Nachmittagssitzung.

[120] [Der Angeklagte Seyß-Inquart im Zeugenstand.]


DR. STEINBAUER: Herr Zeuge! Sie wurden von dem französischen Ankläger gefragt; ob Sie der Stellvertreter des Generalgouverneurs Frank waren und daher Auschwitz kannten: Wo liegt denn eigentlich Auschwitz?

SEYSS-INQUART: Auschwitz lag nicht im Generalgouvernement, sondern in dem Gebiet, das zum Gau Oberschlesien gekommen ist.


DR. STEINBAUER: Danke. Dann wurde Ihnen von dem gleichen Ankläger eine Zeugenaussage eines 20jährigen Mädchens, namens Kunze, vorgehalten, 3594-PS. Laut dieser Erklärung sollen Sie wiederholt an Himmler Berichte geschickt haben?


SEYSS-INQUART: Als mir diese Sache vorgetragen wurde gestern abend, war ich etwas müde und habe daher eine etwas mit dem Dokument in Widerspruch stehende Feststellung gemacht und behauptet, daß in Absatz 3 gewisse Mitteilungen erwähnt seien, die nichts mit mir zu tun hätten. Nun behauptet diese Zeugin, daß Berichte von mir über den Stand der Juden an Himmler gegangen sind, und zwar über die Sicherheitspolizei. Das ist ein kompletter Unsinn, der durch die Ergebnisse widerlegt ist. Die Reichskommissare unterstanden keineswegs Himmler, soweit es sich um die Judenfrage drehte. Ich habe über die Judenfrage vielleicht zwei bis drei Briefe geschrieben über ganz individuelle Fälle, die über meinen Stab an Himmlers Stab gingen, aber nie über die Sicherheitspolizei.


DR. STEINBAUER: Das genügt. Es wurde Ihnen weiter eine Aussage eines Dr. Karl Georg Schöngarth vorgehalten in der Frage der Geiselerschießungen.


SEYSS-INQUART: Jawohl. Schöngarth war der Nachfolger, besser gesagt Stellvertreter von Rauter, und es ist richtig, daß er zu mir gekommen ist, nachdem er die Attentatsstelle besichtigt hat. Er teilte mir mit, Himmler verlange die Erschießung von 500 wirklichen Geiseln, prominente holländische Männer. Ich war ganz erschrocken, und Schöngarth sagte sofort, das kommt gar nicht in Frage. Ich habe daraufhin Dr. Schöngarth sicher gesagt: Aber wir müssen doch etwas tun, wir müssen darauf doch reagieren. Darauf hat er mir mitgeteilt, daß eine Reihe von Vollstreckungsfällen vorhanden sind, die in den nächsten Tagen und Wochen zur Erschießung kommen, und er schlage vor, daß diese jetzt erschossen werden, und quasi als eine Antwort auf dieses Attentat bekanntgegeben werden.


DR. STEINBAUER: Haben Sie, respektive die Wehrmachtbefehlshaber, in den Niederlanden in der Geiselfrage irgendwelche [120] Warnungen an die Bevölkerung gerichtet, wie es völkerrechtlich usuell ist?


SEYSS-INQUART: Ich glaube, es liegt hier ein Dokument mit einer Warnung von mir gegen Sabotage und so weiter vor, in der ich androhe, im Falle des Zuwiderhandelns an das Eigentum heranzutreten und auch die Bevölkerung zu Bewachungsdiensten heranzuziehen.


DR. STEINBAUER: Darf ich das Hohe Gericht darauf aufmerksam machen, daß diese Warnung enthalten ist in 1163-PS.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich muß Ihnen ferner vorhalten das Dokument, das ein Verhör des Angeklagten General Christiansen darstellt, in dem er sagt, daß Sie derjenige waren, der den Befehl zur Geiselerschießung gegeben hat.

SEYSS-INQUART: Ich glaube, das sagt Christiansen nicht. Er gibt zu, daß er den Befehl gegeben hat, er meint nur, daß ich sozusagen hinter den Kulissen gedrängt habe. Ich habe meine Darlegungen gemacht, aber vielleicht kann der Zeuge Wimmer Näheres mitteilen, der ja bei dieser Besprechung anwesend war, wie Christiansen selber aussagt.

DR. STEINBAUER: Ich habe gestern abend diese Frage nochmals durchstudiert, weil mir der Beschluß des Gerichts nicht aus dem Kopf gegangen ist, daß diese Zeugenaussage, die ja eigentlich ein Beschuldigtenverhör ist, durch das Gericht angenommen wurde. Meines Erachtens scheint Paragraph 21 des Statuts etwas anderes zu meinen. Ich glaube, daß ein Teilstück natürlich keine Beweiskraft hat, denn theoretisch wäre es möglich, daß Christiansen jetzt in Holland durch die Engländer verurteilt wird mit der Begründung, daß seine Darstellung unrichtig ist. Nun möchte ich aber das Gericht nicht aufhalten, sondern nur bitten, die gleiche Darstellung des Kriminalkommissars Munt zu beachten, die ich schon im Dokument Nummer 77, Seite 199, vorgelegt habe.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich mache Ihnen dann einen weiteren Vorhalt. Der Herr französische Ankläger hat behauptet, daß die niederländischen Generalsekretäre von der Niederländischen Regierung als Regierung zurückgelassen wurden, daher Sie nicht berechtigt waren, Eingriffe in die Souveränität der Niederlande zu machen. Was sagen Sie dazu?

SEYSS-INQUART: Es ist mir nicht bekannt und ist auch, glaube ich, bedeutungslos. Die Niederlande haben kapituliert für das ganze Gebiet, mit Ausnahme von Seeland.

In diesen Kapitulationsbedingungen sind lediglich militärische Einzelheiten; zivilmäßig war es eine bedingungslose Kapitulation, [121] und ich glaube, daß ich mich infolgedessen völkerrechtlich im Recht befunden habe, die Regierung in die Hand zu nehmen.


DR. STEINBAUER: Hohes Gericht! Darf ich in diesem Zusammenhang ein Dokument vorlegen, das sich mit dieser Frage auseinandersetzt? Es ist dies das Urteil des Obersten Gerichtshofs der Niederlande vom 12. Jänner 1942. Ich werde in meinem Schlußvortrag rechtlich auf dieses Urteil Bezug nehmen. Es geht in beglaubigter Form in vier Sprachen dem Gericht zu im Wege der Staatsanwaltschaft, die damit einverstanden war, Nummer 96.


[Zum Zeugen gewandt:]


Dann hat der Herr Ankläger der Französischen Delegation behauptet, daß Sie diese Massenerschießungen und insbesondere Deportationen von Zivilarbeitern, Verschickungen von Juden gemacht haben, um die biologische Kraft der niederländischen Bevölkerung zu schwächen?

SEYSS-INQUART: Ich glaube, daß ich konkrete Tatsachen anführen kann, die meinen gegenteiligen Willen beweisen. Es ist sicher, daß in einem Kriege Verluste unter der Bevölkerung entstehen, und vielleicht hätte ich durch eine noch größere Aufmerksamkeit oder durch einen noch größeren Widerstand noch einiges verhindern können. Wenn es nicht geschehen ist, tut es mir wirklich leid. Aber entscheidend sind zwei Ziffern: Die Sterblichkeitsziffer und die Bevölkerungszunahme. Bis zum Jahre 1944 ist die Sterblichkeitsziffer in Holland auf Grund der statistischen Daten des Niederländischen Statistischen Amtes von 9.5 pro Mille auf 10 ganze gestiegen, im Jahre 1914 bis 1918 hingegen von 12 pro Mille auf 17 pro Mille, also um beinahe 50 Prozent, obwohl die Niederländer unter der eigenen Regierung standen, nicht im Kriege und nicht in der Blockade waren. Die Bevölkerungszunahme, nach mir im Jahre 1945 zugekommenen Daten des Statistischen Amtes, 1914 bis 1918, hat etwa auf die Hälfte abgenommen. Im Jahre meiner Verwaltung bis 1944 ist die Bevölkerungszunahme von 20 pro Mille auf beinahe 25 pro Mille gestiegen, das heißt, um ein gutes Viertel. Gewiß ist das in erster Linie der Lebenswille des niederländischen Volkes, aber sicherlich auch ein Ergebnis der Maßnahmen meiner zivilen Verwaltung.

DR. STEINBAUER: Ich lege zum Nachweis der Richtigkeit der Behauptungen meines Klienten eine Auskunft des Niederländischen Statistischen Zentralamtes vor. Die Antwort ist mir im Wege des Generalsekretariats zugekommen in einem deutschen und englischen Exemplar, nicht aber beglaubigt. Das Original dürfte im Generalsekretariat sein.


SEYSS-INQUART: Ich darf bemerken, daß in dieser Statistik...


VORSITZENDER: Dr. Steinbauer! Woraus leiten Sie die Erheblichkeit dieses Dokuments ab?


[122] DR. STEINBAUER: Weil in der Anklage und auch hier im Verfahren behauptet wurde, daß Seyß-Inquart die Absicht gehabt hat, das niederländische Volk zu germanisieren, den Widerstand zu brechen und auch verantwortlich gemacht wird insbesondere für den schlechten Gesundheitszustand, den Rückgang der Geburten und die Sterblichkeit. Das ist alles im niederländischen Regierungsbericht behauptet und zum Teil auch vorgetragen worden. Ich habe, gestern dieserhalb mit Erlaubnis des Gerichts die Anfrage gerichtet an die Niederländische Regierung, und diese Antwort ist zurückgekommen; sie hat sogar mehr beantwortet, als ich gefragt habe, insbesondere auch die Opfer des Krieges mit hineingenommen. Aber wir wollen der Wahrheit die Ehre geben und es so vorlegen, wie wir es bekommen haben.


VORSITZENDER: Legen Sie das also als Beweismittel vor? Bieten Sie es als Beweismittel an?


DR. STEINBAUER: Ich lege es vor, wie ich es vom Generalsekretariat so bekommen habe; es wäre Nummer 106.


SEYSS-INQUART: Ich bemerke, daß die Minderung der Geburtenziffer im Jahre 1914/1918 in diesem Bericht geringer angegeben ist, als in dem Bericht, den ich im Januar 1945 bekommen habe.


DR. STEINBAUER: Ich habe dann noch zwei kleine Fragen bezüglich Österreichs. Die erste Frage ist: Es ist Ihnen vom amerikanischen Anklagevertreter vorgehalten worden, daß Sie dem Mühlmann für Berchtesgaden Notizen mitgegeben haben. Können Sie sagen, was darin gestanden ist?


SEYSS-INQUART: Jawohl, das war das Ergebnis meiner soeben geführten Besprechungen mit Dr. Schuschnigg. Es hat vor allem die vereinbarte Heranziehung Dr. Jurys, Dr. Reinthallers und Dr. Fischböcks enthalten, den Ausbau der volkspolitischen Referate in der Vaterländischen Front, also kurz Dinge, die vereinbart waren und die Adolf Hitler in keiner Weise in Berchtesgaden für die österreichischen Nationalsozialisten durchzusetzen hatte.


DR. STEINBAUER: Dann hat Sie der amerikanische Ankläger gefragt, ob Sie wissen, daß Österreicher nach dem Anschluß in Konzentrationslagern gestorben sind. Sie haben gesagt nein, Sie wissen es nicht, aber auch in österreichischen Konzentrationslagern sind Leute gestorben. Sie haben hier im Saal im Laufe der Monate die Konzentrationslager kennengelernt. Wollen Sie etwa behaupten, daß sie gleich sind mit denen, die Sie gemeint haben?


SEYSS-INQUART: In keiner Weise.


DR. STEINBAUER: Danke, das genügt mir.


SEYSS-INQUART: Im übrigen habe ich ja auch gesagt, daß ich gehört habe, daß möglicherweise Österreicher in deutschen [123] Konzentrationslagern gestorben sind; mit dem, was wir hier von deutschen Konzentrationslagern gehört haben, kann man die österreichischen Konzentrationslager in keiner Weise vergleichen.


DR. STEINBAUER: Danke schön. Ich bin mit dem Verhör des Angeklagten als Zeugen fertig und würde mit Erlaubnis des Gerichts jetzt den ersten Zeugen zur österreichischen Frage, den General Glaise-Horstenau, aufrufen.

MR. FRANCIS BIDDLE, MITGLIED DES GERICHTSHOFS FÜR DIE VEREINIGTEN STAATEN: Angeklagter, Sie sagten, daß Sie die Gesetze für den Landkrieg als veraltet ansahen. Erinnern Sie sich?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


MR. BIDDLE: Waren Sie der Ansicht, daß alle veraltet waren?


SEYSS-INQUART: Nein.


MR. BIDDLE: Welche haben Sie als veraltet angesehen?


SEYSS-INQUART: Ich war der Meinung, daß die vertraglichen Bestimmungen über den Schutz der Zivilbevölkerung durch die Entwicklung der Waffentechnik überholt sind, weil ja gewisse Kampfmaßnahmen, totale Blockade, Vernichtungsbombenangriffe und so weiter primär auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung gerichtet sind und infolgedessen nur zu rechtfertigen sind, wenn man die Zivilbevölkerung als ein Kriegspotential betrachtet wie die Truppe an der Front. Wenn das aber der Fall ist, dann muß man die Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete in gleicher Weise betrachten können.


MR. BIDDLE: Und wenn Sie sagen, »in gleicher Weise betrachtet«, meinen Sie, daß Deutschland das Recht hatte, die Zivilbevölkerung zur Kriegführung einzusetzen, um Munition herzustellen und so weiter. Ist das nicht die Schlußfolgerung?


SEYSS-INQUART: Das ist meine Schlußfolgerung, ja.


MR. BIDDLE: Wann haben Sie diese Schlußfolgerung gezogen?


SEYSS-INQUART: Ich glaube, mit Zunahme der Bombenangriffe, ungefähr...


MR. BIDDLE: Lassen wir die Zunahme der Bombenangriffe. Nennen Sie mir bloß das Datum; wann kamen Sie dazu?


SEYSS-INQUART: Ende 1941, anfangs 1942.


MR. BIDDLE: Gut. Nun noch zwei weitere kurze Fragen. Sie erklärten, Sie hätten dem Führer gesagt, Sie würden nicht als trojanisches Pferd handeln, ist das richtig?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


MR. BIDDLE: Hat er Ihnen denn vorgeschlagen, daß Sie als trojanisches Pferd handeln sollten?


[124] SEYSS-INQUART: Nein, das nicht; aber ich bin mir über das Heikle meiner Situation voll im klaren gewesen. Ich war mir vollkommen im klaren, daß man mich mißbrauchen konnte für solche Zwecke, daß man hinter dem Rücken meiner Ministerschaft eine Situation vorbereiten konnte, um Österreich zu überrennen.


MR. BIDDLE: Sie haben diesen Ausdruck verwendet, nachdem Sie mit dem Führer einige Zeit gesprochen hatten; stimmt das?


SEYSS-INQUART: Im Laufe der Besprechung. Aber der Gedanke selbst ist mir schon früher gekommen, ich habe ihn nur während der Besprechung angebracht.


MR. BIDDLE: Ja, Sie haben diesen Gedanken schon einige Zeit gehegt?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


MR. BIDDLE: Seit Sie in diese österreichische Sache aktiv hineingeraten sind, haben Sie, so vermute ich, immer diesen Gedanken gehegt?


SEYSS-INQUART: Die Möglichkeit einer Zwiespältigkeit und eines Zwielichtes dieser Situation war mir vollkommen klar.


MR. BIDDLE: Daß Ihre Handlungen falsch ausgelegt werden könnten?


SEYSS-INQUART: Erstens; und zweitens, daß die Tatsache meines Wirkens auch in einer Weise ausgenutzt werden kann, die ich nicht beabsichtigte.


MR. BIDDLE: Natürlich, denn Sie vertraten gleichzeitig beide Parteien, und das ist von jeher eine schwierige Aufgabe gewesen, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Das ist richtig.


MR. BIDDLE: Kommen wir einmal auf die Bekanntmachung zu sprechen, in der das Eigentum von Staatsfeinden für beschlagnahmt erklärt wurde. Diese Erklärungen gingen doch von Ihnen in Ihrer Eigenschaft als Reichskommissar aus; nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


MR. BIDDLE: Und geschah das auf Grund einer Verordnung des Führers, die Sie dazu ermächtigte?


SEYSS-INQUART: Das war eine grundsätzliche Erklärung, die im Reich in Übung war, und ich habe, wenn auch nicht den Auftrag, so doch eine Art Weisung bekommen...


MR. BIDDLE: Einen Augenblick. Ich habe Sie nicht nach der Praxis gefragt. Sie geschah auf Grund einer Verordnung, nicht wahr? Die Praxis erfolgte unter einer Verordnung?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


[125] MR. BIDDLE: Und diese Verordnung fand auf alle besetzten Länder Anwendung, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Ich glaube nicht. Die Verordnung habe ich selbst in den Niederlanden erst kundgemacht. Die Maßnahmen in den Niederlanden erfolgten auf Grund meiner Verordnung.


MR. BIDDLE: Das weiß ich. Ich möchte Sie nicht verwirren. Diese Aktion wurde auf Grund einer Verordnung des Führers durchgeführt, die Ihnen die Vollmacht dazu gab; ist das richtig?


SEYSS-INQUART: Sagen wir auf Grund einer Weisung.


MR. BIDDLE: Einer Weisung des Führers?


SEYSS-INQUART: Ja.


MR. BIDDLE: Ist diese Weisung als Beweismittel vorhanden? Ist sie vorgelegt worden?


SEYSS-INQUART: Ich glaube nicht.


MR. BIDDLE: Gut. Nun sagen Sie uns, was darin war. Was war in dieser Weisung enthalten?


SEYSS-INQUART: Es war die allgemeine Weisung, daß man das Vermögen von Personen, die sich reichs feindlich betätigen, einziehen soll. Schon in Österreich habe ich ja eine ähnliche Verordnung erlassen. Die erste wurde im Reich selbst erlassen; das war das Vorbild.


MR. BIDDLE: Nun, Sie waren in den Niederlanden derjenige, in dessen völligem Ermessen es stand, zu entscheiden, wer ein Reichsfeind war und wer nicht. Das war doch nach der Verordnung Ihrem Ermessen überlassen?


SEYSS-INQUART: Nein, das war eigentlich die Sache der Polizei und des Gerichts.


MR. BIDDLE: Ich verstehe.


SEYSS-INQUART: Ich hatte nur einen Einfluß.


MR. BIDDLE: Nun, die Polizei brauchte doch nicht zu den Gerichten zu gehen, um diese Entscheidung zu erhalten, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Nein, entweder hat die Polizei direkt eine solche Entscheidung gefällt oder es sind die Leute dem Gericht überstellt worden, und das Gericht hat dann wegen bestimmter Delikte die Leute verurteilt, und auf Grund dieses Urteils wurden dann die vermögensrechtlichen Konsequenzen gezogen.


MR. BIDDLE: Auf Grund dieser Verordnung wurde das Vermögen der Freimaurer beschlagnahmt. Welches andere Vermögen welcher anderer Gruppen wurde in den Niederlanden auf Grund dieser Weisung des Führers beschlagnahmt? Ich meine nicht Personen, ich meine Gruppen.


[126] SEYSS-INQUART: Momentan fällt mir keine ein, aber es hat einige Gruppen noch gegeben.


MR. BIDDLE: Sagen Sie bitte, ob ich die Handhabung dem Wesen nach richtig verstanden habe. Die Polizei entschied, daß eine Person oder eine Gruppe von Personen auf Grund ihrer Äußerungen oder Handlungen Reichsfeinde waren, und daraufhin wurde dann ihr Eigentum beschlagnahmt. Ist das richtig?


SEYSS-INQUART: Ja. Und zwar die entscheidende Stelle war damals Heydrich.


MR. BIDDLE: Die entscheidende Stelle war Heydrich?


SEYSS-INQUART: Die niederländischen Stellen haben das durchgeführt.


MR. BIDDLE: Und Sie führten die Entscheidungen Heydrichs durch? Richtig?


SEYSS-INQUART: Ich habe die Entscheidungen Heydrichs in vermögensrechtlicher Beziehung durchgeführt. Die Gesellschaft der Bibelforscher hat dazugehört.

MR. BIDDLE: Oh, die Bibelforscher gehörten auch zu der Gruppe?


SEYSS-INQUART: Die haben auch dazugehört.


MR. BIDDLE: Und das Vermögen der Bibelforscher wurde ebenfalls beschlagnahmt, da sie doch Reichsfeinde waren?


SEYSS-INQUART: Sie werden nicht viel gehabt haben, aber was da war, wurde konfisziert, und zwar wegen ihrer Stellungnahme, der Kriegsdienstverweigerung.


MR. BIDDLE: Sie weigerten sich... ich möchte das klar haben. Das ist interessant. Die Bibelforscher weigerten sich zu kämpfen oder bei den deutschen Kriegsanstrengungen Dienste zu leisten, und daher wurde ihr Vermögen beschlagnahmt. Ist das richtig?


SEYSS-INQUART: Nicht ganz. Die Bibelforscher in Deutschland weigerten sich, in der deutschen Armee zu dienen. Da wurden sie zuerst dort verboten, und dieses Verbot wurde dann ausgedehnt auf alle Gebiete...


MR. BIDDLE: Einen Augenblick bitte. Davon spreche ich nicht. Ich spreche von den Niederlanden. Traf das für die Niederlande zu?


SEYSS-INQUART: Ja. Aber die niederländischen Bibelforscher sind nicht deshalb verboten worden, weil sie sich geweigert hätten, in der deutschen Armee zu dienen, sondern sie sind verboten worden, weil man grundsätzlich gegen die Bibelforscher war.


MR. BIDDLE: Ich verstehe, aus allgemeinen Grundsätzen. Sie waren Pazifisten, daher waren Sie gegen sie und beschlagnahmten ihr Eigentum. Richtig?


[127] SEYSS-INQUART: Ja.


VORSITZENDER: Der Angeklagte kann zur Anklagebank zurückkehren.


[Der Zeuge verläßt den Zeugenstand.]

[Der Zeuge Glaise-Horstenau betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Geben Sie Ihren vollen Namen an.

ZEUGE EDMUND GLAISE-HORSTENAU: Edmund Glaise-Horstenau.


VORSITZENDER: Bitte sprechen Sie mir den folgenden Eid nach: »Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde.«


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


VORSITZENDER: Sie können Platz nehmen.

DR. STEINBAUER: Herr Zeuge! Welche Stellung hatten Sie in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie?


GLAISE-HORSTENAU: Geboren 1882 in Braunau in Oberösterreich, Offiziersfamilie französischer Abkunft. 1918 österreichischer Generalstabsmajor im österreichischen Hauptquartier, Referent für Politik und Presse.


DR. STEINBAUER: Welche Stellung hatten Sie dann in der österreichischen Republik?


GLAISE-HORSTENAU: Nach dem Umsturz im Jahre 1918 Zivildienst, Universitäts-Archivdirektor, Historiker und Schriftsteller, unter anderem Verfasser eines grundlegenden Werkes über den Zusammenbruch Alt-Österreichs, welche...


DR. STEINBAUER: Herr General! Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche. Wir wollen nur Ihre öffentlichen Stellungen kurz haben. Welche öffentlichen Stellungen haben Sie bekleidet in der Republik?

GLAISE-HORSTENAU: Archivdirektor, dann vom 11. Juli 1936 an Minister im Kabinett Schuschnigg, als Betreuer des Juli-Abkommens. In den Märztagen 1938 im Kabinett Seyß-Inquart.

November 1939 freiwillig in die deutsche Armee eingetreten. Zuerst das wenig rühmliche Geschäft eines Kriegsgräber-Inspekteurs, dann von 1941 an militärdiplomatische Verwendung in Zagreb, ohne Truppenkommando. September 1944 Sturz in Zagreb, weil ich als alter Österreicher, entgegen der offiziellen Politik, der grundsätzliche Widersacher des Ustascha-Terrors gewesen bin – und auch, weil ich angeblich das von uns gewählte und bestimmte [128] Staatsoberhaupt Ante Pavelic mitunter undiplomatisch ein kriminelles Subjekt genannt hätte.


DR. STEINBAUER: Herr General! Ich werde einige kurze Fragen an Sie richten. Mir genügt, daß Sie diese schlagwortartig beantworten. Das Gericht will nicht viel vom Anschluß, aber alles wissen, wie der Anschluß gemacht wurde. Deshalb frage ich Sie ganz kurz:

Waren Sie nach dem Juli-Putsch 1934 irgendwie in Verbindung mit Kanzler Schuschnigg?


GLAISE-HORSTENAU: Ja.


DR. STEINBAUER: Wie war denn die damalige wirtschaftliche Lage?

GLAISE-HORSTENAU: Die damalige wirtschaftliche Lage kennzeichnet sich durch die Durchschnittsziffern der Arbeitslosen. Von sechs Millionen Einwohnern waren 400 000 arbeitslos, das heißt, mit Familien jedesmal über eine Million im Elend der Arbeitslosigkeit.


DR. STEINBAUER: Welche Möglichkeiten bestanden nun bezüglich Vergrößerung des Wirtschaftsgebietes?


GLAISE-HORSTENAU: Ich darf hier offen sofort sagen, daß allen diesen Möglichkeiten immer ein »Nein« entgegengesetzt wurde. Wenn Österreich den Anschluß wollte, hieß es: »Nein«. Wenn Österreich die Habsburger zurückrufen wollte, hieß es: »Nein«. Wenn Österreich in einer deutschen Zollunion eine Vergrößerung des Wirtschaftsgebietes haben wollte, hieß es »Nein«. Und wenn große Männer, wie Briand, wie Tardieu, von einer Donauföderation sprachen, bekamen wir von autarkiefrohen Nachbarn immer wieder kalte Schultern zu sehen. – Das ist die österreichische Tragödie.


DR. STEINBAUER: Nun hat sich eine Partei gebildet, die den Anschluß als Hauptprogramm aufgefaßt hat. Wie waren die Kampfmethoden dieser Partei?


GLAISE-HORSTENAU: Im Jahre 1918 war die Bannerträgerin des »Anschlusses« nicht zuletzt die Sozialdemokratische Partei, geführt von Otto Bauer, der bereits ein Jahr zuvor den Anschluß als das einzig Mögliche für das österreichische Proletariat erklärte. Später drängte sich dann stark in den Vordergrund die Nationalsozialistische Partei, allerdings erst Ende der zwanziger Jahre geeinigt, in dem sie sich bedingungslos der Führung Adolf Hitlers unterstellte.


DR. STEINBAUER: Wer war der damalige Führer der NSDAP in Österreich?


GLAISE-HORSTENAU: Die Führer selbst haben stark gewechselt. Hitler hatte jedoch in der Person des Preußen Doktor... [129] Wie heißt er, der Preuße?... in der Person eines Preußen... nur fällt der Name momentan nicht ein,... hatte er einen Landesinspekteur geschickt, welcher dann im Jahre 1933 von Dollfuß landesverwiesen wurde. Habicht, Dr. Habicht heißt er.


DR. STEINBAUER: Nach ihm war, ist das richtig, Hauptmann Leopold?


GLAISE-HORSTENAU: Nach ihm trat Hauptmann Leopold an die Spitze der Partei.


DR. STEINBAUER: Und wie standen nun die österreichischen Nationalsozialisten zu Adolf Hitler?


GLAISE-HORSTENAU: Sie fühlten sich ihm unbedingt zu Gehorsam und Treue verpflichtet.


DR. STEINBAUER: Es ist nun das bekannte Übereinkommen vom 11. Juli 1936 geschlossen worden, und Sie haben nach diesem Übereinkommen Seyß-Inquart kennengelernt. Was hat er Ihnen über seine politischen Ziele mitgeteilt?


GLAISE-HORSTENAU: Ich habe Seyß-Inquart unmittelbar vor diesem Übereinkommen näher kennengelernt. Ich erinnere mich nicht genau, was er damals über seine politischen Ziele mir mitzuteilen hatte. Im allgemeinen stimmt es mit dem überein, was er später als politisches Ziel aufstellte.


DR. STEINBAUER: Nämlich? Bitte ganz kurz.


GLAISE-HORSTENAU: Die Partei nicht als Organisation, sondern nur in Form von Ideenträgern in das Totalitätsinstrument des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes, in die Vaterländische Front – dabei Bekenntnis dieser Ideenträger zu Staat und Verfassung in Österreich – Segen Adolf Hitlers hierzu.


DR. STEINBAUER: Haben Sie selbst mit dem Führer Adolf Hitler einmal verhandelt oder gesprochen?


GLAISE-HORSTENAU: Ich habe, abgesehen von den Märztagen des Jahres 1938, dreimal Gelegenheit gehabt, mit Adolf Hitler zu sprechen.

DR. STEINBAUER: Wann ist nun Seyß-Inquart in die Regierung eingetreten?


GLAISE-HORSTENAU: Seyß-Inquart ist in die Regierung nach dem 12. Februar 1938 eingetreten.


DR. STEINBAUER: Hat er Adolf Hitler besucht?


GLAISE-HORSTENAU: Er hat meiner Erinnerung nach am 17. Februar Adolf Hitler besucht.


DR. STEINBAUER: Hat er über seinen Besuch bei Hitler Schuschnigg und anderen Mitgliedern des Kabinetts Bericht erstattet?


[130] GLAISE-HORSTENAU: Schuschnigg ganz bestimmt, mir auch.


DR. STEINBAUER: Hat er mitgewirkt bei der geplanten Volksabstimmung, die für den 13. März 1938 vorgesehen war?


GLAISE-HORSTENAU: Ich bin damals ohne Wissen von der Volksabstimmung am 6. bereits auf einen 14tägigen Urlaub gegangen, so daß ich darauf keine verläßliche Antwort zu geben vermag.


DR. STEINBAUER: Aber wissen Sie, ob diese Volksabstimmung im Ministerrat beschlossen wurde, mit Zustimmung Seyß-Inquarts, oder nicht? Hat er Ihnen nachträglich solche Mitteilungen gemacht?

GLAISE-HORSTENAU: Meines Wissens hat die Volksabstimmung keinen Ministerrat beschäftigt.


DR. STEINBAUER: Waren die Nationalsozialisten mit der Volksabstimmung einverstanden?


GLAISE-HORSTENAU: Soviel ich nach meiner Rückkehr vom Urlaub ersehen konnte, absolut nicht.


DR. STEINBAUER: Nun ist bekanntgeworden, daß Schuschnigg eine Volksabstimmung vornehmen will. Wo waren Sie, was haben Sie damals erlebt?


GLAISE-HORSTENAU: Ich hatte am 6. Februar... März, wie ich schon sagte, einen Urlaub angetreten, hielt am 7. März einen seit langem in Aussicht genommenen Vortrag in Stuttgart. Thema: »Mitteleuropa im Jahre 1000 nach Christi.«


DR. STEINBAUER: Details interessieren uns nicht, nur Fakten.


GLAISE-HORSTENAU: Dann unternahm ich einen rein privaten Ausflug nach Landau in der Pfalz, um Verwandte aus der Franzosenzeit zu besuchen. Dort suchte mich Bürckel, dem ich nichts von meiner Ankunft gesagt hatte, auf und in der Wohnung Bürckels hörte ich im Radio die Ansprache Schuschniggs in Innsbruck. Mir war sofort klar, daß diese Plebiszitansage bei der Eigenart Hitlers bestimmt irgendeine schwere Gegenaktion herausrufen werde, und ich war entschlossen, sofort nach Wien zurückzufliegen. Bürckel, der das arrangieren sollte, telephonierte jedoch mit der Reichskanzlei, und Hitler sprach den Wunsch aus, ich möge nach Berlin kommen. – Ich habe vor dem amerikanischen Interrogator die Gründe, die mich bewogen, dieser Aufforderung nachzukommen, erörtert. Nachträglich, erst hier, erfuhr ich, warum mich Hitler nach Berlin gerufen hatte. Aus dem Munde eines absolut authentischen Zeugen ging hervor, daß er mich nicht nach Österreich zurückfahren lassen wollte; er wußte, daß ich ein Feind aller gewaltsamen Lösungen war. In der Nacht vom 9. auf den 10. März kam ich zu Hitler. Er kam nach zweieinhalbstündigem Gespräch, das keine konkreten Formen annahm, noch zu keinem Entschlusse, sondern sagte mir, [131] er werde mich im Laufe des Tages, zuerst um 11.00 Uhr vormittags, rufen lassen. In der Tat rief er mich erst um 8.00 Uhr abends und drückte mir für Seyß-Inquart Entwürfe

a) für ein Demissionsangebot an Schuschnigg,

b) für eine Rede durch das Radio

in die Hand. – Ich erklärte, diese Entwürfe nicht selbst nach Österreich bringen zu können, es möge das der normale Kurier tun.

Später bekam ich noch vom damaligen Feldmarschall Göring einen dritten Entwurf in die Hand gedrückt, welcher ein Telegramm enthielt mit einer zweiten Bitte an Hitler um Einmarsch deutscher Truppen. Ich sage gleich vorweg, alle diese drei Entwürfe hatten keinerlei – wahrscheinlich meines Wissens auch der dritte – hatten keinerlei aktuelle Bedeutung erhalten. Das waren meine Erlebnisse am 11. in Berlin.

DR. STEINBAUER: Sie sind dann nach Wien geflogen und haben Seyß-Inquart getroffen. Was haben Sie mit ihm dann an dem kritischen 11. März vormittags gemacht?

GLAISE-HORSTENAU: Seyß-Inquart holte mich auf dem Flugplatz ab.

Ich orientierte ihn kurz über meine Berliner Erlebnisse und ließ ihn auch über die schweren Sorgen, die mich erfüllten, nicht im unklaren. Ich bin zusammen mit Seyß-Inquart um 11.00 Uhr vormittags, eigentlich knapp nach meiner Ankunft, zu Schuschnigg gegangen. Während vor Schuschnigg Seyß-Inquart innenpolitische Probleme, die angewachsen waren und die ich nicht kannte, da ich abwesend gewesen war, aufwarf, wies ich Schuschnigg, nahe einem Weinkrampfe, auf die großen Gefahren neuer Weltkomplikationen, eventuell eines neuen Weltkrieges, hin und beschwor ihn, nachzugeben und das Plebiszit für Sonntag zurückzunehmen.

DR. STEINBAUER: Haben Sie und Seyß-Inquart ihm Ihre Demission angeboten?


GLAISE-HORSTENAU: Mündlich kann ich mich nicht erinnern, ob es soweit gekommen ist. Die Unterredung war verhältnismäßig kurz, jedoch nachher um 1.00 Uhr haben wir die Demission angeboten.

Dabei war für mich weder ein Befehl Hitlers noch ein Befehl des nationalsozialistischen Führers Klausner notwendig.

Ich war bereits am Donnerstag abend in der Wohnung Bürckels entschlossen, im Zusammenhang mit dem Plebiszit auch von diesem gebräuchlichen Mittel einer Ministerdemission Gebrauch zu machen, um vielleicht doch noch das Ärgste zu verhüten.


DR. STEINBAUER: Wie hat sich Schuschnigg zu diesem Angebot gestellt, die Volksabstimmung zu verschieben?


[132] GLAISE-HORSTENAU: Schuschnigg hat sich zu Anfang reserviert verhalten. Es hatten dann um etwa 2.00 Uhr nachmittags Guido Schmidt und Guido Zernatto, ich brauche hier nicht mehr zu sagen wer diese gewesen sind, sich bemüht, mit Seyß-Inquart noch einen Modus vivendi herzustellen. Ich hielt mich zurück, da ja meine Mission schon am 12. Februar völlig erledigt gewesen war.


DR. STEINBAUER: Was hat Seyß-Inquart nachmittags gemacht?


GLAISE-HORSTENAU: Kurz nach dieser Aussprache, die zu keinem Ergebnis führte, zögerte Schuschnigg noch immer, um jedoch dann doch zu erklären, daß er das Plebiszit für Sonntag wunschgemäß vertage. Ich glaubte das Ärgste vorüber. Kurze Zeit darauf wurde Seyß-Inquart zum Telephon gerufen und kam sichtlich erregt zurück, es sei ihm aus Berlin mitgeteilt worden, daß Hitler nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten... mit Schuschnigg zusammenarbeiten könne und daß Seyß-Inquart die Nachfolgeschaft im Kanzlerposten fordern möge.

Seyß-Inquart lud mich ein, mit ihm zu Schuschnigg zu gehen. Ich habe es aus Gründen der Delikatesse abgelehnt. Seyß-Inquart ging allein hinein, kam nach kurzer Zeit zurück und führte dann mit mir ein Gespräch, das mir hier doch wichtig zu sein scheint. Er rechnete damit, die Kanzlerschaft zu bekommen und sagte zu mir beinahe mit einem Unterton des Bedauerns: »Wir werden jetzt doch auch die Nazis hineinnehmen müssen und wollen zusammen mit den Katholiken und ähnlich Gesinnten eine Dachorganisation bilden, mit der ich regieren will.« Von Hitler verlangte er jedoch innenpolitisch ein fünfjähriges Stillhalteabkommen.


DR. STEINBAUER: Nun, auf das ist ja Hitler nicht eingegangen, sondern ist einmarschiert, und es ist Ihnen dann ein Gesetz vorgelegt worden. Sie waren Vizekanzler, haben Sie dieses Gesetz mit unterschrieben und warum?


GLAISE-HORSTENAU: Ich habe dieses Gesetz mit unterschrieben. Ich bin in die Regierung eingetreten nach dem Ersuchen Kepplers und habe dieses Gesetz mit unterschrieben unter dreifachem Eindrucke: Erstens unter dem Eindruck, daß Österreich für sich in der Welt völlig allein steht, daß sich kein Finger für uns rührte, zweitens – ich muß hier etwas sagen, was auch in der Presse Süddeutschlands wiederholt gesagt wurde – unter dem Eindruck unerhörter Demonstrationen auf der Straße, nennen Sie es Massenpsychose oder wie immer; die Massenpsychose war da, es war eine unerhörte Volkskundgebung, und drittens, als ich auf dem Ballhausplatz – ich habe an der Entstehung des Gesetzes selbst keinerlei Anteil-als ich auf dem Ballhausplatz das Gesetz in die Hand nahm, rollten unten die deutschen Panzer vorüber. Die [133] Besetzung des Landes durch Adolf Hitler fand ihre Vollendung. Bei ihm hieß es jetzt biegen oder brechen. Wenn auch Österreich irgendeinen anderen Willen zur Geltung hätte bringen wollen, es wäre nicht möglich gewesen.

Man ist häufig gerne geneigt, meiner Heimat nachzusagen, sie hätte damals Selbstmord aus Furcht vor dem Tode machen sollen...


DR. STEINBAUER: Herr General, das genügt, danke.

Herr Präsident! Ich habe keine weiteren Fragen mehr an diesen Zeugen.


DR. KUBUSCHOK: Wurde das Juli-Abkommen auf Druck von Deutschland oder auf beiderseitigen Wunsch und im beiderseitigen Interesse abgeschlossen?


GLAISE-HORSTENAU: Es wurde auf beiderseitigen Wunsch und im beiderseitigen Interesse abgeschlossen.


DR. KUBUSCHOK: Haben Sie damals und später zu Bundeskanzler Schuschnigg in einem absoluten Vertrauensverhältnis gestanden?


GLAISE-HORSTENAU: Ich stand bis in den Winter 1937/1938 in einem absoluten Vertrauensverhältnis zu Schuschnigg.


DR. KUBUSCHOK: Ist Ihnen etwas von einer Absicht des Herrn von Papen bekannt, auf eine Entfernung des Bundeskanzlers Schuschnigg hinzuarbeiten?


GLAISE-HORSTENAU: Ich hatte nie eine geringste Andeutung dieser Art gehört.


DR. KUBUSCHOK: Was war der sogenannte Hilfsfonds »Langot«?


GLAISE-HORSTENAU: Der Hilfsfonds »Langot« war ein von der Regierung stillschweigend in echt österreichischer Art – das soll keine Kritik sein, da es eine echt österreichische Art ist – bewilligter Fonds zur Unterstützung von nationalsozialistischen... von Familienangehörigen verhafteter, eingesperrter Nationalsozialisten.


DR. KUBUSCHOK: Jedenfalls hatten Schuschnigg und die Regierung hiervon Kenntnis?


GLAISE-HORSTENAU: Sie hatten beide davon Kenntnis und wußten auch genau von »Langot«


DR. KUBUSCHOK: Wie stand die NSDAP und besonders Leopold zu Herrn von Papen?


GLAISE-HORSTENAU: Die NSDAP und Leopold waren Herrn von Papen absolut abgeneigt. Sie feindeten ihn an schon wegen [134] seiner katholischen Gesinnung und mißtrauten ihm auch sonst nach allen möglichen Richtungen hin.


DR. KUBUSCHOK: Danke.


VORSITZENDER: Wünscht die Anklagevertretung ein Kreuzverhör?


MR. DODD: Kennen Sie einen General Muff?


GLAISE-HORSTENAU: O ja, sehr gut.


MR. DODD: Sie hatten die Angewohnheit, ihm alles zu erzählen, was sich im Ministerrat in Österreich ereignete, nicht wahr?


GLAISE-HORSTENAU: Nein.


MR. DODD: Kennen Sie Stephan Tauschitz, den Österreichischen Gesandten in Deutschland?


GLAISE-HORSTENAU: Auch nicht. Wir haben gesprochen mit ihm über einen Gegenstand, aber daß ich mich irgendwie als Spitzel hätte verwenden lassen, widersprach meiner Tradition als kaiserlicher Soldat.


MR. DODD: Wozu denn, dachten Sie, wurden Sie von Bürckel von Stuttgart nach Berlin gebracht?


GLAISE-HORSTENAU: Ich verstehe nicht, bitte schön.


MR. DODD: Was dachten Sie, war der Zweck Ihrer Reise, als Sie im März 1938 von Stuttgart nach Berlin gebracht wurden, als Hitler Sie zu sehen wünschte?


GLAISE-HORSTENAU: Ich bin nicht von Stuttgart, sondern aus der Pfalz nach Berlin gefahren. Hitler hat mir sagen lassen, ich möge kommen, unbedingt, und ich habe es mir überlegt. Ich habe aber dann zugestimmt: a) weil ich wissen wollte wie es in Berlin...


MR. DODD: Ich wollte wissen, was Sie dachten, daß der Zweck Ihrer Fahrt wäre, als Sie die Reise nach Berlin antraten, ganz gleich von wo aus. Das ist alles. Was dachten Sie, wäre der Zweck?


GLAISE-HORSTENAU: Meine Absicht war, der Einladung, der Aufforderung Hitlers zu folgen, um zu erfahren, wie es in Berlin aussah.


MR. DODD: Gut. Sie haben dem Gerichtshof erzählt, daß Sie nur an einer friedlichen Lösung der Frage interessiert waren. Als Sie dieses falsche Telegramm und den Entwurf der Rundfunkansprache für Seyß-Inquart erhielten, dachten Sie doch sicherlich nicht, daß Sie, was Österreich betraf, in einer friedlichen und loyalen Weise vorgingen, nicht wahr?


GLAISE-HORSTENAU: Ich hatte aus allen diesen drei Stücken den absoluten Eindruck gewonnen, daß, wenn Schuschnigg das [135] Plebiszit am Sonntag zurücknimmt, dann noch eine friedliche Lösung möglich sein würde.


MR. DODD: Und was dachten Sie mit diesem Telegramm zu tun, mit diesem Telegramm, in dem Hitler wegen Unruhen um Hilfe gebeten wurde? Das geschah Tage, bevor es tatsächlich so weit war. Sie wußten, daß dies ein vollständiger, offensichtlicher Betrug war. Warum gaben Sie Ihre Einwilligung, auch das nach Österreich mitzunehmen?


GLAISE-HORSTENAU: Ich habe es nicht mitgenommen. Es ist sogar zu einem scharfen Meinungsaustausch zwischen mir und dem damaligen Feldmarschall Göring gekommen. Ich habe es nicht mitgenommen. Es ist einem Kurier mitgegeben worden.


MR. DODD: Sie haben uns das doch erklärt. Wir haben Ihre Aufzeichnungen hier, in denen Sie sagten, daß Sie Schriftstücke mitgenommen haben.


GLAISE-HORSTENAU: Nein, ich habe niemals gesagt, das war entgegen aller Wirklichkeit, ich habe nie notiert und gesagt, daß ich selber irgendeines der drei Stücke mitgenommen habe, sondern ausdrücklich Wert darauf gelegt zu erklären, daß es der Kurier tat. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß nach dem Abkommen vom 12. Februar Seyß-Inquart das Recht hatte, mit den Reichs- und Parteistellen im Reich zu verkehren.


MR. DODD: Ja, auf jeden Fall wußten Sie, daß dieses Telegramm ein Schwindel war, nicht wahr, ganz gleich, ob nun Sie oder Globocznik es mitgenommen haben. Es war falsch, es entsprach nicht der Wahrheit, nicht wahr?


GLAISE-HORSTENAU: Bitte, ich habe mit dem Telegramm in der Folge gar nichts mehr zu tun gehabt, habe den Seyß Monate später gefragt, ob überhaupt das Telegramm jemals abgegangen sei, worauf er erklärte, nein, es sei nicht abgegangen. Ich sagte schon, daß alle drei Dokumente eben unbenützt geblieben sind.


MR. DODD: Natürlich wurden sie Ihnen von Hitler nicht übergeben, damit Sie sie fortwerfen; und als Sie einwilligten, sie mitzunehmen, wußten Sie nicht, daß sie Verwendung finden würden, nicht wahr?


GLAISE-HORSTENAU: Das Weitere war Aufgabe Seyß-Inquarts, der nach dem Berchtesgadener Abkommen den Verkehr mit den Reichs- und Parteistellen...


VORSITZENDER: Zeuge, wollen Sie versuchen, die Frage zu beantworten, anstatt etwas anderes zu beantworten?


GLAISE-HORSTENAU: Bitte!


[136] MR. DODD: Gut, ich will auf diesem Punkt nicht weiter bestehen. Anscheinend glauben Sie, andere Gründe gehabt zu haben, aber ich will nicht weiter darauf bestehen.

GLAISE-HORSTENAU: Nein, ich wäre sehr dankbar, wenn ich folgen könnte, aber ich verstehe diese Frage nicht.


MR. DODD: Gut, wenn Sie sie nicht verstehen, dann glaube ich nicht, daß es einen Zweck hat, sie weiter zu verfolgen.


GLAISE-HORSTENAU: Ich wäre Ihnen dankbar, wenn sie nochmals gestellt würde.


MR. DODD: Was ich mit meiner Frage aufwarf, war, daß Sie zumindest von diesem falschen Telegramm wußten, dessen Entwurf, so sagten Sie doch, Ihnen entweder von Hitler oder Göring ausgehändigt wurde. Sie waren damals Minister ohne Geschäftsbereich in der Österreichischen Regierung. Sie wußten doch sicher, daß es ein vollkommener Schwindel war. Und dennoch waren Sie bereit, nach Österreich zurückzukehren und mit Seyß-Inquart zu verhandeln in der Kenntnis, daß ein derartiges Telegramm arrangiert und durch einen Kurier gesandt worden war.


GLAISE-HORSTENAU: Das Telegramm hatte dadurch jede Bedeutung verloren, daß Schuschnigg das Plebiszit zurücknahm. Ich habe Schuschnigg ausdrücklich erklärt, wobei ich es Seyß-Inquart überließ, der neben mir saß, Näheres zu sagen: »Du, wenn wir nicht mit dem Plebiszit aufhören, dann marschiert der Hitler ein.«

Das war der Wortlaut, den ich zu Schuschnigg sagte.


MR. DODD: Darüber spreche ich zwar nicht; ich will es jedoch nicht weiter erörtern.

Erinnern Sie sich daran, uns erklärt zu haben, daß, als Göring mit Seyß-Inquart ein Telephongespräch führte, Sie herausbekommen hatten, daß der Angeklagte von Papen und Fritz Wiedemann neben Göring in Berlin saßen?


GLAISE-HORSTENAU: Es tut mir leid, das habe ich erst nach dem Zusammenbruch 1945 erfahren, und zwar von Wiedemann.


MR. DODD: Ich möchte wissen, wie Sie das herausbekommen haben.


GLAISE-HORSTENAU: Ich habe es von Hauptmann Wiedemann gehört, mit dem ich zufällig zusammentraf.


MR. DODD: Gut. Nun wissen Sie doch, daß der Angeklagte von Papen einmal einen Brief an Hitler geschrieben hat, in dem er erklärte, daß Sie ein williger Mitarbeiter von ihm wären, was die Möglichkeit einer Vereinigung mit oder eines Anschlusses an Deutschland betraf. Das war bereits 1936. Wissen Sie davon? Es ist als Beweismittel für diesen Fall vorgelegt, US- 67, Dokument 2246-PS. Waren Sie ein williger Mitarbeiter von Papens?


[137] GLAISE-HORSTENAU: Ich war ein williger Mitarbeiter für die Normalisierung der zwischenstaatlichen Verhältnisse; ich kenne übrigens das Dokument nicht.


MR. DODD: Ich habe sonst keine Fragen.


VORSITZENDER: Wollen Sie rückverhören, Dr. Steinbauer?


DR. STEINBAUER: Nein.


VORSITZENDER: Der Zeuge kann sich zurückziehen.

Der Gerichtshof wird sich jetzt vertagen.


[Pause von 10 Minuten.]

[Der Zeuge Dr. Rainer betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Wollen Sie bitte Ihren vollen Namen angeben.

ZEUGE DR. FRIEDRICH RAINER: Dr. Friedrich Rainer.


VORSITZENDER: Sprechen Sie mir den folgenden Eid nach: »Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzufügen werde.«


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


VORSITZENDER: Sie können sich setzen.

DR. STEINBAUER: Herr Dr. Rainer! Welche Funktionen und wie lange haben Sie diese in der NSDAP bekleidet?


RAINER: Ich bin Mitglied der NSDAP seit 10. Oktober 1930. Ich habe bis zum Jahre 1934 keine Funktion gehabt. Ich wurde nachher vom Kärntner Gauleiter Klausner in die Gauleitung berufen. Ich habe, beginnend mit 1936, in der Landesleitung gearbeitet. Ich wurde vom Landesleiter Leopold im Herbst 1936 meiner Positionen enthoben, weil wir Meinungsverschiedenheiten hatten. Ich wurde im Februar 1938 von Klausner als sein politischer Berater und Mitarbeiter neuerdings in die Landesleitung berufen. Im Mai 1938 wurde ich vom Führer zum Gauleiter von Salzburg ernannt. Am 1. Dezember 1941 wurde ich nach Kärnten versetzt. Das sind meine politischen Funktionen.


DR. STEINBAUER: Sie sind also zuletzt Gauleiter von Kärnten gewesen?


RAINER: Jawohl.

DR. STEINBAUER: Und haben durch die langjährige Mitarbeit in der NSDAP dieselbe gut kennengelernt?


RAINER: Jawohl, ich kenne die Verhältnisse gut seit dem Anschluß.


[138] DR. STEINBAUER: Nun, wann haben Sie Seyß-Inquart kennengelernt?


RAINER: Ich habe Seyß-Inquart zum erstenmal im August 1935 kennengelernt und mit ihm ein Gespräch in der Dauer von einigen Minuten geführt. Ich wurde einige Tage später verhaftet und war sechseinhalb Monate in österreichischer Polizeihaft. Nach meiner Enthaftung, etwa im April oder im Mai 1936, habe ich Seyß-Inquart in Wien neuerdings getroffen und stand seither mit ihm in Verbindung.


DR. STEINBAUER: War er Parteimitglied?


RAINER: Seyß-Inquart war während der Verbotszeit nicht Mitglied der NSDAP, hingegen Mitglied des »Steirischen Heimatschutzes«. Der »Steirische Heimatschutz« war-ich glaube im Jahre 1933 – durch ein Abkommen seiner Führung mit Habicht korporativ in die österreichische NSDAP übernommen worden. Nach dem Anschluß wurde diese Übernahme von Reichsschatzmeister Schwarz nicht anerkannt, und die Mitglieder des »Steirischen Heimatschutzes«, darunter auch – wie ich glaube – Dr. Seyß-Inquart, mußten sich neu anmelden.


DR. STEINBAUER: Also ist Ihre diesbezügliche Behauptung in dem berühmten »Rainer-Brief« unrichtig. – Ich werde ihn immer kurz Rainer-Brief nennen.


RAINER: Ich hatte damals noch nicht gewußt, daß die Übernahme vom Reichsschatzmeister in dieser Form nicht anerkannt worden war.


DR. STEINBAUER: Sie haben also Seyß-Inquart gekannt, öfters mit ihm gesprochen, und er wird Ihnen sicherlich auch seine Ideen in der Frage des Anschlusses mitgeteilt haben?


RAINER: Ja.


DR. STEINBAUER: Welches waren diese Ideen? Ganz kurz bitte!


RAINER: Der Anschluß war in diesem Zeitpunkt nicht Gegenstand unserer Erörterungen. Es war der Anschlußgedanke ein Programmpunkt aller österreichischen Parteien gewesen. Er blieb das Idealziel für Uns alle. Hier aber ging es darum, daß der österreichische Staat wieder auf einen deutschen Kurs ginge und daß die inneren Verhältnisse befriedet werden. Die Schwierigkeit hierbei bestand darin, daß der von Dollfuß und Schuschnigg unter Ausschaltung der demokratischen Verfassung begründete Staat nur ein Einparteiensystem zulassen wollte. Es war daher besonders schwer, die große Masse der Opposition des nationalen Flügels zur Mitverantwortung heranzuziehen und zu legalisieren. Diese Aufgabe sollte nach den Auffassungen, die Seyß-Inquart und ich vertraten, ohne [139] neuerliches Blutvergießen auf einem ruhigen Wege erreicht werden. Bei beiderseitig gutem Willen und bei Weiterschiebung vom Radikalismus mußte dieser Weg gangbar erscheinen.


DR. STEINBAUER: Es kam dann zum Übereinkommen vom 11. Juli 1936?


RAINER: Ja.


DR. STEINBAUER: Und Sie fuhren damals auch zu Adolf Hitler, um seine Stellung der Partei gegenüber zu klären. Was hat Ihnen Adolf Hitler damals gesagt?


RAINER: Ich bin einige Tage nach dem 11. Juli 1936 nach Berchtesgaden gerufen worden und war am 16. oder 17. Juli bei Adolf Hitler.


VORSITZENDER: Ich glaube, Sie können ruhig etwas schneller sprechen, Herr Zeuge.


RAINER: Der Führer hielt eine sehr ernste und eindringliche Besprechung ab und verlangte in sehr scharfen Worten, daß die österreichischen Nationalsozialisten das Abkommen vom 11. Juli unbedingt respektieren müßten. Er kritisierte die bisherigen Methoden und verwendete den Ausdruck, sie seien zwar heroisch, aber dumm. Er verwies darauf, daß eine Fortsetzung dieser Methoden zu dauernden außenpolitischen Schwierigkeiten führen würde.

Er verlangte, daß die Nationalsozialisten in Österreich sich der vorhandenen politischen Möglichkeiten zu bedienen hätten, und auf meine ausdrückliche Frage, ob auch der Vaterländischen Front, erklärte er »ja«. Er sicherte zu, daß eine Entlastung der allgemeinen Stimmung im Laufe der Zeit kommen werde durch eine Verbesserung der Beziehungen der beiden deutschen Staaten.


DR. STEINBAUER: Er hat also im wesentlichen die Politik Seyß-Inquarts gebilligt?


RAINER: Ich sah in den Ausführungen des Führers eine Bestätigung der Richtigkeit desjenigen Weges, den wir eingeschlagen hatten.


DR. STEINBAUER: Ist Seyß-Inquart auch der Führer der Partei gewesen?


RAINER: Nein, Seyß-Inquart war niemals der Führer der Partei.


DR. STEINBAUER: Hat er sich der Führung der Partei, nämlich der österreichischen NSDAP, unterworfen, wie Sie in Ihrem, Briefe schreiben?

RAINER: Seyß-Inquart war Angehöriger der nationalen Oppositionsgruppe und hat in dieser Eigenschaft die jeweilige Führung anerkannt.

[140] Ich verweise in diesem Brief darauf, daß er Klausner anerkannt hat; denn Klausner war nach dem Berchtesgadener Abkommen an Stelle Leopolds vom Führer berufen worden, weil er einen ruhigen, klaren und offenen Kurs versprach. In der Zusammenarbeit mit ihm schien die Durchführung des Berchtesgadener Abkommens gesichert zu sein.

Seyß-Inquart hatte jedoch ausdrücklich erklärt, daß er in seiner Eigenschaft als Treuhänder des Berchtesgadener Abkommens und Minister der Regierung Schuschnigg von Klausner unabhängig sei.


DR. STEINBAUER: Sagen Sie, Herr Zeuge, nach dem Übereinkommen vom 12. Februar 1938 haben Sie auf einer Eisenbahnfahrt den vom Führer kommenden Seyß-Inquart getroffen?


RAINER: Ja.


DR. STEINBAUER: Was hat er Ihnen über seine Unterredung mit dem Führer mitgeteilt?


RAINER: Seyß-Inquart fuhr mit dem Schlafwagen zurück, und wir saßen noch zusammen in seinem Abteil. Er hatte einen Zettel, ich glaube es war ein Briefkuvert, und auf dem standen Notizen. Ich erinnere mich, daß er die Eingangsformalitäten so beschrieb, daß er erklärte, er komme als österreichischer Minister, vereidigt auf die Verfassung und verantwortlich gegenüber dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler. Er grüße in Adolf Hitler den Führer aller Deutschen. Er hat mir dann im einzelnen noch Besprechungspunkte erzählt, die ich nicht mehr alle in Erinnerung habe. Mein Gesamteindruck war der, daß das Gespräch gut verlaufen war, und ich sah auch, daß das Gespräch in voller Loyalität gegenüber dem Bundeskanzler Schuschnigg geführt worden war. Soweit ich mich erinnere, war der Anschluß als solcher überhaupt nicht behandelt worden.


DR. STEINBAUER: Erinnern Sie sich, daß er Ihnen gesagt hatte, er hätte Hitler erklärt, daß er der lebendige Garant Schuschniggs sein wolle und kein trojanisches Pferd?


RAINER: Ich möchte nicht gerade diesen Wortlaut bestätigen. Der Ausdruck, den Dr. Seyß wiederholt verwendete, war der, er sei kein trojanischer Pferdeführer. Ich erinnere mich auch, daß er mehrmals den Ausdruck verwendet hat, er sei ein lebendiger Garant für die beiderseitige Einhaltung der Vereinbarungen von Berchtesgaden.


DR. STEINBAUER: Hat er auch erklärt, daß er einen Kulturkampf ablehne?

RAINER: Ich glaube, mich nicht daran erinnern zu können. Jedenfalls stand er auf diesem Standpunkt, und ich rechne bestimmt damit, daß er mit dem Führer darüber gesprochen hat.


[141] DR. STEINBAUER: War der Führer mit diesen Vorschlägen einverstanden?


RAINER: Ich hatte den Eindruck, daß Adolf Hitler mit den Vorschlägen des Dr. Seyß-Inquart voll einverstanden gewesen ist.


DR. STEINBAUER: Hat Seyß-Inquart dies Schuschnigg mitgeteilt?


RAINER: Das muß ich annehmen. Jedenfalls hat er diese Absicht geäußert.


DR. STEINBAUER: Hat er das gleiche auch den österreichischen Nationalsozialisten mitgeteilt?


RAINER: Ja, denn dies war besonders nötig. Seyß sprach bei einer Führerbesprechung, die anfangs März stattfand und verwies darauf, daß der evolutionäre Kurs und die zum Teil für die radikalen Anhänger unerfreulichen Maßnahmen, die Auflösung der illegalen Organisation, ausdrücklich von Adolf Hitler gewünscht würden.

Ich glaube, mich auch zu erinnern, daß er bei den großen Kundgebungen in Linz und anläßlich der Kundgebungen in Graz sich ausdrücklich darauf bezogen hat; denn der Besuch in Berlin bei Adolf Hitler gab ihm erst die richtige Legitimation in den Augen der Nationalsozialisten.


DR. STEINBAUER: Sie haben in Ihrem Rainer-Brief geschrieben, daß Seyß-Inquart von der Vorbereitung revolutionärer Schritte verständigt wurde.


RAINER: Ich darf fragen, Herr Doktor, welche revolutionären Schritte Sie meinen.


DR. STEINBAUER: Vom 10. März.


RAINER: Ich bitte, dazu etwas ausholen zu dürfen: Der Ausdruck »revolutionäre Schritte« ist zu weitgehend. Die Maßnahmen, die getroffen wurden, waren im großen folgende: Nach der Rede des Bundeskanzlers Schuschnigg in Innsbruck war Major Klausner der Überzeugung, daß damit jede Basis der innenpolitischen Verständigung zerstört sei und daß diese Rede wie ein Funke im Pulverfaß wirken würde; während wir vorher noch beraten hatten, unter welchen Umständen eventuell auch mit »Ja« gestimmt werden könnte, war dies im Hinblick auf die Stimmung der breiten Massen unmöglich geworden.

Es mußte eine klare Stellungnahme der nationalsozialistischen Führung erfolgen. Es wurde noch in der Nacht an die neuen Gauleiter die erste Information hinausgegeben, wonach die Partei mit der beabsichtigten Abstimmung nicht einverstanden sei und zunächst die Parole der Stimmenthaltung ausgebe. Es wurde schärfste Disziplin verlangt, denn wir befürchteten, daß die Wogen sehr bald [142] hochgehen würden. Am 10. März setzte die von Zernatto schon lange vorbereitete Propaganda ein, und es ereigneten sich Zusammenstöße. Wir bekamen auch Meldungen, daß große Gruppen des im Februar 1934 verbotenen Schutzbundes bewaffnet würden. Es wurde daher strengste Bereitschaft der Formationen angeordnet und den Formationen aufgetragen, für den Schutz der Nationalen zu sorgen.

Das waren im wesentlichen die am 10. angeordneten Schritte. Über die Stimmung in den Provinzen, glaube ich, Dr. Seyß am Nachmittag im allgemeinen informiert zu haben; über einzelne organisatorische Maßnahmen wahrscheinlich nicht.


DR. STEINBAUER: Hat er nun diese Stimmung gefördert?


RAINER: Nein.


DR. STEINBAUER: Hat er zu Demonstrationen aufgefordert, oder hat er solche verhindert?


RAINER: Er hat sie weder gefördert noch dazu aufgefordert. Eine Verhinderung war in diesem Stadium nicht möglich.


DR. STEINBAUER: Was ist nun am 11. vormittags gewesen?


RAINER: Am 11. März vormittags habe ich im Büro des Staatsrats Jury in der Seitzer Gasse 1 gearbeitet. Ich weiß im einzelnen nicht mehr, was. Wir trafen uns mit Dr. Seyß, Glaise-Horstenau und einigen anderen ungefähr mittags im Büro des Dr. Fischböck, und Dr. Seyß-Inquart erzählte von dem Ergebnis der Besprechungen mit Dr. Schuschnigg.

Das Ergebnis unserer Beratung war der Brief der Minister und Staatsräte an Dr. Schuschnigg, mit dem, befristet mit 2.00 Uhr nachmittags, die Absetzung dieser verfassungswidrigen Volksabstimmung und die Anberaumung einer neuen Volksabstimmung nach einigen Wochen nach den Bestimmungen der Verfassung bei sonstiger Demission verlangt wurde.


DR. STEINBAUER: Was war dann weiter? Schuschnigg hat dann die Wahl verschoben; wie haben Sie davon erfahren?


RAINER: Ja, Schuschnigg hat die Wahl verschoben, hat sich jedoch geweigert, eine neue Volksabstimmung anzuberaumen und hat den Sicherheitsminister Dr. Seyß mit scharfen Maßnahmen beauftragt. Diese Lösung wurde am Nachmittag in die Reichskanzlei nach Berlin telephoniert und löste die Erklärung des Reiches aus, daß diese Lösung als eine halbe Lösung nicht mehr akzeptiert werden könne. Damit begann meines Wissens die Intervention des Deutschen Reiches.


DR. STEINBAUER: Kam die Intervention nicht dadurch schon, daß Glaise-Horstenau, wie behauptet wird, oder ein Kurier einen Brief Adolf Hitlers nach Wien gebracht haben?


[143] RAINER: Ich war der Meinung, daß gewisse Vorlagen, die nur Globocznik mittags zeigte und die für die Landesleitung bestimmt waren, von Glaise-Horstenau mitgebracht worden waren, der in der Frühe aus Berlin kam. Wie ich erst später erfuhr, soll dies ein Kurier besorgt haben. Eine Intervention des Reiches war nach meiner Auffassung dies nicht.


DR. STEINBAUER: Bestand zwischen der Partei und dem Reich einerseits und Seyß-Inquart andererseits ein Zusammenspiel?


RAINER: Wenn Sie, Herr Doktor, unter »Zusammenspiel« eine »Verschwörung« meinen, so muß ich dies absolut verneinen. Es wurde jedoch die im Berchtesgadener Abkommen vorgesehene Zusammenarbeit durchgeführt.


DR. STEINBAUER: Hat Klausner den Befehl gegeben, daß die Partei handlungsfrei sei und die Macht ergreifen solle?


RAINER: Die Partei war durch ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers darauf verpflichtet worden, keine revolutionären Schritte zu unternehmen. Dieser Befehl war in den ersten Märztagen neuerdings durch Keppler überbracht worden, und Außenminister Ribbentrop hat damals Keppler, der schon im Flugzeug war, noch einmal zurückgeholt, um ihm einzuschärfen...


VORSITZENDER: Dr. Steinbauer! Die Frage war doch, was Klausner tat, und der Zeuge erzählt uns jetzt, was eine Menge anderer Personen getan haben.


DR. STEINBAUER: Ja.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich habe Sie gefragt, wann hat Klausner an die Gauleiter den Befehl der Machtergreifung gegeben?

RAINER: Dieser Befehl wurde von Klausner am Abend des 11. März gegeben.

DR. STEINBAUER: War Seyß-Inquart damit einverstanden?


RAINER: Seyß-Inquart ist erst einige Zeit später davon informiert worden.

DR. STEINBAUER: Nun muß ich Ihnen vorhalten, daß Gauleiter Eigruber von Oberösterreich in einer Zeugenaussage bestätigt hat, daß er ein Telegramm bekommen hat, in dem er als Landeshauptmann angesprochen wird. Ist Ihnen da etwas bekannt?


RAINER: Von Telegrammen, oder von einem Telegramm, ist mir überhaupt nichts bekannt. Ich weiß, daß der Befehl Klausners aus der Seitzer Gasse 1 telephoniert wurde. Telephongespräche führte an diesem Abend auch Globocznik vom Bundeskanzler aus. Ich vermute, daß Eigruber eines dieser Telephongespräche meint.


[144] DR. STEINBAUER: Ist Ihnen bekannt, daß Globocznik, der ja dann Gauleiter von Wien war, vor dieser illegalen Zeit Ihnen gesagt hat, daß er den Namen Seyß-Inquarts mißbraucht hätte zur Machtergreifung?


RAINER: Globocznik erzählte mir, daß verschiedene Anfragen an das Bundeskanzleramt gingen, die ihm ans Telephon zugeleitet wurden und daß er dabei nicht immer seinen Namen genannt habe. Ein spezieller Fall mit Salzburg ist mir genau in Erinnerung.


DR. STEINBAUER: Sie haben in dem Rainer-Brief auch eine Bemerkung gemacht, wo Sie von einer Hilfestellung am 25. Juli 1934 sprechen. Die Staatsanwaltschaft erblickt darin irgendeine Verbindung mit der Ermordung des Kanzlers Dr. Dollfuß.


RAINER: Diese Bemerkung geht zurück auf ein Gespräch, bei dem mir Seyß-Inquart erzählte, er hätte nach dem 25. Juli einige Tage lang befürchtet, in Verbindung mit den Ereignissen gebracht zu werden. Es hätte sich aber nach einigen Tagen herausgestellt, daß eine solche nicht bestanden hat. Er hat anschließend seinen Einfluß in versöhnlichem Sinne versucht zur Geltung zu bringen und hat auch Verteidigungen übernommen, meinte ich.


DR. STEINBAUER: Also, darin meinten Sie diesen Ausdruck Hilfestellung zu erkennen?


RAINER: Ja.


DR. STEINBAUER: Ist Ihnen bekannt, daß auf den Bundespräsidenten Dr. Miklas ein Druck ausgeübt wurde seitens der österreichischen Nationalsozialisten, damit er Seyß-Inquart ernenne?


RAINER: Die Verhandlungen, die den ganzen späten Nachmittag und Abend in Anspruch nahmen, standen unter einem gewissen Druck; denn praktisch war in ganz Österreich bereits die Umwandlung vollzogen. Der Sturz des Kabinetts Schuschnigg löste eine ungeheuere Lawine aus. Dies kam bei den Verhandlungen zum Ausdruck.


DR. STEINBAUER: Sie meinen also, optisch war ein Druck vorhanden, nicht aber physisch direkt auf die Person des Bundespräsidenten?


RAINER: Davon kann überhaupt nicht die Rede sein.


DR. STEINBAUER: Nun, wie erklären Sie es aber, daß damals 40 SS-Männer in das Bundeskanzleramt einmarschiert sind und dasselbe besetzt haben?


RAINER: Von einer Besetzung durch die SS kann nicht die Rede sein. Nachdem gegen 8.00 Uhr abends Miklas sich neuerdings geweigert hatte, einen Nationalsozialisten zum Bundeskanzler zu ernennen, sagte Keppler, daß um 8.00 Uhr nicht, so wie es vorher erklärt worden war, einmarschiert wird. Er äußerte Befürchtungen [145] für die Sicherheit der Verhandlungspartner. Tatsächlich herrschte, wie man in Österreich sagte, ein allgemeiner Wirbel, und die Lage schien sehr unsicher zu sein. Das Bundeskanzleramtsgebäude war von Polizei und Garde besetzt und in Verteidigungszustand gesetzt worden. Ich habe diese Lage der Landesleitung mitgeteilt und gebeten, Schutzmaßnahmen zu treffen, damit nicht durch unbesonnene Akte unabsehbares Unheil entstünde. Als eine Folge der daraufhin getroffenen Maßnahmen ist anzusehen, daß, ich schätze nicht vor 10.00 Uhr abends, sich ein SS-Führer in Zivil meldete und erklärte, mit seinen Männern zum Schutze der Verhandlungspartner abgeordnet zu sein. Seyß-Inquart hielt diese Maßnahme für überflüssig, aber ich bat ihn, doch darauf Bedacht zu nehmen, und er genehmigte dann, daß diese Männer durch die Bundesgarde oder Polizei in den Hof des Bundeskanzleramtes eingelassen werden. Es ist weder ein Druck ausgeübt worden, noch ist es zu Gewalttätigkeiten gekommen, sondern es war eine Vorsichtsmaßnahme.


DR. STEINBAUER: Ich habe sonst keine Frage.


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Sie waren Gauleiter von Kärnten. Hatten Sie auch Verwaltungsrechte während des Krieges in dem anschließenden italienischen Hoheitsgebiet?


RAINER: Ja, ich wurde im September 1943 zum Obersten Kommissar in der Operationszone »Adriatisches Küstenland« mit dem Sitz in Triest ernannt und hatte sechs Provinzen unter mir.


DR. SERVATIUS: Haben Sie dort ausländische Arbeiter erfaßt zum Einsatz in Deutschland?


RAINER: Jawohl.


DR. SERVATIUS: Auf welche Weise geschah dies?


RAINER: Dies geschah durch Anwerbung, und zwar ohne Ausübung von Zwang, da diese Arbeiter seit vielen Jahrzehnten gewohnt waren, nach Norden in Arbeit zu gehen.


DR. SERVATIUS: Diese Arbeiter wurden in Ihrem Gau eingesetzt?


RAINER: Sie wurden zum größeren Teil in meinem Gau eingesetzt, aber auch in den anderen Alpenländern.


DR. SERVATIUS: Wie waren die Lebensbedingungen dieser Arbeiter in Ihrem Gau?


RAINER: Die Lebensbedingungen waren die allgemeinen und normalen.


DR. SERVATIUS: Wo waren diese Leute untergebracht? In Lagern? Und haben Sie solche Lager gesehen?


RAINER: Sie waren untergebracht bei ihren Arbeitgebern. Dort, wo sie in größerer Zahl auftraten, in Lagern, die betreut wurden durch das italienische Konsulat und durch die Deutsche Arbeitsfront.


[146] DR. SERVATIUS: Hat die Arbeitsfront sich dann praktisch um die Zustände gekümmert?


RAINER: Ja, sie war dazu durch ein Abkommen, von dem ich informiert war, verpflichtet und hat mit sehr viel Mühe sich dieser Aufgabe unterzogen.


DR. SERVATIUS: Haben Sie selbst Lager besichtigt?


RAINER: Ja. Ich habe wiederholt Lager besichtigt und habe gute und ordentliche Verhältnisse, zum Teil bei gewissen Industrien, wie beim Wasserbau, sogar außergewöhnlich gute Verhältnisse vorgefunden.


DR. SERVATIUS: Können Sie die Namen dieser Lager nennen?


RAINER: Einen besonders guten Eindruck machte mir ein Lager beim Wasserkraftbau im Lager Münd an der Drau, ebenso in Schwabeck.


DR. SERVATIUS: Wie verhielten sich die ausländischen Arbeiter am Schluß des Krieges? Gab es Unruhen?


RAINER: Nein. Ich hatte wegen der immerhin für meinen kleinen Gau beträchtlichen Zahl von Arbeitern Sorgen wegen der Ernährung. Das Verhältnis zur Bevölkerung war ein gutes, denn der Kärntner ist ein gutmütiger und verträglicher Schlag. Ich habe selbst erlebt, daß französische Arbeiter, die schon von den Engländern in Lagern zum Abtransport gesammelt worden waren, wieder zu ihren Bauern zurückgingen und lieber bei ihnen warteten, als unten im Lager.


DR. SERVATIUS: War die Nationalsozialistische Partei stark vertreten in Kärnten?

RAINER: Ja. In Kärnten gab es so viele Nationalsozialisten, daß Schuschnigg einmal sagte: »Ein Stacheldraht um das Land herum, und das Konzentrationslager wäre fertig.«


DR. SERVATIUS: Aber die Beziehungen zu den ausländischen Arbeitern waren gut?


RAINER: Natürlich, ja.


DR. SERVATIUS: Ich habe keine Fragen mehr.


MR. DODD: Herr Zeuge! Wann kamen Sie zu dem Schluß, daß der Angeklagte Seyß-Inquart kein Mitglied der Partei war, wie Sie in Ihrem Brief angeben? Wann sind Sie anderer Meinung geworden?


RAINER: Daß er kein Mitglied der Partei war, habe ich erst ziemlich spät nach dem Anschluß erfahren. Ich kann das Jahr nicht mehr genau angeben.


[147] MR. DODD: Aber es war nicht lange nachdem Sie diesen Bericht geschrieben hatten, daß Sie herausfanden, daß das, was Sie hier sagten, nicht ganz stimmte? Das war also ein Mißverständnis Ihrerseits gewesen?


RAINER: Ich habe in diesem Bericht verschiedenes versucht so darzustellen, daß es für Dr. Seyß günstig ist, denn ich lehnte es ab, die Anklage gegen Dr. Seyß-Inquart zu stützen.

MR. DODD: Das habe ich nicht von Ihnen wissen wollen. Ich habe Sie gefragt, ob Sie kurz nachdem Sie diesen Brief geschrieben hatten, festgestellt haben, daß Sie sich irrten, als Sie behaupteten, Seyß-Inquart sei Parteigenosse gewesen? Das können Sie doch ganz kurz beantworten, ohne daß Sie dazu lange Erklärungen abzugeben brauchen.


RAINER: Ich glaube nicht, daß ich das kurz nachher festgestellt habe.


MR. DODD: Nun, wann war es denn? Das ist alles, was wir wissen wollen. Wenn Sie tatsächlich das irgendwann einmal erfahren haben, wann war das denn?


RAINER: Das kann ich nicht mehr sagen, es ist mir auch nicht so wichtig erschienen.


MR. DODD: Nun, wann haben Sie Ihre Ansicht geändert, oder wann kam es Ihnen zum Bewußtsein, daß Sie sich geirrt hatten, als Sie behaupteten, daß Seyß-Inquart von den Demonstrationen, die in Wien stattfinden sollten, und deren Vorbereitung wußte und daran teilnahm? Wann haben Sie herausgefunden, daß das ein Irrtum oder eine falsche Information war?


RAINER: Es ist mir nicht bekannt, daß Dr. Seyß-Inquart an Demonstrationen in Wien teilgenommen hat.


MR. DODD: Das habe ich nicht gesagt. Es tut mir leid, Sie haben mich vielleicht falsch verstanden. Wenden Sie sich um und sehen Sie mich an, vielleicht verstehen Sie dann besser. Sie haben dem Gerichtshof erklärt auf eine Frage von Dr. Steinbauer hin, daß Seyß-Inquart die Demonstrationen nicht provoziert habe und daß er sie in dem damaligen Stadium nicht verhindern konnte. Dr. Steinbauer hatte Sie jedoch gefragt, ob das, was Sie in Ihrem Brief über seine Teilnahme an den Plänen schrieben, wahr sei. Sie wissen doch, was Sie in Ihrem Brief oder Bericht sagen, nicht wahr? Erinnern Sie sich noch, was Sie in diesem Bericht über Seyß-Inquart und seine Teilnahme sagten?


RAINER: Mir sind die Einzelheiten meines Berichtes nicht mehr in Erinnerung.


MR. DODD: Wollen Sie sich ihn ansehen?


RAINER: Ja, bitte.


[148] MR. DODD: Während Sie darauf warten, kann ich hier einige andere Dinge erledigen.

Sie haben uns doch im November eine eidesstattliche Versicherung abgegeben und beschworen, daß dies wahr sei, nicht wahr?


RAINER: Ich habe dazu ausdrücklich erklärt, daß ich mich dabei zum Teil auf die Mitteilungen von Gewährsmännern stütze und daß ich nachher noch Informationen erhalten habe, aus denen ich ersehe, daß nicht alles nichtig dargestellt war. Ich habe auch ausdrücklich erklärt und zu Protokoll gegeben, daß ich diesen Bericht mit einer gewissen Tendenz verfaßt habe. Es wurde auch ein Zusatz zu meiner eidesstattlichen Erklärung aufgenommen.


MR. DODD: Einen Augenblick bitte. Am 15. November 1945 haben Sie hier in Nürnberg unter Eid dieses Affidavit abgegeben, in dem Sie die in diesem Bericht erwähnten Tatsachen bestätigen und erklären, daß sämtliche Tatsachen nach Ihrem besten Wissen und Gewissen wahr sind. Was haben Sie nun seit dem 15. November erfahren und von wem, das Sie dazu berechtigt, heute vor diesem Gerichtshof mit diesem Bericht in Widerspruch stehende Aussagen zu machen?


RAINER: Ich habe dazu zu erklären, daß ich den Standpunkt, den ich am 15. November eingenommen habe, auch heute noch aufrecht erhalte.


MR. DODD: Ist dieser Bericht in seiner Gesamtheit nun wahrheitsgetreu oder nicht, wie Sie es am 15. November erklärt haben?


RAINER: Der Bericht ist nicht wörtlich zu nehmen. Er ist zum Teil gestützt auf Aussagen von Gewährsmännern. Er ist von mir nach bestem Wissen und Gewissen nach der damaligen, ich glaube im Juli 1939, bestehenden Situation abgegeben worden mit einer bestimmten Tendenz.


MR. DODD: Sie haben uns doch im November erklärt, daß er den Tatsachen entspreche?


RAINER: Das habe ich nicht gesagt. Ich habe ausdrücklich gesagt...


MR. DODD: Ich zeige Ihnen Ihr Affidavit. Ihr Affidavit ist dem Dokument, das Sie haben, beigefügt. Und da ist Ihre Unterschrift, und Sie haben die Wahrheit beschworen, nicht wahr?


RAINER: Ich habe ausdrücklich eine Erklärung dazu abgegeben und mir auch vorsichtshalber davon nachher noch eine Notiz gemacht, und es wurde über die Formulierung der Vorbehalte länger gesprochen.


MR. DODD: Beantworten Sie meine Frage. Ist dies das Affidavit, das Sie am 15. November hier in Nürnberg unter Eid niedergelegt haben? Ja oder nein?


[149] RAINER: Ja.


MR. DODD: Sie bestätigen und bekräftigen in diesem Affidavit, daß »die Tatsachen, welche die Grundlagen für die obenerwähnten Berichte und Briefe bilden, nach meinem besten Wissen und Gewissen wahr sind«, und dann sagen Sie weiterhin, daß Sie die Briefe und den Bericht gelesen haben.

Ist dieses Affidavit nun richtig? Haben Sie die Wahrheit gesagt, als Sie uns das im November unter Eid erklärten?


RAINER: Dieses Affidavit ist richtig. Ich verlange jedoch, daß die Erklärungen, die ich dazu abgegeben habe und die damals protokolliert wurden, zumindest mitstenographiert wurden, daß sie mit dazugegeben werden.


MR. DODD: Warum haben Sie nicht verlangt, daß alles, was Sie über diesen Bericht auszusagen hatten, in das Affidavit aufgenommen wurde, wenn es nicht ganz der Wahrheit entsprach? Es ist doch von Ihnen beeidigt worden. Haben Sie verlangt, daß etwas hinzugefügt oder geändert würde?


RAINER: Diese Bestätigung faßte ich auf als eine Bestätigung der Echtheit der mir vorgelegten Urkunden. Das Protokoll über meine Aussagen stellte meine Stellungnahme zum Inhalt dar. Vorsichtshalber habe ich noch erklärt, ich möchte auch hier einen Vorbehalt aufgenommen haben, der dann formuliert wurde von einem der mich vernehmenden Herren mit dem Wortlaut: »nach meinem besten Wissen und Gewissen«, und er erklärte, damit seien alle die Vorbehalte, die ich erklärt hatte, nach der bei Ihnen üblichen Methode ausgedrückt.

MR. DODD: Meinen Sie diese Behauptung über das Affidavit heute vor diesem Gerichtshof wirklich ernst? Ist Ihre letzte Aussage wirklich ernst gemeint?


RAINER: Es ist mein voller Ernst; ich habe nichts zu verschweigen.


MR. DODD: Vielleicht können wir etwas mehr Klarheit über die Art der von Ihnen aufgestellten Berichte bekommen. Ich habe hier noch einen Bericht, den Sie nicht gesehen haben. Sie haben im Jahre 1942 eine Rede gehalten.

Das ist Dokument 4005-PS. Es wird US-890.

Es ist am besten, Sie nehmen ein Exemplar davon in die Hand, US-890. Können Sie sich noch an die Rede erinnern, die Sie am 11. März 1942 vor den Politischen Leitern, Ehrenzeichen- und Blutordensträgern des Gaues Kärnten in Klagenfurt gehalten haben? Sie berichteten damals die ganze Geschichte der Entwicklung der Ereignisse im März 1938. Erinnern Sie sich an diese Rede?


RAINER: Ich habe eine solche Rede gehalten.


[150] MR. DODD: Schön, dann wollen wir sie uns einmal ansehen. Haben Sie, als Sie die Rede hielten, die Wahrheit gesprochen?


RAINER: Ich habe die Ereignisse in einer Form dargestellt, daß sie von meinem Auditorium verstanden wurde.


MR. DODD: Haben Sie, als Sie diese Rede hielten, die Wahrheit gesagt? Ich habe nicht gefragt, ob Sie sie interessant gestalteten; ich fragte Sie, ob Sie die Wahrheit gesagt haben.


RAINER: Ich glaube, damals die Wahrheit gesprochen zu haben. Ich glaube aber auch, daß ich manches nicht richtig gewußt habe.


MR. DODD: Dann wollen wir uns einmal näher ansehen, was Sie 1942 über diesen Bericht gesagt haben. Ich verweise Sie auf Seite 8 Ihres Textes; Ich werde versuchen, den Satz für Sie zu finden, der beginnt:

»Erst im Zusammengehen mit uns, Jury und einer Reihe von Mitarbeitern Leopolds...«

Es ist auf Seite 2 des englischen Textes, ungefähr die Mitte der Seite, letztes Drittel der Seite. Haben Sie es gefunden?

RAINER: Nein, Seite 18 deutscher Text?

MR. DODD: Ich sagte Seite 8.


RAINER: Ja.


MR. DODD: Finden Sie das?

»Erst im Zusammengehen mit uns, Jury und einer Reihe von Mitarbeitern Leopolds und auch mit Genehmigung Leopolds ist es gelungen, die Berufung von Seyß-Inquart zum Staatsrat durchzusetzen. Juli 1937. Seyß hat sich immer mehr als der geschickte Verhandler herausgestellt.«


RAINER: Ja.

MR. DODD: Finden Sie das?


RAINER: Ja, ich habe es.


MR. DODD:

»Wir wußten, daß er derjenige ist, der am besten im politischen Vorfeld die Interessen der Bewegung vertreten wird. Er hat sich auch immer bedingungslos der Führung Klausners unterstellt. Er hat sich immer als Beauftragter Klausners gefühlt und hat die politischen Aufträge Klausners getreulich befolgt. Wir haben mit der Ernennung Seyß zum Staatsrat neuerlich eine Möglichkeit bekommen, in weitere Verhandlungen einzutreten. Es hat damals eine Reihe von sehr grotesken Situationen gegeben. Durch den politischen Apparat sind wir über die Vorgänge in Schuschniggs Lager [151] informiert gewesen, über Keppler haben wir selbst zu Ribbentrop, Göring und Himmler unsere Leitung.«

Haben Sie diese Worte in Ihrer Rede gebraucht? So wie sie dort im Text stehen?

Wie bringen Sie das nun in Einklang mit dem, was Sie hier vor dem Gerichtshof über den Bericht an Bürckel gesagt haben?

RAINER: Es ist mir nicht bekannt, woher diese Niederschrift stammt. Ich müßte Gelegenheit haben...

MR. DODD: Ich werde es Ihnen sagen; es handelt sich hier um ein erbeutetes Dokument, das dort in den Akten gefunden wurde. Machen Sie sich also keine Sorgen. Ich will nur wissen, ob Sie jetzt zugeben, daß Sie diese Rede gehalten haben und daß Sie damals diese Dinge gesagt haben.


RAINER: Ich habe die Rede gehalten, aber ich erkläre ausdrücklich, das, was ich heute unter Eid zu diesem Punkt gesagt habe, ist das richtige. Das hier ist eine breite und für das damalige Auditorium bestimmte Erklärung, die nicht so scharf zu nehmen ist, wie das, was ich heute im Bewußtsein meiner Verantwortung sage.


MR. DODD: Sie reden jetzt also nicht vor einem großen Publikum, nicht wahr?


RAINER: Richtig.


MR. DODD: Dann wollen wir uns der nächsten Seite zuwenden und sehen, was Sie dort über Papen und die Konferenz gesagt haben. Sie erklären weiter, wie Sie Informationen erhielten, wie Sie sich auf der Ringstraße trafen und so weiter. Wenn Sie mir jetzt folgen, werden wir die Stellen nicht verlieren.

»Papen war eingeschärft worden, diesen Besuch vertraulich vorzubereiten. In Österreich wußten nur Schuschnigg, Schmidt und Zernatto davon. Diese waren der Meinung, daß von unserer Seite nur Papen informiert war. Auch Papen war der Meinung, daß nur er davon wisse, aber wir waren auch informiert und haben mit Seyß Besprechungen darüber abgehalten.«

Das war die Berchtesgadener Konferenz? Haben Sie damals, 1942, die Wahrheit gesprochen oder nicht? Oder war das eine allgemeine Erklärung, die für die Zuhörer bestimmt war?

RAINER: Ich kann dieses Schriftstück heute nicht auf die richtige Wiedergabe meiner damaligen Ausführungen überprüfen.

MR. DODD: Warum denn nicht? Es war 1942. Können Sie sich nicht erinnern? Wollen Sie sagen, Sie wissen nicht, ob Sie damals die Wahrheit gesagt haben oder daß Sie nicht wissen, ob Sie das überhaupt gesagt haben?


[152] RAINER: Ich habe damals vor einfachen Leuten in Kärnten eine Darstellung gegeben, und ich...


MR. DODD: Haben Sie ihnen Lügen erzählt, oder haben Sie ihnen die Wahrheit gesagt?


RAINER: Nein. Aber ich spreche vor diesen Leuten anders, als ich mich vor diesem Gerichtshof vereidigt zu konkreten Punkten konkret zu äußern habe. Es scheint mir unmöglich, mich heute auf einzelne Punkte meiner damaligen Rede, die vier Jahre zurückliegt, festhalten zu wollen.


VORSITZENDER: Haben Sie eine Antwort erhalten? Er beantwortet Ihre Frage nicht?


MR. DODD: Nein, Herr Vorsitzender, er antwortet nicht.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich fragte Sie, ob Sie diese Erklärungen an jenem Tage machten oder nicht, und wenn Sie sie machten, ob sie wahr waren? Sie können uns das sehr einfach sagen, wir brauchen keine lange Antwort. Sie haben es gelesen, und Sie haben gehört, wie ich es verlas. Bitte, antworten Sie uns jetzt. Sie brauchen nicht mehr zu lesen. Sie haben es einmal gelesen, und ich habe es Ihnen vorgelesen. War es wahr, und haben Sie es gesagt?

RAINER: Es stimmt in Einzelheiten nicht.

MR. DODD: Es ist in mancher Hinsicht wahr? Ist es wahr, daß von Papen informiert wurde und daß Seyß-Inquart von der Konferenz wußte, lange bevor sie stattfand, oder einige Zeit, bevor sie stattfand. Das wollen wir wissen.

RAINER: Als wir bei den Winterkampfspielen in Garmisch-Partenkirchen zusammenkamen, trafen wir...


MR. DODD: Einen Augenblick. Sie beantworten meine Frage nicht. Das ist der nächste Satz oder Absatz, den Sie gelesen haben. Ich weiß, daß das kommt, und ich werde Sie über die Konferenz in Garmisch befragen. Jetzt frage ich Sie, ob das, was Sie über Papen und Seyß-Inquart sagten, die Wahrheit ist, und das ist alles, was ich wissen will.


RAINER: Es ist richtig, daß wir um diese Zeit von der Absicht, eine Besprechung durchzuführen, informiert waren.


MR. DODD: Und daß Seyß-Inquart davon wußte.

Nun wollen wir weiterlesen und etwas über diese Konferenz in Garmisch herausfinden. Sie wurden dorthin zu den Olympischen Spielen eingeladen, wie Sie sagen, und hatten mit Papen und Seyß-Inquart eine Besprechung. Sie führten einige Verhandlungen und fuhren dann nach Berlin.

[153] Etwas weiter im Text finden wir sehr viel interessantes Material. Wir haben keine Zeit, uns jetzt mit allem zu beschäftigen. Es ist ein Stückchen weiter unten, und ich möchte Sie fragen über das, was Sie nach Ihrer Angabe vorbereitet hatten.

»Wir haben folgendes schon vorbereitet gehabt:...«

Sie sprechen von Schuschnigg und der bevorstehenden Konferenz. Das ist auf der Rückseite von Seite 9 Ihres Textes, Herr Zeuge, auf Seite 5 des englischen Textes, letzter Abschnitt. Sie sagen dort:

»Wir haben folgendes schon vorbereitet gehabt: Das letzte Besprechungsergebnis teilte mir Seyß mit in einem Lokal in der Kärntnerstraße. Ich habe die Telephonnummer aufgerufen, auf der Globus in Berlin zu erreichen war...«

Zur Unterrichtung des Gerichtshofs möchte ich bemerken, daß Globus Globocznik ist. Es ist dieselbe Person, nicht wahr?

RAINER: Jawohl.

MR. DODD:

»... habe ihm das negative Ergebnis der Besprechung mitgeteilt. Ich konnte mit Globus auch vollkommen frei sprechen. Wir haben für jeden Namen einen Geheimkodex gehabt, andererseits haben wir beide in fürchterlichem Dialekt gesprochen, daß uns kein Mensch verstanden hätte. Globus hat diese Information sofort schriftlich niedergelegt... Keppler war inzwischen mit Schlafwagen nach München.«

Und dann ein paar Sätze weiter unten:

»Ich habe dann mit Parteigenosse Mühlmann, der sich als ausgezeichneter Verbindungsmann zu Stellen im Reiche als Regierungsstellen erwiesen hat, Instruktionen mitgegeben. Er ist mit dem gleichen Zug, in dem Schuschnigg fuhr, nach Salzburg gefahren. Während Schuschnigg in Salzburg sich abhängen ließ, dort übernachtete und am nächsten Tage mit Auto nach Obersalzberg weiterfuhr, fuhr Mühlmann weiter und war in Berchtesgaden. Keppler und er sind dann vor Schuschnigg zum Führer und konnten ihm alles sagen. Schuschnigg ist in der Früh gekommen, dort empfangen worden und hat die grenzenlose Überraschung erlebt, daß der Führer die Verhandlungen sofort aufnahm, wo am Vortage die Verhandlungen zwischen Seyß und ihm ergebnislos abbrachen. Der Führer führte die Verhandlungen nicht, wie Schuschnigg es sich dachte. Er ging auf das Ganze. Schuschnigg wurde damals fertig gemacht, daß man es sich gar nicht vorstellen konnte. Der Führer hat ihn angefaßt, hat ihn befetzt, angeschrieen, er hat ihm die ganzen Schweinereien, die Schuschnigg in den vergangenen Jahren begangen hat, vorgehalten. Schuschnigg war schon ganz starker Raucher [154] geworden. Man hatte Verbindungen bis in das Schlafzimmer hinein, wir waren informiert über seinen Lebensstil, jetzt rauchte er 50, jetzt 60 Zigaretten. Nun darf er beim Führer nicht rauchen. Schuschnigg konnte auch nicht rauchen. Ribbentrop sagte mir, Schuschnigg hätte ihm schon leid getan. Er ist nur mehr stramm gestanden vor dem Führer, er legte die Hände an die Hosennaht und sagte nurmehr ›Jawohl‹.«

Was haben Sie dazu zu sagen? Alles das sagten Sie in Ihrer Rede. War es die Wahrheit? Bisher, Herr Zeuge, haben Sie ja mit mir mitgelesen. Sagten Sie das oder nicht? Und war es wahr, als Sie es sagten?

RAINER: Die Ereignisse, wie ich sie hier geschildert habe, stimmen im großen und ganzen. Einzelne Formulierungen, die ich hier lese, stammen nicht von mir, in diesem Punkt ist dieses Schriftstück von anderer Hand ergänzt worden. Ob die dargestellten Ereignisse im einzelnen richtig sind, kann ich nicht mit Sicherheit erklären, da sich vieles davon nicht in meiner Gegenwart abgespielt hat.

MR. DODD: Ich wollte nur wissen, ob Sie das gesagt haben. Das ist alles. Gut, dann fahren wir fort. Sie sagten ferner:

»Bevor die Besprechung mit Schuschnigg startete, ist Schmidt zu Ribbentrop gegangen und sagte: ›Bitte, erlauben Sie doch, daß der Bundeskanzler eine einzige Zigarette raucht‹, was auch erlaubt wurde.«

Und ein paar Seiten weiter etwas Wichtigeres, auf Seite 13...

VORSITZENDER: Herr Dodd! Glauben Sie, daß Sie heute abend noch fertig werden, da wir uns um dreiviertel vertagen möchten?

MR. DODD: Jawohl. Ich brauche nur noch zwei Minuten, dann bin ich fertig. Ich glaube nicht, daß es länger dauern wird, es sind nur ein oder zwei Stellen aus dieser Rede.


[Zum Zeugen gewandt:]


In dieser Rede sprachen Sie zu der Versammlung über den Tag, an dem Seyß-Inquart zu einer Besprechung kam und Ihnen sagte, daß er durch sein Ehrenwort gebunden sei, nicht über die Volksabstimmung zu sprechen. Sie wissen, was Sie Ihren Zuhörern damals sagten. Ich versichere Ihnen, daß es sich im Text befindet und wir sparen Zeit, wenn Sie mir glauben. Sie finden es auf Seite 13. Es ist Seite 13 des englischen Textes. Dort sagen Sie:

»Wir fragten Seyß: Ist es richtig? Seyß sagte: 'Ich bin durch ein Ehrenwort zur Verschwiegenheit verpflichtet, wir wollen aber so tun, als ob es wahr sei. (Diplomat, der er war.) Damit war der Fall für uns geklärt.«

[155] Er ließ Sie wissen, nicht wahr, daß Schuschnigg ihm von der Volksabstimmung erzählt hatte. Er ließ Sie das wissen, nicht wahr? Bitte, können Sie meine Frage nicht beantworten, ohne... Sie werden die Antwort darauf auf jener Seite nicht finden.

RAINER: Die Darstellung hier stimmt mit meiner Erinnerung überein.

MR. DODD: Nur noch eine Sache, und dann habe ich keine weiteren Fragen an ihn.


[Zum Zeugen gewandt:]


Sie erzählten Ihren Hörern auch, daß in der Nacht von Donnerstag, den 10. März, auf Freitag, den 11. März, alle Gauleiter in Wien waren, um Informationen zu erwarten:

»... haben wir... am 10. März an die SA und SS, Lukesch und Kaltenbrunner, den Befehl gegeben, ab Freitag die halben Bestände der Formationen einzustellen... und daß die besten bewaffnet kaserniert in den Unterkünften zu bleiben haben, für den Fall des Bürgerkrieges.« Und so weiter.

Haben Sie das gesagt?

RAINER: Mit Waffen und in Baracken? Das kann nicht stimmen, sondern die Weisung lautete damals so, und ich werde es auch nicht anders erzählt haben, daß die halben Bestände gesammelt zu Hause bleiben sollen, das heißt in Versammlungsorten. Von Baracken kann überhaupt nicht die Rede sein, und Waffen hatten wir nahezu keine.

MR. DODD: Wissen Sie, daß beinahe alles, was Sie in dieser ganzen Rede gesagt haben, nur detaillierter, in Ihrem Bericht an Bürckel enthalten war? Wahr ist, daß Sie in beiden Fällen das sagten, was Ihrer Ansicht nach der Wahrheit entsprach, nicht wahr?

Das ist das Wahre an der Sache. Als Sie Ihren Bericht an Bürckel machten, und als Sie vor den Politischen Leitern und Blutordensträgern jene Rede hielten, berichteten Sie, was Sie sich als Tatsachen gedacht haben, von denen Sie natürlich auch heute noch wissen, daß sie Tatsachen sind.


RAINER: Ich kann diese Sache nicht als authentisch anerkennen.


MR. DODD: Ich habe keine weiteren Fragen mehr, Mylord.


VORSITZENDER: Wir werden uns jetzt vertagen.


[Das Gericht vertagt sich bis

13. Juni 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 16, S. 120-157.
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