Vormittagssitzung.

[534] [Fortsetzung des Plädoyers des britischen Hauptanklagevertreters.]


SIR HARTLEY SHAWCROSS: Hoher Gerichtshof! Als wir uns gestern vertagten, habe ich über Kriegs verbrechen im eigentlichen Sinne gesprochen und insbesondere über den Mord an den RAF-Offizieren von Stalag-Luft III.

Ich möchte nunmehr die Frage des Arbeitseinsatzes von Kriegsgefangenen behandeln. Nach Artikel 31 der Genfer Konvention wäre es vielleicht statthaft gewesen, Gefangene in bestimmten Arbeiten in Verbindung mit Rohprodukten der Rüstungsindustrie zu beschäftigen. Hingegen hat die Feststellung, die Milch in der Zentralen Planung am 16. Februar 1943 in Gegenwart von Speer und Sauckel gemacht hat, keine rechtliche Grundlage:

»Wir haben die Forderung gestellt, daß bei uns in der Flak-Artillerie ein gewisser Prozentsatz Russen ist. 50000 sollen im ganzen heran; 30000 sind schon als Kanoniere da. Das ist eine witzige Sache, daß Russen die Kanonen bedienen müs sen.« (Dokument R-124.)

Das war offensichtlich grob rechtswidrig. Niemand hätte auch nur den geringsten Zweifel daran haben können. Nach dem Protokoll hat überhaupt niemand Protest erhoben. Es geht nirgends daraus hervor, daß Göring oder irgendeiner von den anderen, die das Protokoll gelesen und gewußt haben müssen, was vorging, diese Ungeheuerlichkeit von Seiten des tatsächlichen Führers der deutschen Luftwaffe als irgendwie ungewöhnlich betrachteten.

Himmlers zynische Worte in Posen am 4. Oktober 1943 über das Thema der in den ersten Feldzugstagen eingebrachten russischen Kriegsgefangenen müssen durch die Geschichtsschreibung festgehalten werden. Ich zitiere:

»Wir haben damals die Masse Mensch nicht so gewertet, wie wir sie heute als Rohstoff, als Arbeitskraft werten. Was letzten Endes, wenn ich in Generationen denke, nicht schade ist, was aber heute wegen des Verlustes der Arbeitskräfte bedauerlich ist: Die Gefangenen sind nach Zehntausenden und Hunderttausenden an Entkräftung, an Hunger gestorben.« (Dokument 1919-PS.)

Ich wende mich nun der Ermordung von Angehörigen der Kommandos zu.

[534] Das Beweisergebnis in Bezug auf den Kommandobefehl vom 18. Oktober 1942 (Dokument 498-PS) belastet Keitel, Jodl, Dönitz, Raeder, Göring und Kaltenbrunner unmittelbar. Nach Artikel 30 der Haager Konvention kann – ich zitiere:

»der auf der Tat ertappte Spion... nicht ohne vorausgegangenes Urteil bestraft werden.«

Ja sogar die gedruckten Vorschriften im Buch jedes deutschen Soldaten sehen vor – ich zitiere:

»Kein Feind, der sich ergibt, darf getötet werden, auch kein Partisane oder Spion. Diese sind der gerichtlichen Bestrafung zuzuführen.«

Diese Leute waren keine Spione: sie waren Soldaten in Uniform. Es wird nirgends behauptet, daß auch nur ein einziger Mann, mit dem nach diesem Befehl verfahren wurde, vor ein Gericht gestellt worden ist, bevor man ihn erschoß. Rechtlich gibt es einfach keine Antwort auf die Schuld irgendeines dieser Angeklagten, der diesen infamen Befehl weitergab oder anwandte – einen Befehl, von dem Jodl zugegeben hat, er sei Mord, und dessen Rechtswidrigkeit Keitel, seine eigene Schande bekennend, anerkannt hat.

Raeder hat zugegeben, daß der Befehl regelwidrig war, und selbst Dönitz erklärte, daß er ihn nunmehr nach Kenntnis des wahren Sachverhalts nicht mehr als korrekt betrachte. Die einzigen Entschuldigungen, die hier vorgebracht wurden, sind, daß die fraglichen Personen ihn nicht persönlich ausgeführt hätten, daß sie die Erklärung in Ziffer 1 des Befehls als Rechtfertigung der Handlung auf Grund von Vergeltung betrachteten, daß sie ihr Bestes getan hätten, das Ergebnis zu mildern, und daß es nicht Sache einer Einzelperson gewesen sei, Anordnungen eines Vorgesetzten in Zweifel zu ziehen. Kein einziger hat ernsthaft bestritten, daß Übergabe an den SD in diesem Zusammenhang Erschießung ohne Verfahren bedeutete.

Die Antwort auf dieses Vorbringen der Verteidigung, soweit dieses nicht rein erlogen ist, lautet, daß diese in den Befehlen selbst vorgesehenen Sicherheitsmaßnahmen am deutlichsten beweisen daß die im Absatz 1 festgestellten Tatsachen keinerlei Rechtfertigung darstellen, die das Licht nicht zu scheuen brauchen. Keine größeren Vorsichtsmaßnahmen haben den »Kugel«-, »Nacht-und-Nebel«- oder irgendeinen anderen ihrer brutalen Befehle begleitet. Daß der Fesselungsvorfall in Dieppe nichts damit zu tun hat, ergibt sich aus der Denkschrift des Stabes Jodls vom 14. Oktober 1942 (Dokument 1266-PS), die rundheraus erklärt, daß es das Ziel des Führers sei, die Kampfesweise der Kommandos durch den Abwurf von kleinen Trupps, die durch Sprengungen und so weiter großen Schaden anrichten und sich dann zur Festnahme stellen, zu verhindern. Der Widerruf des Befehls im Jahre 1945 (Dokument [535] D-649) ist ein weiterer Beweis dafür, daß seine Urheber ihre Schuld erkannt hatten, ihre Schuld, die vielleicht am besten durch den Eintrag in das Kriegstagebuch des Stabes der Seekriegsleitung bezüglich der Erschießung der in Uniform in Bordeaux gefangenen Kommandoeinheit ausgedrückt wird: »Ein völkerrechtliches Novum«. (Dokument D-658.) Trotzdem haben sich Raeder und sein Stabschef bereitgefunden, diesen Eintrag abzuzeichnen. Kaltenbrunners Mitwisserschaft ergibt sich klar aus einem Schreiben an den Wehrmachtführungsstab vom 23. Januar 1945 (Dokument 535-PS), worin er sich ausführlich hierzu äußert und die Anwendung des Befehls auf gewisse Kategorien ablehnt.

Andere Männer sind bereits wegen Ausführung dieses Befehls zum Tode verurteilt worden, und zwar Männer, deren einzige Verteidigung es war, daß sie dem Befehl eines Vorgesetzten gehorcht hätten. Ich meine hier die Mitglieder des SD, die wegen Mordes an der Besatzung von MTB 345 in Norwegen hingerichtet worden sind, und den General Dostler in Italien. Unzählige Vorfälle sind gegen diese Angeklagten mit ihren eigenen Akten bewiesen worden. Sollen sie jetzt davonkommen? Bitte erinnern Sie sich an die Haltung des Nazi-Volksgerichtshofs im Jahre 1944 gegenüber dem Verteidigungseinwand, die Angeklagten hätten auf Befehl eines Vorgesetzten gehandelt. (Dokument 3881-PS.)

Der »Kommandobefehl« kann sich an Gemeinheit und Brutalität nicht mit dem »Nacht-und-Nebel«-Erlaß vom 7. Dezember 1941 messen. Die von Keitel unterzeichneten Richtlinien Hitlers sehen die Todesstrafe für Straftaten wegen Gefährdung der Sicherheit oder des Bereitschaftszustandes der Besatzungsmacht vor und ordnen dann die Verbringung solcher Täter nach Deutschland an, deren Hinrichtung nicht innerhalb einer kurzen Frist durchgeführt werden kann, und zwar unter Bedingungen, die jegliche Ermittlung über ihr Schicksal unmöglich machen. Keitels Begleitschreiben vom 12. Dezember führt den Grund an:

»Eine wirksame und nachhaltige Abschreckung ist nur durch Todesstrafe oder durch Maßnahmen zu erreichen, die die Angehörigen und die Bevölkerung über das Schicksal des Täters im Ungewissen halten. Diesem Zwecke dient die Überführung nach Deutschland.« (Dokument L-90.)

Es ist interessant, diese Erklärung, die Keitel schrieb, als er noch glaubte, daß Deutschland den Krieg gewinnen würde, seiner Zeugenaussage vor dem Gerichtshof gegenüberzustellen.

»Zuchthaus wurde von diesen Patrioten als entehrend angesehen. Wenn sie nach Deutschland kommen, wäre dies keine Entehrung.«

Diese Verfügung wurde noch im Februar 1944 durchgeführt, als die Kommandanten von einigen 18 Konzentrationslagern an ihren [536] Zweck erinnert wurden, und daran, wie man die Leichen von »Nacht-und-Nebel«-Gefangenen los würde, ohne daß der Ort des Todes bekannt wird. (Dokument D-569.) Die Behandlung dieser Gefangenen ist von dem norwegischen Zeugen Cappelen beschrieben worden, und die Mitglieder des Hohen Gerichtshofs werden seine Darstellung des Transportes von 2500 bis 2800 »Nacht-und-Nebel«-Gefangenen von einem Konzentrationslager ins andere im Jahre 1945, wobei 1447 unterwegs starben, nicht vergessen haben. Und wir, die wir über die Würde des Menschen sprechen, wollen uns an folgendes erinnern, und ich zitiere noch einmal: Cappelen spricht:

»... Wir konnten nicht schnell genug marschieren. Da nahmen sie ihre Gewehre und schlugen die Köpfe von fünf Leuten ein,... dazu sagten sie auf deutsch: ›So geht es, wenn man nicht vernünftig marschiert‹...

Nach ungefähr sechs bis acht Stunden erreichten wir endlich eine Station, eine Eisenbahnstation. Es war sehr kalt, und wir hatten nur die gestreiften Gefangenenanzüge an und schlechte Schuhe. Trotzdem sagten wir: ›Oh, wir freuen uns, daß wir eine Eisenbahnstation erreicht haben. Es ist besser, in einem Viehwagen zu stehen, als mitten im Winter zu marschieren.‹ Es war sehr kalt, 10 bis 12 Grad unter Null, glaube ich, sehr kalt. Es war ein langer Zug mit offenen Wagen. In Norwegen bezeichnen wir sie als Sandwagen. Wir wurden mit Fußtritten auf diese Wagen getrieben, ungefähr achtzig Mann auf jeden Wagen. Wir... saßen auf diesen Wagen ungefähr fünf Tage, ohne Essen, frierend, und ohne Wasser. Wenn es schneite, machten wir es so – er zeigte es –, nur um etwas Wasser in den Mund zu bekommen. Nach einer langen, langen Zeit – es schien mir, als wären es Jahre – kamen wir zu einem Ort, der, wie ich später erfuhr, Dora war, nahe bei Buchenwald.

Also wir kamen dort an; sie stießen uns mit den Füßen von den Wagen herunter, aber viele waren tot. Der Mann, der neben mir saß, war tot, aber ich durfte nicht weg. So mußte ich dort den letzten Tag neben einem Toten sitzen. Ich habe die Ziffern natürlich nicht selbst gesehen, aber ungefähr ein Drittel oder die Hälfte von uns waren tot. Und sie sagten, daß ein Drittel – ich hörte die Zahl später in Dora –, daß die Zahl der Toten auf unserem Zug sich auf 1447 belief.

An Dora erinnere ich mich nicht so viel, da ich mehr oder weniger tot war. Ich war immer ein Mann mit gutem Humor und guter Laune, der sich selbst und seinen Freunden half, aber ich hatte beinahe aufgegeben.

... Ich hatte Glück, da die Aktion Bernadotte kam, und wir wurden befreit und nach Neuengamme bei Hamburg [537] gebracht. Dort fand ich einige meiner alten Freunde wieder, Studenten aus Norwegen, die nach Deutschland deportiert worden waren, und andere Gefangene, die von Sachsenhausen und anderen Lagern kamen, verhältnismäßig wenig norwegische ›NN‹-Gefangene, die noch am Leben waren und sich alle in einem sehr schlechten Zustand befanden. Viele meiner Freun de sind noch in Norwegen im Krankenhaus. Einige starben, nachdem sie nach Hause kamen.« (Sitzung vom 29. Januar 1946, Band VI, Seite 317.)

Im Juli 1944 folgte auf »Nacht und Nebel« eine noch rücksichtslosere Verfügung. Am 30. jenes Monats erließ Hitler die Terror- und Sabotageverordnung (Dokument D-762), die bestimmte, daß alle Gewalttaten nichtdeutscher Zivilpersonen in den besetzten Gebieten als Terror- und Sabotageakte zu bekämpfen seien. Alle, die nicht auf der Stelle überwältigt wurden, wären dem SD zu übergeben (Dokument D-763), Frauen zur Arbeit einzusetzen und nur Kinder zu verschonen. Innerhalb eines Monats dehnte Keitel die Verfügung auf Personen aus, die die Sicherheit und Schlagfertigkeit durch andere als Terror- oder Sabotageakte gefährdeten. (Dokument D-764.) Die üblichen Geheimhaltungsvorschriften ergingen, nach denen die Verteilung des Schriftstücks auf ein Mindestmaß beschränkt wurde. Er befahl sodann, daß die Terror- und Sabotageverordnung zum Gegenstand eines regelmäßigen und nachdrücklichen Unterrichts für das gesamte Personal der Wehrmacht, SS und der Polizei gemacht würde; sie sollte sich auf Verbrechen gegen die deutschen Belange erstrecken, die aber nicht die Sicherheit oder Schlagfertigkeit der Besatzungsmacht gefährdeten. Neue Vorschriften konnten nach Absprache mit den betreffenden Kommandeuren und Höheren SS-Führern erlassen werden. Mit anderen Worten, gegen jegliche Straftat irgendeiner Person in den besetzten Gebieten konnte nach Maßgabe dieser Verordnung vorgegangen werden.

Am 9. September 1944 fand in aller Form eine Besprechung von Vertretern der Obersten Heeresleitung und der SS statt, um das Verhältnis des »Nacht-und-Nebel«-Erlasses zum Terror- und Sabotageerlaß zu besprechen (Dokument D-767). Man war der Ansicht, daß der erstere gegenstandslos geworden sei, und die Versammelten fuhren fort, die Übergabe von 24000 nichtdeutschen Zivilpersonen an den SD in Betracht zu ziehen, die nach Maßgabe jenes Befehls durch die SS festgehalten wurden. Im weiteren Verlauf wurde auf der Besprechung das Problem gewisser Neutraler besprochen, die versehentlich »vernebelt« worden waren. Das deutsche Wort »vernebelt« rechtfertigt die Aussage des Zeugen Blaha, daß die Spezial- und Fachausdrücke, die in den Konzentrationslagern benutzt wurden, nur in deutscher Sprache wiedergegeben [538] werden können und sich nicht in irgendeine andere Sprache übertragen lassen. Es ist vielleicht überflüssig, den Hohen Gerichtshof daran zu erinnern, daß, als der Luftwaffengeneral in Holland die Ermächtigung erbat, streikende Eisenbahner zu erschießen (Dokument D-769), da das Verfahren der Übergabe an den SD zu umständlich sei, Keitel in seiner Antwort, von der Abschriften sowohl an das OKM und das OKL wie auch an die hauptsächlichen Befehlshaber in den besetzten Gebieten gesandt wurden, sofort damit einverstanden war, daß im Fall irgendwelcher Schwierigkeit in der Überstellung an den SD – ich zitiere:

»... rücksichtslos andere wirksame Maßnahmen selbständig zu ergreifen...« seien. (Dokument D-770.)

Mit anderen Worten, General Christiansen konnte Eisenbahner erschießen, wenn er es für richtig hielt.

Vergessen wir nicht, wenn wir die damaligen Probleme Europas betrachten, daß es nicht leicht für irgend jemanden ist, der nicht in einem von den Deutschen besetzten Gebiet leben mußte, sich die Leiden, die dauernden Angstzustände und die ununterbrochene Sorge vorzustellen, in denen die Völker Europas während der langen Jahre der Unterjochung lebten. Frank war es, der am 16. Dezember 1941 den Ausspruch niederschrieb:

»Mitleid wollen wir grundsätzlich nur mit dem deutschen Volke haben, sonst mit niemandem auf der Welt.« (Dokument USSR-223.)

Abgesehen davon, daß sie nicht einmal Mitleid mit ihrem eigenen Volk hatten – wie getreulich haben diese Männer diesen Grundsatz durchgeführt!

Ich komme nun zu dem Angriff auf die Partisanen. Falls noch irgendwelcher Zweifel darüber besteht, daß die Deutsche Wehrmacht nicht von ehrenwerten Soldaten, sondern von gefühllosen Mördern befehligt wurde, so muß dieser Zweifel angesichts des Beweismaterials für die erschreckende Unbarmherzigkeit schwinden, mit der man die Partisanen niederzukämpfen suchte. Der Zeuge Ohlendorf gibt an, daß die Leitung der Partisanenbekämpfung Gegenstand einer schriftlichen Übereinkunft zwischen dem OKW und der SS gewesen ist.

Als Ergebnis dieser Übereinkunft wurde dem Hauptquartier jeder Heeresgruppe eine Einsatzgruppe angegliedert zwecks Leitung der Arbeit der Einsatzkommandos, die der Gruppe unter Gleichstellung und in Übereinstimmung mit den Militärbehörden zugeteilt waren. Wenn eine Bestätigung für die Unterstützung, Kenntnis und Zustimmung durch das Heer erforderlich wäre, so brauchte man sich nur den Bericht der Einsatzgruppe A über ihre Tätigkeit [539] während der ersten drei Monate des Feldzugs gegen die Sowjetunion anzusehen. Ich zitiere:

»Es handelte sich nun darum, in aller Eile persönlich mit den Armeeführern wie auch mit dem Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes Fühlung aufzunehmen. Von vornherein kann betont werden, daß die Zusammenarbeit mit der Wehrmacht im allgemeinen gut, in Einzelfällen... sehr eng, ja fast herzlich war.« (Dokument L-180.)

Und dann weiter zurückkommend auf die Schwierigkeit des Verfahrens mit den Partisanen in einem bestimmten Bezirk:

»Nachdem die rein militärische Bekämpfung durch Gestellung von Wachen oder durch Einsatz auch ganzer Divisionen zum Durchkämmen der neubesetzten Gebiete versagt hatte, mußte auch die Wehrmacht sich nach neuen Methoden umsehen. Gerade die Suche nach Methoden machte sich aber die Einsatzgruppe zur wesentlichen Aufgabe. Die Wehrmacht hat sich daher auch bald die Erfahrungen der Sicherheitspolizei und ihre Methoden der Bekämpfung der Partisanen zu eigen gemacht.«

Eine dieser Methoden ist in demselben Bericht folgendermaßen beschrieben:

»Nach Umstellung des Dorfes wurden alle Bewohner auf einen Platz zusammengetrieben. Durch Vernehmung der durch die vertraulichen Meldungen belasteten Personen und Befragung weiterer Dorfbewohner gelang es in den meisten Fällen, die Helfer der Partisanen zu ermitteln. Sie wurden entweder an Ort und Stelle erschossen oder, falls ihre weitere Vernehmung verwertbare Aussagen erwarten ließ, zum Standort mitgenommen. Nach Durchführung der Vernehmung wurden sie exekutiert.

Um eine abschreckende Wirkung zu erzielen, wurden mehrfach die Häuser der Helfer der Partisanen niedergebrannt.«

Und dann nach Feststellung, daß den Dorfbewohnern stets die Niederbrennung des ganzen Dorfes angedroht wurde, fährt der Bericht fort:

»Die Taktik, Terror gegen Terror zu setzen, hat sich ausgezeichnet bewährt.«

Wie Ohlendorf erklärte, standen die Einsatzkommandos unter Kaltenbrunners Befehl. Doch hätten die Befehle, nach denen sie vorgingen, keineswegs diejenigen Keitels an Härte übertreffen können. Der Führerbefehl, den er am 16. Dezember 1942 über die Bekämpfung von Partisanen herausgab, lautet:

»Wenn dieser Kampf gegen die Banden sowohl im Osten wie auf dem Balkan nicht mit den allerbrutalsten Mitteln [540] geführt wird, so reichen in absehbarer Zeit die verfügbaren Kräfte nicht mehr aus, um dieser Pest Herr zu werden.

Die Truppe ist daher berechtigt und verpflichtet, in diesem Krieg ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden, wenn es nur zum Erfolg führt.« (Dokument UK-66.)

Drei Tage später sagten er und Ribbentrop zu ihren italienischen Kollegen beim Frühstück:

»der Führer habe erklärt, daß die serbischen Verschwörer ausgebrannt werden müßten und daß dabei keine weichen Methoden angewandt werden dürften. – Feldmarschall Keitel warf hier ein, daß jedes Dorf, in dem Partisanen gefunden würden, niedergebrannt werden müsse.«

Zwei Monate später drängte Ribbentrop den Italienischen Botschafter in Berlin zu noch größerer Roheit in der Behandlung der Partisanen in Kroatien – ich zitiere:

»Die Banden müßten vernichtet werden, und zwar Männer, Frauen und Kinder, weil ihr Fortbestand das Leben deutscher und italienischer Männer, Frauen und Kinder gefährde.« (Dokument D-741.)

Göring scheint Himmler bei der Rekrutierung des notwendigen Personals für die Partisanenbekämpfung unterstützt zu haben und erklärte gemäß der Niederschrift eines Ministerialrats vom 24. September 1942, daß er verwegene Burschen für den Einsatz im Osten als Sonderkommandos suche und Strafgefangene und Wilddiebe zu diesem Zweck in Betracht ziehe. Sein Gedanke war dabei folgender:

»In den ihnen zugewiesenen Gebieten könnten diese Banden, deren Aufgabe in erster Linie die Vernichtung der Leitungen der Partisanengruppen sein sollten, morden, brennen, schänden, im Lande kämen sie wieder unter strenge Aufsicht.« (Dokument 638-PS.)

Einen Monat später gab er dem Duce eine Schilderung von Deutschlands Methoden bei der Partisanenbekämpfung:

»In den betreffenden Gebieten würden zunächst das gesamte Vieh und die Lebensmittel weggeführt, um den Partisanen auf diese Weise die Ernährungsgrundlage zu entziehen. Die Männer und Frauen würden in Arbeitslager, die Kinder in Kinderlager gebracht und die Dörfer niedergebrannt... Kämen Attentate vor, so würde in Ortschaften die gesamte männliche Bevölkerung auf der einen Seite und die Frauen auf der anderen Seite aufgestellt. Den Frauen würde gesagt, daß alle Männer erschossen würden, wenn sie (die Frauen) nicht angäben, wer von den Männern nicht in [541] den Ort gehöre. Um ihre Männer zu retten, bezeichneten dann die Frauen immer die Nichtortsansässigen.« (Dokument D-729.)

Diese Methoden waren keineswegs auf den Osten beschränkt. Sie wurden weit und breit in jedem besetzten Gebiet angewandt. Wo immer ein noch so geringer Widerstand geleistet wurde, antworteten die Deutschen mit dem Versuch, ihn mit äußerster Brutalität niederzustampfen. Es würde nicht schwer sein, den Ereignissen in Lidice und Oradour-sur-Glane 100 andere solcher Fälle an die Seite zu stellen.

Eines der allerbrutalsten Mittel, die Festnahme von Geiseln, war der Gegenstand eines Befehls des deutschen Oberkommandos vom 16. September 1941. Keitel befiehlt – ich zitiere:

»a) Bei jedem Vorfall der Auflehnung gegen die deutsche Besatzungsmacht, gleichgültig wie die Umstände im einzelnen liegen mögen, muß auf kommunistische Ursprünge geschlossen werden.

b) Um die Umtriebe im Keime zu ersticken, sind beim ersten Anlaß unverzüglich die schärfsten Mittel anzuwenden, um die Autorität der Besatzungsmacht durchzusetzen und einem weiteren Umsichgreifen vorzubeugen. Dabei ist zu beden ken, daß ein Menschenleben in den betroffenen Ländern vielfach nichts gilt und eine abschreckende Wirkung nur durch ungewöhnliche Härte erreicht werden kann. Als Sühne für ein deutsches Soldatenleben muß in diesen Fällen im allgemeinen die Todesstrafe für 50-100 Kommunisten als angemessen gelten. Die Art der Vollstreckung muß die abschreckende Wirkung noch erhöhen.« (Dokument C-148.)

Vergleichen wir den Wortlaut des Einsatzkommandoberichts:

»Aus der Erkenntnis, daß der Russe seit jeher an ein schonungsloses Durchgreifen der Autorität gewohnt ist, wurde zu den härtesten Mitteln gegriffen.« (Dokument L-180.)

Zwischen den Anschauungen Keitels und Kaltenbrunners besteht kein Unterschied: Dem deutschen Soldaten wurde befohlen, der SS nachzueifern.

Zwei Wochen nach Erlaß dieses Befehls hatte Keitel, dessen einzige Verteidigung darin bestand, daß er auf nur fünf bis zehn Geiseln für einen Deutschen anstatt 50 bis 100 bestanden habe, eine weitere Idee; am 1. Oktober 1941 schlug er vor, daß es ratsam ist, daß die militärischen Befehlshaber immer über eine Anzahl Geiseln verschiedener politischer Richtungen, nationalistische, demokratisch-bürgerliche oder kommunistische verfügen. Und er fügt hinzu:

»Es kommt dabei darauf an, daß sich darunter bekannte führende Persönlichkeiten oder deren An gehörige befinden, [542] deren Namen zu veröffentlichen sind. Je nach der Zugehörigkeit des Täters sind bei Überfällen Geiseln der entsprechenden Gruppe zu erschießen.« (Dokument 1590-PS.)

Die Originalurkunde trägt den ominösen Vermerk:

»Ist in Frankreich und Belgien... durchgeführt.«

Die Wirkung dieser Befehle auf die gesamte deutsche Armee kann man gut an drei Fällen von Maßnahmen örtlicher Befehlshaber erkennen.

Einen Monat nach Keitels ursprünglichem Befehl hat ein Standortkommandant in Jugoslawien berichtet, daß zur Sühne für die Tötung von zehn deutschen Soldaten und die Verwundung von weiteren 26 insgesamt 2300 Leute erschossen wurden, 100 für jeden getöteten und 50 für jeden verwundeten deutschen Soldaten. (Dokument USSR-74.)

Am 11. Juli 1944 hat in einem öffentlichen Anschlag der Kommandant des Gebiets Covolo in Italien gedroht, für jeden einzelnen Verwundeten der deutschen Wehrmacht, gleichgültig, ob Militär- oder Zivilperson, 50 Männer und für jeden getöteten Deutschen 100 Männer umzubringen. Sollte mehr als ein Soldat oder eine Zivilperson getötet oder verwundet werden, so würden alle Männer des Gebiets erschossen, ihre Häuser in Brand gesetzt, die Frauen interniert und das Vieh sofort beschlagnahmt werden (Dokument UK-66). Im Juni des gleichen Jahres wurde von Kesselring gemeldet, daß 560 Personen, darunter 250 Männer, unter Androhung der Erschießung innerhalb von 48 Stunden festgenommen worden seien, nachdem irgendein deutscher Oberst von Banditen verschleppt worden war. (Dokument D-39.)

Die unmittelbar in diese Brutalitäten verwickelten Männer sind Göring, Ribbentrop, Keitel, Jodl und Kaltenbrunner; aber wer kann daran zweifeln, daß jeder einzelne auf dieser Anklagebank die Befehle und die Art kannte, in der die deutsche Wehrmacht Männer, Frauen und Kinderkreuz und quer durch Europa zu ermorden Weisung erhalten hatte. Raeder, der angibt, daß er solches Vorgehen in Norwegen nicht billigte, sagt, daß er versucht habe, Hitler umzustimmen; und doch blieb er weiterhin auf seinem Posten und lieh weiterhin seinen Namen dem Regime, unter dem solche Dinge geschahen.

Ich komme nun zu den Punkten, für die er und Dönitz unmittelbar verantwortlich waren. Die Seekriegführung zeigt genau dieselbe Art der äußersten Mißachtung von Recht und Anstand. Nur selten hat man Gelegenheit, die Gedanken von zwei Marinebefehlshabern so klar aus ihren Urkunden festzustellen wie die der Angeklagten Raeder und Dönitz im vorliegenden Falle.

[543] Schon am 3. September 1939 verlangte die deutsche Kriegsmarine in einem Memorandum an das Auswärtige Amt die Einwilligung in eine Politik der warnungslosen Versenkung feindlicher wie auch neutraler Handelsschiffe unter Nichtbeachtung der Londoner Unterseebootverordnung, ihrer eigenen Prisenordnung, und natürlich des Völkerrechts. Eine Reihe von Urkunden während der folgenden sechs Wochen enthüllt den von Raeder dauernd auf das Auswärtige Amt ausgeübten Druck, diese Politik zu genehmigen (Dokument D-857).

Am 16. Oktober 1939 verfaßte Raeder eine Denkschrift über die Verschärfung des Handelskriegs gegen England (Dokument UK-65, C-157). Nachdem er in diesem Dokument »rücksichtslose Schärfe« als notwendig und die Absicht verkündet hatte, Englands Kampfwillen innerhalb kürzester Zeit zu zerstören, fuhr er fort:

»Das Hauptobjekt der Seekriegführung ist das Handelsschiff, und zwar nicht nur das feindliche, sondern überhaupt jedes Handelsschiff, das zur Versorgung der feindlichen Kriegswirtschaft in der Einfuhr sowie in der Ausfuhr die See befährt.«

Es ist das Dokument, das die berüchtigte Stelle enthält:

»Eine Stützung der getroffenen militärischen Maßnahme auf das bestehende Völkerrecht bleibt erwünscht; militärisch als notwendig erkannte Maßnahmen müssen aber, sofern sie kriegsentscheidende Erfolge erwarten lassen, auch dann durchgeführt werden, wenn das geltende Völkerrecht nicht auf sie Anwendung finden kann. Grundsätzlich muß daher das militärische, zur Brechung der feindlichen Widerstandskraft wirksame Kriegsmittel rechtspolitisch gestützt werden, auch wenn damit neues Seekriegsrecht geschaffen wird.«

In einer anderen Denkschrift vom 30. Dezember fuhr er fort, auf weitere Intensivierung zu drängen, besonders mit Rücksicht auf die Neutralen. Ich zitiere:

»... ohne Bindung an irgendwelche Begriffe, wie die Erklärung von Warngebieten,...«

und wies darauf hin, daß, da sie doch in die neutralen Staaten einmarschieren würden, es wirklich nicht so sehr darauf ankäme, wenn sie zur See auch etwas weit gingen –, denn

»... die verschärfenden Maßnahmen der Seekriegführung stellen in ihrer politischen Auswirkung nur einen kleinen Teil der Gesamt-Kriegsverschärfung dar.« (Dokument C-100.)

Sie werden bemerkt haben, daß diese Denkschriften über die Seekriegführung die 18 Monate früher niedergeschriebene Ansicht des Oberkommandos über den zukünftigen Krieg wiedergeben:

[544] »Je nachdem ob der Eintritt der kriegsrechtlichen Normen mehr Vorteile oder Nachteile für die Kriegführenden bringt, werden diese sich den neutralen Staaten gegenüber als im Kriege oder nicht im Kriege befindlich betrachten.« (Dokument L-211.)

War dies nur ein Zufall? Es war auf alle Fälle die von Raeder festgelegte und von Dönitz befolgte Methode. Gleich von Anfang an hatte die Seekriegsleitung niemals die Absicht, die Regeln des Seekriegs einzuhalten.

Das Verteidigungsvorbringen, die warnungslose Versenkung alliierter Handelsschiffe sei wegen alliierter Maßnahmen berechtigt gewesen, ist ebensowenig haltbar wie die Behauptung, daß dem Versenken neutraler Handelsschiffe auf Sicht eine dem Völkerrecht entsprechende Warnung vorausging. Sie haben die sehr unklaren und allgemein gehaltenen Warnungen an die Neutralen gesehen und auch das Memorandum der Seekriegsleitung, das zeigt, daß diese Warnungen absichtlich so allgemein gehalten waren, weil Raeder wußte, daß das von ihm beabsichtigte Vorgehen gegen die Neutralen völlig rechtswidrig war. Ich brauche Sie nicht an das Schriftstück zu erinnern, aus dem hervorgeht, daß Befehle mündlich zu geben und falsche Eintragungen ins Logbuch zu machen seien, genau wie dies im Falle der »Athenia« getan wurde; oder die Eintragungen in Raeders eigenem Kriegstagebuch, aus denen hervorgeht, daß vorsichtig gewählte Neutrale überall versenkt werden sollten, wo die Verwendung elektrischer Torpedos die Deutschen in die Lage versetzen konnte zu behaupten, das Schiff sei auf eine Mine gelaufen. Sie finden das bestätigt durch die glatte Ableugnung, die Raeder in Erwiderung der Proteste der Norwegischen und der Griechischen Regierung wegen Versenkung des »Thomas Walton« und der »Garufalia« vorbereitet hatte, und in dem zögernden Eingeständnis im Falle der »Deptford«; alle diese drei Schiffe wurden durch ein und dasselbe Unterseeboot im Dezember 1939 versenkt. Nichts zeigt klarer den Zynismus und den Opportunismus, mit denen Raeder und Dönitz das Völkerrecht betrachteten, als der Gegensatz zwischen ihrem Verhalten bei der Versenkung eines spanischen Schiffes einerseits im Jahre 1940 und andererseits im September 1942: 1940 hatte Spanien für Deutschland keine Bedeutung, aber im Jahre 1942 kam es für Deutschland sehr auf Spanien an.

Es ist nicht nötig, Einzelheiten der verschiedenen aufeinanderfolgenden Maßnahmen zu wiederholen, die im Laufe der Aktivierung der Politik der Versenkung auf Sicht getroffen wurden, aber zwei [545] Punkte aus der Seekriegführung dieser zwei Angeklagten will ich besonders hervorheben:

Erstens haben sie fortgefahren, der Welt zu verkünden, daß sie die Londoner Verordnungen und ihre eigene Prisenordnung einhielten. Der Grund hierfür geht aus Raeders Denkschrift vom 30. Dezember 1939 hervor, wo er sagt – ich zitiere:

»... es muß, um nicht die Kriegsmarine wiederum mit dem Odium des uneingeschränkten U-Bootkrieges vor der Geschichte zu belasten, von einer öffentlichen Verkündigung verschärfender Seekriegsmaßnahmen dringend abgeraten werden.« (Dokument C-100.)

Das ist also der gemeinsame Plan mit genau derselben Begründung, wie sie Jodl und Dönitz im Februar 1945 dafür anführten, daß man einfach die Bestimmungen der Genfer Konvention umgehen solle, anstatt zu verkünden, daß Deutschland sich von diesem Abkommen lossage (Dokument D-106). Hier zeigt sich wieder einmal die Lehre von der militärischen Zweckmäßigkeit: Wenn es für Deutschland nützlich ist, ein Gesetz zu brechen, ist es dazu voll berechtigt – immer vorausgesetzt, daß es in der Weise geschieht, daß eine Entdeckung und die Verurteilung durch die Weltmeinung vermieden wird.

Man darf nicht glauben, daß bei der Einführung dieser Politik der warnungslosen Versenkung und der Mißachtung der Gesetze des Seekriegs Raeder drastischer vorging als Dönitz. In seiner Verteidigung machte Dönitz große Anstrengungen, seinem Befehl vom 17. September eine harmlose Auslegung zu geben. Ich bitte den Gerichtshof, sich den Wortlaut ins Gedächtnis zu rufen:

»Jeglicher Rettungsversuch von Angehörigen versenkter Schiffe... hat zu unterbleiben. Rettung widerspricht den primitivsten Forderungen der Kriegführung nach Vernichtung feindlicher Schiffe und Besatzungen.« (Dokument D-630.)

Sein Tagebuch vom gleichen Datum, das diesen Befehl bestätigt, beginnt – ich zitiere:

»Alle Kommandanten werden nochmals darauf hingewiesen, daß alle Rettungsversuche den primitivsten Forderungen der Kriegführung widersprechen...«

Der Angeklagte hat bestritten, daß dies bedeute, daß die Mannschaften getötet oder vernichtet werden sollten. Aber die Vorgeschichte macht es vollkommen klar, daß dies eine Aufforderung an die U-Bootkommandanten war, die Mannschaften schiffbrüchiger Handelsschiffe zu vernichten, während Dönitz gleichzeitig eine Ausrede haben wollte, falls dies, wie es nun auch tatsächlich geschehen ist, notwendig wird. Dies war letzten Endes die Methode, die von Hitler festgelegt wurde, als er zu Oshima am 3. Januar 1942 sagte, – ich zitiere: er müsse

[546] »... den Befehl geben, daß, falls die fremden Seeleute nicht zu Gefangenen gemacht werden könnten... die U-Boote nach Torpedierung auftauchten und die Rettungsboote zusammenschössen.« (Dokument D-423.)

Die Beweisaufnahme zeigt den dauernden Druck Hitlers auf Erlaß dieses Befehls von dieser Zeit ab. Es wird zugegeben, daß er während einer Zusammenkunft mit beiden, Dönitz sowohl wie Raeder, am 14. Mai 1942 den Erlaß dieses Befehls verlangt und diese Frage wieder am 5. September 1942 aufgegriffen hat. Dönitz verwies persönlich auf den Druck Hitlers während des »Laconia«-Zwischenfalls. Sie haben die Bestätigung, daß der Befehl, der am 17. September erlassen wurde, so auszulegen war, wie es von der Anklage in den Aussagen der Zeugen Heisig und Möhle geschehen ist. Ist es denkbar, daß ein hoher Offizier vom 17. September 1942 an bis zum Ende des Krieges bei der Erteilung von Weisungen an die Kommandanten der Hunderte von U-Booten, die von Kiel ausgelaufen sind, diesen hätte andeuten dürfen, daß es sich um Vernichtungsbefehle handle, falls dies nicht die Absicht der Seekriegsleitung gewesen wäre? Es ist erwiesen, daß Dönitz jeden U-Bootkommandanten vor und nach seiner Fahrt persönlich gesehen hat; dann seine eigenen Geständnisse in Bezug auf die Kommentare, die von seinen Stabsoffizieren zur Zeit des Befehlserlasses gemacht wurden, sowie seine allgemeine Einstellung, die sich aus einem Befehl vom Oktober 1939 ergibt – ein Befehl, von dem er zugibt, daß es ein Befehl zur Nichtrettung war, ein nach unserer Auffassung vollkommen unhaltbarer Befehl an sich. Dazu kommt noch der Zufall, daß genau dasselbe Argument, das von Hitler Oshima gegenüber benutzt wurde – nämlich, wie wichtig es sei, die Alliierten daran zu hindern, die für das ungeheure Aufbauprogramm Amerikas erforderlichen Mannschaften zu beschaffen – auch am 14. Mai zugegebenermaßen von Dönitz benutzt worden ist und identisch ist mit dem Argument, das Heisig gehört haben will, wie auch dem Grund, der für den später erlassenen Befehl angeführt wurde, daß bei Angriffen auf Geleitzüge in erster Linie Rettungsschiffe zu versenken seien. Sie kennen die Fälle der »Antonice«, der »Noreen Mary« und des »Peleus«; während der Mann, der sein Entsetzen ausdrückt bei dem Gedanken, er sei fähig, solch einen Befehl zu erlassen, zugegebenerweise das Logbuch des U-Bootes gesehen hat, das die »Sheaf Mead« versenkt hat, mit dem brutalen Eintrag, der die Leiden der im Wasser gebliebenen Leute beschreibt. Dönitz selbst erklärte, daß – ich zitiere:

»... die Herausgabe von solchen Anordnungen nur gerechtfertigt sei, wenn ein entscheidender militärischer Erfolg dabei erzielt wird.«

[547] Lag nicht der Grund dafür, daß dieser Befehl erlassen wurde – wie es aus seinem eigenen Dokument hervorgeht – in der Tatsache, daß nämlich der Prozentsatz der Schiffe, die außerhalb von Geleitzügen im September 1942 versenkt wurden, so hoch war, daß ein entscheidender militärischer Erfolg hätte erzielt werden können, während aber im April 1943, als beinahe alle Versenkungen aus Geleitzügen stattfanden, es nicht mehr notwendig war, einen weiteren noch eingehenderen Befehl dieser Art herauszugeben?

Die Anklage behauptet mit Nachdruck und Bestimmtheit, daß der Angeklagte Dönitz mit diesem Befehl beabsichtigte, soviel U-Bootkommandanten als möglich anzufeuern und zu veranlassen, die Mannschaften der Handelsschiffe zu vernichten, daß er aber ganz vorbedacht den Befehl in seinem hier vorliegenden Wortlaut abgefaßt hat, um, falls die Umstände es erfordern sollten, das Gegenteil behaupten zu können. Auf Grund der Aussage von Admiral Wagner, daß die Seekriegsleitung den Befehl vom 17. September 1942 bezüglich der Überlebenden gebilligt habe, kann sich Raeder der Verantwortung nicht entziehen, und tatsächlich – er war ja bei der Besprechung mit Hitler im Mai dieses Jahres zugegen und hat den Führerbefehl vom 5. September 1942 erhalten, Anweisungen zur Tötung von Überlebenden herauszugeben (Dokumente Dönitz 16 und 39) – kann nur geringer Zweifel darüber bestehen, daß er voll und ganz in das Vorgehen seiner Untergebenen verwickelt war.

Obgleich nach wenigen Monaten die alliierte Luftwaffe es den U-Booten in den meisten Zonen unmöglich machte, überhaupt das Auftauchen nach Abschuß ihres Torpedos zu riskieren und das Problem deshalb an Wichtigkeit verlor, ist es interessant festzustellen, daß, als der Befehl gegen Rettungsschiffe am 7. Oktober des folgenden Jahres erlassen wurde, dieselbe Redensart »Vernichtung der Dampferbesatzungen« wiederkehrte. (Dokument D-663.)

Trotz des Leugnens des Kapitänleutnants Eck (Dokument Dönitz 36) kann kein ernstlicher Zweifel daran bestehen, daß er nach seiner Instruierung durch Möhle tat, was seine Vorgesetzten wollten, daß er tun solle. Warum sollte man auch annehmen, daß ein Mann, der einen Monat später Hitlers Kommandobefehl ohne Protest hinnahm, vor dem Befehl, auf Flößen oder an Schiffstrümmern angeklammerte Seeleute zu töten, zurückschrecken sollte, nachdem Hitler seine militärische Notwendigkeit dargetan hatte? Eck, der den Befehlen Raeders und Dönitz' gehorchte, hat dies mit der Todesstrafe bezahlt. Sollen diese leichter wegkommen?

Ich komme nun zu einem weiteren Kriegsverbrechen, dem Einsatz von Sklavenarbeitern. Ihre Wichtigkeit für die deutsche Kriegsmaschine ist von den Angeklagten lange schon vor Kriegsausbruch erkannt worden. Hitler hat diese Tatsache in »Mein Kampf« erwähnt und sie bei der Besprechung im Mai 1939 betont. [548] Einige Wochen später, im Juni, plante der Reichsverteidigungsrat – Göring, Frick, Funk, Raeder und Vertreter aller anderen Staatsministerien – 20000 Konzentrationslagerhäftlinge und Hunderttausende von Arbeitern aus dem Protektorat im kommenden Krieg zu verwenden.

Hitlers Plan für Polen, den er Schirach und Frank entwickelte, war folgender:

»Das Ideal-Bild sei: Der Pole darf im Gouvernement nur kleine Grundparzellen besitzen, die seine eigene Ernährung bzw. die seiner Familie einigermaßen sicherstellen. Was er sonst an Geld für Kleidung, zusätzliche Nahrung usw. usw. braucht, müsse er durch Arbeit in Deutschland verdienen. Das Gouvernement sei die Ausleihzentrale für ungelernte Arbeiter, insbesondere für landwirtschaftliche Arbeiter. Die Existenz dieser Arbeiter sei eine völlig gesicherte, denn sie würden immer als billige Arbeitskräfte gebraucht werden.« (Dokument USSR-172.)

Diese Politik war natürlich eine kurzfristige Politik, da das wirkliche Ziel die Vernichtung der östlichen Völker war. Sauckel wurde zum Bevollmächtigten ernannt mit der Aufgabe, zwei Millionen deutsche zur Wehrmacht einberufene Arbeiter zu ersetzen. Er sagt selbst, daß, nachdem Hitler betont hatte, es sei kriegsnotwendig, er keine Bedenken hatte; und einen Monat nach seiner Ernennung hat er sein erstes Arbeitseinsatzprogramm an Rosenberg gesandt.

»Gelingt es nicht, die benötigten Arbeitskräfte auf freiwilliger Grundlage zu gewinnen, so muß unverzüglich zur Aushebung derselben bzw. zur Zwangsverpflichtung geschritten werden... eine gewaltige Anzahl fremder Arbeitskräfte... Männer und Frauen... eine unbedingte Notwendigkeit.« (Dokument 016-PS.)

Dieses Programm sollte er

»... mit allem Nachdruck und unter Einsatz aller Kräfte...« (Dokument 017-PS)

durchführen.

Es ist unnötig, auf das umfangreiche Beweismaterial für die Durchführung dieser Politik der Rekrutierung von Arbeitskräften zurückzukommen. Es genügt, nochmals Sauckels Ansprache auf der Zentralen Planung im März 1944 zu zitieren:

»... einen Agentenstab...« von Männern und Frauen »... heranzubändigen, die..., wie es früher ein Shanghaien gegeben hat,... die Leute... nach Deutschland bringen... Von den 5 Millionen ausländischen Arbeitern, die nach Deutschland gekommen sind, sind keine 200000 freiwillig gekommen.« (Dokument R-124.)

[549] Die bei den Zwangsdeportationen angewandten Methoden sind scheußlich in ihrer Brutalität und müssen jedem einzelnen der Angeklagten bekannt gewesen sein. Im April 1941 hielt Himmler eine Ansprache an die Offiziere der SS-Leibstandarte Adolf Hitler:

»Sehr oft sagt sich der Angehörige der Waffen- SS – und diese Gedanken kamen mir heute so, wie ich da draußen diese sehr schwierige Tätigkeit ansah, die die Sicherheitspolizei, unterstützt von Eueren Leuten, die ihnen sehr gut helfen, hat – das Hinausbringen dieses Volkes hier. Genau dasselbe hat bei 40° Kälte in Polen stattgefunden, wo wir Tausende und Zehntausende und Hunderttausende wegtransportieren mußten,...« (Dokument 1918-PS.)

Und weiter:

»Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird... Wenn mir einer kommt und sagt: ›Ich kann mit den Kindern oder den Frauen den Panzergraben nicht bauen. Das ist unmenschlich, denn dann sterben die daran‹, – dann muß ich sagen: ›Du bist ein Mörder an Deinem eigenen Blut, denn, wenn der Panzergraben nicht gebaut Wird, dann sterben deutsche Soldaten, und das sind Söhne deutscher Mütter‹...

Wir müssen uns auch darüber klar sein, daß wir 6 bis 7 Millionen Ausländer in Deutschland haben. Vielleicht sind es jetzt sogar 8 Millionen. Wir haben Gefangene in Deutschland. Die sind alle nicht gefährlich, solange wir bei der kleinsten Kleinigkeit hart zuschlagen.« (Dokument 1919-PS.)

Im August 1943 war das Bedürfnis für Arbeiter sogar noch größer geworden. Himmler ordnete an,

»... daß die einsatzfähigen jungen Gefangenen weiblichen Geschlechts über die Dienststelle des Reichskommissars Sauckel nach Deutschland in Arbeit zu vermitteln sind, Kinder, alte Frauen und alte Männer sind in... Frauen- und Kinderlagern auf Gütern zu sammeln und zur Arbeit einzusetzen.« (Dokument 744-PS.)

Die an die in der Ukraine tätigen Gruppenführer des SD erteilten Befehle zeigten dieselbe Dringlichkeit.

»Die Tätigkeit der Arbeitsbehörden...« ist »... weitgehendst zu unterstützen. Dabei wird es nicht immer ohne Zwangsmittel abgehen... Bei der Überholung von Dörfern bzw. notwendig werdenden Niederbrennung eines Dorfes wird die gesamte Bevölkerung dem Beauftragten zwangsweise zur Verfügung gestellt. Grundsätzlich werden keine Kinder mehr erschossen... Wenn wir also unsere harten [550] sicherheitspolizeilichen Maßnahmen vorübergehend einschränken, so geschieht dies nur aus folgendem Grund. Das Wichtigste ist die Arbeiterbeschaffung.« (Dokument 3012-PS.)

Speer hat zugegeben – wie könnte er es auch leugnen? –, daß er Kenntnis von der Art und Weise hatte, in welcher die Arbeiter angeworben und gegen ihren Willen nach Deutschland gebracht wurden. Hier liegt auch Kaltenbrunners Brief an seinen Freund Blaschke vor:

»Aus... besonderen Gründen habe ich inzwischen angeordnet einige Evakuierungstransporte nach Wien... zu leiten. Es handelt sich zunächst um 4 Transporte mit etwa 12000 Juden, die bereits in den nächsten Tagen in Wien eintreffen.... Die nichtarbeitsfähigen Frauen und Kinder dieser Juden, die sämtlich für eine Sonderaktion bereitgehalten und deshalb eines Tages wieder abgezogen werden, müssen auch tagsüber in dem bewachten Lager verbleiben.« (Dokument 3803-PS.)

Hier wieder die finstere Redewendung: »Sonderbehandlung«, »Sonderaktion«, deren Bedeutung sie alle so gut kannten. Mord bleibt Mord, mit welcher Beschönigung die Mörder ihn auch zu umschreiben versuchen.

Das Bedürfnis nach Arbeitern wurde so dringend, daß nicht nur sogar Juden von den Gaskammern verschont wurden, solange sie arbeitsfähig waren, sondern auch Kinder erfaßt und zum Arbeiten gezwungen wurden.

Soviel über ihre Verschickung nach Deutschland. Was war nun ihr Schicksal bei ihrer Ankunft? Schon im März 1941 wurden den Kreisbauernverbänden Instruktionen über die Behandlung von polnischen Landarbeitern erteilt. (Dokument EC-68.) Sie sollten kein Beschwerderecht haben. Es war ihnen verboten – diesen religiösen Menschen – Kirchen zu besuchen; jede Art von Unterhaltung und die öffentlichen Verkehrsmittel waren ihnen versagt. Ihre Arbeitgeber erhielten das Recht, Prügelstrafen zu verhängen und waren »in keiner Weise irgendeiner offiziellen Stelle verantwortlich«. Und als letztes wurde befohlen:

»Die Landarbeiter polnischen Volkstums sollen nach Möglichkeit aus der Hausgemeinschaft entfernt werden und können in Stallungen usw. untergebracht werden. Irgendwelche Hemmungen dür fen dabei nicht hindernd im Wege stehen.«

Die Behandlung der Industriearbeiter war noch schlimmer. Sie werden sich an die eidesstattliche Versicherung des polnischen Arztes in Essen erinnern, der sein möglichstes tat, um die russischen Kriegsgefangenen zu behandeln:

»... Menschen zusammengewürfelt untergebracht, dazu in einer katastrophalen Art, so daß keine sanitäre Behandlung [551] möglich war... und es erschien mir als Arzt menschenunwürdig, in welcher Lage die Leute sich befanden... Täglich wurden mir bis zu 10 Personen vorgeführt, die den Körper mit blauen Flecken überdeckt hatten auf Grund des dauernden Schlagens mit Gummischläuchen, Stahlruten oder Stöcken. Die Leute wälzten sich oft vor Schmerzen, ohne daß ich die Möglichkeit hatte, auch nur eine kleine medizinische Hilfe den Leuten zuteil werden zu lassen... Es war für mich schwer mitanzusehen, wie man solche schwerleidenden Menschen zu den schweren Arbeiten heranziehen konnte... Oft lagen Tote zwei bis drei Tage auf ihren Strohsäcken, bis ihre Körper derart gestunken haben, daß Mitgefangene sie nach draußen brachten und irgendwo an einer Stelle verscharrten... Ich war auch Zeuge bei einer Unterhaltung mit russischen Frauen, welche mir persönlich erzählten, daß sie in den Kruppschen Betrieben arbeiteten und daß sie täglich auf barbarische Weise geschlagen würden.... Schlagen war an der Tagesordnung.« (Dokument D-313.)

Gegen Ende des Jahres 1943 arbeiteten mehr als fünf Millionen Männer, Frauen und Kinder im Reich, und wenn wir Kriegsgefangene dazurechnen, war die Gesamtzahl der zu jener Zeit in Deutschland Arbeiteraden knapp unter sieben Millionen. (Dokument D-524.) Hierzu kommen die Hunderttausende, welche während des Jahres 1944 nach Deutschland verbracht wurden-Millionen Männer und Frauen, auf brutalste Art und Weise aus ihren Heimen herausgeholt, in jeder Witterung in Viehwagen aus allen Teilen Europas herantransportiert, im ganzen Reich auf Bauernhöfen und in Fabriken beschäftigt, häufig unter abscheulichen Bedingungen; die Kinder wurden ihren Eltern weggenommen, viele wurden zu Waisen gemacht und in Unkenntnis gelassen über ihre Identität oder ihren richtigen Namen; weggeführt, bevor sie alt genug waren, um sich an den Ort zu erinnern, aus dem sie stammten. Was ist das, dieses Verbrechen? Nicht ein einziger auf dieser Anklagebank kann die Kenntnis davon oder seine Beihilfe dazu ableugnen. Die Protokolle der Zentralen Planung müssen in jeder staatlichen Behörde gelesen worden sein. Sie haben die Masse des Beweismaterials gesehen, das die militärischen Führer und jeden anderen Verwaltungszweig mit diesem kolossalen Versklavungsprogramm in Verbindung bringt. Keiner dieser Männer kann von diesem Verbrechen freigesprochen werden; keinem von ihnen kann das Ausmaß und die Brutalität, womit es ausgeführt wurde, unbekannt gewesen sein.

Ich gehe nun zu einer Angelegenheit über, die damit im Zusammenhang steht, aber noch entsetzlicher ist: der allgemeinen Art und Weise, in der die Angeklagten die Besetzung der von ihnen überrannten Gebiete durchführten.

[552] Das Beweismaterial dafür, daß diese Gebiete der Schauplatz für Mord, Sklaverei, Terror und Plünderung in einem Ausmaß waren, das keinen Präzedenzfall in der Geschichte kennt, und die Verletzung der elementarsten Regeln über die Besatzung ist nicht ernstlich bestritten worden. Diese Verbrechen kamen keineswegs nur sporadisch oder vereinzelt vor, je nach dem Sadismus eines Koch hier oder der Grausamkeit eines Frank dort. Sie waren ein wesentlicher Bestandteil eines vorsätzlichen und systematischen Plans, für den ihre Handlungsweise in der Frage der Zwangsarbeiter nur symptomatisch war. Um das »Tausendjährige Reich« zu begründen, begannen sie mit der Ausrottung oder der dauernden Schwächung der rassischen und völkischen Gruppen Europas oder jener Schichten, wie zum Beispiel der Intelligenz, von denen das Überleben jener Gruppen in großem Maße abhängig war.

Der Ursprung dieses fürchterlichen Anschlags auf das Dasein freier und alter Völker geht auf die gesamte Lehre der Nazis vom Totalen Krieg zurück, die den Krieg ablehnte, der nur gegen die Staaten und deren Heere gerichtet war, wie vom Völkerrecht vorgeschrieben. Der Totale Krieg der Nazis war auch ein Krieg gegen die Zivilbevölkerungen, gegen ganze Völker. Nach Abschluß des Polenfeldzugs sagte Hitler zu Keitel:

»Klugheit und Härte in diesem Volkstumskampf müssen es uns ersparen, dieses Landes wegen noch einmal auf das Schlachtfeld zu müssen.« (Dokument 864-PS.)

Die Ziele der Rassenausrottung wurden von Hitler in seiner Unterredung mit Hermann Rauschning folgendermaßen formuliert:

»Nach dem Kriege beklagten sich die Franzosen darüber, daß es zwanzig Millionen Deutsche zu viel gäbe. Wir nehmen die Behauptung auf. Wir begünstigen die planmäßige Leitung von Bevölkerungsbewegungen. Unsere Freunde werden uns jedoch verzeihen müssen, wenn wir die zwanzig Millionen von anderswo abziehen. Nach all diesen Jahrhunderten von Gewinsel über den Schutz der Armen und Niedrigen ist es an der Zeit, den Entschluß zu fassen, den Starken gegen den Niedrigen zu schützen. Es wird für alle Zeiten eine der wichtigsten Aufgaben deutscher Staatskunst sein, durch jedes in unserer Macht liegende Mittel eine Zunahme der slawischen Völker zu verhüten. Die natürlichen Instinkte gebieten allen Lebewesen, ihre Feinde nicht bloß zu besiegen, sondern auch zu vernichten. In früheren Zeiten war es Vorrecht des Siegers, ganze Stämme, ganze Völker auszurotten. Dadurch, daß wir dies allmählich und ohne Blutvergießen tun, beweisen wir unsere Menschlichkeit.« (Dokument USSR-378.)

[553] Himmlers Vision war ähnlich, ich zitiere:

»Für uns bedeutet das Ende dieses Krieges den freien Weg nach dem Osten, die Schaffung des Germanischen Reiches und auf diese oder jene Art... das Hereinholen von 30 Millionen Menschen unseres Blutes, sodaß wir noch zu unseren Lebzeiten ein Volk von 120 Millionen Germanen werden. Das bedeutet, daß wir dann an den Frieden herangehen können, in dem wir für die ersten 20 Jahre willens sind, unsere Dörfer und Städte wieder aufzubauen und aufzulockern und die deutschen Volkstumsgrenzen um 500 Kilometer nach Osten hinauszuschieben.« (Dokument L-70.)

Ihre Ziele gingen über die reine Germanisierung, die Oktroyierung des deutschen Kultursystems auf andere Völker hinaus. Hitler war entschlossen, Nichtdeutsche von dem Grund und Boden zu vertreiben, den er benötigte, sie aber besaßen, und ihn mit Deutschen zu besiedeln. Dies ist vollkommen klar in »Mein Kampf« ausgedrückt.

Ich zitiere:

»Die von so vielen geforderte Polenpolitik im Sinne einer Germanisation des Ostens fußte leider fast immer auf dem gleichen Trugschluß. Auch hier glaubte man, eine Germanisation des polnischen Elements durch eine rein sprachliche Eindeutschung desselben herbeiführen zu können. Auch hier wäre das Ergebnis ein unseliges geworden: ein fremdrassiges Volk, in deutscher Sprache seine fremden Gedanken ausdrückend, die Höhe und Würde unseres eigenen Volkstums durch seine eigene Minderwertigkeit kompromittierend.« (Dokument US-256, Seite 429, 430.)

Himmler hat es noch klarer zum Ausdruck gebracht:

»Unsere Aufgabe ist es, den Osten nicht im alten Sinne zu germanisieren, das heißt, den dort wohnenden Menschen deutsche Sprache und deutsche Gesetze beizubringen, sondern dafür zu sorgen, daß im Osten nur Menschen wirklich deutschen, germanischen Blutes wohnen.« (Dokument 2915-PS.)

Die Angeklagten haben ihre wahren Ziele sehr sorgfältig vor ihren Opfern verheimlicht. Ein erbeuteter Bericht vom Januar 1940 besagt:

»Zur Entlastung des Wohnraumes der Polen sowohl im Generalgouvernement als auch im befreiten Osten sollte man billige Arbeitskräfte zu vielen Hunderttausenden auf Zeit herausnehmen, sie für einige Jahre im Altreich ansetzen und sie damit zugleich aus ihrem heimatlichen biologischen Wachstumsprozeß ausschalten.«

[554] Und schließt:

»Es ist strengstens darauf zu achten, daß geheime Zirkulare, Denkschriften und Dienstkorrespondenzen, die polenschädigende Anweisung enthalten, unter dauerndem Verschluß gehalten werden, damit sie nicht eines Tages in Paris oder USA gedruckte Weißbücher füllen.« (Dokument 661-PS.)

Ferner am Tage vor der Ernennung Rosenbergs zum Ostminister sagte Hitler zu ihm in Gegenwart von Keitel, Göring und Bormann, ich zitiere:

»Wir müßten hier genau so vorgehen wie in den Fällen von Norwegen, Dänemark, Holland und Belgien. Auch in diesen Fällen hätten wir nichts über Aussichten gesagt, und wir würden dies auch weiterhin klugerweise nicht tun. Wir werden also wieder betonen, daß wir gezwungen waren, ein Gebiet zu besetzen, zu ordnen und zu sichern; im Interesse der Landeseinwohner müßten wir für Ruhe, Ernährung, Verkehr usw. sorgen; deshalb unsere Regelung. Es soll also nicht erkennbar sein, daß sich damit eine endgültige Regelung anbahnt! Alle notwendigen Maßnahmen, Erschießen, Aussiedeln etc. – tun wir trotzdem und können wir trotzdem tun.« (Dokument L-221.)

Nachdem er seinen Spießgesellen diese Worte der Vorsicht eingeprägt hatte, fuhr – wie Sie sich erinnern werden – Hitler fort, seine Pläne zur Vernichtung des Sowjetvolkes zu unterbreiten. Die Krim, sagte er, müsse von allen Fremden geräumt und nur mit Deutschen besiedelt werden.

»Grundsätzlich kommt es also darauf an, den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können.« (Dokument L-221.)

Ein Beispiel für diese Methode war der berüchtigte Plan Neuraths und Franks für Böhmen und Mähren – desselben Neurath, dessen Verteidiger Sie vorgestern bat, die Heiligkeit der Person zu respektieren.

Ein Beispiel für diese Methode, ich wiederhole, sieht man in ihrem Plan für Böhmen und Mähren. Kein fürchterlicheres Dokument wurde in dieser Verhandlung als Beweismaterial vorgelegt, und keines, welches die Falschheit des Schlagwortes »Lebensraum«, das als Vorwand für den Raub der Tschechoslowakei diente, stärker enthüllte. Dieser Plan fordert die Vernichtung der Intelligenz, der Träger der tschechoslowakischen Geschichte und Tradition; und da die langfristige Lösung der vollständigen Ausweisung aller Tschechen aus dem Lande und deren Ersetzung durch Deutsche infolge des Mangels an Deutschen nicht sofort in die Tat umgesetzt [555] werden konnte, wurde die kurzfristige Lösung der Germanisierung des Restes der Bevölkerung gefunden. Dies geschah dadurch, daß ihre Sprache nur als Dialekt behandelt wurde, ferner durch Abschaffung einer höheren Bildung, durch Einführung einer strengen Heiratspolitik nach vorheriger rassischer Prüfung. Sie werden sich an Franks Zusammenfassung erinnern – ich zitiere:

»Neben ständiger Werbung für das Deutschtum und Gewährung von Vorteilen als Anreiz, schärfste Polizeimethoden mit Landesverweisung und Sonderbehandlung gegen alle Saboteure. Grundsatz: ›Zuckerbrot und Peitsche‹.« (Dokument 3859-PS.)

Sie werden sich auch an den in Hitlers Zug am 12. September 1939 von Ribbentrop, Keitel und Jodl besprochenen Plan für Polen erinnern, wie er in der Aussage des Zeugen Lahousen beschrieben ist, und an die Unterhaltung zwischen Hitler, Schirach und Frank, drei Wochen später, nach dem Abendessen in des Führers Wohnung:

»... es dürfe für die Polen nur einen Herrn geben, und das sei der Deutsche; zwei Herren nebeneinander könne es nicht geben und dürfe es nicht geben, daher seien alle Vertreter der polnischen Intelligenz umzubringen. Dies klinge hart, aber es sei nun einmal das Lebensgesetz.« (Dokument USSR- 172.)

Solcher Art waren die Pläne für die Sowjetunion, für Polen und für die Tschechoslowakei. Der Völkermord beschränkte sich nicht auf die Ausrottung des jüdischen Volkes oder der Zigeuner. Er fand in verschiedenen Formen auch Anwendung in Jugoslawien, bei den nichtdeutschen Bewohnern von Elsaß-Lothringen und bei den Völkern der Niederlande und von Norwegen. Die Methode wechselte von Nation zu Nation, von Volk zu Volk. Das langfristige Endziel war in allen Fällen das gleiche.

Die Methoden folgten alle einem ähnlichen Muster: Zuerst ein vorsätzliches Programm des Mordes, der völligen Vernichtung. Dies war die bei der polnischen Intelligenz, bei den Zigeunern und bei den Juden angewandte Methode. Das Umbringen von Millionen, selbst mit Hilfe der Gaskammern und der Massenerschießungen war keine leichte Sache. Die Angeklagten und ihre Spießgesellen benutzten auch Methoden der langsamen Vernichtung; bevorzugt war das Umbringen der Opfer durch Arbeit; daher auch Himmlers Übereinkommen mit dem Justizminister im September 1942, nach dem antisoziale Elemente der SS ausgeliefert wurden, um durch Arbeit umgebracht zu werden (Dokument 654-PS). Am 14. desselben Monats empfahl Goebbels diese Methode mit den Worten:

»Hinsichtlich der Vernichtung asozialen Lebens steht Dr. Goebbels auf dem Standpunkt, daß Juden und Zigeuner [556] schlechthin, Polen, die etwa 3-4 Jahre Zuchthaus zu verbüßen hätten, Tschechen und Deutsche, die zum Tode, lebenslangem Zuchthaus oder Sicherungsverwahrung verurteilt wären, vernichtet werden sollen. Der Gedanke der Vernichtung durch Arbeit sei der beste.« (Dokument 682-PS.)

Eine andere beliebte Vernichtungstechnik war das Verhungernlassen. Rosenberg, der große Baumeister an dieser Politik des Volksmordes, sagte zu seinen Mitarbeitern im Juni 1941:

»Die deutsche Volksernährung steht in diesen Jahren zweifellos an der Spitze der deutschen Forderungen im Osten, und hier werden die Südgebiete und Nordkaukasien einen Ausgleich für die deutsche Volksernährung zu schaffen haben. Wir sehen durchaus nicht die Verpflichtung ein, aus diesen Überschußgebieten das russische Volk mit zu ernähren. Wir wissen, daß das eine harte Notwendigkeit ist, die außerhalb jeden Gefühles steht. Zweifellos wird eine sehr umfangreiche Evakuierung notwendig sein, und dem Russentum werden sicher sehr schwere Jahre bevorstehen.« (Dokument 1058-PS.)

Die im Elsaß angewandte Methode war die Deportation. Ein erbeuteter Bericht lautet:

»Die erste Ausweisungsaktion wurde im Elsaß in der Zeit vom Juli bis Dezember 1940 durchgeführt und von ihr 105000 Personen ausgewiesen bzw. an der Rückkehr verhindert. Es waren dies hauptsächlich Juden, Zigeuner und andere Fremdrassige, Verbrecher, Asoziale und unheilbare Geisteskranke, ferner Franzosen und Frankophile. Die Patois-Bevölkerung wurde von dieser Aussiedlungswelle in der gleichen Weise wie die übrigen Elsässer durchgekämmt.« (Dokument RF-753.)

Der Bericht fährt dann fort, daß neue Deportationen in Vorbereitung seien, und faßt nach Aufzählung der betroffenen Klassen die zu treffenden Maßnahmen zusammen:

»... ist zu bemerken, daß das rassische Problem in den Vordergrund gestellt worden ist, und zwar in der Weise, daß rassisch wertvolle Personen in das Altreich und rassisch minderwertige nach Frankreich ausgesiedelt werden sollen.« (Dokument RF-753.)

Die Nazis wendeten auch verschiedene sogenannte biologische Methoden zum Völkermord an. Sie verminderten geflissentlich die Geburtsziffern in den besetzten Gebieten durch Sterilisation, Kastration und Abtreibung, durch Trennung von Ehemann und Ehefrau, von Mann und Frau durch Behinderung der Eheschließung.

Ich zitiere:

»Wir müssen entvölkern« – sagte Hitler zu Rauschning – »als Bestandteil unserer Aufgabe, die deutsche Bevölkerung [557] zu erhalten. Wir werden eine Technik der Entvölkerung entwickeln müssen. Wenn Sie mich fragen, was ich unter Entvölkerung verstehe, so meine ich die Entfernung ganzer Rasseeinheiten. Und das ist es, was ich auszuführen gedenke – das ist, allgemein gesprochen, meine Aufgabe. Die Natur ist grausam, also müssen wir es auch sein. Wenn ich die Blüte des deutschen Volkes in die Hölle des Krieges ohne das geringste Mitleid für das Vergießen kostbaren deutschen Blutes schicken kann, so habe ich gewiß das Recht, Millionen einer sich wie Ungeziefer vermehrenden niedrigeren Rasse zu vernichten.« (Dokument USSR-378.)

Sie haben gesehen, wie Neurath diese biologischen Methoden für seinen Plan für die Tschechoslowakei verwandte. Hören Sie Bormanns Weisungen für die Ostgebiete, zusammengefaßt von einem von Rosenbergs Untergebenen.

Ich zitiere:

»Die Slawen sollen für uns arbeiten. Soweit wir sie nicht brauchen, mögen sie sterben. Impfzwang und deutsche Gesundheitsfürsorge sind daher überflüssig. Die slavische Fruchtbarkeit ist unerwünscht. Sie mögen Präservative benutzen oder abtreiben, je mehr desto besser. Bildung ist gefährlich. Es genügt, wenn sie bis 100 zählen können. Höchstens die Bildung, die uns brauchbare Handlanger schafft, ist zulässig.« (Dokument R-36.)

Ebenso läßt sich Himmler vernehmen:

»... ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und zu sonst niemandem. Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Volker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur so weit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht.« (Dokument 1919-PS.)

Das Gegenstück zu den Maßnahmen zur Verminderung der Geburtenziffer in den besetzten Gebieten war die künstliche Erhöhung der Geburtenziffer in Deutschland. Im Februar 1941 organisierte der Angeklagte Seyß-Inquart ein System zur Verheiratung holländischer Mädchen an deutsche Soldaten. Unter Verletzung des Artikels 43 der Haager Konvention befahl er Änderungen der niederländischen Gesetze, damit er elterliche und vormundschaftliche Rechte über Mädchen übernehmen konnte, um sich dadurch [558] selbst an die Stelle der Eltern zu setzen, falls diese ihren Töchtern die Erlaubnis verweigerten, deutsche Soldaten zu heiraten.

Dieses Verfahren von Seyß-Inquart wurde später durch die höchsten Stellen des Deutschen Reiches, Hitler, Keitel und Lammers, am 28. Juli 1942 gebilligt. Es erging eine Verordnung zur Gewährung von Unterstützung und Arbeitsvorrechten für holländische und norwegische Frauen, die Angehörigen der deutschen Wehrmacht Kinder gebären. Und sie haben jetzt die Unverschämtheit, über die Unantastbarkeit des Individuums zu sprechen!

Es war einfach ein Plan, die biologischen Hilfsquellen Hollands und Norwegens für das deutsche Volk dienstbar zu machen, als ob sie irgendeine Handelsware seien. Himmler war einer der Befürworter des Kinderraubs, als er am 14. Oktober 1943 sagte:

»Es ist ganz klar, daß es in diesem Gemisch von Völkern immer wieder einige rassisch sehr gute Typen geben wird. Hier haben wir, glaube ich, die Aufgabe, deren Kinder zu uns zu nehmen, sie aus der Umgebung herauszunehmen, und wenn wir sie rauben oder stehlen müßten... Entweder wir gewinnen das gute Blut, das wir verwerten können und ordnen es bei uns ein, oder... wir vernichten dieses Blut.« (Dokument L-70.)

Im Falle Rußland ebnete Keitel durch seinen Befehl vom 13. Mai und 23. Juli 1941 (Dokumente C-50 und C-52) den Weg, nachdem er das Schlagwort »Schlauheit und Strenge« als Grundsatz für die Ausbeutung Polens gelernt hatte. Ich zitiere aus dem letzteren, der von Jodl nach seinem eigenen Eingeständnis entworfen war:

»Die zur Sicherung der besetzten Ostgebiete zur Verfügung stehenden Truppen reichen bei der Weite dieser Räume nur dann aus, wenn alle Widerstände nicht durch die juristische Bestrafung der Schuldigen geahndet werden, sondern wenn die Besatzungsmacht denjenigen Schrecken verbreitet, der allein geeignet ist, der Bevölkerung jede Lust zur Widersetzlichkeit zu nehmen... Nicht in der Anforderung weiterer Sicherungskräfte, sondern in der Anwendung entsprechender drakonischer Maßnahmen müssen die Befehlshaber das Mittel finden, um ihre Sicherungsräume in Ordnung zu halten.« (Dokument C-52.)

Die unmittelbaren Bedürfnisse der Kriegsmaschine retteten zweifellos die westlichen Gebiete vor einer ähnlichen Zerstörung. Doch besitzt der Gerichtshof hinreichende Beweise für die Plünderung Frankreichs, der Niederlande und der sonstigen Gebiete, die diese Männer soweit wie überhaupt nur irgend möglich ausbeuteten. Angesichts ihrer mörderischen Politik ist es nicht überraschend, daß die von den Angeklagten mit der Durchführung [559] Beauftragten Rohlinge waren. In Rosenbergs Amtsbereich zum Beispiel war es Koch, der von Rosenberg für den Posten des Kommissars in Moskau ganz ausschließlich auf Grund einer »völligen Rücksichtslosigkeit« empfohlen worden war. Koch war es, der die Abschlachtungen mehrerer hundert völlig unschuldiger Menschen im Waldgebiet von Zuman veranlaßte, um einen privaten Jagdbezirk zu haben. Ein anderer von Rosenbergs ausführenden Organen war Kube, der schrieb:

»... haben wir in Weißruthenien in den letzten 10 Wochen rund 55000 Juden liquidiert. Im Gebiet Minsk-Land ist das Judentum völlig ausgemerzt, ohne daß der Arbeitseinsatz dadurch gefährdet worden ist. In dem überwiegend polnischen Gebiet Lida sind 16000 Juden, in Slonim 8000 Juden usw. liquidiert worden.« (Dokument 3428-PS.)

In Bezug auf Polen wurden Frank folgende Befehle gegeben:

»Rücksichtslose Ausschlachtung... Drosselung der gesamten Wirtschaft Polens auf das für die notdürftigste Lebenshaltung der Bevölkerung unbedingt notwendige Minimum.... ›Die Polen werden die Sklaven des Großdeutschen Weltreiches werden‹.« (Dokument EC-344.)

Und wir wissen, wie er diese ausführte. Im Januar 1940 macht er folgende Aufzeichnung:

»Billige Arbeitskräfte müssen zu Hunderttausenden aus dem Generalgouvernement weggeschafft werden. Das wird die biologische Fortpflanzung der Einwohner hemmen.« (Dokument 2233-PS.)

Im Mai sagte er:

»... indem wir uns die Konzentrierung des Welt- Interesses auf die Westfront zunutze machen und Tausende von Polen liquidieren, und zwar zuerst die Führer der polnischen Intelligenz.« (Dokument 2233-PS.)

Und im Dezember:

»Die Polen müssen merken, daß sie nur eine Pflicht haben: zu arbeiten und zu gehorchen. Alle Maßnahmen müssen wir erbarmungslos durchführen. Verlassen Sie sich auf mich.« (Dokument 2233-PS.)

Wir, die wir versuchen, die Probleme Osteuropas zu verstehen, müssen versuchen, uns folgendes klar zu machen:

Die Einzelheiten von Polens Märtyrertum spotten der Beschreibung: Ein Drittel der Bevölkerung ermordet; Millionen in völliger Verarmung zurückgelassen, krank, verstümmelt und hilflos. Die Befreiung erfolgte gerade noch rechtzeitig, um dieses alte Volk vor [560] der Ausführung des entsetzlichen Plans zu retten, den diese Männer ausgeheckt hatten.

Wäre es Ihnen jetzt recht, wenn...

VORSITZENDER: Natürlich.


[Pause von 10 Minuten.]


SIR HARTLEY SHAWCROSS: Nun gibt es eine Gruppe, auf welche die Methode der Vernichtung in einem Maßstab von solcher Ungeheuerlichkeit angewandt wurde, daß es meine Pflicht ist, besonders auf das Beweismaterial einzugehen. Ich meine die Ausrottung der Juden. Hätten die Angeklagten kein anderes Verbrechen begangen, dieses eine allein, in das alle verwickelt sind, würde genügen. Die Geschichte kennt keine Parallele zu diesen Schrecken.

Sobald die Möglichkeit eines zweiten Weltkrieges zur Gewißheit wurde, begann Streicher, der diese infame Lehre schon 1925 gepredigt hatte, die Ausrottung in allem Ernst zu befürworten. Genau so wie er nach seinem eigenen Eingeständnis jahrelang durch die Propaganda für Rassengesetze für das Zustande kommen der Nürnberger Gesetze maßgebend gewesen ist, so fing er nun im Januar 1939 in Vorahnung des zu erwartenden Krieges an, in Artikeln im »Stürmer«, die »mit Unterstützung höchster Reichsstellen« veröffentlicht waren (Streicher-Exhibit 21), mit allem Nachdruck die physische Vernichtung der jüdischen Rasse zu fordern. Wenn Worte nicht völlig ihre Bedeutung verloren haben, was sollen diese Worte denn bedeuten, wenn nicht Mord?

»Sie müssen ausgerottet werden mit Stumpf und Stiel.« (Dokument D-811, GB-333.)

»Dann wird das jüdische Verbrechervolk ausgelöscht für immer.« (Dokument D-813, GB-335.)

»Dann werden sie die Juden in Massen erschlagen.« (Dokument D-817, GB-340.)

»Ein Grab zu bereiten, aus dem es keine Auferstehung mehr geben kann.« (Dokument M-148, GB-341.)

Beinahe unmittelbar nach Kriegsbeginn fing die organisierte Ausrottung der jüdischen Rasse an. Höß hat Ihnen erzählt:

»Die ›Endlösung‹ der jüdischen Frage bedeutete die vollständige Ausrottung aller Juden in Europa. Ich hatte den Befehl, Ausrottungserleichterungen in Auschwitz im Juni 1941 zu schaffen. Zu jener Zeit bestanden schon drei weitere Vernichtungslager im Generalgouvernement: Belzek, Treblinka und Wolzek.«

[561] Schon waren die Juden in Deutschland und Polen in den Ghettos des Generalgouvernements zusammengefaßt. Bei Tisch in der Wohnung des Führers erklärte Frank im Oktober 1940 – ich zitiere:

»... die Tätigkeit im Generalgouvernement könne als durchaus erfolgreich bezeichnet werden. Die Juden in Warschau und anderen Städten seien jetzt in Ghettos abgeschlossen, Krakau werde in ganz kurzer Zeit judenrein sein. Reichsleiter von Schirach... warf ein, er habe in Wien noch über 50000 Juden, die Dr. Frank ihm abnehmen müsse.« (Dokument USSR-172.)

Als der Befehl tatsächlich herauskam, waren die vorbereitenden Maßnahmen, soweit sie Polen und Deutschland betrafen, schon getroffen. Von der Zerstörung der Ghettos und der Abschlachtung ihrer Einwohner redet General Stroops Bericht über die Warschauer Aktion eine beredte Sprache (Dokument 1061-PS). Das Geschick der Juden in Warschau war aber nur ein typisches Beispiel des Geschickes der Juden in jedem anderen Ghetto in Polen.

Wenn sie nicht in den Ghettos selbst abgeschlachtet wurden, so wurden sie in die Gaskammern verfrachtet. Höß, der Kommandant von Auschwitz, beschrieb das Verfahren:

»Ich besuchte Treblinka, um festzustellen, wie die Vernichtungen ausgeführt wurden. Der Lagerkommandant von Treblinka sagte mir, daß er 80000 im Laufe eines halben Jahres liquidiert hätte. Er hatte hauptsächlich mit der Liquidierung aller Juden aus dem Warschauer Ghetto zu tun.«

Höß beschreibt die Verbesserungen, die er in Auschwitz vornahm. Er führte das neue Gas, Zyclon B, ein, welches – ich zitiere:

»Es dauerte 3 bis 15 Minuten, je nach den klimatischen Verhältnissen, um die Menschen in der Todeskammer zu töten. Wir wußten, wann die Menschen tot waren, weil ihr Schreien aufhörte...

Eine andere Verbesserung gegenüber Treblinka war, daß wir Gaskammern bauten, die 2000 Menschen auf einmal fassen konnten, während die 10 Gaskammern in Treblinka nur je 200 Menschen faßten.«

Er beschreibt dann die Auswahl der Opfer von den täglich eintreffenden Transporten:

»Diejenigen, die zur Arbeit taugten, wurden ins Lager geschickt... Kinder im zarten Alter wurden unterschiedslos vernichtet, da sie auf Grund ihrer Jugend unfähig waren zu arbeiten. Noch eine andere Verbesserung, die wir gegenüber Treblinka machten, war diejenige, daß in Treblinka die Opfer[562] fast immer wußten, daß sie vernichtet werden sollten, während in Auschwitz wir uns bemühten, die Opfer zum Narren zu halten, indem sie glaubten, daß sie ein Entlausungsverfahren durchzumachen hätten. Natürlich erkannten sie auch häufig unsere wahren Absichten... Sehr häufig wollten Frauen ihre Kinder unter den Kleidern verbergen, aber wenn wir sie fanden, wurden die Kinder natürlich zur Vernichtung hineingesandt. Wir sollten diese Vernichtung im Geheimen ausführen, aber der faule und Übelkeit erregende Gestank, der von der ununterbrochenen Körperverbrennung ausging, durchdrang die ganze Gegend, und alle Leute, die in den umliegenden Gemeinden lebten, wußten, daß in Auschwitz Vernichtungen im Gange waren.«

Gleichermaßen muß man davon gewußt haben in den Bezirken in der Nachbarschaft von Belzek, Treblinka, Wolzek, Mauthausen, Sachsenhausen, Flossenbürg, Neuengamme, Gusen, Natzweiler, Lublin, Buchenwald und Dachau.

Ich wiederhole diese Dinge nicht, um das Blut erstarren zu machen. Immerhin ist es durchaus angebracht, einige dieser typischen Vorfälle aus der ungeheueren Masse des Beweismaterials, das hier angesammelt ist, herauszuziehen, um diese Dinge in der wahren Perspektive zu sehen und die kumulative Wirkung dessen zu würdigen, was bewiesen worden ist.

Als die deutschen Heere nach Rußland und in die Baltischen Staaten hineinfluteten, folgten die Einsatzkommandos in ihrem Fahrwasser. Ihr entsetzliches Werk war schon im vorausgeplant und vorbereitet. In den Akten, die die Operationen der Einsatzgruppe A beschreiben, findet sich eine Karte der Baltischen Länder mit der Anzahl der in jedem Staate lebenden Juden, die aufgestöbert und umgebracht werden sollten (Dokument 2273-PS). Eine andere Karte zeigt die Ergebnisse der Arbeit jener zwei oder drei Monate – eine Gesamtzahl von 135567 vernichteter Juden. In einem anderen Gericht über ihre Aktionen während des Monats Oktober 1941 heißt es voll Stolz, daß sie ihren Marsch mit den vorrückenden Truppen in die Abschnitte, die ihnen zugeteilt waren, fortsetzten (Dokument L-180).

Diese Aktionen waren nicht allein das Werk der SS und Himmlers.

Sie wurden durchgeführt im Zusammenwirken mit den Armeekommandeuren in voller Kenntnis von Keitel und Jodl und natürlich – weil jeder im Osten kämpfende Soldat davon gewußt haben muß – ebenfalls mit Kenntnis jedes einzelnen Mitgliedes der Regierung und der Kommandeure ihrer Truppen.

»Es handelte sich nun darum« – fährt der Bericht der Einsatzgruppe A fort – »in aller Eile persönlich mit den [563] Armeeführern wie auch mit dem Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes Fühlung aufzunehmen. Von vornherein kann betont werden, daß die Zusammenarbeit mit der Wehrmacht im allgemeinen gut, in Einzelfällen, wie z.B. mit der Panzergruppe 4 unter Generaloberst Höppner, sehr eng, ja fast herzlich war.« (Dokument L-180.)

Die deutschen Generale waren »fast herzlich«, als sie im Blut von Hunderttausenden hilfloser, unschuldiger Männer, Frauen und Kinder wateten. Vielleicht machte ihnen diese Tätigkeit Spaß – in ähnlicher Weise, wie die Mitglieder der Einsatzkommandos selbst ganz augenscheinlich ihren Spaß daran hatten.

»Nicht unerwähnt möge bleiben« – erklärt der Bericht –, »daß die zugeteilten Führer von Waffen-SS und Ordnungspolizei, soweit sie Reservisten sind, erklärt haben, auch später bei Sicherheitspolizei und SD bleiben zu wollen.« (Dokument L-180.)

Immer und immer wieder wird in den Berichten der Einsatzkommandos der Fortschritt und die Zusammenarbeit mit den Heeresstellen hervorgehoben. Nach einer Beschreibung, wie Tausende von litauischen Juden in einem bestimmten Pogrom im Juni unschädlich gemacht worden waren, heißt es:

»Durch Unterrichtung der Wehrmachtsstellen, bei denen für dieses Vorgehen durchweg Verständnis vorhanden war, liefen die Selbstreinigungsaktionen reibungslos ab.« (Dokument L-180.)

Es war auch nicht allein Kordialität und Verständnis, was die Heeresstellen zeigten. In einigen Fällen ergriffen sie selbst die Initiative. Nach Beschreibung der Ermordung von Irrenhausinsassen, die in ihre Hände gefallen waren, fährt der Einsatzkommandobericht fort:

»In einigen Fällen baten Wehrmachtsdienststellen, auch andere Anstalten, die für Quartierzwecke benötigt wurden, in der gleichen Weise zu säubern. Da hier jedoch sicherheits-polizeiliche Belange ein Eingreifen nicht erforderlich machten, wurde den Wehrmachtsstellen anheimgestellt, mit eigenen Kräften die für notwendig erachtetem Maßnahmen zu treffen.« (Dokument L-180.)

Und weiter:

»Das Vorziehen der für Petersburg vorgesehenen Kräfte der Einsatzgruppe A erfolgte gemäß Vereinbarung und auf ausdrücklichen Wunsch der Panzergruppe 4.« (Dokument L-180.)

Wie können Operationen dieser Art, die sich monate- und jahrelang über weite Gebiete ausdehnten und im Zusammenwirken mit [564] der Wehrmacht im Vormarsch und in der von ihr verwalteten Etappe ausgeführt wurden, den Führern in Deutschland unbekannt geblieben sein? Selbst ihre eigenen Kommissare in den besetzten Gebieten erhoben Einspruch. Im Oktober 1941 leitete der Kommissar für Weißruthenien dem Reichskommissar für die Ostgebiete in Riga einen Bericht über die Operationen in seinem Bezirk zu. Aus diesem Bericht läßt sich die Entsetzlichkeit dieser Operationen erahnen. Ich zitiere:

»Abgesehen davon, daß das jüdische Volk, darunter auch die Handwerker, furchtbar roh vor den Augen des weißruthenischen Volkes brutal mißhandelt worden ist, hat man das weißruthenische Volk ebenfalls mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben bearbeitet... Das ganze Bild war überhaupt mehr als grauenvoll... Bei der Erschießung vor der Stadt bin ich nicht zugegen gewesen. Über die Brutalität kann ich daher nichts sagen. Es dürfte aber auch genügen, wenn ich hervorhebe, daß Er schossene längere Zeit nach Zuwerfen der Gräber sich wieder herausgearbeitet haben.« (Dokument 1104-PS.)

Aber Einsprüche dieser Art waren ohne Erfolg. Das Schlachten hielt mit unverminderter Gräßlichkeit an.

Im Februar 1942 heißt es in Heydrichs Tätigkeits-und Lagebericht über die Einsatzkommandos in Sowjetrußland, von dem eine Abschrift an Kaltenbrunner persönlich adressiert war:

»Es wird angestrebt, das Ostland möglichst vollständig von Juden zu säubern... Estland ist bereits judenfrei. In Lettland wurde die Zahl der in Riga verbliebenen 29500 Juden auf 2500 verringert.« (Dokument 3876-PS.)

Im Juni 1943 erhob der Kommissar für Weißruthenien erneut Einspruch. Nach einem Hinweis auf 4500 Feindtote sagt er:

»Die politische Auswirkung dieser Großaktion auf die friedliche Bevölkerung ist infolge der vielen Erschießungen von Frauen und Kindern verheerend.« (Dokument R-135.)

Der Reichskommissar für die Ostgebiete fügte bei Weiterleitung dieses Einspruchs an Rosenberg, den Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, hinzu:

»Daß die Juden sonderbehandelt werden, bedarf keiner weiteren Erörterung. Daß dabei aber Dinge vorgehen, wie sie in dem Bericht des Generalkommissars vom 1. 6. 43 vorgetragen werden, erscheint kaum glaubhaft. Was ist dagegen Katyn? Man stel le sich nur einmal vor, solche Vorkommnisse würden auf der Gegenseite bekannt und dort ausgeschlachtet! Wahrscheinlich würde eine solche Propaganda einfach nur deshalb wirkungslos bleiben, weil Hörer und Leser nicht [565] bereit wären, derselben Glauben zu schenken.« (Dokument R-135.)

Wie richtig ist diese Bemerkung! Sind wir selbst jetzt bereit, ihr Glauben zu schenken?

Bei der Schilderung der Schwierigkeit, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, sagt er:

»Wohl aber ist es möglich, Grausamkeiten zu vermeiden und die Liquidierten zu begraben. Männer, Frauen und Kinder in Scheunen zu sperren und diese anzuzünden, scheint mir selbst dann keine geeignete Methode der Bandenbekämpfung zu sein, wenn man die Bevölkerung ausrotten will. Diese Methode ist der deutschen Sache nicht würdig und tut unserem Ansehen stärksten Abbruch.« (Dokument R-135.)

Von diesen in Weißruthenien ermordeten Juden wurden über 11000 im Bezirk von Libau abgeschlachtet und 7000 von ihnen wurden in diesem Kriegshafen selbst getötet. (Dokumente L-180 und D-841.)

Wie kann irgendeiner der Angeklagten sich auf Unwissenheit in diesen Dingen berufen? Als Himmler ganz offen über diese Aktion vor seinen SS-Generalen und allen Offizieren seiner SS-Divisionen im April 1943 sprach, sagte er zu ihnen:

»Mit dem Antisemitismus ist es genau so wie mit der Entlausung. Es ist keine Weltanschauungsfrage, daß man die Läuse entfernt. Das ist eine Reinlichkeitsangelegenheit. Genau so ist der Antisemitismus für uns keine Weltanschauungsfrage gewesen, sondern eine Reinlichkeitsangelegenheit, die ja jetzt bald ausgestanden ist. Wir sind bald entlaust. Wir haben nur noch 20000 Läuse, dann ist es vorbei damit in ganz Deutschland.« (Dokument 1919-PS.)

Und dann wieder im Oktober desselben Jahres:

»Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen.« (Dokument 1919-PS.)

Inzwischen wurde der Massenmord der Juden in Auschwitz und in anderen Vernichtungszentralen zu einer Staatsindustrie mit vielen Nebenprodukten. Ballen von Haar – darunter solches, wie Sie sich erinnern werden, noch so geflochten, wie es vom Kopf des Mädchens heruntergeschoren war –, Tonnen von Kleidungsstücken, Spielzeug, Brillen und sonstige Gegenstände gingen ins Reich zurück, um die Stühle zu polstern und die Leute im Nazi-Staat zu bekleiden. Das Gold aus den Zähnen ihrer Opfer – 72 volle Ladungen – ging ab, um die Geldschränke von Funks Reichsbank zu füllen. Gelegentlich wurden sogar die Leichen ihrer Opfer [566] benutzt, um die Kriegsknappheit an Seife zu beheben. (Dokument USSR-272.)

Die Opfer kamen von ganz Europa. Juden von Österreich, von der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Holland, Sowjetrußland, Frankreich, Belgien, Polen und Griechenland wurden zusammengetrieben, um in die Vernichtungszentren deportiert oder auf der Stelle abgeschlachtet zu werden.

Im April 1943 drängten Hitler und Ribbentrop den Regenten Horthy zum Vorgehen gegen die Juden in Ungarn. Auf die Frage Horthys,

»... was er denn mit den Juden machen solle, nachdem er ihnen so ziemlich alle Lebensmöglichkeiten entzogen habe – erschlagen könne er sie doch nicht –, erklärte der RAM, daß die Juden entweder vernichtet oder in Konzentrationslager gebracht werden müßten. Eine andere Möglichkeit gäbe es nicht.« (Dokument D-736.)

Hitler erklärte:

»Mit diesen Zuständen habe man in Polen gründlich aufgeräumt. Wenn die Juden dort nicht arbeiten wollten, würden sie erschossen. Wenn sie nicht arbeiten könnten, würden sie verkommen. Sie wären wie Tuberkelbazillen zu behandeln, an denen sich ein gesunder Körper anstecken könne. Das wäre nicht grausam, wenn man bedenke, daß sogar unschuldige Naturgeschöpfe wie Hasen und Rehe getötet werden müßten, damit kein Schaden entstehe.« (Dokument D-736.)

Im September 1942 schrieb Ribbentrops Staatssekretär Luther:

»Der Herr RAM hat mir heute telephonisch die Weisung erteilt, die Evakuierung der Juden aus den verschiedensten Ländern Europas möglichst zu beschleunigen... Nach einem kurzen Vortrag über die im Gange befindliche Judenevakuierung aus der Slowakei, Kroatien, Rumänien und den besetzten Gebieten hat der Herr RAM angeordnet, daß wir nunmehr an die Bulgarische, die Ungarische und die Dänische Regierung mit dem Ziel, die Judenevakuierung aus diesen Ländern in Gang zu setzen, herantreten sollen.« (Dokument 3688-PS.)

Am Ende des Jahres 1944 waren 400000 Juden aus Ungarn allein in Auschwitz hingerichtet. Die Akten in der Deutschen Gesandtschaft in Bukarest enthielten ein Memorandum:

»... werden 110000 Juden aus der Bukowina und aus Bessarabien evakuiert, und zwar in zwei Wälder in der Gegend des Bug... Sinn der Aktion sei die Liquidierung dieser Juden.« (Dokument 3319-PS.)

Jahre hindurch, Tag für Tag, gab es Frauen, die ihre Kinder in ihren Armen hielten und gen Himmel zeigten, während sie darauf [567] warteten, ihren Platz in den blutgetränkten Massengräbern einzunehmen. 12 Millionen Männer, Frauen und Kinder sind auf diese Weise gestorben, kalten Blutes hingemordet; weitere Millionen über Millionen betrauern heute ihre Väter und Mütter, ihre Männer, Frauen und Kinder. Welchen Anspruch auf Gnade hat ein Mensch, der auch nur mittelbar an einem derartigen Verbrechen teilgenommen hat?

Lassen wir nochmals Gräbe über Dubno sprechen:

»Als ich am 5. Oktober 1942 das Baubüro in Dubno besuchte, erzählte mir mein Polier..., daß in der Nähe der Baustelle in drei großen Gruben von je etwa 30 Meter Länge und 3 Meter Tiefe Juden aus Dubno erschossen worden seien. Man hätte täglich etwa 1500 Menschen getötet. Alle vor der Aktion in Dubno noch vorhandenen etwa 5000 Juden sollten liquidiert werden. Da die Erschießungen in seiner Gegenwart stattgefunden hatten, war er noch sehr erregt.

Daraufhin fuhr ich in Begleitung von Mönnikes zur Baustelle und sah in der Nähe der Baustelle große Erdhügel von etwa 30 Meter Länge und etwa 2 Meter Höhe. Vor den Erdhügeln standen einige Lastwagen, von denen Menschen durch bewaffnete ukrainische Miliz unter Aufsicht eines SS-Mannes getrieben wurden. Die Milizleute bildeten die Wache auf den Lastwagen und fuhren mit diesen von und zur Grube. Alle diese Menschen hatten die für die Juden vorgeschriebenen gelben Flecken auf der Vorder- und Rückseite ihrer Kleidung, so daß sie als Juden erkenntlich waren.

Mönnikes und ich gingen direkt zu den Gruben. Wir wurden nicht behindert. Jetzt hörte ich kurz nacheinander Gewehrschüsse hinter einem der Erdhügel. Die von den Lastwagen abgestiegenen Menschen, Männer, Frauen und Kinder jeden Alters, mußten sich auf Aufforderung eines SS-Mannes, der in der Hand eine Reit- oder Hundepeitsche hielt, ausziehen und ihre Kleidung nach Schuhen, Ober- und Unterkleidung getrennt, an bestimmte Stellen ablegen. Ich sah einen Schuhhaufen von schätzungsweise 800 bis 1000 Paar Schuhen, große Stapel mit Wäsche und Kleidern. Ohne Geschrei oder Weinen zogen sich diese Menschen aus, standen in Familiengruppen beisammen, küßten und verabschiedeten sich und warteten auf den Wink eines anderen SS-Mannes, der an der Grube stand und ebenfalls eine Peitsche in der Hand hielt.

Ich habe während einer Viertelstunde, als ich bei den Gruben stand, keine Klagen oder Bitten um Schonung gehört. Ich beobachtete eine Familie von etwa 8 Personen, einen Mann und eine Frau, beide von ungefähr 50 Jahren, mit deren Kindern, so ungefähr 1-, 8- und 10jährig, sowie [568] 2 erwachsene Töchter von 20-24 Jahren. Eine alte Frau mit schneeweißem Haar hielt das einjährige Kind auf dem Arm und sang ihm etwas vor und kitzelte es. Das Kind quietschte vor Vergnügen. Das Ehepaar schaute mit Tränen in den Augen zu. Der Vater hielt an der Hand einen Jungen von etwa 10 Jahren, sprach leise auf ihn ein. Der Junge kämpfte mit den Tränen. Der Vater zeigte mit dem Finger zum Himmel, streichelte ihn über den Kopf und schien ihm etwas zu erklären. Da rief schon der SS-Mann an der Grube seinem Kameraden etwas zu. Dieser teilte ungefähr 20 Personen ab und wies sie an, hinter den Erdhügel zu gehen. Die Familie, von der ich hier sprach, war dabei. Ich entsinne mich noch genau, wie ein Mädchen, schwarzhaarig und schlank, als sie nahe an mir vorbeiging, mit der Hand an sich herunterzeigte und sagte ›23 Jahre‹. Ich ging um den Erdhügel herum und stand vor dem riesigen Grab. Dicht aneinandergepreßt lagen die Menschen so aufeinander, daß nur die Köpfe zu sehen waren. Von fast allen Köpfen rann Blut über die Schultern. Ein Teil der Erschossenen bewegte sich noch. Einige hoben ihre Arme und drehten den Kopf, um zu zeigen, daß sie noch lebten. Die Grube war bereits dreiviertel voll. Nach meiner Schätzung lagen darin bereits ungefähr 1000 Menschen. Ich schaute mich nach den Schützen um. Dieser, ein SS-Mann, saß am Rand der Schmalseite der Grube auf dem Erdboden, ließ die Beine in die Grube herabhängen, hatte auf seinen Knien eine Maschinenpistole liegen und rauchte eine Zigarette. Die vollständig nackten Menschen gingen an einer Treppe, die in die Lehmwand der Grube gegraben war, hinab, rutschten über die Köpfe der Liegenden hinweg bis zu der Stelle, die der SS-Mann anwies. Sie legten sich vor die toten oder angeschossenen Menschen, einige streichelten die noch Lebenden und sprachen leise auf sie ein. Dann hörte ich eine Reihe Schüsse. Ich schau te in die Grube und sah, wie die Körper zuckten oder die Köpfe schon still auf den vor ihnen liegenden Körpern lagen. Von den Nacken rann Blut. Ich wunderte mich, daß ich nicht fortgewiesen wurde, aber ich sah, wie auch zwei oder drei Postbeamte in Uniform in der Nähe standen. Schon kam die nächste Gruppe heran, stieg in die Grube herab, reihte sich an die vorherigen Opfer an und wurde erschossen. Als ich um den Erdhügel zurückging, bemerkte ich wieder einen soeben angekommenen Transport von Menschen. Diesesmal waren Kranke und Gebrechliche dabei. Eine alte, sehr magere Frau, mit fürchterlich dünnen Beinen wurde von einigen anderen, schon nackten Menschen ausgezogen, während 2 Personen sie stützten. Die Frau war anscheinend gelähmt. Die nackten Menschen trugen die Frau [569] um den Erdhügel herum. Ich entfernte mich mit Mönnikes und fuhr mit dem Auto nach Dubno zurück.

Am Morgen des nächsten Tages, als ich wiederum die Baustelle besuchte, sah ich etwa 30 nackte Menschen in der Nähe der Grube, 30-50 Meter von dieser entfernt, liegen. Einige lebten noch, sahen mit stierem Blick vor sich hin und schienen weder die Morgenkälte noch die darumstehenden Arbeiter meiner Firma zu beachten. Ein Mädchen von etwa 20 Jahren sprach mich an und bat um Kleider und um Hilfe zur Flucht. Da vernahmen wir auch schon das Herannahen eines schnell fahrenden Autos und ich bemerkte, daß es ein SS- Kommando war. Ich entfernte mich zu meiner Baustelle. Zehn Minuten später hörten wir einige Schüsse aus der Nähe der Grube. Man hatte die Leichen durch die noch lebenden Juden in die Grube werfen lassen; sie selbst mußten sich daraufhin in diese legen, um den Genickschuß zu erhalten.« (Dokument 2992-PS.)

Noch klarer wird es, daß keinem Manne auf dieser Anklagebank die zur Unterstützung der Nazi-Kriegsmaschine und der Politik des Völkermordens begangenen Schreckenstaten unbekannt geblieben sind, wenn man das Beweismaterial über ein anderes großes Verbrechen berücksichtigt, von dem man in diesem Verfahren wenig gehört hat, welches aber genau so deutlich wie jedes andere die Verworfenheit dieser Männer und ihres Regimes kennzeichnet, die Ermordung von ungefähr 275000 Menschen durch den sogenannten Gnadentod; zu welch gemeinen Handlungen wurde dieses schöne Wort mißbraucht!

Irgendwann im Sommer 1940 erließ Hitler einen Geheimerlaß zur Ermordung kranker und alter Menschen in Deutschland, die für die deutsche Kriegsmaschine nicht mehr von produktivem Nutzen waren. (Dokument 1556-PS, US-716.) Frick war mehr als irgendein anderer in Deutschland für das verantwortlich, was als Folge dieses Erlasses geschah. Daß er und eine große Anzahl anderer Leute in Deutschland davon wußten, dafür existiert eine Fülle von Beweismaterial. Im Juli 1940 schrieb Bischof Wurm an Frick:

»Seit einigen Monaten werden auf Anordnungen des Reichsverteidigungsrats geisteskranke, schwachsinnige oder epileptische Pfleglinge staatlicher u. privater Heilanstalten in eine andere Anstalt verbracht. Die Angehörigen werden, auch wenn die Unterbringung des Pfleglings auf ihre Kosten erfolgt war, erst nachträglich von der Überführung benachrichtigt. Meist erhalten sie wenige Wochen später die Mitteilung, daß der betreffende Pflegling an einer Krankheit erlegen sei und daß aus solchen – polizeilichen Gründen [570] die Einäscherung hätte stattfinden müssen. Nach oberflächlichen Schätzungen dürften es schon mehrere Hundert Anstaltspfleglinge allein aus Württemberg sein, die auf diese Weise den Tod gefunden haben... Durch zahlreiche Anfragen aus Stadt und Land und aus den verschiedensten Kreisen veranlaßt, halte ich es für meine Pflicht, die Reichsregierung darauf aufmerksam zu machen, daß in unserem kleinen Lande diese Sache ganz großes Aufsehen erregt... Die Krankentransporte, die auf dem kleinen Bahnhof Marbach a. L. ausgeladen wurden, die Autobusse mit undurchsichtigen Fenstern, die die Kranken von entfernteren Bahnhöfen oder unmittelbar von den Anstalten bringen, der aus dem Krematorium aufsteigende Bauch, der auch auf größere Entfernung wahrgenommen werden kann-,dies alles erregt die Gemüter um so mehr, als niemand Zutritt zu dem Schloß bekommt...

Jedermann ist überzeugt, daß die amtlich angegebenen Todesursachen willkürlich gewählt sind. Wenn vollends in der Todesanzeige bedauert wird, daß alle Bemühungen, das Leben des Patienten zu erhalten, vergeblich gewesen seien, so wird dies als Hohn empfunden. Vor allem aber ist es die Geheimnistuerei, die den Gedanken nahe legt, daß etwas vor sich geht, was mit Recht und Moral im Widerspruch steht und deshalb nicht wie andere notwendigen und scharfen Kriegsmaßnahmen von der Staatsführung in voller Öffentlichkeit gedeckt und vertreten werden kann. In den zahlreichen uns zugehenden schriftlichen und mündlichen Äußerungen wird – auch von einfachen Leuten – immer wieder auf diesen Punkt hingewiesen.« (Dokument M-152, GB-530.)

Frick blieb Appellen an Gerechtigkeit und Ethik wie diesem gegenüber taub. Ein Jahr später, im August 1941, schrieb der Bischof von Limburg an das Reichsinnenministerium, das Reichsjustizministerium und an das Ministerium für kirchliche Angelegenheiten:

»Etwa 8 km von Limburg entfernt ist in dem Städtchen Hadamar auf einer Anhöhe unmittelbar über dem Städtchen eine Anstalt, die früher zu verschiedenen Zwecken, zuletzt als Heil- und Pflegeanstalt gedient hat, umgebaut bzw. eingerichtet worden als eine Stätte, in der nach allgemeiner Überzeugung obengenannte Euthanasie seit Monaten – etwa seit Februar 1941 – planmäßig vollzogen wird. Über den Regierungsbezirk Wiesbaden hinaus wird die Tatsache bekannt...

Öfter in der Woche kommen Autobusse mit einer größeren Anzahl solcher Opfer in Hadamar an. Schulkinder [571] der Umgegend kennen diese Wagen und reden: ›Da kommt wieder die Mordkiste‹. Nach der Ankunft solcher Wagen beobachten dann die Hadamarer Bürger den aus dem Schlot aufsteigenden Rauch und sind von dem ständigen Gedanken an die armen Opfer erschüttert, zumal wenn sie... durch die widerlichen Düfte belästigt werden.

Die Wirkung der hier getätigten Grundsätze: Kinder, einander beschimpfend, tun Äußerungen: ›Du bist nicht recht gescheit, du kommst nach Hadamar in den Backofen‹; solche, die nicht heiraten wollen oder die keine Gelegenheit finden: ›Heiraten, nein! Kinder in die Welt setzen, die dann in den Rex-Apparat kommen!‹ Bei alten Leuten hört man die Worte: ›Ja in kein staatliches Krankenhaus! Nach den Schwachsinnigen kommen die Alten als unnützige Esser an die Reihe‹... Beamte der Geh. Staatspolizei suchen, wie man hört, das Reden über die Hadamarer Vorgänge mit strengen Drohungen zu unterdrücken. Es mag im Interesse der öffentlichen Ruhe gute Absicht sein. Das Wissen und die Überzeugung und Entrüstung der Bevölkerung werden damit nicht geändert; die Überzeugung wird um die bittere Erkenntnis vermehrt, daß das Reden mit Drohungen verboten wird, die Handlungen selbst aber nicht strafrechtlich verfolgt werden. Facta loquuntur.« (Dokument 615-PS, US-717.)

Wenn das einfache deutsche Volk von diesen relativ unbedeutenden Morden wußte und darüber Klage führte, wenn die Ministerien der Justiz, des Innern und für kirchliche Angelegenheiten Proteste von den Bischöfen zweier weit voneinander entfernter Bezirke erhielten über das, was in ihren Diözesen allgemein bekannt war, um wieviel schwieriger war die Geheimhaltung für die Einsatzkommandos im Osten? Im Mai 1942 berichtete ein SS-Führer nach Berlin über eine Inspektionsreise bezüglich des Fortschritts des Ausrottungsfeldzugs und schrieb über die Gaswagen:

»Die Wagen der Gruppe D habe ich als Wohnwagen tarnen lassen, indem ich an den kleinen Wagen auf jeder Seite einen, an den großen Wagen auf jeder Seite zwei, Fensterläden anbringen ließ, wie man sie oft an den Bauernhäusern auf dem Lande sieht. Die Wagen waren so bekannt geworden, daß nicht nur die Behörden, sondern auch die Zivilbevölkerung den Wagen als ›Todeswagen‹ bezeichneten, sobald eines dieser Fahrzeuge auftauchte. Nach meiner Meinung kann er auch getarnt nicht auf die Dauer verheimlicht werden.« (Dokument 501-PS, US-288.)

Können diese Angeklagten hierüber in Unkenntnis geblieben sein? Was für eine besondere Schicksalsfügung schützte sie davor [572] diese Tatsachen zu erfahren – Tatsachen, die doch zu ihrem eigenen Bereich gehörten?

Dieses Hinschlachten der Alten und Schwachsinnigen – das Thema von Gassengesprächen in ganz Deutschland und von Artikeln der Weltpresse – muß jedem einzelnen dieser Männer bekannt gewesen sein. Wieviel mehr müssen sie dann über die Konzentrationslager gewußt haben, welche in diesen Jahren ganz Deutschland und die besetzten Gebiete wie ein Ausschlag bedeckten. Wenn sie sich mit den Gnadentötungen stillschweigend einverstanden erklären konnten, mit welchem Wohlgefallen müssen sie dann die Ausrottung der Juden betrachtet haben.

Im Jahre 1939 bestanden sechs Hauptkonzentrationslager: Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald, Mauthausen, Flossenbürg und Ravensbrück. Fricks Haushalt für das Innenministerium enthielt in diesem Jahr einen Betrag von RM. 21.155.000.- für die Waffen-SS und die Konzentrationslager – das ist nicht weniger als ein Fünftel des Gesamthaushalts (Dokument 3873-PS, GB-326). Bis zum April 1942 kamen neun weitere Lager hinzu. Später folgten noch weitere.

Aber dies war nur der Kern des Systems. Wie die Planeten hatte jedes von ihnen seine Satelliten. Ziereis hat Ihnen einen Begriff über die Ausdehnung dieses Systems gegeben. Er beschreibt die Lager, die allein an Mauthausen angeschlossen waren. 33 davon erwähnte er mit Namen und gab die Anzahl der Gefangenen in jedem einzelnen an – eine Gesamtanzahl von über 102000. Außer diesen 33 gab es noch weitere 45, ebenfalls alle unter der Befehlsgewalt des Kommandanten von Mauthausen. (Dokument D-626, US-810.)

Sie haben die Karte Europas gesehen, die die Lage von so vielen dieser wichtigsten Nebenkonzentrationslager zeigt, wie bekannt sind. Über 300 sind auf dieser Karte aufgezeichnet. (Dokument F-321, RF-331.)

Bis zum August 1944 waren es im ganzen 1136000 Gefangene, darunter 90000 aus Ungarn, 60000 aus dem Polizeigefängnis und dem Ghetto von Litzmannstadt, 15000 Polen aus dem Generalgouvernement, 10000 Strafgefangene aus den Ostgebieten, 17000 frühere polnische Offiziere, 400.000 Polen aus Warschau und zwischen 15000 bis 20000 laufende Zugänge aus Frankreich. (Dokument 1166-PS, US-458.)

Das waren nur die physisch tauglichen und deshalb dauernden Insassen – dauernd, wenigstens bis ihre Arbeitsfähigkeit durch körperliche Erschöpfung nicht mehr ausreichte, um ihr Weiterleben zu rechtfertigen. Dann nahmen sie ihren Platz ein in den täglichen Transporten zu den Gaskammern.

[573] Tag für Tag verbreiteten die Kamine der Krematorien ihren üblen Gestank über das Land. Wenn der Bischof von Limburg an Frick über die widerlichen Gerüche der verhältnismäßig unbedeutenden Öfen in Hadamar schreiben konnte, können wir dann an der Aussage von Höß zweifeln, die ich bereits erwähnt habe:

»... der faule und übelkeiterregende Gestank, der von der ununterbrochenen Körperverbrennung ausging, durchdrang die ganze Gegend, und alle Leute, die in den umliegenden Gemeinden lebten, wußten, daß in Auschwitz Vernichtungen im Gange waren.« (Protokoll Band XI, Seite 461.)

Tag für Tag fuhren ganze Züge voll von Opfern über die Eisenbahnlinien des ganzen Reiches auf ihrem Weg zu den Vernichtungsstätten oder zu ihrer Versklavung. Viele lagen im Sterben als sie ankamen, und viele waren durch die entsetzlichen Bedingungen, unter denen sie reisen mußten, schon gestorben. Ein Beamter des Bahnhofs Essen beschrieb die Ankunft von Arbeitern aus Polen, Galizien und der Ukraine:

»Sie kamen in Güterwagen nach Essen, in welchen vorher Kartoffeln, Baumaterialien und auch Vieh transportiert worden war... Die Wagen waren vollgestopft mit den Leuten. Mein persönlicher Eindruck war es, daß es unmenschlich war, in einer solchen Art und Weise diese Menschen zu transportieren. Die Leute waren eng zusammenge pfercht worden, und es blieb ihnen kaum Platz zur freien Bewegung... Es war empörend für jeden anständigen Deutschen, welcher es mit ansehen mußte, wie die Menschen gestoßen, getreten und überhaupt bestialisch behandelt wurden. Schon gleich zu Beginn, als der erste Transport ankam, konnten wir sehen, wie unmenschlich diese Leute behandelt wurden. Jeder Wagen war so sehr überfüllt, daß es kaum glaublich war, eine solche Anzahl Menschen in einen Wagen hineinstopfen zu können... Die Kleidung der Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter... war katastrophal. Sie war zerlumpt und zerrissen, und bei dem Schuhwerk war es nicht anders, so daß sie vielfach mit Lumpen an den Füßen zur Arbeit gehen mußten. Bei der schlechtesten Witterung und bei der größten Kälte habe ich niemals gesehen, daß irgendwelche von den Wagen geheizt waren.« (D-321, US-895.)

Diese Leute waren nicht für die Konzentrationslager bestimmt, das war sicher. Wieviel schlimmer waren die Zustände bei denen, die für diese bestimmt waren. Es gab auch lange Kolonnen, die zu Fuß auf den Landstraßen des Reiches wanderten. Sie gingen bis sie nicht mehr gehen konnten; dann starben sie am Straßenrand. Ziereis, [574] der Kommandant von Mauthausen, sagte in seinem Bekenntnis auf dem Totenbett:

»In Anwesenheit des Baldur von Schirach... habe ich von... Himmler folgende Befehle erhalten:

Die Juden vom Stellungsbau des Südost-Walles müssen... zu Fuß aus allen Orten in Bewegung gesetzt werden, das Ziel soll Mauthausen sein. Nach Himmlers Befehl sollten 60000 Juden nach Mauthausen kommen, tatsächlich ist ein Bruchteil angekommen. Als Beispiel führe ich einen mit 4500 Juden abgegangenen und mit 180 Juden angekommenen Transport an... Frauen und Kinder waren ohne Schuhe, in Lumpen und verlaust. Im Transport befanden sich ganze Familien, von denen unzählige auf dem Wege wegen allgemeiner Körperschwäche erschossen wurden.« (Dokument 3870-PS, US-797.)

Was immer auch hinter den Zäunen der Konzentrationslager den Blicken verborgen war, diese Dinge waren allen sichtbar. Jeder einzelne der Angeklagten muß sie gesehen haben, und auch die Tausende der Konzentrationslagerhäftlinge, die mit ihren gestreiften Pyjamas auf den Feldern und in den Fabriken arbeiteten – einer Uniform, die in Deutschland genau so bekannt war, wie jede andere.

Wie war es nur möglich, daß irgendeiner dieser Angeklagten, wenn er nur einen Funken menschlichen Erbarmens in sich hatte, weiterhin aktiven Anteil an der Unterstützung eines Systems nehmen konnte, das für solche Leiden verantwortlich war? Aber sie hatten kein Erbarmen, und durch ihre Ideologie und ihre Lehren hatten sie das deutsche Volk des Mitleids beraubt.

Ziereis beschreibt das fürchterliche Ende, das Kaltenbrunner für die Konzentrationslager und ihre Insassen plante, als die vorrückenden alliierten Truppen diese Lager einzunehmen und damit die Schuld der Nazi-Regierung zu enthüllen drohten:

»... und zwar sollten die Häftlinge in die Stollen des Werkes Bergkristall in Gusen eingeführt werden, so daß nur ein Eingang offen blieb. Hierauf sollte ich den Eingang in die Stollen mit irgendeinem Sprengstoff sprengen und somit den Tod der Häftlinge herbeiführen.« (3870-PS, US-797.)

Selbst Ziereis, der Mörder der 65000 Toten von Mauthausen, schreckte davor zurück und weigerte sich, dem Befehl zu gehorchen.

Diese Aussage ist einwandfrei durch den von dem Kommandanten der Sipo und des SD im Generalgouvernement erlassenen schriftlichen Befehl bestätigt, der als Beweismaterial vorgelegt wurde:

»Soweit es die Frontlage erforderlich macht, sind rechtzeitig Vorkehrungen für eine Totalräumung der Gefängnisse zu treffen. Bei überraschender Entwicklung der Lage, die einen Abtransport der Häftlinge unmöglich macht, sind die [575] Gefängnisinsassen zu liquidieren, wobei die Erschossenen nach Möglichkeit beseitigt werden müssen. (Verbrennen, Sprengung der Gebäude u. Ä.) Gleichermaßen ist eintretendenfalls mit den noch in der Rüstungsindustrie oder an anderen Stellen beschäftigten Juden zu verfahren. Unter allen Umständen muß vermieden werden, daß Gefängnisin sassen oder Juden vom Gegner, sei es WB oder Rote Armee, befreit werden, bezw. ihnen lebend in die Hände fallen.« (L-53, US-291.)

Und Kaltenbrunner selbst sorgte dafür, daß diese Befehle ausgeführt wurden. Mit diesen Tatsachen vor Augen kann dem Funkspruch, der bei seiner Verhaftung unter seinen Papieren gefunden wurde, nur eine einzige Bedeutung beigelegt werden:

»Ich bitte Sie dem RF-SS zu melden und dem Führer vorzutragen, daß alle Vorkehrungen gegenüber Juden, politischen und Konzentrationslagerhäftlingen im Protektorat von mir heute persönlich getroffen wurden.« (2519-PS, US-530.)

Man mutet Ihnen nun zu, zu glauben, daß ein Mann, der Minister oder leitender Beamter in einem Staate war, der innerhalb eines Zeitraums von sechs Jahren unter entsetzlichen Bedingungen etwa 7000000 Männer, Frauen und Kinder zur Arbeit geschleppt hat, 275000 seiner eigenen alten Leute und Geistesschwachen vernichtet und, ganz gering geschätzt, 12000000 Menschen in den Gaskammern oder durch Erschießen getötet hat, daß solch ein Mann nichts von diesen Verbrechen gewußt habe, nicht verantwortlich für sie gewesen sei. Es wird von Ihnen verlangt, Sie sollen glauben, daß die Schrecken der Transporte, die Zustände bei dieser Sklavenarbeit, die in Gestalt von Arbeitslagern über das ganze Land verbreitet war, und der Gestank der verbrannten Leichen – alles der Welt wohlbekannte Dinge – diesen 21 Männern, auf deren Befehl diese Dinge durchgeführt wurden, unbekannt gewesen seien. Jene Männer, die in Wort und Schrift diese entsetzliche Politik der Rassenausrottung befürwortet haben, wollen Sie glauben machen, daß ihre Äußerungen in Unkenntnis der Tatsachen als ein Teil ihrer allgemeinen Pflicht zur Unterstützung der Politik ihrer Regierung oder schließlich lediglich aus taktischen Gründen erfolgt seien, das heißt, daß sie nur durch derartiges Sprechen und Schreiben Hitler von Grausamkeit oder Angriffen ablenken hätten können.

Bei Ihnen, steht die Entscheidung.

Göring, Heß, Ribbentrop, Keitel, Kaltenbrunner, Rosenberg, Frank, Frick, Streicher, Funk, Schacht, Dönitz, Raeder, Schirach, Sauckel, Jodl, von Papen, Seyß-Inquart, Speer, von Neurath, Fritzsche, Bormann – sie sind die Schuldigen.

[576] Lassen Sie mich kurz eingehen auf jeden einzelnen von ihnen, aber hauptsächlich auf jene, deren volle Mitschuld an den gemeinsten Verbrechen von allen, den bestialischen Morden, vielleicht weniger augenfällig war.

Görings Verantwortlichkeit in all diesen Dingen wird wohl kaum abgeleugnet werden können. Er gab sich die falsche Maske eines Biedermannes, jedoch unter den Baumeistern dieses teuflischen Systems gab es keinen größeren als ihn. Wer mit Ausnahme von Hitler hatte mehr Kenntnis von dem, was vor sich ging, oder mehr Gelegenheit, den Gang der Ereignisse zu beeinflussen? Die Führung der Regierung im Nazi-Staat, der allmähliche Aufbau der Organisationen für Kriegszwecke, der vorbedachte Angriff, die Grausamkeiten – diese Dinge geschahen nicht spontan oder ohne die engste Zusammenarbeit zwischen den einzelnen staatlichen Stellen. Die Menschen fallen nicht in fremdes Gebiet ein, schießen nicht, werfen keine Bomben ab, bauen keine Gaskammern, treiben nicht die Opfer zusammen, wenn sie nicht systematisch dazu befohlen werden. Die systematischen Verbrechen, die im ganzen Reichsgebiet begangen wurden, und die uns hier vor Augen getreten sind, müssen jeden in ihren Bereich einschließen, der ein Glied der notwendigen Kette gebildet hat, da ohne seine Mitwirkung sowohl Angriffspläne als auch Massenmord unmöglich gemacht worden wären. Das Führerprinzip, durch das die Nazis Leib und Seele dem Führer verschrieben haben, war die Schöpfung der Nazi-Partei und dieser Männer.

In meiner Rede bei Eröffnung dieses Prozesses habe ich dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß einmal der Augenblick kommt, wo ein Mann wählen muß zwischen seinem Gewissen und seinem Führer.

Niemand, der sich, wie diese Männer hier, dafür entschieden hat, seinem Gewissen zugunsten dieses von ihnen selbst geschaffenen Ungeheuers zu entsagen, kann sich darüber beklagen, wenn er für mitschuldig an den Taten dieses Ungeheuers gehalten wird.

Am wenigsten von allen Heß. Die Rolle, die Heß in der Nazi-Partei gespielt hat, ist voll bewiesen. Mit der Erschaffung des Ungeheuers jedoch nicht zufrieden, half er diesem in jeder Hinsicht bei seinem ungeheuerlichen Werk.

Ich möchte nur ein Beispiel erwähnen. Sie werden sich im Zusammenhang mit der Ausrottung der Ostvölker an seine Instruktion an die Parteifunktionäre bezüglich der Unterstützung der Rekrutierung für die Waffen-SS erinnern:

»Die aus Nationalsozialisten bestehenden Einheiten der Waffen-SS sind infolge ihrer intensiven nationalsozialistischen Schulung über Fragen der Rasse und des Volkstums für die [577] besonderen in den besetzten Ostgebieten zu lösenden Aufgaben geeigneter als andere bewaffnete Verbände.« (Dokument 3245-PS, GB-267.)

Ribbentrops Anteil ist auch klar. Noch nie hat jemand in der Weltgeschichte die Diplomatie so degradiert – nie war jemand eines gemeineren Verrats schuldig. Aber genau wie die anderen ist er ein ganz gewöhnlicher Mörder. Ribbentrop war es, der seit 1940 die Günstlinge in seinen Gesandtschaften und Botschaften in ganz Europa angewiesen hat, die Durchführung solcher »politischer Maßnahmen«, das heißt Maßnahmen der Rassenausrottung zu beschleunigen. Es war nicht Himmler, sondern der Reichsaußenminister, der im Februar 1943 dem Duce stolz berichtet hat, daß »... aus Deutschland und den von Deutschland besetzten Gebieten alle Juden in Reservate im Osten abtransportiert« worden seien. (Dokument D-734, RF-1501.)

Seine unverhüllten Vorschläge Horthy gegenüber zwei Monate später und das Protokoll der von Steengracht, seinem ständigen Staatssekretär, einberufenen Konferenz, enthüllen diese gespensterhaften Euphemismen. (Dokument 3319-PS, GB-287.)

Niemand bestand in den besetzten Gebieten mehr auf erbarmungslosem Vorgehen als Ribbentrop. Sie werden sich an seinen Rat an die Italiener erinnern, wie man Streiks behandeln solle:

»... daß in einem solchen Falle nur erbarmungsloses Durchgreifen helfe... die besetzten Gebiete, wo sich gezeigt habe, daß man mit weichen Methoden oder dem Bemühen, einen Ausgleich zu finden, nicht weiter komme.« (Dokument D-740, GB-297.)

Ein Rat, den er dann fortfuhr zu unterstreichen, indem er mit Stolz auf die Erfolge der »brutalen Maßnahmen« in Norwegen, der »brutalen Aktionen« in Griechenland und der »drakonischen Maßnahmen« in Frankreich und Polen hinwies.

Waren Keitel und Jodl weniger in Mordtaten verwickelt als ihre Spießgesellen? Sie können weder die Kenntnis davon ableugnen noch die Verantwortung für die Operationen der Einsatzkommandos, mit denen ihre eigenen Kommandeure eng und kordial zusammenarbeiteten. Die Einstellung des Oberkommandos gegenüber dem ganzen Problem wird durch Jodls Bemerkung über die Evakuierung der dänischen Juden charakterisiert:

»Ich weiß davon nichts. Wenn eine politische Maßnahme durch den Befehlshaber in Dänemark durchgeführt werden soll, dann muß das OKW durch das AA unterrichtet werden.« (Dokument D-547, GB-488.)

Man kann Mord nicht maskieren, indem man ihn eine politische Maßnahme nennt.

[578] Kaltenbrunner als Chef des RSHA muß schuldig sein. Die Berichte der Einsatzkommandos wurden ihm monatlich zugesandt. (Dokument 3876-PS, US-808.) Sie werden sich an die Worte von Gisevius erinnern, dem Zeugen für die Verteidigung.

»Wir fragten uns, ob es möglich sei, daß nach einem solchen Scheusal wie Heydrich ein noch üblerer Mann gefunden werden konnte... Kaltenbrunner kam, und es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Immer mehr machten wir die Erfahrung, daß vielleicht die Impulsivitäten eines solchen Mörders wie Heydrich nicht so schlimm waren wie die kalte juristische Logik eines Rechtsanwalts, der die Regie eines solchen gemeingefährlichen Instrumentes wie die Gestapo übernahm.« (Sitzungsprotokoll vom 25. April 1946; Band XII, Seite 283.)

Sie werden sich an seine Beschreibung jener schrecklichen Mittagsgesellschaften erinnern, bei denen Kaltenbrunner jede Einzelheit der Gaskammern und der Technik des Massenmordes besprach.

Rosenbergs Schuld als Philosoph und Theoretiker, der den Boden vorbereitete für den Samen der Nazi-Politik, ist außer Zweifel, und man kann unmöglich glauben, daß er als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete nichts von der Zerstörung der Ghettos und den Operationen der Einsatzkommandos wußte und sie nicht unterstützte. Im Oktober 1941, als die Operationen dieser Kommandos ihren Höhepunkt erreicht hatten, schrieb ein Ministerialabteilungsleiter Rosenbergs an den Reichskommissar Ost in Riga und teilte ihm mit, daß das Reichssicherheitshauptamt sich darüber beschwert habe, daß er die Hinrichtung der Juden in Libau verboten habe und bat um einen diesbezüglichen Bericht. Am 15. November trifft der an den Reichsminister für die besetzten Ostgebiete adressierte Bericht ein:

»Ich habe die wilden Judenerschießungen in Libau untersagt, weil sie in der Art ihrer Durchführung nicht zu verantworten waren.

Ich bitte, mich zu unterrichten, ob Ihre Anfrage vom 31.10. als dahingehende Weisung aufzufassen ist, daß alle Juden im Ostland liquidiert werden sollen? Soll dieses ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht und wirtschaftliche Interessen geschehen?... Selbstverständlich ist die Reinigung des Ostlandes von Juden eine vordringliche Aufgabe, ihre Lösung muß aber mit den Notwendigkeiten der Kriegswirtschaft in Einklang gebracht werden.« (3663-PS, US-825.)

Frank – falls es nicht zu seiner Überführung ausreichen sollte, daß er für die Verwaltung des Generalgouvernements und für eines [579] der blutigsten Kapitel größter Roheit in der Nazi-Geschichte verantwortlich war – erklärte mit eigenen Worten:

»... daß er nicht alle Läuse und alle Juden in einem Jahre ausrotten könnte.« (Dokument 2233 (C)-PS, US-271.)

Es ist kein Zufall, daß das genau die Sprache Hitlers war. Und weiter:

»Ich werde daher den Juden gegenüber grundsätzlich nur von der Erwartung ausgehen, daß sie verschwinden. Sie müssen weg... Meine Herren, ich muß Sie bitten, sich gegen alle Mitleidserwägungen zu wappnen. Wir müssen die Juden vernichten, wo immer wir sie treffen und wo es irgend möglich ist, um das Gesamtgefüge des Reiches hier aufrechtzuerhalten... Diese 3.5 Millionen Juden können wir nicht erschießen, wir können sie nicht vergiften, werden aber doch Eingriffe vornehmen können, die irgendwie zu deren Vernichtung führen.« (Dokument 2233 (D)-PS, US-281.)

Kann Frick als Innenminister ohne Kenntnis von der Politik der Ausrottung der Juden gewesen sein? 1941 schrieb einer seiner Untergebenen, Heydrich, an einen anderen – den Justizminister:

»Wenn auch damit zu rechnen ist, daß in Zukunft in den eingegliederten Ostgebieten keine Juden mehr sein werden.« (R-96, GB-268.)

Kann er als Reichsprotektor für Böhmen und Mähren die Verantwortung für die Verschleppung von Hunderttausenden von Juden aus seinem Gebiet in die Gaskammern von Auschwitz, die nur ein paar Meilen jenseits der Grenze lagen, ableugnen?

Über Streicher braucht man gar nichts zu sagen. Hier ist ein Mann in höherem Maß verantwortlich als vielleicht irgend jemand anders für das fürchterlichste Verbrechen, das die Welt je gekannt hat. 25 Jahre lang war die Ausrottung der Juden sein entsetzlicher Ehrgeiz. 25 Jahre lang hatte er das deutsche Volk in der Philosophie des Hasses, der Roheit, des Mordes erzogen. Er hatte es angestiftet und vorbereitet, die Nazi-Politik zu unterstützen, die rohe Verfolgung und das Abschlachten von Millionen seiner Mitbürger hinzunehmen und sich daran zu beteiligen. Ohne ihn hätten sich diese Dinge nicht ereignet. Schon seit langem hat er jegliches Recht auf sein Leben verwirkt.

Die Tatsache, daß die Angeklagten Schacht und Funk sich hauptsächlich mit der Wirtschaft beschäftigt haben, darf den Hohen Gerichtshof nicht für ihre wesentliche Rolle in dem allgemeinen Plan blind machen. Schacht sagt, er habe in dieser Sache reine Hände. Es ist an Ihnen, das zu entscheiden. Schacht spielte seine Rolle, indem er Hitler zur Macht verhalf. Er sagt, er habe geglaubt, daß Hitler »ein Mann, mit dem man arbeiten könne«, sei und versicherte Hitler, daß er stets auf ihn »als Ihren zuverlässigen Helfer«[580] (Dokument EC-457, US-619) rechnen könne. Er verhalf den Nazis zu einer Konsolidierung ihrer Stellung und war die Hauptfigur beim Aufbringen eines Wahlfonds von den Industriellen.

Sodann wurde es seine Aufgabe, für den wirtschaftlichen Plan und Mechanismus zu sorgen, der zur Unternehmung und Aufrechterhaltung des Angriffs erforderlich war. Er kannte die den Juden gegenüber angewandte Politik, er kannte die Methoden, die Hitler zum Aufbau seiner Macht anwendete, er wußte, daß das Endziel Angriff war. Aber er spielte seine Rolle weiter. Messersmith hat sein Wirken zusammengefaßt:

»Durch seinen Erfindungsreichtum, seine vollständige finanzielle Skrupellosigkeit und seinen vollkommenen Zynismus war Schacht imstande, die Lage für die Nazis aufrechtzuerhalten und fest zu gründen. Ohne dieses vollständige Verleihen sei ner Fähigkeiten an die Nazi-Regierung und deren Ehrgeiz wäre es Hitler und den Nazis zweifellos unmöglich gewesen, eine genügend bewaffnete Macht zu entwickeln, um damit einen Angriffskrieg zu beginnen.« (EC-451, US-626.)

Die Tatsache, daß Schacht dies im Sinne hatte, geht schon sehr früh mit größter Klarheit aus einem Geheimbericht hervor, der von seinem Wirtschaftsministerium am 13. September 1934 herausgegeben wurde. (Dokument EC-128, US-623.) Ich habe bereits auf den Bericht seines Stellvertreters hingewiesen, der die erstaunliche Genauigkeit zeigt, mit der bereits Pläne und Vorbereitungen für die Leitung der deutschen Wirtschaft im Kriegsfall ausgearbeitet waren, ehe Schacht im Jahre 1937 zurücktrat. (Dokument EC-258, US-625.)

Es ist nicht verwunderlich, daß der damalige deutsche Kriegsminister von Blomberg zu Schacht an seinem 60. Geburtstag sagte: »Ohne Ihre Hilfe, mein lieber Herr Schacht, könnte diese Aufrüstung nicht stattgefunden haben.«

Als Zeuge erklärte Schacht, daß er bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 1934 und in der ersten Hälfte des Jahres 1935 herausgefunden habe, er habe sich »in der Annahme geirrt«, daß Hitler die »revolutionäre Gewalt« des Nazismus in eine geregelte Bahn lenken würde, und er habe entdeckt, daß Hitler nichts tat, um die Ausschreitungen einzelner Parteimitglieder oder Parteigruppen abzustellen; vielmehr verfolge er weiter eine »Politik des Terrors«.

Dies stimmt mit der dem Amerikanischen Botschafter im September 1934 gegebenen Erklärung Schachts eng überein:

»... die Hitler-Partei ist vollständig dem Krieg verschrieben, und das Volk ist ebenfalls bereit und willig. Bloß einige Regierungsbeamte sind sich der Gefahr bewußt und opponieren.« (Dokument 2832-PS, US-58.)

Schachts weitere Behauptungen, daß es seine Absicht in der Regierung war, kritisch zu sein und als Bremse zu wirken, können [581] nach unserer Annahme unmöglich mit seinen eigenen Handlungen in Einklang gebracht werden. Er hätte nach seiner eigenen Feststellung nicht Wirtschaftsminister werden müssen, tat dies aber doch. Im Mai 1935, dem Monat, in dem er seine Amtsführung als Generalbevollmächtigter für die Kriegswirtschaft übernahm, »um alle wirtschaftlichen Kräfte in den Dienst der Kriegführung und um das Leben des deutschen Volkes wirtschaftlich sicherzustellen«, schrieb er an Hitler:

»Dabei müssen sämtliche nicht dringend benötigten Ausgaben auf anderen Gebieten unterbleiben, und die ganze an sich geringe Finanzkraft Deutschlands muß auf das eine Ziel der Rüstungsfinanzierung konzentriert werden.« (Dokument 1168-FS, US-37.)

Im Mai 1936 sagte er auf einer Geheimkonferenz von Nazi-Ministern, daß sein Programm für die Rüstungsfinanzierung »den Einsatz der letzten Reserven von vorneherein« bedeutet habe. Er sagte, er würde weiterarbeiten, da er »in unwandelbarer Treue zum Führer stehe, weil er die Grundgedanken des Nationalsozialismus voll anerkenne«. (Dokument 1301-PS, US-123.)

Als ihm Hitler im Jahre 1937 das goldene Parteiabzeichen verlieh, rief Schacht alle seine Mitarbeiter auf:

»... aus ganzem Herzen weiter die gesamte Kraft einzusetzen für Führer und Reich. Die deutsche Zukunft liegt in den Händen unseres Führers.« (Dokument EC-500.)

Die »Gnadentötungen«, die Judenverfolgungen – diese Dinge müssen zu jener Zeit bekannt gewesen sein. Waren seine Hände wirklich so sauber?

Im Hinblick auf diese Zitate ist es nicht ganz unerwartet, wenn Botschafter Dodd, den Schacht zu seinen Freunden zählte, in seinem Tagebuch am 21. Dezember 1937 vermerkt:

»So wenig ihm auch Hitlers Diktatur zusagt, wünscht er (Schacht) wie die meisten maßgebenden Deutschen den Anschluß, wenn möglich ohne Krieg; mit Krieg, wenn die Vereinigten Staaten die Hände aus dem Spiel lassen.« (Dokument 2832-PS, US-58.)

Diese Zitate zeigen unserer Ansicht nach deutlich, daß Schacht sehr wohl wußte, Hitlers Ziel sei Krieg, und zwar viel früher als er es selbst zugibt. Immerhin gibt er zu, gewußt zu haben, daß die Intrige zur Diskreditierung des Generals von Fritsch Krieg bedeutet hat. Trotz dieser Kenntnis nahm er am 9. März 1938 die Ernennung zum Reichsbankpräsidenten auf weitere vier Jahre an. Voller Freude nahm er an der Besitznahme der früheren österreichischen [582] Nationalbank am 21. März 1938 teil und schrieb am 7. Januar 1939 an Hitler:

»Die Reichsbank ist sich von Anfang an darüber klar gewesen, daß außenpolitische Erfolge nur erreichbar sein konnten auf Grund der Wiederaufrichtung der deutschen Wehrmacht. Sie hat deshalb die Finanzierung der Rüstung weitgehend auf sich genommen, trotz der darin liegenden währungspolitischen Gefahren. Die Rechtfertigung hierfür lag in der alle anderen Erwägungen zurückdrängenden Notwendigkeit, sofort, aus dem Nichts und anfangs noch dazu getarnt, eine Rüstung aufzustellen, die eine achtungheischende Außenpolitik ermöglichte.« (EC-369, US-631.)

Diese Worte und andere ihresgleichen setzen lediglich Schachts Kenntnis in elegante Redeform, daß im Falle des Widerstandes der vorgesehenen Opfer Hitler bereit war, sich zur Erreichung seines Zieles in kriegerische Verwicklungen zu stürzen. Schachts Intelligenz und internationale Stellung verschärfen lediglich die zynische Amoralität seiner Verbrechen.

Darüber hinaus muß sich Schacht mit folgenden Tatsachen abfinden. Der Hohe Gerichtshof hat als Beweis den Film gesehen, der sein schmeichlerisches Einhertrotten neben Hitler und sein Herumwimmeln um ihn im Jahre 1940 zeigt. Lange vor 1943 muß er von der Behandlung der Juden und der Schreckensherrschaft in den besetzten Gebieten gewußt haben. Und trotzdem blieb Schacht bis 1943 Minister ohne Portefeuille und lieh bei allen Gelegenheiten seinen Namen und Einfluß diesem Regime des Entsetzens. Soll sich wirklich jemand damit brüsten dürfen, daß er all dies straflos tun durfte?

Funk setzte Schachts Werk fort. Er hatte bereits den Verschwörern durch seine Organisation des Propagandaministeriums unschätzbare Dienste geleistet. Von 1938 an war er als Wirtschaftsminister, Reichsbankpräsident und Generalbevollmächtigter für die Wirtschaft damit befaßt, die Wirtschaft für den Angriffskrieg zu mobilisieren, und zwar in voller Kenntnis der Nazi-Angriffspläne. Wir finden ihn auf jedem Gebiet; als Teilnehmer an Görings Sitzung am 12. November 1938 und auf der Sitzung des Reichsverteidigungsrates im Juni 1939, auf der ersteren als Berater bei den gegen die Juden zu erlassenden Verordnungen, auf der letzteren bei Fragen über Konzentrationslager und Sklavenarbeit. Der endgültige Beweis für die Bereitwilligkeit, mit der er den Angriff in Betracht zog, findet sich in seinem Schreiben an Hitler am 25. August 1939, einen Tag bevor die Invasion Polens hätte anfangen sollen:

»Wie glücklich und wie dankbar müssen wir Ihnen sein, daß es uns vergönnt ist, diese überwältigend großen und weltbewegenden Zeiten miterleben und an dem gewaltigen Geschehen dieser Tage mitwirken zu können.

[583] Die mir von dem Herrn Generalfeldmarschall Göring übermittelte Nachricht, daß Sie, mein Führer, gestern abend die von mir vorbereiteten Maßnahmen für eine Kriegsfinanzierung und für die Gestaltung der Lohn- und Preisverhältnisse und die Durchführung eines Notopfers grundsätzlich gebilligt haben, hat mich tief beglückt...

Bei den von mir ausgearbeiteten Vorschlägen hinsichtlich einer rücksichtslosen Abdrosselung jedes nicht lebenswichtigen Konsums und jeder nicht kriegswichtigen öffentlichen Ausgabe und Aufgabe werden wir in der Lage sein, allen an die Finanzen und die Wirtschaft zu stellenden Anforderungen ohne irgendwie schwerwiegende Erschütterungen gerecht zu werden.« (Dokument 699-PS, GB-49.)

Seine Rolle während des Krieges bedarf keiner weiteren Erwähnung als des Hinweises auf die Protokolle der Zentralen Planung und auf seine Vereinbarung mit Himmler für die Verwertung des Plünde rungsgutes der SS, das, wie er wußte, in Lastwagenladungen von Auschwitz und den Konzentrationslagern in die Tresore der Reichsbank wanderte. Der Gerichtshof wird sich gleichfalls an die Urkunde erinnern, die beweist, daß sein Wirtschaftsministerium ungeheure Mengen von Zivilkleidung von diesen unglückseligen Opfern in Empfang nahm. (Dokument 1166-PS, US-458.)

War Dönitz wirklich ahnungslos, wenn er sich an eine Kriegsmarine von 600000 Mann mit einer Ansprache über das »auflösende Gift des Judentums« wandte? (Dokument 2878-PS, US-187.) Dönitz, der es in Ordnung fand, bei Hitlers Seekriegsleitung Weisung für das Vorgehen gegen den Generalstreik in Kopenhagen – »Terror könne nur mit Gegenterror bekämpft werden« (Dokument C-171, GB-210) – zirkulieren zu lassen, der 12000 Konzentrationslagerarbeiter für die Werften anforderte und außerdem Kollektivrepressalien gegen skandinavische Arbeiter empfahl, im Hinblick auf die Wirksamkeit ähnlicher Methoden in Frankreich. (Dokument C-195, GB-211.)

Sind Raeders Hände unbefleckt vom Blute des Mordes? Schon 1933, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, sagte er:

»Nunmehr hatte der Reichskanzler Adolf Hitler die ganz klare politische Forderung gestellt, ihm in fünf Jahren, d.h. bis zum 1. IV. 1938 eine Wehrmacht aufzustellen, die er als politisches Machtin strument auf die Waagschale legen könne.« (C-135, GB-213.)

Wenn er daher in ständiger Folge Gefechtsbefehle erhielt für den Fall, daß Hitlers auswärtige Politik zum Kriege führte, so wußte er nur zu gut, daß Krieg ein gewisses Risiko enthält, wenn diese Politik schief ging. Immer und immer wieder erhielt er diese Warnung, zuerst als Deutschland die Abrüstungskonferenz verließ, [584] sodann zur Zeit der Verhandlungen über das Flottenabkommen 1935, zur Zeit der Rheinlandbesetzung und später, als er an der berühmten Hoßbach-Konferenz teilnahm. Er hat versucht, den Gerichtshof davon zu überzeugen, daß er Hitlers Ansprachen auf diesen Konferenzen als leeres Gerede ansah; dabei wissen wir, daß sie bei Neurath einen Herzanfall hervorriefen. Seine alten Dienstkameraden von Blomberg und von Fritsch, die unklug genug waren, auf der Konferenz, die das Schicksal von Österreich und der Tschechoslowakei besiegelte, Einspruch zu erheben, wurden in einer Weise behandelt, die nach seinen eigenen Worten sein Vertrauen nicht nur zu Göring, sondern auch zu Hitler erschütterte.

Soll Raeder wirklich nichts von der Ermordung von Tausenden von Juden in Libau an der Ostsee gewußt haben? (D-841, GB-474.) Sie werden sich an den Beweis erinnern, daß viele von ihnen im Kriegshafen selbst ermordet wurden und daß dieser Tatbestand durch seine Seeoffiziere der örtlichen Kommandostelle nach Kiel gemeldet worden war. (L-180, US-276.) Heute wissen wir aus dem Bericht des Kommandos, das sich mit den Juden von Libau befaßte, daß es Ende Januar 1942 in diesem Bezirk allein über 11860 erledigt hat. Raeder soll nichts gewußt haben, der am Heldengedenktag 1939 von dem klaren und anfeuernden Aufruf zur Bekämpfung des internationalen Judentums gesprochen hat. Glauben Sie wirklich, daß er, der behauptet, er habe stets einzelnen Juden geholfen, niemals von dem Schrecken der Konzentrationslager oder der Ermordung von Millionen gehört hat? Trotzdem machte er weiter mit.

Von Schirach: Was braucht man von ihm zu sagen? Daß es besser gewesen wäre, wenn man einen Mühlstein um seinen Hals gehängt hätte? Dieser elende Mensch war es, der Millionen unschuldiger deutscher Kinder verdorben hat, um sie aufwachsen und zu dem werden zu lassen, was sie denn auch wirklich geworden sind – die blinden Instrumente jener Mord-und Herrscherpolitik, die diese Männer durchgeführt haben.

Die berüchtigte »Heu-Aktion« (031-PS, US-171, 345-PS), durch die zwischen 40000 und 50000 Sowjetkinder in die Sklaverei verschleppt wurden, war ein Ergebnis seines Werkes. Sie werden sich an die wöchentlichen SS-Berichte über die Ausrottung der Juden erinnern (3876-PS, 3943-PS, US-869), die in seinem Amt gefunden wurden.

Was ist das Verbrechen Sauckels, in dessen Gau sich das berüchtigte Lager Buchenwald befand? Wohl mag Sauckel nunmehr versuchen, seinen Befehl, Franzosen zur Arbeit zu »schanghaien«, abzuschwächen; zu leugnen, daß er je, um Widerstand zu brechen, das Erhängen eines Präfekten oder eines Bürgermeisters befürwortet habe, zu sagen, daß die Erwähnung von erbarmungslosem Durchgreifen sich auf Streitigkeiten innerhalb der Ämter bezogen habe [585] und daß Arbeitserziehungslager wirklich reine Erziehungsanstalten gewesen seien. Sie, die Sie die Dokumente gesehen haben, die das Entsetzen dessen bezeugen, was uns jetzt als die Folge eines Notstandes geschildert wird, nämlich des dringenden Bedarfs für Arbeiter zur Fütterung der Nazi-Kriegsmaschine; Sie, die Sie die Bedingungen gelesen und gehört haben, unter denen sieben Millionen Männer, Frauen und Kinder von ihren Heimstätten gezerrt und auf seinen Befehl in die Sklaverei verschleppt wurden, brauchen keinen weiteren Beweis seiner Schuld.

Papen und Neurath sind – selbst wenn man des letzteren Verhalten in der Tschechoslowakei gnädig durchgehen lassen will – in der gleichen Klasse mit Raeder. Genau wie er pochen sie auf alte Familie und Berufsehre, Begriffe, die eine erhöhte Verantwortlichkeit in sich tragen, von der Menschen wie Ribbentrop und Kaltenbrunner frei sind.

Papen wußte bereits innerhalb von 18 Monaten, nachdem er Hitler zur Macht verholfen hatte, daß Hitlers Regierung Unterdrückung Andersdenkender, Mißhandlung der Juden und Verfolgung der Kirchen einschließlich seiner eigenen bedeutete. Seine ehemaligen politischen Freunde waren in Konzentrationslager geschickt oder ermordet worden, einschließlich Männer, wie von Schleicher und Bredow. Er selbst war verhaftet, zwei Mitglieder seines Stabes getötet und ein anderer gezwungen worden, Morden beizuwohnen. Keiner dieser Vorfälle blieb von Neurath verborgen, trotzdem blieb er im Amt.

Im Jahre 1935 schrieb Papen kriecherische Briefe an Hitler, und kurz darauf finden wir ihn in Österreich an der Arbeit für jenen Mann, den er als Mörder kannte, und zwar in der Tätigkeit, eine Regierung zu untergraben, der gegenüber er nach außen hin Freundschaft beteuerte. Selbst nach dem Anschluß arbeitete er immer noch für ein Regime, von dem er wußte, daß es Mord als politisches Mittel benutzte; und obwohl er noch einen weiteren Sekretär durch Mord verloren hatte, war er trotzdem bereit, einen Posten in der Türkei anzunehmen. Das Konkordat mit seiner eigenen Kirche, das er selbst zum Abschluß gebracht hat, wird als ein »Fetzen Papier« – um seine eigenen Worte zu gebrauchen – behandelt und mit Katholiken – von Erzbischöfen bis zum einfachen Gläubigen – wird schmählich umgegangen. Er hat den Ausspruch getan: »Hitler war der größte Schwindler, der je gelebt hat.«

Für die Anklagevertretung liegt der ganze Fall mit einem Worte so, daß Papen, obwohl er alles dies nur zu gut wußte, Hitler Unterstützung und Mitarbeit gewährt hat, weil seine Gier nach Macht und Amt ihn dazu trieb, »lieber in der Hölle zu herrschen, als im Himmel zu dienen«.

[586] Der Verteidiger hat versucht, Papen als Fürsprecher des Friedens hinzustellen. Wenn er es vorzog, die Ziele der Verschwörung lieber durch die Methode des Mordes, der Einschüchterung und der Erpressung als durch offenen Krieg zu erreichen, so dürfte der Grund hierfür in seiner eigenen Aussage zu finden sein, nämlich, weil er befürchtete, daß, »falls ein Weltkrieg ausbrechen sollte, Deutschlands Lage hoffnungslos sein würde«.

Was Seyß-Inquart anbelangt, so werden Sie sich an Görings Anweisung an ihn vom 26. März 1938 (3460-PS, US-437) erinnern, antisemitische Maßnahmen in Österreich durchzuführen, der der Bericht vom 12. November von einem seiner eigenen Beamten nachfolgt. Was die Juden in den Niederlanden angeht, so gesteht er ein, daß er von ihrer Deportation wußte, sagt aber, daß er machtlos war, diese aufzuhalten, da sie von Berlin befohlen war. Er gibt weiterhin zu, daß er wußte, daß sie nach Auschwitz kamen und behauptet, er habe dorthin geschickt, um sich über sie zu erkundigen, worauf ihm gesagt worden sei, daß sie sich wohl befänden; er habe auch veranlaßt, daß sie Post von Auschwitz nach Holland senden konnten. Klingt es wirklich wahrscheinlich, daß Seyß-Inquart bei dem Eingeständnis seines Wissens von Massenverbrechen an Juden in den Niederlanden – zum Beispiel: »eine Aktion, um die Juden zur Sterilisation zu zwingen« –, bei seinem weiteren Eingeständnis, daß zahlreiche und schwere Ausschreitungen in den niederländischen Konzentrationslagern vorgekommen seien und daß er dies in Kriegszeit »als beinahe unvermeidlich ansah«, der vorgibt, daß im Vergleich mit Lagern anderswo »es vielleicht nicht ganz so schlecht in den Niederlanden war« –, ist es möglich, daß er, wie er vorgibt, wirklich zu der Annahme verleitet war, den Leuten in Auschwitz ginge es »verhältnismäßig gut«?

Wir kommen nunmehr zu den Angeklagten Speer und Fritzsche, die in diesem Prozeß als Sachverständige erschienen sind. Speer hat zugegeben, daß seine Verantwortlichkeit für die Aushebung von Arbeitern dazu beigetragen hat, die Gesamtzahl der Arbeiter unter ihm auf 14000000 zu bringen. Er erklärte, daß bei seiner Amtsübernahme im Februar 1942 sämtliche Brüche und Verletzungen des Völkerrechts, deren er angeklagt werden könnte, bereits Tatsachen gewesen seien. Trotzdem fährt er fort zu erklären.

»Die Arbeitskräfte wurden... gegen ihren Willen nach Deutschland gebracht, und ich hatte nichts dagegen einzuwenden, daß sie gegen ihren Willen nach Deutschland kamen; ich habe im Gegenteil in der ersten Zeit, bis zum Herbst 1942, sicher auch meine ganze Energie eingesetzt, daß möglichst viele Arbeitskräfte nach Deutschland kamen.«

[587] Weiterhin wurden von Sauckel Arbeitskräfte zu seiner Verfügung gestellt, für deren Zuteilung je nach Dringlichkeit er verantwortlich war.

Er bestätigte die Aufnahme von 1000000 Sowjetarbeitern im August 1942. Am 4. Januar 1944 forderte er 1300000 Arbeiter für das kommende Jahr an. Speer hat keinerlei Verteidigung für diese Zwangsaushebung von Arbeitern vorgebracht; allerdings hat er behauptet, daß er von 1943 an die Zurückbehaltung französischer Arbeiter in Frankreich befürwortet habe, was lediglich ein milderndes Moment darstellt; die Mäßigung in Speers Verhalten darf nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß es die von ihm rückhaltlos angenommene und durchgeführte Politik war, die für Millionen von Sowjet- und anderen Familien das erschreckendste Elend und Leid bedeutet hat.

Hier zeigt sich wieder einmal das vollständige Fehlen jeglicher Rücksicht für das Schicksal anderer, das wie ein schmutziger Faden durch das gesamte Beweismaterial dieses Prozesses hindurchläuft, und kein moralisches Erwachen bei Kriegsende für die Interessen des deutschen Volkes (ich wiederhole: »des deutschen Volkes«) kann die Teilnahme an dieser entsetzlichen Aktion aus der Welt schaffen.

Hinsichtlich der Behandlung ausländischer Arbeiter ist es Speers allgemeine Ansicht, daß das Beweismaterial der Anklagevertretung lediglich einzelne schlechte Beispiele umfaßt, die nicht als Allgemeinzustand betrachtet werden sollten. Wenn das allerdings der Allgemeinzustand gewesen sei, so hätte er die Verantwortung zu übernehmen.

Die Anklagevertretung stellt fest, daß das von ihr vorgelegte Material einen überzeugenden Beweis für den schlechten Allgemeinzustand darstellt.

Neurath, der dem Hohen Gerichtshofe erzählt hat, daß er in Hitlers Regierung eingetreten sei, um sie friedliebend und anständig zu erhalten, wußte innerhalb weniger Wochen, daß die Juden verfolgt wurden, daß angesehene ausländische Zeitungen und auch angesehene deutsche Zeitungen offiziell die Zahl von 10000 bis 20000 Internierten angaben. Er wußte, daß die Opposition, Kommunisten, Gewerkschaftler und Sozialdemokraten, als politischer Faktor vernichtet wurde. Dann folgte die blutige Säuberungsaktion, und trotzdem machte er weiter und sekundierte Hitler bei seinen Verletzungen des Versailler Vertrags. Wir haben Ale Aussage von Paul Schmidt vorliegen, wo nach die Ermordung von Dollfuß und der versuchte Putsch in Österreich die Berufsdiplomaten des Auswärtigen Amtes schwer beunruhigt hat, während ihnen der gegenseitige Beistandspakt zwischen Frankreich und Rußland als weitere ernste Warnung vor den möglichen Folgen der deutschen Außenpolitik erschienen ist.

[588] »Zu diesem Zeitpunkt haben wenigstens die Berufsdiplomaten dem Außenminister Neurath ihre Vorbehalte zum Ausdruck gebracht. Ich weiß nicht, ob Neurath diese Ausdrücke der Besorgnis seinerseits Hitler übermittelt hat oder nicht.« (Dokument 3308-PS, GB-288.)

Selbst als Raeder Befehle über die Gefahr erließ, »Kriegsbegeisterung« zu zeigen, will von Neurath Sie immer noch glauben machen, daß er deren Anwachsen nicht bemerkt habe. Er sah, wie Raeder, klar die kommenden Ereignisse (Dokument C-194, US-55) und nahm an ihnen teil – die Geheimkonferenzen, die Behandlung von Blombergs und von Fritschs –, er war es, der zur Zeit des Anschlusses, obwohl er nicht mehr Außenminister war, mit seinem noch nicht erkennbar befleckten Namen Hitlers Aktion durch die Übermittlung von Unwahrheiten bei der Zurückweisung der britischen Note und durch beruhigende Einwirkung auf die Tschechen unterstützt hat. Diese Beruhigungsversicherungen dürfen niemals vergessen werden – es kann bestimmt keinen scheußlicheren Zynismus geben als den von Neuraths, der Teilnehmer der Hoßbach-Konferenz gewesen war und Herrn Mastny feierlich versicherte, daß Hitler sich an den Schiedsgerichtsvertrag mit der Tschechoslowakei halten werde. Kaum war Hitler in Prag einmarschiert, wurde er Protektor für Böhmen und Mähren. Sie haben sein Geständnis gehört, daß er alle Verordnungen über die Behandlung der Juden, die in Deutschland von 1933 bis 1939 erlassen worden waren, zur Durchführung gebracht hat.

Fritzsches Werk war die Organisation der gesamten deutschen Presse, damit sie zu »einem ständigen Instrument des Propagandaministeriums« werde. (Dokument 3469-PS, US-721). Propaganda war der mächtigste Faktor in der gesamten Nazi-Strategie. Dieser Faktor machte wiederum die Presse zu seiner mächtigsten Waffe. Die Tatsache, daß Fritzsche wissentlich im Einsatz seiner Organisation mitgewirkt hat, zeigt sich in seinem Versuch, die jeweiligen Propagandaaktionen reinzuwaschen, die zu jedem der verschiedenen, in seinem Affidavit erwähnten Angriffe führten. Wie er erklärte:

»... waren alle von mir geprüften Nachrichten wohl voller Tendenz, aber nicht erfunden.« (Dokument 3469-PS, US-721.)

Es ist unglaubhaft, daß er nicht die Unehrlichkeit erkannte, mit der die deutsche Politik geführt wurde, obwohl er immer wieder zur Ausführung von etwas berufen wurde, das ausdrücklich als Aktion bezeichnet wurde – und obwohl er jedesmal die praktischen Ergebnisse sah; oder daß er den Angriffskrieg nicht als das Ziel der Nazi-Regierung erkannt haben will. Seine persönliche Fähigkeit [589] als Rundfunksprecher ließ ihn in der Tat zum offiziellen Kommentator werden. Es sollen seine eigenen Worte zitiert werden:

»Ich darf hinzufügen, daß es mir sogar bekannt ist, daß an entlegenen Frontabschnitten z.B. oder bei deutschen Kolonien im Auslande meine Rundfunkansprachen als politischer Kompaß genommen wurden.«

Er hat hervorgehoben, daß er in diesen Berichten freie Hand hatte. Besteht irgendein Zweifel darüber, daß dies vor allem so war, weil er bereit war, jegliche Art von Lügen über den Rundfunk zu verbreiten, die Goebbels wünschte? Er selbst sagt über die Verwendung, die von seinem Einfluß gemacht wurde:

»... immer wieder aber wurde ich aufgefordert, Haß zu erwecken gegen Einzelpersonen und gegen Systeme.« (Sitzungsprotokoll vom 26. Juni 1946; Band XVII, Seite 165.)

Sie haben ein Muster davon in seinem Rundfunkbericht über die »Athenia« gesehen (D-912, GB-526). Schon im Jahre 1940 hat er sich weit genug von der Zurückhaltung entfernt, die er als Zeuge gern glaubhaft machen wollte, wenn er damals die Polen »Untermenschen« und »Tiere in menschlicher Gestalt« nannte. (Dokument USSR-492.)

Am 18. Dezember 1941 kam er auf das Schicksal der europäischen Juden mit folgenden Worten zu sprechen:

»Das Schicksal des Judentums in Europa ist so unangenehm ausgefallen, wie der Führer für den Fall eines europäischen Krieges es vorausgesagt hatte. Nach der Ausbreitung des durch Juden angestifteten Krieges wird sich dieses Schicksal möglicherweise auch auf die Neue Welt ausdehnen, denn es ist kaum anzunehmen, daß die Nationen dieser Neuen Welt den Juden das Elend, von dem die alte Welt sie nicht freisprach, verzeihen werden.« (Dokument 3064-PS, US-723.)

Es gibt wohl wenige scheußlichere oder den Haß stärker hervorrufende Anklagen unter dem ganzen Gift der Nazi-Lügen gegen die Juden, als diejenige der Anstiftung des Krieges, der solches Elend über die Menschheit gebracht hat; trotzdem hat sie dieser gebildete und kluge Angeklagte bewußt erhoben.

Man kann sich nur schwer eine widerlichere oder gefühllosere Lobhudelei auf Hitlers Angriffe vorstellen als seine Rede vom 9, Oktober 1941, die folgende Worte enthielt:

»... und wir sind besonders dankbar für diese blitzschnellen Siege, weil sie – wie der Führer am vorigen Freitag betonte – uns die Möglichkeit geben, mit der Organisation Europas und jetzt schon mitten im Kriege mit der Hebung der Schätze dieses alten Kontinents zu beginnen, [590] ohne daß Millionen und aber Millionen von deutschen Soldaten Wache stehen müssen.« (3064-PS, US-723.)

Vielleicht kann der Schlüssel zu Fritzsches Bereitwilligkeit, die Übeltaten seiner Meister zu verheimlichen, in dem Grundprinzip seiner Propaganda gefunden werden:

»Aber entscheidend für einen solchen Aufklärungsapparat ist ja nicht die Einzelheit, sondern entscheidend ist die letzte und tiefste Grundlage, auf der eine Propaganda aufgebaut ist. Entscheidend ist der Glaube an die Sauberkeit der Staatsführung, auf die irgendwie jeder Journalist sich verlassen muß.«

Fritzsche unterhielt tatsächlich bis zum allerletzten Tag die ausgezeichnetsten Beziehungen zu Dr. Goebbels. Wenn sich der Hohe Gerichtshof das Bild des totalen Radikalismus und des wilden Antisemitismus vor Augen hält, das die übrigen Angeklagten von Goebbels entworfen haben, so kann man sich schwerlich vorstellen, daß die Verehrung seines engsten Mitarbeiters lediglich auf unschuldige Unwissenheit begründet sein soll.

Die Anklagevertretung hält es für geradezu lächerlich, wenn solch ein Mensch versucht, Sie zu überzeugen, daß er in völliger Unkenntnis dieser Schrecken fortfuhr, das deutsche Volk anzufeuern und zu überreden, auf dem Pfad des Verderbens weiterzuschreiten. Fritzsche teilt mit Streicher, Rosenberg, Schirach die Verantwortung für die völlige Entwürdigung des deutschen Volkes, womit es »das Tor des Mitleids vor der Menschheit verschloß«. Nur auf deren Veranlassung geschah es, daß sich Szenen wie auf dem jüdischen Friedhof in Schweiz an jenem Sonntagmorgen im Oktober 1939 ereignen konnten, wo 200 von Keitels anständigen Wehrmachtsoldaten ohne Murren der Ermordung jener Wagenladungen voll Frauen und Kindern zusahen. Sie erinnern sich an die Geschichte, die drei von ihnen erzählt haben:

»Am Samstag... hörte ich... bei Gesprächen unter Kameraden, daß am Vormittag auf dem Judenfriedhof in Schwetz eine größere Anzahl Polen erschossen worden seien... Das Gespräch über die bevorstehende Erschießung war unter den in Schwetz untergebrachten Soldaten allgemein. Infolgedessen begab ich mich am Sonntagmorgen mit dem größten Teil meiner Kompaniekameraden zum Judenfriedhof, wo wir bis 9.00 Uhr zunächst vergebens warteten.

... als ein größerer Autobus beladen mit Frauen und Kindern zum Friedhof hineinfuhr. Wir sahen dann, wie eine Gruppe von einer Frau und drei Kindern... zu einem ausgeschaufelten Grab... hingeführt wurden.

Die Frau mußte in dieses Grab hinabsteigen und nahm dabei ihr jüngstes Kind auf dem Arm mit. Die beiden anderen [591] Kinder wurden ihr von zwei Männern des Exekutionskommandos gereicht. Die Frau mußte sich nun bäuchlings mit dem Gesicht zur Erde ins Grab legen, ihre drei Kinder zur Linken in derselben Weise angereiht. Danach stiegen vier Mann des Kommandos ebenfalls in das Grab, legten ihre Gewehre so an, daß die Mündung der Gewehre etwa 30 cm vom Genick entfernt war und erschossen auf diese Weise die Frau mit ihren drei Kindern... Im ganzen wurden etwa 9 bis 10 Gruppen Kinder und Frauen jedesmal zu Vieren in demselben Massengrab erschossen. Nach der Erschießung der dritten oder vierten Gruppe wurden noch zwei Kameraden zum Zuschaufeln herangezogen. Der Erschießung sahen in einer Entfernung von 30 Metern etwa 200 Soldaten der Wehrmacht zu.

Etwas später kam ein zweiter Omnibus, beladen mit Männern, auf den Friedhof gefahren; darunter befand sich noch eine Frau. Diese Männer wurden in Gruppen zu Vieren eingeteilt, mußten in das Grab, in dem die frischen Leichen nur notdürftig mit Sand zugestreut waren, hineinsteigen, sich bäuchlings der Länge nach hinlegen, wo sie dann von den vier Männern des Kommandos durch Genickschuß erledigt wurden...« (USSR-342.)

Und nun wird von Ihnen verlangt, zu glauben, daß diese 21 Minister und führenden Staatsbeamten von diesen Vorgängen nichts gewußt hätten – nicht verantwortlich gewesen seien. Es liegt an Ihnen, die Entscheidung zu fällen.

Vor vielen Jahren sagte Goethe vom deutschen Volk, daß eines Tages sein Schicksal es ereilen würde:

»Das Schicksal wird sie schlagen, weil sie sich selbst verrieten und nicht sein wollten, was sie sind. Daß sie den Reiz der Wahrheit nicht kennen, ist zu beklagen, daß ihnen Dunst und Rauch und berserkerisches Unmaß so teuer ist, ist widerwärtig. Daß sie sich jedem verrückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt und sie lehrt, Nationalität als Isolierung und Roheit zu begreifen, ist miserabel.«

Mit welch prophetischer Stimme hat er gesprochen – denn dies hier sind die wahnwitzigen Schurken, die genau diese Dinge ausgeführt haben.

Einige mögen schuldiger sein als andere: Einige spielten eine tätigere und unmittelbarere Rolle als andere in diesen furchtbaren Verbrechen. Aber wenn es sich um Verbrechen handelt wie die, mit denen Sie hier zu tun haben – Sklaverei, Massenmord und Weltkrieg –, wenn die Folgen der Verbrechen der Tod von über 20 Millionen unserer Mitmenschen sind, die Verwüstung eines Erdteils, [592] die Ausbreitung unsagbarer Tragödien und Leiden über eine ganze Welt, was für ein Milderungsgrund ist es, daß einige in geringerem Maß beteiligt sind, daß einige Haupttäter und einige nur Mittäter sind? Was macht es aus, ob einige ihr Leben nur tausendmal verwirkt haben, während andere millionenfach den Tod verdienen?

In einer Hinsicht bedeutet das Schicksal dieser Menschen nur wenig: Ihre persönliche Macht zum Bösen ist für immer zerbrochen; sie haben sich gegenseitig überführt und in Verruf gebracht und endgültig die Legende zerstört, die sie um die Gestalt ihres Führers geschaffen hatten. Doch von ihrem Schicksal hängen notwendigerweise immer noch erhebliche Belange ab, denn der Weg der Wahrheit und Rechtlichkeit unter den Völkern der Welt, die Hoffnung auf zukünftige internationale Zusammenarbeit in der Anwendung von Recht und Gesetz liegen in Ihrer Hand. Dieser Prozeß muß zu einem Markstein in der Geschichte der Zivilisation werden, indem er nicht nur für diese schuldigen Menschen die Vergeltung bringt und nicht nur betont, daß Recht schließlich über das Böse triumphiert, sondern auch, daß der einfache Mann auf dieser Welt – und ich mache hier keinen Unterschied zwischen Freund und Feind – nunmehr fest entschlossen ist, das Individuum höher zu stellen als den Staat. Der Staat und das Gesetz sind für die Menschen gemacht, damit diese durch sie ein Leben stärkerer Erfüllung erreichen können, ein höheres Endziel und größere Würde. Staaten mögen groß und mächtig sein. Im allerletzten Sinn bilden die Menschenrechte, geschaffen wie der Mensch selbst nach dem Bilde Gottes, das Fundament. Wenn der Staat diese Dinge außer acht läßt, sei es, weil es wie hier seinen Führern nach Macht und Stellung gelüstet, sei es unter dem trügerischen Vorwand, daß der Zweck die Mittel heiligt, so mögen sie eine Zeitlang verdunkelt werden und untergehen. Doch sie bleiben bestehen und werden sich stärker als zuvor zur Geltung bringen und ihr Vorhandensein noch augenscheinlicher machen. Und nunmehr, nach dieser Prüfung, die die Menschheit sich selbst auferlegt hat – in ihrem Kampf, in allen Ländern der Welt die gemeinsamen schlichten Begriffe Freiheit, Liebe, Verstehen wieder herzustellen –, tritt sie vor diesen Gerichtshof und ruft aus: »Dieses sind unsere Gesetze – verschafft ihnen Geltung.«

Dann sollen jene anderen Worte von Goethe zur Tat werden, nicht allein, wie wir hoffen, für das deutsche Volk, sondern für die gesamte Menschheit:

»So sollten es die Deutschen halten... weltempfangend und weltbeschenkend, die Herzen offen jeder fruchtbaren Bewunderung, groß durch Verstand und Liebe, durch Mittlertum und Geist – so sollten sie sein, das ist ihre Bestimmung.«

[593] Wenn die Zeit kommt, da Sie Ihre Entscheidung zu fällen haben, so werden Sie sich an die Geschichte von Gräbe erinnern, aber nicht mit Rachegefühlen, sondern in dem festen Entschluß, daß diese Dinge nie wieder vorkommen dürfen.

»Der Vater« – erinnern Sie sich? – »zeigte mit dem Finger gen Himmel und schien dem Jungen etwas zu sagen.«


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird sich vertagen.


[Das Gericht vertagt sich bis

29. Juli 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 19, S. 534-595.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Zwei Schwestern

Zwei Schwestern

Camilla und Maria, zwei Schwestern, die unteschiedlicher kaum sein könnten; eine begnadete Violinistin und eine hemdsärmelige Gärtnerin. Als Alfred sich in Maria verliebt, weist diese ihn ab weil sie weiß, dass Camilla ihn liebt. Die Kunst und das bürgerliche Leben. Ein Gegensatz, der Stifter zeit seines Schaffens begleitet, künstlerisch wie lebensweltlich, und in dieser Allegorie erneuten Ausdruck findet.

114 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon