Drittes Kapitel.

Die Schlacht am Vesuv. (453)

[387] Trotz der Niederlage bei Taginä setzten die Goten unter einem neugewählten König, Tejas, den Krieg fort. Zwei Monate lang standen sich die Heere, getrennt von einander durch das tief eingeschnittene Flüßchen Drakon (Sarnus), nicht weit vom Vesuv, einander gegenüber. Da Narses vorher alle seine Truppen zur Schlacht gesammelt hatte, so dürfen wir schließen, daß es die Goten waren, die die Schlacht vermieden und jetzt den Krieg durch Hinzögern zu führen beabsichtigten. Sie konnten hoffen auf irgendeinen Zwischenfall in dem unzuverlässigen Söldnerheer der Römer und auf das Eingreifen der Franken. Narses machte keinen Versuch, sie direkt aus ihrer Stellung herauszumanövrieren, sondern brachte durch Verrat die Flotte, die den Goten die Lebensmittel zuführte, in seine Gewalt. Blickt man auf die Karte, so möchte man meinen, daß der römische Feldherr die Goten auch eingeschlossen und ihnen den Rückzug abgeschnitten hatte; Procop sagt das jedoch nicht ausdrücklich, läßt aber die Goten, nachdem sie sich zunächst auf den Milchberg (mons Lactarius) zurückgezogen haben, den Schlachtentod dem Hungertode vorziehen. Hochberühmt und oft wiederholt, wie sie ist, möchte ich doch die Schilderung dieser Schlacht militärisch nicht für verwertbar halten. Sie lautet (IV, 35):

»In Kampanien erhebt sich der Vesuv; an dessen Fuße sind Quellen mit trinkbarem Wasser, aus denen ein Fluß, namens Drakon entsteht, der bei Nuceria vorbeifließt. An den Ufern dieses Flusses schlugen damals die beiden Heere ihre Lager auf. Der[387] Drakon ist zwar nur ein kleiner Fluß, aber für Reiter und Fußgänger nicht passierbar, da er in einem engen, tiefen Bett einherfließt und seine Ufer außerordentlich abschüssig sind. Ob das durch die Natur des Bodens oder die Kraft des Wassers bewirkt ist, vermag ich nicht zu sagen. Die Goten besetzten nun die Brücke, welche über den Fluß führt, und hatten ihr Lager dicht an derselben. Sie wurde durch hölzerne Türme und Maschinen aller Art, unter andrem auch sogenannte Ballisten, befestigt, damit die Goten ihre Feinde durch Schüsse von oben belästigen könnten. An ein Nahgefecht war nicht zu denken, da der Fluß, wie schon bemerkt, die Gegner trennte: man trat nur so dicht wie möglich ans Ufer und beschoß sich gegenseitig. Auch einige Zweikämpfe kamen vor, wenn ein Gote die Brücke überschritt und dazu aufrief. So lagen sich die Heere zwei Monate einander gegenüber. Und so lange die Goten die See beherrschen und zu Schiffe Lebensmittel heranschaffen konnten, vermochten sie Stand zu halten, da ihr Lager vom Meere nicht weit entfernt war. Bald aber bemächtigten sich die Römer der feindlichen Schiffe durch den Verrat eines gotischen Mannes, der den Oberbefehl über die ganze Flotte hatte, und außerdem kamen nun unzählige Schiffe für sie aus Sizilien und den anderen Teilen des Reiches. Außerdem ließ Narses am Flußufer hölzerne Türme aufstellen, welche den Goten allen Mut benehmen mußten. Deshalb geraten die Goten, die bereits Mangel an Lebensmitteln litten, in große Bestürzung und ziehen sich auf einen Berg ganz in der Nähe zurück, den die Römer auf Lateinisch Mons Lactarius nennen. Dorthin konnten ihnen die Römer wegen des ungünstigen Terrains nicht folgen. Aber die Barbaren sollten sofort bereuen, sich dorthin zurückgezogen zu haben, die sie noch viel größeren Mangel leiden mußten und gar kein Mittel hatten, für sich und die Pferde irgend etwas aufzutreiben. Deshalb schien es ihnen besser, den Tod in offener Schlacht zu suchen, als Hungers zu sterben.«

Wir fragen: war es den Goten denn unmöglich, abzuziehen?

»Unerwartet rückten sie vor und machten plötzlich einen Angriff auf die Feinde. Die Römer wehrten sich den Umständen gemäß,[388] d.h. nicht in Reih und Glied, nach Schwadronen oder Regimentern unter richtigem Kommando, sondern bunt durcheinander, ohne selbst die gegebenen Befehle hören zu können. Dennoch verteidigen sie sich so gut es ging, mit aller Kraft. Die Goten hatten ihre Pferde laufen lassen und standen alle zu Fuß, mit der Front gegen den Feind, in einer tiefen Phalanx. Als das die Römer sahen, stiegen sie ebenfalls ab und stellten sich in derselben Formation auf.«

Weshalb ließen die Goten ihre Pferde laufen? Procop gibt keinen Grund an. Weshalb stiegen aber auch die Römer von den Pferden? Daß die Goten zu Fuß kamen, hätte für die Römer ein doppelter Grund sein können, sie, allerwenigstens zum Teil, von der Seite mit Kavallerie anzugreifen.

Alles erklärt sich, wenn wir annehmen, daß die Goten von den Römern durch Feldbefestigungen eingeschlossen waren. Diese suchten die Goten zu durchbrechen – also zu Fuß, und die Römer verteidigten sie ebenfalls zu Fuß.

»Jetzt komme ich an die Beschreibung einer höchst denkwürdigen Schlacht und des Heldenmutes eines Mannes, der in keiner Beziehung einem der sogenannten Heroen nachsteht. Und zwar will ich von Tejas reden. Die Goten stachelte ihre verzweifelte Lage zur Tapferkeit an; die Römer leisteten ihnen, obgleich sie ihre Verzweiflung bemerkten, mit allen Kräften Widerstand, da sie sich schämten, dem schwächeren Gegner zu weichen. Beide gingen mit Ungestüm auf die nächststehenden Feinde los, die einen, weil sie den Tod suchten, die anderen, weil sie um die Palme des Sieges stritten. Früh am Morgen begann die Schlacht. Weithin kenntlich stand Tejas mit wenigen Begleitern vor der Phalanx, von seinem Schilde gedeckt und die Lanze schwingend. Wie die Römer ihn sahen, meinten sie, mit seinem Fall würde der Kampf sofort zu Ende sein, und deshalb gingen gerade die Tapfersten, sehr viele an der Zahl, geschlossen gegen ihn vor, indem sie alle mit den Speeren nach ihm stießen und warfen. Er aber fing alle Speere mit dem Schilde, der ihn deckte, auf und tötete viele in blitzschnellem Sprunge. Jedesmal, wenn sein Schild von aufgefangenen Speeren ganz voll war,[389] reichte er ihn einem seiner Waffenträger und nahm einen anderen. So hatte er ein Drittes des Tages unablässig gefochten.«

Die Goten sollen eine tiefe Phalanx gebildet haben (Γότθοι μἐν οὖν τοὺς ἵππους ἀφέμενοι πρῶτοι πεζῇ μετωτηδὸν ἐς βαθεῖαν φάλαγγα ἔστησαν ἅπαντες), und vor dieser Phalanx soll Tejas ganz allein mit wenigen Begleitern gekämpft und sich viele Stunden behauptet haben? Das ist ein Poem, aber keine Schlacht. Was tat denn die ganze tiefe Phalanx der Goten die ganze Zeit? Traute sie sich nicht heran? Die Römer aber sollen die wenigen Männer nicht haben überwältigen können? Das ist möglich in Gefechten, wie sie vor den Mauern Ilions geliefert wurden, aber nicht mehr möglich, sobald man gelernt hat, Phalangen zu bilden. Auch der stärkste und tapferste Gotenkönig hätte mit seinen Begleitern von einem altrömischen Manipel, und wenn er aus lauter Rekruten bestand, überrannt werden müssen: wir müssen entweder die beiden einander gegenüberstehenden Phalangen im technischen Sinne des Wortes oder den Einzelkampf des Königs Tejas streichen. Die Lösung dürfte sein, daß bei dem Versuch der Goten, die römischen Linien zu durchbrechen, neben anderen auch der König sich persönlich durch Tapferkeit auszeichnete, dabei gefallen und dieser Tod legendarisch ausgeschmückt worden ist.

»Da ereignete es sich, daß in seinem Schilde zwölf Speere hafteten, so daß er ihn nicht mehr beliebig bewegen und die Angreifer nicht mehr damit zurückstoßen konnte. Laut rief er einen seiner Waffenträger herbei, ohne seine Stellung zu verlassen oder nur einen Finger breit zurückzuweichen. Keinen Augenblick ließ er die Feinde weiter vorrücken; weder wandte er sich so, daß der Schild den Rücken deckte, noch bog er sich zur Seite, sondern wie mit dem Erdboden verwachsen stand er hinter dem Schilde da, mit der Rechten Tod und Verderben gebend, mit der Linken die Feinde zurückstoßend – so rief er laut den Namen des Waffenträgers. Dieser trat mit dem Schilde herzu, und er nahm ihn sofort statt des speerbeschwerten. In diesem Moment war nur einen kurzen Augenblick seine Brust entblößt: ein Speer traf ihn, und er sank[390] sofort tot zu Boden. Einige Römer steckten seinen Kopf auf eine Stange und zeigten ihn beiden Heeren, den Römern, um sie noch mehr anzufeuern, den Goten, damit sie in Verzweiflung den Kampf aufgäben. Die Goten aber taten das keineswegs, sondern kämpften bis zum Einbruch der Nacht, obwohl sie wußten, daß ihr König gefallen war. Als es dunkel geworden war, ließen die Gegner von einander ab und brachten die Nacht unter den Waffen zu. Am folgenden Tage erhoben sie sich früh, nahmen dieselbe Aufstellung und kämpften wieder bis zur Nacht. Keiner wich dem anderen auch nur um eines Fußes Breite, obgleich von beiden Seiten viele den Tod fanden, sondern erbittert setzten sie die furchtbare Blutarbeit fort, die Goten in dem vollen Bewußtsein, ihren letzten Kampf zu kämpfen, die Römer, weil sie sich von jenen nicht überwinden lassen wollten. Zuletzt schickten die Barbaren einige von ihren Vornehmen an Narses und ließen ihm sagen, sie hätten wohl gespürt, daß Gott wider sie sei – sie fühlten, daß eine unüberwindliche Macht ihnen gegenüberstehe – und durch die Ereignisse über den wahren Sachverhalt belehrt, wollten sie ihre Meinung ändern und vom Kampf ablassen, nicht um Untertanen des Kaisers zu werden, sondern um bei irgendwelchen anderen Barbaren in Freiheit zu leben. Sie baten, die Römer möchten ihnen einen friedlichen Abzug gestatten und, billiger Erwägung Raum gebend, ihnen die Gelder als Wegzehrung belassen, die sie in den Kastellen Italiens jeder früher für sich aufgespart hätten. Hierüber ging Narses mit sich zu Rate. Johannes aber, Vitalians Neffe, redete ihm zu, diese Bitte zu gewähren, nicht weiter mit Männern zu kämpfen, für die der Tod keine Schrecken hätte, und nicht den Mut der Verzweiflung auf die Probe stellen, der nicht nur für jene, sondern auch für ihre Gegner noch verhängnisvoll werden könne. ›Der Mann der weisen Mäßigung‹, sagte er, ›läßt sich am Siege genügen, übermäßige Anstrengung aber könnte leicht auch zum Verderben ausschlagen.‹ Narses billigte diese Ansicht, und es wurde ausgemacht, die übrig gebliebenen Barbaren sollten mit all ihrer Habe sofort ganz Italien meiden und unter keinen Umständen mehr die Waffen gegen die Römer tragen. Mittlerweile brachen 1000 Goten aus dem Lager hervor und begaben sich nach der Stadt Ticinum und[391] den Ortschaften jenseits des Po, geführt unter anderen von Indulf, dessen ich früher Erwähnung getan habe; die übrigen beschworen sämtlich den Vertrag.«

»Auf dieselbe Weise nahmen die Römer auch Cumä und alle übrigen Ortschaften, und das achtzehnte Jahr dieses Gotenkrieges, den Procop beschrieben hat, ging zu Ende.«

So weit Procop: eindrucksvoll, aber historisch wenig befriedigend. Warum und wie trennten sich die 1000 Goten von den übrigen? Wie gelangten sie vom Vesuv bis nach Pavia? Wir werden annehmen dürfen, daß es an einer Stelle einer größeren Abteilung der Goten doch gelungen ist, den Ring der römischen Einschließung zu durchbrechen, und daß nicht das ganze, sondern nur der größere Teil des Heeres schließlich kapitulierte.

In unmittelbarem Anschluß an Procop setzt Agathias mit seinem Geschichtswerk ein und erzählt: »Als Tejas, der dem Totilas in der Herrschaft über die Goten folgte, mit aller Macht den Krieg gegen die Römer wieder aufgenommen und sich dem Narses gegenüber aufgestellt hatte, wurde er aufs Haupt geschlagen und fiel selbst in der Schlacht. Die übrig gebliebenen Goten, denen die Römer unablässig zusetzten, machten endlich, da sie durch die beständigen Angriffe hart bedrängt und an einem wasserlosen Ort völlig eingeschlossen waren, mit Narses einen Vertrag dahin, daß sie ihre eigenen Güter bewohnen (τὴν μὲν οἰκείαν ἀδεῶς νέμοιντο χωραν) und dem römischen Kaiser fürderhin Untertan sein wollten.«

Wie zwischen diesen beiden Berichten ein Ausgleich zu finden ist, hat noch kein Historiker sagen können.[392]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 387-393.
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