Einleitung.

[321] Der zweite punische Krieg ist in der Geschichte der Kriegskunst epochemachend. Während wir die erste große Abwandlung der römischen Taktik, anders ausgedrückt, die Herausbildung der spezifisch-römischen, der Manipular-Taktik aus der allgemeinform der Hopliten-Phalanx nur prinzipiell festzustellen, aber nicht eigentlich konkret in bestimmten Gefechten bisher zu beobachten, noch chronologisch zu fixieren vermochten, so zeigt uns der zweite punische Krieg das letzte massive Auftreten dieser Fechtart in gewaltigen Schlachten, ihre Niederlage, ihre Unzulänglichkeit und die Umbildung zu einer neuen Taktik, deren technische Kunst den Römern binnen zwei Generationen die Weltherrschaft gibt. Das Glück will, daß uns die Kenntnis dieser Ereignisse auch ausführlich und anschaulich erhalten ist. Ihre Erzählung ist es, die Polybius den Ruhm und die Autorität eines großen Historikers verliehen hat. Von hier an war er in der Lage, so zu sagen in echtem Material zu arbeiten. Fabius Pictor, der ihm nach wie vor für die römische Seite als hauptsächlichster Führer dient, erzählt jetzt als Zeitgenosse und Teilnehmer an den Ereignissen; er war während des Krieges römischer Senator. Für die karthagische Seite aber berichtete ihm ein Grieche, der im Gefolge Hannibals dessen Taten beschrieb: die Schilderung der Schlacht bei Cannä ist so, daß sie nur von einem ganz großen Manne herrühren kann: ich habe keinen Zweifel, daß wir hier die eigene Erzählung, vielleicht ein Diktat Hannibals selber vor uns haben.

Die Gründe für diese Vermutung werden unten entwickelt werden; mehr als eine Vermutung mag es nicht sein, aber schon die bloße Möglichkeit stimmt uns zu einem Gefühl von Ehrfurcht, indem wir auf diese Blätter blicken: die Stadt der Karthager ist zerstört worden, und kein Stein ist auf dem andern geblieben; das[321] ganze Volk ist ausgerottet worden, und kein Denkmal seines Daseins, keine Schrift, kaum ein Laut seiner Sprache ist erhalten worden und hat einen Platz in den Erinnerungen der Menschheit. Nur die Historie erzählt von der Löwenbrut des Hamilkar und verfolgt das Leben Hannibals von dem Schwur des neunjährigen Knaben bis zu seinem Tode, bis zu dem Sterben des durch die Welt gehetzten, lebensmüden Greises von eigener Hand. Es ist wie eine Bereicherung der Menschheit, wenn wir uns vorstellen, daß wir in der Schilderung seines größten Sieges einen unmittelbaren Ausdruck des Geistes dieses Helden, das einzige verwehte Blatt aus dem Dasein des einst so gewaltigen, um die Weltherrschaft kämpfenden Karthago in der Hand halten.

Für die letzten Jahre dieses Krieges versagt diese Quelle, aber im Kreise des jüngeren Scipio, wo er lebte, konnte Polybius noch die lebendige Überlieferung selber auffangen und festhalten. Auf der Höhe des ersten Teiles steht diese Erzählung nicht; man erkennt wiederum, daß Polybius abhängiger von seinem Material ist, als es scheint,170 aber trotz aller Einwendungen, die zu erheben sind, bleibt doch die Erzählung so, daß wir nach vorsichtiger kritischer Scheidung den Dingen auf den Grund zu sehen vermögen.

Karthago war den Römern in dem ersten großen Ringen weniger zu Lande als zu Wasser unterlegen. Wenn nun die karthagischen Patrioten, an ihrer Spitze Hamilkar Barkas, erwogen, wie sie eine künftige Wiederholung des Kampfes mit Rom bestehen sollten, so liegt es nahe, zu sagen, daß es für Karthago, die alte Handelsstadt, das Natürlichste gewesen wäre, das unbedingte Übergewicht zur See anzustreben. Aber der eben bestandene Krieg hatte anders gelehrt. Den zahlreichen unter Rom vereinigten Seestädten Italiens gegenüber, um so mehr, seit auch Sizilien mit seinen vielen Handelsstädten und Häfen dazu gehörte, war es für Karthago von vornherein ausgeschlossen, die wirkliche See-Überlegenheit zu gewinnen, und selbst wenn es, wie es ja im ersten punischen Kriege geschehen war, zeitweise gelang, so war damit wenig geleistet, wenn man nicht durch einen[322] Landkrieg den Vorteil auszunützen und Rom direkt niederzukämpfen vermochte. Um sich nicht bloß zu behaupten, sondern auch über Rom einmal siegen zu können, mußte Karthago vor allem ein überlegenes Landheer schaffen und mit ihm Rom am Sitze seiner Macht selber angreifen.

Dieses Heer zu bilden und zugleich Karthago einen Ersatz für die verlorene Herrschaft in Sizilien zu geben, zog Hamilkar aus, um Spanien zu erobern. Hannibal war als sein Sohn auch der Erbe seiner Idee, ähnlich wie Alexander von Macedonien der Sohn und Erbe Philipps. Hannibal hat die Römer in wiederholten großen Schlachten besiegt und Rom dem Untergange nahe gebracht. Zur See aber blieb Rom der stärkere Teil, und wir werden sehen, wie wichtig das für den endlichen Ausgang geworden ist.

Es ist nicht die Aufgabe einer Geschichte der Kriegskunst, diese Ereignisse im einzelnen darzustellen – das würde zu einer immer mehr in die Breite gehenden allgemeinen Kriegsgeschichte führen –, sondern nur zu untersuchen und festzustellen, welche neuen Formen und Erscheinungen etwa die Kriegskunst in dieser Epoche zeigt, wie der strategische Genius des Karthagers die überlieferten Formen der Kunst handhabt und fortbildet. Wenn wir bisher jede bedeutsamere Kriegshandlung in den Kreis unserer Betrachtung gezogen haben, so durfte und mußte das geschehen, weil das Überlieferte nur gerade ausreichte, den Fortgang der Entwicklung zu erkennen und anschaulich zu machen. Von jetzt an fließen die Quellen so viel reicher, daß es genügt, einzelne typische Ereignisse herauszugreifen; es muß das aber auch genügen, da die Kriegführung jetzt, wo sich sehr große, gleichartige und ebenbürtige Gegner gegenüberstehen, so kompliziert wird, daß die Untersuchung jeder einzelnen Aktion ins Grenzenlose führen würde.

Zunächst haben wir das Taktische festzustellen: worauf beruhte die Überlegenheit, die die Truppen Hannibals den Römern gegenüber im Gefecht zeigen? Dieses taktische Moment vor allem, die Zuversicht, die Römer in der offenen Feldschlacht zu besiegen, muß die Strategie Hannibals beherrscht haben. Ganz wie wir aus den taktischen Verhältnissen die strategischen Entschlüsse Miltiades', Themistokles', Pausanias', Perikles' zu erklären vermochten,[323] so muß für Hannibals Verhalten, seine anfänglichen Siege, seinen endlichen Nicht-Erfolg hier der Schlüssel gesucht werden. Wir gehen daher nicht chronologisch vor, sondern suchen zunächst dasjenige kriegerische Ereignis auf, in dem die spezifische taktische Überlegenheit des karthagischen Heeres über das römische am klarsten und prägnantesten zu erkennen ist. Das ist die Schlacht bei Cannä. Die anderen Schlachten und Gefechte brauchen wir nur so weit zu behandeln, als nötig ist, um festzustellen, ob sie mit dem, was wir als das Typische der Schlacht bei Cannä auffassen, übereinstimmen. Erst wenn wir durch diese Vergleichung das eigentlich Charakteristische, die Taktik der beiden Parteien mit Sicherheit festgestellt haben, können wir uns der Untersuchung der Strategie zuwenden.


1912 ist erschienen der dritte Band von KROMAYERS »Antiken Schlachtfeldern«, die erste Hälfte enthaltend »Italien«, bearbeitet von Kromayer, die zweite, enthaltend »Afrika«, bearbeitet von G. VEITH. Der zweite punische Krieg nimmt naturgemäß den größten Raum ein. Ich habe über die früheren Bände dieses Werkes recht abfällig geurteilt und muß auch jetzt sagen, daß im Verhältnis zu dem großen aufgewandten Fleiß und der auf die topographischen Untersuchungen an Ort und Stelle aufgewandten Mühe die brauchbaren Ergebnisse nur gering sind. Immerhin ist in bezug auf das strategische Räsonnement jetzt ein wesentlicher Fortschritt festzustellen; im besonderen gilt dies von Kromayers populärem Büchlein »Roms Kampf um die Weltherrschaft« (B. G. Teubner), das viel Vortreffliches enthält. Der Fehler steckt im Taktischen, dessen der Verfasser noch immer nicht Herr geworden ist. Wenn er auch eine Reihe meiner Ergebnisse jetzt angenommen hat, so ist er damit doch nicht zu klaren Anschauungen gelangt, sondern, indem er gleichzeitig die alten Philologen-Konstruktionen festhält, in innere Widersprüche geraten. Einige Einzelergebnisse konnte ich nichtsdestoweniger mit Dank aufnehmen.

Fast ganz dem zweiten punischen Kriege ist gewidmet die »Geschichte der Karthager von 218 bis 146« von ULRICH KAHRSTEDT (dritter Band des Werkes von MELTZER). 1913. Das Buch ist hochtrabend und verschwommen, die Ergebnisse durchweg unbrauchbar. Die Zahlenberechnungen, sei es für die Stadt Karthago, sei es für die Heeresstärken sind, wie Kromayer in dem Gött. Gel. Anz. 1917, Nr. 8 (S. 479 ff) schlagend nachgewiesen hat, nicht nur unrichtig, sondern entbehren auch jeder wirklichen Anschauung, wenn er z.B. die Römer ein Heer von einer Legion gegen Hannibal nach Spanien senden und die Karthager nach Cannä von zwei[324] römischen Legionen allmählich niedergekämpft werden läßt. Ich will nicht verhehlen, daß Ed. Meyer dem Buche nachrühmt, daß es »das Verständnis des hannibalischen Krieges ganz wesentlich gefördert« habe, stelle ihm aber das Urteil Kromayers (S. 467) gegenüber, daß ihm »das ganze Verständnis des italischen Krieges nach Cannä verschlossen geblieben« sei.

ED. MEYER hat in den Sitz.-Ber. d. Berl. Akad. drei »Untersuchungen z. Gesch. d. zweiten punischen Krieges« veröffentlicht. 1913, S. 688. 1915, S. 937. 1916, 1068. Wenn er in der letzten S. 1069 sagt: »Auch sonst ist ja MOMMSENS Urteil über militärische Fragen und die Kriegsgeschichte nur zu oft ganz unhaltbar; diese Dinge lagen ihm offenbar an sich ganz fern«, – so kann man dem zustimmen. Es gilt aber auch von anderen Historikern.

Über die Untersuchung von DESSAU s. unten, Cannä, Exkurs 3.[325]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 321-326.
Lizenz:

Buchempfehlung

Weiße, Christian Felix

Atreus und Thyest. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Atreus und Thyest. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Die Brüder Atreus und Thyest töten ihren Halbbruder Chrysippos und lassen im Streit um den Thron von Mykene keine Intrige aus. Weißes Trauerspiel aus der griechischen Mythologie ist 1765 neben der Tragödie »Die Befreiung von Theben« das erste deutschsprachige Drama in fünfhebigen Jamben.

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon