Zur dritten Auflage.

[411] 1. An dieser Stelle habe ich in den beiden ersten Auflagen den vollständigen Bericht Appians über die Schlacht abgedruckt, um dem Leser Gelegenheit zu geben, diesen Bericht mit meiner Darstellung zu vergleichen und so eine unmittelbare Anschauung zu gewinnen, daß es bei den antiken Autoren Schlachtberichte gibt, die mit den wirklichen Vorgängen keinerlei Ähnlichkeit haben und einfach in toto verworfen werden müssen. Von diesem Appianschen Bericht leugnet das niemand, weil wir in der glücklichen Lage sind, aus einer andern Quelle die Wahrheit schöpfen zu können. Das genügt aber nicht. Wir müssen den Mut haben, offenbar legendäre Erzählungen auch dann zu verwerfen, wenn wir nicht in der Lage sind, Besseres an die Stelle zu setzen. Den Entschluß hierzu zu finden ist nicht leicht, und nur ganz allmählich gewöhnt sich die wissenschaftliche Welt an die richtigen Maßstäbe. Ich empfehle zu diesem Zweck dringend die Lektüre jenes Appianschen Berichts, muß ihn aber hier um der Raumersparnis willen unterdrücken.

2. VEITH in dem von ihm bearbeiteten Bande (III, 2) der »Antiken Schlachtfelder« hat sich taktisch wie strategisch in den Grundzügen der von mir und Konr. Lehmann gebildeten Auffassung des Feldzuges von 202 angeschlossen und durch eine überaus sorgsame geographische und topographische Untersuchung auch den Ort der Schlacht so weit wie möglich festgestellt. Im Besonderen setzt auch er die Schlacht nicht bei Zama, sondern bei Naraggara an und sieht die rettende Wendung für die Römer in der von Scipio in Spanien ausgebildeten Treffen-Taktik und in der Rückkehr der von den Puniern zuerst fortgelockten Kavallerie. Was er aber darüber hinaus aus der Polybianischen Darstellung annimmt oder herausspinnt, dem kann ich nicht zustimmen.[411]

Veith findet, daß Lehmann und ich der Polybianischen Darstellung zu viel Skepsis entgegenbringen; der einzige effektive Irrtum in ihr sei der Widerspruch, daß das Treffen der karthagischen Bürger einmal als feige und dann als tapfer geschildert werde; das sei aber nur eine Erklärung für ihr Verhalten und nicht eine Tatsache, und ein solcher Irrtum sei immerhin verzeihlich. Mir scheint gerade umgekehrt, daß eine vereinzelte falsche Tatsache eher entschuldbar wäre, als eine Erklärung, die überlegt sein will und doch so offenbar absurd ist, daß sie sich selbst aufhebt. Aber wie dem auch sei, daß Hannibal eben daran gewesen sei, die Schlacht zu gewinnen, obgleich seine beiden Treffen sich untereinander bekämpften, und die Zurückziehung des ersten römischen Treffens, weil das Schlachtfeld mit Blut und Leichen bedeckt gewesen sei, das sind Fabeleien, die sichtlich ganz aus derselben Rüstkammer stammen, wie die Perücken Hannibals, das Rudern auf dem Lande, die Ebbe, die bei Neu-Karthago am Nachmittag einzutreten pflegt, und so vieles andere, was Polybius trotz seines kritischen Blickes seinen Quellen unbedachtsamer Weise nachgeschrieben hat. Die taktischen Evolutionen aber, die Veith auf solches Nachrichten-Material aufbaut, sind nichts als Phantasie-Gebilde. Sie müssen es um so mehr sein, da dabei die Abwehr der angeblichen 80 Elefanten Hannibals eine große Rolle spielt und Veith selber bei der Stärke- Berechnung (S. 681) zu dem Ergebnis kommt, daß die Karthager nicht mehr als 15-20 dieser Tiere gehabt hätten. Um dieser wenigen Elefanten willen soll Scipio die übliche römische Schlachtordnung tiefgreifend verändert haben. Das ist um so weniger glaublich, als die Elefanten nicht gegen die Infanterie, sondern gegen die Kavallerie verwendet zu werden pflegten. Veith meint (S. 691), Scipio habe die Absicht Hannibals, die Elefanten in dieser Schlacht gegen die Infanterie zu verwenden, von weit her erkennen können, da die Elefanten vorn standen, also auch zuerst aufmarschiert waren. Ich kann Hannibal einen solchen Mangel an Vorsicht nicht zutrauen. Wenn er etwas ungewöhnliches tun wollte, so war es klar, daß es überraschend doppelt wirksam sein mußte. Hannibal hätte also befehlen müssen, daß die Elefanten sich zuerst wie gewöhnlich bei den Reitern aufstellen und erst im letzten Augenblick vor die Infanterie trabten; es gehörten ja nur einige hundert Schritt Weges dazu. Wenn nicht schon der ganze Aufbau, so würde diese Erwägung deutlich beweisen, daß die ganze Elefanten-Geschichte mit den im voraus gebildeten Gassen in der römischen Schlachtordnung zum Durchlaufen, die die Elefanten auch gehorsamst benutzen, ein Märlein ist. Wozu Hannibal sie tatsächlich und allem Anschein nach mit Nutzen gebraucht hat, ist oben dargelegt.

Daß in dem ganzen afrikanischen Feldzug strichweise die bewußte Erfindung eines Kunstdichters vorliegt, hat KONR. LEHMANN nachträglich direkt erwiesen, indem er als Quelle der Spionengeschichte die Parallel-Erzählung bei Herodot aufgedeckt hat (Jahrb. f. klass. Philol. 1896, Bd. 153, Nr. 68). Polybius war kritisch genug, den natürlich aus der derselben Quelle stammenden[412] Zweikampf zwischen Scipio und Hannibal auszulassen; daß aber die Spionen-Anekdote, die persönliche Unterredung der beiden Feldherren, der Kampf der Punier untereinander und der vor Blut und Leichen ungangbare Boden alle ebensowenig glaubwürdig sind, ist ihm entgangen. Der alte Laelius selber, bei dem sich wirkliche Erinnerung und Bilder aus der Ennianischen Dichtung verwischten, mag es ihm erzählt haben, und da hat seine Kritik geschwiegen. Hat doch sogar Thucydides sich durch seinen spartanischen Gastfreund mit der Geschichte von dem Landesverrat des Pausanias täuschen lassen.

Eine wesentliche Abweichung Veiths von meiner Auffassung liegt darin, daß er nicht annimmt, Scipio sei aus der Gegend von Zama bis Naraggara ausgewichen, um sich mit Masinissa zu verstärken, sondern habe sich schon vor Hannibals Annäherung in dieser Gegend befunden. Sollte dem so sein, so würde in merkwürdiger Weise die strategische Leistung nicht nur des einen, sondern beider Feldherren sinken. Der ungeheure Entschluß Scipios zum Abmarsch in einer Richtung, die keinen Rückzug mehr bot, fällt weg, und auf Hannibal fällt der Vorwurf, daß er ohne durchschlagenden Grund von Hadrumet aufbrach und die Entscheidung herausforderte, ehe er seine Rüstungen vollendet hatte. Denn war Scipio, als die Karthager von Hadrumet aufbrachen, in der Gegend von Zama, so hatte er Aussicht, ihn mit Übermacht zu schlagen, und sein vorzeitiges Losbrechen ist gerechtfertigt; war Scipio aber schon in der Gegend von Naraggara, so sprach die Präsumtion für seine Vereinigung mit Masinissa, und es war kein Grund, nicht erst die Rüstungen zu vollenden, ehe man in den Feldzug eintrat.

Diese, so zu sagen, Reduzierung der beiden welthistorischen Größen ist natürlich kein Grund gegen die Tatsachen, wenn sie sonst glaublich zu machen wären. Das ist aber nicht der Fall. Die Erwägungen, die Veith dagegen anführt (S. 639), sind sehr unklar und haben jedenfalls keinerlei Beweiskraft. Es ist ein ähnlicher Fall, wie mit der Schlacht auf dem Lechfelde, wo auch die welthistorische Größe Kaiser Ottos sehr wesentlich davon abhängt, ob die Schlacht auf dem rechten oder linken Ufer stattgefunden hat.

Veith (S. 641) will meine Annahme, daß Scipio selbst hinterher die unerhörte Kühnheit seines Abmarsches nach Naraggara nicht ganz eingestanden habe, als psychologisch sehr unwahrscheinlich ablehnen, da der Erfolg in den Augen der Mitwelt noch mehr als der Nachwelt rechtfertige. Ich kann diese angebliche psychologische Unwahrscheinlichkeit mit historischen Analogien belegen. Als Napoleon 1800 den Österreichern in den Rücken marschiert war und sie abzuschneiden suchte, hatte er die Kühnheit, seine Armee auf die verschiedenen Straßen, die die Österreicher benutzen konnten, zu verteilen, um sie unter allen Umständen zu fassen. Die Folge war, daß er in die äußerste Gefahr kam, bei Marengo geschlagen zu werden, ehe der detachierte Desaix anlangte. Es ist Napoleon aber nicht eingefallen,[413] sich nach dem Siege seiner Kühnheit zu rühmen (wozu er durchaus berechtigt gewesen wäre), sondern er hat die Schlachtberichte sogar direkt fälschen lassen, um an die Stelle der Kühnheit kluge Voraussicht zu setzen. Ein anderes Beispiel. Die größte strategische Tat Moltkes ist unzweifelhaft der Einmarsch in Böhmen in zwei getrennten Armen auf die Gefahr hin, daß die eine von der Hauptmacht der Österreicher angefallen werden konnte, ehe die andere zur Stelle war. Obgleich der Einmarsch glänzend gelang, hat die militärische Kritik der Besserwisser sich keineswegs dem Erfolge gebeugt, sondern immer wieder nachweisen wollen, daß nur unerhörtes Glück oder unerhörtes Ungeschick des Gegners ihm den Sieg in den Schoß geworfen habe, und der Feldmarschall hat selbst zur Feder gegriffen (1867), um sich dagegen zu verteidigen.

SANN, Untersuchungen zu Scipios Feldzug in Afrika204, S. 24 widerlegt recht gut die Gründe, weshalb Veith Scipio nach Naraggara ziehen läßt. Was er aber selber anführt, um die Aufstellung Scipios bei Zama zu rechtfertigen, ist ebenso wenig haltbar. Er meint nämlich, Scipio habe auf diese Weise den Anmarsch Masinissas decken wollen. Das wäre sehr verkehrt gewesen. Woher kam denn Masinissa? Doch wohl aus dem Westen. Statt das römische Heer der Gefahr auszusetzen, in seiner deckenden Aufstellung selber mit Übermacht angefallen zu werden, hätte Scipio die Numider einfach angewiesen, auf einer der angeführten, nördlicheren Straßen an das römische Heer heranzuziehen.

Man wird die Kontroverse so formulieren müssen. Wenn die Schlacht bei Naraggara stattgefunden hat, so ist Scipios Marsch in diese Gegend nicht anders zu erklären, als daß er, aus der Not eine Tugend machend, Rettung und Sieg in der Kühnheit suchend, vor Hannibal bis dahin zurückgewichen ist, um sich mit Masinissa zu vereinigen. Veiths Erklärung, daß er freiwillig dahin marschiert sei, ist ungenügend. Hat die Schlacht bei Zama stattgefunden, so sieht man nicht, weshalb Hannibal sie geschlagen hat. Er hatte noch ein erhebliches Reiterkorps unter Vermina zu erwarten, das tatsächlich einige Wochen nach der Schlacht bei ihm eingetroffen ist. Daß er bei Noraggara schlug, obgleich er vermutlich wußte, daß nunmehr Scipio und Masinissa sich vereinigt hatten, ist natürlich, nachdem er einmal so weit vorgerückt war und Scipio in die denkbar ungünstigste strategische Lage gebracht hatte; standen sich aber die beiden Heere in der Gegend von Zama gegenüber, so verlor Hannibal wenig und gewann viel, wenn er die Entscheidung noch einige Wochen hinauszögerte und mittlerweile sich durch die so dringend notwendigen Reiter Verminas verstärkte. Veith hat also Recht, insofern er Zama als Ort der Schlacht ablehnt; er hat aber Unrecht, insofern er für Naraggara ein ungenügendes Motiv (Plünderungszug bis in diese Gegend) annimmt.[414]

Ein Mißverständnis VEITHS ist es, wenn er meint (S. 658), das Manöver Scipios, seine Front aus dem zweiten (oder dritten) Treffen zu verlängern, sei nach meiner Meinung den Karthagern unverhofft gekommen. Ich sage ja selber, daß Scipio die Treffentaktik schon in Spanien ausgebildet und in der Schlacht auf den großen Feldern angewandt hatte. Selbstverständlich hat Hannibal das gewußt, war also auch auf die Bewegungen, wie Scipio sie machte, vorbereitet. Nichtsdestoweniger rechnete er auf den Sieg und durfte einigermaßen auf den Sieg rechnen, da er ja an Infanterie überlegen war, und er hätte auch nach dem eigenen Zeugnis der Römer vermöge dieser Überlegenheit den Sieg gewonnen, wenn nicht die römisch-numidische Kavallerie zurückgekommen und ihm in den Rücken gefallen wäre.

Eines der wesentlichsten Ergebnisse meiner Untersuchungen zum antiken Kriegswesen ist die Feststellung, daß die Römer die Treffentaktik erst im zweiten punischen Kriege durch Scipio ausgebildet haben. Der erste, der, während Mommsen sich ganz ablehnend verhielt, zustimmte, war FRÖHLICH in der Schrift »Die Bedeutung des zweiten punischen Krieges für die Entwicklung des römischen Heerwesens«, 1884. Auch Kromayer und Veith haben sich jetzt auf diesen Standpunkt gestellt »Scipios Zerlegung der römischen Schlachtaufstellung in drei der Tiefe nach selbständige Treffen und seine glänzenden, erst dadurch möglich gewordenen Flankenevolutionen sind es gewesen, die dem großen Gegner den Sieg aus den Händen wanden«, schreibt Kromayer.205 Das ist durchaus richtig, steht aber in Widerspruch mit der Vorstellung, die Kromayer sonst vertritt, daß die Römer von je die Kunst verstanden hätten, in ganz kleinen taktischen Körpern, den Manipeln, zu manövrieren. Wer diese Kunst kannte, für den waren auch Flankenbewegungen, wie sie Scipio bei Naraggara ausführte, nicht nur nichts Besonderes, sondern einfach wie das tägliche Brot; ja man muß sogar sagen, die Scipionische Ordnung wäre kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt, keine Verfeinerung, sondern eine Vergröberung gewesen. Dem Eindruck, daß zwischen der hilflosen Plumpheit der römischen Taktik bei Cannä und den Manövern von Naraggara eine fundamentale Reform liegen und daß hier eine der großen Taten Scipios gesucht werden müsse, haben sich auch Kromayer und Veith nicht entziehen können. Indem sie nun aber gleichzeitig die wundersame Feinheit der angeblichen uralten römischen Quincunx-Taktik festhalten wollen, sind sie in den unlösbaren inneren Widerspruch geraten.

Als ich meine Entdeckung, wie ich es bezeichnen darf, zuerst veröffentlichte (in der Histor. Zeitschr. Bd. 51; 1883), war ein Haupteinwand, den ich mir selber machte, daß Polybius von einer Wandlung der römischen Infanterietaktik im zweiten punischen Kriege nicht nur nichts berichtet, sondern auch offenbar nichts davon weiß. Heute ist alles so weit geklärt, daß dieser Einwand wohl von keiner Seite mehr erhoben werden wird; auch Kromayer[415] hat sich ja in diesem entscheidenden Punkt jetzt meiner Auffassung angeschlossen. Wer die Tatsache aber recht erwägt, daß ein Mann wie Polybius über einen so fundamentalen Vorgang wie die Scipionische Heeresreform im Unklaren gewesen ist, der wird sich der weiteren methodologischen Folgerung nicht verschließen, daß wir alle die Einzelnachrichten und Redewendungen über taktische Vorgänge bei den antiken Schriftstellern mit der äußersten Skepsis betrachten müssen. Wie wenig sich Zeitgenossen fundamentaler Wandlungen in der Taktik bewußt sein können, sogar spezifische Militär-Schriftsteller, darüber vergleiche man jetzt im vierten Bande dieses Werkes die Betrachtungen des vortrefflichen, urteilsfähigen Hoyer über das Kriegswesen der französischen Revolutionsheere. Auch daß man hundert Jahre nach Friedrich im preußischen Generalstab dessen Strategie nicht mehr kannte, darf hier angezogen werden.[416]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 411-417.
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