Nachmittagssitzung.

[409] VORSITZENDER: Herr Oberst, der Gerichtshof beabsichtigt, die Verhandlung um 4.30 Uhr zu vertagen, da eine Anzahl verwaltungstechnischer Angelegenheiten zu erledigen sind.

OBERST POKROWSKY: Ich komme nun zum Bericht der Außerordentlichen staatlichen Kommission zur Untersuchung der Greueltaten der faschistischen deutschen Eindringlinge in Smolensk und in den Gebieten um Smolensk. Ein großer Teil des Berichts beschäftigt sich mit den Massenhinrichtungen von Kriegsgefangenen seitens der Deutschen. Ich möchte Auszüge aus diesem Dokument, das Ihnen als USSR-56 vorgelegt wird, verlesen. Auf Seite 6, vierter Absatz von oben, heißt es; Sie finden diesen Auszug auf Seite 58 Ihres Dokumentenbuches:

»Die deutschen faschistischen Angreifer vernichteten planmäßig die verwundeten und kriegsgefangenen Sowjetbürger. Die Ärzte Smirnow A. N., Glasunow A. H., Demidow A. M., Pogrebnow, A. S. und andere, die in Kriegsgefangenenlagern waren, teilten mit, daß auf dem Wege von Wjasma nach Smolensk die Hitleristen mehrere Tausende von Menschen erschossen haben.

Im Herbst 1941 haben die Besatzungstruppen eine Gruppe Kriegsgefangener aus Wjasma nach Smolensk getrieben. Viele von diesen Kriegsgefangenen konnten infolge Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen stehen. Bei dem Versuch der sowjetischen Bevölkerung, die Kriegsgefangenen mit einem Stück Brot zu füttern, wurde sie von den deutschen Soldaten verjagt. Die Sowjetbürger wurden mit Stöcken und Kolben geschlagen, und es wurde auf sie geschossen. Auf der großen Sowjetstraße, auf der Roßlaw- und Kiew-Chaussee begannen die faschistischen Lumpen, wild auf eine Kolonne von Kriegsgefangenen loszuschießen. Die Häftlinge versuchten wegzulaufen, aber die Soldaten erwischten sie und schossen auf sie. So sind ungefähr 5000 Sowjetbürger erschossen worden. Die Leichen der Erschossenen lagen einige Tage auf der Straße herum.«

Es ist nicht schwer festzustellen, daß dieser Auszug mit dem Dokument 081-PS übereinstimmt, das Ihnen schon vorgelegt wurde und dessen Inhalt ich heute hier mit meinen eigenen Worten nochmals kurz zusammengefaßt habe. Wir wollen das Dokument nur noch durch einige Tatsachen vervollständigen. Auf derselben sechsten Seite, zwei Zeilen weiter, steht folgendes, Seite 58 des Dokumentenbuches:

»Die deutschen Machthaber mißhandelten Kriegsgefangene auf dem Wege nach Smolensk; insbesondere im Lager der [409] Kriegsgefangenen gingen die Gefangenen zu Dutzenden und Hunderten zugrunde. Im Kriegsgefangenenlager 126 wurden Sowjet bürger gemartert, Kranke wurden zu schwerer Arbeit geschickt, sie erhielten keine ärztliche Hilfe. Die Kriegsgefangenen wurden im Lager ebenfalls mißhandelt, zu Arbeiten verwandt, die ihre Kräfte weit überstiegen, und erschossen. Ungefähr 150 bis 200 Mann starben täglich infolge von Mißhandlungen, Hunger, Typhus- und Dysenterie-Epidemien, überschwerer Arbeit, Erfrierung und blutigem Terror. Die deutschen faschistischen Arbeiter rotteten in den Lagern über 60000 friedliche Bürger und Kriegsgefangene aus. Die Vernichtung von Soldaten und Offizieren der Roten Armee sowie die Vernichtung friedlicher Bürger wird bestätigt durch die Aussage kriegsgefangener Ärzte, die in diesem Lager waren, und zwar durch die Ärzte Smirnow, Chmyrow, Pogrebnow, Jerpylow, Demidow und durch die Krankenschwestern Schubina, Lenkowskaja und schließlich durch Rotarmisten und Bewohner der Stadt Smolensk.

Unter der Leitung des Sonderführers Eduard Giß sind in dem Lager Tausende von Kriegsgefangenen erschossen worden.

Der Unteroffizier Gatlin hat die Kriegsgefangenen tierisch mißhandelt. Sie wußten davon und bemühten sich, nicht vor seine Augen zu kommen. Gatlin verkleidete sich in die Uniform eines Rotarmisten, mischte sich unter die Menge, suchte seine Opfer aus und schlug sie halb zu Tode.

Der Soldat Rudolf Radtke, ein früherer Boxer in einem deutschen Zirkus, ließ sich eine Peitsche aus Aluminiumdraht machen und schlug mit dieser die Lagerinsassen blau und blutig. Sonntags erschien er betrunken im Lager, attackierte den ersten Kriegsgefangenen, den er traf, quälte und tötete ihn.

In Smolensk ließen die Faschisten die Kranken und völlig erschöpften Sowjetbürger in dem Kraftwerk arbeiten. Oft wurden Fälle beobachtet, daß Gefangene vor Hunger erschöpft zu Boden fielen; sie wurden auf der Stelle von Sonderführer Szepalski sowie den Sonderführern Bramm, Hoffmann- Mauser und Wagner erschossen.

In Smolensk gab es ein Lazarett für Kriegsgefangene. Die Sowjetärzte, die in diesem Hospital arbeiteten, berichteten: Bis zum Juli 1942 lagen die Kranken ohne Verbandstoff auf dem Fußboden. Die Kleidung und die Lagerstätten der Gefangenen waren nicht nur verschmutzt, sondern auch mit Eiter bedeckt. Die Räume wurden nicht geheizt. Der Fußboden in den Gängen war vereist.«

[410] Der Mitteilung der Außerordentlichen staatlichen Kommission ist ein Bericht über gerichtsmedizinische Untersuchungen beigefügt. Sachverständige waren: Dr. Burdenko, Mitglied der Außerordentlichen Kommission und Mitglied der Akademie, Dr. Prosorowski, Chef der gerichtsmedizinischen Sachverständigen des Volkskommissariats für Gesundheitswesen und Dr. Smoljaninow, Professor für Gerichtsmedizin an dem zweiten Moskauer Medizinischen Institut. Diese und andere Sachverständige haben vom 1. bis 16. Oktober 1943 in Smolensk und seinen Vororten zahlreiche Exhumierungen und gerichtsmedizinische Untersuchungen an Leichen vorgenommen. Zahlreiche grubenähnliche Massengräber mit Leichen von Personen, die während der deutsch-faschistischen Besetzung getötet worden waren, wurden geöffnet. Die Zahl der Leichen, die in diesen Gruben gefunden wurden, schwankte zwischen 500 und 4500 und waren überall da, wo Massenhinrichtungen stattgefunden hatten.

Ich werde nur solche Auszüge aus dem Untersuchungsbericht verlesen, die eine unmittelbare Beziehung zu meinem Thema haben. Die von mir jetzt zu verlesende Stelle befindet sich auf Seite 61 Ihres Dokumentenbuches und entspricht Seite 9 des russischen Textes des Dokuments USSR-56. Es heißt dort:

»Die in den Gräbern aufgefundenen Leichen waren zum größten Teil nackt. Einige hatten abgetragene Unterwäsche an und nur wenige waren voll bekleidet oder trugen Militäruniform.«

Auf der nächsten Seite des Dokuments USSR-56, Seite 62 des Dokumentenbuches im zweiten Absatz, heißt es:

»Personalausweise wurden nur in 16 Fällen gefunden, drei Pässe, ein Ausweis eines Rotarmisten und zwölf militärische Erkennungsmarken. Damit sind Medaillons gemeint, die jeder Soldat der Roten Armee trug. Es ist dies eine Art Kapsel, die ähnlich wie ein Nähnadelfutteral aussieht und in das ein Dokument mit Namen, Vornamen, Vaternamen und Heimatanschrift des Rotarmisten hineingelegt wird. Manchmal konnten nur die teilweise erhaltenen Kleidungsstücke und die Tätowierung zur Identifizierung des Toten benützt werden. Diese Tatsache bezeugt, daß die Deutschen darnach trachteten, in Übereinstimmung mit besonderen Befehlen die Individualität ihrer Opfer unkenntlich zu machen.«

Auf Seite 11 des Dokuments USSR-56 und auf Seite 63 Ihres Dokumentenbuches steht geschrieben:

»Die Untersuchung der exhumierten Leichen auf dem Gelände des großen und kleinen Konzentrationslagers in der Fabrik Nr. 35, in einem früheren deutschen Lazarett für Kriegsgefangene, in einer Sägemühle, in einem Konzentrationslager in dem Dorf Petschorskaja und in der Nähe des Dorfes [411] Rakitnja hat gezeigt, daß in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle der Tod infolge von Hunger und Infektionskrankheiten eintrat.

Ein objektiver Beweis für den Hungertod ist außer dem völligen Fehlen der Fettschicht unter der Haut auch die Feststellung, daß sich in vielen Fällen im Magen Überreste von Grassubstanzen, Stücke von groben Blättern und Pflanzenstielen befanden.«

Auf derselben Seite 63, aber etwas weiter unten, finden Sie folgende Stelle im vierten Absatz:

»Eine große Zahl der geöffneten Gruben (87), die mit vielen Leichen angefüllt waren, zeigte, daß die Leichen zu verschiedenen Zeiten begraben worden sind, und zwar in der zweiten Hälfte des Jahres 1941, sowie in den Jahren 1942 und 1943. Diese Tatsache beweist, daß die Sowjetbürger systematisch vernichtet wurden. Dieser Vernichtung fielen in den meisten Fällen Männer, und zwar in der Hauptsache im blühenden Alter von 20-40 Jahren anheim.«

Noch etwas tiefer unten auf derselben Seite steht folgendes:

»Besondere Aufmerksamkeit verdient der regelmäßig festzustellende Umstand, daß die exhumierten Leichen mit sehr wenigen Ausnahmen keine Schuhe anhatten, die Kleidung in der Regel fehlte oder aus abgetragener Unterwäsche oder aus einzelnen Stücken alter Oberkleidung bestand. Daraus kann man den logischen Schluß ziehen, daß die Entfernung der Schuhe und der Kleidung, die einen gewissen Wert darstellten, ständig und systematisch, ja obligatorisch vorgenommen wurde, noch bevor die Sowjetbevölkerung vernichtet worden ist.«

Weiterhin spricht der Bericht der Kommission von den Methoden der Menschenausrottung, einschließlich der Erschießungen, Vergasungen und so weiter. Alles dies enthält nichts Neues, und ich bin der Ansicht, daß es nicht notwendig ist, diesen Teil des Untersuchungsergebnisses zu verlesen.

In unserem Dokument USSR-6 (c) wurden die Protokolle der gerichtsmedizinischen Kommission begutachtet und Ihre Gutachten selbst vorgelegt. Sie finden diese auf den Seiten 9, 10, 11 und 12 des Dokuments. Ich werde mir erlauben, kurz den Inhalt der Protokolle zu zitieren. In diesen Protokollen wird mitgeteilt, daß in der Stadt Rawa-Ruska, die sich ungefähr 52 Kilometer nordwestlich der Stadt Lemberg befindet, die Nazis ein großes Lager für die Kriegsgefangenen errichtet hatten. In dem Lager befanden sich zahlreiche sowjetische und französische Kriegsgefangene, die darin zugrunde gegangen sind. Sie wurden erschossen, sie starben an Infektionskrankheiten und an Hunger. Die gerichtsmedizinische Untersuchungskommission hat zahlreiche Massengräber geöffnet. Zum Teil waren [412] diese Gräber mit Gras und Grünpflanzen getarnt. In den Gruben wurden zahlreiche Leichen in militärischer und halbmilitärischer Kleidung aufgefunden. Einige trugen Erkennungsmarken als Angehörige der Roten Armee. Das Alter der exhumierten Kriegsgefangenen lag zwischen 20 und 40 Jahren.

Ich verlese nunmehr aus dem Gutachten die Schlußfolgerungen der Kommission. Sie befinden sich auf Seite 70 des Dokumentenbuches:

»Die Untersuchung der aus den Gräbern exhumierten Leichen läßt die Schlußfolgerung zu, daß in diesen Gräbern tatsächlich Leichen sowjetischer Kriegsgefangener begraben lagen. Es sind dort Massenbestattungen durchgeführt worden. Je 350 bis 400 Leichen wurden in einem Grab aufeinandergelegt. Die Gräber hatten eine Größe von 7 mal 4 Meter. Die Leichen wurden in der Kleidung begraben, die sie im Augenblick ihres Todes anhatten. Die Tatsache, daß keine Leiche Schuhe anhatte, beweist, daß die Sowjetkriegsgefangenen entweder schon vor dem Tode keine Schuhe mehr anhatten, oder daß man ihnen die Schuhe nach dem Tode auszog. Die Kriegsgefangenen wurden in furchtbaren, gesundheitswidrigen Verhältnissen gehalten; ihre Kleidung war voll von Ungeziefer. Nach der Kleidung konnte man feststellen, daß die Mehrzahl in der kalten Jahreszeit gestorben war. Trotzdem haben fast alle Leichen keine warme Kleidung an. Um sich vor der Kälte zu schützen, zogen die Kriegsgefangenen zwei bis drei Sommeruniformen an und wickelten sich in Säcke und Handtücher usw.«

Ich überspringe einige Sätze aus diesem Bericht und möchte den Teil der Schlußfolgerung verlesen, der sich mit der Gesamtzahl der aufgefundenen Leichen beschäftigt und der sich auf derselben Seite 70 des Dokumentenbuches befindet:

»Die Größe der Gräber (36) und die Zahl der Leichen, die in den ausgehobenen Gruben entdeckt wurden, berechtigt zur Annahme, daß insgesamt 10-12000 Leichen sowjetischer Kriegsgefangener in allen hier befindlichen Gräbern begraben wurden. Das Stadium der Verwesung zeigt, daß sie 2-3 Jahre in der Erde gelegen haben. Daraus folgt, daß die Beerdigung im Spätherbst oder im Winter 1941-42 stattgefunden hat.«

Ein besonderer Teil des Berichts der Außerordentlichen Staatskommission zur Feststellung und Untersuchung der Schandtaten der faschistischen deutschen Eindringlinge in der Stadt Orel und im Bezirk Orel beschreibt die während eines langen Zeitraums durchgeführte Massentötung von Kriegsgefangenen. Ich lege diesen Teil als Dokument und Beweisstück USSR-46 vor.

[413] Das Kriegsgefangenenlager war im Gefängnis der Stadt Orel eingerichtet. Nachdem die faschistischen Eindringlinge aus der Stadt Orel vertrieben worden waren, hatte die Außerordentliche Kommission Gelegenheit, in den Besitz von Zeugenaussagen von Ärzten zu kommen, die sich im Lager befunden hatten und durch Zufall mit dem Leben davongekommen waren.

Dieser Bericht enthält auch persönliche Beobachtungen des Mitglieds der Außerordentlichen Staatskommission, des Akademikers Burdenko, der persönlich die Menschen in dem Lager, dem sogenannten Gefängnislazarett, und diejenigen untersuchte, die von der Roten Armee aus diesem Lager befreit wurden. Man kann die allgemeine Schlußfolgerung ziehen, daß die Hitleristen in dem Lager Orel, ebenso wie auch in anderen Lagern, die physische Vernichtung des Sowjetvolkes in der methodischen Weise durchführten, die für die Deutschen charakteristisch ist.

Die Gefangenen erhielten 200 Gramm Brot und 1 Liter Suppe, die aus verfaulten Sojabohnen und schimmligem Mehl zubereitet war. Das Brot wurde mit einer Beimischung von Sägemehl hergestellt. Die Lagerverwaltung, einschließlich der Ärzte, behandelte die Gefangenen in der tierischsten Weise.

Ich möchte einige Auszüge aus dem Bericht der Kommission verlesen, und zwar beginne ich mit dem Absatz 5 auf Seite 2. Sie finden diese Stelle auf Seite 72 des Dokumentenbuches:

»Der Lagerkommandant, Major Hoffmann, hat die Kriegsgefangenen geschlagen und hat Menschen, die durch Hunger erschöpft waren, gezwungen, schwere körperliche Arbeit in den Steinbrüchen zu verrichten und Munition auszuladen.

Man hat den Gefangenen Stiefel und Lederschuhe weggenommen und ihnen dafür Holzschuhe ausgefolgt. Im Winter wurden die Holzsohlen schlüpfrig, die Kriegsgefangenen sind oft beim Gehen, insbesondere beim Hinauf- oder Hinuntergehen der Stiegen vom zweiten oder dritten Stockwerk ausgerutscht und haben sich verletzt.«

Dr. Zwetkow Ch. S., der Insasse des Kriegsgefangenenlagers gewesen war, hat folgende Aussagen gemacht. Sie finden das Zitat auf Seite 72 und am Anfang der Seite 73. Ich verlese:

»Ich kann die Haltung der deutschen Kommandantur gegen die Gefangenen während meines Ver bleibens im Lager in Orel nur als eine Haltung beschreiben, die die absichtliche Vernichtung des Menschenpotentials auf dem Wege der Tötung von Kriegsgefangenen zum Inhalt hatte. Die Nahrung, die höchstens 700 Kalorien enthielt, war alles, was sie bekamen, wobei sie schwere Arbeit leisten mußten, die über ihre Kraft ging. Dieser Umstand verursachte eine vollkommene Erschöpfung des Organismus und hatte den Tod zur Folge....

[414] Trotz unserer energischen Einsprüche und unseres Kampf es gegen diesen Massenmord sowjetischer Menschen haben die deutschen Lagerärzte Kuper und Beckel behauptet, daß die Nahrung vollkommen ausreichend gewesen sei. Sie haben darüber hinaus sogar verneint, daß die Wassergeschwülste, an denen die Kriegsgefangenen litten, durch Hunger verursacht wären und haben sie als Herz- und Nierenkrankheiten bezeichnet. Es wurde verboten, in der Diagnose den Vermerk ›Hungerödem‹ zu machen. Im Lager gab es eine Massensterblichkeit. Unter all den getöteten Menschen sind 3000 verhungert oder infolge solcher körperlicher Schäden zugrunde gegangen, die durch Unterernährung verursacht worden sind.

Die Kriegsgefangenen wohnten unter nicht zu beschreibenden furchtbaren Verhältnissen. Die Überbelegung spottete jeder Darstellung. Brennstoff und Wasser gab es überhaupt nicht. Alle waren verlaust. In eine Gefängniszelle mit einem Flächenmaß von 15 bis 20 qm waren 50 bis 80 Personen gepfercht, 5-6 Kriegsgefangene starben in jeder Zelle, und die Lebenden mußten auf den Leichnamen schlafen.«

Es wird weiter erklärt, daß ein besonders furchtbares Verfahren gegen diejenigen angewandt wurde, die zur Gruppe der »Widerspenstigen« gerechnet wurden. Sie wurden in einem besonderen Gebäude, dem »Totenblock«, gehalten. Dort wurden die Insassen nach einem Zeitplan erschossen, und zwar fünf bis sechs Personen an jedem Dienstag und Freitag. Bei den Erschießungen war unter anderen Personen auch der deutsche Arzt Kuper zugegen.

Der Akademiker Burdenko stellte fest, daß in dem sogenannten »Lazarett« Menschen in der gleichen Art getötet wurden, wie in den übrigen Lagern.

Im vorletzten Absatz auf Seite 3 lesen wir, die Mitglieder des Gerichtshofs werden diese Stelle auf Seite 73 des Dokumentenbuches finden:

»Der Anblick, der sich mir bot, übersteigt jedes Einbildungsvermögen. Als ich die Befreiten erblickte, war mir die Freude dadurch verdorben, daß ihre Gesichter ganz erstarrt waren. Das zwang mich zu der Überlegung, was mit ihnen wohl geschehen sei. Augenscheinlich hatten sie die durchgemachten Leiden in einen derartigen Zustand versetzt, daß es ihnen gleich war, ob sie noch lebten oder nicht.

Drei Tage lang habe ich diese Leute beobachtet, ihre Wunden verbunden und sie abtransportiert; der Zustand physischer Erstarrung blieb unverändert. Etwas Ähnliches war in den ersten Tagen in den Gesichtern der Ärzte zu bemerken.

[415] In diesem Lager sind die Menschen an Krankheit, Hunger und durch Schläge, in dem Gefängnislazarett an Wundinfektion, Sepsis und Hunger gestorben.«

Am 2. Mai 1945 wurde in Berlin der SS-Angehörige Paul Ludwig Gottlieb Waldmann gefangengenommen. Er wurde am 17. Oktober 1914 in Berlin als Sohn des Kaufmanns Ludwig Waldmann geboren. Soweit er wußte, lebte seine Mutter bis zu seiner Verhaftung in der Stadt Braunschweig, Donnerburgweg 60.

Er machte persönlich Angaben über die Tatsachen der Massentötung sowjetischer Kriegsgefangener, die ihm persönlich bekannt waren. Er war Zeuge dieser Vernichtungsaktionen, da er als Chauffeur in den verschiedenen Lagern tätig war und auch selbst an den Exekutionen teilgenommen hat.

Seine Aussage befindet sich auf Seite 9 unseres Beweisstücks USSR-52, das »Lager Auschwitz« betitelt ist. Er hat besonders genaue Informationen über die Hinrichtungen im Lager Sachsenhausen gegeben.

Gegen Ende des Sommers 1941 hat das im Lager untergebrachte Sonderkommando der Sicherheitspolizei einen Monat hindurch täglich russische Kriegsgefangene umgebracht.

Paul Ludwig Gottlieb Waldmann sagte aus, wobei Sie die von mir verlesene Stelle seiner Angaben auf Seite 52 des Dokumentenbuches finden:

»Vom Bahnhof bis zum Lager hatten die russischen Kriegsgefangenen etwa 1 Kilometer zu Fuß zu gehen. Im Lager verblieben sie über Nacht ohne Verpflegung. Am nächsten Abend führte sie einer zur Exekution. Die Häftlinge wurden aus dem Innenlager unaufhörlich mit drei Lastkraftwagen, von denen ich den einen fuhr, abtransportiert.

Das Innenlager war von dem Exekutionsgelände ungefähr eindreiviertel Kilometer weit entfernt. Die Exekution selbst fand in einer Baracke statt, die kurze Zeit vorher zu diesem Zweck eingerichtet worden war. Ein Raum war zum Auskleiden bestimmt und ein anderer zum Warten, es spielte in den Räumen ziemlich laut das Radio, damit die Gefangenen nicht verstehen konnten, daß sie der Tod erwartet. Aus dem zweiten Raum gingen sie einzeln durch einen Gang in einen kleinen abgeteilten Raum, auf dessen Fußboden sich ein Eisengitter befand. Unter dem Gitter war eine Abflußrinne. Sobald der Kriegsgefangene getötet war, wurde der Leichnam von zwei deutschen Häftlingen weggebracht und das Gitter vom Blute gesäubert. In dem kleinen Raum gab es einen 50 cm großen Ausschnitt. Der Kriegsgefangene stellte sich mit dem Hinterkopf ans Loch und ein Schütze, der sich hinter dem Loch befand, schoß auf ihn. Diese Einrichtung genügte [416] aber praktisch nicht, denn oft traf der Schütze den Gefangenen nicht. Nach acht Tagen schuf man eine neue Vorrichtung. Der Kriegsgefangene wurde ebenso wie vorher an die Wand gestellt, dann ließ man eine Eisenplatte langsam auf seinen Kopf heruntergleiten. Der Kriegsgefangene hatte den Eindruck, als wolle man seinen Wuchs messen. In der Eisenplatte war ein Bolzen, der sich löste und auf den Hinterkopf des Gefangenen einschlug. Dieser stürzte tot zu Boden. Die Eisenplatte wurde mittels eines Fußhebels gehandhabt, der sich in der Ecke dieses Raumes befand. Das bedienende Personal gehörte dem obenerwähnten Sonderkommando an. Auf Bitten der Beamten des Exekutionskommandos hatte ich auch den Apparat zu bedienen. Darauf werde ich später zu sprechen kommen. Die auf diese Weise getöteten Kriegsgefangenen wurden in vier fahrbaren Krematorien, die auf einem Lastkraftwagenanhänger transportiert wurden, verbrannt.

Ich mußte ununterbrochen aus dem Innenlager zum Exekutionsgelände fahren. Ich hatte während der Nacht 10 Fahrten mit einer Pause von 10 Minuten zu machen. Während dieser Pause war ich auch Augenzeuge der Ausführung der Exekution gewesen...«

Ein langer Weg führte von diesen Einzelmorden zu den Todesfabriken von Treblinka, Dachau und Auschwitz. Es war ein langer Weg, aber er ging in derselben Richtung und führte zum selben Ziele.

Die Methoden und das Ausmaß der Tötungen änderten sich. Die Nazis versuchten, neue Methoden zur schnellen Vernichtung großer Menschenmassen zu finden. Viel Zeit wurde für die Lösung dieses Problems aufgewandt. Sie begannen damit bereits vor ihrem Angriff auf die Sowjetunion, indem sie verschiedene Methoden und Werkzeuge für den Massenmord erfanden. Die Opfer der Hitlerschen Mörder waren ebenso friedliebende Bürger wie auch Kriegsgefangene.

Ich lege dem Gerichtshof den Bericht der Außerordentlichen Kommission für deutsche Schandtaten in der Litauischen Sowjetrepublik vor. Dies ist unser Dokument USSR-7. Ebenso hier, wie an anderen Orten, war die Tötung sowjetischer Kriegsgefangener Teil eines kannibalischen Planes der faschistischen Angreifer.

Ich werde ein paar Sätze von Seite 6 des Dokuments verlesen. In Ihrem Exemplar sind die Stellen auf Seite 86 des Dokumentenbuches angestrichen:

»In Kaunas, in der Festung Nummer 6, befand sich das Lager Nummer 336 für Sowjetkriegsgefangene. In dem Lager wurden die Kriegsgefangenen grausam gefoltert, was im Einklang mit den unmenschlichen Anweisungen ›für die Leiter [417] und Wachen der Arbeitskommandos‹ stand. Die Kriegsgefangenen in der Festung Nummer 6 waren der Erschöpfung und dem Hungertode ausgeliefert.

Die Zeugin Medishevskaja hat der Kommission mitgeteilt: ›Die Kriegsgefangenen haben furchtbar gehungert. Ich habe gesehen, wie sie Gras pflückten und es gegessen haben.‹«

Ich lasse einige Sätze aus und lese weiter:

»Beim Eingang in das Lager Nummer 336 ist eine Tafel angebracht, die folgende Aufschrift in deutsch, litauisch und russisch trägt:

›Wer mit den Kriegsgefangenen in Verbindung tritt und wer versucht, ihnen Nahrungsmittel, Zigaretten und Zivilkleidung zu geben, wird erschossen.‹

Im Lager, Festung Nummer 6, war ein ›Lazarett‹ für Kriegsgefangene, das in Wirklichkeit eher eine Art Etappe zwischen dem Lager und dem Grabe war. Die Kriegsgefangenen, die in dieses Lazarett geworfen wurden, waren dem Tode geweiht.

Aus den monatlichen Aufstellungen über Krankheiten unter den Kriegsgefangenen in Festung Nummer 6 ist ersichtlich, daß vom September 1941 bis zum Juli 1942, das heißt im Laufe von elf Monaten, 13936 Sowjetkriegsgefangene im ›Lazarett‹ gestorben sind.«

Ich übergehe die Liste der ausgehobenen Gräber und verlese nunmehr die zweite Seite der allgemeinen Zusammenfassung des Gesamtergebnisses:

»Wie aus den Lageraufzeichnungen hervorgeht, sind hier im ganzen ungefähr 35000 Kriegsgefangene beerdigt worden.«

Außer dem Lager Nummer 336 gab es in der gleichen Stadt Kaunas ein weiteres Lager ohne Nummer, und zwar am Südrande des Flugplatzes. Der Bericht über dieses Lager lautet:

»Genau so, wie in der Festung Nummer 6 herrschten hier Hunger, Peitschen und Knüppel. Die erschöpften Kriegsgefangenen, die nicht mehr in der Lage waren, sich zu bewegen, wurden jeden Tag aus dem Lager lebendig herausgetragen, in die vorher ausgehobenen Löcher gelegt und mit Erde zugeschüttet.«

In den letzten drei Zeilen des linken Absatzes, auf Seite 6 des Dokuments USSR-7, bei Ihnen ist das Seite 86, steht geschrieben:

»Auf Grund von Aufstellungen, Dokumenten und Zeugenaussagen hat die Kommission festgestellt, daß hier in der Gegend des Flugplatzes ungefähr 10000 Sowjetkriegsgefangene zu Tode gequält und begraben worden sind.«

[418] Der Bericht erwähnt noch ein Lager Nummer 133 in der Nähe der Stadt Alitus und einige weitere Lager, die im Juli 1941 errichtet wurden und bis zum April 1943 bestanden haben. Die Gefangenen in diesen Lagern starben den Erfrierungstod. Als die Gefangenen aus den Eisenbahnwagen ausgeladen wurden, wurden diejenigen, die nicht mehr gehen konnten, erschossen. Die Gefangenen wurden gemartert, bis sie das Bewußtsein verloren. Sie wurden mit Ketten an ihren Füßen aufgehängt, dann abgenommen und durch kaltes Wasser wieder zum Bewußtsein gebracht, um dann wieder aufgehängt zu werden.

Über die Gesamtzahl der Ermordeten berichtet die Kommission, wobei ich bemerke, daß die wenigen, die ich verlesen werde, sich ebenfalls auf Seite 86 des Dokumentenbuches am Ende der Seite befinden:

»Es ist festgestellt, daß die Deutschen in allen aufgezählten Lagern im Gebiet der Sozialistischen Sowjet-Republik Litauen nicht weniger als 165000 Sowjetkriegsgefangene hingerichtet haben.

Die Hinrichtung der Sowjetkriegsgefangenen wurde buchstäblich in allen Lagern durchgeführt. Tausende von Sowjetsoldaten starben im Vernichtungslager von Maidanek.«

Im zweiten Absatz, Seite 5 des gemeinsamen polnisch-russischen Berichts der Außerordentlichen Kommission, der Ihnen als Dokument USSR-29 vorgelegt wird, steht folgendes Zitat, das sich auf Seite 92 des Dokumentenbuches befindet.

»Die blutige Geschichte dieses Lagers beginnt mit der Massenerschießung von sowjetischen Kriegsgefangenen, die von SS-Mannschaften im November und Dezember 1941 ausgeführt wurde. Von einer Zahl von mehr als 2000 Sowjetkriegsgefangenen blieben nur 80 übrig. Alle anderen wurden erschossen, während einige durch Folter und Gewalttätigkeit getötet wurden. Zwischen Januar und April 1942 wurden mehr Trupps von Sowjetkriegsgefangenen ins Lager gebracht und getötet.

Der polnische Zeuge Jan Nedzialer, der als Lastwagenfahrer im Lager angestellt war, bekundete:

›Die Deutschen töteten etwa 5000 russische Kriegsgefangene im Winter 1942 auf folgende Weise: Die Gefangenen wurden in Lastwagen von den Baracken zu den Gruben der früheren Steinbrüche gefahren und dort erschossen.‹

Kriegsgefangene der früheren polnischen Armee, die bereits 1939 gefangengenommen und in verschiedenen Lagern in Deutschland gefangengehalten waren, wurden schon 1940 in der Lipovoja-Straße des Lagers Lublin gesammelt und bald danach in Abteilungen zum ›Vernichtungslager‹ in Maidanek [419] gebracht, wo sie das gleiche Schicksal ereilte: Systematische Folterung, Ermordung, Massenerschießungen usw.

Der Zeuge Reznik sagt folgendes aus:

›Im Januar 1941 wurden etwa 4000 von uns jüdischen Kriegsgefangenen in Züge verladen und nach Osten gesandt... Wir wurden nach Lublin gebracht, ausgeladen und den SS-Mannschaften ausgehändigt. Etwa im September oder Oktober 1942 wurde beschlossen, im Lager Nr. 7 in der Lipovoja-Straße nur Leute zu belassen, die etwas kaufmännische Erfahrung hatten und in der Stadt benötigt wurden. Der ganze Rest, ich einschließlich, wurde ins Lager Maidanek geschickt. Alle von uns wußten nur zu gut, daß dies den Tod bedeutete. Von diesen 4000 Kriegsgefangenen blieben nur ein paar Leute am Leben, die während der Arbeit außerhalb des Lagers entkommen waren.

Im Sommer 1943 wurden 300 Sowjetoffiziere, darunter zwei Oberste, 4 Majore, alle übrigen Hauptleute oder ältere Leutnants, nach Maidanek gebracht, wo alle erschossen wurden.‹«

Ungeheuere Lager zur Tötung von Sowjetkriegsgefangenen wurden von den deutschen Faschisten auf dem Gebiete der Lettischen Sowjetrepublik eingerichtet. Der Bericht der Außerordentlichen Staatskommission zur Untersuchung der in dieser Republik von den deutschen Eindringlingen begangenen Verbrechen, den wir dem Gerichtshof als unser Dokument USSR-41 vorlegen, enthält folgende Mitteilungen über die Vernichtung von 327000 Sowjetkriegsgefangenen.

Ich zitiere von Seite 7 auf der rechten Spalte des vorher erwähnten Berichts; Seite 97 Ihres Dokumentenbuches:

»In Riga hatten die Deutschen in den ehemaligen Kasernen der Pemowskaja und Rudolfstraße für Sowjetkriegsgefangene das Lager ›Stalag 350‹ eingerichtet. Das Lager bestand von Juli 1941 bis Oktober 1944. Sowjetkriegsgefangene wurden dort unter unmenschlichen Bedingungen gehalten. Die Gebäude, in denen sie untergebracht waren, hatten keine Fenster und waren nicht geheizt. Obwohl zwölf bis vierzehn Stunden täglich schwer gearbeitet wurde, bestand die Verpflegung aus 150 bis 200 g Brot, sogenannter Suppe, die aus Gras, ver faulten Kartoffeln, Baumblättern und allem möglichen Abfall gekocht war.«

Meiner Meinung nach ist es notwendig, die Eintönigkeit der Rationen, die den Kriegsgefangenen gegeben wurden, hervorzuheben. Insoweit stimmen die Aussagen der Zeugen vollkommen mit der amtlichen Weisung über die Menge der an die Kriegsgefangenen zu verabreichenden Lebensmittel überein, die dem Gerichtshof in der heutigen Sitzung bereits vorgelegt worden sind.

[420] Der frühere Kriegsgefangene P. F. Jakowenko, der in Stalag 350 gefangen war, sagte aus, eine Stelle, die Sie auf Seite 97 des Dokumentenbuches finden. Ich bitte um Entschuldigung, ich hatte fast vergessen, es zu erwähnen:

»Wir erhielten 180 g Brot, das zur Hälfte aus Sägemehl und Stroh zubereitet war, einen Liter Suppe ohne Salz, gekocht aus ungeschälten verfaulten Kartoffeln. Wir schliefen auf dem blanken Boden. Wir hatten Läuse. Zwischen Dezember 1941 und Mai 1942 starben 30000 Kriegsgefangene an Hunger, Kälte, Prügel und Typhus oder wurden erschossen. Täglich erschossen die Deutschen Kriegsgefangene, die wegen Schwäche oder Krankheit nicht zur Arbeit gehen konnten, beschimpften sie oder prügelten sie ohne jeden Grund.«

G. B. Novetzkis, die als Oberschwester im Spital für russische Kriegsgefangene in der Gymnastikstraße Nummer 1 arbeitete, teilt mit, daß sie dauernd gesehen habe, wie Kranke Gras und Baumblätter gegessen haben, um ihre Hungerqualen zu lindern:

»In den Abteilungen des Stalag 350, die sieh auf dem Grundstück der früheren Bierbrauerei und der Panzerkasernen befanden, starben vor Hunger, Mißhandlungen und Epidemien allein von September 1941 bis April 1942 über 19000 Personen. Die Deutschen erschossen auch verwundete Kriegsgefangene. Sowjetrussische Kriegsgefangene kamen auch auf dem Marsch ins Lager um, da die Deutschen sie ohne Nahrung und Wasser ließen.«

Die Zeugin A. W. Taukulis sagte aus:

»Im Herbst 1941 traf auf der Station Salaspils ein Transport von Sowjetkriegsgefangenen ein, der aus 50 bis 60 Eisenbahnwagen bestand. Als die Wagen geöffnet wurden, schlug einem von weitem Leichengeruch entgegen. Die Hälfte der Leute war tot. Viele lagen im Todeskampf. Die Leute, die sich aus den Wagen schleppen konnten, stürzten sich zum Wasser, aber die Wache feuerte auf sie und erschoß mehrere Dutzend Leute.«

Ich werde keine weiteren Fälle aufzählen, die sich im Stalag 350 ereignet haben, sondern verlese nur den Schlußsatz, der sich auf dies Lager bezieht. Ich befürchte, daß an dieser Stelle in Ihrem Buche ein Druckfehler ist. Wenn ich nicht irre, wird darin von 120000 Kriegsgefangenen gesprochen. Diese Zahl ist nicht korrekt; in dem Originalbericht wird eine andere Zahl genannt, die ich jetzt verlesen werde.

»In Stalag 350 und in seinen Hilfslagern haben die Deutschen mehr als 130000 Sowjetkriegsgefangene zu Tode gequält und erschossen.«

[421] Auf Seite 97 Ihres Dokumentenbuches können Sie den folgenden Teil dieser Mitteilung finden:

»In Daugawpilsk/Dvinsk befand sich ein Lager für Sowjetkriegsgefangene ›Stalag 350‹, das von den Lagerinsassen und den Stadtbewohnern das ›Todeslager‹ genannt wurde, in dem innerhalb von 3 Jahren über 124000 Sowjetkriegsgefangene an Hunger, durch Mißhandlungen und Erschießungen zugrunde gegangen sind.

Mit den Gewaltmaßnahmen gegen die Kriegsgefangenen fangen die deutschen Henker gewöhnlich schon auf dem Marsch ins Lager an. Im Sommer wurden die Gefangenen in dichtverschlossenen Eisenbahnwagen transportiert, im Winter in offenen Wagen und auf offener Plattform. Die Leute starben massenhaft vor Durst und Hunger. Im Sommer erstickten sie vor Luftmangel, im Winter erfroren sie.«

Der Zeuge T. K. Usenko berichtet:

»Im November 1941 machte ich auf der Bahnstation Most als Weichensteller Dienst und sah, wie bei ›Kilometer 217‹, das ist eine Bezeichnung des Ortes, ein Transport einlief, der aus mehr als 30 Wagen bestand. In diesen Wagen war kein einziger Mensch mehr am Leben. Nicht weniger als 1500 Tote wurden aus diesem Transport ausgeladen. Alle waren nur mit einem Stück Unterwäsche bekleidet. Die Leichen blieben ungefähr eine Woche lang auf dem Bahnhof liegen.«

Auch das zum Lager gehörige Spital war der Tötung von Kriegsgefangenen gewidmet. Die Lehrerin W. A. Efimowa, die im Spital gearbeitet hatte, erzählte der Kommission:

»Selten verließ jemand dieses Spital lebend. Im Spital arbeiteten fünf Gruppen von Kriegsgefangenen als Totengräber, die die Toten auf Handkarren zum Friedhof fuhren. Es kamen Fälle vor, in denen ein Mann, der noch am Leben war, auf die Karren geworfen und sechs oder sieben Leichen von Verstorbenen oder Erschossenen auf ihn geworfen wurden. Die Lebenden wurden zusammen mit den Toten begraben; Kranke, die im Fieber umherrasten, wurden im Lazarett totgeprügelt.«

Als im Lager eine Epidemie ausgebrochen war, brachten die Hitleristen aus den Baracken, in denen sich Typhuskranke befanden, alle Barackeninsassen auf den Flugplatz, wo sie erschossen wurden. Auf diese Weise wurden ungefähr 45000 sowjetische Kriegsgefangene getötet.

Erschütternde Tatsachen sind in den Dokumenten der Außerordentlichen Staatskommission zur Untersuchung der Verbrechen der deutsch-faschistischen Eindringlinge aufgeführt, die in den Gebieten der Städte Sewastopol, Kertsch und in dem Kurort Teberda [422] Untersuchungen angestellt hat. Ich verlese aus unserem Dokument USSR-63 (5) verschiedene Tatsachen: Im Gefängnis von Sewastopol hat das deutsch-faschistische Kommando ein Lazarett für kranke und verwundete Kriegsgefangene eingerichtet. In ihm sind zahlreiche sowjetische Soldaten zugrunde gegangen. Ich werde noch einige Sätze verlesen, die Sie auf Seite 99 des Dokumentenbuches finden:

»Während der Einrichtung des Lazaretts gaben die Deutschen den Kranken und Verwundeten im Laufe von 5 bis 6 Tagen weder Wasser noch Brot. Es wurde zynisch erklärt: ›Das ist die Strafe dafür, daß die Russen Sewastopol mit besonderer Hartnäckigkeit verteidigt haben.‹

Den Verwundeten, die von der Front kamen, wurde keine medizinische Hilfe geboten. Soldaten und Offiziere wurden auf den Zementboden geworfen, wo sie blutend 7 bis 8 Tage liegen mußten.

Zur Zeit der Verteidigung von Sewastopol befand sich in Inkerman in den unterirdischen Räumen der Champagnerkellerei ein Feldlazarett und das Sanitätsbataillon Nr. 47. Nach dem Abmarsch der Roten Armee sind in den Räumen Nummer 10, 11, 12 und 13 zahlreiche verwundete Soldaten zurückgeblieben, die nicht rechtzeitig evakuiert werden konnten. Nachdem die deutschen Verbrecher den Betrieb erobert hatten, betranken sie sich und zündeten die unterirdischen Räume an.«

Ich lasse eine Reihe von Tatsachen aus, deren Mehrzahl dem Gerichtshof eigentlich besonders vor gelegt werden müßte, und gehe zur Beschreibung des letzten Verbrechens über, das in dem Bericht der Kommission mitgeteilt wird. Ich wähle diesen Fall aus, weil dabei von der Tötung zahlreicher verwundeter Soldaten der Roten Armee die Rede ist. Auch dieses Zitat befindet sich auf Seite 99 des Dokumentenbuches:

»Am 4. Dezember 1943 kamen aus Kertsch drei Züge mit verwundeten Kriegsgefangenen in Sewastopol an, die zu den Landungstruppen von Kertsch gehört hatten. Sie wurden auf eine Barkasse gebracht, die eine Wasserverdrängung von 2500 Tonnen hatte und in der Südbucht lag. Die Deutschen setzten die Barkasse sodann in Brand. Man hörte herzzerreißende Schreie. Frauen, die nicht weit von der Barkasse waren, konnten den Verwundeten keine Hilfe leisten, da sie von dem Gendarmen von der Brandstelle vertrieben wurden. Nur 15 dieser Leute blieben am Leben. Tausende gingen im Feuer unter.

Am nächsten Tage wurden 2000 Verwundete aus Kertsch auf dieselbe Barkasse gebracht. Die Barkasse ist von [423] Sewastopol in unbekannte Richtung in See gegangen, die darauf befindlichen Verwundeten sind im Meere ertränkt worden.«

Ich wiederhole, daß ich mehrere von der Kommission festgestellte Tatsachen auslasse. Von dem bereits verlesenen Material weichen die Angaben über die Grausamkeiten, die von den deutsch-faschistischen Angreifern an den Sowjetkriegsgefangenen im Stalinsk-Gebiet begangen wurden, nur wenig ab. In unserem Dokument USSR-2 (a) finden wir unter zahlreichen Schriftstücken zwei Urkunden über die Tötung von Sowjetkriegsgefangenen. Die erste trägt das Datum des 22. September 1943 und wurde in Stalino von der Außerordentlichen Kommission verfaßt, die von dem Vorsitzenden des Distrikt-Sowjets der Delegierten der Werktätigen von Stalinosavodsk geleitet wurde. Ich verlese den Teil des Dokuments, der uns interessiert. Die Urkunde fängt auf der linken Spalte der dritten Seite des Dokuments USSR-2 (a) an, und das Zitat, das ich verlese, befindet sich auf Seite 108 des Dokumentenbuches:

»Die Umstände des Falles: Im Bezirk Stalinosavodsk der Stadt Stalino, und zwar im Lenin-Club, haben die deutsch-faschistischen Angreifer ein Lager für die sowjetischen Kriegsgefangenen eingerichtet. In diesem Lager befanden sich manchmal bis zu 20000 Personen. Der Lagerkommandant, ein deutscher Offizier Namens Gavbel, hat ein für die sowjetischen Kriegsgefangenen unerträgliches Regime eingeführt.

Frühere Kriegsgefangene, die aus diesem Lager entflohen waren, wie Ivan Wassiljetch Plakoff und Konstantin Semyenovitch Schatzky, wurden vernommen und haben ausgesagt, daß Kriegsgefangene zu Tode gehungert wurden: Für acht Leute wurde ein Laib Brot schlechter Qualität, das aus verbranntem Mehl zubereitet und 1200 g schwer war, ausgegeben. Einmal täglich erhielten sie einen Liter warme Nahrung, die aus etwas verbrannter Kleie bestand, die manchmal mit Sägespänen vermischt war. Das Gebäude, in welchem die Kriegsgefangenen lebten, hatte keine Fensterscheiben. Im Sommer und im Winter, sogar bei großer Kälte, wurden fünf kg Kohlen für Heizzwecke ausgegeben. Diese konnten das große Gebäude, in dem ständige Zugluft war und in dem bis zu 1000 Menschen lebten, nicht erwärmen. Zahlreiche Frostbeulen wurden bemerkt. Es gab kein Bad. Überhaupt hatten sich die Leute im Laufe eines halben Jahres nicht gewaschen und litten an Ungeziefer. In heißen Sommertagen litten die Menschen unter der Hitze. Drei bis fünf Tage hindurch erhielten sie kein Trinkwasser.« [424] Die Lagerordnung für den Bezirk Stalinosavodsk war, wie der verlesene Auszug gezeigt hat, genau die gleiche wie in den anderen deutschen Kriegsgefangenenlagern. Daraus geht zweifellos hervor, daß allgemeine Weisungen vorgelegen haben.

Der nächste Abschnitt läßt erkennen, daß außer den allgemeinen Weisungen den Lagerkommandanten auch die Möglichkeit zu individuellen Grausamkeiten gegeben war, die sie vollkommen straflos begehen konnten. Auf derselben Seite 105 des Dokumentenbuches finden Sie folgendes Zitat:

»Die Kriegsgefangenen wurden bei dem geringsten Anlaß mit Stöcken und Kolben geschlagen. Bei Fluchtversuchen erhielten sie eine Strafe von 720 Stockschlägen, die im Laufe von acht Tagen morgens, mittags und abends ausgeteilt wurden, und zwar jedesmal dreißig Schläge; die Brotration wurde ihnen entzogen und sie bekamen nur die halbe Ration der flüssigen Nahrung.«

Die Folge einer derartigen Lagerordnung bestand in einer ungeheuren Sterblichkeit. Im Winter starben täglich bis zu zweihundert Menschen. Epidemien brachen im Lager aus. In zahlreichen Fällen wurden Hungerödeme beobachtet. Die Wachen fanden Vergnügen daran, die Kriegsgefangenen zu demütigen und gegeneinander aufzuhetzen.

So sagt Schatzky aus, daß ihm einhundertundzwanzig Peitschenhiebe und fünfzehn Stockschläge verabfolgt worden seien, weil er den Befehl, seine Mitkriegsgefangenen zu prügeln, nicht ausgeführt hat. Die Durchführung der Prügelstrafe wurde von deutschen Offizieren überwacht.

Die von den Ortsbewohnern für die Kriegsgefangenen überbrachten Lebensmittel wurden diesen nicht übergeben. Die Kommission stellte fest, daß auf dem Gelände des Lagers und dem der Zentral-Poliklinik nicht weniger als 25000 sowjetische Kriegsgefangene begraben sind. Diese Feststellung gründet sich auf die Abzählung und Ausmessung der Gräber und auf Zeugenaussagen.

Auch in einer weiteren Stadt des Donbeckens, in Artemovsk, wurden von den deutsch-faschistischen Eindringlingen Massenvernichtungen und Tötungen vorgenommen. Eine besondere Kommission, die sich aus dem Militärstaatsanwalt der Stadt Artemovsk, dem Priester der Pokrowskykirche Siumin, aus Vertretern der Intellektuellen, der öffentlichen Organisationen und der Armee zusammensetzte, hat einen Bericht über die organisierte Massentötung sowjetischer Kriegsgefangener durch die faschistischen Eindringlinge angefertigt. Diese Akten finden wir auf Seite 4 des Dokuments USSB-2 (a). In Ihrem Dokumentenbuch ist es Seite 105. In dieser Urkunde wird erklärt: [425] »Im November 1941, gleich nach der Besetzung von Artemovsk, wurde durch die deutsch-faschistischen Eindringlinge auf dem Gebiet der Garnison, gleich hinter dem Bahnhof, ein Kriegsgefangenenlager errichtet, in dem sich 1000 gefangene Rotarmisten befanden.«

Ich lasse einen Absatz aus und gehe zu der Frage über, wie diese Kriegsgefangenen gehalten wurden:

»Von Hunger getrieben, kamen die Kriegsgefangenen im Frühjahr 1942 aus dem Lager heraus; sie krochen auf allen vieren wie die Tiere und sammelten das Gras und aßen es. Um den Menschen auch dieses Futter wegzunehmen, umgaben die Deutschen das Haus im Lager mit einem doppelten Stacheldrahtzaun; der Zwischenraum zwischen den beiden Zäunen war 2 Meter breit.«

Ich lasse einen Absatz aus und gehe zur Verlesung der Schlußfolgerung über:

»Neben dem Lager sind 25 Gräber gefunden worden, von denen drei Massengräber waren. Im ersten Grab, das 20 Meter lang und 15 Meter breit war, sind die Reste von ungefähr 1000 menschlichen Leichen gefunden worden. Das zweite Grab hat eine Länge von 27 Metern und eine Breite von 14 Metern; dort sind die Reste von ungefähr 900 menschlichen Leichen gefunden worden. Das dritte Grab ist 20 Meter lang und 1 Meter breit; es enthielt die Reste von ungefähr 500 Leichen. In den übrigen Gräbern befanden sich zwischen 25 bis 30 Leichen, im ganzen 3000 Leichen.«

In der Nähe eines kleinen Vorwerks, Vertjatschi, im Kreis Goroditschewski, Bezirk Stalingrad, haben die Hitleristen ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet. Ebenso hier wie auch in den anderen Lagern vernichteten sie mit dem bei ihnen üblichen Sadismus die gefangenen Soldaten der Roten Armee.

Ich lege Ihnen als Beweisstück unser Dokument USSR-63 (3) vor, das aus einer Urkunde vom 21. Juni 1943 besteht. Sie ist in vorschriftsmäßiger Form ausgestellt und enthält folgende Angaben: Es ist dies Seite 110 des Dokumentenbuches:

»Infolge des bestialischen Regimes sind in den dreieinhalb Monaten, in denen das Lager in der Farm Vertjatschi bestand, mindestens 1500 sowje tische Kriegsgefangene an Hunger, Folterung und Krankheit umgekommen oder erschossen worden.

Die Deutschen zwangen die Gefangenen, 14 bis 16 Stunden täglich zu arbeiten; sie gaben ihnen nur einmal am Tage zu essen, wobei die Tagesration aus 3 bis 4 Löffeln gedünstetem Roggen oder aus einem Schöpflöffel ungesalzener, magerer[426] Roggensuppe und einem Stückchen Fleisch, das von krepierten Pferden herrührte, bestand.

Einige Tage vor dem Vormarsch der Roten Armee horten die Deutschen überhaupt auf, den Gefangenen zu essen zu geben und überließen sie dem Hungertode. Fast alle Gefangenen litten an Dysenterie. Viele hatten Wunden, die nicht heilten, aber sie erhielten keinerlei ärztliche Hilfe.«

Ich lasse einen Absatz aus und gehe zum darauffolgenden über, in dem von der Verhöhnung von Kriegsgefangenen gesprochen wird:

»Die Deutschen trieben grausamen Spott mit den patriotischen Gefühlen der sowjetischen Kriegsgefangenen, indem sie sie zwangen, auf deutschen Rüstungsbauten zu arbeiten, Schützengräben auszuwerfen, Unterstände, Erdhütten und Verschläge für technische Kriegsgeräte herzustellen. Die Nazis setzten systematisch die Menschenwürde der Sowjetkriegsgefangenen herab, indem sie sie zwangen, vor den Deutschen niederzuknien.«

Die Urkunde besagt, daß die Kommission die gegenständlichen Beweisstücke besichtigt hat, das heißt, die Marterwerkzeuge für die sowjetischen Kriegsgefangenen, wie zum Beispiel Lederkoppel und Dolch; der Dolch wurde zwischen den entwaffneten Leichen gefunden und trug die weitverbreitete Nazi-Losung: »Blut und Ehre«.

Die Umstände, unter denen der Dolch gefunden wurde, geben die Möglichkeit, völlig zu begreifen, was die deutsche Ehre bedeutete, und für wessen Blut der Dolch bestimmt war.

Über die für die hitlerischen Angreifer charakteristischen Verbrechen sprechen die Dokumente der Außerordentlichen Staatskommission, die sich auf die Stadt Kertsch beziehen. Ich unterbreite Ihnen die Dokumente der Außerordentlichen Staatskommission als Dokument USSR-63 (6) und werde einige Auszüge verlesen.

Diese sind auf Ihren Kopien angestrichen, damit der Gerichtshof die Möglichkeit hat, dem Zitat zu folgen, Seite 115.

VORSITZENDER: Ich glaube, dies ist ein günstiger Augenblick für die Pause.


[Pause von 10 Minuten.]


OBERST POKROWSKY: Auf der Seite 115 des Dokumentenbuches können Sie die Stelle finden, die ich jetzt zitieren werde, und zwar aus der Zeugenaussage der Bürgerin Bulytscheff:

»Die Bürgerin P. J. Bulytscheff, geboren 1894 in Kertsch, sagt aus: [427] Ich war Zeugin, wie unsere kriegsgefangenen Soldaten und Offiziere der Roten Armee wiederholt gejagt wurden, und wie diejenigen, die infolge ihrer Wunden oder infolge allgemeiner Schwäche mit der Kolonne nicht mitkommen konnten, von den Deutschen gleich auf der Straße erschossen wurden. Ich habe dieses furchtbare Bild mehrfach gesehen. Einst, bei Frostwetter, wurde eine Gruppe gequälter, abgerissener Menschen barfuß einhergejagt. Diejenigen, die versuchten, ein Stück Brot, das von den Passanten auf die Straße geworfen wurde, aufzuheben, wurden von den Deutschen mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben niedergeschlagen. Diejenigen, die unter diesen Schlägen hinfielen, wurden erschossen.«

Ich lasse einige Sätze aus, die meines Erachtens nicht vorgelesen zu werden brauchen.

»Während der zweiten Besetzung, als die Deutschen aufs neue in die Stadt Kertsch eindrangen, mißhandelten sie ganz unschuldige Menschen mit noch größerer Wut.«

Die Zeugin sagt aus, daß die faschistischen Henker in erster Linie die Angehörigen der Armee mißhandelten, und daß verwundete Soldaten mit Gewehrkolben erschlagen wurden. Auf derselben Seite 115 befindet sich der folgende Auszug:

»Kriegsgefangene wurden in große Gebäude hineingejagt, die dann in Brand gesteckt wurden. So wurde die Vojkow-Schule und das Klubhaus der Ingenieure und Techniker verbrannt, in denen sich 400 Soldaten und Offiziere der Roten Armee befanden.

Keinem von ihnen gelang es, aus dem brennenden Gebäude herauszukommen. Alle, die sich zu retten versuchten, wurden mit Maschinengewehrfeuer erschossen. Verwundete Soldaten im Fischerdörfchen Mayak sind tierisch zu Tode gequält worden.«

Eine andere Zeugin, die in diesem Dörfchen wohnte, A. P. Buryatschenko, sagte aus:

»Am 28. Mai 1942 haben die Deutschen alle friedlichen Bürger erschossen, die im Dörfchen verblieben waren und sich nicht hatten verstecken können. Die faschistischen Unmenschen mißhandelten die sowjetischen Kriegsgefangenen, schlugen sie mit Gewehrkolben und erschossen sie dann.

In meiner Wohnung entdeckten die Deutschen ein junges Mädchen in Uniform, das den Faschisten Widerstand leistete; es rief: ›Schießt nur, Auswurf der Menschheit! Ich sterbe für das Sowjetvolk, für Stalin; euch Ungeheuer aber wird ein Hundetod ereilen.‹ Die junge Patriotin wurde auf der Stelle erschossen.«

[428] In der Gegend der Stadt Kertsch befinden sich die Steinbrüche von Adschimuschkaisk. Dort wurden Soldaten der Roten Armee mit Gas vergiftet und ausgerottet. Eine Einwohnerin des Dorfes Adschimuschkaisk, N. N. Daschkov, hat ausgesagt:

»Ich habe selbst gesehen, wie die Deutschen ungefähr 900 Rotarmisten im Steinbruch aufgriffen, sie mißhandelten und dann erschossen. Die Faschisten wandten Gas an.«

Ich lasse einige Sätze aus; auf Seite 115 finden Sie folgenden Satz:

»Im Engels-Klub befand sich während der Besetzung ein Lager für sowjetische Kriegsgefangene, in denen mehr als 1000 Leute waren. Die Deutschen mißhandelten sie, gaben ihnen nur einmal am Tage zu essen und hetzten sie zu schweren, erschöpfenden Arbeiten; wer vor Erschöpfung umfiel, wurde auf der Stelle erschossen.«

Es erscheint mir notwendig, noch einige Zeugenaussagen zu verlesen:

»Eine Bewohnerin der Siedlung Gorky, N. I. Schumiloff, sagte aus:

›Ich selbst habe gesehen, wie an meinem Hof eine Gruppe Kriegsgefangener vorbeigeführt wurde. Drei von ihnen konnten sich nicht bewegen. Sie sind daselbst von der deutschen Wache erschossen worden.‹«

Die Bürgerin P. I. Gerassimenko aus der Siedlung Semostroy hat ausgesagt:

»›Viele Soldaten und Offiziere der Roten Armee sind in unsere Siedlung getrieben worden. Das Gelände, in dem sie sich befanden, war von Stachel draht umgeben. Entkleidete, barfüßige Leute starben an Kälte und Hunger. Sie wurden unter den schrecklichsten, unmenschlichen Bedingungen gehalten. Neben den Lebenden lag eine Menge Leichen, die mehrere Tage lang nicht fortgeschafft wurden. Dieser Umstand machte das Leben im Lager noch unerträglicher. Die Gefangenen wurden mit Gewehrkolben und Knüppeln geschlagen, sie wurden mit Abfällen gefüttert. Einwohner, die den Gefangenen Nahrung und Brot zukommen zu lassen versuchten, wurden geschlagen und die Kriegsgefangenen, die die Gaben anzunehmen versuchten, wurden erschossen.‹«

In der Schule Nummer 24 in Kertsch richteten die Deutschen ein Kriegsgefangenenlager ein. Über die Zustände, die in diesem Lager herrschten, sagte die Schullehrerin A. N. Naumoff aus:

»Im Lager waren viele Verwundete; die Unglücklichen verbluteten, sie wurden ohne Hilfe gelassen. Ich sammelte für die Gefangenen Arzneien und Verbandstoffe und ein Sanitäter, der sich unter den Kriegsgefangenen befand, legte [429] ihnen Verbände an. Die Gefangenen litten an blutigem Durchfall, weil ihnen kein Brot gegeben wurde, sie vielmehr mit Abfällen gefüttert wurden. Menschen fielen vor Erschöpfung und Krankheit um, sie starben unter schrecklichen Qualen. Am 20. Juni 1942 wurden drei Kriegsgefangene mit einer Peitsche geschlagen, weil sie versuchten, aus dem Lager zu entfliehen. Gefangene wurden erschossen. Im Juni wurde einer, der weggelaufen war, wieder gefangengenommen und erschossen.«

Die Lehrerin der Stalin-Schule, Koschevnikoff, hat selbst gesehen, wie eine Gruppe gefangener Soldaten und Offiziere der Roten Armee auf dem Fabrik- und Küchengelände der Fabrik Voykoff erschossen wurde:

»Im Jahre 1943 jagten die deutschen Verbrecher die gefangenen Rotarmisten vom Kaukasus hierher. Der ganze Weg von der Stadt bis zur Furt, eine Entfernung von 18 bis 20 Kilometern, war mit Leichen der Rotarmisten besät. Unter den Kriegsgefangenen waren viele Verwundete und Kranke. Wer wegen Erschöpfung oder Krankheit nicht gehen konnte, wurde auf dem Wege erschossen.«

Eine unter vielen anderen Tatsachen sollte hier besonders hervorgehoben werden:

»Im Jahre 1942 warfen die Faschisten 100 gefangene Rotarmisten lebendig in einen Brunnen des Dorfes Adschimuschkaisk; die Leichen sind später von den Bewohnern herausgeholt und in einem Massengrab beigesetzt worden.«

Diese Mitteilungen sind in derselben Urkunde enthalten, aus der ich Ihnen soeben Auszüge zitiert habe.

In der Sitzung des Gerichtshofs vom 29. Januar 1946 wurde der Zeuge Paul Roser vernommen. Er hat ausgesagt, daß in vier Monaten von den zehntausend Russen, die er als Kriegsgefangene in den deutschen Lagern in der Stadt Rawa Ruska gesehen hat, nur zweitausend am Leben geblieben waren.

Wir verfügen über die Angaben noch eines anderen Augenzeugen über die zahlreichen Grausamkeiten und die unglaubliche Verhöhnung der Kriegsgefangenen in der Stadt Rawa Ruska. Zeuge V. S. Kotchan, der unter Beachtung aller durch unser Gesetz vorgeschriebenen Vorschriften von dem Hauptmann der Justizgarde Ryzhow am 27. September 1944 vernommen wurde, gab folgendes an. Das Protokoll dieses Verhörs überreiche ich Ihnen als Dokument USSR-6(c):

»Ich habe unter den Deutschen im Lager der Kriegsgefangenen der Roten Armee vom Dezember 1941 bis April 1942 als Erdarbeiter gearbeitet.«

[430] Diese Aussage befindet sich auf der Seite 124 des Dokumentenbuches. Ich lasse einige Zeilen aus, weil sie mit der Sache nichts zu tun haben:

»Dieses Barackenlager wurde von den Deutschen auf einem Platz in der Nähe der Eisenbahn eingerichtet. Das Lagergelände wurde ringsum von Stacheldraht umzäunt. Nach den Angaben der Kriegsgefangenen haben die Deutschen 12000 bis 15000 Menschen in diesem Lager zusammengetrieben. Während unserer Arbeit haben wir beobachtet, wie die Deutschen die Kriegsgefangenen der Roten Armee verhöhnt haben. Sie bekamen einmal am Tage zu essen, es waren ungeschälte, gefrorene Kartoffeln, die mit der Schale und dem Schmutz gekocht wurden. Im Winter wurden die Kriegsgefangenen in kalten Baracken untergebracht.

Mir ist ein Fall bekannt, in dem die Kriegsgefangenen, die ins Lager getrieben wurden, ihre ganze Kleidung, Militärmäntel, Stiefel, auch brauchbare Schuhe, ablegen mußten; sie verblieben in Lumpen und barfuß. Die Kriegsgefangenen mußten täglich zwischen vier und fünf Uhr morgens unter Bewachung zur Arbeit gehen und blieben draußen bis zehn Uhr abends. Dann wurden die müden, hungrigen, frierenden Menschen in die Baracken getrieben, in denen vorher tagsüber Fenster und Türen geöffnet waren, damit es dort möglichst kalt wurde; man erreichte damit, daß die Menschen erfroren. Am nächsten Morgen mußten die Gefangenen, von deutschen Soldaten bewacht, hunderte von Leichen ihrer erfrorenen Kameraden auf einen Traktor laden und in den Wolkowysski- Wald hinausfahren, wo sie in die schon vorher vorbereiteten Gruben ausgeladen wurden. Während die Gefangenen unter Bewachung zur Arbeit geführt wurden, stellte man am Lagerausgang einen mit Gewehren und Stöcken bewaffneten Soldatentrupp auf. Diejenigen Gefangenen, die sich, von Hunger und Kälte erschöpft, nur schlecht vorwärts bewegen konnten, tötete man durch Stockschläge und Bajonettstiche oder schoß sie nieder.«

Derselbe Zeuge beschreibt auch andere Greueltaten, zum Beispiel:

»Die deutschen Lagerbehörden brachten die splitternackten Kriegsgefangenen ins Freie, banden sie an die mit Stacheldraht umsäumte Wand und lie ßen sie draußen im klirrenden Dezemberfrost, bis sie erfroren waren. Das Lagergelände war ständig von dem Stöhnen und Schreien der von den Kolbenschlägen verstümmelten Menschen erfüllt. Einige wurden mit Kolbenschlägen auf der Stelle getötet.

Wenn die hungrigen und erschöpften Gefangenen ins Lager gebracht wurden, warfen sie sich auf den Haufen [431] verrotteter und gefrorener Kartoffeln. Sie wurden dann von dem deutschen Begleitsoldaten erschossen.«

Ich lege dem Gerichtshof noch ein Beweisstück vor, und zwar unter derselben Nummer USSR-6 (c); es handelt sich um die Erklärung des französischen Kriegsgefangenen Emile Leger, Soldat im 43. Infanterie-Kolonialregiment, Ausweisnummer 29, Seite 120 des Dokumentenbuches.

In seiner Erklärung wurde das Lager in Rava Russkaja das »berühmte Lager des langsamen Todes«, »Stalag Nummer 325«, erwähnt.

Nach meinem Dafürhalten ist dieser Satz eine Art Ergänzung zu den Aussagen der Zeugen Roser und Kotchan. Die Sowjetanklage verfügt über zahlreiche Dokumente, die die Nazi-Angreifer auch mehrerer anderer Verbrechen gegen die Kriegsgefangenen im Gebiet Lemberg überführen.

Ich glaube, es wird genügen, wenn ich hier einige Auszüge aus den Angaben des Zeugen D. Sch. Ma nussewitsch verlese. Diese Aussagen werden durch diejenigen der beiden anderen Zeugen: F. G. Asch und G. B. Khamaides bekräftigt. Alle drei Dokumente tragen gleichfalls die Nummer USSR-6 (c).

Die Zeugen Manussewitsch, Asch und Khamaides arbeiteten einige Zeit in der Brigade, die mit der Verbrennung der im Stadtgebiet Lemberg und insbesondere im Lissenitzki-Lager erschossenen Leute beauftragt wurde.

Der Zeuge Manussewitsch sagt aus. Ich zitiere, indem ich auf der zweiten Seite, Zeile 20 von unten, unseres Dokuments USSR-6 (c) beginne, was der Seite 129 des Dokumentenbuches entspricht:

»Nachdem die Leichenverbrennung beendigt war, wurden wir, die ›Todesbrigade‹, auf Kraftwagen zum Lissenitzki-Wald, gegenüber der Hefefabrik von Lemberg, gebracht. Hier im Walde befanden sich ungefähr 45 Gruben mit den Leichen der in den Jahren 1941 bis 1942 Erschossenen. In den Gruben lagen 500 bis 3500 Leichen. Es befanden sich dort Leichen italienischer, französischer, belgischer und russischer Soldaten, das heißt Kriegsgefangener, aber auch Leuten aus der Zivilbevölkerung. Sämtliche Kriegsgefangene wurden in ihrer Kleidung begraben. Deswegen konnte ich während des Ausgrabens die Menschen an ihrer Kleidung, ihren Rangabzeichen, Knöpfen, Medaillen, Löffeln und Eßgeschirren erkennen. Das alles wurde verbrannt, nachdem die Leichen ausgegraben waren. Genau so wie im Lager Janowski wurde an der Stelle, wo sich die Gruben befanden, Gras gesät, Bäume gepflanzt und Baumstümpfe aufgesetzt zu dem Zweck, die Spuren eines in der Menschengeschichte noch nie dagewesenen Verbrechens zu verwischen.«

[432] Außer den Zeugenaussagen der Opfer selber und mehrerer Sowjetbürger verfügen wir noch über die Aussagen von deutschen Wehrmachtsangehörigen.

Ich unterbreite Ihnen Dokument USSR-62, das von über sechzig Soldaten verschiedener Teile und Waffengattungen der Deutschen Wehrmacht unterschrieben worden ist. Ihre Unterschriften befinden sich unter dem Protest, den sie im Januar 1942 an das Internationale Rote Kreuz gerichtet haben. Wir besitzen auch eine Bestätigung des Internationalen Roten Kreuzes, daß es dieses Dokument erhalten hat. In diesem Protest bringen sie die ihnen bekannten Tatsachen der verbrecherischen Behandlung der Sowjetkriegsgefangenen vor. Die Personen, die diesen Protest unterschrieben haben, waren selber Kriegsgefangene im Sowjetlager Nummer 78. Ihr Protest war ein Ergebnis des Vergleichs, den die Verfasser dieses Dokuments zwischen der Behandlung der Sowjetkriegsgefangenen, die sie selbst gesehen, und derjenigen, die sie im Lager Nummer 78 erfahren haben, zogen.

Ich werde hier Auszüge aus diesem Dokument zitieren. Der Wortlaut beginnt folgendermaßen, Seite 135 des Dokumentenbuches:

»Wir deutschen Kriegsgefangenen im Lager Nr. 78 haben die Note des Volkskommissars der Auswärtigen Angelegenheiten der Sowjetunion, des Herrn Molotow, über die Behandlung der Kriegsgefangenen in Deutschland gelesen. Wir würden die in dieser Note geschilderten Grausamkeiten kaum für möglich halten, wenn wir nicht selbst solche Bestialitäten hätten miterleben müssen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, müssen wir bestätigen, daß Kriegsgefangene, die Bürger der Sowjetunion sind, sehr oft von den Angehörigen der Deutschen Wehrmacht mißhandelt oder gar erschossen wurden.«

Weiter bringt der Text die konkreten Beispiele der den Verfassern des Protestes bekannten Greueltaten:

Hans Drews aus Regenwalde, Soldat der 4. Kompanie, Panzerregiment 6, teilte mit:

»Ich kenne den Befehl des Generalleutnants Model von der 3. Panzerdivision, in dem gesagt wird, daß keine Gefangenen gemacht werden sollen. Generalmajor Nehring von der 18. Panzerdivision gab den gleichen Befehl. In der Instruktionsstunde am 20. Juni, zwei Tage vor dem Überfall gegen die Sowjetunion, wurde uns erklärt, daß den verwundeten Rotarmisten im künftigen Feldzug keine Verbände zu machen sind, da die deutsche Armee keine Zeit habe, sich mit Kriegsgefangenen Mühe zu machen.«

[433] Über das Vorhandensein der schon im voraus erlassenen Anweisungen sagte auch der Soldat der Stabskompanie der 18. Panzerdivision, Harry Marek, aus Elsaß bei Breslau aus:

»Am 21. Juni, ein Tag vor Kriegsausbruch gegen Rußland, haben wir von unseren Offizieren folgenden Befehl erhalten:

Die Kommissare der Roten Armee sind an Ort und Stelle zu erschießen, denn man hat mit ihnen nicht viel Umstände zu machen. Auch mit den verwundeten russischen Kriegsgefangenen braucht man sich nicht abzugeben, man soll mit ihnen an Ort und Stelle ein Ende machen.«

Der Soldat des Infanterieregiments 339, Division 170, Wilhelm Metzik aus Hamburg-Altona, hat folgende Tatsache vorgebracht:

»Als wir am 23. Juni in Rußland einbrachen, kamen wir in einer Ortschaft neben Belzy an. Dort habe ich selber gesehen, wie 5 russische Kriegsgefangene von zwei deutschen Soldaten aus Maschinenpistolen in den Rücken geschossen wurden.«

Der Soldat Wolfgang Scharte von der 2. Kompanie, Panzerjägerabteilung 3, aus Hebhardshaben bei Braunschweig, bestätigte ebenfalls das Vorhandensein der Anweisungen, nach denen die politischen Funktionäre der Roten Armee auszurotten seien:

»Einen Tag vor unserem Auftreten gegen die Sowjetunion erklärten uns die Offiziere folgendes: Wenn Sie unterwegs russische Kommissare, die man am Sowjetstern am Ärmel erkennen kann, und auch russische Frauen in Uniform treffen werden, so sind diese sofort zu erschießen.

Wer das nicht tut und diesen Befehl nicht ausführt, wird zur Verantwortung gezogen und bestraft.

Am 29. 6. 1941 habe ich selbst gesehen, wie die Angehörigen der Deutschen Wehrmacht verwundete Rotarmisten erschossen, die auf einem Getreidefeld unweit der Stadt Dubno lagen. Darauf wurden sie noch mit einem Bajonett durchstochen. Daneben standen deutsche Offiziere und lachten dazu.«

Josef Berndsen aus Oberhausen, Soldat der Panzerdivision 6, teilte mit:

»Noch vor dem Einzug in Rußland wurde in einer der Instruktionsstunden gesagt: ›Die Kommissare sind zu erschießen‹.«

Ein deutscher Offizier, Leutnant im 112. Pionierbataillon, Jakob Korzilias aus Horforst bei Trier, sagte aus:

»In einem Dorf am Bolva wurden auf Befehl des Adjutanten des Stabes 112 fünfzehn verwundete Rotarmisten aus dem Hause, wo sie sich befanden, hinausgeworfen. Sie wurden nackt ausgezogen und mit Bajonetten erstochen. Dies wurde [434] mit Genehmigung des Missionschefs, Generalleutnants Mitt getan.«

Alois Götz aus Hagenbach am Rhein, Soldat der 8. Kompanie des Infanterieregiments 427 sagte aus:

»Am 27. Juni wurden auf Befehl des Chefs des Bataillons, Hauptmann Wittmans, bei Augustowo 2 Kommissare der Roten Armee erschossen.«

Auf der dritten Seite des Dokuments USSR-62 finden wir folgende Mitteilung von Paul Sender aus Königsberg, Soldat des 4. Zuges der 13. Infanterieschützenkompanie aus dem 2. Schützenregiment, Seite 137 des Dokumentenbuches:

»Am 14. Juli auf dem Wege Porchow-Staraja Russa wurden von dem Obergefreiten der 1. Kompanie des 2. Inf.-Regiments Schneider 12 kriegsgefangene Rotarmisten in einem Straßengraben erschossen. Auf meine Frage erklärte Schneider: ›Weshalb soll ich mir mit denen noch Mühe machen? Sie sind auch eine Kugel nicht wert.‹

Mir ist noch ein anderer Fall bekannt: Während der Kämpfe bei Porchow wurde ein Rotarmist gefangengenommen. Bald darauf wurde er von dem Gefreiten der 1. Kompanie erschossen. Sobald der Rotarmist zu Boden gefallen war, zog der Gefreite aus seiner Tasche alles heraus, was sich in dieser zu essen befand.«

Meine Zitate aus dem Protest der deutschen Kriegsgefangenen möchte ich damit beenden, daß ich zwei Zeugnisse von Fritz Rummler und Richard Gillig verlese. Ihre Aussagen befinden sich in dem unteren Teil auf Seite 4 des Dokuments.

Der Obergefreite in der 9. Kompanie des 3. Bataillons des 518. Regiments, 295. Schützendivision, Fritz Rummler, aus Strehlen in Schlesien, hat über folgende Vorfälle berichtet, das Zitat befindet sich auf Seite 138 des Dokumentenbuches:

»Im August habe ich in der Stadt Zlatopol gesehen, wie zwei Offiziere und zwei Soldaten zwei kriegsgefangene Rotarmisten erschossen, nachdem sie ihnen ihre Soldatenmäntel auszogen. Diese Offiziere und Soldaten gehörten den Panzerkampftruppen des Generals von Kleist an. Im September wurden auf dem Wege nach Krasnodar zwei kriegsgefangene Rotarmisten von der Besatzung eines deutschen Panzerkraftwagens mit dem Auto überfahren. Das wurde nur aus Blut- und Mordlust verübt. Unteroffizier Schneider aus der Panzerkampftruppe von Kleist war Ältester dieses Panzerkampfwagens. Ich habe gesehen, wie 4 kriegsgefangene Rotarmisten in unserem Bataillon vernommen wurden. Die Rotarmisten weigerten sich, auf militärische Fragen zu antworten, die [435] ihnen Bataillonskommandeur Major Warnicke stellte. Er geriet in Wut und verprügelte eigenhändig die Kriegsgefangenen, bis sie ohnmächtig wurden.«

Der Gefreite im 9. Transportzug der 34. Division, Richard Gillig, sagte aus:

»Ich war mehrmals Augenzeuge der unmenschlichen und grausamen Behandlung gegen die russischen Kriegsgefangenen. Die deutschen Soldaten zogen vor meinen Augen auf Befehl ihrer Offiziere den kriegsgefangenen Rotarmisten ihre Stiefel aus und trieben sie barfuß weiter. Viele solcher Fälle beobachtete ich in Torutin.

Ich war Augenzeuge solch eines Vorfalls. Ein kriegsgefangener Rotarmist wollte nicht freiwillig seine Stiefel abgeben. Die Wachsoldaten verprügelten ihn derart, daß er sich nicht bewegen konnte. Ich habe gesehen, wie den Gefangenen nicht nur die Stiefel, sondern die ganze Ausrüstung bis auf die Wäsche weggenommen wurde.«

Ich lasse einige Sätze aus und gehe zum Schluß der Erklärung von Gillig über:

»Bei dem Rückzug unserer Kolonne sah ich unweit der Stadt Meclyn, wie kriegsgefangene Rotarmisten von den deutschen Soldaten verprügelt wurden. Ein Gefangener erschlaffte und sank zu Boden. Ein Wachmann lief auf ihn zu und begann ihn mit den Stiefeln und mit dem Gewehrkolben zu schlagen. Dasselbe taten auch die anderen Soldaten. Vor der Stadt fiel der Kriegsgefangene tot zu Boden.«

Weiter heißt es in der Erklärung:

»Es ist kein Geheimnis, daß es in der Deutschen Wehrmacht, an der Front, in den Divisionsstäben, besondere Fachleute gibt, die sich damit beschäftigen, daß sie die Rotarmisten und Sowjetoffiziere martern, um sie auf solche Weise zu zwingen, militärische Nachrichten und Befehle preiszugeben.«

Ich überreiche dem Gerichtshof eine Photographie dieser Erklärung. Daraus sind über sechzig eigenhändige Unterschriften deutscher Wehrmachtsangehöriger unter Angabe ihrer Regimenter und auch der kleineren Abteilungen ersichtlich.

Ich überreiche ferner dem Gerichtshof vier Photographien deutscher Herkunft. Eine jede von diesen Aufnahmen wurde von einem Deutschen unter Hinweis auf Zeit und Ort der Aufnahme gemacht. Auf der einen dieser Aufnahmen ist die Verteilung des Essens, auf der anderen die Suche nach dem Essen, auf der dritten und vierten eine Ansicht des Kriegsgefangenenlagers Uman zu sehen.

VORSITZENDER: Wo sind die Photographien?

[436] OBERST POKROWSKY: Wenn ich nicht irre, so haben Sie die Photokopie der Aussagen bekommen und nicht die Photographien.


VORSITZENDER: Das ist keine Reproduktion der Photographien; dies sind die Unterschriften der sechzig deutschen Gefangenen.


OBERST POKROWSKY: Die Photographien werden Ihnen sofort zugestellt werden. Anscheinend sind sie aus Versehen nicht in die Dokumentenmappe eingefügt worden.


VORSITZENDER: Gut, fahren Sie fort!


OBERST POKROWSKY: Auf der ersten Aufnahme kann man sehen, daß das verteilte Essen offenbar nicht ausreicht. Die Menschen schlagen sich beinahe, um Essen zu bekommen.

Auf der zweiten Aufnahme sehen Sie, wie die hungrigen sowjetischen Kriegsgefangenen um eine leere Scheune herumgehen und die für das Vieh bestimmten Ölkuchen essen, die sie gefunden haben.

Was die dritte und vierte Photographie anbelangt, so kann ich wichtige Aussagen des Zeugen Bingel vorbringen. Die Zitate aus seinen Aussagen haben direkte Beziehung zur Frage der Behandlung der Sowjetkriegsgefangenen.

Bingel wurde von mir vernommen. Das Protokoll seiner Vernehmung überreiche ich dem Gerichtshof als Dokument USSR-111.

Am 27. Dezember 1945 sagte der ehemalige Kompanieführer der Wehrmacht, Bingel, folgendes aus, ich zitiere von Seite 8 des Protokolls seiner Vernehmung:

»Antwort: In einem meiner Berichte habe ich die inneren Zustände des Kriegsgefangenenlagers in Uman erwähnt, Landesschützenbataillon 783 war zeitlich in diesem Lager als Wachkompanie eingesetzt; dadurch bekam ich auch Einblick, was in diesem Lager geschah und vor sich ging. Die Aufgabe dieses Bataillons war lediglich Gefangenen- und Bahnstreckenbewachung sowie Straßenkontrolle. Das Lager, das naturgemäß sechs- bis siebentausend Gefangene faßte, war derartig über füllt. Es enthielt etwa 74000 Gefangene.

Frage: Waren da Baracken?

Antwort: Nein, das war eine frühere Ziegelei und auf diesem Gelände stand weiter nichts als die niedrigen Trockenhäuser, in denen man früher die Ziegel aufgestapelt und getrocknet hatte.

Frage: Und da waren die Gefangenen untergebracht?

Antwort: ›Untergebracht‹ kann man wohl nicht sagen, denn die Dächer faßten höchstens je zwei- bis dreihundert Mann, die übrigen übernachteten im Freien.

Frage: Was ist Ihnen über das Regime im Lager bekannt?

[437] Antwort: Das Regime im Lager war etwas eigenartig. Das ganze Lager machte den Eindruck, als wenn der Kommandant des Lagers, Hauptmann Becker, überhaupt nicht imstande wäre, eine derart große Menschenmasse zu organisieren, zu verpflegen und unterzubringen. Im Innern des Lagers befanden sich ganze zwei Küchen, die jedoch kaum die Bezeichnung ›Küchen‹ verdienten. Es waren lediglich einige Eisenfässer aufgestellt, die man auf Steinfundamente aufgesetzt hatte. Darin wurden die Suppen gekocht. Diese Küchen konnten schätzungsweise höchstens, wenn sie den ganzen Tag kochten, für zweitausend Mann einmal am Tage eine Suppe kochen. Die tägliche Verpflegung war demgemäß sehr mangelhaft. Es gab für die Gefangenen pro Tag für 6 Mann ein Brot, was aber kaum als Brot zu bezeichnen war. Beim Fassen des Essens stürzte sich dann alles auf diese paar Liter Suppe. Es waren ja immerhin etwa 70000 Mann, die abgespeist werden sollten. Wenn es zu Zwischenfällen dabei kam, dann schlug die innere Bewachung des Lagers mit Knüppeln dazwischen. Ich hatte überhaupt den Eindruck, als wenn in diesen Lagern der Knüppel maßgebend wäre.«

Entschuldigen Sie bitte, daß ich jetzt unterbreche! Es ist mir eben gesagt worden, Herr Präsident, daß zwei Photographien, wie es sich herausgestellt hat, dem Gerichtshof schon vorgelegt wurden und ihre Echtheit beglaubigt ist. Bitte, hier sind sie. Sofort werden noch zwei weitere Photographien gebracht. Ich fahre mit der Verlesung des Protokolls fort:

»Frage: Was ist Ihnen über die Sterblichkeit in diesen Lagern bekannt?

Antwort: Man konnte im Lager wohl tagtäglich mit 60 bis 70 Leichen rechnen.

Frage: Woran sind die Leute gestorben?

Antwort: Bevor Epidemien ausbrachen, handelte es sich meist um erschlagene Leute.

Frage: Während der Essensausgabe?

Antwort: Während der Essensausgabe, während der Arbeitszeit und auch so im Laufe des Tages wurden die Leute erschlagen.«

Bingel wurde zum zweitenmal von uns vernommen. Es wurden ihm die Photographien aus dem Uman-Lager vorgelegt. Es sind dieselben, die Sie jetzt in Händen haben.

Dem Bingel wurde folgende Frage gestellt:

»Ist das hier dargestellte Lager dasselbe, worüber Sie gesprochen haben, oder ein anderes?«

[438] Dann wurden ihm Photographien von den Negativen 13 mal 18 und 13 mal 22 vom 14. August 1941 vorgelegt. Bingel antwortete:

»Jawohl, es ist das Lager, über das ich gesprochen habe. Es ist eigentlich nicht das Lager selbst, sondern die Lehmzisterne, die dem Lager gehörte und wo die von der Front kommenden Kriegsgefangenen untergebracht wurden. Nachher wurden sie auf einzelne Gebietsabschnitte verteilt.

Frage: Was können Sie über die zweite Photographie sagen?

Antwort: Die zweite Photographie stellt dasselbe Lager dar, nur von der rechten Seite aufgenommen. Die Gebäude, die hier zu sehen sind, waren fast die einzigen Steingebäude in diesem Lager. Dieses Ziegelgebäude wurde nicht für die Unterbringung der Kriegsgefangenen benutzt, obwohl es ganz leer und unversehrt war und es dort ausgezeichnete große Räume gab.«

Es ist schwer zu sagen, ob das, was die Hitleristen den sowjetischen Kriegsgefangenen in dem sogenannten »Großlazarett« der Stadt Slavuta, Kamenez-Podolsk-Gebiet, angetan haben, den Gipfel der menschlichen Gemeinheit erreicht hat oder nicht. Aber auf alle Fälle ist die Tötung der sowjetischen Kriegsgefangenen durch die Hitler-Faschisten im »Großlazarett« eine der finstersten Seiten in der Geschichte der faschistischen Verbrechen.

Ich lege dem Gerichtshof als Dokument USSR-5 einen Bericht der Außerordentlichen Staatskommission vor, und werde einige Auszüge aus diesem Bericht und dessen Beilage verlesen:

»Nach Verjagung der faschistischen Horden aus der Stadt Slavuta haben die Truppenteile der Roten Armee auf dem Gelände der früheren Garnison etwas gefunden, was die Deutschen ›Großlazarett‹ für die Sowjetkriegsgefangenen nannten. Im ›Lazarett‹ befanden sich mehr als 500 erschöpfte und schwerkranke Menschen. Die Befragung dieser Leute, sowohl wie die spezielle Untersuchung seitens der gerichtsmedizinischen Sachverständigen und der Sachverständigen des Zentralinstituts für Ernährung im Volkskommissariat für Gesundheitswesen der USSR haben es ermöglicht, alle Einzelheiten über den Vernichtungsprozeß zahlloser sowjetischer Kriegsgefangener, der in dieser schrecklichen Anstalt stattgefunden hat, zu ermitteln.«

Auf Seite 153 des Dokumentenbuches befindet sich die Stelle, die ich jetzt verlesen werde.

»Im Herbst 1941 haben die deutsch-faschistischen Angreifer die Stadt Slavuta besetzt und dort ein Lazarett für kranke Soldaten und Offiziere der Roten Armee eingerichtet, das ›Großlazarett‹ Slavuta, Teillager 301, genannt wurde.

[439] Das ›Lazarett‹ war etwa 11/2 bis 2 km südöstlich von Slavuta gelegen und bestand aus zehn dreistöckigen Gebäuden. Alle Gebäude waren von einem dichten Stacheldrahtnetz umgeben. Die Sperre entlang waren alle 10 Meter Wachtürme aufgebaut, in denen sich Maschinengewehre, Scheinwerfer und die Wachen befanden.

Die Verwaltung, die deutschen Ärzte und die Wachtposten des Großlazaretts, vertreten durch den Kommandanten, Hauptmann Plank, seinen Nachfolger Major Pavlisk, seinen Stellvertreter Kronsdorfer, Hauptmann Boye, Stabsarzt Dr. Borbe, dessen Stellvertreter Dr. Sturm, Oberfeldwebel Ilsemann und Feldwebel Becker, führten eine Massenvernichtung der Kriegsgefangenen durch. Das wurde durch eine besondere Hungermethode, durch Überfüllung, durch gesundheitswidrige Verhältnisse, durch Folter und glatten Mord erreicht und weiterhin dadurch, daß die Kranken und Verwundeten nicht behandelt und die bis zum Äußersten erschöpften Menschen gezwungen wurden, schwere Arbeit zu leisten.«

Die Außerordentliche Staatskommission nennt dieses deutsche »Großlazarett« das Lazarett des Todes. Ich zitiere einen kleinen Abschnitt aus demjenigen Teil, der diesen Titel trägt. Es ist die dritte Seite des russischen Originals und Seite 153 des Dokumentenbuches:

»Die deutschen Behörden haben im ›Großlazarett‹ fünfzehn- bis achtzehntausend Schwer- und Leichtverwundete, ebenso wie auch sowjetische Kriegsgefangene, die an Infektions- und Nichtinfektionskrankheiten litten, zusammengepfercht.

Die Verstorbenen wurden durch neue Gruppen verwundeter und kranker sowjetischer Kriegsgefangener abgelöst. Auf dem Wege dorthin wurden die Kriegsgefangenen gemartert, ausgehungert und ermordet. Aus jeder Staffel, die im ›Lazarett‹ ankam, warfen die Hitler-Faschisten Hunderte von Leichen heraus.«

Nach den Angaben der Untersuchungskommission wurden aus jeder Staffel, die auf der Zweigbahn ausgeladen wurde, 800 bis 900 Leichen hinausgeworfen. In dem Bericht der Kommission heißt es weiter:

»Auf dem Wege, den wir verfolgten, gingen Tausende von sowjetischen Kriegsgefangenen an Hunger, Kälte, Durst, Mangel an Hilfe und an der rohen Willkür der deutschen Wache zugrunde... Die Hitler-Banditen empfingen regelmäßig die Gefangenen an den Toren des ›Lazaretts‹ mit Gewehrkolben- und Gummiknüppelhieben. Nachher wurden den Neuangekommenen das Lederschuhwerk, die warme Kleidung und die persönlichen Sachen abgenommen.«

[440] Im nächsten Abschnitt, auf derselben Seite, berichtet die Staatskommission, daß die Infektionskrankheiten unter den im ›Lazarett‹ befindlichen Kriegsgefangenen seitens der deutschen Ärzte verbreitet wurden:

»Die deutschen Ärzte schufen absichtlich eine un glaubliche Überfüllung im ›Großlazarett‹. Die Kriegsgefangenen wurden gezwungen, ganz dicht nebeneinander zu stehen; sie fielen vor Müdigkeit und Erschöpfung um und starben daraufhin.

Die Faschisten hatten verschiedene Methoden, um im Lazarett Platz zu machen.«

Der frühere Kriegsgefangene J. I. Khuazhev berichtete, daß

»die Deutschen in dem Raum durch Schüsse aus Maschinenpistolen Platz machten. Nachdem geschossen war, drückten sich die Leute unwillkürlich dichter aneinander, daraufhin stießen die Hitleristen noch einige Kranke und Verwundete hinein und dann wurde die Tür geschlossen.«

Die vorsätzliche Verbreitung der Infektionskrankheiten in diesem Todeslager, das man zum Hohn »Lazarett« nannte, wurde mit den primitivsten Methoden erreicht:

»Die an Flecktyphus, Tuberkulose und Ruhr Erkrankten wurden in einen Block, in eine Zelle, zusammen mit den Schwer- und Leichtverwundeten gesteckt.«

In dem Raum, wo normalerweise nicht mehr als 400 Menschen untergebracht werden konnten, lagen 1800 Kranke, die an Typhus und Tuberkulose litten.

»Die Zellen wurden nicht aufgeräumt. Die Kranken blieben mehrere Wochen in dem gleichen Unterzeug, in dem sie gefangengenommen wurden. Sie schliefen ohne jedes Bettzeug. Mehrere waren halb oder ganz nackt. Der Raum wurde nicht geheizt und die primitiven von den Gefangenen selbst gebauten Öfen fielen auseinander. Es gab kein Wasser zum Waschen im ›Lazarett‹, nicht einmal Trinkwasser. Infolge dieser gesundheitswidrigen Verhältnisse war das ›Lazarett‹ unglaublich verlaust.«

Die Ausrottung der Menschen durch vorsätzliche Verbreitung der Erkrankungen war verbunden mit Aushungerung. Die Ration für die sowjetischen Kriegsgefangenen bestand aus 250 gr Ersatzbrot und 2 Liter der sogenannten »Balanda«-Suppe. Das Mehl, aus dem das Brot für die Kranken und Verwundeten gebacken wurde, war aus Deutschland geschickt worden. 15 Tonnen davon wurden im Lazarettspeicher gefunden. Auf den Etiketten der Zehnpfundsäcke stand die Inschrift »Spelzmehl«. Proben dieses Ersatzmehles wurden nach dem Zentral-Ernährungsinstitut des Gesundheitskommissariats der USSR zur Analyse im Laboratorium gesandt.

[441] Ich überreiche hiermit Dokumente, die sich auf die Vernichtung der sowjetischen Kriegsgefangenen durch die Nazis im »Großlazarett« beziehen. Die Dokumente tragen die Nummer USSR-5(a); auf den Seiten 9, 10 und 11 dieses Dokuments ist für den Gerichtshof eine Photokopie des Gutachtens des Zentralinstituts für Ernährung ersichtlich. Das Gutachten wurde nach den Angaben der von zwei Stellen durchgeführten Analysen verfaßt, und zwar vom Front-Militärlaboratorium und vom Zentral-Ernährungsinstitut. Man hat versucht, Brot aus Ersatzmehl unter Beimischung von echtem Mehl zu backen. Es hat sich herausgestellt, daß es unmöglich ist, Brot aus dem Ersatzmehl allein zu backen. In dem Gutachten des Instituts heißt es:

»Offenbar wurde das Brot mit einer kleinen Beimischung echten Mehls als Bindemittel gebacken. Die Ernährung mit einem solchen ›Brot‹ ohne irgendwelche anderen vollwertigen Nahrungsmittel und Produkte kommt der Aushungerung gleich und führt unvermeidlich zu einer akuten Erschöpfung.«

Die Analyse hat gezeigt, daß dieses »Mehl« nichts anderes ist als gleichmäßig, aber ziemlich grob zerkleinertes Stroh mit langen, manchmal zwei bis drei Millimeter langen Teilchen. Unter dem Mikroskop wurden auf jedem Sehfeld

»neben den Holzfasern auch Stärkekörner, die ihrer Struktur nach an Haferkörner erinnern, in kleinen Mengen entdeckt«.

Das Institut kam zu der Schlußfolgerung:

»Das Vorhandensein der Spreu im Brot wirkt reizend und deswegen führt die Ernährung mit diesem Brot zu Erkrankungen des Verdauungsapparates.«

Ein wenig vorauseilend möchte ich über die Ergebnisse der gerichtsmedizinischen Obduktion der einhundertzwölf ausgegrabenen Leichen aus Platz Nummer I und der äußerlichen Untersuchung der ungefähr 500 Leichen sprechen. Im ersten Fall wurde die Erschöpfung als Todesursache bei 96 Opfern festgestellt. Im zweiten Fall stellt das Gutachten auf Seite 7 des Dokuments USSR-5 (a) fest:

»Die Behauptung, daß die Unterernährung die Hauptursache der Sterblichkeit im Kriegsgefangenenlager war, wird noch durch die Angaben der äußeren Besichtigung der 500 Leichen bestätigt. Bei dieser Besichtigung ergab sich, daß der Prozentsatz der höchsten Unterernährung fast 100 Prozent betrug.«

Ein wenig weiter stellen die Sachverständigen in demselben Gutachten im Abschnitt »d« des Paragraphen 5 fest, daß die Zustände in dem »Großlazarett« in Slavuta auch durch völlig unbrauchbare Nahrungsmittel charakterisiert werden können.

[442] »...Das Brot wies 64 % Holz-Sägemehl auf, die ›Balanda‹-Suppe bestand aus verfaulten Kartoffeln mit einer Beimischung von Abfällen, Rattenexkrementen und dergleichen.«

Die Kriegsgefangenen, die nach der Befreiung von Slavuta ihrem faschistischen Henker entronnen und am Leben geblieben waren, erklärten, und ich zitiere aus Seite 4 des Dokuments USSR-5, Seite 153 des Dokumentenbuches:

»Im ›Großlazarett‹ gab es periodisch Ausbrüche von Erkrankungen unbekannten Charakters, welche die deutschen Ärzte ›Paracholera‹ nannten. Diese Erkrankung war das Ergebnis der barbarischen Experimente der deutschen Ärzte. Diese Epidemien pflegten spontan zu entstehen und zu verschwinden. 60 bis 80 Prozent der Fälle von Paracholera endeten mit dem Tode. Einige an dieser Krankheit Verstorbene wurden von den deutschen Ärzten seziert; die russischen kriegsgefangenen Ärzte wurden zur Obduktion nicht zugelassen.«

In dem gerichtsmedizinischen Gutachten Punkt 8, Seite 7 des Dokuments USSR-5 (a), Seite 159 des Dokumentenbuches, wird gesagt:

»Keinerlei objektive Umstände können all die Verhältnisse rechtfertigen, unter denen die Kriegsgefangenen im Lager lebten. Und dazu kommt noch, daß, wie aus den Akten hervorgeht, in der Stadt Slavuta große Mengen von Lebensmitteln in den deutschen Militärspeichern und große Vorräte an Medikamenten und Verbandmaterial in den Militärapotheken vorhanden waren.«

Im »Großlazarett« gab es viel Sanitätspersonal. Doch, wie aus dem Bericht des staatlichen Ausschusses hervorgeht, bekamen die Kranken und verwundeten Offiziere und Soldaten der Roten Armee nicht einmal die einfachste medizinische Pflege. Wie kann man überhaupt von Krankenpflege sprechen, wenn das »Großlazarett« einem ganz entgegengesetzten Zweck diente? Die Verwaltung des »Großlazaretts« erstrebte nicht nur die Ausrottung der Kriegsgefangenen, sondern tat auch alles, um die letzten Tage der Kranken und Verwundeten mit Leiden und Qualen auszufüllen.

Ein Abschnitt aus dem Ausschußbericht trägt den Titel: »Folter und Erschießungen der sowjetischen Kriegsgefangenen«. Einen Teil dieses Berichts, der auf Seite 4 des Dokuments USSR-5, Seite 153 des Dokumentenbuches, veröffentlicht ist, verlese ich nunmehr:

»Im ›Großlazarett‹ wurden Kriegsgefangene aufs grausamste gefoltert. Bei der Aushändigung des Essens und auf dem Wege zur Arbeit hagelten Schläge auf sie nieder. Die faschistischen Henker verschonten nicht einmal die Sterbenden.

[443] Bei der Ausgrabung von Leichen entdeckten die gerichtsmedizinischen Sachverständigen unter anderem die Leiche eines Kriegsgefangenen, dem ein Messer in der Leistengegend steckte. Mit dem Messer in der Wunde war er, noch atmend, ins Grab geworfen worden.

Eine Methode der Massenfolterung im Lazarett bestand darin, daß man die kranken und verwundeten Männer in den Bunker einsperrte. Es war dies ein ungeheizter Raum mit Steinboden. Die Männer in dieser Zelle wurden tagelang ohne Essen gelassen und viele kamen darin um. Um die kranken und schwachen Gefangenen noch mehr zu erschöpfen, zwangen die Hitleristen sie, um die Ge bäude des Lazaretts zu laufen. Diejenigen, die nicht imstande waren, es zu tun, wurden halbtot geschlagen.

Oft wurden Kriegsgefangene einfach ermordet, sozusagen als Zeitvertreib für die Wachtposten. Ein ehemaliger Kriegsgefangener, Buchtichuk, erzählte, wie die Deutschen Eingeweide toter Pferde über den Stacheldraht warfen und mit ihren automatischen Selbstladegewehren das Feuer eröffneten, wenn die Kriegsgefangenen, halb verrückt vor Hunger, zum Draht liefen. Der Zeuge Kirsanow sah, daß man einen Kriegsgefangenen mit dem Bajonett tötete, weil er sich bückte, um eine Kartoffel vom Boden aufzuheben. Ein anderer ehemaliger Kriegsgefangener, Shatalov, beobachtete, wie ein Wachsoldat einen Kriegsgefangenen erschoß, der versuchte, noch ein wenig von der ›Balanda‹- Suppe zu bekommen.

Im Februar 1942 sah er einen Wachtposten, der einen Kriegsgefangenen anschoß, als er einen Haufen mit Abfällen aus der Küche für das deutsche Lagerpersonal nach etwas Eßbarem durchsuchte. Der verwundete Mann wurde sofort zu einer Grube geführt, ausgezogen und erschossen.«


VORSITZENDER: Wir werden jetzt vertagen.


[Das Gericht vertagt sich bis

14. Februar 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 7, S. 409-445.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Mickiewicz, Adam

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz erzählt die Geschichte des Dorfes Soplicowo im 1811 zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilten Polen. Im Streit um ein Schloß verfeinden sich zwei Adelsgeschlechter und Pan Tadeusz verliebt sich in Zosia. Das Nationalepos von Pan Tadeusz ist Pflichtlektüre in Polens Schulen und gilt nach der Bibel noch heute als meistgelesenes Buch.

266 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon