Vormittagssitzung.

[92] [Der Zeuge Funk im Zeugenstand.]


DR. SAUTER: Herr Präsident! Ich darf dann mit der Vernehmung des Angeklagten Funk wohl fortfahren.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Dr. Funk! Sie haben uns gestern kurz Ihren Lebenslauf berichtet, daß Sie 56 Jahre alt sind, seit 25 Jahren verheiratet, daß Sie dann zehn Jahre Chefredakteur der »Berliner Börsenzeitung« waren, und haben uns zum Schluß gestern dargelegt, welche Überzeugung Sie hatten hinsichtlich der Entwicklung Deutschlands für die Zukunft.

Vielleicht können Sie uns den Gesichtspunkt nochmals etwas darlegen, weil Sie gestern durch die Pause darin unterbrochen wurden, und weil gestern abend Ihr gesundheitlicher Zustand außerdem so schlecht war, daß Sie sich kaum mehr an das erinnern konnten, was Sie dem Gericht erzählt haben.

Also, welche Überzeugung hatten Sie damals in Bezug auf die wirtschaftspolitischen Aussichten Deutschlands für die Zukunft zu der Zeit, als Sie in die Partei eingetreten sind? Vielleicht können Sie das noch einmal kurz wiederholen.

FUNK: Deutschland befand sich damals in einer schweren wirtschaftlichen Krise, die in der Hauptsache hervorgerufen war durch die Tributlasten, die Art ihrer Bezahlung, dann aber durch die Unfähigkeit der damaligen Regierungen, die wirtschaftlichen Probleme zu meistern. Das Verhängnisvollste bei der Tributpolitik war, daß man Deutsche-Mark-Valuta in großen Beträgen in das Ausland transferierte, ohne hierfür Gegenwerte zu erhalten. Infolgedessen entstand im Ausland ein ungeheurer Überfluß und Überdruck an Reichsmark. Es kam zur Inflation in Deutschland und die Länder mit den starken Valuten kauften Deutschland aus. Es kam zu einer schweren Verschuldung der deutschen Industrie und diese führte wiederum auch kurzfristig zu einer Überfremdung der Industrie, zu einer Verschuldung der deutschen Landwirtschaft. Es kam zu einer völligen Verarmung des Bürgertums, das der Hauptträger der deutschen Kultur war. Jede dritte deutsche Familie war arbeitslos und die Regierung selbst hatte weder die Kraft noch den Mut, die wirtschaftlichen Probleme zu meistern. Diese Probleme konnten auch nicht durch wirtschaftliche Maßnahmen allein gemeistert werden. Es war notwendig, daß zunächst einmal eine [92] Regierung mit voller Autorität und Verantwortung vorhanden war, und daß eine einheitliche politische Willensbildung im Volke Platz griff.

Die Nationalsozialisten eroberten damals vierzig Prozent der Reichstagsmandate, das Volk strömte dieser Partei in immer neuen Millionen zu, insbesondere die von Idealismus erfüllte, begeisterte Jugend, und die faszinierende Persönlichkeit des Führers wirkte wie ein riesiger Magnet. Das Wirtschaftsprogramm der Partei selbst war unklar, war nach meiner Ansicht im wesentlichen auf Propaganda abgestellt, und es wurde auch in Parteikreisen, mit denen ich im Jahre 1931 in Berührung kam, lebhaft diskutiert.

Ich entschloß mich also damals, meine Position als Chefredakteur einer großen bürgerlichen Tageszeitung aufzugeben und mich selbständig zu machen, indem ich einen wirtschaftspolitischen Pressedienst herausgab, der an die verschiedensten Kreise der Wirtschaft ging, auch an die führenden Parteikreise, aber auch an Wirtschaftskreise, die den Deutschnationalen, der Volkspartei und sogar den Demokraten nahestanden.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Sie haben vorhin gesagt, so ungefähr, daß nach Ihrer damaligen Auffassung, wie Sie diese im Jahre etwa 1931 vertreten haben, nur eine Regierung mit voller Autorität und mit voller Verantwortung, also nur ein starker Staat und eine einheitliche politische Willensbildung Deutschland aus der damaligen Krisis herausführen konnte, die ja lediglich ein Ausschnitt aus der Weltkrisis war. Haben Sie sich nun damals bereits vielleicht mit dem Gedanken befaßt, ob das Führerprinzip, das ja dann später immer stärker und stärker ausgebildet wurde, ob dieses Führerprinzip mit Ihrer wirtschaftspolitischen Auffassung in Einklang gebracht werden konnte oder, negativ ausgedrückt, haben Sie sich von diesem Führerprinzip in der damaligen Zeit schwere Schädigungen versprochen? Was können Sie zu dem Punkt sagen?


FUNK: Von einem Regierungsprinzip, das ist ja ein Führerprinzip, kann man a priori niemals sagen, ob es gut oder schlecht ist. Es kommt auf die gegebenen Verhältnisse an und vor allen Dingen auf diejenigen, die regieren. Das demokratisch-parlamentarische Prinzip hatte in Deutschland nicht zum Erfolg geführt, Deutschland hatte auch keine parlamentarisch-demokratische Tradition wie andere Länder. Es war schließlich so, daß bei Regierungsentschlüssen die wenigen Stimmen der Wirtschaftspartei entschieden, die meistens gekauft waren. Es mußte also ein anderes Prinzip zur Herrschaft kommen, und wenn in einer autoritären Regierung diejenigen, die die Autorität und die Verantwortung haben, gut sind, dann ist auch die Regierung gut. Das Führerprinzip bedeutete nach meiner Meinung, daß die Besten und der Beste regieren sollten, und daß dann die Autorität von oben nach unten und die [93] Verantwortung von unten nach oben ging. Und ich habe aus den Gesprächen, die ich im Jahre 1931 mit Adolf Hitler und anderen führenden Persönlichkeiten der Partei hatte, und, wie gesagt, aus dem Vertrauen, der Begeisterung, die das deutsche Volk dieser Bewegung entgegenbrachte, die Meinung gewonnen, daß diese Partei zur Regierung kommen müsse und daß von ihr allein die Rettung kommen könne. Ich selbst wollte in dieser Partei meine eigenen wirtschaftspolitischen Ideen zur Geltung bringen.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Sie haben gerade von der Persönlichkeit Hitlers gesprochen. Durch wen haben Sie denn Hitler kennengelernt, beziehungsweise wer waren die ersten Persönlichkeiten aus den Kreisen der Partei, durch welche Sie dann für die Partei gewonnen wurden?


FUNK: In der Hauptsache war dies Gregor Straßer, wie ich gestern schon sagte, der die erste Aussprache mit Adolf Hitler vermittelte. Erst viel später lernte ich dann in Berlin Hermann Göring kennen. Im übrigen hatte ich sehr wenig Bekanntschaften in der Partei damals und spielte auch in der Partei selbst keine Rolle.


DR. SAUTER: Und wie Sie nun Hitler kennengelernt haben, was hat Ihnen damals Hitler für einen Eindruck gemacht? Ich darf das eine vorausschicken, Sie waren ja damals, ich glaube es war 1931, immerhin schon ein gereifter Mann von über vierzig Jahren. Was haben Sie damals für einen Eindruck über die Persönlichkeit, über die Ziele et cetera Hitlers gewonnen?


FUNK: Die erste Unterredung mit Adolf Hitler verlief sehr reserviert; das war auch nicht verwunderlich, da ich ja aus einer ihm völlig fremden Welt kam. Er machte auf mich sofort den Eindruck einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Er faßte blitzschnell alle Probleme auf und verstand es, sie außerordentlich eindrucksvoll mit großer Beredsamkeit und auch mit ausdrucksvollen Gesten vorzutragen. Er hatte die Gewohnheit, sich in die Probleme dann selbst, in langen Selbstgesprächen sozusagen, zu vertiefen und hob die Probleme dabei in eine höhere Betrachtungsweise. Ich habe ihm damals meine wirtschaftspolitischen Ansichten klargelegt, insbesondere, daß ich auf der Idee des privaten Eigentums fuße, die für mich das Fundament meiner Wirtschaftspolitik sei und die unzertrennlich mit dem Gedanken der verschiedenwertigen Leistungsfähigkeit des Menschen zusammenhänge. Er selbst gab mir dann lebhaft zu, daß auch seine Idee der Wirtschaftspolitik beherrscht werde vom Prinzip der Auslese, also des Leistungsprinzips, der schöpferischen Persönlichkeit, und er begrüßte sehr, daß ich nach dieser Richtung hin in der Partei wirken wolle, ihm auch Verbindungen und Unterstützung bei der Wirtschaft vermitteln wolle, was [94] ich auch tat. Und es kam dann aber kaum zu engeren Beziehungen zum Führer zunächst, weil er mir selbst sagte: »Ich kann mich m diesem Augenblick wirtschaftspolitisch nicht festlegen und das, was meine Wirtschaftstheoretiker, wie Herr Gottfried Feder, sagen, das denke ich nicht ohne weiteres.« Die wirtschaftspolitische Abteilung die es damals gab, wurde von einem Dr. Wagner geführt.


DR. SAUTER: Wirtschaftspolitische Abteilung, von wem? Von der Reichsleitung der Partei?


FUNK: Die wirtschaftspolitische Abteilung der Reichsleitung der Partei wurde von einem gewissen Dr. Wagner geführt. Zu politischen Gesprächen wurde ich nicht zugezogen. Eine enge Beziehung zum Führer, oder eine engere Beziehung zum Führer, habe ich eigentlich nur in den Jahren 1933 und im ersten Halbjahr 1934 gehabt, als ich als Pressechef der Reichsregierung ihm regelmäßig Vorträge hielt. Damals kam es schon einmal vor, daß er den Pressevortrag plötzlich unterbrach und mit mir in den Musiksalon ging und sich von mir etwas am Klavier vorspielen ließ.

Dann wurde das Verhältnis wieder reservierter, und als ich Wirtschaftsminister wurde, hielt sich der Führer von mir immer mehr fern, ob er besondere Gründe dafür hatte, wie Lammers hier ausgesagt hat, weiß ich nicht; ich bin während meiner ganzen Ministertätigkeit vielleicht vier-, höchstens fünfmal zu Besprechungen zum Führer zugezogen worden. Er brauchte mich aber auch nicht, denn er gab seine wirtschaftspolitischen Anordnungen an den Reichsmarschall als den verantwortlichen Leiter der Wirtschaftspolitik und später, vom Jahre 1942 ab, an Speer, als die Rüstung die gesamte Wirtschaft beherrschte, und ich war, wie gesagt, in engeren Beziehungen nur in den Jahren 1933 und im ersten Halbjahr 1934, bis zum Tode des Reichspräsidenten von Hindenburg.


DR. SAUTER: Ja, Herr Dr. Funk! Sie sind jetzt schon sehr weit vorausgeeilt. Wir wollen jetzt wieder zurückkehren, nämlich zum Jahr 1931 oder 1932, also zu der Zeit, als Sie der Partei beigetreten sind. Wann war denn das?


FUNK: Im Sommer 1931.


DR. SAUTER: Im Sommer 1931. Sie haben dem Gericht schon erklärt, daß Sie sich an dem Führerprinzip aus den Gründen, die Sie dargelegt haben, nicht gestoßen haben.


FUNK: Nein, im Gegenteil, das Führerprinzip war absolut notwendig.


DR. SAUTER: Im Gegenteil, Sie hielten das Führerprinzip für die damalige Notzeit für notwendig. Nun würde mich aber interessieren, es sind ja auch andere Gesichtspunkte in dem Parteiprogramm enthalten gewesen, die sich dann später ungünstig [95] ausgewirkt haben und die auch im Laufe des Prozesses den Angeklagten vielfach zum Vorwurf gemacht worden sind. Ich greife ein Beispiel heraus, zum Beispiel dieses Schlagwort vom »Lebensraum«. Sie haben während des Prozesses auch wieder das gehört. Der Angeklagte Dr. Schacht hat sich ja mit diesem Problem auch befaßt. Vielleicht können Sie uns in Kürze Ihre eigene Stellungnahme zu diesem Problem, zu dieser Frage, darlegen?


FUNK: Das Lebensproblem ist gar kein Schlagwort, und ein Lebensproblem ist wirklich das »Lebensproblem« des deutschen Volkes damals gewesen. Ich habe bei Lebensproblem...


DR. SAUTER: Lebensraum?


FUNK:... oder Lebensraum damals durchaus nicht an Eroberung fremder Länder gedacht, wie der Gedanke an den Krieg damals mir, ebenso wie wahrscheinlich den allermeisten Deutschen, völlig fernlag. Unter Lebensraum verstand ich die Öffnung der Welt für die deutschen Lebensinteressen, das heißt die Beteiligung des deutschen Volkes an der Nutzbarmachung der im Überfluß vorhandenen Güter der Welt.

Ob das nun durch Kolonien geschah oder durch Konzessionen oder durch handelspolitische Vereinbarungen, darüber habe ich im, einzelnen damals mir den Kopf nicht zerbrochen.

Die Entfaltung Deutschlands in der Weltwirtschaft vor dem ersten Weltkrieg war für mich entscheidend, überhaupt Wirtschaftsjournalist zu werden. Die Beteiligung Deutschlands an der rumänischen Petroleumindustrie, die Konzession der Bagdad-Bahn, der wachsende deutsche Einfluß in Südamerika, in China, überhaupt in Ostasien, das alles begeisterte mich sehr. Ich wurde damals schon bekannt mit Männern, wie Franz Günther, von der Diskontogesellschaft, mit Arthur von Gwinner von der Deutschen Bank, mit Karl Helfferich, mit dem großen Hamburger Überseekaufmann Witthöft und vielen anderen deutschen Wirtschaftspionieren, und ich ging mit der ganzen Begeisterungsfähigkeit des jungen Journalisten an meinen Beruf.

»Lebensraum« war also für mich damals die Erfüllung dieser wirtschaftspolitischen Forderungen und der wirtschaftlichen Beteiligung Deutschlands an den Gütern der Welt, Beseitigung der Hemmungen, die uns von allen Seiten entgegentraten, und es war ja ein absoluter Nonsens, daß Deutschland auf der einen Seite Buße zahlen sollte und Schulden bezahlen sollte und auf der anderen Seite die Gläubigerländer sich weigerten, diese Schuldenabzahlung in der einzig möglichen Form, nämlich in der Abtragung durch Leistungen, durch Waren, entgegenzunehmen. Damals setzte eine große protektionistische Welle in der Welt ein. Ich erinnere an die damalige amerikanische Wirtschaftspolitik, ich erinnere an die [96] Ottawa-Verträge, und diese falsche Weltwirtschaftspolitik führte dann 1929/30 zu der Weltwirtschaftskrise, von der auch Deutschland schwer getroffen wurde.


DR. SAUTER: Sind Sie zu Ende, Herr Doktor?


[Der Zeuge nickt.]


Herr Dr. Funk! Die Anklagevertretung hat seinerzeit im Trialbrief behauptet, daß Sie an der Formulierung des Nazi-Programms mitgeholfen hätten. Was können Sie dazu sagen?

FUNK: Ich weiß nicht, was der Vertreter der Anklagebehörde unter Nazi-Programm verstanden hat.

DR. SAUTER: Ich denke, das Parteiprogramm.


FUNK: Das ist völlig unmöglich. Denn das Parteiprogramm ist, soweit ich weiß, 1921 entstanden. Damals wußte ich überhaupt noch nichts von Nationalsozialismus und von Adolf Hitler.


DR. SAUTER: Herr Zeuge, die Anklagevertretung hat weiterhin Ihnen einen Vorwurf daraus gemacht, daß Sie das sogenannte wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm, das wirtschaftspolitische Wiederaufbauprogramm im Jahre 1932, aufgestellt haben, also ein Programm für die Wiedergesundung des deutschen Wirtschaftslebens. Stimmt das, daß Sie dieses Wirtschaftswiederaufbauprogramm aufgestellt haben?


FUNK: Ich habe 1932 Gregor Straßer für eine Rede einige wirtschaftspolitische Programmpunkte zusammengestellt, die er, Straßer, dann selbst als von mir herstammend bezeichnet hat und an die einzelnen Parteistellen als Instruktions- und Rednermaterial weitergegeben hat.

Dieses wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm, das nach den Worten des Herrn Anklagevertreters die wirtschaftliche Bibel für die Parteiorganisatoren werden sollte, ist, glaube ich, in keiner Weise revolutionär oder überhaupt aufsehenerregend, und es könnte, glaube ich, von jeder demokratischen Regierung auch angenommen und akzeptiert werden; ich glaube, es ist in dem Buch abgedruckt, aus dem der Anklagevertreter verschiedene Informationen entnommen hat.

DR. SAUTER: Vielleicht ist es abgedruckt, Herr Zeuge, in dem Buch von Dr. Paul Östreich, das wiederholt zitiert wurde. Dieses Buch enthält eine Lebensgeschichte von Ihnen unter dem Titel: »Walther Funk, ein Leben für die Wirtschaft« und ist von der Anklagebehörde verwertet unter 3505-PS, Exhibit US-653.

Herr Dr. Funk, ich habe dieses Programm vor mir im Wortlaut.


FUNK: Bitte lesen Sie es vor.


[97] DR. SAUTER: Das ganze Programm enthält eine halbe Seite und stellt in der Hauptsache wohl gar nichts dar, das irgendwie charakteristisch für nationalsozialistische Gedankengänge wäre.


FUNK: Ich war ja auch damals noch nicht Nationalsozialist oder jedenfalls erst ein ganz junges Parteimitglied.


DR. SAUTER: Also dieses wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm muß man tatsächlich lesen, um sich zu überzeugen, wie wenig von charakteristischen nationalsozialistischen Forderungen darin enthalten ist. Es ist das ein Programm, von dem Funk sagt, daß so ziemlich jede andere liberale, demokratische oder sonstige bürgerliche Partei es auch vertreten könnte. Das Programm heißt: Direkte Arbeitsbeschaffung durch staatliche oder private Neuinvestitionen. Das ist die erste Forderung. Dann: Produktive Kreditschöpfung durch die Reichsbank, aber keine Inflation, sondern Wiederherstellung einer gesunden Währung und einer gesunden, die Produktion fördernden Geld- und Kreditwirtschaft.

Allgemeine Zinssenkung unter Berücksichtigung der individuellen Verhältnisse der Wirtschaft.

Schaffung eines Außenhandelsamtes und einer Devisenzentrale.

Neuregelung der wirtschaftlichen Beziehungen zum Auslande unter Voranstellung der Lebensnotwendigkeiten des Binnenmarktes, aber unter Berücksichtigung des für Deutschland lebenswichtigen Exportes.

Sanierung der öffentlichen Finanzen unter Einschluß der öffentlichen Versicherungen. Beseitigung der unhaltbaren Methoden der Etatbalancierung.

Staatliche Schutzmaßnahmen für die Landwirtschaft.

Wiederaufbau des Haus- und Grundbesitzes nach den Grundsätzen der Produktivität und der Volksgesundheit.

Erweiterung der deutschen Rohstoffgrundlage, Schaffung neuer nationaler Industrie- und Gewerbezweige, technische und fabrikatorische Umstellungen.

Das ist alles, was in diesem sogenannten wirtschaftlichen Aufbauprogramm enthalten ist.

FUNK: Dieses Programm sollte, wie der Anklagevertreter gesagt hat, die offizielle Parteierklärung auf wirtschaftlichem Gebiete sein. Ich hätte gewünscht, daß die Partei sich zu diesen Grundsätzen bekannt hätte. Ich habe in späteren Zeiten gerade mit verschiedenen Parteistellen in Bezug auf meine grundsätzliche Einstellung zur Wirtschaftspolitik stets große Schwierigkeiten gehabt. Ich galt auch in der Partei stets als Außenseiter und Liberalist...


DR. SAUTER: Liberalist?


[98] FUNK: Ja. Ich habe alle kollektivistischen Tendenzen bekämpft, kam daher in dauernden Konflikt mit der Arbeitsfront. Unterstützt hat mich insbesondere in meinen privatwirtschaftlichen Auffassungen der Reichsmarschall Hermann Göring. Er hat sogar auf meine Veranlassung hin noch im Kriege Teile der »Hermann-Göring-Werke« reprivatisiert. Ich war ein Gegner der Staatswirtschaft, denn die Staatswirtschaft wird immer nur Durchschnittsleistungen hervorbringen. Staatswirtschaft bedeutet sterile Wirtschaft. Eine Wirtschaft, die nicht den schärfsten Wettbewerb und den Kampf der Individuen hat, wird steril bleiben, wird nur Durchschnittsleistungen erzielen. Der Führer hat früher diesen meinen Grundsätzen stets lebhaft zugestimmt. Und es war für mich eine große Enttäuschung, als schließlich in den letzten Jahren der Führer sich so scharf gegen die bürgerliche Welt wandte, das bedeutete eigentlich das Fiasko meines gesamten Lebenswerkes.


VORSITZENDER: Dr. Sauter! Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß er sich etwas Wichtigerem zuwenden sollte als seiner Auffassung über Staatswirtschaft und Privatunternehmertum.


DR. SAUTER: Jawohl, Herr Präsident!


[Zum Zeugen gewandt:]


Dr. Funk, Sie wissen, daß gerade das große Problem der Arbeitslosigkeit seinerzeit Hitler die Machterringung ermöglichte. Wie haben denn Sie sich die Beseitigung der Arbeitslosigkeit gedacht, nachdem Sie doch wissen, daß gerade das Versprechen...

VORSITZENDER: Dr. Sauter! Wir haben beinahe von allen Angeklagten über die Zustände in Deutschland zu jener Zeit gehört. Es ist keine Anklage gegen diese Angeklagten wegen der deutschen Wirtschaft in den Jahren 1933 bis 1939 erhoben worden.

DR. SAUTER: Herr Präsident! Ich wollte eben die Frage an den Angeklagten Dr. Funk stellen, wie er sich die Beseitigung der Arbeitslosigkeit vorgestellt hat, denn aus der Vernehmung anderer Angeklagten habe ich entnommen, daß sie sich die Beseitigung der Arbeitslosigkeit auf anderem Wege, zum Beispiel durch militärische Aufrüstung und dergleichen versprochen haben. Bei ihm ist, soviel ich weiß, das nicht der Fall, und ich glaube, für die Beurteilung des Angeklagten Funk ist diese Frage schon von Bedeutung, wie er sich die Beseitigung der Arbeitslosigkeit gedacht hat, ob durch Aufrüstung oder auf einem anderen Wege. Ich glaube, es dauert gar nicht lange, Herr Präsident, der Angeklagte Funk wird sicherlich sich dazu sehr kurz fassen.

Vielleicht kann er sich...


VORSITZENDER: Er kann es in einem Satz beantworten, nehme ich an.


[99] FUNK: Wenn ich es in einem Satz beantworten soll, kann ich nur sagen, daß ich mir damals die Beseitigung der Arbeitslosigkeit nach einem ganz festen Plan vorgestellt habe, aber jedenfalls ohne Aufrüstung, ohne Rüstung...


DR. SAUTER: Sondern?


FUNK: Durch Dinge, die ich allerdings dann erklären müßte. Aber jedenfalls war die Rüstung damals gar nicht zur Diskussion...


DR. SAUTER: Sondern... mit ein paar Schlagworten können Sie das vielleicht sagen.

FUNK: Zunächst lag die Arbeit auf der Straße sozusagen. Es war durchaus notwendig, in Deutschland ein großzügiges Straßenbauprogramm herzustellen; es war notwendig eine Belebung der Motorenwirtschaft, insbesondere der Automobilindustrie, die entsprechend natürlich geschützt werden mußte; es war ein großes Wohnungsbauprogramm notwendig; es fehlten Hunderttausende von Wohnungen...


DR. SAUTER: Kurz und gut...


FUNK: Ja, es fehlte die Technisierung der Landwirtschaft, die Motorisierung der Landwirtschaft. Ich möchte aber hier nur zwei Zahlen nennen, zwei Relationen nennen, die die ganze Situation beleuchten. Bis zum Kriege gingen vom deutschen Sozialprodukt zwei Drittel in den privaten Konsum und nur ein Drittel in den öffentlichen Bedarf. Die Rüstung hat also bis dahin keine entscheidende Rolle gespielt.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Ich komme nun zu einem anderen Kapitel.

Sie erinnern sich, daß die Anklage im Trialbrief ausführte, die Beweisführung gegen Sie sei in großem Umfange eine abgeleitete. Ich nehme also an, eine Beweisführung, die sich weniger auf Ihre Taten als auf Ihre Ämter stützt; deshalb würde es mich interessieren, welche Privatämter haben Sie dann in der Folgezeit innegehabt?

FUNK: Ich habe nur einmal im Jahre 1932...


DR. SAUTER: Also in der Partei – nicht Staatsämter?


FUNK: Ich verstehe. Ich habe nur im Jahre 1932, und auch nur für wenige Monate, Parteiaufträge erhalten, und zwar hatte damals Gregor Straßer mir ein eigenes Amt für Privatwirtschaft schaffen wollen, das aber nach wenigen Monaten wieder aufgelöst wurde, als er selbst aus der Partei und seinen Ämtern ausschied. Dann bekam ich im Dezember 1932 den Auftrag, eine Kommission für Wirtschaftspolitik zu leiten.


DR. SAUTER: Im Dezember 1932?


[100] FUNK: Ja, im Februar 1933, also nach zwei Monaten, gab ich auch dieses Amt wieder ab. Beide Aufträge waren bedeutungslos. Sie kamen nie zum Zuge in der kurzen Zeit. Das werden alle Herren bestätigen können, die hier auf der Anklagebank sitzen, die damals in der Partei führende Stellungen hatten. Sonst habe ich nie ein Parteiamt gehabt, also nach 1933 habe ich auch keinen Parteiauftrag mehr gehabt und auch kein Parteiamt.


DR. SAUTER: Also dieses Amt, dieses sogenannte Amt für Privatwirtschaft, das hat, wenn ich recht verstanden habe, nur einige Monate im Jahre 1932 bestanden, ist aber praktisch nicht in Tätigkeit getreten und das andere, diese Kommission, wie es geheißen hat, für Wirtschaftspolitik, da wurden Sie zum Leiter im Dezember 1932 ernannt und einen Monat später, im Januar 1933...


FUNK: Februar 1933.


DR. SAUTER: Also Februar 1933, unmittelbar nach der Machtergreifung, haben Sie dieses sogenannte Amt wieder aufgegeben. Stimmt das?


FUNK: Ja.


DR. SAUTER: Dann über Ihre Stellung zur Partei. Waren Sie Mitglied irgendeiner Organisation der Partei, SA, SS, oder einer sonstigen Gliederung?


FUNK: Ich habe nie einer Organisation der Partei angehört, weder der SA noch der SS, noch sonst einer Organisation und habe, wie gesagt, auch nicht dem Korps der Politischen Leiter angehört.


DR. SAUTER: Sie haben dem Korps der Politischen Leiter auch nicht angehört?


FUNK: Nein.


DR. SAUTER: Sie wissen, Herr Dr. Funk, daß die Parteifunktionäre, also die alten Kämpfer und so weiter, jedes Jahr im November sich in München versammelt haben. Sie haben ja selbst einen Film mit Aufnahmen dieser Veranstaltung gesehen. Waren Sie jemals zu diesen Veranstaltungen vom 8. und 9. November eingeladen?


FUNK: Ob ich Einladungen bekommen habe, weiß ich nicht, das mag sein, aber ich bin nie bei einer solchen Veranstaltung gewesen, weil dies eine Veranstaltung war, die insbesondere für die alten Kämpfer, für die alten Parteigenossen gedacht war, als Erinnerung an den Marsch zur Feldherrnhalle. Ich habe nie an dieser Veranstaltung teilgenommen, wie ich überhaupt an großen Veranstaltungen sehr ungern teilgenommen habe. Ich bin auch in der ganzen Zeit nur einmal an einem Parteitag gewesen, zu einer oder zwei Veranstaltungen. Massenveranstaltungen bereiteten mir physische Schmerzen.


[101] DR. SAUTER: Haben Sie, Zeuge, nachdem Sie Wirtschaftsminister – also Minister – waren, das Goldene Parteiabzeichen bekommen?


FUNK: Nein, das habe ich schon bekommen als ich Pressechef der Reichsregierung war.


DR. SAUTER: Also nicht als Minister?


FUNK: Nein.


DR. SAUTER: Wie lange sind Sie denn nationalsozialistischer Reichstagsabgeordneter gewesen?

FUNK: Auch nur wenige Monate.


DR. SAUTER: Nämlich von – bis?


FUNK: Von Juli 1932 bis Februar 1933; dann erhielt ich kein Mandat mehr, weil mir der Parteivorsitzende, der Fraktionsvorsitzende, Dr. Frick, mitteilte, daß nach einer Anordnung des Führers nur noch die alten Parteigenossen Mandate bekommen sollten und ich ja inzwischen ein Staatsamt hatte.


DR. SAUTER: Bei den Gesetzen also, Herr Zeuge, die in diesem Prozeß eine besondere Rolle spielen, wie zum Beispiel beim Ermächtigungsgesetz, das praktisch den Reichstag ausgeschaltet hat oder beim Gesetz über das Verbot von politischen Parteien oder bei dem Gesetz über Einheit von Partei und Staat, also bei all diesen Gesetzen, welche die Vorbereitung für die spätere Entwicklung war, sind Sie da Reichstagsabgeordneter noch gewesen, oder waren Sie da schon ausgeschieden?


FUNK: Da war ich nicht mehr Reichstagsabgeordneter, aber trotzdem habe ich diese Gesetze für notwendig gehalten.


DR. SAUTER: Das ist eine andere Frage, aber Sie waren nicht mehr Reichstagsabgeordneter?


FUNK: Nein, ich war auch nicht Kabinettsmitglied.

DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Wir haben hier öfters ein Affidavit von dem amerikanischen Generalkonsul Messersmith gehört vom 28. August 1945, 1760-PS, und er schreibt an der Stelle, die sich auf Sie bezieht: »Funk war Schriftleiter einer der führenden Finanzzeitungen Berlins vor der Übernahme durch die Nazis und hat sehr wenig offene Sympathie für sie« – also für die Nazis – »gezeigt, als sie an der Macht waren« – und schreibt dann weiter: »Später wurde er zu einem begeisterten Nationalsozialisten und eines der wirkungsvollsten Werkzeuge der Partei wegen seiner unzweifelhaften Fähigkeiten auf verschiedenen Gebieten.«

Das schreibt der amerikanische Generalkonsul Messersmith, und ich darf Ihnen gleich noch ein anderes Zitat in die Erinnerung zurückrufen, aus dem bereits vorher erwähnten Buch von Dr. Östreich, [102] das den Titel trägt: »Walther Funk, ein Leben für die Wirtschaft«, und das unter Nummer 3505-PS auch bereits in den Prozeß eingeführt wurde, und worin er schreibt, daß die Parteiaufgaben, die Ihnen übertragen wurden, wenn auch nur für wenige Monate, als besonders bedeutungsvoll hingestellt werden können.

Was sagen Sie zu diesen beiden Zitaten?


FUNK: Daß ich mich für die Partei erklärt habe und mit Begeisterung in die Parteiarbeit hineingegangen bin, habe ich bereits selbst gesagt. Der Propagandaor ganisation habe ich nie angehört, wie das Herr Messersmith behauptet. Ich erinnere mich auch beim besten Willen nicht, Herrn Messersmith überhaupt zu kennen, geschweige denn, mit ihm über Österreich gesprochen zu haben, was er auch behauptet.


DR. SAUTER: Also auch nicht über den Anschluß Österreichs an Deutschland?


FUNK: Entsinne ich mich nicht, obwohl ich selbstverständlich die Vereinigung Österreichs mit Deutschland für notwendig gehalten habe, aber ich weiß nicht, daß ich mit Herrn Messersmith darüber gesprochen habe.

Was das Buch von Dr. Paul Östreich anbelangt, so tut es mir leid, daß die Anklagebehörde dieses Buch als Informationsquelle benutzt hat; aber es sind Irrtümer aufgekommen, die sich hätten vermeiden lassen, und die ich nicht hätte hier erst widerlegen brauchen. Östreich war ein Mann, der der Partei völlig fernstand.


DR. SAUTER: Was war er denn?


FUNK: Er war Besitzer einer deutschen Zeitung in Chile und war einige Jahre politischer Redakteur der »Berliner Börsenzeitung«.


DR. SAUTER: Politischer Redakteur?


FUNK: Er hat natürlich erstens einmal für den Absatz seines Buches sorgen wollen und aus diesem Grunde meine Position in der Partei über die Maßen hervorgehoben; vielleicht hat er geglaubt, mir auch einen besonderen Gefallen damit tun zu können. Jedenfalls, wie die Dinge dort geschildert sind, sind sie nicht richtig.


DR. SAUTER: Herr Zeuge! In einem Dokument der Staatsanwaltschaft, 3563-PS, ist erwähnt, daß Sie, Dr. Funk, in mehreren Publikationen als wirtschaftspolitischer Berater Hitlers bezeichnet wurden; und an anderer Stelle heißt es, Sie seien der Wirtschaftsbeauftragte Hitlers genannt worden. Mich würde interessieren: War das ein Parteiamt, oder was hat es mit dieser Bezeichnung für eine Bewandtnis? Welche Funktion soll damit angedeutet werden?


[103] FUNK: Das war weder ein Parteiamt noch war es ein Parteititel; die Presse hat mich vielfach so genannt auf Grund meiner Tätigkeit, die ich im Jahre 1932 für die Partei entwickelte, und aus der Presse ist diese Bezeichnung dann offenbar in die Literatur übergegangen. Aber ein Amt und ein Titel war das nicht. Es ist ja auch ganz unsinnig, daß diese Tätigkeit damals so bedeutend gewesen sein soll, denn wenn sie wirklich bedeutend gewesen wäre, dann hätte ich ja bestimmt diese Ämter beibehalten als die Partei zur Macht kam.

Der Reichsernährungsminister war ja auch Reichsleiter, der Staatssekretär Reinhardt im Finanzministerium war der Leiter der Finanzpolitischen Abteilung in der Reichsleitung und so weiter. Einen Reichsleiter für die Wirtschaft hat es nie gegeben und ich bin, als die Partei zur Macht kam, aus der gesamten Parteiorganisation, auch aus dem Reichstag, völlig ausgeschieden.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Im Laufe der Verhandlung ist auch einmal oder zweimal von einem Reichswirtschaftsrat der Partei, also ich bitte das zu beachten, Reichswirtschaftsrat der Partei, gesprochen worden, also von einer Parteieinrichtung. Was wissen Sie über Ihre Zugehörigkeit zu dieser Parteieinrichtung und über die Aufgaben und den Wirkungskreis dieser Parteieinrichtung?


FUNK: Ich habe lange nachdenken müssen, um überhaupt zu einer Erinnerung an dieses Gremium zu kommen, zumal weder Heß noch Rosenberg noch Frank sich an etwas Derartiges erinnern konnten.

Ich erinnere mich aber dunkel, daß Gottfried Feder einen Kreis von Menschen zu Beratungen um sich zu versammeln pflegte, dem er den pompösen Namen »Reichswirtschaftsrat der Partei« gegeben hat. Nach der Machtübernahme hat es diesen nicht mehr gegeben. Ich habe nie an einer Sitzung dieses Gremiums teilgenommen und war ganz erstaunt, als ich in der Anklageschrift las, daß ich hier stellvertretender Vorsitzender gewesen sein soll. Irgendeine Bedeutung hat dieses Gremium nicht gehabt.


DR. SAUTER: Sie sprechen hier von Gottfried Feder.


FUNK: Das war ein Wirtschaftsprogrammatiker und -dogmatiker der Partei, von der Gründung der Partei an bis zur Machtübernahme.


DR. SAUTER: Er war also Wirtschaftsdogmatiker der Partei von deren Gründung an bis zur Machtübernahme?


FUNK: Ja. Dann traten nachher Dr. Wagner und Keppler stärker hervor. Keppler wurde übrigens auch in der Öffentlichkeit immer mit dem Titel »Wirtschaftsberater des Führers« belegt.


DR. SAUTER: Diese Personen also, Herr Dr. Funk, von denen Sie eben gesprochen haben, das sind nach Ihrer Auffassung, wenn [104] ich recht verstehe, diejenigen, die als die wirtschaftspolitischen Berater Hitlers bezeichnet werden können?


FUNK: Nein, das ist falsch.


DR. SAUTER: Sondern?


FUNK: Hitler ließ sich überhaupt nicht beraten, ins besondere auch nicht wirtschaftlich, sondern das waren die Männer, die sich mit wirtschaftspolitischen Problemen in der Parteileitung beschäftigten, vor mir und nach mir.


DR. SAUTER: Und wahrscheinlich auch publizistisch, wie zum Beispiel Gottfried Feder.


FUNK: Der hat viel geschrieben, insbesondere das Zinssenkungsproblem sehr eingehend behandelt.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Das waren Ihre wirklichen oder angeblichen Parteiämter. Ich komme nun zu Ihren Staatsämtern. Sie sind nach der Machtergreifung, also Ende Januar 1933, Pressechef der Reichsregierung geworden und im März 1933, als das Propagandaministerium geschaffen wurde, also ein Staatsministerium, sind Sie Staatssekretär in diesem Propagandaministerium unter dem Minister Goebbels geworden. Wie kam es dazu?


FUNK: Darf ich über diese Angelegenheiten ganz kurz zusammenhängend sprechen?


DR. SAUTER: Moment...


FUNK: Es geht viel schneller, als wenn Sie mich immer im einzelnen fragen.


DR. SAUTER: Da bitte ich auch gleich die Frage zu berücksichtigen, warum Sie ins Propagandaministe rium kamen beziehungsweise Pressechef der Reichsregierung wurden, obwohl Sie sich sonst immer doch mit Wirtschaftsfragen befaßt haben.


FUNK: Der Reichsmarschall hat bereits in seiner Vernehmung ausgeführt, daß er erstens niemals gewußt hat, daß ich überhaupt vor dem Jahre 1933 in der Partei tätig war, und daß zweitens der Auftrag an mich, Pressechef der Reichsregierung zu werden, wie er mit Recht glaubte, völlig überraschend kam. Der Führer sagte mir am 29. Januar 1933, daß er unter den alten Parteigenossen niemand habe, der die Presse gut kenne, und er bitte mich, den Posten des Pressechefs zu übernehmen, zumal mit dieser Tätigkeit ein regelmäßiger Vortrag beim Reichspräsidenten verbunden war und der Reichspräsident mich kannte und, wie ich vielleicht später noch einmal erwähnen kann, sehr gern hatte. Ich bin oft Gast in seiner Familie gewesen, habe mit seiner Familie familiär verkehrt.


DR. SAUTER: Bei Hindenburg also?


FUNK: Ja, bei Hindenburg.

[105] Das waren die Gründe, die Hitler veranlaßten, mich zum Pressechef der Reichsregierung zu machen. Der Pressechef der Reichsregierung war Ministerialdirektor in der Reichskanzlei, und das war mir nicht sehr angenehm, daß ich plötzlich Beamter werden sollte, weil ich das eigentlich nie erstrebt hatte. Aber unter der allgemeinen Begeisterung der damaligen Tage, und um dem Ruf des Führers zu folgen, nahm ich das Amt an.

Ich hatte bei ihm regelmäßig Pressevortrag in Gegenwart von Lammers. Das dauerte aber nur anderthalb Jahre, bis zum Tode des Reichspräsidenten, dann hörten diese Pressevorträge auf. Der Führer bediente sich für seine Instruktionen an die Presse des Reichspressechefs der Partei, Dr. Dietrich, der später auch Staatssekretär im Propagandaministerium wurde.

Als das Propagandaministerium gegründet wurde, bat mich der Führer, dieses Ministerium zu organisieren, damit Goebbels sich nicht mit Verwaltungs-, Finanz- und Organisationstragen zu beschäftigen habe, und es wurde dann die Presseabteilung der Reichsregierung, die ich bisher geleitet hatte, als besondere Abteilung in das Propagandaministerium eingebaut und Goebbels direkt unterstellt; sie erhielt auch einen besonderen Leiter.

Von da an, also bereits nach anderthalb Monaten meiner Tätigkeit als Pressechef der Reichsregierung, hörte meine Tätigkeit für die Information und Instruktion der Presse auf. Das machte von da ab Goebbels selbst, wie er überhaupt eine scharfe Trennung der politischen Aufgaben des Ministeriums und der Verwaltungsaufgaben des Ministeriums vornahm. Für die Propaganda brachte er seine alten Mitarbeiter aus der Propagandaleitung der Partei mit.

Ich wurde in die politische Propaganda nicht eingespannt. Diese Arbeit machte Goebbels zugleich mit dem Parteiapparat, in dem ich nicht war. Ich hatte zum Beispiel als Aufsichtsratsvorsitzender die Reichsrundfunk-Gesellschaft finanziell und wirtschaftlich zu betreuen, ein Hundert-Millionen-Unternehmen, habe aber nie im Rundfunk Propagandareden gehalten. Ich habe auch nie auf großen Kundgebungen damals des Staates oder der Partei gesprochen. Selbstverständlich habe ich die Bedeutung der Propaganda für die Staatsführung durchaus bejaht und habe die geradezu geniale Art, mit der Goebbels Propaganda machte, bewundert, aber ich selbst war in der aktiven Propaganda nicht tätig.


DR. SAUTER: Sie haben also nur, wenn ich Sie recht verstanden habe, im Propagandaministerium, das ja ein Staatsministerium war, lediglich verwaltende und organisatorische Tätigkeit entfaltet, aber die Propaganda selbst dem Minister Dr. Goebbels überlassen und denjenigen Leuten, die er aus dem Propagandaapparat der Partei in das Ministerium herübergeholt hat, stimmt das?


[106] FUNK: Ja, Goebbels beanspruchte naturgemäß für die Propaganda die totale Ausschließlichkeit der Beherrschung dieses Stoffes. Neben ihn trat ich in der Propaganda überhaupt nicht hervor, aber auch sonst war meine Stellung als Staatssekretär dadurch stark beschränkt, daß viele Aufgaben, die in anderen Ministerien der Staatssekretär zu besorgen hatte, bei Goebbels sein persönlicher Referent, der spätere Staatssekretär und Gauleiter Hancke, machte.


DR. SAUTER: Hancke?


FUNK: Ja, ich glaube, ich habe während der ganzen Zeit meiner Tätigkeit im Propagandaministerium noch nicht drei Unterschriften in Vertretung von Goebbels geleistet. Eine davon hat die Anklage festgenagelt. Und das ist die Unterschrift unter eine Durchführungsverordnung, in der der Termin für die Gültigkeit dieser Verordnung festgesetzt wurde.


DR. SAUTER: Was war das für eine Verordnung?


FUNK: Die Durchführungsverordnung zum Reichskulturkammergesetz. Die Reichskulturkammergesetzgebung wurde vom Reichskabinett beschlossen. Ich war nicht im Reichskabinett, aber ich hatte selbstverständlich als Staatssekretär des Ministeriums eine formale Verantwortung, und ich habe selbstverständlich auch die Propaganda gefördert wie jeder, der an führender Stelle im Staats- oder im geistigen Leben Deutschlands tätig war. Die Propaganda erfüllte und durchdrang das gesamte Geistesleben der Nation, entsprechend der überragenden, fundamentalen Bedeutung, die im nationalsozialistischen Staat der Propaganda mit Recht beigemessen wurde.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Die Anklagevertretung hat Sie verantwortlich gemacht für Gesetze, die während Ihrer Zeit als Pressechef der Reichsregierung ergangen sind. Ich verweise zum Beispiel auf die Gesetze, die vorgelegt wurden unter Dokument 2962-PS und 2963-PS. Es sind das die Ihnen bekannten Gesetze über die Beseitigung der bürgerlichen Freiheiten in Deutschland, über die Beseitigung der parlamentarischen Regierungsform bei uns. Ich bitte Sie, sich darüber zu äußern: Was hatten Sie mit diesen Gesetzen zu tun und hatten Sie als Pressechef der Reichsregierung einen Einfluß auf den Inhalt und das Zustandekommen dieser Gesetze?


FUNK: Nein. Diese Frage hat im übrigen sowohl der Reichsmarschall wie auch Dr. Lammers schon verneint. Ich hatte weiter nichts zu tun, als den Inhalt dieser Gesetze entsprechend den Weisungen, die ich vom Führer bekam, an die Presse weiterzuleiten.


DR. SAUTER: Sie waren also zwar in den Sitzungen des Reichskabinetts anwesend...


FUNK: Jawohl.


[107] DR. SAUTER: Haben auch von den Verhandlungen und Beschlüssen des Reichskabinetts Kenntnis genommen...


FUNK: Ja.


DR. SAUTER: Das war ja der Zweck Ihrer Anwesenheit; aber Ihre Aufgabe – das bitte ich zu sagen, ob ich das richtig verstehe – war dann lediglich, nach den Sitzungen des Reichskabinetts die Presse über die gefaßten Beschlüsse zu informieren. Stimmt das?


FUNK: Ja, das stimmt.


DR. SAUTER: Also, Sie hatten weder einen Einfluß auf die Gesetzesvorlagen, noch einen Einfluß auf den Inhalt, noch auch einen Einfluß auf die Abstimmung? Ist das richtig?


FUNK: Jawohl. Ich habe weder Sitz noch Stimme im Kabinett gehabt.


DR. SAUTER: Waren Sie für die Pressepolitik der Reichsregierung – also ich betone da auch wieder Reichsregierung, nicht Parteileitung – verantwortlich?


FUNK: Ich habe bereits gesagt, ich bekam meine Instruktionen für die Presse vom Führer, das war anderthalb Monate lang, dann übernahm die Führung der Pressepolitik Dr. Goebbels.


DR. SAUTER: Sie haben bereits gesagt, die Vorträge über die Presse beim Reichspräsidenten von Hindenburg hörten mit dessen Tod im August 1934 auf. Nicht wahr?


FUNK: Ja.


DR. SAUTER: Und von dem gleichen Zeitpunkt auch Ihre Pressevorträge beim damaligen Reichskanzler Hitler, das stimmt doch?


FUNK: Ja, Reichspräsident Hindenburg war inzwischen gestorben.


DR. SAUTER: Und darnach ist mehr und mehr an Ihre Stelle der Reichspressechef, also der Parteibeamte Dr. Dietrich, getreten?


FUNK: Dr. Dietrich gehörte zu den engsten Mitarbeitern des Führers und über ihn hat der Führer seine Bestimmungen an die Presse gegeben.


DR. SAUTER: Herr Dr. Funk! Dem bereits erwähnten Buch von Dr. Östreich, 3505-PS, US-653, entnehme ich folgende Stelle über Ihre Pressepolitik. Ich zitiere wörtlich:

»Es ist ihm mancher der in Berlin und außerhalb tätig gewesenen Journalisten dankbar geblieben für die Art, wie er sich um Ihre Wünsche und Beschwerden, besonders in der Übergangszeit, gekümmert hat.

[108] Von Funk stammt das später oft zitierte Wort, daß ›die Presse keine Drehorgel‹ sein dürfe, womit er sich gegen die Uniformität« – also wenn wir ein deutsches Wort dafür sagen wollen, gegen die Vereinheitlichung und Gleichmacherei – »der Presse wandte und ein individuelles Gesicht von ihr verlangte. Aber er nahm die Presse auch in Schutz vor Bestrebungen der Amtsstellen, ihren eigenen Kohl breitzutreten...«

Stimmt das?

FUNK: Ja, das habe ich wohl geschrieben, das war auch meine Meinung. Ich habe die Presse, soweit das in meinen Kräften stand, vor Uniformität und vor einer willkürlichen Behandlung, insbesondere durch die Amtsstellen, immer zu schützen versucht.

DR. SAUTER: Und das haben Sie, glaube ich, bereits gesagt, daß Sie an der politischen Führung des Propagandaministeriums, also an der politischen Führung des Propagandaministeriums und an der eigentlichen Propagandatätigkeit überhaupt, nicht beteiligt waren, stimmt das?


FUNK: Ja, das stimmt.


DR. SAUTER: Herr Präsident! Ich komme jetzt zu einem neuen Abschnitt. Würde es Ihnen entsprechen, wenn Sie jetzt eine kleine Pause machen?


VORSITZENDER: Ich denke, wir verhandeln weiter. Wir vertagen uns um 12.00 Uhr.

DR. SAUTER: Herr Zeuge! Ich komme nunmehr zu Ihrer Einstellung zur Frage des Antisemitismus, und zwar deshalb, weil Sie ja auch mehr oder minder mitverantwortlich gemacht werden für diese Ausschreitungen gegen Juden. Wollen Sie uns dazu Ihre grundsätzliche Einstellung mitteilen?


FUNK: Ich bin nie Antisemit im Sinne einer Rassenlehre gewesen. Die antisemitischen Forderungen des Parteiprogramms habe ich zunächst als propagandistisch betrachtet. Damals haben die Juden auf den verschiedensten wichtigen Lebensgebieten in Deutschland eine vielfach beherrschende Stellung gehabt und es gab viele sehr kluge Juden, mit denen ich persönlich verkehrte, die es nicht für im Interesse der Juden liegend erachteten, daß die Juden das Kulturleben, das Rechtsleben, die Wissenschaft und die Wirtschaft so stark beherrschten, wie es der Fall war...

Es gab also im Volke eine antisemitische Tendenz in der damaligen Zeit. Im Kulturleben war der Einfluß der Juden besonders stark und hier war der Einfluß, auch von meiner Einstellung aus gesehen, besonders schädlich, weil unter jüdischem Einfluß Tendenzen vertreten wurden, die ich als absolut undeutsch und sogar als unkünstlerisch empfand, insbesondere in der Malerei und Musik. Es [109] wurde nun das Reichskulturkammergesetz geschaffen, das allerdings die Juden radikal ausschloß aus dem Kulturleben, aber immerhin die Möglichkeit für Ausnahmen gab. Wo ich überhaupt in der Lage war, von diesen Ausnahmen Gebrauch zu machen, habe ich es getan. Das Gesetz ist, wie gesagt, ein Gesetz des Reichskabinetts, das dafür die Verantwortung trägt. Ich gehörte damals nicht dem Kabinett an. Was ich also tun konnte, habe ich getan, um sowohl den Juden wie auch den Andersdenkenden im Kulturleben damals, als ich im Propagandaministerium tätig war, zu helfen.

Das wird jeder bezeugen können und bezeugen müssen, der mich aus meiner damaligen Tätigkeit kennt.


DR. SAUTER: Ich habe in meinem Dokumentenbuch unter Nummer 1 und 2 zwei Affidavits vorgelegt. Das eine von dem Redakteur der »Frankfurter Zeitung« namens Albert Öser. und das andere von dem Rechtsanwalt Dr. Rösen. Von diesen beiden Affidavits bitte ich zu Beweiszwecken Kenntnis zu nehmen. Das erste Affidavit beweist, daß der Angeklagte Funk sich seiner Zeit, selbst unter Gefährdung seiner eigenen Stellung, außerordentlich um die Interessen des erwähnten Redakteurs Albert Öser von der »Frankfurter Zeitung« bemüht und sich einer Reihe von Angehörigen des Betriebes dieser Zeitung angenommen hat. Und zwar insbesondere auch von solchen Angehörigen, die nicht arisch waren und daher eigentlich nach den Intentionen der Partei nicht mehr hätten weiterbeschäf tigt werden sollen, aber von Funk hartnäckig in dieser Position gehalten wurden.


FUNK: Nicht nach den Intentionen der Partei, sondern nach dem Kulturkammergesetz durften sie eigentlich nicht mehr weiter tätig sein.


DR. SAUTER: Auch nach dem Kulturkammergesetz.

Und dann im Affidavit im Dokumentenbuch Nr. 2 von Dr. Rösen, der bestätigt, daß der Angeklagte sich zum Beispiel auch um die Familie des Komponisten Dr. Richard Strauß gekümmert und seiner nichtarischen Enkelkinder sehr angenommen hat und dadurch sich gewissen Gefahren für sich selbst ausgesetzt hat. Das sind einige Beispiele. Aber der Angeklagte kann Ihnen vielleicht noch einige andere Beispiele sagen, wo er sich um Leute kümmerte.


VORSITZENDER: Welches Beweisstück legen Sie jetzt vor?


DR. SAUTER: Im Dokumentenbuch Nummer 1 und 2. Die Originale habe ich übergeben.


VORSITZENDER: Beweisstück 1 und 2?


DR. SAUTER: Eins und zwei.

Herr Dr. Funk! Ich habe gerade gesagt, vielleicht können Sie, aber ganz kurz nur, noch einige andere Beispiele anführen, wo Sie [110] Ihre dienstliche Stellung damals dazu benutzt haben, um sich um Leute, geistig Schaffende, Künstler, anzunehmen, die wegen ihrer Einstellung Schwierigkeiten bekamen.


FUNK: Richard Strauß ist ein besonderer Fall. Dieser bedeutendste lebende Komponist bekam sehr große Schwierigkeiten wegen eines Textbuches von dem Juden Stefan Zweig.

Ich habe es erreicht, daß Richard Strauß wieder vom Führer empfangen wurde und die Angelegenheit beigelegt wurde.

Ähnliche Schwierigkeiten bekam Dr. Wilhelm Furtwängler, weil er sich in einem Artikel günstig über den Komponisten Hindemith äußerte; dann auch die Männer mit jüdischen Frauen, wie zum Beispiel bei Léhar, Künnecke und andere. Sie hatten dauernd Schwierigkeiten, dem Verbot ihrer Werke zu entgehen. Ich habe immer durchgesetzt, daß diesen Komponisten die Erlaubnis wieder gegeben wurde, ihre Werke aufzuführen.


VORSITZENDER: Der Angeklagte kann behaupten, daß er Hunderten von Juden geholfen hat, aber dadurch wird doch wirklich noch nicht die Tatsache aus der Welt geschafft, daß er durch die Unterzeichnung antisemitischer Erlasse feindselig gegen die jüdische Rasse gehandelt hat, wenn er dann einigen jüdischen Freunden geholfen hat. Jedenfalls halte ich es nicht für nötig, auf Einzelheiten einzugehen.


DR. SAUTER: Wir stehen eben auf dem Standpunkt, Herr Präsident, daß es für die Beurteilung der Persönlichkeit des Angeklagten von einer gewissen Bedeutung sein dürfte, ob er Verordnungen, die irgendeinen antisemitischen Inhalt haben, deshalb unterschreibt, weil er sich als Beamter zum Vollzug von Gesetzen verpflichtet fühlt auf Grund seines Eides oder ob er die Gesetze deshalb unterschreibt, weil er Antisemit ist und weil er jüdische Mitbürger bedrücken und um ihr Recht bringen will und nur aus diesem Grunde...


VORSITZENDER: Herr Dr. Sauter! Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß Sie diesen Gesichtspunkt, daß er jüdische Freunde unterstützte, schon genügend erklärt haben, aber diese Frage braucht im einzelnen nicht weiter erörtert zu werden.


DR. SAUTER: Ich komme ja ohnehin, Herr Präsident, jetzt zu einem anderen Punkt, nämlich, ich möchte den Angeklagten fragen, wie sich dann im weiteren Verlauf der Jahre seine Tätigkeit im Propagandaministerium entwickelt hat.


FUNK: Genau in derselben Richtung, wie ich sie hier geschildert habe. Ich leitete allmählich einen großen Kulturwirtschaftskonzern, Filmgesellschaften, Rundfunkgesellschaften, Theaterunternehmungen, [111] war Vorsitzender des Aufsichtsrats des Philharmonischen Orchesters, dann im Rat der Deutschen Wirtschaft, in dem die Wirtschaftstätigkeit der gesamten Wirtschaft im In- und Auslande unter tätiger Anteilnahme der Wirtschaft selbst zusammengefaßt war. Das erfüllte in der Hauptsache meine Arbeit.


DR. SAUTER: Herr Zeuge! Die Anklagebehörde hat bezüglich Ihrer Tätigkeit im Propagandaministerium eine eidesstattliche Versicherung des früheren Reichsleiters der Presse, glaube ich, Max Amann, vorgelegt, unter Nummer 3501-PS, auf die ich Bezug nehme. In dieser eidesstattlichen Versicherung findet sich der Satz, daß Sie, Herr Dr. Funk, ich zitiere wörtlich: »... war praktisch der Minister des Ministeriums für Propaganda...« und es heißt dann weiter und ich zitiere wieder wörtlich: »Funk übte umfassende Kontrolle über alle Mittel der Ausdrucksweise in Deutschland aus; über die Presse, das Theater, Radio und Musik.«

Ich bitte nun, dazu Stellung zu nehmen. Sie können das aber ganz kurz tun, weil ich ein gegenteiliges Affidavit von diesem Herrn Max Amann dem Gericht vorgelegt habe, auf das ich gleich dann Bezug nehmen werde.


FUNK: Amann kannte das Ministerium nur von außen. Er hatte infolgedessen über den internen Geschäftsbetrieb des Ministeriums keine genauen Kennt nisse. Meine Arbeit hat sich so vollzogen, wie ich sie hier geschildert habe. Es ist geradezu absurd, zu behaupten, daß bei einem Minister, wie es Dr. Goebbels war, das Ministerium von einem anderen geleitet wurde, der gar nicht der Minister war. Dr. Goebbels nahm eine derart ausschließliche und alles umfassende Tätigkeit auf dem Gebiet der Propaganda ein, daß daneben überhaupt niemand anders in Erscheinung treten konnte.


DR. SAUTER: Herr Präsident! Hierzu habe ich im Nachtrag zum Dokumentenbuch Funk, unter Nummer 14, das wird Exhibit Nummer 3 sein, eine eidesstattliche Versicherung des nämlichen früheren Reichsleiters Max Amann vorgelegt, im Nachtrag zum Dokumentenbuch. Von diesem Affidavit bitte ich, zu Beweiszwecken Kenntnis zu nehmen. Ich brauche es wohl nicht eigens zu verlesen. Ich habe diese eidesstattliche Versicherung in Gegenwart und unter Mitwirkung des Herrn Vertreters der Anklage aufgenommen. Das Wesentliche dieser eidesstattlichen Versicherung vom 17. April 1946 sagt, daß auch der Herr Reichsleiter Max Amann anerkennt, daß Funk mit der eigentlichen Propaganda nichts zu tun hatte, also keine Rundfunkvorträge hielt, keine propagandistischen Reden losließ, sondern daß er in der Hauptsache nur mit der Organisation und mit der Verwaltung des Ministeriums betraut gewesen ist. Ich [112] komme nunmehr, Herr Präsident, zu der Stellung des Angeklagten als Reichswirtschaftsminister.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Dr. Funk! Sie waren bis 1937 Staatssekretär im Propagandaministerium und wurden dann Ende November 1937 Reichswirtschaftsminister, nachdem Dr. Schacht, Ihr Vorgänger, von diesem Posten abgegangen war. Können Sie uns schildern, natürlich mit der nötigen Kürze, wie sich dieser Wechsel vollzog und warum Sie auf diesen Posten berufen wurden?

FUNK: Auch das kam für mich völlig überraschend. In einer Opernvorstellung nahm mich der Führer, der dieser Vorstellung beiwohnte, in der Pause beiseite im Vestibül und erklärte mir, daß die Differenzen zwischen Göring und Schacht unüberbrückbar geworden seien und daß er deshalb Schacht entlassen müsse als Wirtschaftsminister und er mich bitte, den Posten des Wirtschaftsministers zu übernehmen, da er ja meine wirtschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen genau kannte von früher her. Er ersuchte mich, mit dem Reichsmarschall Göring Fühlung zu nehmen, der mir alles Weitere sagen würde. Das war das einzige Gespräch, das ich mit dem Führer in dieser Angelegenheit hatte.

DR. SAUTER: Dann haben Sie mit Göring selbst gesprochen? Bitte schildern Sie das.


FUNK: Dann bin ich zum Reichsmarschall gegangen. Der Reichsmarschall erklärte mir, daß er eigentlich die Absicht verfolgt habe, nur einen Staatssekretär mit der Führung des Reichswirtschaftsministeriums zu beauftragen, daß er dann aber doch zu der Überzeugung gekommen sei, die große Apparatur des Vierjahresplans mit der Apparatur des Wirtschaftsministeriums zusammenzulegen, aber der Wirtschaftsminister müsse seinen Weisungen entsprechend arbeiten, und insbesondere blieben die Generalbevollmächtigten für die einzelnen entscheidenden Wirtschaftszweige bestehen, die ihre Weisungen direkt vom Beauftragten des Vierjahresplans erhielten. Um den notwendigen Umbau vorzunehmen, übernahm der Reichsmarschall selbst die Leitung des Reichswirtschaftsministeriums und übergab mir dieses im Februar 1938.


DR. SAUTER: Es war also dann Göring etwa ein Vierteljahr lang selber der praktische Inhaber des Reichswirtschaftsministeriums?


FUNK: Unter seiner Leitung wurde die Umorganisation vollzogen, Die Leitung der Wirtschaftspolitik hatte er sowohl in dieser Zeit als auch nachher.

Im Vierjahresplan blieben die entscheidenden Len kungsstellen bestehen. Also die Lenkungsstelle für Devisen, die gleichzeitig die [113] anweisunggebende Stelle für die Reichsbank war; die Lenkungsstelle für Ernährung, die die anweisende Stelle für das Ernährungsministerium war; die Lenkungsstelle für Arbeitseinsatz, die die anweisende Stelle für das Arbeitsministerium war, – und es blieben die Generalbevollmächtigten für die einzelnen Wirtschaftsteile für Kohle, Eisen, Chemie und so weiter, die direkt dem Beauftragten für den Vierjahresplan unterstellt waren. Das Reichswirtschaftsministerium bekam auf diese Weise auch einige Behörden vom Vierjahresplan zugewiesen, die völlig selbständig weiterarbeiteten, wie die Reichsstelle für Wirtschaftsausbau und Forschung, die Professor Strauch leitete, die Reichsstelle für Bodenforschung, die der hier im Zusammenhang mit der Slowakei und Österreich stehende Staatssekretär Kempner leitete.

Ich habe mich bemüht, diese Stellen wieder auszugliedern, ich weiß bis heute nicht, was diese Ämter getan haben. Sie fühlten sich auch nach wie vor nicht dem Wirtschaftsminister, sondern dem Vierjahresplan unterstellt.


DR. SAUTER: Dr. Funk! Das Wesentliche an dem, was Sie uns jetzt erzählt haben, scheint mir zu sein, daß Sie zwar den Titel »Minister« erhalten haben, daß Sie aber in Wirklichkeit gar nicht Minister waren, sondern vielleicht die Stellung eines Staatssekretärs hatten und daß Ihr sogenanntes Wirtschaftsministerium vollständig den Weisungen des Vierjahresplans, nämlich Ihrem Mitangeklagten Göring, unterstand und an diese Weisungen gebunden war. Habe ich das so richtig verstanden?


FUNK: Das letztere ist richtig. Das hat der Reichsmarschall hier auch ausdrücklich ausgeführt, also bestätigt; aber das erstere ist nicht richtig, denn ich hatte ja immerhin, wenigstens formal, die Stellung eines Ministers und hatte ein riesiges Verwaltungsgebiet zu betreuen, um das sich selbstverständlich der Reichsmarschall nicht kümmern konnte. Das war ja gerade der Sinn der Organisation, daß der Reichsmarschall sich die Leitung und Lenkung der Wirtschaftspolitik im Großen und Entscheidenden vorbehielt, mir entsprechende Anweisungen gab, daß aber die Durchführung naturgemäß beim Wirtschaftsministerium und seinen Organisationen lag. Aber es war keine Stellung eines Ministers, wie man sie sich sonst im allgemeinen vorstellt, das ist richtig. Es war ein übergeordnetes Ministerium sozusagen da. Aber mir ist es in meinem Leben leider immer so gegangen, ich bin immer nur sozusagen bis zur Tür gekommen, eintreten habe ich nie dürfen.


DR. SAUTER: Im Prozeß ist es Ihnen anders gegangen.

Herr Dr. Funk! Die Anklagevertretung behauptet, daß, trotzdem Sie also eigentlich gar nicht Minister mit der herkömmlichen Ministerverantwortlichkeit und Selbständigkeit gewesen sind, daß [114] trotzdem unter Ihrer, des Herrn Dr. Funks Aufsicht als Reichswirtschaftsminister, diejenigen Teile der deutschen Wirtschaft gestanden haben sollen, die strategisch unter die Gruppe der Kriegsindustrie und Rüstungsindustrie fallen, also insbesondere die Rohstoffe und Arbeitsstoffe, dann der Bergbau, die Eisenindustrie, die Kraftwerke, das Handwerk, Finanz- und Kreditwesen, Außenhandel und Devisen. Ich erinnere, Herr Dr. Funk, an die Ausführungen auf Seite 22 des deutschen Trialbriefes, die ich vor einigen Tagen mit Ihnen besprochen habe.


FUNK: Das ist formal richtig. Aber ich habe ja bereits ausgeführt, wie die Dinge tatsächlich lagen. Mit der Rüstungswirtschaft hatte ich gar nichts zu tun. Die Rüstungswirtschaft unterstand zunächst dem OKW, unter dem Chef des Rüstungsamtes Thomas, der zu der Verschwörung Schachts gehört hat, wie wir hier gehört haben. Der Rüstungsminister Todt, der im Jahre 1940 eingesetzt wurde, übernahm von mir alsbald die gesamte Energiewirtschaft und später gab ich auch die ganze Zivilproduktion an den Rüstungsminister, an Speer, ab.


DR. SAUTER: Zivilproduktion? Was verstehen Sie darunter?


FUNK: Darunter verstehe ich Kohle und Chemie und die Verbrauchsgüterproduktion und andere. Die hauptsächlichsten Produktionszweige auf diesem Gebiete, die hier genannt sind, das habe ich auch schon gesagt, unterstanden dem Generalbevollmächtigten des Vierjahresplans. So kam es, daß das Wirtschaftsministerium allmählich ein neues Handelsministerium wurde, das sich nur mit der Verteilung der Verbrauchsgüter beschäftigte.


DR. SAUTER: Herr Präsident! Vielleicht können wir ihn noch ein paar Sekunden sprechen lassen, weil ich dann nach einigen Sekunden zu dem Kapitel Reichsbankpräsident komme.


VORSITZENDER: Sicherlich.


DR. SAUTER: Also, berichten Sie es kurz noch weiter. Sie sind stehengeblieben... vom Einsatz, von Gold und Devisen, glaube ich, wollten Sie noch was sagen, wer da zuständig war?


FUNK: Dafür war die Lenkungsstelle Devisen im Vierjahresplan zuständig, nach deren Anweisungen die Reichsbank handeln mußte, zu meiner Zeit jedenfalls.


DR. SAUTER: Und die Führung der Außenhandelspolitik?


FUNK: Die lag beim Auswärtigen Amt. Die beanspruchte der Außenminister mit aller Hartnäckigkeit.


DR. SAUTER: Und was tat das Wirtschaftsministerium?


FUNK: Das Wirtschaftsministerium und die Reichsbank haben auf diesem Gebiet die technische Durchführung gemacht, also die [115] technische Durchführung des Clearings, der Verrechnung und so weiter.


DR. SAUTER: Herr Präsident! Ich bin hier an einem kleinen Abschnitt angelangt, weil ich jetzt über seine Stellung als Reichsbankpräsident sprechen möchte, es wäre vielleicht der geeignete Zeitpunkt für eine Vertagung.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof vertagt sich nun.


[Das Gericht vertagt sich bis

6. Mai 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 13, S. 92-117.
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