1745.

[377] Hätten die Österreicher ihren Erfolg von 1744 ausgenutzt, und den Krieg den Winter hindurch fortgesetzt, so sieht man kaum, wie Preußen sich hätte retten können. Aber ein Winterfeldzug überstieg die moralische Spannkraft und materielle Leistungsfähigkeit der Österreicher, und Friedrich gewann Zeit, in rastloser Tätigkeit seine Armee wiederherzustellen. Die strategische Initiative überließ er jetzt seinen Gegnern und beschloß die Manöverniederlage des Vorjahres durch den Schlachtensieg wieder auszumetzen. Sein getreuer Minister Podewils riet dringend davon ab, das Schicksal des Staates dem unsicheren Ausgang einer Schlacht anzuvertrauen. Der König aber erklärte ihm, es bliebe kein anderer Ausweg: die Schlacht sei ein Brechmittel für einen Kranken. Er[377] durfte annehmen, daß die Österreicher im Frühjahr versuchen würden, aus Böhmen in Schlesien einzubrechen, und konnte dann den Vorteil ausnützen, den ihm die Gebirgsgrenze bot. Statt etwa einen Versuch zu machen, die einzelnen Gebirgspässe zu sperren (ich erinnere daran, was schon im ersten Bande dieses Werkes bei Thermopylae über die Sperrung von Gebirgspässen gesagt worden ist), beschloß er, die Pässe offen zu lassen, um die Österreicher in Schlesien zu empfangen. Er ließ aber die Berge aufs sorgsamste bewachen und traf für all die verschiedenen Wege, die die Österreicher einschlagen konnten, seine Vorbereitungen. Straßen und Brücken wurden revidiert und die Truppen so verteilt, daß sie sich aufs schnellste vor dem Ausgang des Passes vereinigen konnten, aus dem man das vereinigte sächsisch-österreichische Heer herausquellen sah. Die Österreicher hatten ihrer Zeit den Versuch gemacht, das preußische Heer bei Chotusitz vermöge eines Nachtmarsches zu überfallen. Der Versuch war mißglückt, weil sie die Schwierigkeiten, ein Heer in einem Nachtmarsch aufmarschieren zu lassen, unterschätzt hatten. Erst morgens um 8 Uhr hatten sie den Angriff begonnen und da hatten die Preußen ihn längst bemerkt, waren auf dem Fleck und das von dem König selbst geführte Korps, das erst von einem weiteren Marsch zurückgerufen werden mußte, wieder so nahe, daß es noch rechtzeitig eingreifen und die Schlacht zugunsten der Preußen entscheiden konnte. Friedrich aber hatte bei Hohenfriedberg (4. Juni) seine vorbereitenden Maßregeln so getroffen, daß er bereits morgens um 4 Uhr den linken Flügel des feindlichen Heeres attackieren konnte. Um 9 Uhr war die Schlacht bereits im wesentlichen beendet und der Feind im vollen Rückzug über das Gebirge. Der Erfolg war glänzend und allein der Führung des königlichen Feldherren zu verdanken. Die strategische Idee, die sorgsame Vorbereitung, die Entschlossenheit in der Ausführung, alles ist auf der Höhe. Erst mit diesem Siege beginnt das Ansehen Friedrichs als Kriegsführer. Bei Mollwitz hatte noch Schwerin den Sieg für ihn nicht erfechten müssen; bei Chotusitz hatte er vortrefflich geführt, aber es trat nicht so in die Erscheinung und die Österreicher bestritten überhaupt, daß sie geschlagen worden seien. 1744 hatte mit einem vollen Mißerfolg geendet. Hohenfriedberg aber gab nunmehr einen Ruhmesglanz, der sich nicht mehr verdunkeln[378] ließ. Man kann auch nicht etwa sagen, daß dem Könige sein Triumph durch besondere Fehler der Gegner erleichtert worden sei. Allerdings hätten sie, um sich gegen einen Überfall zu decken, noch am Abend ihrer Ankunft gewisse Höhen besetzen und die Übergänge über das Strigauer Wasser in ihre Hand bringen müssen. Aber sie kamen erst beim Einbruch der Dunkelheit aus den Bergen heraustretend auf den Lagerplätzen an und hatten kaum noch die Möglichkeit, sich nach allen Seiten genügend zu orientieren. Vielleicht hätte sich der Marsch über das Gebirge beschleunigen lassen. Aber man mußte sich doch noch erst umsehen, ob die Preußen nicht etwa unmittelbar am Ausgang standen und ihnen die Truppenteile einzeln in die Arme liefen. Hätte man aber die erste Nacht noch innerhalb der Berge rasten wollen, um am nächsten Tage mit einem kürzeren Marsch in die Ebene hinabzusteigen, so wäre die Gefahr nur um so größer geworden, daß die Preußen, denen die Bewegung nicht verborgen bleiben konnte, den Truppen, die aus dem Passe heraustraten, sofort zuleibe gingen. Der Gedanke, daß die Preußen schon am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang mit ihrer ganzen Macht zur Stelle sein und zum Angriff schreiten könnten, wird dem österreichischen Feldherren Carl von Lothringen kaum gekommen sein. Eben dieses gänzlich Unerwartete ist das Geniale, Schöpferische in der Tat des Preußenkönigs. Wie sehr pflegt der Wert der Initiative in der Strategie gepriesen zu werden! Die Schlacht bei Hohenfriedberg hat uns gelehrt, daß alle solche Grundsätze doch nur eine relative Bedeutung haben; Friedrich hat strategisch triumphiert, gerade weil er dem Gegner die Initiative zuschob und ihm die strategische Offensive überließ, und daß das nicht dem Mangel an Offensivgeist entsprang, sondern aus kluger Berechnung, beweist uns die Ausführung.

Drei Tagesmärsche weit folgte Friedrich dem weichenden Feinde. Dann kam die kriegerische Handlung wieder zum Stehen. Die Österreicher nahmen eine gut gesicherte Stellung hinter Elbe und Adler, und die Preußen lagerten den ganzen Sommer hindurch, fast 4 Monate lang, ihnen gegenüber, ohne daß es weiter zu einer erheblichen kriegerischen Aktion gekommen wäre. Man sieht, wie gering schließlich die materielle Frucht selbst eines so großen taktischen Erfolges, wie Hohenfriedberg unter den damaligen Verhältnissen war.[379] Friedrich war schon bei dieser Schlacht nicht weniger stark gewesen als die vereinigten Österreicher und Sachsen (rund 60000 Mann), hatte ihnen bei einem eigenen Verlust von 4800 Mann einen Verlust von 14000 bis 16000 Mann und 80 Geschützen beigebracht, war also jetzt erheblich überlegen. Hätte er den Grundsätzen der Niederwerfungsstrategie gehuldigt, so hätte er jetzt den moralisch erschütterten Feind unablässig verfolgt und sobald wie möglich von neuem angegriffen. Da die Österreicher Zweidrittel ihrer Artillerie verloren und nur noch 41 Geschütze hatten, gegen 192 preussische, so möchte für einen modernen Kritiker selbst ein Angriff auf die Adler-Elbe-Stellung nicht unmöglich erscheinen, wenn aber doch, so war die Stellung zu umgehen. Dem König aber lagen solche Gedanken um so ferner, als er ja im Jahre vorher erfahren hatte, wie gefährlich tieferes Eindringen in das feindliche Land und Loslösung von der Verpflegungs-Basis für eine Armee wie die seinige war. Sein Intendant von der Goltz hatte schon dringend gewarnt, überhaupt das Gebirge zu überschreiten und auf böhmisches Gebiet vorzugehen, da er mit Bauerwagen die Verpflegung nicht nachschaffen könne424.

Es dauerte nicht lange, so fiel auch die strategische Initiative wieder an die Österreicher zurück. Friedrich mußte sich schwächen durch Entsendungen nach Oberschlesien und der Mark, die von den Sachsen bedroht war. Die Österreicher aber verstärkten sich wieder. Ihre leichten Truppen behinderten mit Erfolg die Preußen im Fouragieren. Friedrich geht im September an die Sudetenpässe zurück, aber ehe er abzieht, macht Prinz Karl noch den Versuch, ihn zu Boden zu schlagen. Die Preußen, nur noch 22000 Mann stark, standen in einem Lager bei Soor, zwischen den beiden Pässen von Trautenau und Nachod; das österreichisch-sächsische Heer war ihnen mit 39000 Mann ganz gewaltig überlegen.[380]

Prinz Karl machte einen Plan, die Preußen in der Art wie es bei Chotusitz und Hohenfriedberg geschehen war, zu überfallen. Man schob sich vorsichtig an sie heran und suchte in der Nacht unmittelbar vor ihrem Lager aufzumarschieren. Morgens um 5 Uhr (30. September) erhielt der König die erste Meldung. Aber wie immer, war er bereits auf den Beinen, und hatte seine Generale um sich versammelt, um ihnen die Befehle für den Tag zu erteilen. Sofort erkannte er, daß ein Abmarsch nicht mehr möglich sei, um so weniger, als die Preußen nur enge Wege zwischen Wäldern und Felsen zur Verfügung hatten und die Hauptstraße nach Trautenau schon im Bereich der Österreicher lag. Rettung konnte nur noch ein Angriff bringen. Auf der Stelle wurde der Aufmarsch und Abmarsch nach der rechten Flanke befohlen, um mit diesem Flügel in zwei Treffen anzugreifen, während der linke Flügel nur ein Treffen bildend, zunächst versagt blieb. Mit der ganzen Schnelligkeit, die die preußische Disziplin ermöglichte, wurden die Befehle des Königs zur Ausführung gebracht.

Hätten die Österreicher in diesem Augenblick ihrerseits mit ihrer ganzen Übermacht den Angriff eröffnet, so sieht man kaum, wie die preußische Armee sich hätte behaupten können. Berenhorst hat später geschrieben, »die Preußen siegten, der Kunst zum Hohne«, worauf Scharnhorst erwidert hat: »sie siegten der Kunst zu Ehren«. Prinz Karl hatte zwar die Preußen in ihrem Lager überfallen, sie aber doch nicht direkt angreifen wollen, sondern erwartet, daß sie schleunigst abziehen und daß dieser Abzug ihm dann die Gelegenheit geben werde, sie zu vernichten. Schon waren die leichten Truppen der Österreicher auf der anderen Seite des preußischen Lagers, brachen ein und plünderten es, erbeuteten auch die ganze Bagage des Königs selber, während dieser die Truppen in den Kampf führte. Diese unbedingte Kampfesentschlossenheit war es, die den Preußen den Sieg gab, und die Vorsicht des österreichischen Feldherrn war es, die diesen die Schlacht verlieren machte425. Da sie noch selber im Aufmarsch begriffen waren und zunächst dessen[381] Wirkung abwarten wollten, so ließen die Österreicher den Angriff der Preußen an sich herankommen, und sogar die österreichische Kavallerie, die dicht gedrängt auf einer Anhöhe stand, ließ sich stehend von der preußischen attackieren, statt ihr entgegen zu gehen. Sie wurde von den Preußen über den Haufen geworfen und der fortgesetzte Angriff der Preußen von diesem Flügel her unterstützte den Angriff in der Front, so daß auch das österreichische Zentrum geschlagen wurde und ihr rechter Flügel den Rückzug antrat.

Ganz ebenso wie Hohenfriedberg ist Soor eine Tat der Führung, der Entschlossenheit und der Disziplin; der strategische Erfolg von Soor ist aber noch geringer als der von Hohenfriedberg. Beide Siege bedeuten Rettung aus äußerster Not und Gefahr, aber nicht mehr. Wir haben das Erstaunliche, in der Niederwerfungsstrategie ganz undenkbare Schauspiel, daß der Sieger, nachdem er noch einige Tage ehrenhalber auf dem Schlachtfelde geweilt hat, den Rückzug antritt. Friedrich zog ab nach Schlesien und die Österreicher kehrten nach ihrem Mißerfolg in das Lager zurück, das sie vorher innegehabt hatten.

Sie ließen sich auch nicht abschrecken, nach einigen Wochen, noch einmal einen großen Versuch zu einem Vorstoß zu machen. Die Sachsen forderten sie auf, mit ihnen durch die Lausitz gegen Brandenburg zu operieren und nur drei Tagemärsche jenseits der damaligen sächsischen Grenze lag Berlin. Friedrich fing die Bewegung ab durch einen Flankenstoß von Schlesien in die Lausitz (21. November) und befahl dem alten Dessauer, der mit einer preußischen Deckungs-Armee bei Halle stand, jetzt seinerseits gegen die Sachsen vorzugehen.

Hieraus entwickelte sich eine höchst merkwürdige strategische Situation. Prinz Karl kam mit der österreichischen Armee aufs eiligste aus dem Nordwinkel Böhmens heranmarschiert, um den Sachsen zu helfen. Der König von Preußen stand auf dem Nord-Ufer der Elbe nahe vor Dresden, verband sich aber nicht mit dem über Leipzig heranmarschierenden Dessauer, sondern sandte ihm nur 8500 Mann unter General Lehwaldt, über Meißen zu. Er selber glaubte mit dem Gros seiner Armee die Verbindung mit[382] Schlesien halten, die Magazine und den Weg nach Berlin decken zu müssen. Als Leopold die Sachsen nun dicht vor Dresden, bei Kesselsdorf angriff (15. Dezember), waren die Österreicher bereits unmittelbar hinter ihnen. In wenigen Stunden konnten sich die beiden Heere vereinigt haben, und dann war der Dessauer verloren. Friedrich hat ihm die heftigsten Vorwürfe gemacht, und sie werden noch in den neuesten Werken wiederholt, weil er nicht schneller marschiert sei und einen Umweg über Torgau gemacht habe. Genaue Nachprüfung aber hat gelehrt, daß der alte Feldmarschall in jedem Augenblick durchaus der Situation und seinen Instruktionen gemäß gehandelt hat und die Diskrepanz zwischen seiner und des Königs Auffassung nur der weiten Entfernung zwischen beiden, der Langsamkeit der Verbindung und der Kompliziertheit der Lage entsprang426. Daß bei Zusammenwirken aus verschiedenen Gegenden Friktionen entstehen, ist unvermeidlich. Friedrich hätte die Gefahr vermeiden können, wenn er um des dann in sicherer Aussicht stehenden Sieges willen, die Deckungen und Verbindungen für einige Tage aufgegeben und nicht bloß das Korps Lehwaldt, sondern seine ganze Armee zur Verbindung mit dem Dessauer bei Meißen über die Elbe geführt hätte. Wenn Leopold geschlagen worden wäre (und er hatte nur knapp die gleiche Stärke wie der Gegner), so hat Friedrich nachher in seinen Denkwürdigkeiten gesagt, würde er die Schlacht sofort mit seiner Armee erneuert haben, indem er die geschlagenen Bataillone ins zweite Treffen stellte. Mau wird sagen müssen, daß der König sich hier nicht nur als Anhänger, sondern als ein in den Grundsätzen der Ermattungsstrategie befangener Feldherr zeigt. Wenn es möglich war, die beiden Heere hinterher zu vereinigen, so ist damit ausgesprochen, daß das Gewicht der sekundären Gründe, die die Vereinigung vor der Schlacht und zur Schlacht verhinderten, überschätzt worden ist. Die Schlacht stand auf des Messers Schneide. Wäre sie verloren gegangen, so würde die Kritik König Friedrich nicht geschont haben und hätte ihn nicht schonen können. Er selbst hat oft genug den Grundsatz, daß zur Schlacht alle erreichbaren Kräfte herangezogen werden müßten,[383] ausgesprochen. Trotzdem hat er selber, nicht nur hier, sondern wie wir noch sehen werden, auch später gegen diesen Grundsatz gehandelt, und nicht nur er, sondern wir haben ganz dasselbe schon von Eugen und Marlborough bei Höchstädt gehört. Es kommt eben darauf an, welche Kräfte man an anderer Stelle für entbehrlich hält, um sie zur Schlacht heranzuführen. Diese Gründe werden von Feldherren der doppelpoligen Strategie ganz anders eingeschätzt, als bei denen der einpoligen, und da haben wir also die Erklärung für das Verhalten Friedrichs bei Kesselsdorf427. Ob er dabei die Gründe für das Zurückhalten seiner Armee in diesem besonderen Falle überschätzt hat, ist nur eine Frage mindereren Interesses.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 377-384.
Lizenz:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Fantasiestücke in Callots Manier

Fantasiestücke in Callots Manier

Als E.T.A. Hoffmann 1813 in Bamberg Arbeiten des französischen Kupferstechers Jacques Callot sieht, fühlt er sich unmittelbar hingezogen zu diesen »sonderbaren, fantastischen Blättern« und widmet ihrem Schöpfer die einleitende Hommage seiner ersten Buchveröffentlichung, mit der ihm 1814 der Durchbruch als Dichter gelingt. Enthalten sind u.a. diese Erzählungen: Ritter Gluck, Don Juan, Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza, Der Magnetiseur, Der goldne Topf, Die Abenteuer der Silvester-Nacht

282 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon