Erstes Kapitel.

Das Heerwesen Justinians.

[361] Während wir über die Geschichte des zweiten und dritten Jahrhunderts sehr dürftig unterrichtet sind, hat uns im vierten, von der Schlacht bei Straßburg bis zur Schlacht bei Adrianopel Ammianus Marcellinus die Möglichkeit eingehenderer Kenntnis und Betrachtung geboten. Das fünfte Jahrhundert ist wieder einsilbig, im sechsten aber erscheint noch einmal ein historischer Erzähler im großen Stil, Procop von Cäsarea, dem, mit seinem Fortsetzer Agathias, wir die Geschichte der Kriege Belisars und Narfes' verdanken, die Erzählung von dem Untergang der Vandalen und Ostgoten.

Procop war der Sekretär Belisars und hat einen großen Teil der Kriege im Gefolge des Feldherrn mitgemacht. Er ist nicht nur vorzüglich unterrichtet, sondern hat sich an den größten Mustern gebildet und sie nachgeahmt, Herodot und Polybius. Sein kritisches Vermögen ist gering, aber das tut seinem Quellenwert noch nicht so sehr viel Eintrag; nicht nur ist es ja bei Herodot dasselbe, sondern selbst bei Polybius haben wir die kritische Kraft erheblich geringer gefunden, als bisher allgemein angenommen worden ist. Wenn nun aber, auch abgesehen von diesem Mangel, Procop manches vermissen läßt und als Quelle nicht ganz so viel und so Reines gibt, wie man hoffen dürfte, so liegt das, soweit es die Zwecke dieser unserer Untersuchungen betrifft, nicht etwa an Unwahrhaftigkeit (die freilich auch nicht ganz auszuschließen ist) oder Einseitigkeit.226 Aber es ist, wenn auch die Rhetorik, die aus[361] Tacitus einen militärisch fast unbrauchbaren Quellen-Schriftsteller gemacht hat, verschwunden ist, doch die Neigung geblieben, daß der Schriftsteller, statt die Dinge selber reden zu lassen, sich bestrebt eindrucksvoll zu schildern, selbst auf Kosten der objektiven Vorgänge. Man fühlt sich oft genug bei Procop an die Erzählungen Herodots erinnert, und bliebe es dabei, so würde er als Quelle viel wertvoller sein als der Vater der Historie, da dieser doch nur aus dem Volksmunde, Procop aber aus dem Augenschein und direkt bei den handelnden Personen, den Feldherren, schöpfte. Aber zuletzt sind wir bei Herodot doch öfter der Wahrheit näher, als bei Procop, weil jener sich der eigenen Zutat enthält, während Procop nach dem Maße seiner Einsicht Zusammenhänge zu schaffen und Bilder, man möchte sagen, Tableaus zu geben bestrebt ist. Ich möchte die beiden Darstellungen vergleichen mit einem natürlichen und einem stilisierten Pflanzen- oder Tierbilde: jenes gibt die Natur wieder, so gut es der Künstler vermocht hat; dieses, in bestimmte Formen gepreßt, läßt die Natur nur noch mittelbar erkennen. So nahe Procop den Dingen stand und so hoch sein Werk zu schätzen ist, so darf er als Quelle doch nur mit aller Vorsicht und Umsicht benutzt werden.227

Die Umwandlung der alten Kaiserlegionen in Söldnerbanden, die wir im vierten Jahrhundert wohl erschließen und beobachten, aber bei dem Stande der Quellen doch nur wie durch einen Schleier erkennen konnten, liegt dank der Erzählung Procops im sechsten Jahrhundert im hellen Licht der Geschichte deutlich vor unseren Augen.228 Die Feldherren und Generale sind, wie man treffend bemerkt hat, zugleich Kondottieri im Sinne einer späteren Epoche: sie haben Truppen um sich, die auf ihren eigenen Namen geworben sind; Hypaspisten, buccellarii werden sie genannt. Als »Leibwachen« kann man sie nicht wohl bezeichnen, da die Zahl oft[362] mehrere tausend Mann beträgt. Eine »Wache« ist auch nicht der Sinn der Institution, die vielmehr darauf beruht, daß das Söldnerwesen sich leichter administriert, wenn der Führer zugleich der Unternehmer, der Mittelsmann für das Geschäft des Kriegsdienstes ist. Die eigentlich-persönliche Umgebung des Feldherrn bilden die Doryphoren, die man zugleich als Stab, Adjutanten, Ordonnanzen und Leibwache bezeichnen kann. Neben den Korps der Hypaspisten, deren nationale Zusammensetzung nicht erhellt, finden wir in den Heeren Justinians Landsmannschaften der verschiedensten Art: Hunnen, Armenier, Isaurier, Perser, Heruler, Langobarden, Gepiden, Vandalen, Anten, Slaven, Araber, Mauren, Massageten.

Die operierenden Heere sind ganz klein. 25000 Mann hatte Belisar, als er seinen Sieg über die Perser bei Daras erfocht (530). Mit nicht mehr als 15000 Mann landete er in Afrika, und von diesen 15000 genügten die 5000 Reiter, die dabei waren, die Vandalen im freien Felde zu besiegen. Noch kleiner ist das Heer, mit dem Belisar nach Italien ging, um das ostgotische Reich – 11 Jahre nach dem Tode Theoderichs – zu zerstören: es waren nicht mehr als 10-11000 Mann. Mit allem Nachschub im Laufe von fünf Jahren sind es doch zuletzt nicht mehr als etwa 25000 Mann, die tatsächlich die Gotenherrschaft in Italien 539 gestürzt haben, und kaum so viel hatte Narses, als er nach der Wiedererholung der Goten zur Bekämpfung des Totilas über das Meer ging; in der entscheidenden Schlacht bei Taginä mag er etwa 15000 Mann stark gewesen sein.

Ein zeitgenössischer Schriftsteller, Agathias (V, 13), berechnet, daß das römische Gesamtheer 645000 Mann hätte stark sein müssen, daß jedoch unter Justinian tatsächlich nur 150000 Mann vorhanden gewesen seien.229 Die erstere Berechnung mag sich auf irgend welche alten Etats nach Art der notitia dignitatum stützen und ist ohne Wert für uns; die zweite scheint nicht unglaublich, wenn wir uns erinnern, daß wir das Heer des Augustus auf etwa 225000, das der Severe auf vielleicht 250000 Mann berechnet haben, und daß die Hälfte des[363] Reichs verloren gegangen war. Vergleichen wir aber die Stärke der Heere, die tatsächlich im Felde erscheinen, deren Zahlen uns gut überliefert sind und untereinander harmonieren, so erkennen wir, daß 150000 Mann, als wirkliches stehendes Heer aufgefaßt, schon viel zu viel sind. Liegt eine urkundliche Berechnung überhaupt zugrunde, so kann sie nicht anders gemeint sein, als daß alle Grenzer,230 die limitanei, die für die eigentlichen Operationen nicht verwendbar waren, mitgezählt sind.

Höchst charakteristisch für die Zusammensetzung der Heere dieser Zeit, die verschiedenartigen Völker, die dabei zusammenkamen, und die Bezeichnung der Truppenteile, nicht nach Legionsnummern, oder einem sonstigen Schematismus, sondern nach den Führern, denen sie gehören, ist die Erzählung Procops (IV, 26) von der Mobilmachung des Heeres, mit dem Narses den entscheidenden Schlag gegen Totilas führen sollte und geführt hat. Sie lautet231:

»Narses brach von Salona auf und zog gegen Totilas und die Goten mit dem ganzen römischen Heer, das gewaltig groß war; der Kaiser hatte ihm nämlich entsprechend reiche Mittel zur Verfügung gestellt. Deshalb konnte er nun einerseits ein sehr stattliches Heer sammeln und für die übrigen Kriegsbedürfnisse ausreichend sorgen; anderseits war er auch fähig, den Soldaten in Italien alle Rückstände zu zahlen, die der Kaiser ungebührlich lange Zeit sich hatte ansammeln lassen, statt ihnen, wie es Gebrauch war, den festgesetzten Sold aus der Staatskasse zu zahlen. Er hatte sogar soviel, daß er auch diejenigen, die zu Totilas übergelaufen waren, umstimmen konnte und sie, durch diese klingenden Lockmittel zahm gemacht, dem Reiche wieder gewonnen wurden. Während also der Kaiser Justinian diesen Krieg anfangs ohne[364] rechten Eifer geführt hatte, machte er jetzt ganz zuletzt bedeutende Anstrengungen. Denn als Narses merkte, daß es nach Italien gehen sollte, zeigte er einen Ehrgeiz, wie er sich für einen Feldherrn geziemt, und erklärte dem Kaiser, als dieser ihn aufforderte, er werde ihm nur dann zu Willen sein, wenn er ausreichende Streitkräfte zu seiner Verfügung erhielte. Auf diese Weise bekam er Geld, Leute und Ausrüstungsmaterial vom Kaiser, wo sie der würde des römischen Reiches angemessen waren, und brachte mit unermüdlicher Energie ein stattliches Heer zusammen: sowohl aus Byzanz nahm er zahlreiche Soldaten mit, als er auch aus Thracien und Illyrien eine große Menge an sich zog. Johannes schloß sich ebenfalls ihm an mit seinen eigenen Truppen und denen, die sein Schwiegervater Germanus hinterlassen hatte. Ferner ließ sich der Langobardenkönig Auduin durch reiche Geschenke des Kaisers Justinian und den abgeschlossenen Bundesvertrag bestimmen, von seiner eigenen Gefolgschaft 2500 tapfere Krieger auszusuchen und zur Unterstützung abzusenden, denen er über 3000 Mann als Knappen mitgab. Dann gingen mit Narses über 3000 Mann vom Volk der Heruler, die unter anderen Philemuth befehligte, zahlreiche Hunnen, Dagisthäus mit seinem Gefolge, der deshalb aus dem Gefängnis entlassen wurde, viele persische Überläufer unter Kabades, dem Sohn des Zames und Enkel des Perserkönigs Kabades, der, wie ich früher erzählt habe, mit Hilfe des Chanaranges den Nachstellungen seines Oheims Chosroes entgangen war und damals zu den Römern übergetreten war; ferner Asbad, ein junger Gepide von hervorragender Tapferkeit, mit 300 seiner Landsleute, die ebenfalls tapfere Krieger waren; der Heruler Aruth, der von Jugend auf römisch erzogen war und die Tochter des Mauritius, des Sohnes des Mundus, zur Gattin genommen hatte und, selbst ein kühner Degen, zahlreiche Heruler von gleicher Tapferkeit um sich hatte; endlich Johannes, mit dem Beinamen der Fresser, der früher schon öfter erwähnt wurde, mit einer Schar kriegstüchtiger Römer. Narses selbst war von großartiger Freigebigkeit und hatte für jeden Bittenden eine offene Hand; da er vom Kaiser reich ausgestattet war, folgte er seiner Neigung zum Geben um so mehr. Weil nun schon von früher her viele Offiziere und Soldaten ihm als[365] ihren Wohltäter verehrten, so drängten sich alle, sobald seine Ernennung zum Oberfeldherrn gegen Totilas und die Goten bekannt geworden war, mit wahrem Feuereifer, um ihm zu dienen, teils um alte Dankesschulden abzutragen, teils in der Erwartung, wie natürlich, reiche Belohnung bei ihm zu verdienen. Vornehmlich waren die Heruler und die übrigen Barbaren ihm wohlgesonnen, deren Gunst er sich durch besondere Freigebigkeit gesichert hatte.«

Von Römertum spürt man in dieser Schilderung wohl kaum noch einen Hauch, aber man braucht nur einige Namen zu versetzen, um zu glauben, man lese, wie Wallenstein, von neuem zum Kaiser berufen, das große Heer gegen Gustav Adolf aufbrachte.

Die unmittelbare kriegerische Leistung, die Kampfleistung dieser bunten Scharen ließ gewiß nichts zu wünschen übrig. Ihr Grundfehler ist neben der geringen Zahl – dieses als so gewaltig geschilderte Heer des Narses war, um es noch einmal zu sagen, alles in allem 25000 Mann stark – der Mangel an Disziplin.

Von dem Augenblick an, wo das alte römische Heer in das barbarische überzugehen beginnt, ertönen die Klagen über die Ansprüche der Soldaten an den Schaden, den sie dem Lande zufügen. Der Kaiser Pescennius Niger († 194), befahl, wie wir es dreist übersetzen dürfen, daß die »Soldaten mit ihrem Kommißbrode zufrieden sein sollen« (»buccellato jubens milites et omnes contentos esse«)232, und ebenso Aurelian († 275) (Nemo pullum alienum rapiat, ovem nemo contingat. Uvam nullus auferat, segetem nemo deterat, oleum, sal, lignum nemo exigat, annona sua contentus sit)233. In den Heeren des sechsten Jahrhunderts wurde von solchen Kleinigkeiten, daß ein Soldat ein Huhn, ein Schaf, einige Weintrauben mitnahm, Öl, Salz, Holz forderte, wohl kaum noch ein Aufhebens gemacht.

Procop preist es als ein halbes Wunder und außerordentliches Verdienst Belisars, daß die Römer in Ordnung in Karthago einrücken, »während sonst die römischen Truppen nie ohne Unruhe[366] in die eigenen Städte einrücken, wenn ihrer auch nur 500 beisammen sind«. Dieses selbe Heer aber ergibt sich nach der Eroberung des vandalischen Lagers solcher Zuchtlosigkeit und vergißt in solchem Maß aller Scheu vor dem Feldherrn, daß Procop fürchten muß, bei einem Angriff der Feinde wäre nicht ein Mann entkommen. Ganz ebenso zuchtlos und ungehorsam benimmt sich nachher das Heer des Prinzen Germanus. Belisar zittert wegen der Zuchtlosigkeit der Seinen für Neapel, und Narses muß nach seinem Siege vor allem seine langobardischen Hilfstruppen nach Hause schicken.234

Die Garnison, die Belisar in Rom zurückgelassen hatte, erzählt Procop (III, 30), warf ihrem Kommandanten Konon vor (548), er habe sich bei den Lieferungen zu ihrem Schaden bereichert, ermordete ihn und schickte einige Priester als Gesandte an den Kaiser, um zu erklären, sie würde zu Totilas und den Goten übergehen, wenn ihr nicht Amnestie gewährt und der rückständige Sold in einer bestimmten Frist ausgezahlt würde. Der Kaiser bewilligte und erfüllte die Forderungen.

Tatsächlich ging ein sehr großer Teil der Soldaten, mit denen Belisar Italien erobert hatte, zu den Goten über, als nach seiner Abberufung die römische Herrschaft wieder zerfiel und Totilas das Gotenreich herstellte.

Als Totilas Centumcellä belagerte (549) ließ er der römischen Garnison sagen, vom Kaiser habe sie Hilfe und Entsatz nicht zu erwarten; er biete ihr an: freien Abzug nach Byzanz oder gleichberechtigten Eintritt in das Gotenheer. Diesen Übertritt lehnten die Söldner ab, da sie ihre Weiber und Kinder im römischen Reich hätten, von denen sie sich nicht scheiden wollten; auch die sofortige Übergabe könnten sie nicht zugestehen, weil sie keinen stichhaltigen Grund dafür hätten, da sie doch im Dienst des Kaisers bleiben wollten. Sie schlossen aber einen Vertrag, daß sie zum Kaiser schicken und ihre Lage darstellen wollten; wenn dann doch bis zu einem bestimmten Tage keine Hilfe gekommen sei, so wollten sie die Stadt übergeben.[367]

Nicht nur zu Germanen gingen kaiserliche Söldner, selber meist Germanen, über, sondern sogar zum Perserkönig. Zweimal (b. Pers. II, z. II, 17) berichtet uns das Procop. Solange sie im römischen Reich waren, konnten die germanischen Krieger immer noch hoffen, Anschluß an Landsleute oder auch einmal wieder eine Berührung mit der Heimat zu finden: das Überlaufen zu den Persern zeigt uns, wie dieses Söldnertum jede Faser eines nationalen oder sozialen Zusammenhanges abgeschnitten hat.

Umgekehrt waren aber auch die Goten des Witiges und Totilas bereit, wenn es sich denn so mache und nicht anders sei, wieder in den Dienst des Kaisers zu treten. Als seine Krieger hatten sie ja Italien erobert, und selbst Theoderich hatte sich immer noch zu einer gewissen Unterordnung unter den Kaiser bekannt. Mit den gefangenen Vandalen und Goten konnte der Kaiser nichts besseres tun, als sie nach Mesopotamien schicken, damit sie dort für ihn gegen die Perser kämpften235, und übergetretene Perser kämpften in Italien gegen die Goten.

Der stärkste Ausdruck dieses von jedem natürlichen Boden losgerissenen, nur in sichselbst ruhenden Kriegertums ist der in der Weltgeschichte einzig dastehende Vorgang, daß die Goten, als sie einsahen, Belisar nicht länger widerstehen zu können, ihm selber, dem feindlichen Feldherrn, ihre Königskrone antrugen. Es macht wenig aus, ob man sagt, es war nicht sowohl die Königskrone der Goten, als das Kaisertum des Westens, das Belisar angeboten wurde: der Gedanke, daß der kaiserliche Feldherr nicht nur zu ihnen übergehe, sondern daß das Gotenvolk ihn ohne weiteres als Herrn annehmen und sich seiner Führung anvertrauen könne, zeigt, daß von einem politischen Gedanken kein Schimmer bei ihnen vorhanden war. Belisar freilich war nicht bloß treu, sondern auch klug genug, sich zu sagen, daß eine so in die Luft gebaute Herrschaft keine Bestand haben könne, daß er selbst dabei kein Heil finden werde, und benutzte den Antrag, um den Goten ihre letzte feste Position zu entreißen.

Heere von ähnlicher Zusammensetzung wie diejenigen Justinians waren bereits die des alten Karthago. Aus Afrikanern, Spaniern,[368] Balearen und Galliern bestand das Heer Hannibals, und auch ihm ist es geschehen, daß ein Teil seiner numidischen Reiter zu den Römern überlief, und die Gallier, die ihm nicht folgen wollten, als er nach Afrika zurückging, ließ er niederhauen. Wenn das nur Zwischenfälle gewesen sind und im wesentlichen der große Punier seine Barbaren fest in der Hand gehalten hat, so ist das nicht bloß Verdienst der Persönlichkeit, sondern noch anderer Verhältnisse. Was hätten die Barbaren, die von ihm abgefallen wären, für Aussichten gehabt? Ein kleiner Teil hätte Verwendung gefunden als römische Hilfstruppe, die meisten hätte Rom schleunigst in die Heimat expediert. Denn noch focht Rom seine Krieger mit seinen eigenen Kräften aus, und der Senat wußte sehr gut, was es bedeutet hätte, wenn er statt der eigenen Legionen nur noch Barbaren ins Feld geschickt hätte. Man kann also sagen: mittelbar sind es die nationalen römischen Legionen, die die Barbaren im karthagischen Lager zwingen, bei ihrer Pflicht zu beharren und der Fahne des Kriegsherrn, dessen Ruf sie einmal gefolgte sind, treu zu bleiben: der innere Zustand des einen Heeres wirkt auf den des anderen, des feindlichen zurück. Seit dem vierten nachchristlichen Jahrhundert, seit dem Verschwinden der Legionen, wird alles anders. Die barbarischen Söldner fühlen sich jetzt als die Herren: wehe dem Fürsten oder dem Feldherrn, der es wagen sollte, es durch Strenge mit ihnen zu verderben!

Fast noch gefährlicher als die Unzuverlässigkeit und Indisziplin der Soldaten ist der ungenügende Gehorsam der Führer, denen gegenüber der Feldherr keine Macht hat, seinen Willen durchzusetzen, da die Truppen ja meistens nicht dem Kriegsherrn direkt, sondern eben ihren Führern gehören, sei es als ihren nationalen Häuptlingen, sei es als den Condottieren, die sie mit ihren eigenen Mitteln angeworben haben. Immer wieder erzählt uns Procop, wie Belisar in Mesopotamien wie in Italien seine Kriegspläne nicht durchführen kann, weil Untergenerale ihm den Gehorsam versagen.

In den Heeren des klassischen Altertums finden wir eine prinzipielle und scharfe Trennung der Waffengattungen: wir haben die Hopliten, die schwere Infanterie, die den Kern der Heere macht, daneben die leichte, Bogner oder Schleuderer. Wir haben[369] neben der Infanterie die Kavallerie, meist mit der blanken Waffe, seltener berittene Bogenschützen. In den Heeren Justinians haben wir dieselben Waffen, daneben auch Streitäxte oder sonstige nationale Waffenarten bei den verschiedenen Kontingenten, aber nicht mehr Waffengattungen. Die gesamte Infanterie wie Kavallerie hat den Bogen angenommen; Fernwaffen und Nahwaffen, leichte und schwere Infanterie gehen in einander über. Ja, Infanterie und Kavallerie sind nicht mehr ganz geschieden, die Infanterie setzt sich zu Pferde, und die Kavallerie ficht zu Fuß. Die vorwiegende und entscheidende Waffe aber sind die Berittenen. Selbst als Belisar aus dem belagerten Rom eine Ausfallsschlacht liefern will, will er nur Reiter dazu verwenden. Denn, erzählt Procop (I, 28), die meisten seiner Infanteristen hatten sich mit Beutepferden beritten gemacht und zogen es vor, zu Pferde zu dienen. Der Rest war zu gering, um eine ordentliche Phalanx zu bilden. Nur auf den besonderen Wunsch zweier Führer nahm endlich Belisar auch diese Infanterie mit in die Schlacht. Bei Taginä aber stellte Narses abgesessene Reiter in sein Zentrum.

Procop weiß, daß das Altertum die blanke Waffe höher gestellt hatte als den Pfeil, den Nahkämpfer dem Fernkämpfer vorgezogen. Er will diesen Vorzug nicht gelten lassen (bell. Pers. I, 1), da der Bogner seinerseit etwas ganz anderes geworden sei: er sei beritten, völlig gewappnet, trage außer dem Bogen und den Pfeilen auch noch ein Schwert und vielleicht auch noch eine Spieß, und endlich sei der Pfeilschuß jetzt viel stärker, da der Schütze die Sehne bis ans Ohr ziehe und nicht bloß bis an die Brust. An anderer Stelle (I, 18) erzählt er, daß die Perser zwar viel schneller schössen, als ander Völker, aber zu schwach, mit schlaffer Sehne, so daß sie, im Unterschied von den Geschossen der Römer, dem gewappneten Mann keinen Schaden täten. Diese ganze Betrachtung ist als tatsächlich unrichtig abzulehnen und gehört in dieselbe Kammer mit den weichen Schwertern der Gallier, die man nach jedem Hiebe erst wieder gerade biegen mußte, von denen uns Polybius erzählt. Die asiatischen Bogner236[370] sind von je berühmt gewesen, und es ist nicht anzunehmen, daß seit den Tagen des Kambyses die Perser und Parther in der Kunst des Schießens, die bei ihnen von je der Nationalsport gewesen war, weniger als irgend ein anderes Volk geleistet hätten. Dio Cassius berichtet (40, 22) ausdrücklich, daß die Pfeile der Perser auch durch Schild und Rüstung gedrungen seien, und eine Abbildung Chosru II. zeigt uns den König, wie er jagend die Sehne seines Bogens bis hinter das Ohr zurückzieht.237

Procops Betrachtungen sind die Wiedergabe von Lagerunterhaltungen mehr ruhmrediger als scharfsinniger oder historisch gebildeter Soldaten: das eigentliche Problem ist darin gar nicht berührt. Auch der beste Schütze mit dem besten Bogen, sei er Perser oder Römer, wird nur selten und aus sehr großer Nähe eine Rüstung wirklich durchschossen haben. In der »Anleitung zum Bogenschießen«, die gerade aus dieser Zeit stammt238, wird vorgeschrieben, auf eine feindliche Linie nicht geradeaus zu schießen (es sei denn, man ziele auf die Füße der Pferde), sondern schräg, denn von vorne decke jeder sich mit seinem Schilde: dieser war also nicht so leicht zu durchdringen. Die eigentliche Frage ist also: wie ist es gekommen, daß die schwergewappneten Krieger allgemein den Bogen angenommen haben? Diese Waffengattung, »Kataphrakten« genannt, ist keineswegs ganz neu: schon die Krieger des Darius und Xerxes waren dieser Gestalt; wie kommt es, daß, so lange besiegt, von der Gründung des Partherreichs an diese Fechtart mehr und mehr die Oberhand gewonnen? Wir werden darüber unten in einem eigenen Kapitel handeln.

Justinians Regierung ist nicht nur ausgezeichnet durch die große antike Kraft, die das Reich unter ihm wieder nach außen zeigte, sondern ebenso sehr durch die großen Defensivwerke, die sie schuf. Wir kennen den Limes, der das alte Kaiserreich schützte, wo keine natürlichen Abschnitte die Grenze bildeten. Justinian befestigte die Grenzen, die er wieder gewann, noch in einem ganz andern Maßstab und auch in anderer Art. Die zusammenhängenden[371] Linien spielen keine wesentliche Rolle. Dieser Kaiser baute aber Grenzkastelle und Burgen in solcher Menge und in solcher Größe, daß die Trümmer Erstaunen erregen. Diese Kastelle sind nicht bloß Truppenunterkünfte, sondern sollen zugleich der ganzen umliegenden Bevölkerung und ihrem Besitz als Zufluchtsplätze dienen. Stehende Truppen, sie zu besetzen, sind nicht viele vorhanden, aber die Grenzer selbst, die limitanei, die sonst den Acker bebauen, sollen hinter diesen festen und hohen Mauern sich selbst und das Reich zu schützen fähig sein. Von Ceuta in Marokko an zieht sich die Linie dieser festen Plätze durch ganz Afrika zum Schutz gegen die Barbaren-Stämme; in Mesopotamien und Kleinasien finden wir sie gegen die Perser, nördlich der Donau und am Schwarzen Meer gegen Germanen, Slawen oder Hunnen.

Zwischen diesen Bauten, der Zusammensetzung, Bewaffnung, Taktik der Armee besteht ein innerer Zusammenhang, über den wir ebenfalls noch zu handeln haben werden.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 361-372.
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