zaleukos hatte Athene jedes einzelne Gesetz eingegeben und war dabei jedesmal persönlich erschienen126. Was soll man vollends denken von dem Verhältnis des Sophokles zu mehrern[48] Göttern? Daß ihm Herakles im Traume erschien, daß Dionysos sich um die Beerdigung des Dichters in seinem Erbbegräbnis durch Träume, die er Anderen eingab, bemühte, wäre noch nicht außerordentlich, allein Sophokles hat den Asklepios nicht nur in einem Päan besungen, sondern leibhaftig in seinem Hause bewirtet und ist deshalb später selber von den Athenern als Heros unter dem Namen Dexion (der Aufnehmende) durch ein Heiligtum und ein jährliches Opfer geehrt worden127. Er wird sich zu benehmen gewußt haben, wenn der Gott bei ihm eintrat, indem es ja ein Ritual für dergleichen Fälle gab. Wenigstens wußten es jene Schiffleute, welche den Pythagoras als Gott erkannten; sie errichteten eilig einen Altar und legten darauf die nächsten Baumfrüchte und Gaben aus ihrer Schifferfracht128.

Wie nahe aber der Gedanke an eine Theophanie den Menschen noch immer lag, zeigt sich auch einmal in komischer Weise. Trunkene Agrigentiner, mit welchen das Haus ringsum ging, so daß sie sich auf einem Schiff im Sturme glaubten, warfen allen Hausrat auf die Gasse, und als endlich die Strategen (d.h. die Polizeibeamten) kamen, um Ordnung zu schaffen, glaubten sie, es seien Tritonen und versprachen ihnen, sie künftig gottesdienstlich zu ehren in gleicher Weise wie die übrigen Seegötter129.

Wenn aber in guter Gesellschaft ein allgemeines Schweigen eintrat, hieß es: Hermes geht durchs Zimmer130.


So war das Griechenvolk geistig orientiert, welchem im Verlauf der Zeit die allergrößten weltgeschichtlichen Aufgaben zufallen sollten: in seiner mythischen Vorzeit gefangen, zu einer buchstäblichen Geschichte nur ganz allmählich befähigt, in poetischer Bildlichkeit völlig aufgehend – und doch im Verlauf der Zeiten dazu bestimmt, alle Völker zuerst zu verstehen und dies Verständnis der Welt mitzuteilen, gewaltige Länder und Völker des Orients zu unterwerfen, seine Kultur zu einer Weltkultur zu machen, in welcher Asien und Rom zusammentrafen, durch den Hellenismus der große Sauerteig der alten Welt zu werden; zugleich aber durch das Weiterleben dieser Kultur die Kontinuität der Weltentwickelung für uns zu sichern; denn nur durch die Griechen hängen die Zeiten und das Interesse für diese Zeiten an einander; ohne sie hätten wir[49] kein Wissen von derA11 Vorzeit, und was wir ohne sie wissen könnten, würden wir zu wissen nicht begehren.

Neben dieser endlosen Bereicherung des Gedankens bekommen wir dann noch als Beigabe die Reste ihres Schaffens und Könnens: Kunst und Poesie.

Wir sehen mit ihren Augen und sprechen mit ihren Ausdrücken.

Aber von allen Kulturvölkern sind die Griechen das, welches sich das bitterste, empfundenste Leid angetan hat.


Fußnoten

1 S. Nachtrag 1.

2 Pausan. IV, 34. 6 bei Anlaß einer Ausnahme in betreff der Dryoper. Der Ausdruck μεταβολὴ εἰς Ἕλληνας findet sich Herodot I, 57. Über die kleinasiatischen Barbarenvölker vgl. auch Nachtrag 2.

3 Über die Ausbreitung des Namens Hellenen, Panhellenen usw., ferner, was alles in größerer oder geringerer Ausdehnung Argos und Argeier [statt Pelager] geheißen habe, s. Strabo VIII, 6. 6, p. 370.

4 Außerhalb der Griechenwelt scheint allerdings auch der Name Jonier als Gesamtname gebraucht worden zu sein: hebr. Javanim, – persisch Jauna, – ägyptisch Uinin.

5 Kinkel, Epicor. Graecor. fragm. p. 83, wahrscheinlich aus Hesiod. – Eine Anzahl Doppelnamen gesammelt bei Heraclides Ponticus, die von Flüssen hauptsächlich bei Plutarch de fluviis. – Euböa hatte sogar laut Strabo im Laufe der Zeiten fünf Namen; Salamis hieß früher Skiras, Kychreia und (nach einer Pflanze) Pityussa.

6 Bezeichnend ist der bekannte Anspruch der Griechen, daß vielmehr die größten Namen des Orients von ihren Heroen herstammen sollten, die Meder von Medea, die Perser von Perseus, die Achämeniden von einem Sohne des Perseus, dessen Name von Achaja hergeleitet wurde, – Nik. Damasc. Fragm. 7. Dindorf I, S. 14.

7 Oder vollends γηγενὴς Παλαίχϑων, der Vater des Pelasgos, Aeschyl. Suppl. 252. Vgl. auch das anonyme Fragment bei Bergk Anthol. lyr. p. 546.

8 Pausan. VIII, 1, 2. Vielleicht hatten alle Sagen vom hohen Alter des arkadischen Volkes keine andere Quelle als den noch in später Zeit sehr primitiven Zustand desselben, indem man das Altertümliche in optischer Täuschung für wirklich alt hielt (προσέληνοι). – Vgl. Niese, in Sybels histor. Zeitschrift XLIII.

9 Konon, c. 47.

10 Κέκροψ αὐτόχϑων συμφυὲς ἔχων σῶμα ἀνδρὸς καὶ δράκοντος. – Freilich spottete Antisthenes, Schnecken und Heuschrecken seien auch eingeboren. Diog. Laert. VI, 1.

11 Pausan. X, 4, 3.

12 Pausan. IX, 25, 1.

13 Pausan. II, 38, 3.

14 Pausan. I, 31, 3-37, 2 f.-38, 6.

15 Eine der größten und buntesten Aufzählungen von Erfindungen und Anfängen überhaupt bei Plinius H.N. VII, 57.

16 Pausan. III, 20, 2.

17 Plutarch, Kimon 10.

18 Nach andern wären doch Schildgriffe, Schildwappen und Helmbüsche karischen Ursprunges gewesen, Strabo XIV, 2, 27, p. 661.

19 Außer den bekannten Aussagen bei Herodot siehe das Fragment des Kritias Bergk Anthol. lyr. p. 103. Siehe auch Nachtrag 3.

20 Pausan. X, 16, 1. Erst im nachhomerischen Mythus erscheint gleichsam supplementarisch der Allerfinder Palamedes, welchem dann mit der Zeit sowohl Nutzbares als Vergnügliches zugeschrieben wurde: drei oder vier neue Buchstaben des Alphabets, Maß, Wage, Brettspiel, Würfelspiel usw.

21 Strabo VIII, 3, 33, p. 357.

22 Dies z.B. deutlich bei Euripides Phrixos, Fragm. 2, und schon bei Aesch. Suppl. 254. Bei Anlaß der Städtenamen von Böotien sagt Pausanias IX, 1, 1 die Βοιωτοί hießen, was das ganze Volk betreffe, nach Boiotos; καλοῦνται δὲ κατὰ πόλεις ἀπό τε ἀνδρῶν καὶ τὰ πλείω γυναικῶν.

23 Nach zwei alten Königen von Platää heißt ein Fluß Asopos, ein Berg Kithäron; die betreffenden Könige sollen beides nach sich benannt haben. Pausanias – und hier beginnt dessen eigenes Raisonnement, – fügt noch bei: »Ich glaube auch, daß die Platää, nach welcher die Stadt benannt ist, die Tochter des Königs Asopos und nicht des Flusses Asopos war.« Einer der einfachsten Prozesse ist, daß ein Ort entsteht, wo ein Bach ins Meer mündet: Pausan. IX, 38, 6: der Ort hat den Namen von Aspledon, welcher Sohn des Poseidon und der Nymphe Mideia war.

24 Strabo X, 3, 6, p. 465, aus Archemachos.

25 Sogar eine botanische Genealogie, wo lauter Pflanzen als Heroen und Heroinnen aufgezählt werden, findet sich später bei Athen. III, 14 (aus Pherenikos). Bei Pausanias heißen (X, 6, 3) die besonders zum Genealogisieren Geneigten bei Anlaß von Delphos und dessen angeblichem Sohne Pythis: οἱ γενεαλογεῖν τὰ πάντα ἐϑέλοντες.

26 Bei Diodor ein sprechendes Beispiel (IV, 72) die Nachkommen des Asopos.

27 Plutarch meint freilich (Quaest. Graec. 41) umgekehrt, mythische Menschen hätten Flüsse und Quellen nach sich benannt.

28 Plutarch, Quaest. Graec. 35. 39.

29 Diodor V, 60. – Eine ähnliche Motivierung bei anderem Anlaß Eudocia Violar. 214.

30 Welche ihm dann Apollodor gläubig abnahm.

31 Bei Eudoc. Viol. § 25 aus Pherekydes:

Poseidon

––––^––––

Agenor

G. 1) Damno, Tochter des Belos

2) Argiope, Tochter des Flusses Nil.

Kinder Damnos: 1) Phoinix, 2) Isaie (Gem. Ägyptos), 3) Melia (Gem. Danaos). Sohn Argiopes: Kadmos. Wieder anders ebenda § 950, wo Kilix Sohn des Phoinix ist.

32 Strabo VIII, 6. Orthos, der Hund auf Geryons Insel Hesperia, war Bruder des Kerberos. Eudoc. Viol. § 356.

33 Herodot II, 143.

34 Leider war auch seit den Olympiaden das Verzeichnis der Kampfsieger, welches als allgemeiner chronologischer Anhalt diente, keineswegs sicher und galt als spät und ziemlich willkürlich festgestellt durch den Sophisten Hippias von Elis. – Plut. Num. 1.

35 Sein älterer Zeitgenosse Heraklit rechnete die Generation zu 30 Jahren. Plut. de defectu orac. 11.

36 Nicht zu reden von spätern Chronographen, welche Synchronismen festzustellen suchen sogar zwischen den frühesten mythischen Ereignissen und einzelnen überlieferten Amtslisten wie z.B. die der Herapriesterinnen von Argos.

37 Aristot. Mirab. auscult. 97 πάσης τῆς πρὸς ἑσπέραν κύριον Ἡρακλέα γενέσϑαι, bei Anlaß seiner Spuren in Japygien. Die Schrift enthält noch manches über das Hellenentum der mythischen Zeit in Italien. Außerdem vgl. die bekannten Quellen: Strabo V, Justin XX, 1, 2, Dionysios von Halikarnaß I usw. Die Anwesenheit des Herakles in der steinbesäeten Landschaft La Crau, bei seinem Kampf gegen die Ligyer, s. Aeschyl. Fragm. Prom. solutus 1.

38 Bei Syrakus lag ein herrlicher Garten, Mythos genannt, wo König Hieron Audienz zu geben pflegte. Vgl. Athen. XII, 59.

39 Sueton Tiber. 70. – Das klassische Beispiel damaliger vermeintlich wissenschaftlicher Behandlung des Mythus ist und bleibt wohl Diodor von Sizilien.

40 Vgl. Westermann, Mythographi. Der Autor hat jedenfalls ein gutes Teil seiner Mythen selbst ersonnen.

41 Waltz, Rhetores Graeci, Vol. I. Die angeführten Beispiele sind aus Nikolaos (V. Jahrh. n. Chr.). Anderes ebenda. Z.B. aus Nikephoros (XII. Jahrh.), wo ähnliche Reden abwechseln mit solchen biblischer und profanhistorischer Personen. Von der großen Stellung des griechischen Mythus in der neuern Zeit. seit der Renaissance, ist hier nicht zu reden.

42 Vgl. Diodor IV, 69.

43 Vgl. die alten heraklidischen Ansprüche auf den Westen von Sizilien. Pausan. III, 16, 4.

44 Herodot IX. 27.

45 Diodor XV, 78.

46 Ebd. XV, 50.

47 Ebd. XVI, 23.

48 Plutarch, regum apophthegm. s.v. Epaminondas.

49 Tacit., Ann. III, 60-63.

50 Plutarch, de unius dominatione c. 2.

51 Diodor XII, 45. 49. Beim zweiten Einfall in Attika und bei Gründung von Heraklea Trachinia.

52 Plutarch, Quaestiones Graecae c. 16. Diese Schrift ist großenteils verfaßt, um noch bestehende Sitten, Trachten, sakrale Gebräuche usw. an die Urzeit anzuknüpfen. Die spartanischen Staatsherolde, das Geschlecht der Talthybiaden, stammten bekanntlich vom Herold des Agamemnon ab (vgl. Herodot VII, 134; auf Ithaka glaubten vom göttlichen Sauhirten Eumäos die Koliaden, vom Rinderhirten Philoitios die Bukolier abzustammen.

53 Herodot IV, 149. Bekannt ist der Alkmäonidenfluch und seine noch späte Wirkung.

54 Pindar, Ol. II, 15 od. 29.

55 Dio Chrys., orat. XI.

56 Die Einwohner des korinthischen Tenea behaupteten fest, von trojanischen Gefangenen abzustammen, die einst Agamemnon von Tenedos mitgebracht. Paus. II, 5. 3.

57 Pausan. I, 28. Athen bildete sich ein, die älteste Stadt der Welt zu sein. Hygin. Fab. 164.

58 πρῶτος ἀπέκλινε πρὸς τὸν ὄχλον, sagte schon Aristoteles. – Vgl. Isokrates Helena p. 212-215 und Panathen p. 259. Und schon früher hatte Euripides (in seinen »Schutzflehenden«) auf das sonderbarste [wunderbarste] das Königtum des Theseus und die Demokratie durcheinander gemischt.

59 Aristoph. Ranae V. 142. – Einen ähnlichen Scherz aus Eupolis findet man Athen I, 30, wo der Allerfinder Palamedes genannt wird.

60 De sera numinis vindicta c. 15.

61 Σεμνύνοντες, εἴπερ καὶ ἄλλοι τινὲς, τὰ ἐγχώρια, sagt Pausanias II, 30. 6 von den Trözeniern; er hätte es aber von allen Ortsbevölkerungen sagen können.

62 Pausan. III, 26. 5.

63 Athen. XIV, 21.

64 Daß Strabo, für seine Person kein Freund des Mythus (X, 3. 23. p. 474 καίπερ ἥκιστα φιλομυϑουντες), gleichwohl an zahllosen Stellen die dort erzählten Mythen berichtet, ist ein Beweis mehr dafür, was darnach für ein Verlangen war.

65 Pausan. VIII, 34. 1 f.

66 Umständlichere [umständliche] Variante: Strabo VIII, 3, 19. p. 346.

67 Weitere Belegstellen zum Lokalisieren des Mythus bei Pausanias, Strabo u.a. Autoren s. Nachtrag 4.

68 So möchte ich am ehesten erklären, was Strabo X, 2 meldet. – Hieher gehört auch, daß noch König Kleomenes einst die Häupter der Arkader an den Styx entbot (bei welchem einst Götter den einzigen sichern Eid schworen) um sie hier schwören zu lassen, Herodot VI, 74.

69 Plut. Pelop. 16.

70 Vgl. Nachtrag 5.

71 Auf einem Hügel unweit Mantinea waren noch Reste des Zeltes, in dem Philipp von Makedonien sich aufhielt, als er eingerückt war, um die Arkader für sich zu gewinnen: auch eine nahe Quelle hieß noch Philippion (Paus. VIII, 7, 4). – Die Stelle, wo der tödlich verwundete, aus dem Getümmel getragene Epaminondas dem Kampfe zusah, hieß in der Folge Σκοπή.

72 Erwähnt werden aber nur etwa Waffen, z.B. Plut. Agesil. 19 die Lanze des Agesilaos.

73 Justin XX, 1. 2. Aristot. mirabil. auscult. § 106-110.

74 Alte Bäume überhaupt sind aufgezählt bei Pausan. VIII, 23, 3 f.

75 Aristot. mirabil. ausc. c. 51.

76 Pausan. VIII, 10, 4. Eine Parallele Silius Ital. XIII, 115. Die Epiroten glaubten noch spät, daß die in ihrem Apolloheiligtum nistenden Schlangen wenigstens Abkömmlinge der delphischen Schlange Python seien. Aelian hist. anim. XI, 2.

77 Ein besonders helles Licht würde auf diese Angelegenheit fallen, wenn man annehmen könnte, daß schon in ziemlich früher Zeit der homerische Hymnus auf Aphrodite für den Hof eines Ida-Fürsten vom Stamm des Anchises und Aeneas gedichtet worden sei.

78 Herodot II, 143.

79 Ilias X, 50.

80 Die Stammtafel der Prokliden von Herakles bis auf Lykurg bei Phlegon, Olymp. I.

81 Anderswo (u.a. Eudocia Violar. § 846) wird auch noch Dionysos hinzugenommen, insofern Deianira dessen Tochter war, diejenige Gemahlin des Herakles, von welcher durch Hyllos die Temeniden abstammten. Die Tafel galt dann zugleich auch für die Ptolemäer, indem Ptolemäus Lagi eine Temenidin geheiratet hatte.

82 Marcellin. Vita Thucyd., aus Pherekydes.

83 Nach Paus. I, 3, 1 führte auch Konon [Kimon], ursprünglich von kyprischem Geschlechte, seine Abstammung auf Teukros und die Tochter des Kinyras zurück.

84 Vgl. Ol. VI, 46. VIII, 17. Wie sich Pindar zu helfen wußte, wenn es in dem mythischen Ahnenhause übel zugegangen, s. oben S. 34f.

85 Plutarch decem oratt. vit. Der Redner Andokides stammt durch den mit Nausikaa vermählten Telemach von Odysseus, und zwar laut Hellanikos (Plut. Alkib. 21), und derselbe Andokides, der Teilnehmer an der Hermenverstümmlung war, stammt doch als Keryke noch von Hermes ab. Plut. X, oratt. vit.

86 Ptolm. Hephäst. bei Westermann, Mythogr. p. 183.

87 Plut. De sera num. vindicta c. 21.

88 (Pseudo) Plato Axiochos, p. 371, d.

89 Mehrere Beispiele bei Pausanias, u.a. das des Euthymos, VI, 6, 3, vgl. 11, 2.

90 U.a. von Speusippos, vgl. Diog. Laert. vita Plat. III., 1.

91 Im weitern Oriente war ihm der libysche Vater wieder ziemlich gleichgültig geworden, und am Hydaspes spendete er außer dem Ammon auch ganz ungeniert Ἡρακλεῖ προπάτορι als Temenide. Arrian VI, 3, 2.

92 Plut. regum apophtegmata s.v. Antig. 7.

93 Westermann Biograph., p. 330 (aus Suidas).

94 Plut. Lysand., 26.

95 Plut. Ant. 4. 36. Später freilich (ebd. 60) wollte Antonius auch noch ein neuer Dionysos sein. Vgl. Dio Cass. XLVIII, 39. Und der Gauner Alexander von Abonoteichos begehrte mütterlicherseits von Perseus abzustammen.

96 Appian bell. civ. V, 100. – Vgl. Dio Cass. XLVIII, 19 und 48. Dieser allein glaubte ernstlich an die göttliche Abstammung.

97 Odyss. VII, 201.

98 Diodor IV, 3.

99 Paus. VI, 26, 1. Aristot. mirabil. ausc. 123, vgl. 122.

100 Bergk, Anthol lyr., p. 532.

101 Vom Tempel der Demeter zu Mykalessos glaubte man noch zur Zeit des Pausanias (IX, 19, 4), derselbe werde jede Nacht geschlossen und dann wieder geöffnet durch denjenigen Herakles, welcher als »idäischer Daktyle« galt. Daß Götter nächtlicherweile etwa ihre Tempel besuchten, zeigt auch die rätselhafte Geschichte der Jodameia. Paus. IX, 34, 1.

102 Thesmoph., 1136.

103 Antigone 1109. Dunkle Andeutung über periodisches Erscheinen (ἐπιφάνεια) der göttlichen »Mütter« [Mutter] im sizilischen Engyon. Plutarch Marcell, 10.

104 Hierüber sehr geheimnisvoll Plutarch, de exilio, c. 18.

105 Umständlich Jamblichus de Pyth. vita c. 6. Man hielt ihn auch für den Götterarzt Paieon, für einen Dämon aus dem Mond usw.

106 Empedokl. fragm. V. 400 ff. bei Mullach fragm. philoss. Graec. I, p. 12.

107 Ovid Metam. VIII, 620.

108 Acta apostol. XIV, 11.

109 Herodot VI, 127.

110 Justin XX, 3. Auch glaubten es diese Lokrer noch ihrem Gesetzgeber Zaleukos, wenn er behauptete, Athene pflege ihm zu erscheinen und die Gesetze einzugeben. Plut. de se ips. laudando, 11. – Bei den Römern die Dioskuren u.a. in der Schlacht am See Regillus und später als Glücksboten im Perseuskriege: Cicero de nat. deor. II, 2, III, 5.

111 Pausan. IV, 27, 1. Variante bei Polyän II, 31, 4.

112 Pausan. III, 16, 6.

113 Polyän I, 41, 1. Bei Aegospotamoi begleiteten die Dioskuren die spartanische Flotte. Cic. de divin. [nat. deor.] 1, 34. – Wenn dies nicht eine der Künste des Lysander war.

114 Pausan. VIII, 10, 4.

115 Pausan. IX, 22, 2. Tanagra war eine der Geburtsstätten des Hermes.

116 Valer. Max. I, 5.

117 Pausan. III, 19, 11. Die Geschichte läßt sich datieren, indem in deren Verlauf Stesichoros vorkommt, der um 630 bis 550 lebte.

118 Weitere Beispiele von Epiphanie s. Nachtr. 6.

119 Herodot IV, 180: der Festzug am tritonischen See mit einem als Pallas geschmückten Mädchen auf einem Wagen.

120 Ich nehme die Züge zusammen aus Polyän VIII, 59 und aus Plutarch Arat 32. Die Mantineer behaupteten, noch in ihrer siegreichen Schlacht gegen König Agis III (244-240 v. Chr.) sei ihnen ihr Poseidon zur Wehr erschienen.

121 Pausan. IX, 22, 6.

122 Vgl. die βίοι des Pindar und Plut. Num 4.

123 Herod. VI, 105. Pausan. VIII, 45, 5.

124 Plut. de defectu orac. 17.

125 Pausan. VIII, 36. Vgl. Nachtr. 7.

126 Plutarch, de se ips. laud. c. 11.

127 Βίος Σοφοκλέους, pag. 3. Plut. Numa 4. – Etymol. magn.

128 Jamblich. de Pythag. vita cap. 3, vielleicht aus alter Kunde. Zur Asklepiosepiphanie vgl. Nachtrag 8.

129 Athen. II, 5, aus Timäos. Übrigens wurde in Tanagra ein einbalsamierter Triton gezeigt. Aelian hist. anim, XIII, 2.

130 Plut. de garrulitate 2.


Anmerkungen: A1 Statt: wahrscheinlich. A2 Statt: Städten. A3 Fehlt bei Oeri. A4 Statt: folgst. A5 Statt: Agamemnon. A6 Fehlt bei Oeri. A7 Statt: Zumal. A8 Statt: der weiter. A9 Nebensatz fehlt bei Oeri. A10 Statt: Festzug. A11 Statt: Interesse für die.

Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1956, Band 5.
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