Schlacht bei Tannenberg.

15. Juli 1410.

[545] So gewaltig die Schlacht und die Entscheidung von Tannenberg war, und soviel damals schon aufgezeichnet wurde, so ist sie doch nur sehr unsicher überliefert.525

Der Fortsetzer von Detmars Lübecker Chronik schlägt das polnisch-littauische Heer zu 5100000 Mann an, übertrifft also noch die Zahlen des Vaters der Geschichte für das Xerxes-Heer. Die Magdeburger Schöppenchronik weiß im Einklang hiermit zu berichten, daß die Gesamtzahl der Toten 630000 betragen habe. Die mindeste Angabe der Chroniken ist für die Deutschen 83000, für die Polen 163000 Krieger. HEVEKER berechnet das Ordensheer auf etwa 11000 Mann, davon etwa 3850 Schwergerüstete, 3000 Knappen und 4000 Schützen, die ebenfalls beritten waren, aber zum Gefecht absaßen. Dazu einiges Fußvolk, das aber nicht mit in die Schlacht ging, sondern während derselben in der Wagenburg blieb.[545]

Die Polen und Littauer berechnet Heveker auf 16500 Reiter, also um die Hälfte mehr als die Deutschen. Daß sie erheblich stärker waren, gibt auch der Pole Dlugoß, unsere Hauptquelle für die Schlacht, an. An der Spitze des Heeres stand der König Wladislaw Jagiello, die eigentliche Seele aber war sein Vetter Witold, der Großfürst von Littauen.

Der Hochmeister, Ulrich von Jungingen, überließ den Polen die Initiative und nahm, als sie auf dem rechten Ufer der Weichsel vorgingen, hinter deren Nebenfluß Drewenz Stellung. Nach den Quellen scheint es, als ob die Deutschen dem Feinde den Übergang über die Drewenz bei Kauernick verwehrt hätten; man sieht nicht, weshalb, da es doch auf jeden Fall zur Schlacht kommen mußte. Entweder die Preußen hatten ihre Kräfte noch nicht beisammen, oder die Absicht war, die Polen über den Fluß zu lassen und sie während des Überganges anzugreifen. Wie dem aber auch sei, die Polen sahen die Schwierigkeit, kehrten um und bogen nach Osten aus, um die Drewenz an ihrer Quelle zu umgehen.

Die Deutschen marschierten ihnen parallel, gingen, da der Fluß einen starken Bogen nach Norden macht, selbst hinüber und marschierten angesichts des feindlichen Lagers bei dem Dorfe Tannenberg zur Schlacht auf. Unsere Quellen, polnische wie deutsche, sind darin einig, daß das Ordensheer einen Fehler machte, indem es aufmarschiert stehen blieb, statt sofort das noch nicht geordnete polnische Heer anzugreifen. Das ist aber offenbar nichts als nachträgliche Superklugheit. Der Nachtrab der Preußen traf erst gegen den Schluß der Schlacht ein, die schwere Artillerie kam überhaupt zu spät und konnte nur noch für Verteidigung des Lagers aufgestellt werden; das Heer war also selbst bei Beginn des Gefechts noch nicht vollständig aufmarschiert: die Erzählung von dem langen Warten rührt von Leuten her, die zufällig zu den Vordersten gehört haben und den Grund ihres langen Stehens nicht verstanden. Man war schon in der Nacht, in der es heftig geregnet hatte, aus der Gegend von Löbau aufgebrochen und hatte einen Marsch von nicht weniger als 25 Kilometer Luftlinie in der heißen Juli-Sonne gemacht, also ganz natürlich, daß der Aufmarsch sehr lange dauerte. Die Polen ihrerseits waren an dem Morgen, um 6 Uhr aufbrechend, nur 11/2 Meilen marschiert, hatten[546] sich bereits gelagert und brauchten nur vor ihrem Lager anzutreten. An einen Überfall also war gar nicht zu denken. Vielmehr kommt in die Strategie des Hochmeisters nur dann ein vernünftiger Zusammenhang, wenn man annimmt, daß er eine Defensiv-Offensiv-Schlacht schlagen wollte. Er war ziemlich stark an Armbrustern und sogar an Geschützen, deren Wirkung sich nur in der Defensive voll geltend machen konnte. Wollte er den Feind bei Tannenberg angreifen, so sieht man nicht, weshalb er es nicht schon fünf Tage vorher bei Kauernick getan und die Polen solange auf dem preußischen Gebiet, das sie furchtbar mißhandelten, gelassen. Wollte er aber dem Gegner den Angriff zuschieben, so wird alles verständlich: daß er ihn im eigenen Lande erwartete, daß er hinter der Drewenz Stellung nahm, daß er bei Tannenberg seine Truppen solange untätig stehen ließ. Er hatte hier eine Position, die in der Flanke der polnischen Marschrichtung lag, so nahe, daß sie nicht daran vorbeigehen konnten, rechts eine gute Anlehnung an den Grünfelder Wald, links an das Dorf Tannenberg, vor sich ein im ganzen ebenes Gelände, das aber, etwas gewellt und von Rissen durchzogen, dem Angreifer doch mancherlei Schwierigkeiten bereitete.526

Während die Polen auf die erste Meldung von der Nähe des Ordensheeres schleunigst sattelten und aufmarschierten, erschienen bei König Wladislaw zwei Herolde, die ihm im Auftrage des Hofmeisters zwei Schwerter überreichten und ihn zum Kampfe herausforderten. Dürfen wir in dieser Zeremonie einen Versuch des Hochmeisters sehen, noch etwas Zeit zu gewinnen, so würde das in unsere Gesamtanschauung der Schlacht sehr gut hineinpassen.

Die Schlachtanlage ist, wie man bereits bemerkt haben wird, ganz analog derjenigen Bajazeths bei Nikopolis. Zwar hören wir nichts davon, daß die deutschen Schützen einen Palissadenzaun vor sich errichtet hätten, wie die Janitscharen (bei Kauernick wird es übrigens ausdrücklich erwähnt), dafür aber hatten sie auch noch eine Anzahl Geschütze in der Front.

Der Ausgang aber war der entgegengesetzte wie bei Nikopolis. Die Geschütze hatten nur eine geringe Wirkung, um so mehr,[547] da gerade im Beginn der Schlacht ein Gewitterschauer niederging und das Pulver naß machte. Die Armbruster und Bogner hatten einen guten Erfolg, wenigstens auf dem linken Flügel, den leichter gerüsteten Littauern gegenüber, die, als nun die Ritter auf sie einsprengten, geworfen wurden und flüchteten. Im Zentrum und auf dem rechten Flügel aber unterlagen die Deutschen nach hartem Kampf der großen Überlegenheit der Polen, die nicht den Fehler der Franzosen bei Crecy wie bei Nikopolis machten, truppweise anzugreifen, sondern ihr Heer erst völlig aufmarschieren ließen und die ganze Masse gleichmäßig in Bewegung setzten. Gegen diese Masse verlor sich die Wirkung der preußischen Armbruster wie der Geschütze und vermochte auch die Tapferkeit der Ordensbrüder nichts. Auch die von der Verfolgung der Littauer zurückkehrenden Ritter konnten das Geschick nicht mehr wenden. In den Ordenskreisen behauptete man nachher, es sei Verrat im Spiele gewesen, die Kulmischen Ritter, die in Opposition zum Ordensregiment standen, hätten ihr Banner unterdrückt und seien geflohen.

Man wird das nicht zu glauben brauchen. Nur soviel wird, wenn wir den verschiedenen Ausgang von Nikopolis und Tannenberg betrachten, anzunehmen sein, daß weder die Schützen noch die aus dem Lande aufgebotenen Reiter des Ordens an kriegerischer Qualität und Hingabe für die Sache den Janitscharen und Sipahi Bajazeths gleichzustellen sein werden: die Lehre Muhammeds und die aus ihr erfließende Disziplin enthalten eben eine ganz gewaltige kriegerische Potenz. Nimmt man hinzu, daß auch das Zahlenverhältnis das umgekehrte wie bei Nikopolis war, Bajazeth wahrscheinlich der stärkere, Jungingen jedenfalls der erheblich schwächere an Zahl war, und nicht einmal von Anfang an alles zur Hand hatte, so kann der verschiedene Ausgang bei gleicher Anlage und Taktik nicht wundernehmen.

Die Wagenburg, die das Ordensheer hinter seiner Schlachtlinie errichtet und mit dem schweren Geschütz besetzt hatte, wurde von den verfolgenden Polen erstürmt. Der Hochmeister selbst und 205 Ordensbrüder deckten das Schlachtfeld.527
[548]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 545-549.
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