Zweites Kapitel.

Die Schlacht am Morgarten.

15. November 1315.

[576] Das Geröll von Sagen und Dichtungen, das sich über die Schweizer Urgeschichte gelagert hatte und erst mit soviel Mühen und Kämpfen hat beiseite geschafft werden müssen, hatte auch die Schlacht am Morgarten unter sich begraben, sowohl durch die einzelnen Fabeln, wie die von dem österreichischen Ritter Hünenberg, der die Schweizer durch einen hinübergeschossenen Zettel gewarnt haben sollte: »hütet euch am Morgarten«, wie durch Ausmalungen der Kampfszene, die die Forscher veranlaßten, die Schlacht an eine falsche Stelle zu versetzen. Man suchte das Schlachtfeld eine halbe Stunde zu weit südlich, an der Figlerfluh und griff, weil der See, der doch in den Erzählungen eine große Rolle spielt, nicht bis dahin reicht, zu der Hilfskonstruktion, der Seespiegel sei damals viel höher gewesen. Zwei Dilettanten sind es gewesen, ein Arzt, CHR. ITHEN, und ein Gerbermeister, KARL BÜRKLI, die den vereinigten Militärs und Gelehrten gegenüber das Richtige herausgefunden und durchgekämpft haben. ITHEN stellte schon im Jahre 1818 dem General ZURLAUBEN gegen über fest, daß der Seespiegel, geologisch wie historisch nachweisbar, sich nicht verändert habe, und BÜRKLI fand durch Zurückgehen auf die zeitgenössischen Quellen in Vereinigung mit militärischem Verständnis und Studium im Terrain den richtigen strategischen und taktischen Zusammenhang, so daß heute seine Auffassung wohl allgemein angenommen ist. Ich wurde aufmerksam auf ihn durch seine Schrift »Der wahre[576] Winkelried«, die erschien, während meine »Perser- und Burgunderkriege« in Druck waren, und suchte ihn auf, als ich im Jahre 1888 durch Zürich kam: ein origineller alter Herr, der mir erzählte, daß er in seiner Jugend mit Viktor Considérant nach Texas gegangen sei, um dort den kommunistischen Idealstaat zu gründen; als das trotz der reichlich vorhandenen Geldmittel mißlungen, habe er mancherlei Abenteuer in mexikanischen Kriegsdiensten erlebt, bis er wieder in die Heimat zurückkam, wo er nun als sozialdemokratischer Politiker sich dauernd bemerklich und auch wohl so unbequem machte, daß ebensowohl deswegen wie wegen seiner ketzerischen Ansichten in vaterländischkriegsgeschichtlichen Fragen die Schweizer Gelehrtenwelt nichts von ihm wissen wollte. Er hatte aber nicht nur eine große Belesenheit, sondern auch einen natürlichen Instinkt für historische Kritik und eine erstaunliche Kraft der Anschauung von vergangenen Zeiten, namentlich in kriegsgeschichtlichen Vorgängen. Hier und da hat ihn seine lebendige Phantasie dazu verführt, mehr zu erzählen, als sich direkt aus den Quellen ableiten läßt, aber kaum etwas, was nicht an sich möglich und auch psychologisch wahrscheinlich wäre.

Auszugehen ist von der Tatsache, daß es sich nicht um die verzweifelte revolutionäre Erhebung einer friedlichen Bauernschaft handelt, sondern um den vorbedachten Kampf eines kriegerisch gesinnten Gemeinwesens mit kriegserfahrenen Führern unter der Leitung ihrer hergebrachten Obrigkeit. Bei so kriegskundigen Leuten sind wir berechtigt, die vereinzelten Nachrichten und Spuren ihres Tuns, die uns erhalten sind, in dem Sinne eines wohlüberlegten, planmäßigen Handelns zu ergänzen.

Von den Urzeiten her hat man in Gebirgswäldern die natürliche Deckung gegen feindliche Angriffe verstärkt, indem man die Zugänge in den Tälern durch irgendwelche Bauten versperrte. In der Schweiz nannte man solche Sperren Letzen oder Letzinen, welches Wort mit »lafs«, Superlativ »letzt« zusammenhängt; es sind deren noch heute 85 nachweisbar.536 Die Letzi Röuschiben soll noch vorrömischen, die Letzi Serviezel und auch der Grundstock derjenigen[577] von Näfels römischen Ursprungs, vier andere aus dem vierten Jahrhundert sein. In Schwyz sind sechs Letzinen nachweisbar, sie deckten nicht nur die Zugänge zu Lande, sondern einige davon bestanden aus Pfahlwerken im Vierwaldstätter und Zuger See, um auch Landungen zu verhindern; sicherlich geht ein Teil dieser Anlagen bis ins dreizehnte Jahrhunderte und noch weiter, längst vor der Schlacht von Morgarten zurück. Als nun der große Entscheidungskampf um die Befreiung von der Grafengewalt nahte, hatten die Schwyzer nichts Wichtigeres zu tun, als ihre Letzinen zu verstärken.537 Es ist auch eine Urkunde erhalten, wonach die Markgenossenschaft, die Landleute von Schwyz, im Jahre 1310 Stücke Landes an zwei Brüder verkauften, um den Erlös »an die Mur ze Altum mata« zu verwenden, das ist die Letzi bei Rothenthurm bei Altmatt, von der noch heute ein Turm vorhanden ist. Vor allem aber ist anzunehmen, daß sie im Jahre 1315 die gewaltige, eine Stunde lange Letzi errichteten, die vom Roßberg (zwischen Zuger und Ägeri-See) bis zum Rigi hinüberreichend, das ganze südliche Ende des Zuger Sees und die Straßen an seinen Ufern absperrte. Zwar ist die Nachricht, daß diese Letzt eben damals errichtet worden sei, erst aus dem Jahre 1571, aber daß sie bestand, ist bereits in einer Urkunde aus dem Jahre 1354 bezeugt, und alle innere Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß der Bau in den Zusammenhang des Freiheitskrieges gehört. Älter kann er nicht sein, denn das eigentliche Schwyz reicht nicht bis hierher, sondern endete bereits am Lowerzersee; die Markgenossenschaft Arth aber, die eine habsburgische Herrschaft bildete, trat beim Ausbruch der Feindseligkeiten auf die Seite von Schwyz und mußte jetzt geschützt werden. Noch heute sind wesentliche Stücke der Befestigung erhalten, und ein sehr großer Teil hat bis zum Jahre 1805 bestanden, aus welcher Zeit wir eine genaue Beschreibung des Werkes haben. Es war eine etwa eine Stunde lange, nicht weniger als zwölf Fuß hohe, dicke Mauer, mit Toren an den Eingängen und drei mächtigen Türmen.

Zwischen dem Zugang von Altmatt und Arth gab es nun noch den Weg, der an dem Ostufer des Ägerisees entlang über[578] Morgarten, Schorno und Sattel nach Schwyz führte.538 Man sollte annehmen, daß auch dieser Weg durch eine Letzi versperrt wurde, aber wieder sagen uns erhaltene Urkunden, daß erst im Jahre 1322 die Landleute von Schwyz fünf Güter verkauften, um


2. Kapitel. Die Schlacht am Morgarten

aus dem Erlös die Letzi hier, bei Schorno, zu bauen. Hat hier schon 1315 eine Letzi bestanden, die 1322 nur erneuert und verstärkt worden ist, so wäre Schwyz schon damals eine Art riesiger Festung gewesen. Aber es ist keineswegs unmöglich, daß die[579] Schwyzer 1315 mit vollem Bewußtsein die Letzi von Schorno vernachlässigt und den Zugang am Ägeri-See offen gelassen haben.539 So stark auch jeder einzelne Punkt der Verteidigung durch Natur oder Kunst sein mochte, eine über so weite Räume erstreckte Befestigung dauernd zu verteidigen, ist doch sehr schwer; ein umsichtiger und zäher Feind findet gar zu leicht eine Stelle, die unbewacht ist, wo er eindringt und die Verteidiger im Rücken faßt. Das haben schon die Griechen bei Thermopylä erfahren. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Schwyzer unter der Führung ihres Landammanns Werner Stauffacher von vorn herein einen ganz anderen Plan hatten und zu dem Zweck den Weg von Schorno absichtlich offen ließen.

Herzog Leopold sammelte seine ritterliche Mannschaft mit Zuzügen aus den Städten Zürich, Zug, Winterthur und Luzern bei Zug und nahm nicht den Weg rechts oder links am Zuger See entlang über Arth, wo die Schwyzer ihre große Mauer errichtet hatten, sondern am Ostufer des Ägerisee entlang; sei es, daß auf diesem Wege wirklich keine Befestigung war, sei es, daß er glaubte, sie hier leichter umgehen oder überraschend eindringen zu können; sein Heer mag 2000-3000 Mann stark gewesen sein, was damals, wie wir wissen, eine sehr erhebliche Macht und gegen eine bloße Bauerschaft ein ganz ungewöhnlich großes Aufgebot war.540

Den Schwyzern waren die Urner zugezogen, ob auch ein Kontingent von Unterwalden, ist zweifelhaft, da Herzog Leopold diese Landschaft vorsorglich zu gleicher Zeit durch einen seiner Grafen von Interlaken her über den Brünigpaß angreifen ließ. Immerhin wird das Heer der Eidgenossen, als dessen Führer Werner Stauffacher anzunehmen ist,541 auf 3000-4000 Mann542 anzuschlagen sein.[580]

Stauffacher hatte sich, wenn er es nicht von vornherein darauf angelegt hatte, jedenfalls darauf vorgesehen, daß der Herzog den Weg über Morgarten wählen würde; sobald die Späher und Kundschafter, die die Schwyzer draußen im Lande hatten, die Nachricht brachten, daß das österreichische Heer auf diesem Wege im Anmarsch sei, führte Stauffacher seine Mannschaft an den Mattligütsch, eine Höhe über dem Ägerisee, wo die Schweizer sich versteckt aufstellten und nur schwer entdeckt werden konnten, da der Platz rechts, nach der Feindesseite, durch einen tiefen Einschnitt, einen bewaldeten Tobel, die Haselmattrufe, gegen jede direkte Rekognoszierung verwahrt ist. Von dem Mattligütsch herab zum See führen mehr oder weniger steile, aber im Ganzen wohlpassierbare Grashalden. Südlich davon springt der Berg steil bis dicht an den See vor, so daß die Straße hier mit einem einzigen Baumstamm leicht zu sperren ist.

An diese enge Stelle beim Buchwäldli dirigierte Stauffacher eine kleine Schar, die Vorhut, wohl hauptsächlich Armbrustschützen.543

So gewiß Herzog Leopold die Kriegstüchtigkeit der Schwyzer kannte und auf einen ordentlichen Streit gefaßt war, so hat er doch schwerlich schon an dieser Stelle Widerstand erwartet, denn die Enge bei Buchwäldli liegt schon außerhalb des Schwyzer Gebiets. Die Eidgenossen hatten die Kühnheit gehabt, den Feind nicht in ihrem Lande zu erwarten, sondern ihm auf sein eigenes Gebiet, zur Stadt Zug gehörig, entgegenzugehen. Von lange her wird Stauffacher die ganze Gegend untersucht und sich diesen Platz als ein sehr geeignetes Schlachtfeld ausersehen haben.

Als die Spitze des österreichischen Heeres den Weg bei Buchwäldli gesperrt fand und den Feind durch Schießen und Scharmuzieren[581] nicht vertreiben konnte, werden eine Anzahl Fußknechte oder abgesessene Ritter links die Grashalde hinaufgestiegen sein, um die improvisierte Letzt von oben herab zu umgehen und die Besatzung zu vertreiben. Darüber verging einige Zeit, und mittlerweile rückte der ritterliche Zug näher heran, staute sich vor dem Hindernis und drängte sich auf dem Wege und die flacheren Sellen der Grashalde hinaus zusammen. Eben das war es, was Stauffacher abwartete. Plötzlich rollten Steine und Rundhölzer die steile Halde herab unter die Reiter, und in mächtigen geschlossenen Haufen stürmte die ganze eidgenössische Mannschaft von der Höhe herunter. Ein Hagel von »handvölligen« Steinen prasselte noch kurz vor dem Stoß, kräftig geworfen, auf die Ritter und Pferde hernieder, dann drang die weit überlegene Masse mit Hauen und Stechen auf das Gemisch von Rittern und Knechten ein; ihre Hauptwaffe war die Hellebarde, die nicht lange vorher zum erstenmal genannt wird. Der Name bedeutet Halmbarte, daß heißt die Axt mit einem sehr langen Stiel, der auch eine eiserne Spitze hat, so daß Spieß und Axt in einer Waffe vereinigt sind; sie ist die Reaktion gegen die immer stärker werdende Ritterrüstung, die nur mit der ungeheuren Wucht des langschäftigen Beils durchschlagen werden kann, daher die Waffe des ungewappneten Fußgängers gegen den schweren Reiter. In ihrer späteren Ausbildung ist sie auf der Rückseite auch noch mit einem Haken versehen, um den Ritter an seiner Rüstung vom Pferde zu reißen; manchmal auch noch mit einem Spitzhammer.

Was konnten die Ritter gegen den wilden Ansturm des so furchtbar bewaffneten Bauernhaufens machen? Sie konnten ihm nicht den Berg hinaus entgegensprengen und sie konnten ihm, hinter sich den See, auch nicht ausweichen. Sie werden in dem Gedränge kaum ihrer von den herunterrollenden Felsen und Steinwürfen aufgeregten Pferde Herr geblieben sein. Der Reiter, der sich mit seinem Pferde nicht bewegen kann, hat keinen Vorteil mehr von ihm, sondern nur den Nachteil, daß ein Teil seiner Kraft und Aufmerksamkeit auf das Pferd verwandt werden muß, das, wenn es wild wird, ihn sogar so gut wie kampfunfähig macht.

Die Kraft des schwyzerischen Schlachtplanes beruhte also nicht bloß auf dem Überfall in einem Engpaß, sondern ganz wesentlich[582] auf der durch die Sperre und den Aufenthalt am Buchwäldli-Vorsprung bewirkten Stauung. Hätten die Schwyzer einfach auf das marschierende Heer vom Morgartenberg herunter einen Flankenangriff gemacht, so hätten sie zwar unter solchen Umständen gesiegt, aber der Erfolg wäre nur gering gewesen: was nicht direkt vom Angriff getroffen wurde, hätte sich schleunigst davongemacht, und selbst die nach vorwärts Flüchtenden wären wohl auf Um- und Schleichwegen zum großen Teil entkommen. Die dem Angriff vorhergehende Stauung aber bewirkte, daß, wenn auch nicht das ganze, doch ein sehr großer Teil des österreichischen Heeres in den Kampf verwickelt wurde und sich ihm nicht entziehen konnte und zugleich in dem Gedränge auf dem engen Platz so gut wie kampfunfähig war. Dies richtig erkannt zu haben, ist das entscheidende Verdienst Bürklis; es gehörte dazu nicht nur der militärische Blick, sondern auch die völlige innere Befreiung von der Legende, die in den Schwyzern friedliche Hirten und Bauersleute sah. So lange man in dieser Vorstellung lebte, konnte man natürlich auf den Gedanken, bei ihnen eine geniale, von weit her vorbereitete strategische Konzeption zu suchen, gar nicht kommen. Die Schwyzer aber, die in mannigfachen früheren Kämpfen umgetrieben, sich die Waffe zu eigen gemacht hatten, mit der der Bauer den Ritter schlägt, die Hellebarde, und das Selbstvertrauen, das zum Angriff befähigt, hatten auch in Stauffacher den Führer, wir dürfen sagen, den Feldherrn, der die vorhandenen Gemeinkräfte zur rettenden und zugleich weltgeschichtlichen Tat beseelte.

Die österreichischen Mannschaften, die noch auf dem Wege weiter rückwärts waren, waren nicht imstande, den bedrängten Genossen zu helfen; bald wurden sie durch die Zurückströmenden in allgemeiner Flucht mit fortgerissen. Die meisten von den Herren und Knechten in dem an der Spitze zusammengedrängten Haufen wurden entweder von den Schweizern erschlagen oder mußten, in den See gedrängt, ertrinken; mit Mühe und Not rettete sich Herzog Leopold selber. Der Mönch Johann von Winterthur (Vitoduran), dem wir einen Bericht über die Schlacht verdanken, erzählt, wie er selber als Knabe den Herzog verstörten Antlitzes, »vor übergroßer Trauer schien er wie halbtot«, in seine Vaterstadt habe einreiten sehen.[583]

Der wesentliche Punkt, in dem ich über Bürklis Darstellung hinausgegangen bin, ist die Betonung der strategischen und taktischen Führung der Schwyzer. Bürkli ist empört über die spätere Legende und Fälschung, die das Verdienst an dem Siege einem Ritter von Hünenberg, der die Schwyzer auf die Stelle am Morgarten aufmerksam gemacht, und einem andern Aristokraten, Itel Reding, der guten Rat gegeben haben soll, zuschanzen will. Die Empörung ist insofern unangebracht, da die Tendenz dieser Fabeln keineswegs ist, dem Volke sein Verdienst zu nehmen, sondern es sich, nur um den uns bekannten psychologischen Zug handelt, das schwer zu fassende historische Sachliche durch etwas pikantes Persönliches zu ersetzen. Direkt unrecht aber hat Bürkli, wenn er meint, eine Schlacht wir Morgarten so zu sagen als eine unmittelbare Volkstat, einen Ausfluß des Volks-Instinkts auffassen zu können. Er selber legt vortrefflich dar, wie wohlüberlegt von weit her alles war: dazu gehört aber Führung. So viel kriegerische Erfahrung auch schon in diesen Schwyzer Bauern steckte, so kann doch schließlich nicht die vieltausendköpfige Gemeinde tun, was hier geschehen ist. Es muß ein sehr sicher funktionierender Beobachtungs- und Nachrichtendienst vorhanden gewesen sein; Zug, wo der Habsburger seine Mannschaft sammelte, liegt nur drei Stunden von der Schwyzer Grenze. Vitoduran hat die Erzählung, die Schwyzer hätten durch den Grafen von Toggenburg erfahren, wo Leopold anrücken würde. Die Nachricht ist schlechthin unglaubwürdig: der Graf hätte sich selbst durch solchen Verrat den Tod bereitet, denn er ist als treuer Kämpe seines Herrn bei Morgarten gefallen. Auch daß er bei Vermittelungsversuchen, die er machte, aus Versehen den Plan des Herzogs verraten, ist nicht zu glauben, und wenn es wahr wäre, hätte es nichts zu bedeuten – denn was hinderte den Herzog, noch im Moment des Ausmarsches seine Richtung zu ändern, den Weg nach Arth oder Altmatt zu nehmen? Auch auf diese Möglichkeit muß die Schwyzer Führung vorbereitet gewesen sein, und die Beobachter und Boten, die sie in der Nähe von Zug hatte, müssen auch so kundig und klug gewesen sein, daß sie sich nicht etwa durch Scheinbewegungen täuschen ließen. Vitoduran berichtet ausdrücklich, daß Leopold nicht bloß auf der Morgartener Straße, sondern auch auf anderen Wegen vorrückte,[584] und daß die Mannschaften auf diesen anderen Wegen auf die Nachricht von der Niederlage des Hauptheeres umkehrten und ohne Verlust entkamen. Weshalb entsandte Leopold solche Neben-Kolonnen und hielt seine Streitkräfte nicht zusammen? Auf ein sehr ernstes Gefecht ist er sicher gefaßt gewesen, und siegte er in diesem, so war alles entschieden, und es war gleichgültig, auf welchem Wege man ins Land kam. Stark können die Neben-Kolonnen nicht gewesen sein; die gesamte Ritterschaft war sicher beim Herzog. Leopold wird erwartet haben, daß, wenn ihm etwa an der Letzi bei Schorno zäher Widerstand geleistet würde, die Schwyzer durch die Nachricht, daß auch rechts oder links sich Feinde zeigten, zum Rückzug bewogen werden könnten, oder aber, daß der Anmarsch auf verschiedenen Straßen sie von Anfang an verführe, ihre Kräfte auf die verschiedenen Letzinen zu verteilen. Umgekehrt war es für die Schwyzer entscheidend, daß sie früh genug erkannten, wo der eigentliche Angriff heraufziehe, um ihm mit möglichst vollzähliger Gesamtkraft entgegenzutreten. Das kann nicht dem Zufall überlassen worden sein, sondern war Sache wohlüberlegter, tatkräftiger Führung. In dem Augenblick, wo die Meldung kam, daß der Feind am östlichen Ufer des Ägerisees entlang marschiere, muß der Führer seines Boten und seines Planes so sicher gewesen sein, daß er auf der Stelle den Aufbruch befahl. Mag nun die Mannschaft an der Letzine bei Arth oder bei Schwyz versammelt gewesen sein, der Marsch, den man zu machen hatte, war nicht viel kürzer als der des Herzogs, und wenn man eine Stunde zu spät kam, d.h. wenn die Letzine am Buchwäldli erstürmt, und das Gros der Österreicher sie passiert hatte, war der Kriegsplan zerstört und Schwyz wahrscheinlich verloren.

Die Schwyzer müssen also einen Führer gehabt haben, der nicht nur in der Beurteilung des Geländes und in der Organisierung des Nachrichtendienstes einen treffenden Blick und eine gute Leitung, sondern der auch seine Mannschaft ganz sicher in der Hand hatte, so daß sie seiner Führung vertraute und in dem Augenblick, wo er den Aufbruch befahl, antrat. Weder eine allgemeine Kriegerversammlung, noch ein beliebig gewählter Kriegshauptmann hätte einen so sehr auf den Moment gestellten Kriegsplan durchführen können. Es ist erlaubt, an die Führung der[585] Athener durch Miltiades bei Marathon zu denken. Aber Miltiades stand sozial so hoch über der Masse der athenischen Bürger, daß, nachdem man ihn einmal zum Feldherren gewählt, die Menge ihm auch einen natürlichen Gehorsam leistete. Die Autorität, mit der der bäuerliche Mann, Stauffacher, die Schwyzer bei Morgarten führte, war anderen Ursprungs: wir haben sie bereits kennen gelernt, in der germanischen Urgeschichte: der Schwyzer Ammann, der auch politisch und wirtschaftlich die Gemeinde (Markgenossenschaft) regiert und die Kraft seiner militärischen Befehle aus der Einheit des gesamten Daseins, an dessen Spitze er steht, ableitet. Nur weil hier in Schwyz noch das altgermanische Geschlecht in seiner Urverfassung lebte, weil die kriegerische Tüchtigkeit der Einzelnen zu einer kräftigen Einheit mit einem einheitlichen Willen zusammengefaßt ist, weil die Demokratie eine Führung hatte, konnte hier das Volk die Ritterschaft besiegen.

Die Hauptquelle für die Schlacht bei Morgarten ist eine längere Erzählung des Mönches Johannes von Winterthur (Vitoduranus), geschrieben etwa 25-30 Jahre nach dem Ereignis. Die Winterthurer waren Untertanen der Habsburger und hatten ihr Kontingent, von dem aber nur ein Mann umkam, in dem Heere Leopolds; Johannes hatte also seine Nachrichten von Augenzeugen, vor allem von seinem eigenen Vater, der ebenfalls dabei war. Seine Erzählung zeigt aber deutlich, daß er auch von Schwyzern sich hat berichten lassen.544[586]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 576-587.
Lizenz:

Buchempfehlung

Klingemann, August

Die Nachtwachen des Bonaventura

Die Nachtwachen des Bonaventura

Erst 1987 belegte eine in Amsterdam gefundene Handschrift Klingemann als Autor dieses vielbeachteten und hochgeschätzten Textes. In sechzehn Nachtwachen erlebt »Kreuzgang«, der als Findelkind in einem solchen gefunden und seither so genannt wird, die »absolute Verworrenheit« der Menschen und erkennt: »Eins ist nur möglich: entweder stehen die Menschen verkehrt, oder ich. Wenn die Stimmenmehrheit hier entscheiden soll, so bin ich rein verloren.«

94 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon