Schlacht bei Tagliacozzo.

23. August 1268.

[376] An die Kämpfe der hohenstaufischen Kaiser mit den italienischen Kommunen schließe ich noch eine Ansicht der Schlacht, in der der Letzte des großen Geschlechtes, Konradin, seinen Untergang fand, nicht mehr im Kampf gegen die Städter, sondern gegen den französischen Fürsten Karl von Anjou, den die Päpste herbeigerufen, um die Staufen aus ihrem Erbreich Neapel zu vertreiben.

Die Ur- und Hauptquelle für die gewöhnliche Darstellung dieser Schlacht ist die Aufzeichnung eines französischen Mönches Primatus, der wahrscheinlich im Kloster St. Denys bei Paris geschrieben hat; aus ihm hat namentlich Villani geschöpft, und alle neueren Forscher, Raumer, Schirrmacher, Delpech, Köhler, Buffon, Hampe, Oman haben diese Erzählung bei kleinen Abweichungen im einzelnen zur Grundlage genommen. Sie ist jedoch neuerdings von Roloff383 auf Grund der besseren und ursprünglicheren Quellen als in jeder Beziehung unglaubwürdig nachgewiesen worden. Was wir von der Schlacht mit historischer Sicherheit sagen können, ist wesentlich aus den Ghibellinischen Annalen von Piacenza und aus den kurzen Angaben Karls von Anjou selber zu entnehmen.[376]

Auf beiden Seiten erscheinen in allen Schlachtberichten nur Reiter; das Fußvolk das daneben hier und da erwähnt wird, hat also nur eine sehr unbedeutende Rolle gespielt, vielleicht auch gar nicht mitgefochten.

Da auch die Placentiner Annalen angeben, daß das vereinigte Heer Konradins und seines Bundesgenossen Heinrichs von Kastilien, des Senators (Bürgermeisters) von Rom, stärker gewesen sei als dasjenige ihres Gegners, so scheint das angenommen werden zu müssen. So ganz möchte ich mich aber doch nicht darauf verlassen, besonders, da mir auch der völlige Mangel des Fußvolks in den Schlachtberichten nicht unverdächtig ist: Roloff hält die Berichte, wonach Konradin fünf- bis sechstausend, Karl viertausend Reiter gehabt habe, für glaubwürdig. Wenn man diese Reiter Ritter nennt, so ist damit wohl schon etwas über den eigentlichen Ritterbegriff hinausgegriffen. Viele darunter werden nicht nur den Ritterschlag nicht gehabt, sondern auch gemeine Reiter gewesen sein, die, wenn auch mehr oder weniger schwer gerüstet, doch nicht ritterlicher Geburt waren.

Die Schlacht verlief derart, daß zunächst die Truppen Konradins, die vereinigten Deutschen, Spanier und Italiener siegten, dann aber, als bei ihnen schon eine große Auflösung eingetreten war, durch das Eingreifen einer französischen Reserve unter König Karls eigener Führung geschlagen wurden.

In welcher Absicht und in welcher Art Karl diese Reserve, wie es scheint, verdeckt, zurückhielt, ist aus den Quellen nicht ersichtlich, und man kann darüber nur Vermutungen anstellen. Ausgeschlossen ist natürlich, daß Karl von vornherein mit Absicht den größeren Teil seines Heeres schlagen ließ, in der Berechnung, daß er dann aus seinem Versteck die aufgelösten Sieger anfallen und vermöge seiner Geschlossenheit überwinden werde. Wenn vermöge eines so einfachen Kunststücks eine Minderzahl eine Mehrzahl besiegen könnte, so würde das öfter gemacht worden sein. Die Absicht bei der Zurückzahlung einer Reserve kann immer nur darauf gehen, einzugreifen, während der Kampf noch unentschieden schwankt; ein späteres Eingreifen würde ja von der andern Partei auf das leichteste abgewehrt werden, wenn auch nur eine ganz mäßige Schar geschlossen und kampffertig bleibt und dadurch einen[377] Kern für die Sammlung der augenblicklich Zerstreuten, aber an sich um das vielfache Überlegenen bietet.

Roloff schildert den Zustand eines siegreichen Ritterheeres sehr anschaulich folgendermaßen: »Man stelle sich den Kampf zweier Ritterheere vor. Mehrere tausend Einzelkämpfer beginnen ungefähr gleichzeitig das Handgemenge; nach einiger Zeit beginnt die schwächere Partei zu weichen: natürlich wird jetzt ein Teil der Sieger den Weichenden nachdrängen, ein anderer vom Pferde springen, um sich die Wunden zu verbinden, die durch den Kampf beschädigte Rüstung in Ordnung zu bringen, das Pferd zu wechseln, den zu Boden geworfenen Gegner völlig zu töten oder gefangen zu nehmen, ihm etwaige kostbare Rüstungs- und Waffenstücke zu entreißen. Ein Kommando, das solche eigenmächtiges Plündern und Ausruhen verhinderte und den Ritter zwänge, stets gerüstet und auf alles gefaßt zu bleiben, gibt es ja nicht. Ein derartiger Zustand, der von jedem Siege eines ritterlichen Heeres unzertrennlich ist, setzt ohne Zweifel den Gefechtswert bedeutend herab, und eine Truppe, die in einem solchen Moment angreift, muß, selbst wenn sie erheblich schwächer ist, bedeutende Vorteile haben: viele abgestiegene Ritter sind gegen die Anreitenden fast wehrlos, und das angegriffene Heer wird sich über einen weiten Raum verteilt haben, so daß der Angreifer vielleicht zunächst gar keinen ebenbürtigen Gegner findet und die feindliche Streitkräfte sukzessive aufreiben kann. Wie der Kampf sich bei einem solchen Überfalle gestaltet, das hängt ganz von den besonderen Umständen ab; bei einer großen Überzahl der Angegriffenen ist es nicht ausgeschlossen, daß sie den Kampf aufnehmen und siegreich durchfechten. Da der Ritter Einzelkämpfer ist und sich ohne Schwierigkeit für seine Person nach allen Seiten hin wenden kann, so wird es nicht viel ausmachen, ob der plötzliche Stoß auf die Flanke oder den Rücken erfolgt: das Entscheidende ist immer die Frage, wie viele Ritter im Moment des Stoßes kampfunfähig sind und wie weit sie verstreut sind.«

In einem solchen Moment der beginnenden Selbstauflösung, fährt Roloff fort, müsse Karl das staufische Heer angegriffen haben. Das war sehr vorteilhaft, aber, um es noch einmal zu betonen, doch nur ein Zufall, vielleicht dadurch herbeigeführt, daß[378] das Gros des angiovinischen Heeres schneller geschlagen und geflohen war, als Karl berechnet hatte. Unzweifelhaft ist es noch zu einem harten Kampf gekommen; weshalb dieser Kampf aber mit dem Siege der Franzosen endete, wissen wir nicht, denn an sich genügt das Auftreten der neuen Truppen und ihre Ordnung gegenüber der sehr großen, durch den Sieg moralisch gehobenen Mehrzahl nicht, um ohne weiteres als entscheidend angesehen zu werden. Ob vielleicht, wie Roloff weiter vermutet, bei dem aus drei Nationalitäten zusammengesetzten Heer Konradins großes Mißtrauen der verschiedenen Teile gegen einander herrschte, und eine Panik ausgebrochen ist, weil man bei dem plötzlichen Auftreten neuer feindlicher Scharen Verrat argwöhnte?

Kriegsgeschichtlich ist jedenfalls aus dieser Schlacht wenig zu entnehmen und zu lernen, da wir eben über die beiden Hauptmomente, weshalb und wie Karl von Anjou seine Reserve oder seinen Hinterhalt bildete, sowie weshalb er damit einen so gewaltigen Erfolg erzielte, quellenmäßig nicht unterrichtet sind und bloße Vermutungen uns nicht weiterführen. Nur negativ darf man schließen, das treffenmäßige Ordnung damals nicht üblich war, da Konradins Heer, wenn es ein zweites Treffen gehabt hätte, nicht so völlig hätte aufgelöst sein können.

Als Beitrag für die Kritik mittelalterlicher Erzählungen mögen noch aus Roloff folgende Einzelheiten hier angeschlossen sein. Heinrich von Kastilien soll sich mit seinen Spaniern auf der Verfolgung so weit vom Schlachtfelde haben weglocken lassen, daß er erst wieder zurückkam, als Karl die Deutschen dort besiegt hatte. Nun kam es zu einem dritten Kampf. Diese Zerlegung der Schlacht in getrennte Akte erscheint ja geeignet, den Sieg der Minderzahl zu erklären, ist aber von Roloff mit quellenkritischen und sachlichen Gründen als Fabel dargetan. In dem angeblichen dritten Kampf sollen nun die Spanier fest zusammengehalten haben wie eine Mauer, so daß die Franzosen nicht in sie einzudringen vermochten. Aber Erard von Valery, der überhaupt der Held der Legende ist, wußte Rat; er unternahm mit dreißig Rittern eine Scheinflucht; die Spanier, in der Meinung, die Franzosen flüchteten sämtlich, setzten ihnen nach und lösten damit ihre geschlossenen Glieder. Jetzt dringen die Franzosen in sie ein zum Einzelkampf; aber[379] vergebens: die Panzer der Spanier sind undurchdringlich gegen Hieb und Stoß. Da rücken die Franzosen ihren Gegnern dicht auf den Leib und ergreifen sie bei den Schultern und Armen, um sie von den Pferden zu reißen. Weil sie in ihren leichten Kettenpanzern behender sind als die Spanier in ihren schweren Plattenpanzern, so haben sie damit Erfolg. Nach tapferem Kampf werden die Spanier völlig geschlagen.

Wessen Blick einigermaßen geschärft ist für Kriegslegende, erkennt sie hier sofort: wenn Leichtergewappnete die Schwergewappneten so einfach überwinden, so würden wir wohl öfter davon hören, und die Schwergewappneten würden sich nicht so lange in der Kriegsgeschichte gehalten haben. Roloff aber weist die Legende auch quellenmäßig als eine solche nach, indem er heranzieht, daß Primatus für die Schlacht bei Benevent zwei Jahre vorher schon eine ganz ähnliche Geschichte zu erzählen weiß, nur daß hier die lebendige Mauer nicht von Spaniern, sondern von Deutschen gebildet wird. Man sieht nicht ein, warum die Deutschen bei Benevent anders gefochten haben sollen als bei Tagliacozzo, und Andreas von Ungarn, der die Schlacht von Benevent wenige Jahre darauf ausführlich schilderte, weiß von einer solchen interessanten Einzelheit nichts. Der Ursprung der Erzählung ist einfach, daß sie immer von denen berichtet wird, mit denen die Franzosen den härtesten oder letzten Kampf geführt haben. Die nächstbeteiligten ältesten Quellen in Italien selbst wissen von solchen Einzelheiten nichts. Erst in der Ferne ist die Legende entstanden. Die heimgekehrten Ritter, von denen Primatus in St. Denys seine Geschichten hörte, fabelten ihm vor, daß sie die gewaltigen Männer, die sie in Italien besiegt hatten, noch erst mühsam und listig auseinanderbringen mußten, um mit ihnen handgemein werden zu können, und steigerten, wie es bei Übertreibungen geht, die Undurchdringlichkeit der spanischen Rüstungen so sehr, daß sie die Kriegstüchtigkeit ihrer Gegner eigentlich wieder aufhoben: denn was sind Gegner, die man schließlich mit den bloßen Händen überwindet? Sollten die kampfgeübten Spanier nicht den Leuten, die ihnen nach Armen und Schultern griffen, um sie von den Pferden zu reißen, mit ihren Schwertern oder Dolchen dabei bös in die Finger geschnitten haben? Daß Ritter von Leichtgerüsteten oder[380] Ungewappneten überwunden werden, ist nur dann möglich, wenn mehrere über einen herfallen, und dann wird der Ritter nicht wegen, sondern trotz seiner guten Rüstung überwältigt. Das mag auch bei Tagliacozzo geschehen sein.

Sehen wir genau zu, so sind diese durch ihre schwere Rüstung unfähig gemachten Krieger noch viel ältere Bekannte: wodurch erklärten doch die Griechen den Sieg ihrer angeblichen Minderzahl bei Salamis? Die Phönicier, das seekundigste aller Völker, sollten sich so große und schwere Schiffe gebaut haben, daß sie sie nicht recht zu lenken und zu regieren vermochten.

Vergleicht man Roloffs Ergebnis über den Verlauf der Schlacht bei Tagliacozzo mit den bisher üblichen, nur in Einzelheiten abweichenden Erzählungen, so dürfte darin auch wieder ein Beweis gefunden werden, wie wenig die bloße Quellenkritik ohne Sachkritik zu leisten vermag. Wie stolz ist unsere Historiographie gerade auf die Exaktheit der an den mittelalterlichen Quellen geübten Methode – und mit all ihrer Exaktheit hat sie, wohlgemerkt die moderne, kritische Forschung, bisher über Tagliacozzo ganz solche Fabelbilder geliefert, wie die antike Historiographie über Xerxes oder über die Cimbern und Teutonen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 376-381.
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