Nachmittagssitzung.

[525] DR. FLÄCHSNER: Herr Speer! Wir waren bei der Erörterung der Telephonnotiz Sauckels über den Arbeitseinsatz vom 4. Januar 1943. Darauf bezieht sich – wie Sie schon ausgeführt haben – das Führerprotokoll vom 3. auf 5. Januar 1943, welches ich dem Gericht noch später nachreichen werde. Wollen Sie uns kurz hier sagen, was der Inhalt Ihrer Besprechung damals war?

SPEER: In diesem Protokoll ist festgelegt, daß alle Maßnahmen getroffen werden müssen, um die Wirtschaft in Frankreich auf ein höheres Potential zu bringen. Es sind sehr scharfe Bemerkungen Hitlers über die Art und Weise, wie er sich diese Aktivierung vorstellt, darin enthalten. Es steht darin, daß jede Sabotage mit schärfsten Mitteln zu ahnden ist und daß jede »Humanitätsduselei« fehl am Platze ist.

Aus diesem Protokoll geht weiter hervor, daß ich damals Hitler gebeten habe, mir die Steuerung der Produktionsfragen in Frankreich zu übertragen, die ich ja einige Monate später dann auch bekommen habe.

Ich sage dies nur, um hier – solange ich noch als Zeuge aussagen kann- klarzustellen, daß ich diese Linie Hitlers, in Frankreich jede »Humanitätsduselei« fallen zu lassen, nicht durchgeführt habe.

Es gab einen Fall, der mir zur Kenntnis kam, in dem zehn Geiseln erschossen werden sollten, weil sie Industriesabotage im Meurthe-et-Moselle-Industriegebiet durchgeführt hatten. Ich habe damals erreicht, daß diese Erschießung nicht durchgeführt wird. Hierfür ist Röchling, der damals die Eisenproduktion in den besetzten Westgebieten hatte, Zeuge.

Es ist dies der einzige Fall, der mir bekannt wurde, daß wegen Sabotage innerhalb der Produktion Geiselerschießungen hätten stattfinden sollen.

Ich kann weiter nachweisen, daß ich den Betrieben, die in Frankreich arbeiteten, durch eine Entscheidung Hitlers im September 1943 zu den vorhandenen Ernährungssätzen eine zusätzliche Mahlzeit in den Betrieben besorgte, und weiter habe ich mich durch ein Schreiben an den Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz vom Dezember 1943 sehr scharf dafür eingesetzt, daß man den Arbeitskräften in den besetzten Westgebieten nicht nur Lohn zu zahlen habe, sondern daß es notwendig wäre, für diese Lohn-Summe auch die notwendigen Konsumgüter zur Verfügung zu stellen, eine Linie, die zweifellos der hier von der Französischen Anklage vorgebrachten Tendenz zur Ausplünderung der Westgebiete entgegensteht.

Alle drei Dokumente sind in meinem Besitz und können vorgelegt werden.

[525] Ich wollte dies nur bringen, um klarzustellen, daß diese von Hitler im Protokoll vom 3. auf 5. Januar festgelegten Linien der sehr scharfen Politik in Frankreich von mir nicht gebilligt und auch nicht eingehalten wurden.


DR. FLÄCHSNER: Ich komme nun zu einem anderen Punkt, Herr Speer. Was ließen Sie in Frankreich anfertigen auf Grund Ihres Programms?


SPEER: Wir haben das schon genügend erörtert. Es wurden keine Rüstungsgegenstände gefertigt, sondern nur Engpaßteile und Verbrauchsgüter.


DR. FLÄCHSNER: Gut. Ich wollte das nur klar herausgestellt haben.

Die Anklage hat Ihnen in R-124 ein Führerprotokoll vom März 1944 vorgelegt, nach dem Sie mit Hitler den Vorschlag des Reichsmarschalls besprochen haben sollen, Kriegsgefangene an Frankreich abzugeben.

Was ist hierzu zu sagen?


SPEER: Dieses Protokoll stammt vom 3. März 1944. Ich war vom Januar bis Mai 1944 schwer erkrankt. Die Besprechung hat also nicht mit mir stattgefunden. Es war einer meiner Mitarbeiter, der diese Besprechung geführt hatte, ein Mitarbeiter, der in einem besonderen Vertrauensverhältnis zu Hitler stand. Im übrigen wurde dieser Vorschlag nicht durchgeführt.


DR. FLÄCHSNER: Herr Speer! Sie haben ja der Sitzung vom 30. Mai beigewohnt, bei der die Frage erörtert wurde, wie es zur Einrichtung des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz gekommen ist. Wollen Sie sich kurz zusammenfassend zu diesem Punkt äußern?


SPEER: Ich möchte kurz sagen: Ich wollte einen Beauftragten für alle Arbeitseinsatzfragen haben, die mit meinem Auftrag der Heeresrüstung zusammenhingen. Meine Sorgen auf dem Arbeitseinsatzgebiet lagen damals zu Beginn meiner Tätigkeit in der Hauptsache bei den Gauleitern, die eine Art Gau-Partikularismus betrieben. Die unpolitische Behörde des Arbeitsministeriums konnte gegen die Gauleiter nichts ausrichten; dadurch war der Arbeitseinsatz in Deutschland selbst eingefroren. Und ich schlug Hitler vor, für diesen Beauftragten einen mir bekannten Gauleiter namens Hanke zu nehmen. Das wurde im übrigen auch von Göring bestätigt. Hitler war damit einverstanden. Zwei Tage später hat Bormann den Vorschlag gemacht, Sauckel zu nehmen.

Ich kannte Sauckel nicht näher; ich war aber mit seiner Wahl einverstanden. Es ist durchaus möglich, daß Sauckel dieser ganze Vorgang unbekannt ist, so daß er mit Recht annimmt, daß er auf meinen Vorschlag hin ernannt wurde.

[526] Zu der Dienststelle des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz kam es auf folgende Weise:

Lammers erklärte, daß er keine Sondervollmacht für einen Teilsektor des Arbeitseinsatzes ausstellen könne; es wäre verwaltungsmäßig bedenklich. Daher mußte der ganze Arbeitseinsatz einem Generalbevollmächtigten unterstellt werden. Zunächst war ein Führererlaß vorgesehen. Göring protestierte dagegen, da es seine Aufgabe im Vierjahresplan sei. Deswegen wurde der Kompromiß getroffen, daß zwar Sauckel Generalbevollmächtigter im Vierjahresplan ist, aber daß er von Hitler bestellt wird.

Dies war ein einmaliger Vorgang im Vierjahresplan. Damit war Sauckel praktisch Hitler unterstellt; er hat es auch immer so aufgefaßt.


DR. FLÄCHSNER: Sie halben gehört, daß Sauckel in seiner Aussage vom 30. Mai festlegte, daß auch Göring an den Sitzungen der Zentralen Planung beteiligt gewesen sei. Stimmt das?


SPEER: Nein, das stimmt in keiner Weise. Ich hätte ihn auch nicht gebrauchen können, denn wir mußten ja da eine praktische Arbeit leisten.


DR. FLÄCHSNER: Es ist von der Anklagebehörde eine Bekundung Sauckels vom 8. Oktober 1945 vorgelegt worden. Danach sollen Sie die Einrichtung seiner Beauftragten in den besetzten Gebieten veranlaßt haben. Trifft das zu?


SPEER: Nein, ich hatte 1941 mit der Rüstung noch nichts zu tun. Aber auch später, als Sauckel tätig war, habe ich die Beauftragten nicht eingesetzt und auch nicht besonders gefördert; das war eine Aufgabe, die Sauckel innerhalb seiner Zuständigkeit durchgeführt hat.


DR. FLÄCHSNER: Die Französische Anklagebehörde hat aus einem Protokoll über eine vorprozeßliche Vernehmung Sauckels vom 27. September 1945 zitiert, wonach die Stellung von Transportzügen mit ausländischen Arbeitern auf Ihren besonderen Befehl geschehen sein soll.


SPEER: Ich glaube, es ist zweckmäßig, wenn ich alle Aussagenpunkte von Sauckel zusammennehme, das geht schneller, soweit sie mich angehen.


DR. FLÄCHSNER: Bitte fahren Sie fort.


SPEER: Die Disposition über Transportzüge wurde von Sauckel und seinen Mitarbeitern getroffen. Es kann sein, daß durch eine plötzliche Änderung in einem Produktionsprogramm oder durch Fliegerangriffe auf Wunsch meiner Dienststelle Transportzüge umgeleitet werden mußten; jedoch geschah das immer in der Verantwortung des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz.

[527] Weiter wurde hier von Sauckel ausgesagt, daß Goebbels nach Stalingrad mit mir zusammen den »Totalen Kriegseinsatz« begonnen hätte. Das ist nicht in dieser Form richtig. Stalingrad war im Januar 1943, und Goebbels begann den »Totalen Kriegseinsatz« im August 1944. Es sollte zwar nach Stalingrad eine große Reform in Deutschland durchgeführt werden, um deutsche Arbeitskräfte freizumachen. Auch ich war einer derjenigen, der dies gefordert hat. Weder Goebbels noch ich konnten diesen Plan durchführen. Es wurde ein Dreier-Gremium gebildet mit Lammers, Keitel und Bormann, das aber diese Aufgaben mangels Sachkenntnis nicht durchführen konnte.

Weiter wurde die Arbeitseinsatzabteilung von mir in den Aussagen von Sauckel erwähnt. Diese bestand aus folgendem: Jeder große Betrieb und jeder Bedarfsträger hatte eine Arbeitseinsatzabteilung, und selbstverständlich wurde das von mir auch zusammengefaßt. Es war aber keine Abteilung, die in irgendeiner Weise die Aufgaben Sauckels beeinträchtigte. Sie hatte kein bedeutendes Aufgabengebiet; das geht daraus hervor, daß sie eine von 50 bis 60 meiner Abteilungen war. Wenn sie für mich sehr wichtig gewesen wäre, wäre sie eines meiner sechs oder acht Ämter gewesen.

Sauckel erwähnte weiter die Stabsleiterbesprechun gen, die bei ihm stattgefunden haben. An diesen hat ein Vertreter meiner Arbeitseinsatzabteilung für die Heeres- und Marinerüstung teilgenommen, auch für das Bauen. Es waren in diesen Stabsleiterbesprechungen etwa 15 Bedarfsträger versammelt. In diesen Besprechungen wurde die Vordringlichkeit der Zurverfügungstellung der Arbeitskräfte bestimmt nach der wirtschaftlichen Einsicht, die Sauckel hatte. Das war eigentlich die Tätigkeit, die hier fälschlicherweise der Zentralen Planung zugeschoben wurde.

Weiter wurde behauptet, daß ich die Verbringung von ausländischen Arbeitern nach Deutschland im April 1942 gefördert hätte und daß es auf meine Initiative zurückzuführen sei, daß überhaupt die ausländischen Arbeitskräfte nach Deutschland kamen. Das stimmt nicht. Ich habe in diesem Sinne auf Sauckel nicht einzuwirken brauchen. Es geht im übrigen aus einem Führerprotokoll vom 3. Mai 1942, das in meinem Besitz ist, hervor, daß die Einführung der Arbeitsdienstpflicht in den Westgebieten auf Vortrag von Gauleiter Sauckel vom Führer genehmigt wurde.

Ich kann weiter eine Rede von mir vom 18. April 1942 vorlegen, aus der hervorgeht, daß ich zu diesem Zeitpunkt noch der Meinung war, daß die deutsche Bauwirtschaft mit etwa 1,8 Millionen Arbeitskräften weitgehend stillgelegt werden solle, um für die Rüstung die notwendigen Arbeitskräfte zu erhalten. In dieser grundlegenden Rede von mir, auch über den Arbeitseinsatz, die vor meinen Mitarbeitern stattfand, ist kein Wort von einer Planung eines [528] ausländischen Arbeitseinsatzes enthalten. Wenn ich derjenige gewesen wäre, der diese Planung mit Energie betrieben hätte, dann hätte ich voraussichtlich auch in dieser Rede diese Angelegenheit erwähnt.

Schließlich ist noch als letztes zu den Aussagen von Sauckel der Plan der Organisation kurz richtigzustellen, der hier vorgelegt wurde. Er ist insofern unrichtig, als die einzelnen Sektoren, die aufgezählt sind, in Ministerien eingeteilt sind. In Wirklichkeit waren diese Sektoren der Bedarfsträger nach einzelnen Wirtschaftszweigen aufgeteilt, unabhängig von den Ministerien; nur in meinem Ministerium und dem Luftfahrtministerium deckte es sich mit dem Aufgabengebiet.

Es ist weiter unrichtig daran, daß im Wirtschaftsministerium die Bauindustrie vertreten ist; die gehört zu mir, in meine Zuständigkeit. Es gehörten ab 1943 auch Chemie und Bergbau, die ebenfalls im Wirtschaftsministerium genannt sind, zu meiner Zuständigkeit. Nach der Kenntnis, die ich habe, waren bereits vor September 1943 diese Zweige als Generalbevollmächtigte im Vierjahresplan vertreten und hatten, unabhängig vom Wirtschaftsministerium, ihre Forderungen bei Sauckel direkt erhoben.

Es ist in diesem Plan weiter unrichtig, daß die Forderungen dieser Arbeitskräfte, dieser einzelnen Bedarfsträger, unmittelbar zu Hitler gingen. Es wäre unmöglich gewesen für Hitler, diesen Streit von 15 Bedarfsträgern zu schlichten. Diese gingen, wie ich schon gesagt habe, in die Stabsleiterbesprechungen, wo die Bearbeitung unter dem Vorsitz Sauckels stattfand.


DR. FLÄCHSNER: Herr Speer! Was haben Sie am Ende des Krieges mit Ihren Dokumenten gemacht?


SPEER: Ich war nach meiner Ansicht verpflichtet, meine Unterlagen zu erhalten, schon um beim Wiederaufbau die notwendigen Überleitungsmaßnahmen treffen zu können. Ich lehnte es dabei ab, diese Unterlagen auch nur sichten zu lassen; sie wurden hier in Nürnberg, wo ein Zweigarchiv von mir war, unversehrt den alliierten Behörden übergeben. Ich habe sie übergeben noch in der Zeit, in der ich in der Flensburger Zone mich in Freiheit befand. Auf diese Weise ist die Anklage im Besitz aller von mir bearbeiteten Schreiben, einiger Tausende, sowie aller Reden in der Öffentlichkeit, Gauleiterreden und sonstigen Reden in der Rüstung und Wirtschaft, etwa 4000 Führerentscheidungen, 5000 Seiten Stenogramme der Zentralen Planung, Denkschriften und so weiter. Ich sage dies nur, weil aus diesen Akten eindeutig hervorgeht, wie sehr meine Aufgabe eine technische und wirtschaftliche war.


DR. FLÄCHSNER: Haben Sie in diesen Ihren Dokumenten Ihrer Erinnerung nach jemals Äußerungen von Ihnen über Weltanschauung, Antisemitismus und so weiter niedergelegt?


[529] SPEER: Nein, ich habe weder in Reden noch in Denkschriften etwas Derartiges gesagt. Ich nehme an, daß sonst die Anklage in der Lage wäre, mir etwas Derartiges hier vorzulegen.


DR. FLÄCHSNER: Herr Speer! Als Rüstungsminister waren Sie auch vorgesehen auf der Liste der Regierungsmitglieder der neuen Regierung, die die Putschisten des 20. Juli 1944 aufgestellt hatten. Waren Sie am 20. Juli beteiligt?


SPEER: Nein. Ich war weder beteiligt noch vorher unterrichtet. Ich mißbilligte damals ein Attentat auf Hitler.


DR. FLÄCHSNER: Herr Präsident! Hier zu diesem Punkt äußern sich die Fragebogen des Zeugen Kempf zu Nummer 9 und Stahl zu Nummer 1.


[Zum Zeugen gewandt:]


Welches war der Grund dafür, daß Sie als einziger Minister des nationalsozialistischen Regimes auf diese Regierungsliste Ihrer Gegner kamen?

SPEER: Ich hatte damals eine enge Zusammenarbeit mit den Bearbeitern des Generalstabs des Heeres und des Befehlshabers des Heimatheeres. Beide Stäbe waren am 20. Juli das Zentrum dieses Putsches. Besonders eng war mein Verhältnis zu Generaloberst, Fromm, dem Chef des Heimatheeres, und Generaloberst Zeitzler, dem Chef des Generalstabs des Heeres. Fromm wurde nach dem 20. Juli erhängt und Zeitzler aus dem Heer ausgestoßen. Aus dieser Zusammenarbeit entwickelte sich ein enger Kontakt; diese Kreise erkannten meine fachlichen Leistungen. Ich habe damals angenommen, daß sie mich aus diesem Grunde behalten wollen.

DR. FLÄCHSNER: Politische Gründe spielten also dabei keinerlei Rolle?


SPEER: Bestimmt nicht unmittelbar. Ich war allerdings bekannt dafür, daß ich mich seit längerem offen und scharf über die vorhandenen Mißstände in der Umgebung Hitlers und über grundsätzliche Fehler aussprach, und wie ich später erfuhr, in vielen grundsätzlichen Dingen einer Meinung mit den Männern des 20. Juli war.


DR. FLÄCHSNER: Wie war Ihr Arbeitsverhältnis zu Hitler?


SPEER: Von 1937 bis September 1939 war als Architekt wohl der engste persönliche Kontakt; danach durch die Kriegsverhältnisse lockerte sich das Verhältnis. Nach meiner Ernennung zum Nachfolger Todts wurde wieder ein engeres, aber bedeutend offizielleres Arbeitsverhältnis hergestellt. Ich hatte durch meine Überbeanspruchung auf dem Gebiet der Rüstung nur wenig Gelegenheit, in das Hauptquartier zu kommen; ich war etwa alle 14 Tage bis drei Wochen einmal im Führerhauptquartier. Meine viermonatige[530] Krankheit im Frühjahr 1944 wurde von vielen Interessierten dazu ausgenützt, meine Position zu schwächen, und nach dem 20. Juli hat die Tatsache meiner Ministerkandidatur zweifellos bei Hitler einen Schock verursacht, was von Bormann und Goebbels zu einem offenen Kampf gegen mich ausgenutzt wurde. Einzelheiten hierzu sind aus meinem Schreiben zu entnehmen, das ich am 20. September 1944 an Hitler sandte und das als Dokument hier eingereicht wurde.


DR. FLÄCHSNER: Konnten Sie mit Hitler politische Gespräche führen?


SPEER: Nein, er sah mich als reinen Fachminister an. Versuche, ihn auf allgemeine politische oder personelle Probleme anzusprechen, scheiterten an seiner Unzugänglichkeit. Ab 1944 wurde er allgemeinen Erörterungen gegenüber, auch über die Kriegslage, so abweisend, daß ich meine Gedanken in Denkschriften niederlegte und ihm überreichte. Hitler verstand es, jeden auf sein Fachgebiet zu verweisen. Dadurch war er das einzige vereinigende Moment. Das ging weit über seine Kraft und auch über seine Kenntnisse. Die Folge war das Fehlen einer einheitlichen politischen Führung und einer fachlichen militärischen Entscheidungsstelle.


DR. FLÄCHSNER: Wollen Sie also als Fachminister Ihre Verantwortung auf Ihr Arbeitsgebiet beschränken?


SPEER: Nein. Ich habe hierzu etwas Grundsätzliches zu sagen. Dieser Krieg hat eine unvorstellbare Katastrophe über das deutsche Volk gebracht und eine Weltkatastrophe ausgelöst. Es ist daher meine selbstverständliche Pflicht, für dieses Unglück nun auch vor dem deutschen Volk mit einzustehen. Ich habe diese Pflicht um so mehr, als sich der Regierungschef der Verantwortung vor dem deutschen Volk und der Welt entzogen hat. Ich als ein wichtiges Mitglied der Führung des Reiches trage daher mit an der Gesamtverantwortung von 1942 ab. Meine Argumente hierzu werde ich in meinem Schlußwort bringen.


DR. FLÄCHSNER: Tragen Sie die Verantwortung für die Angelegenheiten Ihres umfangreichen Aufga bengebietes?


SPEER: Das ist selbstverständlich, soweit dies nach den allgemein geltenden Grundsätzen überhaupt nur möglich ist und soweit nach meinen Weisungen gehandelt wurde.


DR. FLÄCHSNER: Wollen Sie sich hierbei auf Führerbefehle berufen?


SPEER: Nein. Soweit Hitler mir Befehle gab und ich diese durchführte, trage ich hierfür die Verantwortung; allerdings habe ich nicht alle Befehle durchgeführt.


DR. FLÄCHSNER: Herr Präsident! Ich komme jetzt zu einem zweiten Teil meiner Beweisführung im Falle des Angeklagten. Dieser Sachvortrag soll nicht etwa zur Entlastung gegenüber den [531] Vorwürfen dienen, die gegen Speer auf seinem eigentlichen Aufgabengebiet von der Anklage geltend gemacht worden sind.

Dieser Teil befaßt sich vielmehr mit den Vorwürfen, die die Anklage erhoben hat gegen Speer als Mitglied einer sogenannten Gesamtverschwörung. Dieser zweite Teil ist relativ kurz, und ich nehme an, daß ich in einer Stunde mit der ganzen Beweisführung zu Ende bin.

Es handelt sich hierbei um die Tätigkeit Speers bei der Verhinderung von Zerstörungsabsichten Hitlers in den besetzten Gebieten und in Deutschland und um seine Maßnahmen und Versuche, die darauf abzielten, den bereits nach seiner Ansicht verlorenen Krieg abzukürzen.

Ich nehme an, daß das Gericht diese Beweisführung zulassen wird.

Herr Speer! Bis zu welchem Zeitpunkt setzten Sie Ihre ganze Kraft für eine möglichst hohe Rüstung und damit für eine Fortsetzung des Krieges ein?


SPEER: Bis etwa Mitte Januar 1945.


DR. FLÄCHSNER: War der Krieg nicht bereits früher verloren?


SPEER: Militärisch und der Gesamtlage nach war er sicher zu einem früheren Zeitpunkt verloren. Es ist aber schwer, einen Krieg als verloren anzusehen und die letzten persönlichen Konsequenzen zu ziehen, wenn mir eine bedingungslose Kapitulation gegenübersteht.


DR. FLÄCHSNER: Zwang nicht die Rücksicht auf die Produktionslage, die Sie überschauen mußten, Sie schon früher, den Krieg als verloren anzusehen?


SPEER: Von der Rüstung aus gesehen bis zum Herbst 1944 nicht, denn es gelang mir bis dahin, trotz der Fliegerangriffe eine laufende Steigerung zu erzielen. Diese war, um es in einer Zahl zu sagen, so groß, daß ich im Jahre 1944 130 Infanteriedivisionen und 40 Panzerdivisionen vollständig neu ausstatten konnte. Das war die Neuausstattung für zwei Millionen Menschen. Allerdings wäre sie 30 Prozent höher gewesen, wenn die Fliegerangriffe nicht gewesen wären. Wir hatten die Höchstleistungen im ganzen Kriege im August 1944, soweit sie Munition anbetrifft, im September 1944 bei den Flugzeugen und im Dezember 1944 bei den Waffen und bei den neuen U-Booten. Die neuen Waffen wären in den nächsten Monaten, etwa ab Februar/März 1945, zum Klappen gekommen. Ich erinnere hier nur noch an die unterdessen auch in der Presse bekanntgewordenen Strahlflugzeuge, die neuen U-Boote, an die neuen Flugabwehrmittel und so weiter. Allerdings verzögerte sich auch hier durch die Fliegerangriffe die Großproduktion dieser neuen Waffen, die vielleicht der letzten Phase des Krieges noch ein anderes Aussehen hätten geben können, so erheblich, daß sie nicht mehr in [532] größerer Stückzahl an den Feind kamen. Alle diese Anstrengungen waren aber erfolglos, da ab 12. Mai 1944 von den feindlichen Flugzeugen die Treibstoffwerke schwerpunktmäßig angegriffen wurden. Das ergab eine Katastrophe. 90 Prozent an Treibstoff fiel von diesem Zeitpunkt an aus; mit dem Gelingen dieser Angriffe war der Krieg produktionstechnisch verloren, denn auch die neuen Panzer und Strahlenjäger nützten mir nichts ohne Treibstoff.


DR. FLÄCHSNER: Haben Sie Hitler über die Folgen dieser Fliegerangriffe auf die Produktion unterrichtet?


SPEER: Ja, ich habe ihn sehr eingehend, sowohl mündlich als auch schriftlich, hierüber unterrichtet. Ich habe von Juni bis Dezember 1944 allein zwölf Denkschriften an ihn geschickt, alle mit Katastrophenmeldungen.


DR. FLÄCHSNER: Herr Präsident! Ich darf hierzu dem Gericht ein Dokument vorlegen. Es handelt sich um eine Denkschritt Speers vom 30. Juni 1944. Sie ist wiedergegeben auf Seite 56 des englischen Dokumentenbuches und erhält die Exhibit-Nummer 14. Ich darf daraus zitieren; Speer schreibt an Hitler:

»Dann wird aber zwangsläufig im September ds. Js. der Anschluß an die zur Abdeckung des dringendsten Bedarfs der Wehrmacht notwendigen Mengen nicht mehr gewährleistet sein, d.h. es wird von diesem Zeitpunkt ab eine unüberbrückbare Lücke entstehen, die zu tragischen Folgen führen muß.«

Über die Lage auf dem Gebiet der Chemie und Treibstofferzeugung informiert Speer Hitler weiter in einer Denkschrift vom 30. August. Sie ist auf Seite 62 des englischen Textes des Dokumentenbuches wiedergegeben und erhält die Exhibit-Nummer 15. Ich zitiere nur einen Satz:

»Damit fehlen auf wichtigen Gebieten diejenigen Stoffe, die zur Weiterrührung eines modernen Krieges notwendig sind.«

Herr Speer! Wie war es nun möglich, daß Sie und andere Mitarbeiter Hitlers trotz Erkenntnis dieser Lage sich weiter bemühten, alles zu tun, um den Krieg noch fortzusetzen?

SPEER: In dieser Phase des Krieges täuschte Hitler uns alle. Er ließ über Botschafter Hewel vom Auswärtigen Amt ab Sommer 1944 präzise Angaben ausstreuen, daß außenpolitische Gespräche angeknüpft sind. Dies bestätigte mir hier auf der Anklagebank auch Generaloberst Jodl. So zum Beispiel wurde die mehrmalige Anwesenheit des Japanischen Botschafters bei Hitler dahingehend ausgelegt, daß über Japan mit Moskau Gespräche geführt werden; oder der Gesandte Neubacher, der hier als Zeuge war, hatte angeblich auf dem Balkan Gespräche mit den Vereinigten Staaten; oder der frühere Sowjetische Botschafter in Berlin sollte in Stockholm anwesend gewesen sein, um Gespräche anzuknüpfen.

[533] So verbreitete er die Hoffnung, daß wir ähnlich wie Japan in dieser aussichtslosen Lage Verhandlungen beginnen würden, um dem Volk das letzte zu ersparen. Hierzu war aber notwendig, den Widerstand so hart wie möglich zu gestalten. Er täuschte alle, indem er den militärischen Führern unbegründete Hoffnungen auf diplomatische Schritte machte und den politischen Führern neue Siege durch neue Truppen mit neuen Waffen in Aussicht stellte und indem er im Volke und in der Fronttruppe den Glauben an das Erscheinen einer Wunderwaffe systematisch als Gerücht verbreiten ließ, um dadurch die Widerstandskraft aufrechtzuerhalten. Ich kann nachweisen, daß ich in Reden zu dieser Zeit gerade immer darauf hingewiesen habe, und auch in Schreiben an Hitler und Goebbels, wie verhängnisvoll und unehrlich diese Politik der Belügung des Volkes mit der Aussicht auf eine Wunderwaffe ist.


DR. FLÄCHSNER: Herr Speer! Bestanden Zerstörungsbefehle für die Industrien Frankreichs, Belgiens und Hollands?


SPEER: Ja. Hitler hatte für den Fall der Besetzung durch die Alliierten eine weitgehende Zerstörung der kriegswichtigen Industrien in allen diesen Ländern befohlen. Es sollten nach planmäßigen Vorbereitungen die Kohlenbergwerke, die Erzbergwerke, die Kraftwerke und die Industrieanlagen zerstört werden.


DR. FLÄCHSNER: Haben Sie etwas unternommen, um die Durchführung dieser Befehle zu verhindern?


SPEER: Ja.


DR. FLÄCHSNER: Haben Sie sie verhindert?

SPEER: Es war für die Durchführung dieser Befehle zwar der Oberbefehlshaber West verantwortlich, da diese Befehle im Operationsgebiet durchgeführt wurden. Aber ich habe diesem gegenüber festgestellt, daß diese Zerstörung für mich keinen Sinn und keinen Zweck hat und daß ich daher als Rüstungsminister die Zerstörungen nicht für erforderlich halte. Darauf wurde kein Zerstörungsbefehl gegeben. Ich hatte damit natürlich Hitler gegenüber die Verantwortung dafür übernommen, daß die Zerstörung nicht stattfand.


DR. FLÄCHSNER: Wann war das ungefähr?


SPEER: Etwa Anfang Juli 1944.


DR. FLÄCHSNER: Womit konnten Sie diese Ihre Haltung rechtfertigen?


SPEER: Alle mir bekannten militärischen Führer erklärten damals, daß der Krieg im Oktober oder November zu Ende sein müsse, nachdem die Invasion gelungen war. Ich selbst hatte von der Treibstofflage aus den gleichen Eindruck, wie auch klar aus dem Text meiner Denkschrift an Hitler vom 30. August hervorgeht, in [534] der ich ihm gegenüber festgestellt habe, daß bei dieser Entwicklung der Treibstofflage im Oktober oder November keine operative Bewegung der Truppe mehr möglich sein könne. Daß der Krieg länger dauerte, ist zunächst nur dem Stillstand der operativen Bewegungen des Gegners im Jahre 1944 zuzuschreiben. Dadurch konnte der Verbrauch an Treibstoff gedrosselt werden, und die Westfront konnte neu mit Panzerwaffen und Munition ausgestattet werden. Bei dieser Sachlage konnte ich es ohne weiteres verantworten, die Industrie in den Westgebieten unbeschädigt dem Gegner zu überlassen, da sie frühestens nach dreiviertel Jahren ihm Nutzen bringen konnte, da ja die Zerstörung am Verkehrsnetz vorher stattgefunden hatte. Diese Denkschrift fällt zusammen mit dem Schutz der Arbeitslosen in den Sperrbetrieben, von denen ich heute früh berichtet habe.


DR. FLÄCHSNER: War mit diesen Maßnahmen Hitler einverstanden?


SPEER: Er konnte nicht damit einverstanden sein, weil er sie nicht kannte; aber es war eine derart aufgeregte Zeit damals im Hauptquartier, daß er nicht daran dachte, die Zerstörungsmaßnahmen zu kontrollieren. Erst später, im Januar 1945, berichteten die Franzosen in ihrer Presse über den schnellen Aufbau ihrer unzerstörten Industrie. Das brachte mir dann allerdings schwerste Vorwürfe ein.


DR. FLÄCHSNER: Es ist nun hier von der Französischen Anklagebehörde ein Dokument RF-132, ein Bericht des Feldwirtschaftsoffiziers beim Wehrmacht befehlshaber für die Niederlande, vorgelegt worden. Danach bestand noch im September 1944 der Befehl des Oberbefehlshabers West, daß nur in den Küstenstädten Zerstörungen, sonst aber keinerlei Zerstörungen vorgenommen werden sollten. Der Feldwirtschaftsoffizier für die Niederlande stellte, wie aus dem Dokument hervorgeht, fest, daß der Befehl des Oberbefehlshabers West längst überholt gewesen sei und daß er deshalb nach eigenem Ermessen die Zerstörung der Industrie in Holland angeordnet hatte. Wie war das möglich, und was haben Sie dazu veranlaßt?


SPEER: Es wurde damals tatsächlich durch den Übereifer unterer Instanzen der grundsätzliche Befehl, nicht im Westen zu zerstören, durchkreuzt. Der Befehlsapparat war durch die Fliegerangriffe weitestgehend zerschlagen. Seyß-Inquart hatte mich damals darauf aufmerksam gemacht, daß in Holland Zerstörungen stattfinden sollten. Er hat bereits hier ausgesagt, daß ich ihn ermächtigt habe, daß diese Zerstörungen nicht stattfinden. Das war im September 1944. Um derartige Zerstörungen zu verhindern, habe ich außerdem am 5. September 1944 – auch unbefugt – an die Leiter der Kohlen- und Eisenproduktion und an den Chef der Zivilverwaltung in [535] Luxemburg Weisungen gegeben, daß die Zerstörungen im Minette-Erzbergbau, in den Kohlengruben der Saar, in den Kohlengruben in Holland, Belgien und so weiter zu verhindern sind. Wir sind damals bei dieser hoffnungslosen Kriegslage so weit gegangen, daß ich als der für den Strom Verantwortliche aushilfsweise auch weiter Strom an die Betriebe auf der anderen Seite der Front gegeben habe, damit die Pumpanlagen in den Kohlenbergwerken nicht aussetzten, da ein Aussetzen dieser Pumpanlagen einen Wassereinbruch in den Bergwerken zur Folge hatte.


DR. FLÄCHSNER: Ich überreiche hierzu eine Abschrift eines Schreibens Speers an den Gauleiter Simon in Koblenz als Speer-Exhibit 16. Es ist dies auf Seite 57 des englischen Textes meines Dokumentenbuches wiedergegeben.

Herr Speer! Haben Sie sich auch in anderen besetzten Gebieten, außer in Frankreich, Belgien und Holland, für eine Verhinderung der Zerstörungsbefehle eingesetzt?


SPEER: Ab August 1944 bei den Industrieanlagen im Generalgouvernement, bei den Erzgruben auf dem Balkan, bei den Nickelwerken in Finnland, ab September 1944 bei den Industrieanlagen in Oberitalien und ab Februar 1945 bei den Erdölfeldern in Ungarn und bei den Industrien in der Tschechoslowakei. Ich muß dabei betonen, daß ich hierbei zu großem Teile auch die Unterstützung von Generaloberst Jodl hatte, der stillschweigend diese Nichtzerstörung duldete.


DR. FLÄCHSNER: Welche Absichten zur Erhaltung der Industrie und der Lebensmöglichkeiten der deutschen Bevölkerung, hatte Hitler, als sich nun anfangs September 1944 die, gegnerischen Truppen von allen Seiten den Grenzen des Großdeutschen Reiches näherten?


SPEER: Er hatte gar keine Absichten, die Industrie zu erhalten. Er befahl im Gegenteil gerade für Deutschland die »verbrannte Erde«. Das bedeutete die rücksichtslose Zerstörung aller lebenden und toten Sachwerte bei Annäherung des Feindes. Hinter dieser Politik standen Bormann, Ley und Goebbels, während die Wehrmachtsteile und auch die Fachministerien dagegen waren.


DR. FLÄCHSNER: Da es sich bei diesen Bemühungen Speers, diese Zerstörungsabsichten, die erheblich verschärft worden waren, zu verhindern, auch um Gebiete handelt, die damals als zum Großdeutschen Reich zugehörig betrachtet wurden, wie Polnisch-Oberschlesien, Elsaß-Lothringen, Österreich, Protektorat Böhmen und Mähren, bitte ich, dieses Thema zum Beweise zuzulassen.

Herr Speer! Hatten im großdeutschen Gebiet, also in den eben umschriebenen Gebieten, auch die Oberbefehlshaber der Armeen die Exekutive für Zerstö rungsbefehle?


[536] SPEER: Nein, diese lag für die Industrie und für die Kraftwerke bei mir, für die Brücken, Schleusen, Bahnanlagen und so weiter bei der Wehrmacht.


DR. FLÄCHSNER: Machten Sie bei Ihren Maßnahmen zum Schutze der Industrie einen Unterschied zwischen den Gebieten des sogenannten Altreiches und den seit 1933 neu dazugetretenen Gebieten?


SPEER: Nein, das oberschlesische Industriegebiet, die übrigen Gebiete Polens, Böhmen und Mähren, Elsaß-Lothringen und natürlich auch Österreich wurden genau so vor Zerstörung geschützt wie die deutschen Gebiete. Gerade in den Ostgebieten habe ich durch mehrere persönliche Weisungen an Ort und Stelle die notwendigen Feststellungen getroffen.


DR. FLÄCHSNER: Was haben Sie gegen die »verbrannte Erde« unternommen?


SPEER: Ich kam am 14. September 1944 von einer Reise zur Westfront zurück und fand an diesem Tage den Befehl vor, daß alles rücksichtslos zu zerstören ist. Ich gab sofort einen Gegenbefehl heraus, der offiziell die Schonung aller Industrieanlagen anordnete. Ich war damals recht erregt über die Tatsache, daß nun in Deutschland die Industrien zerstört werden sollten bei dieser hoffnungslosen Kriegslage; ich war um so erregter, weil ich glaubte, daß es mir gelungen war, die Industrien in den besetzten Gebieten im Westen vor einer Zerstörung zu bewahren.


DR. FLÄCHSNER: Ich möchte hierzu das Dokument überreichen, ein Befehl Speers zur Erhaltung der Industrie vom 14. September 1944, der auf Seite 58 des englischen Textes meines Dokumentenbuches wiedergegeben ist. Das Beweisstück erhält die Exhibit-Nummer 17.

Konnten Sie nun diesen Befehl, Herr Speer, durchsetzen?


VORSITZENDER: Von welchem Datum war das? Am 14. September sagten Sie?


DR. FLÄCHSNER: Der 14. September, Herr Präsident, 1944.


VORSITZENDER: Welche Seite?


DR. FLÄCHSNER: Seite 58 des englischen Textes.

Konnten Sie nun diesen Befehl durchsetzen, Herr Speer?


SPEER: Es wurde zur gleichen Zeit im »Völkischen Beobachter« durch einen offiziellen Artikel des Reichspressechefs die »verbrannte Erde« offiziell proklamiert, so daß ich mir klar darüber war, daß dieser Gegenbefehl nicht lange eine Wirkung haben konnte. Ich habe hier eine für die Arbeitsweise in der Umgebung Hitlers vielleicht typische Art benutzt, um ihn von der »verbrannten Erde« [537] wegzubringen. Ich benutzte dazu den Glauben, den er bei allen Mitarbeitern verbreitete, daß die verlorenen Gebiete wieder erobert würden. Ich stellte ihn vor die Entscheidung, wenn die Industriegebiete verlorengehen, dann sinkt das Rüstungspotential ab, wenn sie nicht zurückerobert werden; wenn sie aber zurückerobert werden, nützen sie mir nur etwas, wenn sie von uns nicht zerstört worden sind.


DR. FLÄCHSNER: Sie hatten daraufhin ein Schreiben an Bormann gerichtet. Dieses Schreiben möchte ich als Dokument Nummer 18 überreichen. Herr Präsident, es befindet sich auf Seite 59 des englischen Textes des Dokumentenbuches. Dieses Fernschreiben...


SPEER: Ich glaube, wir können auf das Zitat verzichten.


DR. FLÄCHSNER: Ja. Dieses Fernschreiben an Bormann haben Sie abgesandt, bevor Sie über seinen Inhalt mit Hitler gesprochen haben?


SPEER: Ja, ich möchte hier zusammenfassen...


VORSITZENDER: Könnten Sie nicht auch die französische Seitennummer angeben, damit die Französische Delegation es auch finden kann?


DR. FLÄCHSNER: Es ist, wenn ich recht sehe, Seite 56 im französischen Text des Dokumentenbuches.


SPEER: Hitler genehmigte den Text des von mir vorgeschlagenen Schreibens, in dem ich ihn vor die Alternative stellte, den Krieg als verloren zu betrachten oder die Gebiete unzerstört zu erhalten. Allerdings war die Gefahr auch insofern zunächst gebannt, weil die Fronten weiter stabil blieben. Es ist noch weiter von Hitler die Zerstörung der Minette-Erzgruben in Frankreich mit besonderem Nachdruck gefordert worden. Auch hier gelang es mir, wie aus einem Dokument hervorgeht, die Zerstörung zu verhindern, auch wieder dadurch, daß ich die Hoffnung Hitlers auf einen erfolgreichen Gegenstoß als Begründung ausnützte.


DR. FLÄCHSNER: Herr Präsident! Das Dokument, auf das sich der Angeklagte bezogen hat, ist ein Auszug aus dem Führerprotokoll vom 18. auf 20. August 1944. Ich überreiche es als Speer-Exhibit Nummer 19. Es ist wiedergegeben im Supplementband meines Dokumentenbuches auf Seite 101.

Herr Speer! Wie kam diese Anordnung zustande?


SPEER: Das habe ich schon gesagt.


DR. FLÄCHSNER: In Ihrem Schreiben wird nun öfters der Begriff »Lähmung« in Verbindung mit Industrieanlagen und so weiter verwendet. Wollen Sie dem Gericht Aufschluß geben über die Bedeutung dieser Bezeichnung?


[538] SPEER: Ich kann nur kurz feststellen, daß es sich hier um die Herausnahme von Einzelteilen handelt, durch die die Betriebe zunächst unbrauchbar wurden, aber diese Einzelteile wurden nicht zerstört, sondern nur verborgen.


DR. FLÄCHSNER: Sie haben vorhin betont, Sie hätten bis Januar 1945 versucht, eine möglichst hohe Rüstung zu erzielen. Was waren die Gründe dafür, daß Sie das von Ende Januar 1945 ab aufgaben?


SPEER: Von Januar 1945 an beginnt ein sehr unerfreuliches Kapitel, die letzte Phase dieses Krieges und die Feststellung, daß Hitler das Schicksal des deutschen Volkes mit seinem identifiziert, und ab März 1945 die Feststellung, daß Hitler bewußt die Lebensmöglichkeiten des eigenen Volkes bei einem verlorenen Krieg zerstören wollte. Ich habe nicht die Absicht, meine Tätigkeit in dieser Phase in irgendeiner Weise für meinen persönlichen Fall geltend zu machen. Es gibt aber hier auch eine Ehre, die zu verteidigen ist, und deswegen möchte ich gern über diese Zeit hier kurz berichten.


DR. FLÄCHSNER: Herr Speer! Wie war die Produktionslage auf den verschiedenen Gebieten, die Ihrer Jurisdiktion unterstanden, am Ende Januar 1945?


SPEER: Die Produktion an Treibstoffen war seit Beginn der Angriffe auf die Treibstoffwerke im Mai 1944 völlig ungenügend und hat sich seither auch nicht mehr erholt. Die Fliegerangriffe auf die Verkehrsanlagen hatten das Ruhrgebiet als wichtigste deutsche Rohstoffbasis bereits ab November 1944 ausgeschaltet. Mit der erfolgreichen Offensive der Sowjetarmeen auf das oberschlesische Kohlenrevier war ab Mitte Januar 1945 auch hier der größte Teil der Kohlenlieferungen ausgefallen. Damit war präzis auszurechnen, wann die Wirtschaft zusammenbrechen muß. Damit war eine Lage erreicht, bei der auch bei einem Stillstand der militärischen Operationen des Gegners der Krieg in kurzer Zeit verloren war, da das Reich zu innerer Aushungerung an Kohle wirtschaftlich zusammenbrechen mußte.


DR. FLÄCHSNER: Ich möchte hierzu eine Denkschrift Speers an Hitler vom 11. November 1944 als Beweisstück überreichen. (Exhibit Speer 20.)

Herr Präsident! Sie finden einen Auszug davon auf Seite 64 des englischen, auf Seite 61 des deutschen und französischen Dokumentenbuches. Es heißt dort – ich zitiere:

»Es ist nach der gesamten Wirtschaftsstruktur des Reiches selbstverständlich, daß ein Ausfall des rheinisch-westfälischen Industriegebiets für die gesamte deutsche Wirtschaft und die erfolgreiche Fortführung des Krieges auf die Dauer untragbar ist. Tatsächlich fällt damit das Ruhrgebiet bis auf die im [539] inneren Verkehr noch hergestellte Produktion für die deutsche Wirtschaft völlig aus... Es erübrigt sich, über die Folgen, die ein langer Ausfall des Ruhrgebiets für das gesamte Reich hat, zu diskutieren.«

Am 15. Dezember 1944 macht angesichts der bevorstehenden Ardennenoffensive Speer Hitler eingehend auf die Folgen eines etwaigen Verlustes von Oberschlesien aufmerksam.

Ich überreiche hierzu die Denkschrift Speers. Sie finden sie auf Seite 102 des Ergänzungsbandes meines Dokumentenbuches, im englischen Text und auch im französischen Text ist es die gleiche Seite. Es handelt sich um einen Auszug aus einer Denkschrift an den Chef des Generalstabs des Heeres vom 15. Dezember 1944. Es erhielt die Exhibit-Nummer 21.

SPEER: Die Denkschrift ging auch an Hitler.

DR. FLÄCHSNER: Ein Zitat aus dieser Denkschrift ist an sich nicht erforderlich. Es wird darin nachgewiesen, daß ein etwaiger Verlust Oberschlesiens schon kurze Wochen später die Kampffähigkeit der Truppe völlig ausschließen würde und daß eine rüstungsmäßige Sicherung der Wehrmacht in diesem Falle in keiner Weise durchgeführt werden konnte. Ein großer Teil Oberschlesiens ging nun tatsächlich kurz darauf verloren. Am 30. Januar 1945 hat Speer erneut eine Denkschrift an Hitler gerichtet, die das Gericht auf Seite 67 des englischen Textes des Dokumentenbuches findet. Es ist Seite 64 des französischen Textes. Dieses Dokument reiche ich als Exhibit 22 ein und zitiere daraus nur:

»Die deutsche Rüstung wird nach dem Verlust von Oberschlesien nicht mehr in der Lage sein, auch nur im entferntesten die Bedürfnisse der Front an Munition, Waffen und Panzern, die Verluste an der Front und den Bedarf für Neuaufstellungen zu decken.«

Und es folgt dann als besondere Betonung der Satz, ich zitiere:

»Das materielle Übergewicht des Gegners ist danach auch nicht mehr durch die Tapferkeit unserer Soldaten auszugleichen.«

Herr Speer! Was wollten Sie mit diesem letzten Satz sagen, den ich zitiert habe?

SPEER: Hitler gab damals die Parole aus, daß bei der Verteidigung der Heimat die Tapferkeit unserer Soldaten sich außerordentlich steigern wird und daß umgekehrt die alliierten Truppen nach der Befreiung der besetzten Gebiete in ihrer Kampfkraft erheblich nach lassen werden. Dies war das Hauptargument auch von Goebbels und Bormann, die damit die Verschärfung des Kampfes mit allen Mitteln begründeten.

[540] DR. FLÄCHSNER: Herr Speer! Wurde Hitler auch von anderer Seite in derartiger Weise unterrichtet, wie Sie es getan haben?


SPEER: Ich fasse einige Fragen zusammen: Guderian, der Generalstabschef des Heeres, war zu dieser Zeit bei Herrn von Ribbentrop, um ihm zu erklären, daß der Krieg verloren sei. Ribbentrop teilte dies Hitler mit. Darauf erklärte Hitler Anfang Februar sowohl Guderian als auch mir, daß derartige pessimistische Äußerungen wie in meiner Denkschrift oder mein Schritt beim Reichsaußenminister in Zukunft als Landesverrat bezeichnet und bestraft würden. Er verbot anschließend einige Tage später in der Lagebesprechung seinen anderen engen Mitarbeitern, irgendwelche Äußerungen über die aussichtslose Lage zu geben. Jeder, der dagegen verstoße, werde ohne Rücksicht auf Rang und Ansehen erschossen und seine Familie verhaftet.

Die Feststellungen, die Guderian und ich Hitler gegenüber über die aussichtslose Kriegslage machten, hatten einen absolut gegenteiligen Erfolg. Hitler ließ in den ersten Tagen des Februar, einige Tage vor Beginn der Yalta-Konferenz, seinen Pressereferenten kommen und gab ihm in meiner Gegenwart Weisung, in schärfster Form in der gesamten deutschen Presse den Willen Deutschlands, niemals zu kapitulieren, zum Ausdruck zu bringen. Er stellte dabei fest, daß er dies tue, damit dem deutschen Volk auf keinen Fall von den Gegnern irgendein Angebot gemacht werden konnte. Die Sprache müsse so scharf sein, daß den gegnerischen Staatsmännern die Lust verginge, einen Keil zwischen das Volk und ihn zu treiben.

Gleichzeitig proklamierte Hitler erneut dem deutschen Volk gegenüber die Parole: »Sieg oder Untergang«. Das alles war zu einem Zeitpunkt, in dem es ihm und jedem intelligenten Mann seiner Umgebung klar sein mußte, daß es nur noch einen Untergang geben konnte.

Bereits auf einer Gauleitertagung im Sommer 1944 hatte Hitler ausgeführt – und Schirach ist dafür Zeuge – wenn das deutsche Volk in diesem Kampf unterliegen müsse, dann sei es zu schwach gewesen, es hätte seine Probe vor der Geschichte nicht bestanden und wäre daher zu nichts anderem als zum Untergang bestimmt. Jetzt, in dieser hoffnungslosen Lage des Januar/Februar 1945 machte Hitler Bemerkungen, die zeigten, daß seine damalige Äußerung keine rednerische Entgleisung war. Er sah in dieser Zeit in zunehmendem Maße die Hauptschuld am Kriegsverlauf im Versagen des deutschen Volkes, keinesfalls aber bei sich selbst. Er äußerte sich sehr scharf über dieses angebliche Versagen unseres Volkes, das soviel Opfer in diesem Kriege tapfer getragen hat.


DR. FLÄCHSNER: Generaloberst Jodl hat bereits hier ausgesagt, daß sowohl Hitler wie auch seine Mitarbeiter sich persönlich [541] über die aussichtslose Lage, sowohl die militärische wie die wirtschaftliche Lage, durchaus im klaren gewesen seien.

Wurde denn nun in dieser hoffnungslosen Lage nicht ein gemeinsamer Schritt der engeren Ratgeber Hitlers unternommen, um ihn zur Beendigung des Krieges aufzufordern?


SPEER: Nein. Ein gemeinschaftlicher Schritt der führenden Männer um Hitler fand nicht statt. Er war unmöglich, weil diese sich entweder als reine Fachleute oder als Befehlsempfänger betrachteten oder vor dieser Lage resignierten. Es übernahm in dieser Lage niemand die Führung, um wenigstens eine Diskussion über die Vermeidung weiterer Opfer bei Hitler herbeizuführen. Und auf der anderen Seite stand eine einflußreiche Gruppe, die versuchte, mit allen Mitteln den Kampf zu verschärfen. Das waren Goebbels, Bormann, Ley und, wie auch schon gesagt wurde, auch Fegelein und Burgdorff. Diese Gruppe hat auch dahintergestanden, daß Hitler bewegen werden sollte, aus der Genfer Konvention auszutreten. Dr. Goebbels hat Anfang Februar Hitler eine sehr scharfe Denkschrift übergeben, in der er diesen Austritt aus der Genfer Konvention forderte. Hitler hatte dieser Absicht bereits zugestimmt, wie mir der Staatssekretär von Goebbels, Naumann, mitteilte. Es sollte damit der Kampf unter Einsatz aller Mittel und ohne jede Rücksicht auf internationale Abmachungen geführt werden. Das war der Sinn der Denkschrift von Dr. Goebbels.

Es muß festgestellt werden, daß diese Absicht von Hitler und Goebbels an dem einmütigen Widerstand der militärischen Führer scheiterte, wie mir der Staatssekretär von Goebbels, Naumann, später mitteilte.


DR. FLÄCHSNER: Herr Speer! Der Zeuge Stahl hatte in seiner schriftlichen Vernehmung ausgesagt, Sie hätten Mitte Februar 1945 von ihm eine Lieferung des neuen Giftgases verlangt, um damit ein Attentat gegen Hitler, Bormann und Goebbels durchzuführen. Warum hatten Sie dann diese Absicht?


SPEER: Es blieb meiner Ansicht nach kein anderer Ausweg. In meiner Verzweiflung wollte ich diesen Schritt gehen, denn ich war mir ab Anfang Februar klar geworden, daß Hitler mit allen Mitteln, ohne Rücksicht auf das eigene Volk, den Krieg fortsetzen wollte. Es war mir klar, daß er bei einem Verlust des Krieges sein Schicksal mit dem des deutschen Volkes verwechselte und daß er in seinem Ende auch das Ende des deutschen Volkes sah. Es war außerdem klar, daß der Krieg so vollständig verloren war, daß auch die bedingungslose Kapitulation angenommen werden mußte.


DR. FLÄCHSNER: Wollten Sie das Attentat selbst durchführen? Warum scheiterte diese Ihre Absicht?


[542] SPEER: Ich möchte auch die Einzelheiten hier nicht weiter ausführen; ich konnte es nur persönlich durchführen, weil seit dem 20. Juli nur ein enger Kreis noch Zutritt zu Hitler hatte. Ich habe verschiedene technische Schwierigkeiten gehabt...


VORSITZENDER: Der Gerichtshof würde gern Einzelheiten darüber hören, aber nach der Gerichtspause.


[Pause von 10 Minuten.]


DR. FLÄCHSNER: Herr Speer! Wollen Sie dem Gericht bitte schildern, welche Umstände der Durchführung Ihrer Absichten entgegenstanden?

SPEER: Ich schildere Einzelheiten nur sehr ungern, weil derartige Dinge immer etwas Unsympathisches haben und tue es nur, weil es das Gericht wünscht.


DR. FLÄCHSNER: Bitte.


SPEER: Hitler hatte in dieser Zeit oft nach der militärischen Lage in seinem Bunker Besprechungen mit Ley, Goebbels und Bormann, die ihm damals besonders nahestanden, weil sie seinen Kurs der Radikalität unterstützten und mitmachten. Es war seit dem 20. Juli auch den engsten Mitarbeitern von Hitler nicht mehr möglich, diesen Bunker zu betreten, ohne daß die Taschen, die Aktentasche von der SS auf Sprengstoff untersucht wurden. Ich kannte als Architekt diesen Bunker genau. Dieser hatte eine Frischluftanlage, ähnlich wie sie hier auch eingebaut ist im Saale. Es war nicht schwer möglich, in die Ansaugöffnung der Frischluftanlage, die im Garten der Reichskanzlei war, das Gas zu bringen. Es mußte sich dann in kurzer Zeit durch diese Anlage im gesamten Raum, im gesamten Bunker verteilen. Ich habe daraufhin Mitte Februar 1945 den mir besonders nahestehenden Leiter meines Hauptausschusses Munition, Stahl, zu mir kommen lassen und habe ihm, da ich mit ihm bei den Zerstörungen schon eng zusammengearbeitet hatte, offen meine Absicht gesagt, wie aus seiner Zeugenaussage hervorgeht, und habe ihn gebeten, mir aus der Munitionsfertigung dieses moderne Giftgas zu besorgen. Er erkundigte sich bei einem seiner Mitarbeiter namens Oberstleutnant Soika vom Heereswaffenamt, wie man an dieses Giftgas herankommen kann und dabei stellte sich heraus, daß dieses neue Giftgas nur wirksam wird, wenn es zur Explosion gebracht wird, da dann die hohen Temperaturen erreicht werden, die zur Vergasung notwendig sind. – Ich weiß nicht, ob das zu sehr ins Detail geht.

Eine Explosion war aber nicht möglich, da diese Frischluftanlage aus dünnen Blechen bestand und durch die Explosion dieses Blech zerrissen worden wäre. Ich hatte daraufhin Besprechungen mit dem[543] Obermonteur der Reichskanzlei, Hänschel, ab Mitte März 1945, und erreichte durch diese Gespräche, daß der Gasschutzfilter nicht mehr dauernd eingeschaltet war. Damit hätte ich eine normale Gassorte verwenden können. Natürlich hat Hänschel keine Kenntnis davon bekommen, warum ich diese Gespräche mit ihm führte. Als ich soweit war, besichtigte ich mit diesem Hänschel die Ansaugöffnung im Garten der Reichskanzlei und mußte dort feststellen, daß kurz vorher auf persönlichen Befehl Hitlers auf diese Ansaugöffnung ein vier Meter hoher Kamin gemauert war. Das ist heute noch dort festzustellen. Damit war die Durchführung dieses Planes nicht mehr möglich.


DR. FLÄCHSNER: Ich komme nun zu einem anderen Punkt, Herr Speer. Sie haben hier die Aussagen der Zeugen Riecke und Milch gehört. Sie haben bereits ausgesagt über Ihre Tätigkeit ab Mitte Februar 1945, die Sie für die Sicherung der Ernährung vorgenommen hätten. Was haben Sie hierzu zu sagen, über Ihre Tätigkeit in dieser Richtung?


SPEER: Ich kann ganz kurz hier sagen, daß die Vorzugsernährung, die ich schließlich durchgeführt habe, damals zu dem Zwecke gemacht wurde, um planmäßig vom Krieg auf den Frieden umzuschalten, und zwar auf Kosten der Rüstung, die ja von mir persönlich vertreten war. Es sind eine Unmenge Maßnahmen, die wir getroffen haben. Es würde zu weit führen, wenn sie hier aufgeführt würden. Die Erlasse sind alle noch erhalten. Es handelte sich darum, im Gegensatz zur offiziellen Politik dafür zu sorgen, daß die Städte kurz vor ihrer Besetzung mit Nahrungsmitteln genügend versorgt sind oder daß bei der Verkehrskatastrophe alle Maßnahmen getroffen werden, um die Ernte 1945 durch rechtzeitigen Transport des Saatgutes sicherzustellen, was gerade damals die brennendste Frage überhaupt war. Wenn das Saatgut einige Wochen zu spät gekommen wäre, wäre die Ernte sehr schlecht geworden. Diese Maßnahmen hatten natürlich für die Rüstung unmittelbar nachteilige Folgen, die nicht abmeßbar sind. Aber jedenfalls konnte die Rüstung aus ihren Reserven nur noch bis Mitte März etwa eine Produktion aufrechterhalten. Von da ab war keine nennenswerte Rüstungsproduktion mehr vorhanden. Das kommt daher, weil wir nur noch etwa 20 bis 30 Prozent des Verkehrsvolumens zur Verfügung hatten und bedingte eine Bevorzugung der Ernährungstransporte vor den Rüstungstransporten. Damit waren die Rüstungstransporte praktisch ausgeschaltet.


DR. FLÄCHSNER: Konnten die Maßnahmen, die ja doch eine öffentliche Auflehnung gegen die offiziellen Kriegspläne des Widerstandes bis zum letzten waren, in breitem Umfange durchgeführt werden; fanden sich denn überhaupt Leute dazu bereit, solche [544] Maßnahmen, wie Sie sie vorschlugen, zu billigen und in die Wirklichkeit umzusetzen?


SPEER: Alle diese Maßnahmen waren gar nicht so schwer und gar nicht so gefährlich, als wie man sie sich vielleicht vorstellen würde. Denn in dieser Zeit ab Januar, 1945 konnte man jede vernünftige Maßnahme in Deutschland gegen die offizielle Politik durchführen. Jeder vernünftige Mann begrüßte derartige Maßnahmen und war zufrieden, wenn nur einer dafür die Verantwortung übernahm. Alle diese Besprechungen fanden in größerem Kreis von Fachleuten statt. Jeder der Beteiligten wußte, ohne daß es ausgesprochen wurde, was diese Befehle bedeuten. Ich hatte in dieser Zeit auch für ähnliche andere Maßnahmen einen sehr engen Kontakt mit den Staatssekretären des Verkehrsministeriums, des Ernährungsministeriums, des Propagandaministeriums und später sogar mit dem Staatssekretär der Parteikanzlei, also mit Bormann selbst. Sie waren alte Parteigenossen und taten trotzdem in diesem Augenblick ihre Pflicht dem Volk gegenüber in anderer Weise, wie das viele der führenden Leute der Partei taten. Ich unterrichtete sie laufend – gegen das Verbot Hitlers – über die Entwicklung der militärischen Lage, und so konnten wir gemeinsam vieles tun, um die wahnsinnigen Befehle dieser Zeit aufzuhalten.


DR. FLÄCHSNER: Auf welchem Gebiet nahmen Sie denn die Fortsetzung des Krieges als eine Gefährdung der weiten Öffentlichkeit des deutschen Volkes an?


SPEER: Mitte März 1945 setzten sich die gegnerischen Truppen wieder in Bewegung. Es war nun ganz klar, daß in kurzer Zeit die Gebiete, die noch nicht besetzt waren, besetzt werden mußten. Dazu gehörten auch Gebiete in Polnisch-Oberschlesien und andere außerhalb der Grenzen des Altreiches. Die befohlene Zerstörung aller Brücken bei Rückzügen war an sich die größte Gefahr, denn eine von Pionieren gesprengte Brücke ist viel schwerer wieder herzustellen, als eine durch Fliegerangriff beschädigte Brücke. Eine planmäßige Zerstörung der Brücken aber ist in einem modernen Staate mit der Vernichtung des ganzen Lebens gleichzusetzen. Außerdem aber wurden ab Ende Januar von den radikalen Parteikreisen Forderungen nach Zerstörung der Industrie erhoben, und Hitler war derselben Meinung. Ich ließ daher im Februar 1945 die Produktion und die Auslieferung von den sogenannten Industrie-Sprengstoffen einstellen. Damit sollten sich die Vorräte an Sprengstoffen in den Bergwerken und in privater Hand verringern. Dieser Befehl wurde auch durchgeführt, wie ein Zeuge von mir aussagt. Mitte März versuchten Guderian und ich erneut, die befohlenen Zerstörungen von Brücken auf ein Mindestmaß herabzusetzen. Hitler wurde ein Befehl vorgelegt; dieser lehnte ihn scharf ab und verlangte im Gegenteil verschärfte Befehle zur Sprengung aller Brücken. [545] Er ließ gleichzeitig – und zwar am 18. März 1945 – acht Offiziere erschießen, weil sie bei der Zerstörung einer Brücke ihre Pflicht nicht erfüllt hatten und brachte diese Tatsache im Wehrmachtsbericht zur Kenntnis, um vor zukünftigen Fällen zu warnen. Dadurch war es außerordentlich schwer, die Befehle zur Brückenzerstörung zu umgehen. Ich übergab trotz des bestehenden Verbots am 18. März 1945 eine neue Denkschrift, deren Inhalt sehr eindeutig war und mit der ich ihm keine Ausreden über seine geplanten Maßnahmen mehr lassen wollte. Sie wurde zahlreichen seiner Mitarbeiter zur Kenntnis gebracht.


DR. FLÄCHSNER: Das Gericht findet diese Denkschrift (Exhibit Speer 23) im Auszug auf Seite 69 des englischen Textes des Dokumentenbuches.

Bitte, fahren Sie fort.


SPEER: Ich zitiere hier aus der Denkschrift etwas länger. Das ist Seite 69, Herr Präsident.

»Die feindliche Luftwaffe hat weiter mit Schwerpunkt die Verkehrsanlagen angegriffen. Dadurch sind die Wirtschaftstransporte erheblich abgesunken... Es ist daher in 4-8 Wochen mit dem endgültigen Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft mit Sicherheit zu rechnen... Nach diesem Zusammenbruch kann der Krieg auch militärisch nicht fortgesetzt werden... Wir in der Führung haben die Verpflichtung, dem Volk in den schweren Stunden, die es erwarten muß, zu helfen. Wir haben uns dabei nüchtern – ohne Rücksicht auf unser Schicksal – die Frage vorzulegen, wie dies auch für eine fernere Zukunft geschehen kann. Wenn der Gegner das Volk und seine Lebensbasis zerstören will, dann soll er dieses Werk selbst durchführen. Wir müssen alles tun, um dem Volk, wenn vielleicht auch in primitivsten Formen, bis zuletzt seine Lebensbasis zu erhalten.«

Es folgen dann einige Forderungen von mir. Ich fasse sie kurz zusammen. Ich zitiere:

»Es muß sichergestellt werden, daß, wenn der Kampf weiter in das Reichsgebiet vorgetragen wird, niemand berechtigt ist, Industrieanlagen, Kohlenbergwerke, Elektrizitätswerke und andere Versorgungsanlagen, sowie Verkehrsanlagen, Binnenschiffahrtsstraßen usw. zu zerstören... Mit einer Sprengung der Brücken in vorgesehenem Ausmaß würden die Verkehrsanlagen nachhaltiger zerstört, als dies die Fliegerangriffe der letzten Jahre vermochten. Ihre Zerstörung bedeutet die Beseitigung jeder weiteren Lebensmöglichkeit des deutschen Volkes.«

[546] Ich zitiere noch kurz den Schluß der Denkschrift:

»Wir haben kein Recht dazu, in diesem Stadium des Krieges von uns aus Zerstörungen vorzunehmen, die das Leben des Volkes treffen könnten. Wenn die Gegner dieses Volk, das in einmaliger Tapferkeit gekämpft hat, zerstören wollen, so soll ihnen diese geschichtliche Schande ausschließlich zufallen. Wir haben die Verpflichtung, dem Volk alle Möglichkeiten zu lassen, die ihm in fernerer Zukunft wieder einen neuen Aufbau sichern könnte.«

Damit war klar genug ausgesprochen, was Hitler ohnehin wissen mußte; denn es gehörte wirklich nicht viel wirtschaftliche Einsicht dazu, um sich über die Folgen derartiger Zerstörungen für die weitere Zukunft des Volkes klar zu werden.

Hitler hat bei der Übergabe der Denkschrift deren Inhalt bereits gekannt, da ich sie mit einigen seiner Mitarbeiter durchgesprochen hatte. Daher sind seine Äußerungen hierzu bezeichnend für die Einstellung dieser grundsätzlichen Frage.

Ich hätte den schweren Vorwurf, daß er die Absicht hatte, das deutsche Volk mit in den Abgrund zu ziehen, hier nicht erhoben, wenn ich nicht in einem Schreiben vom 29, März 1945 seine Äußerungen darüber bestätigt hätte.

VORSITZENDER: Meinen Sie Mai oder März?

SPEER: März 1945, Herr Vorsitzender.


DR. FLÄCHSNER: Herr Präsident! Sie werden dieses Dokument auf Seite 75 des englischen Textes des Dokumentenbuches finden. Es ist auf Seite 72 des französischen Textes. Ich überreiche es als Exhibit Nummer 24. Es ist das Schreiben Speers an Hitler vom 29. März 1945.

Bitte, fahren Sie fort.


VORSITZENDER: Sollten Sie diesen Brief nicht verlesen?


DR. FLÄCHSNER: Ja, er möchte ihn selbst verlesen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Wollen Sie ihn verlesen?

SPEER: Ich zitiere:

»Als ich Ihnen am 18. März meine Schrift übergab, war ich der festen Überzeugung, daß die Folgerungen, die ich aus der gegenwärtigen Lage zur Erhaltung unserer Volkskraft zog, unbedingt Ihre Billigung finden werden. Denn Sie hatten selbst einmal festgelegt, daß es Aufgabe der Staatsführung ist, ein Volk bei einem verlorenen Krieg vor einem heroischen Ende zu bewahren.

Sie machten mir jedoch am Abend Ausführungen, aus denen – wenn ich Sie nicht mißverstanden habe – klar und [547] eindeutig hervorgeht: Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Dieses Schicksal ist unabwendbar. Es sei nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil sei es besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hätte sich als das schwächere erwiesen und dem stärkeren Ostvolk gehöre dann ausschließlich die Zukunft. Was nach dem Kampf übrigbleibe, seien ohnehin nur die Minderwertigen; denn die Guten seien gefallen.«

Ich zitiere weiter:

»Nach diesen Worten war ich zutiefst erschüttert. Und als ich einen Tag später den Zerstörungsbefehl und kurz danach den scharfen Räumungsbefehl las, sah ich darin die ersten Schritte zur Ausführung dieser Absichten....«


DR. FLÄCHSNER: Ich darf hierzu bemerken, ich reiche als Speer-Dokument den Zerstörungsbefehl Hitlers vom 19. März 1945 ein, das Gericht findet ihn auf Seite 73 des französischen und Seite 76 des englischen Textes des Dokumentenbuches.

Ich reiche ferner ein den Durchführungsbefehl für Verkehr und Nachrichtenwesen auf Seite 78 des englischen Textes, Seite 75 des französischen Textes, als Speer-Exhibit Nummer 26.

Und dann den Zerstörungs- und Räumungsbefehl Bormanns vom 23. März 1945, der sich in meinem Dokumentenbuch auf Seite 102 befindet. Das letztere Schriftstück trägt die Bezeichnung Speer-Exhibit Nummer 27.

Herr Speer! Da es sich um einen Befehl mit Fachausdrücken handelt, wollen Sie bitte deren Inhalt kurz zusammenfassend dem Gericht wiedergeben?


VORSITZENDER: Sie sagten, der letzte sei auf Seite 102 des zweiten Bandes, in meiner Kopie ist das ein Dokument des Generals Guderian vom 15. Dezember 1944.


DR. FLÄCHSNER: Nein, Herr Präsident, ich bitte vielmals um Verzeihung, ich habe mich versehen, es ist nicht Seite 102, sondern Seite 93 und 94. Ich bitte um Entschuldigung, ich habe das Dokument auch erst heute bekommen.

Herr Speer! Wollen Sie diese Befehle kurz erläutern?


SPEER: Ich kann kurz zusammenfassen. Den Gauleitern war damit befohlen die Zerstörung aller Industrieanlagen, aller wichtigen Elektrizitäts-, Wasser-und Gaswerke und so weiter, aber auch der Lebens mittel- und Bekleidungslager. Ich war mit meinem Weisungsrecht durch diesen Befehl ausdrücklich ausgeschaltet, und alle meine Weisungen zur Erhaltung der Industrie waren aufgehoben.

[548] Die militärischen Stellen hatten befohlen: die Zerstörung aller Brücken, darüber hinaus auch der gesamten Bahnanlagen, der Postanlagen, der Nachrichtenanlagen in der Reichsbahn; aber auch der Wasserstraßen, aller Schiffe, aller Waggons und aller Lokomotiven.

Das Ziel war, wie in einem der Erlasse steht, das Schaffen einer Verkehrswüste.

Durch den Erlaß Bormanns sollte die Bevölkerung in das Innere des Reiches abtransportiert werden, und zwar sowohl im Westen wie im Osten. Hierzu sollten auch die ausländischen Arbeiter und die Kriegsgefangenen gehören. Diese Millionen von Menschen sollten im Fußmarsch auf die Wanderschaft geschickt werden. Eine Versorgung zur Sicherung ihrer Existenz war nicht getroffen und konnte bei dieser Lage auch nicht getroffen werden.

Die Durchführung dieser Befehle mußte eine unvorstellbare Hungerkatastrophe zur Folge haben. Dazu ging am 19. März 1945 ein scharfer Befehl Hitlers an alle Heeresgruppen und an alle Gauleiter heraus, daß der Kampf ohne Rücksicht auf die eigene Bevölkerung zu führen sei.

Mit der Durchführung dieser Befehle Hitlers wäre sein Wort vom 18. März in Erfüllung gegangen: Es sei »nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen, im Gegenteil sei es besser, selbst diese Dinge zu zerstören«. Bei der Disziplin, die in Deutschland bezüglich jeden Befehls – ganz gleich welchen Inhalts – geübt wurde, war seine Durchführung zu erwarten. Diese Befehle galten auch für die Gebiete, die dem Großdeutschen Reich angegliedert waren.

Ich habe nun in offener Weise durch Reisen in die zunächst gefährdeten Gebiete und durch Rücksprache mit meinen Mitarbeitern versucht, die Durchführung dieser Befehle zu verhindern. Ich habe angeordnet, daß der noch vorhandene Sprengstoff im Ruhrgebiet in den Kohlenschächten versenkt wurde, daß die Sprengstoffvorräte, die auf den Baustellen waren, verborgen wurden.

Wir haben Maschinenpistolen an die wichtigsten Werke verteilt, damit sie sich gegen die Zerstörungen wehren können. Das klingt alles etwas übertrieben, aber es war damals die Situation so, daß, wenn ein Gauleiter gewagt hätte, im Ruhrgebiet an die Kohlenbergwerke zu gehen und dort nur eine Maschinenpistole zur Verfügung stand, dann wäre geschossen worden.

Ich versuchte, die örtlichen Befehlshaber der Heeresgruppen von der Unsinnigkeit der ihnen übertragenen Brückensprengungen zu überzeugen, und weiter konnte ich durch Rücksprache mit den örtlichen Stellen die befohlenen Evakuierungen zum größten Teil verhindern. Hier hat auch der Staatssekretär in der Parteikanzlei, [549] Klopfer, ein Verdienst dadurch, daß er Räumungsbefehle an die Gauleiter zum großen Teil aufhielt.

Als ich von der Reise zurückkehrte, wurde ich sofort zu Hitler bestellt. Es war am 29. März 1945. Ich hatte mich mit Absicht so offen seinen Befehlen widersetzt und mit vielen seiner Gauleiter über den verlorenen Krieg gesprochen, daß ihm meine Widersetzlichkeit bekanntwerden mußte. Es sind Zeugen aus dieser Zeit vorhanden, die wissen, daß ich auch das erreichen wollte.

Ich wollte ihn nicht hinter seinem Rücken betrügen. Ich wollte ihn vor die Alternative stellen. Er erklärte mir zu Beginn der Besprechung, er habe von Bormann Berichte, daß ich den Krieg als verloren ansähe und mich offen gegen sein Verbot ausgesprochen habe. Er verlangte von mir eine Erklärung, daß ich den Krieg nicht als verloren ansähe. Ich erklärte ihm: »Der Krieg ist verloren.« Er gab mir 24 Stunden Bedenkzeit. In dieser Zeit entstand der Brief, der aus dem Auszug zitiert wurde und der in vollem Wortlaut dem Gericht übergeben wurde.

Nach dieser Bedenkzeit wollte ich ihm den Brief als Antwort abgeben. Er verweigerte mir die Annahme. Ich erklärte ihm darauf, daß er mit mir auch in der Zukunft rechnen könne und erreichte dadurch, daß er mir den Vollzug der Zerstörungen wieder übertrug.


DR. FLÄCHSNER: Ich darf hierzu auch den Befehl Hitlers vom 30. März 1945, den das Gericht auf Seite 83 des englischen Textes und auf Seite 79 des französischen Textes des Dokumentenbuches findet, als Exhibit Nummer 28 einreichen.

Was haben Sie auf Grund dieses neuen Befehls veranlaßt?


SPEER: Der Text war von mir aufgesetzt, und er gab mir die Möglichkeiten, die befohlenen Zerstörungen zu umgehen. Ich gab sofort einen Befehl heraus, der alle meine alten Befehle zur Schonung der Industrie wieder in Kraft setzte. Ich verzichtete dabei darauf, diesen neuen Erlaß von mir Hitler zur Genehmigung vorzulegen, obwohl er sich das in seinem Befehl ausdrücklich vorbehalten hatte.

Entgegen der Zusage, die ich ihm machte, daß ich bedingungslos hinter ihm stehe, fuhr ich bereits am nächsten Tag zu Seyß-Inquart, der es hier ausgesagt hat, und zu zwei Gauleitern, um auch diesen zu erklären, daß der Krieg verloren sei, und mit ihnen die Konsequenzen zu besprechen.

Ich fand dabei bei Seyß-Inquart großes Verständnis. Sowohl mein Erlaß zur Verhinderung der Zerstörungen wie auch meine Besprechungen waren gegen meine Zusicherung, die ich Hitler am 29. März gegeben hatte. Ich hielt das für meine selbstverständliche Pflicht.


DR. FLÄCHSNER: Ich überreiche als Speer-Exhibit 29 die Durchführungsbestimmungen Speers vom 30. März zu dem vorerwähnten [550] Befehl. Das ist im deutschen und französischen Text des Dokumentenbuches auf Seite 81, im englischen Dokumentenbuch auf Seite

85.

SPEER: Trotzdem blieben die Befehle zur Zerstörung der Brücken weiter in Kraft, und man kann die Folgen davon überall in Deutschland, Österreich, Polen und so weiter sehen. Ich unternahm zahlreiche Frontreisen und hatte viele Besprechungen mit den Befehlshabern der Fronttruppen hierüber, und vielleicht wurde dadurch die eine oder andere Erleichterung erreicht. Schließlich erreichte ich bei dem Chef der Nachrichtentruppen am 3. April 1945, daß er wenigstens durch einen neuen Befehl die Zerstörung der Nachrichtenanlagen, der Post, der Reichsbahn und der Rundfunksender verbot.

Schließlich gab ich am 5. April sechs OKW-Befeh le unter dem Namen des Generals Winter heraus, der hier als Zeuge war. Durch diese Befehle sollte die Erhaltung wichtiger Bahnlinien erreicht werden. Die Befehle sind noch vorhanden.

Ich gab diese Befehle über meine Befehlswege und über die der Reichsbahn heraus. Bei dem Befehlsdurcheinander, das in dieser Zeit herrschte, mußten derartige Befehle, zu denen ich nicht ermächtigt war, sie zu geben, wenigstens eine verwirrende Wirkung haben.


DR. FLÄCHSNER: Herr Speer! Es sind eine Reihe weiterer Versuche von Ihnen, den Krieg abzukürzen, in der Presse bekanntgeworden. Können Sie diesen Komplex, was dort in der Presse angedeutet worden ist, hier kurz zusammengefaßt, dem Gericht schildern?


SPEER: Ich möchte mich mit den Dingen, die nicht gelungen sind, nicht zu lange aufhalten. Ich habe mehrmals versucht, Himmler und andere aus der Regierung auszuschalten und sie zu zwingen, sich für ihre Tätigkeit zu verantworten. Zur Durchführung dieser und anderer Pläne hatten sich mir acht Frontoffiziere angeschlossen, die alle hohe Auszeichnungen hatten. Unter ihnen waren die zwei bekanntesten Flieger Deutschlands, Galland und Baumbach. Der Staatssekretär im Propagandaministerium ermöglichte mir am 9. April, kurz über alle deutschen Sender zu sprechen. Es waren alle Vorbereitungen getroffen. Goebbels hörte im letzten Augenblick davon und verlangte die Genehmigung des Textes durch Hitler, dem ich einen stark abgeänderten Text vorlegte. Er verbot auch diesen stark abgeänderten Text.

Am 21. April 1945 hatte ich die Möglichkeit, im Hamburger Funkhaus zunächst eine Rede auf Schallplatten zu sprechen. Diese sollte als Anweisung für die Schlußphase gesendet werden. Die aufnehmenden Beamten verlangten aber, daß die Rede erst nach dem Tode Hitlers und damit nach dem Erlöschen ihres Eides gesandt wird.

[551] Ich hatte weiter Verbindung mit dem Chef des Stabes einer Heeresgruppe im Osten, der Heeresgruppe Weichsel. Wir waren uns darüber im klaren, daß ein Kampf um Berlin nicht stattfinden darf, daß die Armeen entgegen dem Befehl an Berlin vorbeimarschieren sollen. Zunächst ist dieser Befehl auch durchgeführt worden. Danach waren von Hitler verschiedene Beauftragte nach außerhalb von Berlin geschickt worden mit Sondervollmachten, denen es gelang, einige Divisionen nach Berlin hereinzuführen. Aber die ursprüngliche Absicht, ganze Armeen nach Berlin zu führen, ist dadurch nicht durchgeführt worden. Der Chef des Stabes, mit dem ich diese Besprechungen hatte, war General Kinzler.

DR. FLÄCHSNER: Hatten denn diese Bestrebungen Anfang April und später überhaupt noch einen Sinn?


SPEER: Ja. Wir rechneten mit einer längeren Dauer des Krieges, denn auch Churchill prophezeite damals das Kriegsende auf Juli 1945.


DR. FLÄCHSNER: Sie haben erklärt und hier geschildert, wie sehr Sie sich für die Erhaltung der Fabriken und anderer Wirtschaftsanlagen eingesetzt haben. Haben Sie sich für die ausländischen Arbeiter auch eingesetzt?


SPEER: Meine Verantwortung lag auf dem Gebiet der industriellen Anlagen. Ich fühlte mich daher in erster Linie verpflichtet, mein Aufgabengebiet unzerstört zu übergeben. Trotzdem sollten verschiedene meiner Bemühungen auch den ausländischen Arbeitskräften zugute kommen. Einmal waren die ausländischen Arbeiter und Kriegsgefangenen durch meine Sicherung der Ernährung der letzten Phase bestimmt auch mit die Nutznießer.

Zweitens habe ich bei örtlichen Besprechungen zur Verhinderung von Sprengungen im Gegensatz zu den vorhandenen Evakuierungsbefehlen der Partei darauf eingewirkt, daß die Ausländer und Kriegsgefangenen an Ort und Stelle bleiben. Derartige Besprechungen haben im Saargebiet am 18. März und im Ruhrgebiet am 28. März zum Beispiel stattgefunden. Anfang März machte ich den Vorschlag, 500000 Ausländer aus dem Reich in die Gebiete zurückzuführen, die noch in unserem Besitz waren, also die Holländer nach Holland und die Tschechen nach der Tschechoslowakei. Jedoch lehnte die Reichsbahn die Verantwortung für diese Transporte ab, da das Verkehrssystem bereits so zerstört war, daß dieser Plan nicht mehr durchführbar war. Schließlich habe ich sowohl mit meiner beabsichtigten Rede vom 9. April über die deutschen Sender wie auch bei der versuchten Hamburger Rede auf die Pflichten hingewiesen, die wir den Ausländern, Kriegsgefangenen und auch den Häftlingen aus den Konzentrationslagern gegenüber in dieser letzten Phase haben.


[552] DR. FLÄCHSNER: Ich darf hierzu, Herr Präsident, auf Seite 88 des englischen Textes des Dokumentenbuches, Seite 84 des französischen Textes, verweisen. Ich überreiche dieses Dokument als Speer-Exhibit Nummer 30.

Herr Speer! Sie haben nun hier geschildert, wie sehr Sie in der letzten Zeit des Krieges im Gegensatz zu Hitler und seiner Politik standen. Warum sind Sie nicht zurückgetreten?


SPEER: Ich hätte dreimal die Möglichkeit gehabt, zurückzutreten. Einmal im April 1944, als meine Autorität stark eingeschränkt war, das zweitemal im September 1944, als Bormann und Goebbels dafür waren, daß ich ausscheide; das drittemal hat Hitler selbst am 29. März 1945 von mir verlangt, daß ich auf Dauerurlaub gehe, was einem Rücktritt gleichkam. Ich lehnte diese Möglichkeiten ab, denn ich hielt es ab Juli 1944 für meine Pflicht, auf meinem Posten zu bleiben.


DR. FLÄCHSNER: Es ist hier ausgesagt worden, die letzte Phase des Krieges, also etwa ab Januar 1945, sei unter dem Gesichtspunkt berechtigt gewesen, da man dem Volke unnötige Opfer ersparen wollte. Waren Sie derselben Meinung?


SPEER: Nein. Es wurde gesagt, eine militärische Abschirmung nach dem Osten wäre notwendig gewesen, um die Flüchtlinge zu bergen. In Wirklichkeit wurde bis Mitte April 1945 der Hauptteil unserer letzten Reserven an Panzern und Munition für den Kampf gegen den Westen eingesetzt. Die taktische Grundlinie war also eine andere, als sie hätte sein müssen, wenn der Kampf für die Ziele geführt worden wäre, die hier festgestellt wurden. Auch die Zerstörung der Brücken im Westen, die Zerstörungsbefehle gegen die Lebensbasis des Volkes, besagen das Gegenteil. Die Opfer, die auf beiden Seiten ab Januar 1945 gebracht wurden, waren sinnlos. Die Toten dieser Periode werden den Verantwortlichen für die Fortsetzung des Kampfes, Adolf Hitler, ebenso anklagen, wie die zerstörten Städte, die in dieser letzten Phase noch ungeheure Kulturwerte verlieren mußten und in denen zahlreiche Wohnungen der Zerstörung anheimfielen. Viele der Schwierigkeiten, unter denen das deutsche Volk heute zu leiden hat, sind auf die rücksichtslose Zerstörung der Brücken, der Verkehrsanlagen, der Waggons, Lokomotiven und Schiffe zurückzuführen. Das deutsche Volk hat bis zum Schluß Adolf Hitler die Treue gehalten. Er hat es wissentlich verraten. Er hat versucht, es endgültig in den Abgrund zu stürzen. Erst ab 1. Mai 1945 hat Dönitz mit Vernunft zu handeln versucht; es war zu spät.


DR. FLÄCHSNER: Ich habe eine letzte Frage:

Konnten Sie Ihre Handlungen in den letzten Monaten des Krieges mit Ihrem Eid und mit dem Begriff der Treue gegenüber Adolf Hitler vereinbaren?


[553] SPEER: Es gibt eine Treue, die jeder unbedingt zu halten hat, und das ist die dem eigenen Volk gegenüber. Diese Verpflichtung steht über allem. Wenn ich an führender Stelle stehe und wenn ich dabei sehe, daß gegen die Interessen des Volkes in dieser Weise gehandelt wird, dann bin auch ich verpflichtet zu handeln. Daß Hitler dem Volke nicht mehr die Treue hielt, mußte jedem intelligenten Menschen seiner Umgebung klar sein, und zwar spätestens ab Januar oder Februar 1945. Hitler hat seine Berufung einst vom Volke erhalten. Er hatte kein Recht, mit seinem Schicksal auch das Schicksal des Volkes zu verspielen. Ich habe daher meine selbstverständliche Pflicht als Deutscher erfüllt. Es ist mir nicht alles gelungen; ich freue mich aber, daß ich mit meiner Tätigkeit den Arbeitern in den besetzten Gebieten und in Deutschland noch einen Dienst erweisen konnte.


DR. FLÄCHSNER: Herr Präsident! Ich bin am Ende meiner Befragung des Angeklagten Speer.

Ich darf dem Gericht vielleicht noch einen Hinweis geben, daß sich zu den Themen, die den Gegenstand der heutigen Nachmittagssitzung gebildet haben, die Zeugen Kehrl mit ihren Fragebogen 10 und 12, Zeuge Rohland unter 5, 6 und 8, der Zeuge Schieber unter 25, der Zeuge Guderian unter 1 bis 3, 7 bis 9 und zu Punkt 6 geäußert haben; der von Speer genannte Zeuge Stahl unter Punkt 1 und 2 seiner Aussage und die Zeugin Kempf unter Nummer 10 ihrer Aussage.

Es stehen noch aus und werden nach Eingang nachgereicht werden: Der Fragebogen des Zeugen Malzacher und der Fragebogen, auf den die Verteidigung besonderes Gewicht legen muß, das ist die Aussage des Zeugen von Poser, weil dieser der Verbindungsoffizier des Generalstabs des Heeres des Ministeriums Speer gewesen ist. Weiterhin steht noch aus der Fragebogen betreffend General Buhle, der Chef des Hee resstabes war, und des Oberst Baumbach, der Kommandeur eines Kampfgeschwaders war. Die anderen Dokumente werde ich nach Abschluß des Schlußverhörs des Angeklagten Speer dem Gericht unterbreiten.


VORSITZENDER: Wünschen noch andere der Herren Verteidiger Fragen zu stellen?


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Waren bei den Verhandlungen, die Sauckel im Jahre 1943/1944 mit Laval in Paris führte, Vertreter Ihrer Dienststelle anwesend und haben die Forderungen Sauckels unterstützt?


SPEER: Es waren bei diesen Besprechungen zum Teil Vertreter meiner Dienststellen anwesend. Diese waren zu dem Zweck anwesend, um die Sperrbetriebe zu schützen und dafür zu sorgen, daß keine Einbrüche in die Fertigungsinteressen passieren, die von mir zum Schutze vorgesehen waren.


[554] DR. SERVATIUS: Diese Vertreter haben also die Forderungen Sauckels nicht unterstützt, sondern dagegen gesprochen?


SPEER: Es war nicht die Aufgabe dieser Vertreter, für oder gegen die Forderungen Sauckels zu sprechen, denn Sauckel hat seine Forderungen in so bestimmter Weise erhoben, daß es für einen kleinen Mitarbeiter nicht möglich war, sich für oder gegen diese Forderungen in irgendeiner Form zu äußern. Das wäre eine Aufgabe gewesen, die ich selbst hätte durchführen müssen.


DR. SERVATIUS: Die Vertreter haben also keinerlei Aufgabe erfüllt?


SPEER: Die Vertreter von mir waren die Vertreter der Rüstung, der schweren Rüstungs- und Kriegsproduktion in den besetzten Gebieten und haben als solche ihre Spezialaufgabe gehabt.


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Haben Sie im Jahre 1943 selbständig, ohne Sauckel hinzuzuziehen, 50000 französische OT-Arbeiter ins Ruhrgebiet gebracht?


SPEER: Das stimmt. Nach dem Angriff auf die Möhne-Talsperre und die Eder-Talsperre im April/Mai 1943 fuhr ich dorthin und habe in dieser Zeit angeordnet, daß eine Einsatzgruppe der Organisation Todt diese Wiederherstellung übernehmen soll. Ich habe das deswegen gemacht, weil ich das Baugerät, die Baumaschinen, im technischen Stab gleich dazu haben wollte. Diese Einsatzgruppe hat zunächst, ohne mich zu befragen, gleich die französischen Arbeiter mitgebracht. Das hatte für uns im Westen einen ungeheueren Rückschlag gebracht, weil daraufhin die Arbeitskräfte an den Baustellen im Atlantikwall, die sich bis dahin vor dem Zugriff Sauckels sicher fühlten...


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Es interessiert nicht, was dort gemacht wurden ist, sondern es interessiert mich nur, daß diese 50000 OT-Arbeiter – ohne Einverständnis mit Sauckel – von Ihnen selbst hingebracht worden sind. Das haben Sie bejaht.


SPEER: Das ist richtig, ja.


DR. SERVATIUS: Sauckel war für die Regelung der Arbeitszeiten in den Betrieben verantwortlich. Ist Ihnen bekannt, daß die zehnstündige Arbeitszeit von Goebbels später, als Reichsbevollmächtigter für den Totalen Krieg, angeordnet wurde, und zwar für Deutsche und Ausländer gleichmäßig?


SPEER: Das dürfte stimmen. Es ist mir nicht mehr unmittelbar in Erinnerung, aber ich nehme an, daß das stimmt.


DR. SERVATIUS: Sie haben dann erklärt, daß die Genfer Konvention nicht auf die Sowjet-Kriegsgefangenen und auf die italienischen Zivilinternierten angewandt worden sei?


SPEER: Ja.


[555] DR. SERVATIUS: Wissen Sie, daß die Genfer Konvention, trotzdem sie nicht für die Sowjetgefangenen anerkannt wurde, inhaltlich aber angewandt wurde, und daß entsprechende Befehle vorlagen?


SPEER: Ich kann Ihnen darauf keine Auskunft geben, denn das war zu sehr Detail, das haben meine Dienststellen unmittelbar erledigt. Ich würde Ihnen das gerne bestätigen.


DR. SERVATIUS: Ich werde dem Gericht dann ein Dokument vorlegen, wo das darin erklärt ist.

Ist Ihnen bekannt, daß die italienischen Zivilinternierten, also die aus der italienischen Wehrmacht kamen, in ein freies Arbeitsverhältnis überführt waren und deswegen der Konvention nicht unterfielen?


SPEER: Ja, das stimmt, und zwar wurde das auf Veranlassung von Sauckel gemacht.


DR. SERVATIUS: Die Verantwortung für die Ausführung der Anordnungen Sauekels in den Betrieben trugen die Betriebsführer. Das ist richtig?


SPEER: Soweit sie durchführbar waren.


DR. SERVATIUS: Sie haben gesagt, daß, wenn die Durchführbarkeit infolge besonderer Ereignisse – wie Fliegerangriffe – nicht möglich war, daß dann die Obersten Reichsbehörden sich der Sache hätten annehmen müssen?


SPEER: Ja.


DR. SERVATIUS: Welche Reichsbehörden sind das?


SPEER: Der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz.


DR. SERVATIUS: Das wäre Sauckel?


SPEER: Ja, und die Deutsche Arbeitsfront, die ja für die Unterbringung und für die Arbeitsbedingungen verantwortlich war.


DR. SERVATIUS: Welcher Apparat stand denn Sauckel zur Verfügung, um diese Mißstände abzustellen. Es handelt sich dann doch um praktische Hilfe?


SPEER: Nein. Sie haben mich da nicht richtig verstanden. Die Katastrophenzustände waren Zustände, die durch höhere Gewalt herbeigeführt waren. Kein Mensch konnte diese beseitigen, auch mit dem besten Willen nicht, weil ja jeden Tag neue Fliegerangriffe kamen. Aber es ist nicht möglich, daß – wie Sauckel hier ausgesagt hat – der Betriebsführer auch dafür die Verantwortung trägt, daß diese Zustände nicht abgestellt werden konnten. Ich wollte es so zu verstehen geben, daß bei derartigen Notständen eben die Führung insgesamt sich zusammensetzen muß und sagen muß, ob es noch ein Zustand ist, der tragbar ist oder nicht, und dabei hatte Sauckel die [556] besondere Verpflichtung, als der Berichtende und als der Veranlassende für derartige Sitzungen aufzutreten.

DR. SERVATIUS: Wem gegenüber sollte er denn auftreten?


SPEER: Dem Führer gegenüber.


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Sie haben Ihren eigenen Verwaltungsapparat hier erklärt und gesagt, daß Sie ein Gegner einer bürokratischen Verwaltung seien. Sie haben die Selbstverwaltung der Betriebe eingeführt, und zwar hatten Sie in der fachlichen Seite Ringe gebildet, darüber Ausschüsse; diese wurden von Ihnen gelenkt.


SPEER: Ja.


DR. SERVATIUS: Und es war eine geschlossene Verwaltung, in der von außen andere Behörden nicht eindringen konnten?


SPEER: Ja, das hätte ich mir verbeten.


DR. SERVATIUS: Dann waren Sie ja eigentlich der Vertreter der Betriebe nach oben.


SPEER: Nur für die technische Aufgabe, wie ich hier ausgeführt habe.


DR. SERVATIUS: Sie beschränkten sich auf die technischen Aufgaben?


SPEER: Dann wäre ich ja der Verantwortliche gewesen für die Ernährungszustände oder für Gesundheitszustände oder für zufällige Polizeiangelegenheiten. Das war mir ja nicht zumutbar, dann hätte man mir einen anderen Posten auch geben müssen.


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Haben Sie sich nicht vorhin darauf berufen, daß Sie gerade in der Ernährung Anordnungen getroffen hätten, die den Arbeitern zugute gekommen wären, und bestätigen Sie damit nicht meine Auffassung, daß Sie die gesamte Verantwortung für dieses Gebiet trugen?


SPEER: Keineswegs. Ich glaube, daß ich diese Handlungen der letzten Zeit im Rahmen der Gesamtverantwortung getan habe und nicht in der Einzelverantwortung.


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Sie haben dann von der Verantwortung der Gauleiter als Reichsverteidigungskommissare gesprochen in Bezug auf die Rüstungsindustrie. Können Sie denn diese Verantwortung einmal näher erklären, denn ich habe das nicht verstanden.


SPEER: Seit 1942 hat sich in zunehmendem Maße die Verantwortlichkeit auf die Gauleiter als Reichsverteidigungskommissare verlagert. Das war das Bestreben von Bormann in der Hauptsache,...


DR. SERVATIUS: Was waren deren Aufgaben?


SPEER: Einen Moment bitte.... der eine Zusammenfassung aller staatlichen und parteilichen Gewalten bei den Gauleitern [557] anstrebte. Dieser Zustand der Zusammenfassung war ab 1943 fast vollständig erreicht. Die einzige Ausnahme, die noch bestand, waren meine Rüstungsdienststellen, die sogenannten Rüstungsinspektionen. Diese waren – da sie früher im OKW waren – militärische Dienststellen, die mit Offizieren besetzt waren, und das gestattete es mir, außerhalb der Macht der Gauleiter zu verbleiben. Aber der Gauleiter war die umfassende Stelle in seinem Gau, und er hat sich die Rechte zu Befehlen genommen, falls er sie nicht hatte. Es ist ja bei uns so gewesen, wie Sie auch wissen, daß es nicht so entscheidend war, wer die Vollmachten hatte, sondern wer sich das Recht herausnahm, Befehle zu erteilen. In diesem Falle haben die meisten Gauleiter sich alle Rechte herausgenommen, und dadurch waren sie die verantwortliche, zusammenfassende Behörde.


DR. SERVATIUS: Was verstehen Sie unter zusammenfassender Behörde?

Darf ich Ihnen vielleicht einmal vorhalten: Der Gauleiter hatte als Reichsverteidigungskommissar lediglich die Aufgabe, die Dienststelle zusammenzufassen, wenn eine Entscheidung im Gau erforderlich war. Als Beispiel: Nach einem Fliegerangriff Beseitigung der Schäden, Errichtung eines neuen Werkes, Ankauf der Grundstücke, um die verschiedenen Stellen an einen Tisch zu bringen. Aber Befehls- und Entscheidungsbefugnis hatte er nicht. Ist das richtig?


SPEER: Nein. Ich würde Ihnen empfehlen, mit einigen Gauleitern zu sprechen, die Ihnen sagen, wie es war.


DR. SERVATIUS: Ich lasse dann die Frage fallen. Ich werde das Gesetz vorlegen. Herr Zeuge, Sie haben dann gesagt, zu einer gewissen Zeit sei ein Überschuß an Arbeitskräften in Deutschland gewesen. War das darauf zurückzuführen, daß Sauckel zuviel ausländische Arbeiter nach Deutschland geholt hatte?


SPEER: Es kann hier ein Irrtum sein. Mein Verteidiger hat auf zwei Dokumente hingewiesen, nach denen in der Zeit vom April 1942 bis April 1943 Sauckel mehr Arbeitskräfte in die Rüstung geliefert hatte, als wie die Rüstung gefordert hat. Ich weiß nicht, ob Sie das meinen, die Stelle.


DR. SERVATIUS: Ich habe nur in Erinnerung, daß Sie gesagt haben, es wären mehr Arbeitskräfte dagewesen als erforderlich waren.


SPEER: Ja.


DR. SERVATIUS: Sie wollen also nicht sagen, daß dies herbeigeführt sei dadurch, daß Sauckel zu viele Arbeitskräfte aus dem Ausland gebracht habe?


SPEER: Nein. Ich wollte damit nur beweisen, daß auch nach der Meinung Sauckels damals er nicht die Arbeitskräfte für mich... nicht durch die Forderung nach der Spitze getrieben wurde, die [558] Arbeitskräfte von Frankreich und so weiter nach Deutschland zu bringen. Denn wenn er in einem Bericht an Hitler feststellt, daß er mehr Arbeitskräfte in die Rüstung geschafft hat, als wie ich gefordert habe – und das geht aus dem Schreiben hervor –, dann ist ja klar, daß er mehr getan hat, als ich von ihm gefordert habe. Es ist in der Tat anders gewesen. In der Tat hat er diese Arbeitskräfte nicht gestellt, und wir haben uns furchtbar gestritten, weil ich der Meinung war, daß er viel weniger gestellt hatte, und er hatte eine große Meldung an Hitler gemacht. Aber nun hier im Prozeß gilt das Dokument.


DR. SERVATIUS: Sie haben jetzt ja auch darauf hingewiesen, daß eine Streitfrage zwischen Ihnen und Sauckel war, ob in Deutschland hinreichende Arbeitsreserven vorhanden gewesen seien, und wenn ich Sie recht verstanden habe, haben Sie gesagt, daß, wenn man die Arbeitskräfte so herangezogen hätte, wie dies England und die Sowjetunion getan hatte, man dann überhaupt keine ausländischen Arbeitskräfte nötig gehabt hätte. Ist das richtig?

SPEER: Das habe ich nicht gesagt.


DR. SERVATIUS: Wie ist dann dies zu verstehen?


SPEER: Ich habe ja auch klar genug ausgeführt, daß ich die Arbeitseinsatzpolitik Sauckels aus den besetzten Gebieten nach Deutschland richtiggefunden habe. Ich habe hier nicht irgendwie versucht, mich vor dieser Verantwortung hier zu drücken. Aber es waren große Reserven an deutschen Arbeitskräften vorhanden. Und auch das ist wieder nur ein Beweis dafür, daß ich nicht für die Spitze der Forderung verantwortlich bin; etwas anderes wollte ich damit nicht beweisen.


DR. SERVATIUS: Sind Ihnen dann die gesetzlichen Bestimmungen bekannt, wonach die deutschen Frauen und die Jugendlichen in ganz erheblichem Umfange eingesetzt wurden?


SPEER: Ja.


DR. SERVATIUS: Wissen Sie auch, daß die Frauen der Offiziere und hohen Beamten ebenfalls in Fabriken arbeiteten?


SPEER: Ja, ab August 1944.


DR. SERVATIUS: Wo befanden sich dann noch diese Arbeitsreserven, von denen Sie sprechen?


SPEER: Ja. Ich sprach ja von der Zeit des Jahres 1943. Im Jahre 1943 forderte ich in der Zentralen Planung, daß die deutschen Arbeiterreserven eingesetzt werden und auch im Jahre 1944, in der Besprechung bei Hitler vom 4. Januar nochmal dasselbe. Sauckel hat damals festgestellt, und das geht aus seiner Rede vom 1. März 1944 hervor, die hier im Dokument eingereicht ist, daß es keine Reserven mehr an deutschen Arbeitskräften gäbe.


[559] DR. SERVATIUS: Jawohl.


SPEER: Aber er hat gleichzeitig hier ausgesagt, daß es ihm gelungen ist, im Jahre 1944 2000000 Arbeitskräfte aus Deutschland noch zu mobilisieren, und das hielt er im Januar 1944 bei einer Besprechung mit Hitler für völlig unmöglich. Er hat also hier selbst den Beweis geführt, daß zu einem Zeitpunkt, an dem ich den Einsatz der inländischen Arbeitskräfte wollte, er diese Tatsachen nicht für gegeben hielt, aber daß er nachher durch die Verhältnisse gezwungen war, diese inländischen Arbeitskräfte zu mobilisieren, daß also meine Feststellung damals richtig war.


DR. SERVATIUS: Herr Zeuge! Diese 2000000 Arbeitskräfte, von denen Sie sprechen, waren das in der Industrie verwendbare Arbeitskräfte?


SPEER: Natürlich.

DR. SERVATIUS: Die sind eingesetzt worden unmittelbar als Facharbeiter in der Industrie?


SPEER: Die mußten erst angelernt werden.


DR. SERVATIUS: Mußten sie nicht auch zuerst durch komplizierte Umstellung von einem Betrieb zum anderen freigemacht werden?


SPEER: Nur zum Teil, da wir die Möglichkeit hatten, sie in der feinmechanischen Industrie und anderen Arbeiten einzustellen und dann, das weiß jeder, der sich in der Industrie von Amerika und England auskennt, sind diese neuen Werkzeugmaschinen durchaus geeignet, auch von Frauen bedient zu werden, auch für schwere Arbeit.


VORSITZENDER: Dr. Servatius! Der Gerichtshof ist an all diesen Einzelheiten nicht interessiert.


DR. SERVATIUS: Herr Präsident! An der Grundfrage habe ich ein großes Interesse, denn wenn die Arbeitskräfte in überflüssiger Weise beschafft worden sind aus dem Ausland, und infolgedessen keine staatliche Notwendigkeit bestand, dann ist das für die völkerrechtliche Betrachtung der Frage, ob Arbeitskräfte geholt werden können, von großer Bedeutung. Das wollte ich aufklären.

Ich habe noch zwei Fragen, vielleicht kann ich sie noch stellen.

VORSITZENDER: Ja, Sie können noch zwei weitere Fragen stellen, aber nicht über diese Einzelheiten.


DR. SERVATIUS: Nein, über andere Punkte.

Herr Zeuge! Sie haben erklärt, daß Ihr Versuch, sich Sauckel zu unterstellen, nicht gelungen sei. Haben Sie nun diese Unterstellung nicht praktisch dadurch erreicht, daß in der Mittelinstanz die Gauarbeitsämter Sauckels das zu befolgen hatten, was Ihre Rüstungskommissionen anordneten?


[560] SPEER: Nein, das ist eine Sache, die muß ich länger ausführen. Wenn Sie die Erklärung haben wollen...


DR. SERVATIUS: Sie sagen ja: Nein...


SPEER: Ja, aber es handelt sich um dem Gericht völlig neue Begriffe, die man erst erläutern müßte. Wenn Ihnen aber ein »Nein« ausreichend ist...


DR. SERVATIUS: Längere Ausführungen sind nicht nötig, denn wenn Sie klar sagen »Nein«, dann ist es ja klargestellt.

Herr Zeuge! Eine letzte Frage: Sie haben gesagt, daß Sauckel die Arbeitsverteilungsfragen in seinem Arbeitsstab entschieden habe?


SPEER: Ja.


DR. SERVATIUS: Er selbst sagt, daß ja doch auch Entscheidungen durch den Führer getroffen wurden. Ist da nicht zu unterscheiden zwischen den großen Programmforderungen, wo man sich über die Verteilung der Arbeitskräfte über einen großen Zeitraum unterhielt und zwischen der Verteilung, die laufend geschah, je nachdem das Programm erfüllt wurde?


SPEER: Nach meiner Erinnerung und auch nach dem Durchlesen der erhaltenen Führerprotokolle meiner Besprechungen sind hier zwei Phasen zu unterscheiden. Die erste ist etwa bis Oktober 1942; in dieser fanden öfters gemeinsame Besprechungen bei Sauckel statt, bei denen ich auch anwesend war. In diesen Besprechungen wurde die Verteilung der Arbeitskräfte für die nächsten Monate im Detail besprochen. Nach diesem Zeitpunkt haben bei Hitler in meiner Gegenwart keine Besprechungen mehr stattgefunden, die ins Detail gingen. Mir sind lediglich bekannt die Besprechungen vom Januar 1944; dann war noch eine Besprechung im April oder im Mai 1944, die hier noch nicht erwähnt wurde. Aber in diesen Besprechungen wurde nur global gesprochen, und die Einzelverteilung wurde nach den Richtlinien, wie Sauckel sagt, durchgeführt.


DR. SERVATIUS: Das ist gerade das, was ich sagen will. Es waren globale, es waren Programmforderungen, wo grundsätzlich entschieden wurde: Es sind 2000000 Arbeiter aus dem Ausland zu beschaffen, und die spätere Verteilung erfolgte dann bei Sauckel.


SPEER: Richtig, ich kann auch bestätigen, was Sauckel aussagte, daß er seine Aufträge immer sich von Hitler geben ließ für die besetzten Gebiete, da er ja die Autorität von Hitler brauchte, um sich in den besetzten Gebieten durchzusetzen.


DR. SERVATIUS: Ich habe dann keine Fragen mehr.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof vertagt sich.


[Das Gericht vertagt sich bis

21. Juni 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 16, S. 525-562.
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