Vormittagssitzung.

[72] [Der Angeklagte Seyß-Inquart im Zeugenstand.]


OBERST CHARLES W. MAYS, GERICHTSMARSCHALL: Hoher Gerichtshof! Es wird berichtet, daß die Angeklagten Heß und Jodl abwesend sind.

M. DEBENEST: Angeklagter! Sie stimmen mir zu, daß außerordentlich große Vorräte nach Deutschland verbracht worden sind?


SEYSS-INQUART: Jawohl, das ist richtig.


M. DEBENEST: Im Hinblick auf ein anderes System, das zur Ausplünderung von Holland angewandt wurde, möchte ich Ihnen ein Dokument vorhalten, das deutlich zeigt, daß Sie nicht der einzige waren, der die Plünderungen vorgenommen hat, sondern daß auch Göring und das OKW dabei beteiligt waren. Es ist das Dokument F-868, das RF-1530 wird. Es handelt sich hier um ein Fernschreiben des OKW, das an Sie gerichtet wurde und das Reinecke gezeichnet ist. Dieses Fernschreiben ist vom 5. Dezember 1940 und beginnt mit:

»Sitzung bei dem Herrn Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches am 7.10.1940. Regelung für den Versand und die Mitnahme von Waren aus Holland für Angehörige der Wehrmacht und der eingesetzten Verbände.

Im Einvernehmen mit dein. Herrn Reichsmarschall und dem Herrn Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete werden die bisher geltenden Bestimmungen für den Versand und die Mitnahme von Waren aus Holland aufgehoben. Die Angehörigen der Wehrmacht und der eingesetzten Verbände, Organisationen und Gliederungen«

es folgen die Bezeichnungen,

»und die in Holland eingesetzten Angehörigen und Dienststellen der Behörden und Dienststellen dürfen aus Holland im Rahmen der ihnen zustehenden Mittel Feldpostpäckchen im Gewicht bis zu 1000 Gramm ohne Beschränkung der Zahl in die Heimat versenden. Soweit die Päckchen das Gewicht von 250 Gramm...«

Ich will das Folgende nicht verlesen, da es sich da nur um eine Frage der postalischen Freimachung handelt.

»... Die Mitnahme von Waren anläßlich eines Urlaubs oder bei einem sonstigen Übertritt der Grenze in das Reich unterliegen keinerlei Beschränkungen...«

[72] Diese Vorschrift ist doch wohl mit Ihrem Einverständnis erlassen worden?

SEYSS-INQUART: »Einverständnis« ist in diesem Fall vielleicht etwas zuviel gesagt. Es handelt sich hier nicht um eine Beschlagnahmeermächtigung, sondern nur um eine Transportanweisung. Diese Dinge mußten irgendwie gekauft sein, sie durften nicht beschlagnahmt werden.

Der Herr Reichsmarschall hat das angeordnet, und ich habe das in Kraft gesetzt. Das war der sogenannte Schlepp-Erlaß, daß jeder Soldat, der aus den Niederlanden zurückkehrte, so viel mitnehmen kann, als er mittragen kann an irgendwelchen Dingen, die er sich eingekauft hat. Aber im Zivilbereich ist die Anordnung dann von mir entsprechend dieser Anweisung gegeben worden. Ich glaube, nach zwei Jahren wurde sie aufgehoben, da man immer wieder vorstellig wurde, weil sie den Schwarzhandel in einer besonderen Weise begünstigt hat.


M. DEBENEST: Ich habe ja nicht gesagt, daß es sich um Requirierungen handelte. Ich sagte Ihnen gestern, daß Massenrequirierungen stattfanden, und Sie antworteten, daß es stimme. Heute sage ich Ihnen, und zu diesem Zweck habe ich Ihnen das Dokument vorgelegt, daß in Holland auch noch andere Arten von Plünderungen vorgenommen wurden.


SEYSS-INQUART: Sie haben aber früher von Beschlagnahmen gesprochen; nur das wollte ich richtigstellen.


M. DEBENEST: Ich habe gestern kurz davon gesprochen, ja. Gehen wir weiter. Wollen Sie mir sagen, was für Aufgaben der Beauftragte für den Vierjahresplan hatte?


SEYSS-INQUART: Ich habe die Verordnung im Wortlaut nicht in Erinnerung. Ich glaube, sie ist hier schon verlesen worden; jedenfalls die Organisierung der gesamten ökonomischen Mittel des deutschen Interessenbereiches zugunsten der von Deutschland geführten Politik, im Kriege natürlich zugunsten der Kriegswirtschaft.


M. DEBENEST: Wer hat die Liquidierung des Besitzes der Freimaurer angeordnet?


SEYSS-INQUART: Ich muß gestehen, daß ich das eigentlich nicht weiß. Ich bin auf den Fall aufmerksam gemacht worden, da war er schon beschlagnahmt. Ich vermute, daß es von Himmler und über Heydrich gekommen ist.


M. DEBENEST: Aber ich, ich werde Ihr Gedächtnis auffrischen. Ich lasse Ihnen das Dokument F-865, das RF-1531 wird, vorlegen. Es handelt sich um einen Brief, der von Ihnen unterzeichnet ist, nicht wahr?


[73] SEYSS-INQUART: Jawohl.


M. DEBENEST: Der Brief ist vom 11. März 1944 und von Ihnen unterzeichnet, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Vollkommen richtig.


M. DEBENEST: Gut. In diesem Brief drücken Sie sich folgendermaßen aus:

»Sehr geehrter Herr Dr. Lammers!

Ich habe das Freimaurer-Vermögen in den Niederlanden liquidieren lassen. Da die Liquidation durch mich, also durch eine staatliche Dienststelle, erfolgte, ist im Gegensatz zu den Liquidationen in den übrigen Räumen die Zuständigkeit des Herrn Reichsfinanzministers für die weiteren Verwendungsentschließungen gegeben. Ich habe heute an den Herrn Reichsfinanzminister einen Brief geschrieben und erlaube mir, Ihnen in der Anlage eine Durchschrift vorzulegen. Ich bitte Sie, meinen Antrag zu unterstützen.«

Sie haben also von dieser Liquidierung nicht erst gehört, nachdem sie vollzogen war, da Sie sie ja selbst durchgeführt haben.

SEYSS-INQUART: Ich bleibe durchaus bei meiner ersten Feststellung. Die Frage ist dahin gegangen, wer sie angeordnet hat, und ich habe verstanden, wer vom Reich aus sie verlangt hat. Ich habe tatsächlich erst nach einigen Monaten diesen ganzen Komplex festgestellt, dann habe ich die Liquidation übernommen und durch meine diesbezüglichen Dienststellen zu Ende führen lassen und diesen Brief geschrieben. Also die Durchführung lag bei mir.

M. DEBENEST: Sie sagten doch vorhin – und ich habe die Übersetzung ganz genau verstanden –, daß Sie erst davon etwas gehört haben, als es bereits geschehen war. Ich habe bereits gestern mehrmals bemerkt, daß Sie sich widersprechen, wenn Ihnen die Dokumente vorgelegt werden.


SEYSS-INQUART: Ich habe nicht verstanden, ist das eine Frage an mich?


M. DEBENEST: Ich habe lediglich eine Feststellung getroffen. Ist diese Liquidierung des Freimaurerbesitzes eine größere Angelegenheit gewesen?


SEYSS-INQUART: Ganz bestimmt. Ich möchte nur sagen, sie wurde von einer anderen Stelle begonnen, das Vermögen beschlagnahmt, dann habe ich die Aktion übernommen und durch meine zuständigen Dienststellen durchführen lassen.


M. DEBENEST: Haben Sie im voraus Pläne für die Verwendung der Summen gemacht, die die Liquidation abgeworfen hat?


SEYSS-INQUART: Ich habe den Vorschlag gemacht, daß sie der Partei gegeben werden.


[74] M. DEBENEST: Hatten Sie darüber vorher verhandelt?


SEYSS-INQUART: Ich habe auch einen Brief geschrieben, ich glaube, die hier erwähnte Anlage meines Briefes an den Finanzminister enthält den Vorschlag, dieses Vermögen der Partei zu geben.


M. DEBENEST: Haben Sie nicht angedroht, das holländische Volk wegen des Eisenbahnerstreiks im September 1944 hungern zu lassen?


SEYSS-INQUART: Man kann es auch als Drohung auffassen. Ich habe es aber jedenfalls als sehr wahrscheinlich bezeichnet.


M. DEBENEST: Sie verlangten von dem Generalsekretär die Beendigung dieses Streiks?


VORSITZENDER: Herr Debenest! Der Gerichtshof wünscht eine weitere Untersuchung der Frage, wer die Beschlagnahme des Vermögens der Freimaurer anordnete.

Angeklagter! Wissen Sie, wer die Beschlagnahme anordnete?


SEYSS-INQUART: Jawohl. Die Beschlagnahme wurde angeordnet von Heydrich und wurde von der Polizei in die Wege geleitet; dann hat ein Beauftragter der Partei mit der Liquidierung begonnen, und in diesem Stadium habe ich sie übernommen und meinen Dienststellen übergeben.


M. DEBENEST: Wann war das? Wann wurde die Beschlagnahme angeordnet?


SEYSS-INQUART: In den ersten Monaten, das ist sehr schnell gegangen, das hat sich nur um Wochen gehandelt.


VORSITZENDER: Ist dafür irgendein Grund angegeben worden?


SEYSS-INQUART: Die Freimaurer wurden als reichsfeindlich bezeichnet nach der Verordnung über die Einziehung des Vermögens von Reichsfeinden.


VORSITZENDER: War Heydrichs Befehl schriftlich?


SEYSS-INQUART: Das kann ich nicht sagen. Er ist an die Sicherheitspolizei gegangen, und der Befehlshaber der Sicherheitspolizei hat ihn durchgeführt.

Ich nehme an, es wird ein Fernschreiben gewesen sein, wenn nicht überhaupt diese ganze Aktion schon vorher geplant war.


VORSITZENDER: Gut. Wollen Sie damit sagen, daß Sie ihn durchgeführt haben, ohne irgendeinen schriftlichen Befehl erhalten zu haben?

SEYSS-INQUART: Ich habe die Meldung der Sicherheitspolizei bekommen. Es mag sein, daß sie schriftlich war, vielleicht war sie mündlich, daß vom RSHA die Beschlagnahme durchgeführt wurde, und auf das hin habe ich die Sache weiter durchgeführt.


[75] VORSITZENDER: Um welchen Betrag handelte es sich bei diesen Beschlagnahmen?


SEYSS-INQUART: Ich glaube, die Endsumme in der Liquidation hat über acht oder neun Millionen Gulden betragen.


VORSITZENDER: Sie sagten, glaube ich, daß Sie vorschlugen, das Geld der Partei auszuhändigen?


SEYSS-INQUART: Ich habe den Antrag gestellt, daß diese neun Millionen Gulden der Partei gegeben werden.


VORSITZENDER: Und ist das auch tatsächlich geschehen?


SEYSS-INQUART: Nein, ich habe keine Entscheidung bekommen. Das Vermögen muß in irgendwelchen Werten in den Niederlanden geblieben sein, wahrscheinlich in Schatzanweisungen.


VORSITZENDER: Sie waren doch der Reichskommissar für die Niederlande, nicht wahr? Was ist mit dem Geld geschehen?

SEYSS-INQUART: Das Geld wurde auf ein Bankkonto hinterlegt, vielleicht wurden niederländische Kassenscheine angekauft. Es wurde als ein eigener Fonds behandelt, und es wurde nicht verwendet.


VORSITZENDER: Das war doch alles im Jahre 1940, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Die Liquidation dürfte bis zum Jahre 1942 gegangen sein, und von da an ist das Geld auf einem Konto liegengeblieben.


VORSITZENDER: Bei welcher Bank war es?


SEYSS-INQUART: Herr Präsident! Das kann ich nicht sagen, aber es ist gar kein Zweifel, daß die Niederländer das festgestellt haben.


VORSITZENDER: Und als Sie sagten, daß die Beschlagnahme in den ersten Monaten geschah, meinten Sie doch das Jahr 1940, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Ja, sofort nach dem Einmarsch.


VORSITZENDER: Fahren Sie fort, Herr Debenest.


M. DEBENEST: Wurden die Summen aus dieser Liquidierung genau so verwendet wie die, die durch Liquidierung des jüdischen Besitzes entstanden waren?


SEYSS-INQUART: Im wesentlichen wurde der Erlös der Liquidierung des jüdischen Vermögens in der Vermögensverwaltungs- und Rentenanstalt zusammengefaßt. Es wurde dieser Erlös nicht eingezogen, aber es wurden gewisse Auslagen aus diesen Erlösen bestritten, zum Beispiel die Errichtung des Lagers Vught wurde aus diesen Vermögen bestritten. Nominell war der Erlös aus der Liquidation des jüdischen Vermögens 400 Millionen Gulden oder etwas mehr. Es ist aber nicht eingezogen worden.


[76] M. DEBENEST: Wie wurden die Fonds im einzelnen verwendet? Wurden sie für die Zwecke der deutschen Verwaltung oder für andere Zwecke verwendet?


SEYSS-INQUART: Das jüdische Vermögen wurde zuerst beschlagnahmt; dann wurde es, soweit es möglich war, liquidiert. Wir nannten das »arisieren«. Die Erlöse der Arisierung wurden zusammengefaßt in der Vermögensverwaltungs- und Rentenanstalt, wurden aber im großen und ganzen nicht...


M. DEBENEST: Bitte antworten Sie etwas direkter auf meine Frage. Sie brauchen uns über den Werdegang der Liquidierung nicht zu berichten. Ich frage Sie über die Verwendung dieses Fonds.


SEYSS-INQUART: Der Erlös wurde gar nicht verwendet im großen, sondern in der Vermögensverwaltungs- und Rentenanstalt der Niederlande müssen 400 Millionen Gulden liegen, teils in niederländischen Schatzscheinen, teils in den Originalwerten, und die müssen drüben sein. Es wurden nur verhältnismäßig kleine Teile für bestimmte Zwecke verwendet. Ich glaube, am größten ist der Betrag von 14 Millionen Gulden für die Errichtung des Lagers Vught. Ich machte den Reichsfinanzminister darauf aufmerksam, daß...


M. DEBENEST: Entschuldigen Sie, ich habe an Sie die Frage gerichtet: Wurden die Beschlagnahmen für das Reich verwendet? Ja oder nein?


SEYSS-INQUART: Nein, wenn man nicht vielleicht die Errichtung des Lagers Vught als eine Verwendung für das Reich ansieht; aber die Verwendung geschah deshalb, weil damals das Lager Vught ein jüdisches Sammellager werden sollte.


M. DEBENEST: Sie meinen also, daß die Errichtung des Lagers Vught im Interesse der Holländer geschah?


SEYSS-INQUART: Das kann ich bestimmt sagen. Die Kosten des Lagers Vught, soweit sie mir bekanntgegeben wurden, wurden aus diesen Vermögen bestritten – ich glaube, es waren 14 Millionen Gulden – und zwar deshalb, weil das Lager ein jüdisches Sammellager sein sollte. Erst später hat Himmler ein KZ daraus gemacht.

M. DEBENEST: Das ist Ansichtssache, der Gerichtshof wird darüber entscheiden. Aber wofür wurden die Beträge verwendet, die aus dem liquidierten Eigentum der Freimaurer stammten? Wurden diese für das Reich verwendet oder auch für die Errichtung von Konzentrationslagern für Holländer?


SEYSS-INQUART: Weder das eine noch das andere.


VORSITZENDER: Herr Debenest! Er hat doch schon gesagt, und ich glaube, deutlich genug erklärt, daß es auf einer unbekannten Bank deponiert war und daß da auch ungefähr 400 Millionen waren, die von den Juden stammten.


[77] SEYSS-INQUART: Herr Präsident! Die Bank ist mir bekannt. Das Judenvermögen ist in der Vermögensverwaltungs- und Rentenanstalt hinterlegt.


M. DEBENEST: Gut. Jetzt lasse ich Ihnen ein Dokument überreichen. Es ist ein Brief, und zwar das Dokument F-864, das Beweisstück RF-1532 werden wird. Aus diesem Dokument geht ganz genau die Bestimmung der Summen hervor, die bei der Liquidation zusammenkamen. Erstens, geben Sie am Anfang dieses Briefes an, daß die Summe aus der Liquidierung, die bis dahin nach Ihren Angaben einen Betrag von 6.134.662 Gulden erreicht hatte, sich bei der Reichsstiftung der Niederlande befindet. Soviel ich weiß, handelt es sich hierbei um eine deutsche und keineswegs um eine holländische Anstalt. Weiter geben Sie an, wie die verschiedenen Summen verteilt werden sollten.


VORSITZENDER: Ich glaube, Sie brauchen sich um die Einzelheiten nicht zu bemühen. Er sagt, daß die Summe dort in der Bank sei.


M. DEBENEST: Jawohl, Herr Vorsitzender.

Ich möchte nur einige Zeilen am Schluß des Dokuments vorlesen, mit denen der Endzweck der Verteilung der verschiedenen Summen genau erklärt wird:

»Ich glaube, Ihren Intentionen zu entsprechen, wenn ich bezüglich dieses liquidierten Freimaurervermögens annehme, daß auch dieses, so wie wir es bezüglich des Judenvermögens besprochen haben, bestimmten Zwecken in den Niederlanden zugeführt werden soll, über die zwischen uns beiden ein Einvernehmen erzielt wird.«

Also war Ihre Absicht, diese Gelder in derselben Weise zu verwenden wie das jüdische Vermögen, nicht wahr?

SEYSS-INQUART: Es ist gar nicht gesagt.

M. DEBENEST: Wir haben es schriftlich. Das ist um so besser.


SEYSS-INQUART: Der Verwendungszweck ist vollkommen offen. Der Reichsfinanzminister wollte da mals über das Judenvermögen verfügen. Ich habe ihn aufmerksam gemacht, daß es noch nicht eingezogen ist, und ich habe ihm nahegelegt, vom Reich aus die Einziehung noch nicht zu verfügen, sondern zu warten, wie die Dinge weiter verlaufen.


M. DEBENEST: Sie haben ihm doch vorgeschlagen, es für dieselben Zwecke zu verwenden?


SEYSS-INQUART: Ich habe ihm vorgeschlagen, es zu bestimmten Zwecken in den Niederlanden zu verwenden, das heißt, dieses Vermögen nicht ins Reich zu bringen, sondern in den Niederlanden zu [78] lassen, aber die Verwendung selber ist ganz offen. Er wollte sie ja ins Reich bringen.


VORSITZENDER: Herr Debenest! Ich glaube, Sie können jetzt weitergehen.


M. DEBENEST: Ich dachte gerade daran, die Beurteilung dem Gerichtshof zu überlassen.

Wir wollen noch einmal auf den Eisenbahnerstreik zurückkommen. Haben Sie nicht von den Generalsekretären verlangt, den Streik zu beenden?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


M. DEBENEST: Haben Sie nacht ein Embargo auf die Transportmittel und die auf der Fracht befindlichen Lebensmittel gelegt?

SEYSS-INQUART: Jawohl.


M. DEBENEST: Das sind Sie doch gewesen, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Jawohl, das habe ich gestern erklärt.


M. DEBENEST: Demnach kannten Sie damals die Lebensmittelsituation in Holland sehr gut und waren sich der schwerwiegenden Folgen bewußt, die sich notgedrungen aus einer solchen Entscheidung ergeben mußten, einer sehr ernsten Entscheidung.


SEYSS-INQUART: In Wirklichkeit nicht, denn in Wirklichkeit war der Verkehr bereits unterbrochen durch die Beschlagnahme der Wehrmacht, und es hat sich nur darum gehandelt, einen Modus vivendi zu finden, um nach mir vordringlich erscheinenden Sicherungen der Wehrmachtsbedürfnisse einen gesicherten Lebensmittelverkehr wieder nach Holland in die Wege leiten zu können. Wäre der Eisenbahnerstreik nicht gewesen, so hätte ich bei der Wehrmacht zweifellos erreicht, daß sie ihre Beschlagnahme nicht durchführt und daher der Schiffsverkehr in Ordnung geblieben wäre.


M. DEBENEST: Es handelt sich ja gar nicht um die Wehrmacht. Sie wissen ganz genau, daß zu der Zeit, als Sie die Schiffahrt mit dem Embargo belegten, Sie ganz genau wußten, daß zu dieser Zeit die Schiffe Lebensmittel für den Winter nach Holland aus dem Westen transportierten?


SEYSS-INQUART: Ja, aber in dem Augenblick, in dem ich das Embargo verhängt habe, gab es tatsächlich keinen Verkehr mehr, und die wenigen Lebensmittelschiffe wurden von der Wehrmacht beschlagnahmt samt den Lebensmitteln.


M. DEBENEST: Dann war Ihre Entscheidung völlig nutzlos?


SEYSS-INQUART: Nein, denn durch meinen Entschluß habe ich bei der Wehrmacht durchgesetzt, daß sie sich auf eine kürzere Frist beschränkt und mir dafür die Zusage gibt, daß sie nachher die von mir bescheinigten Schiffe vollkommen ungestört läßt.


[79] M. DEBENEST: Wie lange hat denn dieses Embargo gedauert?


SEYSS-INQUART: Ich glaube, daß ich zwischen 15. und 20. Oktober dem Leiter meiner Verkehrsabteilung den Auftrag gegeben habe, das Embargo aufzuheben. Praktisch hat es noch Wochen gedauert, weil die niederländische Verkehrsorganisation versagt hat.


M. DEBENEST: Bis wann ungefähr?


SEYSS-INQUART: Es kann bis Mitte November gedauert haben.


M. DEBENEST: Fanden nicht zu jener Zeit die größten Transporte statt?


SEYSS-INQUART: Das ist richtig. Wir können im November und Dezember so viel Lebensmittel nach Holland bringen, daß diese sechs Wochen Frost als äußerstes Maß überbrückt werden können. Und im September war ich der festen Meinung, daß ich im November und Dezember diese Verschiffungsmöglichkeiten zur Verfügung haben werde.


M. DEBENEST: Und haben Sie diese wirklich gehabt?


SEYSS-INQUART: Leider nicht, denn durch das Versagen der niederländischen Verkehrsbehörden in Zusammenhang mit anderen kriegsbedingten Umständen stand diese Möglichkeit nicht zur Verfügung.


M. DEBENEST: Sie waren sich jedoch voll bewußt, daß die von Ihnen getroffene Entscheidung schwere Folgen haben mußte?


SEYSS-INQUART: Im September war der Entschluß noch nicht so schwer, als die Tatsache, daß die Deutsche Wehrmacht unbedingt mit Rücksicht auf den Eisenbahnerstreik den Verkehr und die Verkehrsmittel brauchte; und in Wahrung der Reichsinteressen würde es für mich keinen größeren Vorwurf geben, als wenn das deutsche Volk sagen würde, ich hätte nicht alles Menschenmögliche und Durchführbare für die Durchstehung dieses Kampfes getan.


M. DEBENEST: Der Gerichtshof wird sich Ihre Erklärung merken.


VORSITZENDER: Herr Debenest! Sie haben sich mit diesem Thema schon gestern befaßt, nicht wahr?


M. DEBENEST: Ich glaube nicht, Herr Präsident.


VORSITZENDER: Das Schiffahrtsembargo wurde ganz sicher gestern besprochen.


M. DEBENEST: Herr Vorsitzender! Ich glaube, daß ich gestern nur von den Beschlagnahmungen gesprochen habe. Ich habe nur eine oder zwei Fragen wirtschaftlicher Natur gestellt und glaube, dieses Gebiet noch nicht berührt zu haben. Wenn ich es getan habe, dann bitte ich den Gerichtshof um Entschuldigung. Im übrigen bin ich damit fertig.


[80] [Zum Zeugen gewandt:]


Wie war die Lage der Niederländischen Bank bei Ihrer Ankunft im Jahre 1940?

SEYSS-INQUART: Die Niederländische Bank als Notenbank war, glaube ich, im wesentlichen auf der Basis einer Privatbank aufgebaut. Präsident war Herr Trip. Der Staat dürfte einen gewissen Einfluß gehabt haben, weil sie ja das Notenbankinstitut war.

M. DEBENEST: Geben Sie uns kürzere Erklärungen.


SEYSS-INQUART: Dann werden sie nicht die volle Wahrheit enthalten.


M. DEBENEST: Haben die Goldreserven den Banknotenumlauf gedeckt?


SEYSS-INQUART: Ich vermute, nach Maßgabe der Golddeckung oder des Vorhandenseins der Golddevisen. Und tatsächlich war die Devisendeckung höher als die Ausgabe der Noten. Die Holländische Bank hat mehr Gold und Golddevisen gehabt, als sie Noten ausgegeben hat.


M. DEBENEST: Und wie war die Lage zur Zeit des deutschen Zusammenbruchs?


SEYSS-INQUART: Da hat sie einige Milliarden, und zwar eine ziemlich hohe Summe an Milliarden, Papiergeldumlauf gehabt und vielleicht noch 23 Millionen Goldgulden.


M. DEBENEST: Aber vor allem Reichsmark?


SEYSS-INQUART: Nein, ich sage 23 Millionen Gulden in Gold. Die übrige Deckung dürften Anweisungen aus dem Reich gewesen sein.


M. DEBENEST: Haben Sie die Aufhebung der »Devisengrenze« veranlaßt? Wollen Sie bitte antworten.


SEYSS-INQUART: Jawohl.


M. DEBENEST: Waren Sie vollkommen von der Notwendigkeit der Aufhebung der »Devisengrenze« überzeugt?


SEYSS-INQUART: Der Vorschlag ist aus meinem Amt gekommen. Ich habe ihn übernommen, Herr Trip hat protestiert. Ich habe ihn nach Berlin gegeben. In Berlin hat der Herr Reichsmarschall dafür entschieden, Reichsminister Funk war dagegen; ich habe den von mir gemachten und von Herrn Reichsmarschall gebilligten Vorschlag durchgeführt.


M. DEBENEST: Aber persönlich waren Sie mit ihm einverstanden?


VORSITZENDER: Was meinen Sie eigentlich mit »Devisengrenze«, mit der Sie sich jetzt befassen? Wir wollen nur wissen, wovon Sie sprechen.


[81] M. DEBENEST: Ich meine damit den freien Umlauf der deutschen Währung in Holland.


[Zum Zeugen gewandt:]


Hatte nicht Holland außerdem noch bedeutende Zahlungen, sogenannte »freiwillige Zahlungen«, zu leisten, unter anderem für den Kampf gegen den Bolschewismus?

SEYSS-INQUART: Ich glaube, ich habe den Fall ganz deutlich dargelegt. Das Reich verlangte in einem gewissen Zeitpunkt als mittelbare Besatzungskosten 50 Millionen Mark für die Vorbereitung der Verteidigung in Holland. In Holland haben wir das »Freiwilligen Beitrag« genannt aus rein optisch-politischen Gründen. In Wirklichkeit war das eine Forderung des Reiches, die so oder so hätte gezahlt werden müssen. Also ich belaste keinen Niederländer mit dieser angeblichen Freiwilligkeit dieses Beitrags.

M. DEBENEST: Und Sie waren mit diesen Maßnahmen einverstanden, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


M. DEBENEST: Welches waren die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen dieser Maßnahmen?


SEYSS-INQUART: Die finanziellen Folgen waren ein außerordentlich erhöhter Banknotenumlauf, außerordentlich hohe Girokonten, die in irgendeiner Form sowohl im Reich wie in allen besetzten Gebieten gleichgeblieben sind. In Holland haben wir es so ge macht; in Frankreich war es anders. Das finanzielle Ergebnis ist mit Rücksicht auf den Zusammenbruch des Reiches gleich. Hätte Deutschland den Krieg nicht verloren, so hätte Holland heute einen Anspruch von über 41/2 Milliarden Gulden gegen ein souveränes Deutschland.


M. DEBENEST: Gut. Wollen Sie sich nun Dokument 997-PS ansehen, das Ihnen bereits gestern vorgelegen hat. Ich werde Ihnen vorlesen, was Sie von diesen Maßnahmen hielten. Es ist Seite 14 der französischen Übersetzung und Seite 12 des deutschen Originaltextes. Es ist der große Bericht Seyß-Inquart, RF-122, 997-PS.

Sie schreiben hier, ich verlese von Zeile 6 an:

»Diese Regelung geht weit über alle bezüglichen Regelungen hinaus, die bisher mit den Nachbarvolkswirtschaften einschließlich der des Protektorats getroffen wurden...«

Seite 12 des deutschen und 14 des französischen Textes:

»... und stellt eigentlich den ersten Schritt zu einer Währungsunion dar. Mit Rücksicht auf diese Bedeutung des Abkommens, die schon an die Unabhängigkeit des niederländischen Staates herankommt,...«

[82] und dann sagten Sie:

»... ist es von besonderem Ausschlag, daß der in der westlerischen Bank- und Finanzwelt außeror dentlich bekannte Bankpräsident Trip diesen Vertrag wieder freiwillig im obigen Sinne unterschrieben hat.«

Das war Ihre Meinung über diese Maßnahmen?

SEYSS-INQUART: Das ist richtig. Aber ich muß heute zugeben, daß meine damalige Meinung falsch war, denn sonst würde ich Herrn Bankpräsidenten Trip zu stark belasten. Was hier geschrieben ist, ist noch nicht der Zustand der späteren Aufhebung der Devisengrenze. Das war nur die Vereinbarung der unbeschränkten Annahme der Banknoten zwischen den beiden Notenbanken. Im übrigen darf ich auf das verweisen, was ich über die Qualitäten des Herrn Trip gesagt habe und glaube, daß mit dessen Zustimmung in meinen Augen auch die völkerrechtliche Zulässigkeit gegeben ist.

M. DEBENEST: Sie haben jedoch erklärt, daß es »schon an die Unabhängigkeit des Niederländischen Staates herankommt«?


SEYSS-INQUART: Das war ein übertriebener Optimismus in meiner Darstellung.


M. DEBENEST: Sehr gut. Der Gerichtshof wird Ihre Darstellung zu würdigen wissen. Andererseits zogen Sie die Aufhebung der Zollgrenzen in Erwägung? Ist das richtig?


SEYSS-INQUART: Ich habe die Frage nicht verstanden.


M. DEBENEST: Sie warten die Übersetzung nicht ab. Wie können Sie da verstehen? – Ich fragte Sie: Haben Sie nicht die Aufhebung der Zollgrenzen in Erwägung gezogen?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


M. DEBENEST: Waren in den Niederlanden nicht verschiedene Dienststellen vorhanden, die sich mit der Plünderung von Kunstschätzen befaßt haben?


SEYSS-INQUART: Ich kann es nicht »Plünderung« nennen, aber jedenfalls mit der Bewirtschaftung, Versorgung und so weiter.


M. DEBENEST: Das ist Ihre Anschauung. Jedenfalls gab es mehrere Dienststellen?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


M. DEBENEST: Sie haben die Dienststelle des Dr. Mühlmann besonders gut gekannt?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


M. DEBENEST: Wer hat ihn in die Niederlande berufen?


SEYSS-INQUART: Ich habe Mühlmann nach den Niederlanden vorausgeschickt, damit er mir meine Dienststellen räumlich einrichte.


[83] M. DEBENEST: Nur um Ihre Dienststellen einzurichten?


SEYSS-INQUART: In diesem Augenblick nur, um die Dienststellen einzurichten.


M. DEBENEST: Und später?


SEYSS-INQUART: Mühlmann ist dann weggefahren und kam nach einiger Zeit als eine Dienststelle des Vierjahresplans zurück zur Sicherung von Kunstschätzen. Es war so ähnlich wie in Polen.


M. DEBENEST: Was verstehen Sie unter »Sicherung von Kunstschätzen«?


SEYSS-INQUART: Praktisch – ich will da nicht viel herumreden – praktisch hatte er festzustellen, ob in den beschlagnahmten Vermögen Kunstwerte sind und hatte dann den Auftrag, diese Kunstwerte verschiedenen Reichsstellen anzukündigen.


M. DEBENEST: Nur anzukündigen?


SEYSS-INQUART: Ja, denn der Ankauf wurde dann von den verschiedenen Stellen selbst besorgt.

Ich nehme an, das heißt, ich weiß, daß er sich auch mit dem privaten Kunsthandel beschäftigt hat als Vermittler.


M. DEBENEST: Haben Sie auch auf diesem Wege Gemälde für sich selbst erworben?


SEYSS-INQUART: Jawohl, nicht für mich, sondern für die gestern dargestellten Zwecke.


M. DEBENEST: Nun, Sie haben auch gestern erklärt, daß Sie eine große Anzahl von Kunstschätzen in Sicherheit bringen ließen, hauptsächlich Gemälde. Für welchen Zweck brachten Sie diese in Sicherheit?


SEYSS-INQUART: Also, viele Kunstschätze habe ich höchstens insofern sichergestellt, als durch die Anordnung über die Beschlagnahme feindlichen und jüdischen Vermögens diese Sicherstellung und weitere Liquidation erfolgte. Für die von mir erwähnten Geschenkzwecke, zum Beispiel an das Kunsthistorische Museum in Wien, habe ich vielleicht drei oder vier Bilder angekauft.


M. DEBENEST: Nein, ich habe Sie gefragt, aus welchem Grunde Sie diese Kunstschätze in Sicherheit gebracht haben.


SEYSS-INQUART: Die Einziehung, die Beschlagnahme des jüdischen und des feindlichen Vermögens hatte primär den Zweck der Sequestrierung. Es war aber mit der Zeit klar, daß diese Kunstschätze vom Reich aus aufgekauft werden. Die drei oder vier Bilder, die ich gekauft habe, habe ich mit dem sofortigen Zweck gekauft, sie bestimmten Reichsinstitutionen, zum Beispiel dem Kunsthistorischen Museum in Wien, zu geben.


[84] M. DEBENEST: Aber es gab ja in Holland nicht nur jüdisches Vermögen.


SEYSS-INQUART: Ich habe ja auch gesagt, feindliche Vermögen. Aber das waren nicht die feindlichen Vermögen im allgemeinen, sondern nur wenn eine besondere feindliche Haltung oder Stellungnahme gegen das Reich nachgewiesen war. Die wurden dann auch eingezogen.


M. DEBENEST: Nun, das haben Sie in einem Dokument geschrieben, das dem Gerichtshof bereits vorgelegt wurde und das Sie bestimmt kennen. Es handelt sich um das Schriftstück, das unter RF-1344 unterbreitet wurde. Sie kennen das Dokument. Es ist ein von Ihnen an Dr. Lammers gerichteter Brief. Dieser Brief befaßt sich mit dem für den Führer getätigten Ankauf von Bildern. Im Absatz 3 des französischen Textes dieses Dokuments schreiben Sie folgendes:

»Aus der mir vorgelegten Aufstellung entnehme ich, daß auf diese Weise eine verhältnismäßig große Zahl wertvoller Bilder sichergestellt wurde, die der Führer zu Preisen erwerben konnte, die nach den Feststellungen, die ich sonst in dem Lande machen konnte, als geradezu außerordentlich billig bezeichnet werden müssen.«

Dann fügen Sie hinzu, daß Rembrandts Selbstporträt dank Mühlmann wiedergefunden wurde. Demnach hatte diese Sicherstellung von Kunstwerken offensichtlich den Zweck, den Reichsbehörden die Überführung nach Deutschland zu ermöglichen. Das stimmt doch?

SEYSS-INQUART: Da besteht gar kein Zweifel. Bezüglich des Rembrandt-Bildes möchte ich nur erwähnen, daß es illegal nach Holland gekommen ist und daher beschlagnahmt wurde.

M. DEBENEST: Und wurde es auf legalem Wege nach Deutschland gebracht?


SEYSS-INQUART: Beim Rembrandt-Bild, glaube ich, ist gar kein Zweifel. Da ist eine deutsche Vorschrift verletzt worden.


M. DEBENEST: Außer den Bildern haben Sie doch auch zahlreiche Kunstgegenstände und Wertsachen erworben, zum Beispiel Diamanten, Edelsteine und so weiter?


SEYSS-INQUART: Davon ist mir nichts bekannt.


M. DEBENEST: Davon wissen Sie nichts, aber Sie wissen, daß Sie in Wien ein Haus besitzen in der Un tergasse Nummer 3?


SEYSS-INQUART: Nein, das ist in der Iglauer Straße 15, aber das kann stimmen, ja, bitte.


M. DEBENEST: Haben Sie dort nicht gewisse Wert-und Kunstgegenstände aus den Niederlanden untergebracht?


SEYSS-INQUART: Mir vollkommen unbekannt.


[85] M. DEBENEST: Gut, gehen wir weiter. Wer hat die Beschlagnahme des Vermögens des Königlichen Hauses angeordnet?


SEYSS-INQUART: Ich persönlich.


M. DEBENEST: Sie waren also der Anstifter, der es angeregt hat?


SEYSS-INQUART: Nicht nur der Anstifter, ich habe mich dazu entschlossen. Ich habe es durchgeführt.


M. DEBENEST: Also Sie waren nur der Ausführende?


SEYSS-INQUART: Auch der Ausführende.


M. DEBENEST: Ich frage Sie nicht, ob Sie auch der Ausführende waren, ich habe ganz klar gefragt, ob Sie allein der Ausführende waren?


SEYSS-INQUART: Nein, ich habe gestern genau dargestellt, aus welchen Gründen ich mich entschlossen habe, mit einer Beschlagnahme des königlichen Vermögens vorzugehen. Ich habe das auch dann durchgeführt.


M. DEBENEST: Sie behaupteten, daß es wegen der Rede der Königin war? Das haben Sie gestern doch gesagt, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


M. DEBENEST: Ich werde Ihnen jetzt das Dokument F-828, es trägt die Nummer RF-1533, vorlegen.

Dieses Dokument ist ein Brief von Reichsleiter Martin Bormann an den Reichsminister Dr. Lammers vom 3. Juli 1941.

Zu Beginn des Briefes erörtert Bormann die Rede der Königin, und im letzten Absatz, der uns allein interessiert, schreibt er:

»Der Führer hat nunmehr die schon früher vom Reichskommissar erbetene Genehmigung, das Vermögen des niederländischen Könighauses einziehen zu dürfen, gegeben.«

Glauben Sie immer noch, daß es in Verbindung mit der Rede der Königin war?

SEYSS-INQUART: Die Übertragung war momentan technisch unterbrochen.

M. DEBENEST: Gewiß, Sie haben aber das Dokument zur Hand.


SEYSS-INQUART: Ja, bitte, ich weiß, worum es sich handelt.


M. DEBENEST: Natürlich wissen Sie es.


SEYSS-INQUART: Es ist vollkommen meiner Erinnerung entschwunden, daß ich einen solchen Antrag schon früher gestellt haben soll. Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Vielleicht habe ich erörtert, ob man das Vermögen einziehen soll oder nicht. Ich kann mich eigentlich erst erinnern an meinen Antrag im Augenblick, als diese Rede gehalten wurde. Das war ja nicht die erste Rede, die die Königin der Niederlande gehalten hat. Sie hat ja ähnlicherweise früher auch schon gesprochen.


[86] M. DEBENEST: Ja, das ist eine Erklärung, und der Gerichtshof wird von ihr Kenntnis nehmen.

Nun, wurde denn die Plünderung der Niederlande und der Versuch, das Land zu nazifizieren und zu germanisieren, nicht von der Zivilverwaltung und der Regierung, deren Chef Sie waren, ausgeführt?


SEYSS-INQUART: Ja und nein. Es ist mir vollkommen klar, daß die Niederländer unser Verhalten wirtschaftlich als Plünderung empfanden. Formell und rechtlich scheint es mir nicht so zu sein. Germanisiert habe ich die Niederlande überhaupt nicht.

M. DEBENEST: Gut, wollen Sie sich bitte das Dokument 997-PS ansehen, Seite 22 des deutschen Textes, das ist Seite 26 des französischen. Ich beziehe mich auf den Teil Ihres Berichts, der die Überschrift trägt »Feststellungen«. Es ist Ihr Bericht. Sie haben ihn zur Hand. Ich werde Ihnen die Bemerkungen vorlesen, die Sie selbst über Ihre eigene Tätigkeit machen. Das war am 18. Juli 1940.

»2.) Die Verwaltung ist derzeit genügend und in Hinkunft zunehmend in der Leitung und Kontrolle der deutschen Behörden.

3.) Die Wirtschaft und der Verkehr sind in Gang gebracht und auf die Kriegsverhältnisse umgestellt, Planungen zu einem großzügigen Umbau auf die Kontinentalwirtschaft in Angriff genommen, die Bereitschaft hierzu nahezu allgemein, die Vorräte des Landes der Kriegswirtschaft des Reiches zugeführt, die finanziellen Kräfte hierfür« – es war 1940 – »weitgehend erschlossen und an die Steuerung des Reiches angeschlossen, alles auf Grund weitgehender Mitarbeit der Niederländer.«

Das ist doch genau das, was Sie schreiben? Das war doch Ihr Gedankengang?

SEYSS-INQUART: Jawohl, und ich glaube, für den Punkt 2 wird jede Besatzungsmacht volles Verständnis haben, und der Punkt 3 war eine konstruktive Idee eines neuen Europas.

M. DEBENEST: Die Beurteilung dieser Ansicht ist Sache des Gerichtshofs. Ich möchte noch kurz auf die Judenfrage zurückkommen. Sie sagten gestern, daß Sie gegen den Abtransport von 1000 Juden nach Buchenwald oder Mauthausen protestierten und daß es dann keine Transporte mehr gab. Aber warum protestierten Sie nicht gegen die Transporte nach Auschwitz? Dachten Sie, daß dieses Lager sehr viel anders sei als die beiden andern?

SEYSS-INQUART: Selbstverständlich. Mauthausen und Buchenwald waren Konzentrationslager, während Auschwitz mir als ein Sammellager bezeichnet wurde, in dem die Juden verbleiben sollten, bis eben der Krieg entschieden oder irgendeine andere Entscheidung getroffen ist.


[87] M. DEBENEST: Bevor Sie nach Holland kamen, waren Sie doch der Adjutant des Generalgouverneurs in Polen?


SEYSS-INQUART: Adjutant nicht, aber der Stellvertreter.


M. DEBENEST: Noch besser. Demnach mußten Sie doch dort von diesem Lager gehört haben?


SEYSS-INQUART: Damals hat es Auschwitz noch gar nicht gegeben.


M. DEBENEST: Wußten Sie denn nicht, daß die Asche dieser 1000 Juden von Buchenwald oder Mauthausen gegen eine Bezahlung von 75 Gulden ihren Familien zugesandt wurde? Das geschah 1941, das hat Sie auch nicht davon abgehalten, später andere Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen, und zwar solche, die unbedingt zu ihrer Deportation führen mußten?


SEYSS-INQUART: Weil diese in meinen Augen vorerst Evakuierung genannte Maßnahme ganz etwas anderes ist als die Deportation oder die Abführung in ein Konzentrationslager.


M. DEBENEST: Aber nach allem kannten Sie doch das Schicksal dieser Juden, die in die Lager deportiert wurden.


SEYSS-INQUART: Das Schicksal, wie wir es heute kennen, das haben die meisten und die allermeisten nicht gekannt. Welche Bedenken ich hatte, habe ich ja gestern erklärt.


M. DEBENEST: Das ist Ansichtssache. Sie sprachen gestern von Repressalien gegen die Haager Zeitung. Sie haben gesagt...


VORSITZENDER: Haben Sie nicht schon gestern ein Kreuzverhör darüber angestellt?


M. DEBENEST: Es sind Fragen, die mir heute früh als Ergebnis verschiedener Erklärungen übermittelt wurden, die der Angeklagte gestern abgegeben hat. Darüber hinaus bin ich am Ende.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Meinung, daß Sie diese Sachen nicht noch einmal behandeln sollten.


M. DEBENEST: Dann bin ich fertig, da alle Fragen sich entweder auf die Geiseln oder... Ich möchte aber, wenn der Gerichtshof es erlaubt, noch eine Frage hinsichtlich der Überflutungen stellen. Alle anderen Fragen, die ich zu stellen beabsichtigte, betreffen die Geiseln, und ich werde diese, wenn der Gerichtshof es wünscht, nicht stellen.

Darf ich noch eine Frage bezüglich der Überflutungen stellen?


VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Meinung, daß Sie gestern schon die Überflutungen behandelt haben. Ich weiß es nicht.


M. DEBENEST: Ja, dann bin ich fertig, Herr Vorsitzender.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof vertagt sich nun.


[Pause von 10 Minuten.]


[88] VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird sich heute nachmittag um 16.45 Uhr vertagen und dann eine geschlossene Sitzung abhalten.

MR. DODD: Herr Vorsitzender! Ich habe bemerkt, daß der Verteidiger des Angeklagten Kaltenbrunner heute morgen anwesend ist. Er wollte doch Seyß-Inquart ins Kreuzverhör nehmen, und es würde vielleicht Zeit sparen, wenn er es vor unserer Vernehmung tun würde.


VORSITZENDER: Ja.


DR. KURT KAUFFMANN, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN KALTENBRUNNER: Herr Präsident! Ich bitte zu entschuldigen, daß ich gestern sozusagen den Unwillen des Gerichts erregt habe, weil ich nicht da war. Es hatte seinen besonderen Grund, denn die Verhältnisse sind manchmal stärker als der Wille. Ich habe in den letzten Jahren, wenn ich das bemerken darf, eine schwere Krankheit hinter mir und habe mich nicht wohl gefühlt, obwohl ich fest vorhatte, zur Sitzung gestern zu erscheinen und auch alles vorbereitet hatte. Ich bitte höflichst, das zu entschuldigen.


VORSITZENDER: Selbstverständlich, Dr. Kauffmann, wir nehmen Ihre Erklärung an.


DR. KAUFFMANN: Danke sehr.

Herr Zeuge! Seit wann kennen Sie den Angeklagten Kaltenbrunner?


SEYSS-INQUART: Ich habe Dr. Kaltenbrunner entweder im Jahre 1935 oder Anfang 1936 kennengelernt im Zusammenhang mit dem Hilfswerk »Langot«, das war eine von der Polizei geduldete Unterstützung für in Not geratene nationalsozialistische Familien.


DR. KAUFFMANN: Welche Rolle hat Kaltenbrunner vor dem Anschluß im März 1938 in Österreich gespielt? Gehörte er zu den radikalen Elementen oder zu den gemäßigten?


SEYSS-INQUART: Man sagte mir damals, daß Kaltenbrunner der SS nahesteht, der Führer der illegalen SS war er nicht, das war ein Ingenieur in der Steiermark.


DR. KAUFFMANN: War das der Ingenieur Leopold?


SEYSS-INQUART: Nein. Ich habe mit Zernatto über Kaltenbrunner wiederholt gesprochen. Wir haben ihn als die »Polizei des 11. Juli« in der Partei bezeichnet, das heißt, sein Einfluß ist dahin gegangen, die radikalen Elemente vor Exzessen, wie im Juli 1934, zurückzuhalten.


DR. KAUFFMANN: Kaltenbrunner wurde dann Unterstaatssekretär in Österreich?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


[89] DR. KAUFFMANN: Erfolgte nun der Vorschlag, ihn zum Unterstaatssekretär zu ernennen, von österreichischen Kreisen heraus oder durch Himmler und Hitler oder den Angeklagten Göring?


SEYSS-INQUART: Nach meiner Kenntnis nur von Österreich. Ich selbst habe ja Vorschläge vom Reich für mein Ministerium überhaupt nicht zur Kenntnis bekommen, und genommen. Die Partei in Österreich hat auf Kaltenbrunner verwiesen, weil wir ja in der Polizeiorganisation auch einem Mann drin haben wollten.


DR. KAUFFMANN: Und welches waren nun seine praktischen Obliegenheiten in seiner Stellung als Unterstaatssekretär?


SEYSS-INQUART: Ich glaube, als Unterstaatssekretär hat er überhaupt noch nichts gemacht. Nach dem Rücktritt Skubls wurde er vom Bundespräsidenten zum Staatssekretär ernannt. Als solcher hatte er administrativ-ökonomische Funktionen. In die eigentliche Exekutive konnte er nicht eingreifen. Wenn ich zum Beispiel die Enthaftung eines Mannes haben wollte, mußte Kaltenbrunner den Befehlshaber beziehungsweise Kommandeur der Sicherheitspolizei fragen, und wenn der »Nein« gesagt hat, mußten wir Heydrich fragen.


DR. KAUFFMANN: Nun steht fest, daß Kaltenbrunner im Jahre 1943 zum Chef des Reichssicherheitshauptamtes ernannt wurde, und er hat hier behauptet, daß er sich wiederholt gesträubt habe, diesen Posten anzunehmen. Können Sie darüber etwas sagen?


SEYSS-INQUART: Ich weiß nur, daß ich Ende November oder Anfang Dezember 1942 im Hauptquartier war. Bei der Gelegenheit hatte ich auch das Feldhauptquartier Himmlers besucht, und da hat mir einer der Adjutanten – ich glaube Wolff war es – gesagt, der Reichsführer wolle Kaltenbrunner für das Reichssicherheitshauptamt haben, Kaltenbrunner wehre sich. Man werde ihn jetzt auf vier Wochen ins Feldquartier bestellen und entsprechend behandeln, damit er es doch übernimmt.


DR. KAUFFMANN: Haben Sie irgendwelche Anhaltspunkte dafür, daß der eigentliche Zweck der Berufung Kaltenbrunners als Chef des Reichssicherheitshauptamtes der war, daß er den politischen und militärischen Nachrichtendienst organisiere und führe?


SEYSS-INQUART: Ich habe einige Indizien, daß er die eigentlichen Sicherheitspolizeisachen nicht so in der Hand hatte wie Heydrich, und ich hatte tatsächlich Anhalte für seine Nachrichtentätigkeit. Zur Zeit Heydrichs hat der Befehlshaber meiner Sicherheitspolizei immer nur von Heydrich gesprochen, wenn er eine Entscheidung aus Berlin haben wollte. Als Kaltenbrunner kam, erinnere ich mich nicht, daß er von Kaltenbrunner gesprochen hat, sondern vom Reichssicherheitshauptamt und manchmal von Müller. Ich selbst habe mit Kaltenbrunner, soweit ich mich erinnere, nur [90] zweimal in sicherheitspolizeilichen Fragen gesprochen. Das eine war der Fall des Verbleibens Dr. Schuschniggs, über den Dr. Kaltenbrunner hier berichtet hat, und das zweite Mal sollte ein Verwandter von mir in ein Konzentrationslager kommen. Ich habe mich an Kaltenbrunner gewandt, weil der der einzige mir bekannte Mann im Reichssicherheitsamt war und ich auch vermutete, daß er dort etwas zu sagen habe. Ich wußte nichts von der Abgrenzung der Funktionen. Kaltenbrunner hat damals mit Müller telephoniert in einer solchen Weise, wie ein Vorgesetzter mit einem nachgeordneten Mitarbeiter nicht spricht. Positive Beweise für seine Tätigkeit habe ich, weil ich seit dem Jahre 1944 in dieser Beziehung mit Kaltenbrunner in engster Zusammenarbeit war. Ich habe ihm auch für seinen Auslandsnachrichtendienst ausländische Werte zur Verfügung gestellt beziehungsweise bei der zuständigen Stelle erwirkt, alles im Einvernehmen mit der zuständigen Reichsstelle.


DR. KAUFFMANN: Sie sprachen eben von Müller. Sie meinen damit den Gestapochef Müller?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


DR. KAUFFMANN: Hatten Sie den Eindruck, daß dieser Mann die eigentliche Direktive in Händen hatte bezüglich der sicherheitspolizeilichen Funktionen?


SEYSS-INQUART: Ich kann nur sagen, ich weiß, daß Kaltenbrunner im Laufe des Telephongesprächs zu Müller gesagt hat: »Wie werden Sie den Fall entscheiden?«


DR. KAUFFMANN: Sie haben auch dann militärische und politische Berichte aus der Hand Kaltenbrunners bekommen. Stimmt das?


SEYSS-INQUART: Jawohl. Wiederholt. Das waren die ganz geheimen Berichte, die, glaube ich, nur in vier Ausfertigungen herausgingen.


DR. KAUFFMANN: War das vor Kaltenbrunners Ernennung schon so?


SEYSS-INQUART: Nein, diese Berichte hat Kaltenbrunner erst Ende 1943, Anfang 1944 meines Erinnerns, eingeführt.

DR. KAUFFMANN: Worin bestand der Unterschied dieser Berichte gegenüber den früher von Canaris verfaßten Berichten?


SEYSS-INQUART: Die Berichte von Canaris kenne ich nicht oder nur zum Teil. Ich kenne sie vom früheren Reichssicherheitshauptamt.


DR. KAUFFMANN: Ist es richtig, daß die von Kaltenbrunner hergestellten Berichte sich durch eine bis dahin unbekannte Schärfe und Offenheit in der Kritik an allen öffentlichen Maßnahmen auszeichneten?


[91] SEYSS-INQUART: Ja, auch das. Vor allem waren die Berichte Kaltenbrunners wirklich objektiv und nicht präparierte Zweckberichte.


DR. KAUFFMANN: In welchem Umfang kamen diese Berichte an?


SEYSS-INQUART: Ich glaube, daß so ein Bericht 40 bis 60 Seiten gehabt hat, manchmal auch mehr, und er dürfte alle drei bis vier Wochen erschienen sein, soweit ich davon weiß. Es dürften aber auch noch Spezialberichte ergangen sein.


DR. KAUFFMANN: Wissen Sie, ob diese Spezialberichte an die militärischen Stellen gerichtet waren, oder befand sich in den Berichten, von denen Sie eben sprechen, auch eine militärische Darstellung der Lage?


SEYSS-INQUART: Die Berichte, von denen ich spreche, waren vorwiegend politischer Natur und unmittelbar an den Führer gerichtet. In Bezug auf diese Berichte erinnere ich mich einer außerordentlich scharfen Stellungnahme gegen die Politik des Reiches hinsichtlich der Polen und hinsichtlich der katholischen Kirche und daß sie auf einem Briefbogen mit dem Kopf »Reichssicherheitshauptamt« geschrieben waren, was mir als ein unmöglicher Zustand erschienen ist.


DR. KAUFFMANN: Sie sprechen eben von diesen beiden Kritiken. Welchen Inhalt, wenn Sie mir das noch beantworten wollten, hatte nun diese Kritik, die sich auf die beiden eben genannten Gegenstände des öffentlichen Lebens bezog?


SEYSS-INQUART: Hinsichtlich der Polen war klipp und klar verlangt, daß man die Polen wieder in ein autonomes und eigenes Staatswesen einreihen beziehungsweise in Aussicht stellen solle. Hinsichtlich der katholischen Kirche die Zurücknahme sämtlicher Maßnahmen auf, verwaltungsmäßigem und sonstigem Gebiete und ein volles Unbehelligtseinlassen der katholischen und protestantischen Kirche.


DR. KAUFFMANN: Ich habe keine Fragen mehr, ich danke sehr.


MR. DODD: Sie haben dem Gerichtshof gestern gesagt, daß Sie im Jahre 1938 Parteimitglied wurden und daß Ihre Mitgliedsnummer irgendwo in den Millionen lag?


SEYSS-INQUART: Sieben Millionen. Die Zugehörigkeit war gültig vom 13. März 1938 als formelles Parteimitglied.


MR. DODD: Nun, wenn Sie »formell« sagen, wollen Sie, wenn ich recht verstehe, hervorheben und darauf hinweisen, daß Sie tatsächlich, wenn auch nicht formell, schon vorher Parteimitglied waren, Ihren Beitrag bezahlten und die Partei unterstützt haben. Stimmt das?


[92] SEYSS-INQUART: Das erste beides nicht. Ich habe nur Unterstützungsbeiträge vom Herbst 1937 bis in das Jahr, pardon, vom Herbst 1932 bis in das Jahr 1933 gezahlt. Ich habe mich aber innerlich als Nationalsozialist gefühlt und ähnlich einem Parteimitglied, aber ohne eine ausdrückliche formelle Verpflichtungserklärung.


MR. DODD: Waren Sie ein Mitglied des Steierischen Heimatschutzes?


SEYSS-INQUART: Des Steierischen Heimatschut zes, jawohl, vom Herbst 1932 an.


MR. DODD: Und diese Organisation wurde doch praktisch vollkommen von den Nationalsozialisten übernommen zu einer Zeit, als Sie Mitglied waren, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Das ist beabsichtigt gewesen. Es wurde aber nicht durchgeführt. Es war die Vereinbarung, daß der Steierische Heimatschutz in die Partei aufgenommen wird, München hat das aber nicht getan, und es mußten die einzelnen Mitglieder des Steierischen Heimatschutzes einzeln in die Partei eintreten.


MR. DODD: Kennen Sie einen Mann namens Dr. Andreas Morsey?


SEYSS-INQUART: Andreas Moser? Ich glaube, das war ein Rechtsanwalt, aber persönlich habe ich ihn nicht gekannt.


MR. DODD: Wissen Sie, daß er auch ein Mitglied des Steierischen Heimatschutzes war?


SEYSS-INQUART: Nein.


MR. DODD: Erinnern Sie sich, daß Sie am 7. März 1938, einige Tage vor dem Anschluß, mit ihm eine Unterredung hatten?


SEYSS-INQUART: Das habe ich nicht mehr in Erinnerung.


MR. DODD: Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Erinnern Sie sich, daß Sie ihm erzählten, daß Sie im Jahre 1932 in den Steierischen Heimatschutz eintraten, kurz ehe diese Organisation verboten wurde?


[Der Dolmetscher übersetzte: »... ihm erzählten, daß Sie der Chef des Steierischen Heimatschutzes waren...«]


SEYSS-INQUART: Das ist vollkommen ausgeschlossen. Der Chef des Steierischen Heimatschutzes war Konstantin Kammerhofer. Das hat ganz Österreich gewußt.


MR. DODD: Erinnern Sie sich also nicht an eine Unterredung, in der Sie gesagt haben, was ich eben zitiert habe? Erklären Sie, das niemals gesagt zu haben oder daß Sie sich nicht an die Unterredung erinnern. Das versuche ich zu klären.


SEYSS-INQUART: An die Unterredung erinnere ich mich, aber ich erkläre, daß es vollkommen ausgeschlossen ist, daß ich gesagt habe, ich wäre der Chef des Steierischen Heimatschutzes gewesen, [93] denn ganz Österreich hat gewußt, daß das Konstantin Kammerhofer ist. Ich habe ihm höchstens gesagt, daß ich mit Kammerhofer sehr befreundet war, und das war der Fall.


MR. DODD: Gut. Ich möchte Ihnen dann seine Erklärung in dem Verfahren gegen Dr. Guido Schmidt vorhalten. Es ist Dokument Nummer 3992-PS. Diese Aussage wurde vor dem Obersten Gerichtshof in Wien am 19. März 1946 vor Richter Sucher gemacht. Wir legen sie unter US-882 vor.

Ich bitte Sie, sich die zweite Seite anzusehen, und Sie werden einen Satz finden, der beginnt:

»Am 7. März 1938 hat mich Seyß-Inquart persönlich unterrichtet, daß er dieser Organisation im Jahre 1932 beigetreten ist, also knapp vor Toresschluß, bevor der Steierische Heimatschutz im Jahre 1933 verboten wurde.«

Dann fährt er fort und erwähnt den Mann Kammerhofer, den Sie soeben erwähnt haben. Und weiter unten im nächsten Satz sagt er:

»Er (Seyß-Inquart) ist dieser Organisation beigetreten, vom Landesleiter Ingenieur Pichler Franz aus Waitz aufgenommen worden und nie mehr ausgetreten.«

Deshalb kann Ihre Aussage, daß Sie kein Mitglied der NSDAP gewesen wären, als formell korrekt betrachtet werden, aber er sagt, daß Ihre Behauptung, daß Sie nicht illegal gearbeitet hätten, nicht der Wahrheit entspreche.

SEYSS-INQUART: Dr. Maser kann überhaupt nicht wissen, ob ich illegal gearbeitet habe. Er geht davon aus, daß der Heimatschutz tatsächlich mit der NSDAP fusioniert wurde, und das ist falsch. Das wird der Zeuge Uiberreither bestätigen können. Ich bleibe vollkommen bei meiner Aussage.

MR. DODD: Kennen Sie einen Mann namens Rainer?


SEYSS-INQUART: Ja, sehr gut. Dr. Friedrich Rainer.


MR. DODD: Ja. Sie haben ihn als Zeugen verlangt, und er kommt als Ihr Zeuge hierher, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Ja.


MR. DODD: Aber was sagen Sie, wenn er behauptet, daß Sie Parteimitglied wurden, als dieser Steierische Heimatschutz von der NSDAP übernommen wurde?


SEYSS-INQUART: Ich möchte dazu folgendes sagen, für alle...


MR. DODD: Gut. Ich möchte Ihnen, bevor Sie antworten, etwas sagen, das Ihnen helfen mag. Dieses Dokument ist bereits unterbreitet worden, und so vermute ich, daß Sie es gesehen haben. Es ist 812-PS.


SEYSS-INQUART: Ja, es ist ein Brief, ein Bericht des Dr. Rainer.


[94] MR. DODD: Ich nehme an, daß Sie wissen, was er besagt. Sie haben das Dokument doch gesehen?


SEYSS-INQUART: Ja.


MR. DODD: Sie geben doch zu, daß er in diesem Dokument behauptet, daß Ihre Mitgliedschaft im Steierischen Heimatschutz Sie zum Mitglied der NSDAP machte, daß Sie also sozusagen der Partei beigetreten sind, als diese Organisation von ihr übernommen wurde?


SEYSS-INQUART: Ja, ich möchte Ihnen sagen, daß ich selbst bis zum Jahre 1938 dieser Meinung war oder noch gezweifelt habe, ob oder ob nicht. Aber im Jahre 1938 hat die Partei strikte erklärt, daß sie die Fusion nicht anerkennt, daß die Mitglieder des Steierischen Heimatschutzes nicht Mitglieder der Partei sind, sondern daß jeder einzeln in die Partei aufgenommen worden sein mußte, um Parteimitglied zu sein. Das wird Rainer bestätigen müssen.


MR. DODD: Nun sagen Sie mir, gleichviel ob Sie formell Mitglied waren oder nicht, haben Sie nicht während dieser ganzen Zeit die Führerschaft Klausners, des Führers der Nationalsozialistischen Partei in Osterreich, anerkannt, seine Wünsche und seine Weisungen befolgt?

SEYSS-INQUART: Die Führerschaft in Österreich oder in Deutschland?


MR. DODD: In Österreich. Ich spreche über Klausner, der in Österreich war.


SEYSS-INQUART: Ja, es war mir klar, und ich habe es anerkannt, daß Klausner die Führung der österreichischen Nationalsozialisten hat. Ich habe Klausner nicht anerkannt als meinen politischen Führer, das ergibt sich aus eben demselben Bericht, den Sie, Herr Ankläger, gerade zitiert haben. Rainer sagt darin:

Seyß-Inquart hat Klausner in an und für sich nicht verbindlichen politischen Dingen anerkannt.


MR. DODD: Nun, er sagt gerade das Gegenteil, wenn Sie es sich ansehen.


SEYSS-INQUART: Aber nein!


MR. DODD: Warten Sie einen Augenblick. Ich glaube, es ißt Seite 9 des deutschen Textes. Sieben Zeilen von unten. Im englischen Text ist es auf Seite 7.

»Im Verhältnis zu Seyß-Inquart war zwischen Seyß und Klausner folgende Festlegung erfolgt: Seyß anerkannte ohne Vorbehalte die Führung der Partei im gesamten Kampfe und sohin auch die Führung Klausners. Er unterstellte sich sohin ausdrücklich und wörtlich als Parteigenosse dem Befehl Klausners.«

Haben Sie das gefunden?

[95] SEYSS-INQUART: Ich halbe nur ein Konzept vor mir, da heißt es aber weiter:

»Darüber hinaus erklärte er sich auf Grund der Abmachung zu Berchtesgaden und vor allem auf Grund der ihm vom Führer bei seinem Stabsbesuch in Berlin gemachten Erklärungen als dem Führer unmittelbar verpflichteter Treuhänder der illegalen NSDAP in Österreich, innerhalb seines staatlich politischen Aufgabenbereiches.«

Und es muß auch noch eine Stelle sein, wo ich sage, daß ich mich in politischen Dingen Klausner nicht unterstelle.

MR. DODD: Nun, in jedem Falle, um fortzufahren, es stimmt doch, daß Sie sich damals zur bedingungslosen Treue zu Hitler bekannten, und zwar schon sehr früh, lange vor dem Anschluß? Sie haben doch Ihre politische Gefolgschaft anerkannt, nicht wahr?

SEYSS-INQUART: Das kann man beinahe sagen. Ich war mir über das Ausmaß des »bedingungslosen« damals noch nicht im klaren, weil ich der Meinung war, daß auch Hitler einen revolutionären Weg wollte.


MR. DODD: Ja, gut. Hatten Sie nicht mit der Dollfuß-Angelegenheit noch in anderer Weise zu tun, als Sie bisher dem Gerichtshof gesagt haben? Sie wissen doch, daß Rainer dies im selben Dokument, 812-PS, aussagt.

SEYSS-INQUART: Ja.


MR. DODD: Und ich halte es für wichtig, daß Sie darauf irgendwie antworten. Sie haben es in Ihrem Verhör nicht getan. Aber das Dokument ist als Beweisstück vorgelegt, und darin sagt er, daß Sie unterstützten...


SEYSS-INQUART: Ich habe das deshalb nicht getan, Herr Ankläger, weil ja Rainer als Zeuge kommt; Rainer soll uns hier unter Eid sagen, auf welche Tatsachen er seine Behauptungen gründet. Ich kann nur sagen: Nein.


MR. DODD: Ich weiß das. Ich verstehe das, und das ist ja ein zusätzlicher Grund, warum ich Sie jetzt darüber frage. Sehen Sie, wenn er als Zeuge auftritt, sind Sie nicht mehr dran, und ich möchte gern wissen, was Sie jetzt zu dem, was Rainer in dem vorliegenden Dokument angibt, sagen, nämlich, daß Sie in den Dollfuß-Anschlag am 25. Juli 1934 verwickelt gewesen wären.


SEYSS-INQUART: Nein, das ist vollkommen falsch.


MR. DODD: Gut.

In diesem Zusammenhang ergibt sich noch eine andere Sache, die wir, wie ich glaube, wenn möglich jetzt aufklären wollen. Sie hatten doch nicht die Absicht, dem Gerichtshof glauben zu machen, daß die Zeremonien – wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf – zur [96] Erinnerung an die Ermordung von Dollfuß damals, als sie abgehalten wurden, nichts mit Dollfuß zu tun gehabt hatten?


SEYSS-INQUART: Ich möchte durchaus diesen Eindruck erwecken, denn diese Feier war eine Feier für die sieben damals gehängten Nationalsozialisten, und man hat bei dieser Gelegenheit meines Erinnerns an den Tod des Dollfuß nicht gedacht, sondern an die Tatsache, daß Männer der Standarte, ich glaube 107 oder 108, den Versuch gemacht haben, ein nach Meinung der Nationalsozialisten deutsch- und reichsfeindliches System zu beseitigen, wobei sieben aufgehängt wurden. Daß bei dieser Gelegenheit Dollfuß erschossen wurde, wurde bei der Feier nicht erwähnt.


MR. DODD: Ich behaupte nicht, daß dies erwähnt wurde. Die Zeremonien aber fanden doch jedenfalls zur Feier des Anschlages auf Dollfuß statt, und ich halte es für eine Spitzfindigkeit zu sagen, daß es nichts damit zu tun hatte.


SEYSS-INQUART: Nein, wenn Dollfuß nicht erschossen worden wäre, so wäre die Feier genau so durchgeführt worden.


MR. DODD: Sind Sie dessen ganz sicher; glauben Sie, sie wären alle aufgehängt worden, auch wenn Dollfuß nicht erschossen worden wäre?


SEYSS-INQUART: Auf jeden Fall, daß sie aufgehängt worden wären.


MR. DODD: Sie wurden im Jahre 1937 zum Staatsrat ernannt, und wir werden wiederum während dieser kurzen Zeit ziemlich viel von Rainer und diesem Dokument sprechen. Sie wissen doch, daß Rainer auch sagt, daß Sie durch den Einfluß Kepplers sowie den anderer Nazis und einiger Beamter des Reiches ernannt worden seien. Stimmt das? Hatten diese Leute irgendeinen Einfluß auf Ihre Ernennung im Jahre 1937? Rainer hat wohl auch darin unrecht, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: In überhaupt keiner Weise. Keppler hat...


MR. DODD: Gut.


SEYSS-INQUART:... überhaupt keinen Einfluß genommen auf die Ernennung zum Staatsrat.


MR. DODD: Und Ihrer Meinung nach irrt sich Rainer, wenn er sagt, daß sie Einfluß hatten. Wie ich es verstehe, sind Sie mit dieser Erklärung nicht einverstanden? Ich möchte das klarstellen.


SEYSS-INQUART: Es ist dies absolut unrichtig.


MR. DODD: Gut.


SEYSS-INQUART: Ich wurde zum Staatsrat ernannt, weil Zernatto mit einem Freund von mir das besprochen und Schuschnigg vorgeschlagen hat. Ein Vorschlag von Keppler hätte Schuschnigg wahrscheinlich veranlaßt, mich nicht zu ernennen.


[97] MR. DODD: Es war also ein Zufall, und Schuschnigg ernannte Sie, weil irgend jemand ihm das vorschlug, und die Nationalsozialisten, denen Sie zu dieser Zeit nahe standen, hatten nichts damit zu tun, nacht wahr?


SEYSS-INQUART: Das will ich nicht sagen. Über die Möglichkeit einer Ernennung zum Staatsrat habe ich mit Rainer gesprochen, denn mein gemeinsamer Bekannter hat mit Zernatto vorher schon die Frage erwogen. Ich habe sie dann mit Rainer erwogen. Aber er nahm keinen Einfluß auf die Ernennung.


MR. DODD: Sie haben das Dokument gesehen, das als Hoßbach-Dokument, US-25, 386-PS bekannt ist und das dem Gerichtshof schon vor vielen Monaten unterbreitet wurde. Erinnern Sie sieh noch, daß Hitler im Laufe dieser Ansprache, wie Hoßbach berichtete, einige seiner Pläne darlegte, die er sowohl für Österreich als auch für die Tschechoslowakei hatte? Erinnern Sie sich daran? Es steht in dem Dokument, das kann ich Ihnen versichern.

SEYSS-INQUART: Jawohl.


MR. DODD: Das war am 11. November 1937, nein, Verzeihung, am 5. November 1937. Wann haben Sie zum erstenmal etwas über diese Zusammenkunft gehört? Wann zum erstenmal in Ihrem Leben?


SEYSS-INQUART: Hier, in diesem Saal.


MR. DODD: Nun, erinnern Sie sich an den Brief, den Sie am 11. November an Dr. Jury geschrieben haben?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


MR. DODD: Erinnern Sie sich sehr gut daran, oder möchten Sie eine Abschrift davon sehen? Ich werde sie Ihnen zeigen, wir haben eine Abschrift hier. Sie haben es noch nicht gesehen, es ist ein neues Dokument.


SEYSS-INQUART: Ich habe auch eine Abschrift.


MR. DODD: Es ist 3396-PS.


SEYSS-INQUART: Jawohl.


MR. DODD: Was meinten Sie, als Sie am 11. November 1937 an Jury schrieben:

»... ich selbst glaube, daß erst das Frühjahr sichtbare Dinge bringt. Inzwischen habe ich eine authentische Nachricht aus Linz bekommen...«

Und dann sprechen Sie über einen Zeitungsartikel.

Was ich wissen wollte war: Was meinten Sie mit den Vorgängen im Frühjahr 1938?

SEYSS-INQUART: In der damaligen Situation in Österreich war es klar, daß der Zustand innenpolitisch sich nicht lange hält. Die optimistischen Nationalsozialisten meinten, daß in den nächsten [98] Wochen Schuschnigg entweder zurücktrete oder sonst etwas sein würde. Ich habe die politische Situation richtiger betrachtet und war der Meinung, daß die innenpolitische österreichische Entwicklung erst im Frühjahr eintreten wird, nämlich in der Richtung eines weiteren Betätigungszulasses für die Nationalsozialisten. Der Zeitungsartikel ist ganz was anderes.

MR. DODD: Das interessiert mich wirklich nicht, außer, wenn Sie meinen, daß es für Ihre Antwort von Bedeutung ist. Ich wollte noch ein bißchen zurückgehen. Sie sehen, Sie beginnen den Brief mit einer Bemerkung über die Unterredung mit Herrn Keppler. Dieser Mann war Hitlers Beauftragter am 11. und 12. März, als Österreich den Nazis ausgeliefert wurde. Stimmt das?


SEYSS-INQUART: Ja, ja.


MR. DODD: Und Sie sagen:

»Heute in aller Ruhe geführte Gespräche mit Herrn Keppler waren noch aufschlußreich. Ich glaube zwar nicht, daß die Dinge schon so spruchreif sind, wie es auf der nationalen Seite und im Reich zu sein scheint.« Und dann fahren Sie fort: »Ich wäre angenehm überrascht, wenn hier der Beginn der Lösung noch im Laufe dieses Jahres erfolgen würde.«

Wovon Sie tatsächlich sprechen, war doch die Übergabe von Österreich an die, Nazis. Daran dachten Sie doch, als Sie diesen Brief schrieben, das ist doch der »Beginn der Lösung«?

SEYSS-INQUART: Nein. Erstens steht da nicht, daß meine Gespräche mit Keppler geheim waren, sondern sie waren nur aufschlußreich.

MR. DODD: Hier steht »in aller Ruhe«. Ich weiß nicht, ob das geheim war. Ich weiß nicht, was das bedeutet.


SEYSS-INQUART: Das heißt, wir haben uns sehr realistisch unterhalten. Das Reich hat sehr gedrängt. Vielleicht wurde davon gesprochen, daß irgendein diplomatischer Druck mit eingesetzt wird, aber das Ziel war, die Betätigung der Nationalsozialisten in Österreich, allerdings mit der Absicht, den weiteren verfolgten Anschluß zu erreichen.

Von dem Gespräch des Hoßbach-Dokuments, ich meine von dem Inhalt, da war also nicht das geringste die Rede. Ich bin auch überzeugt, daß Keppler keine Ahnung davon gehabt hat. Keppler hat gar nicht so eine starke Position bei Hitler gehabt.


MR. DODD: Jawohl. Sie erinnern sich, daß Sie etwas später, im Januar 1938, an Keppler einen Brief schrieben. Erinnern Sie sich daran?


SEYSS-INQUART: Ja.


[99] MR. DODD: Daß Sie Ihr Mandat oder Ihre Vertrauensstellung oder Ihre Verantwortung oder welches auch immer der richtige Ausdruck dafür ist, aufgeben wollten?


SEYSS-INQUART: Ja.


MR. DODD: Was für ein Mandat von Keppler oder von Göring hatten Sie, auf das sich Keppler in seinem Brief bezieht?


SEYSS-INQUART: Nein, das Mandat war der österreichische Staatsrat. Das wollte ich zurücklegen und den Auftrag, die Verständigung zu überprüfen über die Heranziehung der nationalen Opposition zur Mitarbeit. Von Keppler hatte ich überhaupt kein Mandat bekommen und hätte auch kaum eines annehmen können.


MR. DODD: Kennen Sie das Dokument, das als 3397-PS, US-702, vorliegt, in dem Keppler sagte, daß er Göring über die Situation informiert hätte und daß Göring ihm gesagt habe, er habe Sie weiterhin bei Ihrer Aufgabe zu belassen. Zum mindesten ist das der Sinn. Meine Frage ist: Warum sollte Göring an diesem Mandat interessiert sein, wenn es sich nur um Ihre Stellung als Staatsrat in Österreich handelte? Er war kein Mitglied der Österreichischen Regierung, aber Sie waren es?


SEYSS-INQUART: Könnte ich in diesem Fall das Dokument haben?


MR. DODD: Ja sicher. Sie werden hier auch einen Hinweis auf Dr. Jury finden, denselben Mann, über den wir vor einigen Minuten gesprochen haben und an den Sie den Brief am 11. November geschrieben haben.


SEYSS-INQUART: Welche Stelle meinen Sie, Herr Ankläger?


MR. DODD: Verzeihung, ich habe Sie nicht verstanden.


SEYSS-INQUART: Welche Stelle meinen Sie, Herr Ankläger, in diesem Brief?


MR. DODD: Meine diesbezügliche Frage lautet: Ich möchte gern wissen, warum Keppler mit Ihrem Wunsch, von Ihrem Amt zurückzutreten – gleichgültig, ob es sich nun um Ihre Stellung gegenüber den Nationalsozialisten oder wie Sie es darstellen, um Ihre Stellung als Staatsrat handelte – ich möchte gern wissen, warum Keppler damit gerade zu Göring gegangen ist. Diese Frage ist für uns, gerade im Hinblick auf Ihre Erklärung, noch problematischer. Was hatte Göring damit zu tun?


SEYSS-INQUART: Ich habe gestern erklärt, daß ich von Dr. Schuschnigg den Auftrag hatte, die Bedingungen der Heranziehung der nationalen Opposition zu prüfen, und ich habe Schuschnigg immer gesagt, die österreichischen Nationalsozialisten lassen sich ohne Zustimmung Hitlers nicht zu irgend etwas bringen. Ich habe mit Wissen von Zernatto und Dr. Schuschnigg Göring und [100] Heß besucht. Es war beiden Herren bekannt, daß ich nicht nur mit den österreichischen Nationalsozialisten, sondern auch mit den Herren im Reich über Keppler in Verbindung stehe. Das war auch den Herren im Reich bekannt, und sie waren interessiert. Wenn ich jetzt auf einmal sage: »Ich mache Schluß, ich tue nicht mehr mit, so fühle ich mich verpflichtet, auch die Herren im Reich davon zu verständigen, daß sie mit meiner Arbeit nicht mehr rechnen können.« Das ist, glaube ich, ganz selbstverständlich. Das hätte man immer tun müssen.


MR. DODD: Jawohl, und der Brief, den Sie am 11. November an Jury schrieben, wurde nach der Besprechung mit Heß und Göring geschrieben, nicht wahr? Natürlich, Sie waren doch im Juli 1937 bei Heß und Göring.


SEYSS-INQUART: Ja, darüber hat ja der Herr Reichsmarschall hier ausgesagt.


MR. DODD: Gut. Ich möchte Sie etwas über die Zusammenkunft mit von Papen in Garmisch fragen. Sie sagen, sie ist zufällig zustande gekommen und war nicht geplant. Sie sprachen über die Möglichkeit, die Stellung eines Sicherheitsministers einem Mitglied der Nazi-Partei zu geben. Ich möchte gern wissen, ob Sie auch über die mögliche Reise Schuschniggs nach Berchtesgaden gesprochen haben, die gar nicht so lange nach dieser Konferenz erfolgte, nicht wahr? Wurde sie erwähnt?


SEYSS-INQUART: Nein, wir haben nicht davon gesprochen über den technischen Modus, ob jetzt eine Zusammenkunft zwischen Schuschnigg und Hitler erfolgen soll und so weiter, haben wir nicht gesprochen, oder ob das auf diplomatischem Wege gehen sollte?


MR. DODD: Wurde es überhaupt nicht besprochen? Gerade das möchte ich wissen. Wurde das überhaupt nicht erörtert?


SEYSS-INQUART: Über eine Zusammenkunft dieser beiden Staatsführer wurde nicht gesprochen, sondern nur über den materiellen Inhalt unseres Planes.

MR. DODD: Wann haben Sie zum erstenmal über die vorgeschlagene Zusammenkunft zwischen Schuschnigg und Hitler gehört und durch wen?


SEYSS-INQUART: Ich habe, glaube ich, zwei Tage, das müßte also der 10. Februar gewesen sein, eine Nachricht bekommen, die von Rainer oder Globocznik gewesen sein wird, wo man mir mitgeteilt hat, daß diese Zusammenkunft bevorsteht; ungefähr gleichzeitig wurde ich von Zernatto aufgefordert, nach Wien zu kommen, der mir aber noch nicht gesagt hat, worum es sich handelt.


MR. DODD: Haben Sie in Wahrheit nicht Notizen für Hitler vorbereitet, die dann die Grundlage seiner Diskussionen mit Schuschnigg in Berchtesgaden bildeten?


[101] SEYSS-INQUART: Ich habe nicht ganz gehört; was soll ich vorbereitet haben?


MR. DODD: Meine Frage war: Stimmt es, daß Sie Notizen oder, wenn Sie wollen, für Hitler ein Memorandum vorbereitet haben, das er als die Grundlage für seine Diskussionen mit Schuschnigg in Berchtesgaden benutzte?


SEYSS-INQUART: Ich habe einen schriftlichen Vorschlag für die Bereinigung der Angelegenheit gemacht; den habe ich einerseits Zernatto gegeben und andererseits Dr. Rainer. Es ist durchaus möglich, daß ihn Rainer weiter in das Reich gegeben hat, ich hätte auch daran gar nichts gesehen.


MR. DODD: Sie wissen doch ganz genau, daß Sie und Ihre Mitarbeiter in jener Nacht Mühlmann nach Berchtesgaden schickten und daß er dort mit diesem Memorandum vor Schuschnigg und von Papen eintraf? Ist das nicht richtig?


SEYSS-INQUART: Der Dr. Mühlmann ist da...


MR. DODD: Ja, derselbe Herr, von dem Sie erzählten, daß er mit Ihnen in Holland und in Berchtesgaden war.


SEYSS-INQUART: Dr. Mühlmann ist damals nach Berchtesgaden gefahren und war orientiert über das letzte Gespräch, das ich mit Dr. Schuschnigg geführt habe. Er wird sich wahrscheinlich das notiert haben.


MR. DODD: Wissen Sie denn nicht, daß er das tat und daß Schuschnigg nichts davon wußte, und die wichtige Frage ist nun: Was hat Mühlmann dort vor ihm mit den Notizen oder den Bedingungen gemacht, die Sie Schuschnigg am Abend vorher überreicht hatten?

Schuschnigg wußte davon nichts, als er wie ein unschuldiges Lamm nach Berchtesgaden ging.


SEYSS-INQUART: Ich bin überzeugt, daß Dr. Schuschnigg nicht gewußt hat, daß Mühlmann in Berchtesgaden ist und wahrscheinlich also Keppler informiert hat und Keppler den Führer informiert hat. Das hat Dr. Schuschnigg bestimmt nicht gewußt. Als ich mit Dr. Schuschnigg gesprochen habe, habe ich auch noch nicht gewußt, daß Mühlmann mit hinausfahren würde.


MR. DODD: Wann haben Sie erfahren, daß Mühlmann fahren würde?


SEYSS-INQUART: Ich bin nach der Besprechung mit Dr. Schuschnigg in meine Kanzlei gekommen, da war der Dr. Rainer dort, vielleicht noch jemand anders, und ich habe Dr. Rainer über die Besprechung orientiert. Vielleicht war Mühlmann auch dabei, und daraufhin haben wir uns – ich will mich nicht ausschließen – entschlossen, Keppler über den Inhalt dieser Besprechung zu [102] informieren. In der Zwischenzeit ist Dr. Schuschnigg wahrscheinlich schon auf die Bahn gefahren. Ich hätte eigentlich auch keine Veranlassung gesehen, ihn unmittelbar jetzt zu informieren.


MR. DODD: Und so wollten Sie also, falls ich Sie richtig verstanden habe, Hitler über die Art Ihres Gesprächs mit Schuschnigg informieren?


SEYSS-INQUART: Ich habe damals keine Gelegen heit oder Veranlassung gesehen, Dr. Schuschnigg zu informieren, daß Mühlmann hinausfahren würde.


MR. DODD: Ich weiß, vielleicht haben Sie keine Veranlassung gesehen, aber was ich klarstellen will ist, daß Sie wünschten, Hitler über diese Besprechung mit Schuschnigg zu informieren und ebenso darüber, was Sie Schuschnigg dabei gesagt hatten.


SEYSS-INQUART: Jawohl.


MR. DODD: Nun, warum in aller Welt wollten Sie dem Oberhaupt eines anderen Staates über Ihr Gespräch mit dem Oberhaupt Ihres eigenen Staates, dem Sie ja die Treue geschworen haben, Bericht erstatten?


SEYSS-INQUART: Ich sehe da gar keinen Treubruch drin. Das war die Orientierung der Führer der beiden Vertragsparteien, zwischen denen ich verhandelt habe.


MR. DODD: Wollen Sie sagen, daß Sie zwischen Ihrem Land und Deutschland damals Verhandlungen führen konnten, ohne Ihren eigenen Bundeskanzler au informieren? Schuschnigg wußte nicht, daß Sie diese Note an Hitler geschickt hatten, um einmal aufrichtig zu sein, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Ja, Dr. Schuschnigg hat das bestimmt nicht gewußt. Aber Herr Dr. Schuschnigg hat ganz genau gewußt, daß ich in einer ständigen Verbindung mit dem Reich bin, und zwar über Keppler, und daß ich das jeweilige Ergebnis unserer Besprechungen auch dem Reich weitergebe, denn das Reich mußte ja auch Stellung nehmen. Ich habe ja immer gesagt, es gibt keine innerpolitische Verständigung, wenn Hitler damit nicht einverstanden ist. Das ist eine Tatsache, da kann man nichts machen, ob das moralisch richtig ist oder nicht, das ist so gewesen. Dann hätte man gar keine Verständigungspolitik machen dürfen.


MR. DODD: Das war nicht das einzige Mal, daß Sie mit Schuschnigg nicht fair waren. Erinnern Sie sich daran, daß Sie ihm Ihr Ehrenwort gaben, daß Sie seine Pläne für die Bekanntgabe der Volksabstimmung nicht weitergeben würden? Erinnern Sie sich daran, als er Ihnen erstmals davon erzählte, und Sie auf Ihr Wort bat, nicht darüber zu sprechen, und Sie ihm das auch versprachen?


SEYSS-INQUART: Ja.


[103] MR. DODD: Von dieser Zusammenkunft begaben Sie sich unmittelbar in das Hotel Regina, und erinnern Sie sich, was Ihre Kameraden Sie fragten und was Sie antworteten?


SEYSS-INQUART: Herr Ankläger! Ich kann nicht helfen, ich glaube, Sie verwechseln etwas. Ins Hotel Regina bin ich nicht damals gegangen, sondern am 10. März abends. Das war eine ganz andere Sache. Vor allem war es von Dr. Schuschnigg unrichtig, daß er mir das Ehrenwort abgenommen hat, denn er hat mich selbst im Vertrage vom 12. Februar zum Verbindungsmann bestellt. Wenn ich das vorher gewußt hätte, was er von mir verlangte, hätte ich das abgelehnt, denn ich hatte auf Grund des Vertrags vom 12. Februar die Verpflichtung, das Reich von dieser Sache sofort zu verständigen. Ich habe mein Wort gehalten.

Noch am selben Abend kam Jury zu mir, der von einer anderen Seite das erfahren hat, und ich habe dies Jury mit keinem Wort zugegeben, daß ich das weiß. Am nächsten Morgen, im Laufe des Vormittags kam Rainer. Ich habe erst gegen Mittag mich an diesen Verhandlungen beteiligt. Rainer sagt, es war schon Vormittag, aber es war erst gegen Mittag.


MR. DODD: Gut, ich nehme diese Verbesserung bezüglich der Zeit entgegen, aber ich glaube nicht, daß sie sehr wichtig ist. Die Frage ist...


SEYSS-INQUART: Das ist sehr wichtig in meinen Augen.


MR. DODD: Gut, wenn Sie glauben, dann wollen wir es dabei belassen. Ich möchte, daß Sie nun hören, was Rainer über dieses Worthalten sagt:

»Seyß-Inquart erklärt, daß er erst seit ein paar Stunden davon gewußt hat, aber daß er darüber nicht sprechen konnte, da er sein Wort gegeben hat, über diesen Gegenstand Schweigen zu bewahren. Aber während des Gespräches gab er zu verstehen, daß diese illegale Mitteilung, die wir erhielten, wahrheitsgetreu wäre und daß er angesichts der neuen Lage mit den Landesleitern vom ersten Augenblick an zusammengearbeitet hat.«

Das ist doch kein Geheimhalten oder Worthalten, wie Sie und Schuschnigg es verstanden haben, nicht wahr?

SEYSS-INQUART: Das ist durchaus in diesem Falle nicht anders zu machen, das war ungefähr gegen Mittag des Tages, an dem meine Schweigepflicht abgelaufen ist. Die Herren sind vor mir gesessen und haben alle Einzelheiten mir erzählt. Ich kann doch jetzt nicht auf einmal sagen, das ist alles Lug und Trug, denn zu einer Lüge habe ich mich Schuschnigg gegenüber auch nicht verpflichtet, sondern ich habe geschwiegen dazu, und daraus haben die anderen entnommen, daß das wahrscheinlich so sein wird.

[104] MR. DODD: Sie wußten, wann man zu schweigen und wann man zu reden hatte, damit Ihre Bekannten darüber unterrichtet wurden, was Schuschnigg Sie gebeten hatte, geheimzuhalten.

Wann haben Sie den wirklichen Sachverhalt dieser Vorkommnisse in Berchtesgaden erfahren, nämlich die Drohungen und die fürchterliche Behandlung, die Schuschnigg dort widerfuhr?


SEYSS-INQUART: Das habe ich von Zernatto gehört. Ich glaube, das war schon der 13. Februar. Dann hörte ich es von Außenminister Schmidt, und zum Teil hat mir Dr. Schuschnigg dasselbe erzählt. Es dürfte also am 13. oder 14. Februar gewesen sein.


MR. DODD: Sie hatten ein ziemlich genaues Bild über die Art, wie Schuschnigg bedroht wurde, und ich glaube, Sie wissen auch, daß Keitel hereingerufen wurde, um ihn mit diesen Androhungen eines Einmarsches bis Sonnenuntergang einzuschüchtern. Sie wußten doch ganz gut über diese Vorkommnisse Bescheid, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: An die Sache mit Keitel erinnere ich mich nicht. Aber Schuschnigg hat mir gesagt, daß oben die Generale waren und offenbar ein militärischer Druck ausgeübt werden sollte.


MR. DODD: Sie wußten doch auch, daß Hitler Ihren Eintritt in die Regierung als Sicherheitsminister verlangt hatte. Schuschnigg hat Ihnen doch das gesagt?


SEYSS-INQUART: Ja, ich glaube, Hitler hat verlangt, daß den Nationalsozialisten der Innen- und Si cherheitsminister zur Verfügung gestellt werde. Schuschnigg hat zugestimmt, und auf die Frage Hitlers, wen Schuschnigg vorschlage, soll Schuschnigg meinen Namen genannt haben. Aber das ist alles nur Gerücht und Erzählung; Details weiß ich nicht. Das geschah allerdings im Zuge dieser sehr dramatischen Unterhaltungen.


MR. DODD: Ich glaube, das ist ziemlich wichtig, denn Sie haben einen Zeugen hierher bestellt, Dr. Schmidt, der an dieser Besprechung teilnahm. Wollen Sie dem Gerichtshof jetzt einreden, daß es Schuschnigg war, der da Ihren Namen vorschlug, und nicht Hitler, der Ihre Ernennung verlangte?


SEYSS-INQUART: Ich möchte dem Gericht überhaupt nichts einreden, sondern nur meinen Beitrag leisten zu einer Aufklärung der Hintergründe der Ereignisse, soweit die Charta das erlaubt.

Ich sage ausdrücklich, ich habe gehört, daß es so war. Wenn Dr. Schmidt dabei war und sagt, das war anders, werde ich das unbedingt glauben.


MR. DODD: Können Sie uns sagen, wer Ihnen das gesagt hat? Wir haben hier nämlich die beeidigte Aussage des Präsidenten Miklas, der erklärt, daß Hitler es gefordert habe. Wir wissen, daß Schuschnigg erklärt, Hitler habe es verlangt, und Dr. Guido Schmidt [105] wird auch sagen, daß Hitler es gefordert habe. Also, wer hat Ihnen gesagt, daß es Schuschnigg war?


SEYSS-INQUART: Mir hat das Dr. Mühlmann gesagt. Aber ich möchte bemerken, daß in der Sache es so stimmt, wie Sie es sagen, Herr Ankläger, denn das ist ja nur ein taktisches Detail. Wenn der Führer Schuschnigg zwingt, den Innenminister zu geben, und dann dieses Wortspiel kommt, und meinen Namen zuerst nennt, dann möchte ich daraus nicht das geringste für meine Verteidigung ziehen.


MR. DODD: Gut, ich glaube, das ist sehr tapfer. Tatsache ist, daß dort alles vorbereitet war; Sie wußten es und auch Hitler, daß Sie mit in die Regierung hineinkommen sollten und daß es ganz unwichtig ist, wer Ihren Namen wirklich zuerst genannt hat.


SEYSS-INQUART: Das ist richtig. Aber ich habe nicht sicher gewußt, daß an diesem Tage Hitler den Innenminister verlangte und mich ernennen würde, denn ich habe von Herrn von Papen keine Verständigung über das Ergebnis seiner Unterredungen mit Hitler bekommen. Ich habe nur vermutet, daß die Sache so gehen könne. Ich war gar nicht so Persona grata in Berlin, daß Berlin gerade mich vielleicht genommen hätte.


MR. DODD: Wenige Tage nachdem diese sogenannte Vereinbarung in Berchtesgaden zustande kam, wurde sie von Hitler gebrochen, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Ja, am 17. Februar.


MR. DODD: Er hat sie schon vor dem 17. Februar gebrochen, nicht wahr? Erinnern Sie sich, daß er Klausner zum Chef der Partei ernannte, ungeachtet der Tatsache, daß er mit Schuschnigg vereinbart hatte, er würde dies nicht tun, und daß es keine solche politische Organisation geben würde? Sie wußten davon, als das erfolgte, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Bitte, vielleicht habe ich die erste Frage nicht verstanden. Ich habe verstanden...


MR. DODD: Vielleicht ist es etwas verzwickt. Worauf es ankommt ist, daß mehrere Tage nach der Zusammenkunft in Berchtesgaden Hitler Klausner zum Chef der illegalen Nazi-Partei in Österreich ernannt hatte, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Ich glaube, das war aber erst nach dem 17. Februar, denn ich selber habe Hitler nahegelegt, seine Zustimmung zu geben, daß Klausner die Nazis in Österreich leitet, denn es war mir ganz klar, daß kein Nationalsozialist in Österreich irgend jemandem folgt, wenn Hitler nicht einverstanden ist.


MR. DODD: Würden Sie die Geschichte von Guido Zernatto anerkennen, dessen Buch Sie selbst dem Gerichtshof vorgelegt haben? Würden Sie seinen Bericht darüber, wann es sich ereignete, anerkennen?


[106] SEYSS-INQUART: Ja, ich würde das.


MR. DODD: Er sagte, es war nur einige Tage nach der Berchtesgadener Zusammenkunft. Es könnte vielleicht am 17. gewesen sein, aber es ist nicht wahrscheinlich. War es nicht vor Ihrer Reise nach Berlin?


SEYSS-INQUART: Wer hat das gesagt? Ich?


MR. DODD: Zernatto.


SEYSS-INQUART: Nein, ich habe Hitler erst zum erstenmal in meinem Leben am 17. Februar gesehen, und damals war, glaube ich, Klausner noch nicht ernannt, denn ich selber habe Hitler darauf angesprochen, daß er einverstanden sein solle, daß Klausner die österreichischen Nationalsozialisten führt.


MR. DODD: Ich sehe, Sie erkennen das jetzt an. Das ist ein sehr kritischer Punkt in Ihren ganzen Verhandlungen zwischen Österreich und Deutschland, denn wenn, wie Zernatto angibt, dieser Vertrag nach einigen Tagen gebrochen wurde, dann wußten Sie, als Sie nach Berlin gingen, um über das trojanische Pferd zu sprechen, daß Hitler schon seine illegale Tätigkeit in Österreich aufgenommen hatte, wenn das tatsächlich vor Ihrer Reise dorthin der Fall war.


SEYSS-INQUART: Ich möchte sagen, daß die illegale Tätigkeit nicht gerade von Hitler, aber sonst von einigen, überhaupt nie aufgehört hat, und daß es meine Absicht war, diese illegale Tätigkeit in Formen zu bringen, die wir von Österreich kontrollieren können. Das habe ich ja immer auch Schuschnigg gesagt: Die österreichischen Nazis machen nichts ohne Hitler.


MR. DODD: Darum geht es hier nicht. Ich will mich damit nicht länger befassen. Ich möchte Sie noch eines über Ihre Zusammenkunft mit Hitler fragen. Sie wußten doch gewiß am 17. Februar, wie schlecht Schuschnigg und Guido Schmidt in Berchtesgaden behandelt worden waren. Haben Sie das Hitler gegenüber im Laufe Ihrer zweieinhalbstündigen Unterredung erwähnt?


SEYSS-INQUART: Nein, denn ich bin ja auch für die Politik der Vaterländischen Front von 1934 gegen die Nationalsozialisten nicht verantwortlich. Das war ja nur die Reaktion auf die Unterdrückung der Nationalsozialisten in Österreich.


MR. DODD: Gut. Nun kommen wir zum 8. März, dem Tage, an dem Ihnen Schuschnigg von der Volksabstimmung erzählte, die er in einigen Tagen abhalten wollte.

SEYSS-INQUART: Ja.


MR. DODD: Am 9. März sandten Sie einen Brief an Schuschnigg und eine Abschrift davon an Hitler, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Jawohl.


[107] MR. DODD: Haben Sie Schuschnigg mitgeteilt, daß Sie durch einen Kurier eine Abschrift an Hitler schickten?


SEYSS-INQUART: Ich weiß es nicht, aber ich hatte mich nicht im geringsten bedacht, denn nach dem 12. Februar 1938 mußte ich das Reich verständigen.


MR. DODD: Sicherlich mußten Sie aber auch Schuschnigg als sein Staatsrat darüber unterrichten, daß Sie eine Abschrift dieses sehr wichtigen Briefes an Hitler sandten? Sie haben Schuschnigg darüber nichts gesagt? Das ist doch richtig?


SEYSS-INQUART: Das ist möglich, aber ich glaube, daß ich es vielleicht dem Zernatto gesagt habe. Ich habe bestimmt Zernatto verständigt, daß ich das Reich orientiere; da ist gar kein Zweifel.


MR. DODD: Das werden wir noch sehen. Am nächsten Abend hatten Sie eine Zusammenkunft mit Schuschnigg, Schmidt und Skubl. Ich nehme an, in der Kanzlei. Sie haben dort niemandem gegenüber die Tatsache erwähnt, daß Sie bereits Hitler durch einen Sonderkurier verständigt hätten. Erinnern Sie sich an diese Zusammenkunft?


SEYSS-INQUART: Ich habe eigentlich keine Vorstellung. Ich erinnere mich nur an die Zusammenkunft am 10. März abends. Aber es wird schon so sein, ich glaube schon, daß es so...


MR. DODD: Das ist der Abend, an dem Sie tatsächlich ins Hotel Regina gegangen sind und dort Klausner getroffen haben. Gleich nach der Zusammenkunft gingen Sie hinunter auf die Straße zu Ihren Kameraden. Haben Sie denen gesagt, was Schuschnigg mitgeteilt hat und was Sie Schuschnigg am Anfang der Unterredung gesagt haben?


SEYSS-INQUART: Am 10. März?


MR. DODD: Ja, am 10.


SEYSS-INQUART: Ja, ich habe aber eine geradezu bemerkenswerte Teilnahmslosigkeit angetroffen.


MR. DODD: Aber Ihr Kurier war doch schon von Berlin zurück? Globocznik war doch aus Berlin zurückgekehrt, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Ja. Globocznik kam zurück und teilte mit, daß Berlin diese Abstimmung ablehne und daß ich morgen einen Brief bekommen werde... am nächsten Tag einen Brief bekommen werde mit der Stellungnahme Hitlers.


MR. DODD: Bei derselben Zusammenkunft im Hotel Regina haben Sie gehört, wie Rainer Anweisungen gab, die Partei in Österreich zu mobilisieren und sie bereitzuhalten, um Demonstrationen durchzuführen oder am nächsten Tag die Macht zu ergreifen. Sie waren doch dort, als er diese Pläne unterbreitete. Erinnern Sie sich dessen?


[108] SEYSS-INQUART: Ich glaube, daß das eine sehr reichliche Übertreibung Rainers ist. Ich erinnere mich nur, daß Klausner gesagt hat »also morgen sollen alle mit ihm in Verbindung bleiben«. Daß es natürlich zu Demonstrationen kommen kann, das war so selbstverständlich, daß das allen klar war; wenn diese Angelegenheit jetzt nicht bereinigt wird, dann kommt es zu schweren Demonstrationen, aber auch der Regierung war das klar.


MR. DODD: Ich glaube, wir können das ziemlich schnell erledigen, wenn Sie mit mir darin übereinstimmen, daß diese Demonstrationen überhaupt nicht spontan waren, wie ich glaubte, daß Sie es dem Gericht darstellen wollten, sondern daß sie von Ihren Mitarbeitern wohl vorbereitet waren.


SEYSS-INQUART: Daß die Aktionen nicht spontan waren? Nein, die waren bestimmt nicht spontan.


MR. DODD: Sie waren es nicht?


SEYSS-INQUART: Die ganze Situation ist ja seit 8. März immer mehr in die Hitze geraten.


MR. DODD: Gut. Nun, als dann Glaise-Horstenau am nächsten Morgen, am 11. März, von Berlin zurückkam, hat er Ihnen doch von den Plänen oder den Berliner Gesprächen über militärische Ereignisse erzählt? Nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Horstenau?


MR. DODD: Ja.


SEYSS-INQUART: Jawohl, und wir haben dasselbe Dr. Schuschnigg mitgeteilt.


MR. DODD: Sie gingen zu Schuschnigg, und am selben Vormittag schrieben Sie ihm noch einen anderen Brief.


SEYSS-INQUART: Vorher war aber eine fast zweistündige Unterredung, in der ich ihm alle Einzelheiten gesagt habe. Der Brief war nur eine Bestätigung.


MR. DODD: Nun, dieser Brief war ein Ultimatum an Schuschnigg, und Sie haben ihn auf Anweisung Ihres politischen Vorgesetzten, Klausner, geschrieben?


SEYSS-INQUART: Nein, das hat der Rainer behauptet, das ist auch wieder eine der Behauptungen des Rainer. Denn wenn von einem Ultimatum geredet werden kann, dann habe ich das schon vorher mündlich gestellt. Denn ich habe beim Weggehen Dr. Schuschnigg gebeten, mir bis 2.00 Uhr nachmittags Antwort zu geben, und für den Fall der Ablehnung mußten Glaise-Horstenau und ich zurücktreten. Da hatte ich mit Klausner noch gar nicht geredet gehabt.


[109] MR. DODD: Nun, wie ich verstehe, wird alles, was Rainer in seinem Bericht sagt, nämlich im Dokument 812-PS; von Ihnen als unwahr hingestellt. Er sagt noch...


SEYSS-INQUART: Unwahr nicht, aber leicht übertrieben.


MR. DODD: Nun gut, ich wollte nur Ihre Ansicht hören, da Sie ja, wenn er Zeuge ist, nicht mehr verfügbar sein werden. Sie wissen, daß er auch erklärt hat, Sie hätten mit ihm über die Machtergreifung gesprochen, falls Schuschnigg Ihr Ultimatum nicht annehmen sollte. Sagen Sie, daß das stimmt oder daß das nicht stimmt?


SEYSS-INQUART: Ich erinnere mich nicht, ich glaube nicht.


MR. DODD: Was sagen Sie zu seiner Erklärung, daß Sie drei bestimmte Möglichkeiten erwähnt haben, um Österreich in die Hand zu bekommen und es dann Deutschland zu übergeben? Ist das wahr oder nicht?


SEYSS-INQUART: Ich glaube, das ist eine nachträgliche Konstruktion des Rainer.


MR. DODD: Nun, ich muß Sie über diese Dinge befragen, denn wir wollen doch Ihre Stellungnahme dazu hören.


SEYSS-INQUART: Ich bitte darum.


MR. DODD: Rainer sagt auch, daß das jetzt so bekanntgewordene Telegramm an Hitler, in dem erklärt wird, daß die Lage in Österreich schwierig sei, daß dieses Telegramm in Wirklichkeit auch von Glaise-Horstenau aus Berlin mitgebracht wurde. Er erklärt das in dem gleichen Dokument. Was sagen Sie dazu?


SEYSS-INQUART: Das stimmt nicht ganz. Ich habe den Brief Hitlers...


MR. DODD: Wie kann es stimmen, wenn es nicht ganz stimmt. Sie deuten doch an, daß etwas Wahres daran ist?


SEYSS-INQUART: Ich habe den Brief Hitlers durch einen Kurier bekommen und nicht durch Glaise-Horstenau. Und in diesem Brief drinnen war auch der Entwurf eines Telegramms.

MR. DODD: Das ist dasselbe Telegramm, auf das sich Göring bezog, als er mit Ihnen telephonierte, und dasselbe, auf das sich Keppler bezog, als er mit Dietrich telephonierte, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Nein, dieses Telegramm war mindestens doppelt so lang, und dieses Telegramm hatte ich ganz dezidiert abgelehnt.


MR. DODD: Nun, dann möchte ich an Sie schließlich noch die folgende Frage über diesen Tag stellen: Diese Rundfunkansprache, die Sie damals hielten, hielten Sie doch in Wirklichkeit auf Anweisung Görings? Er sagte Ihnen doch...


[110] SEYSS-INQUART: Nein.


MR. DODD:... Sie sollten eine Erklärung abgeben, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Nicht daran zu denken. Das wäre mir vollkommen gleichgültig gewesen.


MR. DODD: Sehen Sie sich doch einmal die Notiz über Ihr Telephongespräch mit ihm an. Es fand um 19.57 Uhr an jenem Abend statt, als er Ihnen sagte, Sie sollten zum Volk sprechen. Drei Minuten später sprachen Sie dann über das Radio. Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, Göring habe es nicht angeordnet?

SEYSS-INQUART: Ja, aber Göring hat mich zu etwas ganz anderem aufgefordert; Göring hat mich aufgefordert, mich als provisorische Regierung zu erklären und die Macht zu übernehmen. Wenigstens glaube ich das. Ich hatte mich ihnen als Innen- und Sicherheitsminister vorgestellt und sie aufgefordert, die Ruhe zu halten und den einrückenden deutschen Truppen keinen Widerstand zu leisten, genau dasselbe, was Schuschnigg eine halbe Stunde vor mir gesagt hatte.


MR. DODD: Aber es dauerte ungefähr zwei bis drei Minuten nach Ihrem Gespräch mit Göring, bis Sie ans Mikrophon gingen?


SEYSS-INQUART: Ich habe mit Feldmarschall Göring so viel gesprochen, ich möchte weder ihn noch mich mit allem belasten, was wir an dem Tage getan haben auf Grund der Telephongespräche. Ich glaube, daß ich fast nichts davon gemacht habe.


MR. DODD: Sie wollen doch nicht andeuten, daß Göring an Ihrem Verkauf Österreichs an Deutschland nicht interessiert war? Er hatte doch bestimmt ein großes Interesse an den Ereignissen dieser Tage? Nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Ja, aber den Ausdruck »verkaufen« finde ich hier nicht am Platze.. Göring hatte ja das sichtbarste Interesse, diese Angelegenheit auf eine vielleicht etwas drastische Weise zu finalieren.


MR. DODD: Sie haben gestern dem Gerichtshof gesagt, daß ungefähr 40 SS-Männer in dem Gebäude waren und daß Sie dachten, diese wären dort, weil Miklas und Schuschnigg nichts unternahmen, um sie zu entfernen. Die Wahrheit in dieser Sache ist doch, daß Sie Sicherheitsminister waren und daß es Ihre Aufgabe war, sie zu entfernen, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Nein, ich war nicht der Hausherr im Bundeskanzleramt. Und außerdem war das Dr. Skubl hier, es hätte ein Wort von Herrn Miklas oder Dr. Schuschnigg genügt, und es wären 300 Mann vom Gardebataillon dagewesen und hätten Ordnung gemacht. Von mir konnte man in dem Augenblick nicht verlangen, daß ich gegen Nationalsozialisten vorgehe.


[111] MR. DODD: Gut, wenn von diesen ein Wort genügt hätte, dann hätte doch wohl von Ihnen ein Fingerzeig genügt, nicht wahr, um sie zu entfernen? Es waren doch Ihre nationalsozialistischen SS-Männer, abgesehen von der Tatsache, daß Sie der Chef der Polizei waren?


SEYSS-INQUART: Ob sie mir gefolgt hätten, weiß ich nicht, und über das Gardebataillon habe ich nicht verfügt, weil das Wehrmacht ist. Aber bitte, zweifellos hätte ich einen Einfluß nehmen können, und das wäre vielleicht von Erfolg gewesen. Aber diese 40 Männer, die da waren, haben mir in meinen Augen überhaupt nichts bedeutet.


MR. DODD: Sie hatten den Platz umzingelt, nicht wahr? Sie waren nicht nur im Gebäude, sie waren auch außerhalb auf den Dächern der Nachbargebäude? Erinnern Sie sich an all das?


SEYSS-INQUART: Es waren damals ein paar tausend Nationalsozialisten vor dem Bundeskanzleramt.


MR. DODD: Gut, wir wollen noch einmal auf Ihren Freund Rainer zurückkommen, der in Ihrer Angelegenheit hierher kommt, und wir wollen sehen, was er darüber sagt. Haben Sie seinen Artikel – ich glaube, daß man es einen Artikel nennen kann – gesehen, den er über jene historische Nacht geschrieben hat. Kennen Sie ihn?


SEYSS-INQUART: Ja, ja, man kann das sogar noch mehr als einen Artikel nennen.


MR. DODD: Ja, er nannte es »Die Stunden der historischen Entscheidung«.

Herr Vorsitzender! Es ist 4004-PS, US-883.


[Zum Zeugen gewandt:]


Sie müssen doch zugeben, daß das Bild, das Rainer gibt, sich sehr von dem unterscheidet, das Sie gestern dem Gerichtshof gegeben haben, nicht wahr? Das heißt, wenn Sie den Artikel kennen, und Sie sagen, Sie kennen ihn. Wie Sie wissen, sagt er, daß Kaltenbrunner dort in jener Nacht 700 SS-Männer kommandierte und daß Lukesch innerhalb einer halben Stunde 6000 SA-Männer hatte und daß diese den Befehl erhielten, vorzugehen und das Bundeskanzleramt zu besetzen und den Ring um das Gebäude zu halten, bis eine nationalsozialistische Regierung ausgerufen war, und daß 40 SS-Männer unter dem Adjutanten von Kaltenbrunner, Rinner, den Befehl erhielten, sich den Weg mit Gewalt zu erzwingen und die Bundeskanzlei zu besetzen, und so weiter.

Und Sie hatten befohlen, er sagt, daß Sie der Mann gewesen seien, der befohlen habe, daß Rinner eingelassen wurde. Das ist sehr wichtig, und ich möchte gern wissen, was Sie dazu zu sagen haben. [112] Rinner war der Kommandant dieser 40 SS-Männer, die Ihrer Aussage nach von jemand anders hätten entfernt werden sollen. Sie sehen, daß er erklärt:

»Es ging gegen 10.00 Uhr, da meldete der Kommandant der Garde dem Sicherheitsminister Dr. Seyß, der sich gerade in unserem Zimmer befand, daß am Tor ein Mann mit 40 Mann Begleitung Einlaß verlange, und sich hierbei auf einen höheren Befehl berufe. Ich klärte rasch Dr. Seyß auf, daß dies Rinner mit seinen 40 Männern sei, der zur Besetzung des Bundeskanzleramtes abkommandiert worden sei. Dr. Seyß gab Auftrag, Felix Rinner heraufzuführen. Ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Eskortiert von einem baumlangen Gardisten kam Felix Rinner, der bekannte österreichische Rekordläufer...«

Er war der erste nationalsozialistische Sturmführer, der in jener Nacht das Hauptquartier betrat, und Sie waren der Mann, der ihn hereingelassen hat?

SEYSS-INQUART: Das ist ein Siegesartikel in der Siegesstimmung. Ich kann nur sagen, daß ich diese Nationalsozialisten in schwarzen Hosen und weißen Hemden festgestellt habe, daß sie in den Gängen waren, und mich erkundigte, was ist da los, was ist da? Aber diese dramatische Schilderung, daß ich das Tor geöffnet habe, da wollen wir warten, ob das der Rainer bestätigt.

MR. DODD: Gut, ich verstehe. Wir warten genau so darauf wie Sie.

Sie sehen, daß er etwas weiter unten sagt, daß Sie auf Ihre eigene Verantwortung hin den Befehl gaben, das Tor zu öffnen, um diese Männer hereinzulassen. Aber Sie sagen, das stimmt nicht. Das ist alles, was ich wissen will.


SEYSS-INQUART: Nein, das ist mir vollkommen fremd.

MR. DODD: Ich glaube, wir können weitergehen. Ich nehme an, daß der ganze Artikel vom Rainer überhaupt keine Wahrheiten enthält, oder steht etwas darin, von dem Sie zugeben, daß es wahr ist? Sie wissen, er soll Ihr Zeuge sein.


SEYSS-INQUART: Ich bin auch sehr daran interessiert, was er hier aussagt. Das Ganze ist eine etwas dichterische Darstellung der Ereignisse. Die Basis ist sicherlich richtig, es ist aber viel sieghafter Jubel dabei.


MR. DODD: Ich denke, ich sollte Ihnen als Einleitung zu einer Frage sagen, daß Guido Schmidt in einer Zeugenaussage, die wir hier haben und die ich Ihnen gern zeige, erklärt, daß der Platz von SS-Männern umstellt war und daß diese mit Ihrem Wissen da waren. Was sagen Sie dazu? Auch er wird Ihr Zeuge sein.


[113] SEYSS-INQUART: Ich habe gesagt, daß ein paar tausend Nationalsozialisten um das Bundeskanzleramt herum versammelt waren. Ob es SS oder SA waren, weiß ich nicht. Es waren auch ziemlich viel Frauen dabei. Diesen, sozusagen, Mobilisierungsbefehl der Partei habe ich nicht gekannt, aber ich habe Dr. Schuschnigg Schon am Vormittag gesagt, wenn wir uns nicht verständigen werden, habe er mit den größten Demonstrationen der Partei zu rechnen.

MR. DODD: Gut, nun zu einer anderen Sache. Sagten Sie dem Gerichtshof oder habe ich Sie richtig verstanden, daß Sie so aussagten, Miklas wäre ohne Ihre persönliche Aufforderung zurückgetreten? Präsident Miklas war der damalige Bundespräsident von Österreich. Geht Ihre Aussage dahin, daß er ohne irgendein Verlangen Ihrerseits zurückgetreten ist?


SEYSS-INQUART: Mein Verlangen war, daß er das Anschlußgesetz unterschreibt, und darauf hat er gesagt, das mache er nicht, das tue er nicht. Nach der Verfassung ging dann seine Macht auf mich über. Er selbst wollte der Entwicklung nicht im Wege stehen. Ich glaube nicht, daß ich zu ihm gesagt habe, er solle zurücktreten, sondern ich habe nur verlangt, daß er das Gesetz unterschreibe.


MR. DODD: Gut, er hat vor einem Gerichtshof in Wien ausgesagt, daß Sie es verlangt hätten. Erinnern Sie sich daran, oder haben Sie es vergessen, oder sagen Sie, daß es nicht wahr ist?


SEYSS-INQUART: Nein, ich halte das für ausgeschlossen, denn es ist mir noch deutlich in Erinnerung, daß er sagte »ich kann das Gesetz nicht unterschreiben, aber ich werde der Entwicklung nicht im Wege stehen. Wenn Sie mir bestätigen, daß es notwendig ist, daß der Anschluß durchgeführt wird, werde ich zurücktreten, und dann haben Sie ja meine Rechte«. Wenn er das aufgefaßt hat als ein Verlangen nach seinem Rücktritt, will ich ihm nicht widersprechen und ihm seine Stellung nicht schwieriger machen. Denn ich bekenne mich ja zum Anschluß.


MR. DODD: Gut, ich will das als Beweisstück vorlegen, und wenn Sie wollen, können Sie es sehen. Auf jeden Fall ist dies seine Zeugenaussage vor einem Gerichtshof in Wien am 30. Januar 1946. Es ist das Dokument 3697-PS. Es wird US-884. Wenn Sie wollen, können Sie es sehen. Er erklärt gerade das, was ich Ihnen vorgehalten habe, daß Sie reichlich darum herum redeten. Es war Ihnen sehr peinlich, sagt er, aber trotzdem müßten Sie den Befehl Deutschlands erfüllen, und deshalb müßte er zurücktreten.

Das ist auf Seite 17 des englischen Textes der Zeugenaussage des Präsidenten Miklas.

Haben Sie einmal einen Brief an Himmler geschrieben? Oder haben Sie zweimal über Bürckel an Himmler geschrieben? Einen [114] davon haben wir als Beweisstück, und ich will Sie fragen, ob Sie sich an den anderen erinnern? Erinnern Sie sich an den Brief, in dem Sie an Himmler schrieben, es wäre nicht wahr, daß Sie sich in die Deportation der Juden einmischten, daß Sie nur darauf bestanden hätten, daß sie Kaltenbrunners Leuten, dem SD, übergeben werden sollten?


SEYSS-INQUART: Ich kenne ihn, er wurde hier vor gelegt. Ich weiß, ich habe es in diesem Gericht gesehen.


MR. DODD: Vielleicht haben Sie ihn gesehen. Aber er wurde nicht als Beweisstück unterbreitet. Ich will es hiermit tun.


SEYSS-INQUART: Jawohl, aber der Brief ist bestimmt richtig.


MR. DODD: Es ist die Nummer 3398-PS, das ist US-885. In dem Brief sagten Sie, Sie hätten Instruktionen gegeben, daß die Deportation der Juden nur in Übereinstimmung mit dem SD und durch den SD ausgeführt werden könne und daß Sie wilde Aktionen nicht erlauben könnten.


SEYSS-INQUART: Richtig. Soll ich dazu Stellung nehmen, Herr Ankläger?


MR. DODD: Ich möchte Sie nun fragen: Dann wußten Sie also alles darüber, und Ihrem ersten Verhör entnahm ich, daß Sie sagten, Sie wußten es. Sie wußten von der Deportation der Juden, und Sie trugen Ihr Teil dazu bei, daß der SD dies durchführte. Diesen Punkt möchte ich mit Ihnen klarstellen, und ich nehme an, daß Sie mit mir darin übereinstimmen?


SEYSS-INQUART: Ja, ich habe natürlich gewußt, daß in Wien ein paar Züge mit Juden vollgeladen werden, die sind nach Polen gebracht worden, ausgeladen worden. Es war überhaupt nichts vorgekehrt, und die Juden waren in der größten Schwierigkeit. Dagegen habe ich mich gewehrt, und ich habe, weil Bürckel sich beschwert hat, Himmler gesagt: Wenn solche Aktionen sind, dann müssen sie durch den SD gemacht werden, weil ich der Annahme war, daß dann die Sache etwas besser vorbereitet wird. Wenn ich das heute sage, so klingt das natürlich sehr tragisch und bitter. Aber ich habe gedacht, daß dann wenigstens irgendwo Notquartiere und so weiter geschaffen werden. Und außerdem weiß ich vom 9. November 1938, wie solche Sachen gemacht werden. Die Partei prellt vor, und der Staat wird dann genötigt, die Sachen zu übernehmen und weiterzuführen.


MR. DODD: Jawohl. Auf jeden Fall wußten Sie, daß Kaltenbrunner damals die Juden aus Österreich deportierte oder daß dies seine Aufgabe war?


SEYSS-INQUART: Ich erinnere mich nicht an Kaltenbrunner in dem Zusammenhang. Ich glaube, das hat die Partei allein gemacht. Ich glaube, da war Kaltenbrunner gar nicht dabei.


[115] MR. DODD: Sagten Sie nicht, der SD, und war dieser nicht in Österreich um diese Zeit Kaltenbrunner unterstellt?


SEYSS-INQUART: Ich habe gesagt, daß der das machen soll, aber diese Transporte sind nicht von Kaltenbrunner gemacht worden. Das hat Globocznik gemacht.


MR. DODD: Gut, sie waren Kaltenbrunner unterstellt, nicht wahr? Er war doch damals der Führer des ganzen österreichischen Polizeisystems.


SEYSS-INQUART: Ja, also das war mehr der Kommandeur der Sicherheitspolizei. Wieviel er da Einfluß gehabt hat, will ich gar nicht sagen. Ich glaube sehr wenig.


MR. DODD: Seitdem Sie hier sitzen, haben Sie sicherlich herausgefunden, daß er einen ziemlichen Einfluß hatte, nicht wahr? Sie wissen jetzt, daß er allerhand damit zu tun hatte?


SEYSS-INQUART: Nein.


MR. DODD: Sie wollen sagen, daß Sie hier noch nicht gehört haben, daß Kaltenbrunner etwas mit der Entfernung der Juden zu tun hatte?


SEYSS-INQUART: Jawohl, das muß ich dem Kaltenbrunner überlassen, aus eigener Wahrnehmung weiß ich das nicht.


MR. DODD: Ich will nicht weiter darauf eingehen, aber das habe ich Sie nicht gefragt. Ich fragte Sie, ob Sie hier im Gerichtshof nicht gehört haben, daß Kaltenbrunner viel mit der Entfernung der Juden zu tun hatte.


SEYSS-INQUART: Jawohl.


MR. DODD: Gewiß, Sie beziehen das auf Ihren Brief, nicht wahr? Und wissen Sie nicht jetzt, daß er um die Zeit, als Sie den Brief schrieben, mit der Entfernung der Juden etwas zu tun hatte?


SEYSS-INQUART: Mit der Evakuierung der Juden, die hier erwähnt sind, hatte meines Erachtens der Kaltenbrunner überhaupt nichts zu tun, weil das eine wilde Aktion der Partei war beziehungsweise des Gauleiters Globocznik.


MR. DODD: Erinnern Sie sich, wann Sie durch Lammers die Ermächtigung erhielten, Eigentum in Österreich zu beschlagnahmen, worum Sie gebeten hatten?


SEYSS-INQUART: Ja.


MR. DODD: Haben Sie diese Dokumente gesehen? Sie sind neu: Ihr Brief an Lammers, seine Antwort an Sie, und der Befehl, der auf Ihr Verlangen erlassen wurde. Das sind drei Dokumente.


SEYSS-INQUART: Ja.


[116] MR. DODD: Ihr Brief an Lammers ist datiert vom 23. Oktober 1938, es ist 3448-PS, US-886. Lammers Antwort an Sie ist datiert vom 24. Oktober 1938, und es ist 3447-PS, US-887. Der Befehl selbst ist 3450-PS, US-888. Es handelt sich um die Beschlagnahme des jüdischen Eigentums in Österreich, die Sie verlangt hatten, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Jawohl. Das habe ich schon gestern erklärt, daß ich durch Verordnungen da mitgewirkt habe.


VORSITZENDER: Sie wollen jetzt eine Pause machen?


MR. DODD: Herr Vorsitzender! Ich bin in fünf Minuten fertig.


VORSITZENDER: Gut, dann fahren Sie fort.


MR. DODD: Ich möchte gern zu Ende kommen, und ich denke, ich werde es tun können.

Angeklagter! Wann haben Sie zum erstenmal von den vielen Österreichern gehört, die nach dem Anschluß in Konzentrationslagern gestorben sind?


SEYSS-INQUART: Von vielen Österreichern, die im Konzentrationslager gestorben sind? Im besten Falle hier im Gerichtssaal. Aber von zahlreichen Österreichern, die in Konzentrationslagern waren, vielleicht im Laufe des Jahres 1943/1944. Im Jahre 1938/1939 wußte ich, daß zum Teil die politischen Gegner in Konzentrationslagern waren, aber mit der Zeit wieder entlassen wurden, wenigstens zum Teil.


MR. DODD: Wußten Sie nicht, daß sie in Buchenwald schon im Jahre 1939 umgebracht wurden? Kannten Sie nicht einige Leute, um deren Tod Sie wußten? Bitte, denken Sie eine Minute nach, bevor Sie antworten. Wußten Sie nicht um den Tod von Menschen in Buchenwald, die Ihre politischen Gegner waren?


SEYSS-INQUART: Ich erinnere mich nicht, Herr Ankläger.


MR. DODD: Haben Sie nie ein Wort davon gehört?


SEYSS-INQUART: Das will ich gar nicht sagen. Wenn Sie mir einen Namen nennen, werde ich Ihnen sofort sagen, wie es ist.


MR. DODD: Ich weiß, wenn ich Ihnen den Namen nenne, dann werden Sie sagen, daß Sie ihn gehört haben. Das nehme ich an. Ich will Sie aber zuerst fragen, ob Sie nicht tatsächlich wußten, daß einige von ihnen in diesen Lagern starben.

Das ist alles, was ich wissen will. Es war doch allgemein in Österreich bekannt, nicht wahr?


SEYSS-INQUART: Ich will ohne weiteres die Möglichkeit zugeben, daß man mir gesagt hat, daß der eine oder andere im Lager gestorben ist, und zwar schon in den Jahren 1938 oder 1939.


[117] MR. DODD: Nun, Sie haben immer noch zu den Nazis gehalten, obwohl Sie zum mindesten wußten, daß zahlreiche Ihrer Landsleute ins Konzentrationslager geworfen wurden. Machte Ihnen das nichts aus? Was Sie sich auch vor dem Anschluß gedacht haben mögen, so wußten Sie doch gewiß, was später getan wurde?


SEYSS-INQUART: Von einer großen Anzahl, die gestorben ist, kann keine Rede sein und wußte ich nichts, und daß einige oder einer oder der andere gestorben ist, das konnte mich nacht so berühren, denn vom Jahre 1934 bis 1938 sind mindestens soviele Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern des Dr. Dollfuß und der Vaterländischen Front beziehungsweise des Österreichischen Staates auch gestorben.


MR. DODD: Nun gut, würden Sie mir dann zustimmen, daß die Lage in Österreich nach der Machtergreifung durch die Nazis sehr schlecht war und daß Sie sich ständig noch verschlechterte und daß Sie wußten, wie jeder andere in Österreich dies auch wußte? Oder wollen Sie vielleicht sagen, daß sich die Verhältnisse besserten? Ich möchte nur Ihre Ansicht darüber hören.


SEYSS-INQUART: Ich will ganz offen sagen: wenn man natürlich die Führer der politischen Gegner heute hört, dann war es furchtbar. Wenn man aber das Volk erlebt hat bis 1939, dann konnte man sehen, daß es aufgelebt hat, denn die Arbeitslosigkeit ist verschwunden, und wie ein ganz anderer Geist war als früher... Der Krieg hat dann die Situation unmöglich gemacht.


MR. DODD: Eine letzte Frage, wenn Sie sie kurz beantworten können. Verstehe ich Sie richtig, daß Sie die Verantwortung übernehmen für alles, was sich in Polen ereignete, für alle Ereignisse, die in Polen festgestellt worden sind? Ich meine, die gemeinsame Verantwortung mit Frank. Übernahmen Sie die als sein Stellvertreter?


SEYSS-INQUART: Vorerst kann das ja nur für die Zeit sein, in der ich dort bin und als Stellvertreter.


MR. DODD: Natürlich, gewiß meine ich nicht, nachdem Sie dort weg waren. Ich spreche nur von der Zeit, als Sie dort waren.


SEYSS-INQUART: Als Stellvertreter nur dort, wo ich als Stellvertreter funktioniert habe oder wo mir Verbrechen bekanntgeworden sind und ich nicht dagegen aufgetreten bin.

MR. DODD: Ich möchte jetzt zum Protokoll einen Satz aus einem Dokument verlesen, das bereits als Beweisstück vorgelegt wurde, Herr Vorsitzender. Es ist das Dokument 2233-PS. Aus diesem Dokument, Seite 1, Absatz 4 möchte ich dies verlesen, denn [118] ein Teil davon wurde bereits von der Verteidigung verlesen, aber dieser Teil nicht. Es ist unter der Ziffer arabisch 3:

»Die daraus für notwendig gehaltenen Polizei- und anderen Aktionen werden unter der direkten Aufsicht des Chefs der Sicherheitspolizei vor sich gehen. Jede zwangsweise Aktion muß strengstens vermieden werden.«

Das war eine Verordnung in Verbindung mit der AB-Aktion, über welche ja der Zeuge schon ausgesagt hat.


[Zum Zeugen gewandt:]


Die Akten zeigen, Herr Angeklagter, daß Sie zur Zeit, als der Angeklagte Frank diese AB-Aktion erörterte, anwesend waren und die Erklärung abgaben, die ich soeben in das Protokoll verlesen habe. Gewiß werden Sie doch nicht die Verantwortung ableugnen für das, was unter der AB-Aktion geschah? Sie wußten doch davon?

SEYSS-INQUART: Ich habe weder in dem AB-Falle noch sonstwo etwas geleugnet. Ich habe besonders über die AB-Aktion gesprochen.

MR. DODD: Herr Vorsitzender! Dokument 2233-PS, das ist USSR-223, liegt jetzt auf französisch vor. Es ist bereits als Beweisstück vorgelegt und vom Gerichtshof angenommen. Aber der französische Text war damals nicht erhältlich. Es ist jetzt vollständig ins Französische übersetzt, und ich biete es zur Hilfe des Gerichtshofs auch in französisch an.

Ich bin mit meinem Verhör fertig.


VORSITZENDER: Herr Dodd! Sie sagten, daß das Dokument vom 11. November 1937, 3396-PS, ein neues Dokument sei. Haben Sie es numeriert?


MR. DODD: Einen Augenblick, Herr Vorsitzender, ich will nachsehen.

Ich wollte es anbieten, und ich fürchte, ich habe es unterlassen. Es wird US-889. Es war ein neues Dokument, und ich hatte die Absicht, es anzubieten.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird sich jetzt vertagen. Wir werden um 14.10 wieder zusammenkommen.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.10 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 16, S. 72-120.
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