Sechstes Kapitel.

Epaminondas.

[156] Alle die Erweiterungen und Verfeinerungen des griechischen Kriegswesens seit den Perserkriegen, die wir kennen gelernt haben, bedeuten keine prinzipielle Reform oder Abwandlung. Eine prinzipielle Neuerung aber ist die Tat des Thebaners Epaminondas.

Sie knüpft an an eine rein äußerliche, zufällige Erscheinung der alten Phalangen-Taktik, das eigentümliche Rechtsziehen, das keinerlei tiefere Bedeutung hatte, sondern nur eine Folge davon war, daß man auf dem linken Arm den Schild trägt, aber des weiteren die Folge hatte, daß der rechte Flügel, zuweilen auf beiden Seiten, zu siegen pflegte.

Epaminondas verstärkte nun seinen linken Flügel, so daß er eine tiefere Kolonne bildete, bei Leuktra 50 Mann tief, und hielt den rechten, der sonst voraus zu sein pflegte, zurück. Der feindliche rechte Flügel also, der es gewohnt war, zu siegen, stieß jetzt auf einen künstlich verstärkten Widerstand, der linke Flügel aber richtete auch nichts aus, da er ja ohnehin etwas zögernd an den Feind zugehen pflegte und vermöge der Zurückhaltung des feindlichen rechten das Gefecht hier überhaupt nicht recht oder erst spät in Gang kam.

Verstärkung nach der Tiefe bedingt Verkürzung der Front; bei gleichen Kräften hätte der feindliche rechte den thebanischen linken Flügel überflügeln, ihn umklammern und in der Front und Flanke zugleich packen können. Ob, wenn das Treffen dieser Art verläuft, die tiefere Aufstellung die bessere ist, ist sehr die Frage: hält die feindliche Front stand, bis ihr überschießender Teil die Umfassung ausgeführt hat und die tiefere Kolonne nun von zwei Seiten angegriffen wird, so wird diese sich schwerlich behaupten. Die notwendige Ergänzung der tieferen Aufstellung auf[156] dem einen Flügel ist daher die Deckung der verkürzten Flanke durch Kavallerie. Von je hatte sich Böotien durch seine Reiter ausgezeichnet. Epaminondas aber brachte die beiden Waffen der Infanterie und Kavallerie in eine fruchtbare organische Verbindung. Denn jetzt, da der linke Flügel trotz seiner Verkürzung nicht flankiert werden konnte, konnte er mit dem ganzen Gewicht seiner Tiefe dem feindlichen rechten nicht nur widerstehen, sondern auf ihn fallen. Wie eine Triere, die ihren Gegner rammt, sagt Xenophon von der Schlacht bei Mantinea, so durchbrach die tiefe Kolonne der Thebaner mit ihrem Gewaltstoß die spartanische Phalanx.

Die Aufstellung des Epaminondas wird die schräge Schlachtordnung genannt; auch vorher waren die Phalangen, wie wir sahen, schräg gegeneinander vorgegangen, aber eine taktische Idee wurde die Schrägstellung erst dadurch, daß Epaminondas sie umkehrte, den rechten Flügel, der sonst verdrängte, künstlich zurückhielt und den linken vorschob, indem er ihn zugleich verstärkte. Früher hatten die beiden feindlichen Phalangen gleichmäßig den rechten Flügel vorgeschoben, so daß sie trotz der Schrägstellung doch Parallel-Treffen schlugen. Vermöge der Anordnung des Epaminondas trafen sie schräg, in spitzem Winkel aufeinander, so daß aus der Parallelschlacht eine Flügelschlacht wurde: nur der eine Flügel hat den Offensivstoß zu führen; der andere wird versagt, sucht sich möglichst lange dem Gefecht ganz zu entziehen, durch sein bloßes Dasein, bloßes Demonstrieren einen Teil der feindlichen Streitkraft zu beschäftigen und festzuhalten. Dazu gehören geringere Kräfte, und der andere, der Offensivflügel, kann mit dem Überschuß verstärkt werden, so daß hier eine künstliche Überlegenheit organisiert wird. Hatte er nun mit seiner Masse erst den rechten Flügel geworfen, so wich der linke, der sich ohnehin als der schwächere empfand, von selbst.

Die einzelnen Elemente dieser Taktik haben wir bereits früher beobachtet, namentlich die tiefe Kolonne und das Mitwirken der Kavallerie auf beiden Seiten der Thebaner in der Schlacht bei Delion (Kap. 1, § 7). Daß in der Schlachtordnung des Epaminondas eine neue Idee verkörpert ist, erkennt man an der Flügel-Anordnung. Hätte der thebanische Feldherr die Verkürzung und[157] Vertiefung des Flügels rechts vorgenommen, so wäre damit nichts Wesentliches erreicht worden: daß zunächst der beiden rechten Flügel siegten, hatte man ja schon oft erlebt und dazu keiner künstlichen Anordnung bedurft. Wertvoll wird alles erst dadurch, daß es dem eigenen linken Flügel den Sieg über den feindlichen rechten verbürgt.

Eine neue Idee pflegt ihre Kraft aber sofort nach mehreren Seiten zu entfalten. Bei Leuktra hatte das böotische Heer auf der linken Seite wahrscheinlich eine Flanken-Anlehnung, die wohlbedacht gesucht die Umklammerung erschwerte, und bei Mantinea war die schützende Kavallerie noch durch eigens darauf eingeübte Leichtbewaffnete, die Hamippen, unterstützt.

Als Zeichen der militärischen Einsicht Xenophons verdient noch hervorgehoben zu werden, daß er die Bedeutung des Epaminondas keineswegs allein in der neuen, von ihm erfundenen Taktik findet, sondern als besonders bewundernswert hervorhebt, »daß er das Heer gewöhnt hatte, keine Anstrengung zu scheuen weder bei Nacht noch bei Tage, keiner Gefahr sich zu entziehen und auch bei spärlichster Verpflegung die Disziplin zu bewahren.«

1. Die Grundlinien der Epaminondeischen Reform sind von RÜSTOW und KÖCHLY richtig erkannt und dargestellt. Im einzelnen ist einiges und nicht ganz unerhebliches zu verbessern. Generell ist namentlich zu beachten, daß nicht erst die Macedonier, sondern daß schon Epaminondas die Taktik der verbundenen Waffen konzipiert hat.

2. Im einzelnen ist es unrichtig, die Angabe Diodors, Epaminondas habe bei Leuktra 6000 Mann gehabt, zu kombinieren mit derjenigen Plutarchs, der den Spartanern 10000 Hopliten und 1000 Reiter gibt, und hieraus zu schließen, die Böotier hätten die doppelte Überlegenheit besiegt. Auch Diodor behauptet freilich, die Böotier hätten einen viermal stärkeren Feind überwunden, aber da derselbe Autor uns versichert, die Spartaner hätten 4000, die Böotier nur 300 Mann verloren, so sind seine Zahlenangaben als wertlos zu betrachten. Nach dem Verlauf der Schlacht ist nicht anzunehmen, daß ein Teil sehr wesentlich stärker gewesen sei, als der andere. Schon AD. BAUER hat mit Recht bemerkt, daß die Zahlen unzuverlässig seien; auch GROTE verwirft sie, nimmt aber trotzdem an, daß die Lacedämonier an Zahl überlegen gewesen seien. Ich sehe dazu keinen Grund. Die 6000 Böotier sind vermutlich mit dem »Zwölftel der 70000 Mann« im 24. Kapitel des Plutarch, Pelopidas, identisch.

RÜSTOW und KÖCHLY lassen ferner die gefährdete linke Flanke der Böotier nicht sowohl durch die Kavallerie gedeckt werden, als durch ein sehr[158] kompliziertes Manöver der Infanterie: während die Spartaner mit dem äußersten rechten Flügel schwenkten, um den Thebanern in die Flanke zu fallen, sei aus der Queue der thebanischen Kolonne Pelopidas mit der 300 Mann starken heiligen Schar herausgebrochen und habe seinerseits die Flanke und den Rücken der Lacedämonier bedroht. Diese Darstellung beruht auf einer Kombination der Erzählung bei Plutarch (Pelopidas cap. 19, cap. 23) mit derjenigen bei Xenophon, Hell. VI, 4. Auch AD. BAUER und H. DROYSEN haben diese Darstellung angenommen, letzterer mit dem Vorbehalt, daß man nicht wisse, wo Pelopidas vor seinem Eingreifen gestanden habe.

Hiergegen ist einzuwenden, daß von einem Herausbrechen des Pelopidas aus der Kolonne, noch weniger von einem Herausbrechen nach der Seite oder von einem Angriff auf die Flanke der Spartaner, bei Plutarch durchaus nichts steht. Es ist nur gesagt, daß der thebanische Angriff erfolgte, während die Lacedämonier schwenken wollten und infolgedessen nicht in Ordnung waren. Unmöglich hätte auch eine kleine Schar von 300 Mann, die sich von dem großen Haufen loslöste, eine solche Wirkung hervorbringen können. Den Spartanern wird das Zeugnis der größten Tapferkeit auch in dieser Schlacht nicht versagt; »alle Gefallenen seien auf der Vorderseite getroffen gewesen.« 300 Mann hätten das Schwenkungsmanöver einer großen Überzahl solcher Männer nicht aufheben können. Man kann auch weder annehmen, daß eine Improvisation des Pelopidas vorliegt – denn Epaminondas hat bei der Kürze seiner Front irgendwelche Vorsorge gegen die Umgehung treffen müssen; noch auch ein vorbereitetes Manöver, denn in diesem Falle hätte die Schar des Pelopidas nicht in der Queue der Kolonne, sondern als zurückgehaltene Staffel seitwärts der Kolonne gestanden, um deren Flanke zu decken. In diesem Falle wiederum müßte uns die Aufstellung ausdrücklich bereichtet werden. Mir scheint es keinem Zweifel zu unterliegen, daß Pelopidas mit der heiligen Schar an der Spitze der großen Kolonne gefochten hat und daß es nichts als rhetorische Ausmalung bei Plutarch ist, die anscheinend seinem Helden mit der heiligen Schar eine besondere Stellung gibt. Rüstow und Köchly aber haben geglaubt, in diesem Gefecht die Flankendeckung der großen Kolonne erblicken zu müssen, weil sie ganz richtig postulierten, daß eine solche vorhanden gewesen sein müsse, und eine direkte Nachricht darüber vermißten.

Ich denke jedoch, sie ist ohne Schwierigkeit aus Xenophon herauszulesen. Dieser, der ohnehin eine viel größere Autorität für uns hat als die vielleicht mehrfach vermittelte und speziell auf Pelopidas zugespitzte Schilderung bei Plutarch, Xenophon also legt alles Gewicht auf das vorhergehende Reitergefecht und die Tatsache, daß die Lacedämonier in diesem Gefecht geschlagen wurden. In seiner gekränkten Liebe zu den Spartanern begründet er es eingehend, daß und weshalb ihre Kavallerie nichts getaugt hätte. Daß nun, nachdem die lakonische Kavallerie geschlagen war, die Hopliten-Phalanx eine Schwenkung in die Flanke des Gegners angesichts[159] der siegreichen feindlichen Reiter nicht durchführen konnte, war ihm so selbstverständlich, daß er es gar nicht ausdrücklich erwähnte. Wir aber dürfen ohne Bedenken diesen Zug, der für unser Verständnis nicht fehlen darf, hinzufügen, statt in die wortreiche aber unklare Schilderung Plutarchs das künstliche und doch unzulängliche Manöver des Pelopidas hineinzukonstruieren.

Nach Xenophon war die lacedämonische Reiterei vor der Phalanx des Fußvolkes statt auf dem Flügel aufgestellt. Warum? Rüstow und Köchly sagen, »Xenophons Antwort auf diese Frage, ›weil das Terrain zwischen beiden Heeren eben war‹ – ist keine Antwort«, und erklären es ihrerseits so daß beim Vormarsch der Lacedämonier die Reiterei unabsichtlich vor das Fußvolk geraten sei. Mit Recht hat H. Droysen a.a.O. p. 99 dagegen eingewandt, daß der bestimmte Ausdruck Xenophons »προετάξαντο« diese Auslegung verbiete, und fragt: »hat Kleombrotas etwa hinter seiner Reiterei sein Fußvolk nach rechts ziehen wollen, um den böotischen Schlachthaufen in die Flanke und im Rücken zu fassen; hat dieselbe etwa warten sollen, bis das Fußvolk heraus war, um sich dann links (rechts?) an dasselbe anzuhängen, anstatt darauf loszugehen, ehe das ganze Heer antrat?«

Mit der bloßen Bemerkung, daß das Terrain zwischen den Heeren eben war, ist in der Tat nichts anzufangen; sie erscheint überflüssig, da die griechischen Hoplitenschlachten fast immer auf ebenem Boden ausgefochten wurden. Xenophon gibt aber auch, wenn man näher zusieht, keine absolute Kausalität. Die Stelle lautet:

»ἅτε καὶ πεδίου ὄντος τοῦ μεταξὺ προετάξαντο μὲν τῆς έαυτῶν φάλαγγος οἱ Δακεδαιμόνιοι τοὺς ἱππέας ἀντετάξαντο δ᾽αὐτοῖς καὶ οἱ Θηβαῖοι τοὺς ἑαυτῶν.«

Das auf »ἅτε« folgende »καὶ« zeigt, daß die »Ebene zwischen den Heeren nur ein unterstützendes, nicht das alleinige Motiv der Aufstellung war. Lockte aber die Ebene zwischen den Phalangen die Reiterei an, so ist anzunehmen, daß auf dem Flügel das Terrain weniger oder vielleicht gar nicht praktikabel war.«

Epaminondas hat also das Heer so aufgestellt, daß seine linke Flanke durch ein Terrain-Hindernis gedeckt war. Die spartanische Linie überragte die böotische, konnte sie aber des Terrains wegen nicht umklammern. Die spartanische Reiterei versuchte nun zunächst, die böotische zu vertreiben und setzte sich zu diesem Zweck vor ihre Hopliten, um diesen den Weg in die Flanke der böotischen Hopliten frei zu machen. Hätte das Terrain einen Angriff der überragenden Reiterei aus der Flanke gleichzeitig mit dem Vorgehen der Hopliten gestattet, so wäre der Fehler ganz unbegreiflich. War aber in der linken Flanke der Böotier ein Terrain-Hindernis, so ist alles erklärt. Die auffällige und ungenügende Begründung für die Aufstellung der spartanischen Reiterei, »weil das Feld zwischen dem Fußvolk eben war«, erscheint als der psychologische Rest der Gegenvorstellung, die der Autor im Sinn gehabt, aber vergessen hat zum Ausdruck zu bringen,[160] daß nämlich links von den Thebanern das Terrain unpraktikabel war. Immerhin ist diese Unterlassung so auffällig, daß eine Text-Verderbnis, das Ausfallen einiger Worte zwischen »ἅτε« und »καὶ« nicht unmöglich erscheint.

Die Darstellung bei Plutarch, Pelop. cap. 23, daß Epaminondas zuerst seinerseits die Spartaner zu umgehen und in der Flanke zu fassen versucht habe, ist als durchaus sachwidrig völlig zu verwerfen. Durch eine solche Bewegung hätte ja Epaminondas seine ohnehin kürzere Front völlig auseinandergerissen. Eine tiefe Kolonne, wie er sie gebildet hatte, kann nur zum Durchbrechen, nicht zu einer Flankenbewegung bestimmt sein. Dieser Passus zeigt am besten, daß die ganze Plutarchische Schilderung dieser Schlacht unbrauchbar ist.

Busolt, Hermes Bd. 40 S. 455 berechnet das Heer des Epaminondas auf etwa 6500 Hopliten, 6-800 Reiter und eine unbestimmte Anzahl Leichtbewaffnete; das lacedämonische Heer auf etwa 9260 Hopliten, mindestens 600 Reiter und einige hundert Peltasten. Auf beiden Seiten seien jedoch die Bundesgenossen unzuverlässig und widerwillig gewesen; die eigentliche Schlacht habe daher auf dem Kampf zwischen den etwa gleich starken Thebanern und Lacedämoniern beruht und hierbei sei die Überlegenheit auf Seite der Thebaner gewesen, da ihre Reiterei an Qualität die der Gegenseite weit übertraf.

Ich glaube nicht, daß hiermit die Elemente der Entscheidung von Leuktra richtig charakterisiert sind. Die gewaltige numerische Überlegenheit der Spartaner soll ausgeglichen sein durch den schlechten Willen vieler ihrer Kontingente. Die Erfahrung der Kriegsgeschichte aber lehrt, daß auch politisch recht unzuverlässige Kontingente, einmal in einen größeren militärischen Organismus eingefügt, sehr häufig (Rheinbund-Truppen) ihre militärische Pflicht voll erfüllt haben. Es muß schon geradezu der Abfall in Anzug sein; sonst ist die kriegerische Aktion selbst, die Gefahr und die Leidenschaft des Kampfes, der Ehrbegriff psychologisch stark genug, etwaige politische Antipathien zu überwinden und sogar gezwungene Bundesgenossen sehr wacker fechten zu lassen. Deshalb haben die großen Feldherren es so oft wagen können, auch widerwillige Bundesgenossen in einen Krieg mitzunehmen und sich durch sie zu verstärken. Die Erklärung des Sieges der Minderzahl über die Mehrzahl bei Leuktra ist daher in diesen Umständen nicht zu finden und auch nicht nötig, auf sie zurückzugreifen, da die Grundlagen der Berechnung nicht sicher genug sind, um die numerische Überlegenheit der Spartaner positiv zu behaupten.

Auch die sonstigen militärischen Betrachtungen Busolts in diesem Aufsatz sind nicht alle zutreffend, vortrefflich aber die Widerlegung der statistischen Berechnungen Kromayers, die mit derselben Schärfe zurückgewiesen werden, wie es gleichzeitig durch Beloch geschehen ist. (Vgl. oben S. 14 Anmkg. 2).

3. Auch die Darstellung der Schlacht von Mantinea ist bei Rüstow[161] und Köchly auf die Kombinierung der Xenophonteischen und Diodorischen Nachrichten aufgebaut. Aus Diodor wird die Nachricht entnommen, daß das Heer des Epaminondas 30000 Mann zu Fuß und 3000 Reiter, das spartanische 20000 Mann zu Fuß und 2000 Reiter stark gewesen sei. Wäre das richtig, so wäre der Sieg der Böotier weiter kein Kunststück gewesen, aber es liegt nicht der geringste Grund vor, einem so unzuverlässigen Mann wie Diodor diese Aussage zu glauben; der Verlauf der Schlacht zeigt nichts von der großen Überlegenheit der Böotier, und daß Xenophon von dieser Entschuldigung für die Niederlage der Spartaner nichts sagt, spricht direkt dagegen.

Über den Verlauf der Schlacht selbst sagen Rüstow und Köchly: »Xenophon beschäftigt sich eigentlich nur mit den Vorgängen auf dem linken Flügel des Epaminondas, erzählt übrigens trotz aller Weitschweifigkeit ungenau genug. Diodor hält sich wiederum vornehmlich an die Gefechte auf den Flügeln, an Reiterei und leichtes Fußvolk. So geben beide zusammen ein erträglich klares Bild der Schlacht.« Schon methodisch scheint mir diese Grundlegung unrichtig. Wenn, wie wir dem Xenophon unbedingt glauben dürfen, das Gefecht auf dem linken Flügel der Böotier mit der großen Kolonne »wie eine Triere« und der Reiterei den Ausschlag gab, wie können wir einem Schriftsteller trauen, der, wie Diodor es tut, hiervon so gut wie nichts erzählt, dahingegen den Epaminondas nach Art der trojanischen Helden (wie schon Grote sehr richtig bemerkt hat) kämpfen und fallen läßt? Sachlich wird das Schlachtbild dadurch verdorben, daß Diodor auf dem rechten Flügel der Böotier ein großes hin- und herwogendes Reitergefecht ausmalt. Die »schräge Schlachtordnung« kommt dadurch nicht zu ihrem Recht. Meines Erachtens darf von Diodor kein Zug angenommen werden; vermutlich ist (nach Grote) gerade diese Schlachtschilderung es gewesen, die das wegwerfende Urteil des Polybius über Ephorus begründete. Die Schlacht von Mantinea darf allein nach Xenophon erzählt werden, der ja aus seiner Vorliebe für die Spartaner kein Hehl macht und wie bei Leuktra die entschuldigenden Momente (Überfall) förmlich aufdrängt, aber ein viel zu gewissenhafter Schriftsteller und einsichtiger Soldat ist, um nicht doch ein sachlich richtiges Bild zu geben. Danach ist das Entscheidende bei Mantinea ganz wie bei Leuktra die Kombination der tiefen Infanterie Kolonne auf dem linken Flügel mit einer überlegenen Kavallerie durch eigene Leichtbewaffnete (Hamippen) und die Unterstützung des zurückgehaltenen rechten Flügels durch detachierte Abteilungen, die den feindlichen linken Flügel mit Flanken- und Rücken-Angriffen bedrohen und durch diese Demonstrationen so lange vom Angriff abhalten, bis die Entscheidung auf dem andern Flügel gefallen ist.

4. Daß Epaminondas den linken Flügel verstärkte und zum Angriffsflügel machte, hat, wie schon Rüstow erkannt und ich von ihm übernommen habe, seinen Grund in dem zufälligen, äußerlichen Umstand, daß in der[162] alten Phalangenschlacht, obgleich sie in der Idee eine Parallelschlacht war, beide rechte Flügel vorzudrängen pflegten. KROMAYER, Antike Schlachtfelder in Griechenland, I, 79 meint, das sei eine Verwechslung von »Rechtsziehen« und »Vordrängen des rechten Flügels« und nur das erstere sei in den Quellen überliefert. Diese angebliche Verwechslung entspringt nur dem ungenügenden Studium Kromayers sowohl in der Elementar-Taktik wie in den Quellen. Eine Phalanx, die sich nach rechts zieht, wird auch beim einfachen Vormarsch ganz von selbst mit dem linken Flügel »hängen«, d.h. zurückbleiben, um so mehr aber, wenn nun der beiderseitige linke Flügel sich vermöge des Rechtsziehens überflügelt und bedroht sieht, während umgekehrt der rechte, encouragiert durch sein in Aussicht stehendes Umklammern, eifrig draufgeht. Überdies standen bei den Griechen häufig die besten Truppen auf dem rechten Flügel. Auch quellenmäßig ist das Zurückbleiben des linken Flügels bezeugt in der Schlacht bei Koronea, Hellenika IV, 3, 15 ff., wo die Orchomenier auf dem äußersten linken Flügel des Agesilaus den Angriff der Thebaner erwarten, während die anderen Kontingente ihnen entgegengehen.

Mit der falschen Voraussetzung Kromayers fallen auch alle seine Folgerungen und es ist nicht der Mühe wert, weiter darauf einzugehen, um so weniger, als bei ihm eine klare Vorstellung wodurch denn nun eigentlich Epaminondas seinen schwächeren Flügel schützte, gar nicht zutage tritt. Bei der Rüstowschen Auffassung ist das Verhältnis einfach und deutlich: da der feindliche linke Flügel ohnehin etwas langsam und vorsichtig heranzugehen pflegte, brauchte Epaminondas bloß seinem rechten zu befehlen, sich ebenfalls zurückzuhalten, und dann gewann er für seinen linken Flügel den nötigen Vorsprung. Kromayer setzt an die Stelle dieser klaren Vorstellung unbestimmte allgemeine Betrachtungen über Gelände und pseudogelehrte falsche Vergleiche mit der Taktik Friedrichs des Großen. Hierauf werde ich zurückzukommen haben, wenn dies Werk bis zu Friedrich vorge schritten ist. Vgl. ROLOFF, Probleme a.d. griechischen Kriegsgeschichte S. 42 ff., wo Kromayer eingehend widerlegt ist.

Eben dort (S. 12 ff.) sind auch die Reflexionen Kromayers über Epaminondas als »Niederwerfungs-Strategen« widerlegt, die wieder ebensowohl dem mangelnden sachlichen Verständnis Kromayers für den Unterschied zwischen Niederwerfungs- und Ermattungs-Strategie, wie mangelhaftem Quellen-Studium entspringen. E. V. STERN (Lit. Zentr. Bl. 1903, Nr. 24, Sp. 777), der sonst vielfach Roloff zustimmt, glaubt in diesem Punkt, sich auf Kromayers Seite stellen zu müssen. Seine Gründe sind jedoch nicht stichhaltig.

Er vermißt das ausdrückliche Zeugnis dafür, daß Epaminondas so lange auf den Zuzug der Peloponnesier habe warten müssen, und meint, es sei ganz ausgeschlossen, daß so nahe Gemeinden wie Argos, Megalopolis usw. nicht zur Stelle gewesen seien.

Aber abgesehen davon, daß die von Roloff angeführte Stelle[163] (Hell. VII, 5, 9) doch wahrscheinlich diesen Sinn hat: weshalb hat denn Epaminondas es so lange verschoben, die Entscheidung zu erzwingen? Wenn alle seine Truppen oder auch nur die meisten zur Stelle waren, so hätte er ja eine erdrückende Überlegenheit gehabt, mit der er jede noch so starke Stellung umgehen konnte?

Stern findet es weiter sehr unwahrscheinlich, daß die vermißten Kontingente alle »wie auf Verabredung« innerhalb einiger Tage eingetroffen sein sollen. Warum denn nicht? Warum auch nicht auf Verabredung?

Stern findet weiter, daß Epaminondas, als er, statt eine Schlacht zu schlagen, den Zug gegen Sparta machte, mit Bestimmtheit hätte darauf rechnen können. Sparta zum Frieden zu bewegen, wenn es ihm nämlich gelang, die Stadt durch einen Handstreich zu nehmen, den Frauen den jungen Nachwuchs, die zurückgebliebenen Männer fortzuführen. Darauf ist zu erwidern, das Epaminondas ein recht elender Feldherr hätte sein müssen, wenn er so gedacht hätte: große Kriege werden nicht durch Handstreiche gegen unbefestigte Orte entschieden. Ob wirklich Epaminondas so viel Gefangene gemacht hätte, sei dahingestellt; denn die spartanischen Frauen usw. würden wohl rechtzeitig die Flucht ergriffen haben. Selbst wenn der Thebaner aber eine so große Beute gemacht – weshalb sollten die Spartaner mit ihren Bundesgenossen nachher die Schlacht gescheut haben, die doch erst endgültig über die Beute entschied? Ganz verkehrt erinnert Stern daran, daß die Spartaner nach der Gefangennahme der Ihrigen auf Sphakteria den Frieden angeboten. Da lagen die Verhältnisse ganz anders, denn sie sahen keine Möglichkeit, die Gefangenen zu befreien oder sonst den Athenern einen schweren Schlag zu versetzen. Das Heer des Epaminondas, durch seine Beute in seinen Bewegungen beschwert, konnte sich aber der Schlacht mit den rachedürstenden Spartanern nicht entziehen. Kein Zweifel also, daß Roloff recht hat, wenn er in diesem Zuge nicht einen ernsthaften Plan zur Besitznahme, sondern nur eine Demonstration zum Zweck des Zeitgewinns sucht, um seine Verstärkungen herankommen zu lassen.

Die ausführliche Schilderung der Schlacht von Mantinea bei Kromayer ist völlig wertlos, strotzt von sachlichen Verkehrtheiten und steht in Widerspruch mit den Quellen. Hier kann auch Stern nicht umhin, Roloffs Kritik zuzustimmen. Nicht einmal die Topographie des Schlachtfeldes hat Kromayer bei seinem Besuch mit Sicherheit bestimmt, da ihm erst nach seiner Rückkehr eingefallen ist, was festzustellen eigentlich nötig sei.

Auch die Entdeckung, die Kromayer gemacht zu haben meint, daß Epaminondas in besonderem Maße das Gelände berücksichtigt und verwertet habe, ist abzulehnen. Die Benutzung des Geländes haben schon Miltiades und Pausanias verstanden, und daß auch Epaminondas es benutzte, ist keine neue Entdeckung, sondern etwas Selbstverständliches und, so weit zu erkennen, auch in der obigen Darstellung herangezogen.[164]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 156-165.
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