Zweites Kapitel.

Abwandlung der Taktik.

[432] Allenthalben in der Weltkriegsgeschichte haben wir bisher beobachtet, daß Kriegsverfassung und Taktik in engster Wechselbeziehung zueinander stehen.

Die Hopliten-Phalanx entwickelt sich nach einer anderen Richtung unter den mazedonischen Königen als in der römischen Aristokratischen Beamtenrepublik, und erst in Verbindung mit konstitutionellen Wandlungen gelangt diese zur Kohortentaktik. Wiederum anders als römische Kohorten fechten ihrer Natur nach germanische Hundertschaften.

Konnten diese Germanen ihre zwischen den Urwäldern ausgebildete Fechtweise beibehalten, wo jetzt alle ihre Lebensbedingungen wirtschaftlicher, sozialer, kultureller Natur von Grund aus verändert waren, oder was für neue Formen sind hier entstanden?

Die Urgermanen werden uns gepriesen als tüchtig in beiden Waffengattungen, dem Fußvolk wie der Reiterei; bei der einen Völkerschaft genoß mehr diese, bei der anderen jene Waffe höheren Ruhm. Ariovist war stark durch seine Doppelkämpfer, die mit Fußvolk untermischten Reiter. Durch germanische Reiter, die er in Sold nahm, verstärkte sich Cäsar in dem kritischen Jahr seiner Kämpfe in Gallien, dem siebenten, und besiegte mit ihrer Hilfe den Vercingetorix. Dieselben Reiter hatten wesentlichen Anteil an seinem Siege bei Pharsalus und wohl auch an den anderen Entscheidungskämpfen des Bürgerkrieges. Als uns, im Jahre 213, unter Kaiser Caracalla die Allemannen zum ersten Male genannt werden, werden sie gerühmt als ein Volk, das wunderbar zu Pferde zu kämpfen verstehe (tentem populosam,[432] ex equo mirifice pugnatem);262 in der Schlacht bei Straßburg siegten sie ja auch mit ihren Reitern. Ebenso brachte bei Adrianopel die Reiterei die Entscheidung zugunsten der Germanen, und der Spanier Isidor, der unter der Herrschaft der Westgoten lebte, weiß von ihnen zu berichten, daß sie, obschon gute Fußgänger, doch besonders im Reiterkampf mit Wurfspießen geübt seien. Von den Burgundern und Thüringern rühmt Vegez263 die Pferde als ausdauernd (injuriae tolerantes), und von den Vandalen sagt Procop264 rundweg, zu Fuß zu fechten hätten sie nicht gelernt, sie seien ausschließlich Reiter (οὔτε γὰρ ἀκοντισταί οὔτε τοξόται ἀγαθοὶ ᾖσαν οὔτε πεζοὶ ἐς μάχην ἰέναι ἠπίσταντο, ἀλλ᾽ ίππεῖς τε ᾖσαν ἅπαντες, δόρασι τε ὡς ἐπὶ πλεῖστον καὶ ξίφεσιν ἐχρῶντο). Aus den Gefangenen dieses Volkes bildete Justinian fünf Reiterregimenter (κατεστήσατο ἐς καταλόγους ἱππικοὺς πέντε) und sandte sie in orientalische Garnisonen.265 Schon zweihundert Jahre früher werden sie auch von einem anderen griechischen Schriftsteller, Dexippus (um 270), als ein Volk genannt, das vorwiegend aus Reitern bestehe.266 Von den Ostgoten haben wir besehen, daß sie vorzüglich als Reiter kämpften, nicht mit Pfeil und Bogen, sondern mit Schwert und Lanze; nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Pferde waren gepanzert.267

Auch die Franken sind ausgezeichnet als Reiter. Schon Plutarch (Leben Othos Kap. 12) und Dio Cassius (55, 24) erzählen von einem wesentlichen Bestandteil der späteren Franken, den Batavern, daß sie besonders gute Reiter seien; »Γερμανῶν ἱππεῖς ἄριστοι.« »κράτιστοι ἱππεύειν εἰσί«) die Notitia dignitatum nennt als Reiter Bataver und Franken; eine ala Canninefatium, ebenfalls Bestandteil der späteren Franken, ist inschriftlich bezeugt,268 und in den Erzählungen Gregors von Tours erschienen sie oft beritten.269 Als sie aber während des Gotenkrieges (539[433] und 552) in Italien einfallen, sind sie meist zu Fuß; nur die Leibwache des Königs war beritten.270

Als eine charakteristische Eigenschaft der byzantinischen Heere dieser Zeit haben wir gefunden, daß sie eigentlich keine Waffengattungen haben: Fußvolk und Reiter, blanke Waffen und Bogen gehen ineinander über. Der gepanzerte Reiter führt auch den Bogen und kämpft auch zu Fuß. Das heißt mit anderen Worten: der eigentliche Krieger ist der Mann zu Pferde; eine wirkliche Infanterie existiert nicht mehr.

Bogner zu Fuß sind eine Waffe, die es isoliert und im freien Felde mit Reitern nicht aufzunehmen vermag. Gedeckt durch eigene Reiter, unter Benutzung von Befestigungen oder Terrainhindernissen, können Fußbogner auch gegen Reiter sehr viel ausrichten. Damals, zunächst in der Schrift des Urbicius,271 taucht der Gedanke auf, dem wir noch in späterer Zeit praktisch begegnen werden, durch ein tragbares Hindernis, »spanische Reiter«, die Bogner gegen den Choc der Kavallerie zu schützen, aber immer bleiben Bogner nur eine Hilfswaffe, und der Reiter wird höher eingeschätzt.

Beim Fußkämpfer mit der blanken Waffe kommt es nicht bloß auf die Tapferkeit und Tüchtigkeit des einzelnen, sondern vor allem auf den taktischen Körper an, in dem er steht. Bei dem Reiter und Schützen spielt der taktische Körper wohl auch seine Rolle, aber der Krieger bedeutet auch etwas außer ihm; der Fußsoldat mit der blanken Waffe, wo er nicht in der höheren Einheit eines tüchtigen taktischen Körpers steht, kann nur sehr gering gewertet werden. Das hat schon Aristoteles gewußt, der in seiner Politik (IV, 13) sagt: »ohne taktische Ordnung ist die schwere Infanterie unbrauchbar, und da man in alten Zeiten diese Einsicht und Kunst noch nicht hatte, so beruhte die Kraft[434] auf der Reiterei« (»ἄνευ μὲν γἀρ συντάξεως ἄχρηστον τὸ ὁπλιτικόν, αἱ δὲ περὶ τῶν τοιούτων ἐμπειρίαι καὶ τάξεις ἐν τοῖς ἀρχαίοις οὐχ ὑπῆρχον, ὥστ᾽ ἐν τοῖς ἱππεῦσιν τὴν ἰσχύν«), und mit ganz ähnlichen Worten sagt wieder Friedrich der Große in seinen »Réflexions sur la tactique« vom Jahre 1758,272 »daß die Infanterie nur stark ist, so lange sie massiert und geordnet ist, und daß, sobald sie gelockert und aufgelöst ist, eine schwacher Abteilung Kavallerie, die in diesem Augenblick der Unordnung auf sie fällt, genügen würde, sie zu vernichten (que l'infanterie n'a de force que tant qu'elle est tassée et en ordre, et que lorsqu'elle est séparée et presque éparpillée, un faible corps de cavalerie qui tombe sur elle dans ce moment de dérangement, suffirait pour la détruire).273 Geschlossenes Fußvolk dieser Art waren die römischen Legionen, und wir finden nicht, daß sie sich je von Kavallerie hätten umreiten lassen.«

In den Heeren Justinians finden wir von derartigen geschlossenen taktischen Körpern der Infanterie mit der blanken Waffe nichts mehr. Das Fußvolk, dem wir begegnen, sind Bogner oder abgesessene Reiter oder Leute, die zu Pferde steigen, sobald sie eins haben. Das Zentrum, gegen das die gotische Reiterei in der Schlacht von Taginä anstürmte, war offenbar auf irgend ein, vielleicht künstlich noch verstärktes Geländehindernis gestützt.

Von dem persischen Fußvolk sagte Belisar einmal274 zu seinen Leuten, es bestehe aus elenden Bauern, die mitgenommen würden, Mauern zu untergraben, die Gefallenen zu plündern und den Soldaten zu dienen. Ganz so schlimm wird es nicht gewesen sein, und das römische Fußvolk mag etwas höher gestanden haben, aber im ganzen waren die Heere Justinians und Chosrus sich sehr ähnlich, und das Urteil über das persische Fußvolk läßt[435] immerhin einen gewissen Rückschluß auf die Schätzung der Waffen auch bei den Römern zu.

Die kriegerische Kraft der alten Germanen beruhte, wie wir uns früher überzeugt haben, nicht bloß auf der wilden Tapferkeit des einzelnen, sondern ebenso sehr auf dem Zusammenhalt der Geschlechter unter ihrem Hunno. Zu einem massiven Keil oder Eberkopf zusammengeballt, machte das germanische Fußvolk seine Attacke. So wenig man bei den Germanen den Begriff der eigentlichen militärischen Disziplin suchen darf, so gab ihnen der natürliche Zusammenhang der Geschlechter doch dasjenige, was bei den Kulturvölkern auf dem Wege der Disziplin erzeugt wird, den taktischen Körper, die Einheit des Eillens in einer Vielzahl von Kriegern. Dieser Organismus löste sich bei der Ansiedlung unter den Romanen auf und ging verloren.

Von vornherein zerlegten sich die Angesiedelten in ihren neuen Königreichen in zwei Gruppen. Die einen verließen ihren alten Geschlechtsverband und traten in den unmittelbaren Dienst, sei es des Königs, sei es eines der Grafen. Sie waren unmittelbar am Hofe oder auf dem Hofe untergebracht und wurden da ernährt, sei es, daß sie ohne Familie waren, sei es, daß ihnen mit der Familie eine eigene kleine Wirtschaft zugewiesen wurde. Die anderen lebten in den vermutlich sehr verkleinerten Geschlechtsverbänden fort. Jene wohl meistens in den Städten, diese auf dem Lande, entweder mit einem Anführer, der durch die Landteilung ein großer Grundherr geworden war, oder auch ohne einen solchen. Die Geschlechter, wohl ehedem selten unter hundert, oft mehrere hundert Männer stark, jetzt in einzelne, viel kleinere Gruppen zerteilt,275 die keine gemeinsame Lebensführung mehr hatten, konnten keinen einheitlichen Geist mehr ausbilden. Die Leute am Hofe und zur unmittelbaren Verfügung des Grafen hatten hier einen neuen Mittelpunkt ganz anderer Art gefunden. Auch das Verhältnis der noch nach Geschlechterart auf dem Lande lebenden Gruppen zu ihrem Führer war ein ganz anderes geworden. Der alte Hunno[436] hatte unter und mit seinen Genossen gelebt und in diesem gemeinsamen Leben eine natürliche Autorität ausgebildet. Der neue Großgrundbesitzer wurde ein Aristokrat, der sich in seiner Lebensführung immer mehr von dem gemeinen Volksgenossen entfernte. Wenn man jetzt noch einen Schlachtkeil nach alter Art zusammenstellte, so hatte er doch nicht mehr die alte Festigkeit und den alten Wert.

Etwa den taktischen Körper künstlich zu erhalten oder ihn wieder herzustellen, nämlich durch Exerzieren, davon konnte keine Rede sein. Dazu fehlten alle Vorbedingungen. Dieser Art war die Autorität, die die germanischen Könige oder ihre Grafen oder die alten Hunni über ihre Volksgenossen übten, nicht.

Es fehlte auch schon die äußere Vorbedingung, das enge Zusammenleben einer größeren Masse. Die wenigen hundert Männer des Kriegerstandes, Goten, Burgunder oder Franken, die in einer romanischen Grafschaft lebten, konnten ihre Kraft wohl in steter Waffenübung, aber nicht in der Schaffung einer Exerzierdisziplin suchen. Wir werden das von neuem zu beleuchten haben, wenn wir zur Epoche der Neubildung taktischer Körper in dem Fortgang dieser Darstellung gelangen. Jetzt treten wir in eine Epoche ein, wo dieser Pol kriegerischer Leistung, auf dem wesentlich der Wert der römischen Legionen beruht hatte, allmählich fast ganz verschwindet und allein dem anderen Pol der Ausbildung, der persönlichen Tapferkeit und Tüchtigkeit des Einzelkriegers, alle Aufmerksamkeit gewidmet wird.

An die Stelle des alten Schlachtkeils mit dem Langspieß, der Frame, der Streitaxt, dem Ango276 oder welche Blankwaffe sonst der einzelne vorzog, hätte noch immer ein relativ leistungsfähiges Fußvolk mit der Bogenwaffe treten können. Bei den Byzantinern haben wir das gefunden. Aber obgleich ja das byzantinische Heer zum sehr großen Teil aus Germanen bestand, so muß doch die so ganz besondere Pflege des Bogens in diesem Heer auf das Oberkommando zurückgeführt werden. Bei den selbständigen germanischen Völkern, Vandalen wie Ostgoten, finden[437] wir ausdrücklich bezeugt, daß sie, obgleich nicht ungeübt in der Fernwaffe, doch Schwert und Lanze bevorzugten. Dasselbe gilt auch von den Franken, wo wir den Bogen nur selten erwähnt finden.

Was dem Fußvolk verloren ging, wuchs der Reiterei zu. Denn weder Tapferkeit, noch Waffenfertigkeit, noch kriegerischer Sinn waren es, die zurückgingen, sondern es war nur eine bestimmte Waffengattung, das Fußvolk, dem die Bedingungen der Zeit ungünstig waren. Schon Vegez (III, 26) in all seiner Weltfremdheit hatte bemerkt, daß die Reiterei seiner Zeit nichts zu wünschen übrig lasse.

Für die Germanen, die sich unter den Römern niedergelassen hatten, war dies notwendig die Waffe, der sie alle ihre Pflege und Sorgfalt zuwandten, nicht in dem spezifisch kavalleristischen Sinne, sondern im Sinne des Mannes, der zu Pferde ins Feld zieht, das Pferd zu tummeln und vom Pferde herab zu kämpfen, versteht, aber auch bereit ist, wenn die Umstände es erheischen, abzusteigen und zu Fuß zu fechten. Der Krieger ist nicht sowohl Reiter, als ein Mann zu Pferde, oder anders ausgedrückt: er ist deshalb Reiter, weil er dabei alles sein kann. Taktische Körper zu bilden, ist die Zeit nicht fähig. Alles Kriegertum beruht auf dem einzelnen, auf der Person. Der Mann, der bloß zu Fuß mit der blanken Waffe kämpfen kann, ist sehr wenig, wenn er nicht Glied eines taktischen Körpers ist, der Mann, der zu Fuß mit Pfeil und Bogen kämpft, bietet immer nur eine Hilfswaffe. Der Mann, der zu Pferde kämpft, ist als Einzelkämpfer Beiden überlegen.

Einmal wirksam, drückt ein solches Verhältnis mit seinem natürlichen Schwergewicht in seiner Richtung weiter. Die Besten strebten zum Reiterdienst; die Könige wandten dem Fußvolk im alten Sinn keine Sorgfalt mehr zu.

In derselben Richtung wirkt unmittelbar das wirtschaftliche Moment. Italien und Gallien waren trotz des ungeheuren Niederganges seit dem dritten Jahrhundert, trotz aller Mord und Plünderungszüge, mit denen die Germanen die römischen Provinzen immer von neuem heimgesucht hatten, gewiß nicht geringer, vielleicht erheblich stärker bevölkert und besser angebaut, als zur[438] Zeit der Begründung der römischen Weltmonarchie. Damals hatten Cäsar und die Triumvirn es möglich gemacht, mit Heeren bis zu 60000 und 70000 Mann durch das Land zu ziehen; aber das war nur durchführbar mit Hilfe großer Barmittel und eines organisierten Verpflegungssystems. Jetzt war die Welt in die Naturalwirtschaft zurückgefallen, und die germanischen Könige verfügten nicht über die administrativen Organisationen Roms. Die Krieger waren nicht in Legionen zusammengehalten, sondern, um sie ernähren zu können, über das ganze Land verteilt. Durch Massen war es sehr schwer geworden, etwas zu erreichen, aber der vorzüglichste Krieger war nicht schwerer zu ernähren, als ein mäßiger. Der Reiter ist in viel höherem Grade ein Künstler im Kriegshandwerk als der Fußgänger; einige hundert leidlich brauchbare Fußknechte aus einem Gau zusammenzubringen, war nie schwer; einige hundert oder auch nur 100 oder 50 wirklich brauchbare Reiter mit brauchbarem Pferd, sehr viel. Der Graf, der dem König die besten Krieger zuführte, nicht die meisten, diente am dankenswertesten. Der Berittene war in jeder Beziehung mehr als der Fußgänger; die Pferde konnte man bei nicht zu großer Zahl aus dem Lande ernähren, und wo es nötig war, stieg der Mann ab und focht zu Fuß.

Schon Cäsar hat durch seine Kavallerie sehr viel geleistet, aber der Kern seines Heeres blieb doch der Legionar, der schwergewappnete Infanterist mit der blanken Waffe. Die Quote der Reiter wird sich etwa zwischen 5 und 20 Prozent in seinem Heer bewegt haben.277 In den germanisch-romanischen Staaten hat die Reiterei völlig die Oberhand gewonnen, aber diese Reiterei ist doch nicht ganz dasselbe, wie diejenige Cäsars. Es gilt, was wir schon von dem Heere Justinians sagten: das Spezifische der Waffengattung ist verwischt. Diese fränkischen oder gotischen Reiter sind nicht sowohl Kavellerie, wie Krieger zu Pferde. Sie kämpfen auch zu Fuß, ohne sich deshalb außerhalb ihres Elementes[439] zu fühlen. Es gibt nur ein Kennzeichen: daß jeder einzelne ein starker, tapferer, waffengewandter Mann sei.

Im ersten Kapitel dieses Buches bemerkten wir den Unterschied zwischen der Ansiedlung der Franken und der der übrigen Völker: jene haben keine Landteilung vorgenommen. Wir erkennen jetzt abermals, daß die praktische Bedeutung dieser Verschiedenheit tatsächlich nicht so sehr groß ist. Das Kriegeraufgebot aus jedem einzelnen Gau wird nicht sowohl bestimmt durch die Menge der vorhandenen Männer, wie durch Ausstattungs-, Verpflegungs- und Operationsmöglichkeiten. Auch die Menge der angesiedelten Goten, Burgunder, Vandalen ist nur sehr gering: der Privatgrundbesitz mußte hauptsächlich deshalb in Anspruch genommen werden bei den Westgoten und Burgundern, weil sie ursprünglich auf ein sehr kleines Gebiet beschränkt waren; bei den Vandalen, weil sie sich freiwillig aus politisch-militärischen Gründen mit der Ansiedlung auf eine Provinz ihres weiten Reiches beschränkten; bei Odoaker und den Ostgoten mögen ähnliche Motive mitgespielt haben, wenigstens finden wir, daß in Unteritalien sehr wenig Goten waren. Die Franken blieben, als sie unter Chlodwig ihr großes Reich gründeten, mit der Hauptmasse des Volkes in den Gebieten sitzen, die sie von je innegehabt hatten, oder aus denen die früheren Generationen die Römer entweder gänzlich ausgetrieben oder sie wenigstens gänzlich unterdrückt hatten. In den romanischen Gauen, über die Chlodwig nunmehr seine Grafen setzte, genügten die kaiserlichen Domänen, die Kommunalgüter oder konfiszierter Besitz einzelner römischer Großen, um die wenigen Mannschaften unterzubringen, die der König jedem Grafen mitgab.

Wie die gotischen, vandalischen und burgundischen, so sind auch die fränkischen Heere nur klein. Es hätte keine Schwierigkeit gemacht, aus den rein germanischen Landschaften sehr viel größere Scharen aufzubieten, aber man wäre nicht imstande gewesen, sie zu ernähren, ohne dabei alle Ordnung aufzulösen und die Landeskultur zu vernichten. Auf weite Entfernungen hinaus konnte man immer nur mäßige Scharen strategisch bewegen, und nicht auf die Menge der an sich vorhandenen kriegerischen Mannschaften, sondern der operationsfähigen Mannschaften kommt[440] es an. Das ist der Grund, weshalb Theoderich der Große den Frankenkönigen, Chlodwig und seinen Söhnen, überlegen blieb. Chlodwig hatte sicherlich mehr Krieger, aber die Ostgoten blieben in ihrer Gesamtheit auch in ihrer weiten Verteilung in dem eroberten Italien eine stets mobile Armee, die nach dem Willen des Königs und Kriegsherrn mit den Mitteln des reichen Landes dahin befördert und da aufgestellt werden konnten, wo sie gebraucht wurde.

Verfolgen wir den Faden noch einmal rückwärts, der uns von dem einen Thema zum andern geleitet hat: die vorwiegende Reiterei, das Hervortreten des Einzelkriegers, die Verflüchtigung des taktischen Körpers leitet alles auf Kleinheit der Heere. Wissen wir aber erst, daß kleine Scharen besonders tapferer Männer in den Kämpfen dieser Zeit die Entscheidung gaben, so ist es auch klar, weshalb Chlodwig auf den großen romanischen Gebieten, die er eroberte, nur ganz wenige Franken anzusiedeln, und daß er deshalb keine Landteilung vorzunehmen brauchte.

Die Auflösung der Geschlechterverfassung und das über weite Flächen zerstreute Wohnen der Krieger lockerte den Zusammenhalt des alten Schlachtkeils und minderte und vernichtete schließlich dadurch seine Wert, ohne daß der einzelne deshalb an Tapferkeit oder Waffenübung zurückgegangen wäre. Indem aber die persönliche Tapferkeit allein übrig bleibt, bildet sie diejenige Kampfesform aus, in der der einzelne am meisten leisten kann, das ist, indem er sich zu Pferde setzt, ohne dabei die Fähigkeit, unter Umständen auch zu Fuß zu kämpfen, aufzugeben.

Zahl, Kriegsverfassung und Taktik bedingen sich gegenseitig und kontrollieren sich gegenseitig. Indem wir festgestellt haben, wie klein die Heere der Völkerwanderung, wie klein auch die Heere der Ostgoten waren, haben wir mittelbar auch einen Maßstab für die Franken gewonnen: auch ihre Heere waren nur klein. Das bedeutet, daß die Krieger, aus denen sie bestanden, Qualitätskrieger waren. Das Kriegswesen und die Taktik des Rittertums bahnt sich an.[441]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 432-442.
Lizenz:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Blumen und andere Erzählungen

Blumen und andere Erzählungen

Vier Erzählungen aus den frühen 1890er Jahren. - Blumen - Die kleine Komödie - Komödiantinnen - Der Witwer

60 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon