Vormittagssitzung.

[344] [Der Angeklagte von Papen im Zeugenstand.]


DR. KUBUSCHOK: Der Zeuge Guido Schmidt hatte einen Flaggenzwischenfall von Pinkafeld im Mai 1937 erwähnt. Bitte schildern Sie Ihre Tätigkeit zur Beilegung dieses Konflikts.

VON PAPEN: Der Flaggenzwischenfall von Pinkafeld wird deswegen von mir oder meinem Verteidiger erwähnt, weil er ein typisches Beispiel ist für die Versuche Hitlers, auch in der Zeit vor 1938 zu einer aggressiven Politik in Österreich zu schreiten.

Am 1. Mai 1937 wurde in einem kleinen Ort Pinkafeld eine reichsdeutsche Flagge von einem österreichischen Beamten heruntergeholt. Große Aufregung in der Presse. Ich versuche, die Angelegenheit sofort freundschaftlich mit dem österreichischen Außenminister zu regeln. Darauf erhalte ich ein Telegramm, mich sofort nach Berlin zu begeben und komme nach Berlin, melde mich bei Hitler an. Hitler empfängt mich nicht. Ich warte drei Tage. Nach drei Tagen schreibe ich ihm einen Brief und sage ihm: »Es scheint, daß Sie den Flaggenzwischenfall von Pinkafeld benutzen wollen, um eine aggressive Politik gegen Österreich zu führen. Dann halbe ich nichts mehr zu tun, und ich bitte um meine Demission.« Eine Viertelstunde später werde ich von ihm in die Reichskanzlei gerufen. Er hielt mir einen halbstündigen Vortrag, wütend und außer sich über die Demütigungen, die das Deutsche Reich nicht länger hinnehmen könne. Nachdem er sich ausgetobt hat, sage ich ihm, unsere Vereinbarung vom 26. Juni sieht vor, daß die Politik mit Österreich nur auf einem evolutionären Weg zu führen ist. Der Vertrag vom 11. Juni hat das unterstrichen. Wenn Sie eine andere Politik zu führen wünschen, dann entlassen Sie mich.

Auf diese sehr ernste Zwiesprache hin sagte er: »Nein, nein. Fahren Sie zurück, regeln Sie alles; wir wollen unsere friedliche Politik nicht ändern.«

Ich bin nach Wien zurückgefahren, und der Zwischenfall wurde mit dem österreichischen Außenminister in 24 Stunden befriedigend geregelt.


DR. KUBUSCHOK: Haben Sie über die von Ihnen in Österreich verfolgte Politik mit Vertretern anderer Mächte gesprochen?


VON PAPEN: Ja, ich habe wiederholt über diese Politik mit Vertretern anderer Mächte gesprochen, beispielsweise im Sommer 1937 mit dem Britischen Botschafter Sir Nevile Henderson.


[344] VORSITZENDER: Ist dieser Brief oder eine Abschrift des Briefes, auf den sich der Zeuge bezieht, vorgelegt worden? Er hat von einem Brief an Hitler gesprochen. Er sagte: »Ich schrieb an Hitler.«


DR. KUBUSCHOK: Nein, diesen Brief haben wir nicht, wir haben auch keine Kopie. Die Akten des Zeugen sind in Berlin durch die Bombenangriffe zerstört worden.


VON PAPEN: Aber darf ich hinzufügen, Herr Vorsitzender, daß der österreichische Außenminister diesen Zwischenfall und seinen Verlauf hier bestätigt hat. Auch Herr von Neurath kennt diesen Zwischenfall sehr genau.


VORSITZENDER: Wer war der Außenminister, der das bestätigt hat?


VON PAPEN: Der österreichische Außenminister Schmidt, der hier saß als Zeuge; der Zeuge Guido Schmidt.


VORSITZENDER: Fahren Sie fort.


VON PAPEN: Zu dieser Frage darf ich bemerken, daß ich natürlich sehr häufig mit Vertretern anderer Mächte über unsere österreichische Politik gesprochen habe, beispielsweise im Juni 1937 mit Sir Nevi le Henderson, dem Britischen Botschafter in Berlin. Im Oktober 1937 besuchte ich inkognito Paris und sprach dort mit vielen der führenden Politiker, unter anderem mit dem französischen Präsidenten M. Daladier und mit M. Léon Blum über dieses Problem. Ich versicherte den Herren, daß wir eine Lösung des österreichischen Problems nur auf der evolutionären Basis suchen werden und daß ein von uns erhoffter Zusammenschluß der beiden Staaten niemals eine Bedrohung der französischen Interessen bedeuten solle, daß wir im Gegenteil diese Lösung nur im europäischen Rahmen suchen, das heißt unter der Zustimmung Frankreichs.

Ich hatte damals den Eindruck, daß sowohl in England wie in Frankreich die Einsicht im Wachsen war über die Notwendigkeit einer Regelung überhaupt.


DR. KUBUSCHOK: Zum Beweis dafür, daß der Angeklagte der Überzeugung sein konnte, daß die anderen Mächte auf Grund einer evolutionären Entwicklung in Österreich schließlich zu einer vertraglichen Vereinbarung bereit sein würden, überreiche ich Dokument Nummer 74, Seite 169, ein Bericht Papens an Hitler über die soeben skizzierte Besprechung mit Sir Nevile Henderson am 1. Juni 1937.

Ich verweise auf das Dokument und weise darauf hin, daß Henderson erklärt hat, er stehe der Lösung des österreichischen Problems freundschaftlich gegen über und hoffe, auch einen dahingehenden Einfluß in Paris geltend machen zu können.

[345] Ich verweise weiterhin auf das Dokument Nummer 80, Seite 177, eine Erklärung des belgischen Außenministers Spaak nach dem Anschluß und verweise auf den letzten Satz:

»Ich glaube seit langem, daß der Anschluß der Logik der Tatsachen entspricht und wenn er auf normalem Wege vollzogen worden wäre, dann wäre Ich nicht darüber erstaunt gewesen.«


[Zum Zeugen gewandt:]


Mr. Messersmith behauptete, daß die österreichische Nazi-Propaganda von deutschem Geld bezahlt gewesen sei. Haben Sie jemals Gelder für solche Zwecke gegeben oder vermittelt?

VON PAPEN: Von mir persönlich oder durch die Vermittlung der Deutschen Gesandtschaft ist niemals auch nur ein Pfennig an die Partei gezahlt worden. Es ist durchaus möglich und wahrscheinlich sogar, daß Gelder der deutschen Partei nach Österreich geflossen sind. Aber da ich ja bekanntermaßen das Vertrauen der Partei in beiden Ländern nicht genoß, so bin ich darüber niemals informiert worden.

Eine Ausnahme machte, wie ich ausdrücklich bemerken will, die mir bekannte Hergabe von Geldern für den hier schon erwähnten Unterstützungsfonds »Langot«.


DR. KUBUSCHOK: Die Anklage hat Ihnen eine antijüdische Einstellung vorgeworfen in Verbindung mit Ihrem Bericht an Hitler vom 12. Mai 1936, in dem Sie vorschlagen, den Freiheitsbund mit Bezug auf die Weiterführung seines Kampfes gegen das Judentum finanziell zu unterstützen. Was war der Freiheitsbund?


VON PAPEN: Der Freiheitsbund war ein Sammelbecken, eine Vereinigung der früheren christlichen Gewerkschaften und der christlichen Arbeitervereine unter Führung des Präsidenten des Gewerkschaftsbundes. 1934 hatte Dollfuß seine Führung übernommen. Es wäre überaus lächerlich, dem Freiheitsbund, der also in der Mehrzahl aus katholischen Arbeitern bestand, eine antisemitische Einstellung im Sinne des Nationalsozialismus nachzusagen.

Wofür der Freiheitsbund kämpfte, das war die Säuberung der Verwaltung von Wien von ungeeigneten jüdischen Elementen. Die Frage dieser Überfremdung war ganz ähnlich den Verhältnissen, wie sie damals in Deutschland bestanden und über die ich gestern ausführlich gesprochen habe. Im übrigen zeigt dies der von der Anklage vorgelegte Bericht. Ich erfahre, daß die Tschechen wünschen, enge Beziehungen zum Freiheitsbund herzustellen und daß sie den Freiheitsbund zu diesem Zweck mit großen Geldmitteln unterstützen wollen.

[346] Daraufhin schlage ich Hitler vor, diese mögliche Beeinflussung des Freiheitsbundes durch tschechische Politik auszuschalten, indem wir ihn selbst unterstützen. Aber natürlich konnten wir doch dem Freiheitsbund nicht sagen: »Wir geben Euch jetzt Hilfe, damit ihr nicht zu den Tschechen geht.« Und deswegen schlug ich Hitler vor, er soll dieses Geld geben mit Bezug auf die Weiterführung des Kampfes des Freiheitsbundes gegen das Judentum, das war also eine Tarnung. Wenn ich gewünscht hätte, das Geld zu geben für eine Bekämpfung des Judentums, dann hätte ich ja nicht geschrieben »mit Bezug auf«, sondern »für die Weiterführung seines Kampfes«.


DR. KUBUSCHOK: Ich verweise auf Dokument Nummer 32, Seite 112 des Dokumentenbuches. Es ist dies ein Auszug aus dem österreichischen Jahrbuch von 1933/1934, eine amtliche Veröffentlichung.

Ich verweise auf den Beginn des zweiten Abschnitts, in dem ausgeführt ist, daß der Freiheitsbund aus den christlichen Gewerkschaften und den christlichen Arbeitervereinen entstanden ist.

Ich verweise weiterhin auf die fünftletzte Zeile und zitiere:

»Zu Beginn des Jahres 1934 übernahm der ver ewigte Bundeskanzler Dr. Dollfuß die oberste Führung des Freiheitsbundes.«

Ich verweise weiterhin auf Dokument Nummer 72, Seite 166. Ein Bericht Papens an Hitler, in dem er eine Anweisung des Prager Geheimdienstes zitiert. Interessant ist hierbei der Hinweis darauf, daß der Freiheitsbund zu einer Verständigung mit der Sozialdemokratie hinarbeitete.

Das nächste Dokument Nummer 70 war bereits als GB-243 überreicht worden. Ich weise auf den ersten Abschnitt hin, der die Bemühungen des tschechischen Diplomaten wiedergibt.

Dokument Nummer 70, Seite 164. Es ist das Dokument, das von der Anklage erwähnt worden war, unter GB-243 bereits teilweise eingereicht war. Wichtig ist der erste Abschnitt, der die Tätigkeit der tschechischen Diplomatie, die der Angeklagte eben erwähnt hat, behandelt. Weiterhin läßt sich zur Frage des Freiheitsbundes ein Bericht Papens aus, der in Dokument Nummer 73, Seite 176, enthalten ist. Auf diesen verweise ich.

Interessant ist weiterhin ein Bericht Papens in Dokument Nummer 69, Seite 163, der die Bemühungen zeigt, den Freiheitsbund in die damalige politische Konstellation einzubauen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Zeuge! Schuschnigg machte im Sommer 1937 Anstrengungen, die nationale Opposition zur Mitarbeit heranzuziehen. Was ist Ihnen davon bekannt, und wie war die weitere Entwicklung?

[347] VON PAPEN: Im Sommer 1937 machte Schuschnigg Anstrengungen, das Versprechen zu erfüllen, die nationale Opposition zur Mitarbeit heranzuziehen. Der Besuch des Ministers von Glaise-Horstenau bei Hitler im Juni 1937 erfolgte mit dem Einverständnis Schuschniggs. Später gründete er den sogenannten »Siebener-Ausschuß« mit Dr. Jury und Tafs. Die Auswahl der Personen, die er traf, ist völlig ohne meine Mitwirkung erfolgt. Aber bezüglich dieses »Siebener-Ausschusses« möchte ich eine Feststellung machen: Offensichtlich gingen diese Befriedungsmaßnahmen des Kanzlers der österreichischen Partei nicht weit genug oder zu langsam. Die österreichische Polizei fand im November 1937 in dem Büro dieses »Siebener-Ausschusses« Papiere, bekannt unter dem Namen »Tafs-Papiere«, die auf neue radikale und illegale Absichten schließen ließen. Ich bin zwar von der Österreichischen Regierung mit diesen Papieren nicht befaßt worden, es hat keine offizielle Demarche stattgefunden, aber es wurde mir bekannt, daß unter diesen Papieren sich ein Mordplan gegen mich befunden hat. Es wurde der Vorschlag gemacht, ein Attentat auf mich zu machen und aus diesem Grund in Österreich einzumarschieren. Der österreichische Außenminister Schmidt hat vorgestern diese Tatsache hier bestätigt, und mir scheint, daß dieser Vorschlag, dieser Plan gegen mich, am allerbesten beweist, wie groß die von der Anklage angenommene Harmonie meiner Politik mit jener der österreichischen oder der deutschen Nationalsozialisten war. Ich habe dann mich damals gefreut, daß der österreichische Bundeskanzler auch den mir bekannten Seyß-Inquart in die Befriedungsarbeit eingeschaltet hat, und ich halte es für fair, daß ich hier eine Korrektur vornehme. Der österreichische Außenminister hat über ein Gespräch berichtet mit mir vom Oktober 1943 in Ankara. Damals habe ich ihm gesagt und habe das auch hier in der Voruntersuchung wiederholt, daß Dr. Seyß-Inquart die größte Enttäuschung meines Lebens gewesen sei. Ich habe angenommen, daß er es gewesen sei, der nach dem Einmarsch der deutschen Truppen gerufen hat am 11. März und der verantwortlich sei für die Nazifizierung Österreichs nach dem Anschluß. Diese meine Beurteilung muß ich korrigieren nach den Kenntnissen, die wir heute aus den Dokumenten erhalten haben.

DR. KUBUSCHOK: Ende 1936 wurde Ihr erster Mitarbeiter, Botschaftsrat Prinz Erbach, von Wien abberufen. Sein Nachfolger war Botschaftsrat von Stein. Da dieser dann nach Ihrer Abberufung am 4. Februar 1938 Ihr Amt übernommen hat, interessiert es zu wissen, wie dessen Einstellung zur Partei und zu Ihnen gewesen ist.


VON PAPEN: Ich habe später erfahren, daß der Botschaftsrat Freiherr von Stein auf den speziellen Wunsch der Partei zu meinem Botschaftsrat gemacht wurde, weil er eine Kontrolle meiner Politik im Sinne der Partei durchführen sollte. Herr von Stein war ein[348] überzeugter Nationalsozialist. Sein Verhältnis zu mir war völlig verschieden von dem Verhältnis zu seinem Vorgänger Erbach. Aber ich stelle fest, daß ich auch in dieser Zeit meine politische Linie weitergeführt habe und Herrn von Stein lediglich die Führung der technischen Geschäfte überlassen habe.


DR. KUBUSCHOK: Das Hoßbach-Dokument vom 5. November 1937 ist mehrfach erwähnt worden. Wußten Sie von der diesem Bericht zugrunde liegenden...

Wußten Sie von dieser Besprechung in Berchtesgaden, die diesem Dokument zugrunde liegt?


VON PAPEN: Von dieser aufsehenerregenden Besprechung, diesem wirklich sehr wichtigen Dokument der Anklage, habe ich selbstverständlich niemals auch nur eine Andeutung gehört. Ich habe dieses Dokument zum erstenmal kennengelernt hier in diesem Saal. Aber wenn ich etwas zu diesem Dokument sagen darf: Der Zusammenhang der Ereignisse des 11. März mit diesem Dokument scheint mir trotz allem sehr lose zu sein; denn aus diesem Dokument geht hervor, daß Hitler den zwangsweisen Einmarsch in Österreich, den zwangsweisen Anschluß, erst dann durchführen wollte, wenn eine europäische Konstellation es ermöglichte. Diese Konstellation erwartete er für das Jahr 1943 bis 1945.


VORSITZENDER: Das ist doch nur Argumentation, Dr. Kubuschok. Er sagt, er habe das Dokument nicht gesehen, bevor er vor diesen Gerichtshof kam, und jetzt spricht er doch von seinen Beziehungen zu den Geschehnissen vom März 1938. Das zu tun ist Ihre Angelegenheit und nicht die des Angeklagten.


DR. KUBUSCHOK: Jawohl, das wird dann später vorgebracht.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Zeuge! Am 4. Februar 1938 erhielten Sie überraschend Ihre Demission von Ihrem Wiener Posten. Bitte berichten Sie hierüber dem Gericht.

VON PAPEN: Ich war Ende Januar des Jahres 1938 in Berlin und bei Hitler gewesen, hatte mit ihm gesprochen über die Unterhaltung, die ich in Garmisch mit Dr. Seyß-Inquart gehabt hatte und habe keinerlei Anzeichen irgendwelcher Art gehabt, daß er mich aus seinem Dienst entlassen wolle. Das wurde mir am 4. Februar durch einen Telephonanruf von Dr. Lammers übermittelt. Diese plötzliche und mir unbegründete Entlassung im Zusammenhang mit der Entlassung von Fritsch und Blomberg und von anderen führenden Diplomaten führte natürlich zu einer Schlußfolgerung. Ich war mir darüber klar, daß mit dieser Abberufung ein Kurswechsel zumindest wahrscheinlich war. Ich habe darüber am folgenden [349] Tage mit dem österreichischen Außenminister gesprochen und ihm meine Sorgen mitgeteilt. Alsdann habe ich in einer Note an die Österreichische Regierung mich von ihr verabschiedet, bin dann am nächsten Tag zu Hitler gefahren – aber ich muß noch folgendes einschieben: Diese Entwicklung durch meine Abberufung schien mir so ernst zu sein, daß ich mich am 4. abends entschloß, meine gesamte politische Berichterstattung aus den vier Jahren in die Schweiz verbringen zu lassen. Ich wollte in der Lage sein, der Welt zu beweisen, daß ich in diesen vier Jahren eine friedliche und evolutionäre Politik in Österreich verfolgt hätte. Ich wollte der Außenwelt das beweisen können, wenn es dazu kommen würde, daß Hitler zu einer Aggression schritt. Der Entschluß dazu für einen hohen Beamten war gewiß nicht leicht, denn ich hatte alle Konsequenzen zu tragen, die dieser an sich verbotene Akt mit sich brachte. Am nächsten Tag fuhr ich zu Hitler. Ich hatte das Bedürfnis, ihm zu sagen, daß, wenn er schon mich nicht mehr haben wolle, er wenigstens einen anderen vernünftigen und gemäßigten Mann nach Österreich senden solle. In der Aussprache, die ich mit ihm hatte, äußerte er sich nicht darüber, aus welchen Gründen er mich entlasse. Ich hatte vermutet, es sei ein Wunsch des Herrn von Ribbentrop gewesen, der an diesem 4. Februar Außenminister geworden war. Aber Herr Hitler sagte mir, das sei nicht der Fall. In der Aussprache über die österreichische Lage sagte ich Hitler unter anderem, ich bedauere es sehr, daß er mich abberufen habe, weil gerade in den letzten Wochen der Bundeskanzler Schuschnigg sich bereit erklärt habe, in einer persönlichen Aussprache mit Hitler alle Differenzen zwischen den beiden Staaten nach Möglichkeit auszuräumen. Als Hitler dies hörte, sagte er zu mir: »Wenn das der Fall ist, dann bitte ich Sie sehr, zurückzufahren und diese Aussprache mit Herrn von Schuschnigg zustande zu bringen.« Ich sagte ihm: »Eigentlich eine merkwürdige Aufgabe. Sie haben mich gestern abberufen, und heute soll ich zurückfahren. Aber, wenn ich etwas im Interesse der österreichischen Sache tun kann, eine solche Aussprache zustande bringen kann, dann will ich es gern tun.«

DR. KUBUSCHOK: Wie bereiteten Sie die Aussprache vor?


VON PAPEN: Ich habe mich nach der Rückkehr zu Herrn von Schuschnigg begeben und habe auch mit ihm über die veränderte Lage gesprochen, die durch meine Abberufung und die Neubesetzung des deutschen Außenministerpostens entstanden war. Und ich habe Herrn von Schuschnigg gesagt: »Es scheint mir, daß in dieser Lage eine Aussprache beider Staatschefs über die Differenzen, die über die Auslegung des Julivertrages entstanden sind, nur sehr nützlich sein kann.« Der österreichische Außenminister hat ja hier bestätigt, daß über diese persönliche Aussprache wir schon seit dem November 1937 uns unterhalten hatten. Der Vorschlag war, daß in [350] Berchtesgaden gesprochen werden sollte über sämtliche Differenzen; ein bestimmtes Programm war nicht entworfen, und es war ausgemacht, daß diese Besprechungen sich vollkommen auf dem Boden des Juli-Vertrages befinden sollten, das heißt also unter Zugrundelegung der Aufrechterhaltung der Souveränität Österreichs. An sachlichen Fragen wurde nur diese eine besprochen: Die Einschaltung eines Ministers in das österreichische Kabinett, welcher der Vertrauensmann beider Staaten sein sollte, mit der Aufgabe, für die Befriedung zwischen der österreichischen und der deutschen Nationalsozialistischen Partei zu sorgen, das heißt, eine Einmischung der deutschen Partei in österreichische Verhältnisse in Zukunft unmöglich zu machen.

Es ist später in der Berchtesgadener Besprechung verlangt worden, daß Dr. Seyß-Inquart das Sicherheitsministerium übergeben werde. Diese Forderung ist mir vollkommen unbekannt gewesen; ich habe sie auch nicht mit Schuschnigg besprochen. Es wurde lediglich davon gesprochen, daß ein geeigneter Mann, vielleicht Seyß-Inquart, das Innenministerium erhalten solle. Heute wissen wir aus den Zeugenaussagen, daß neben dieser offiziellen, von mir geführten Aussprache der österreichische Parteikanal lief, der seine Vorschläge an Hitler brachte, Vorschläge, die mir unbekannt waren.


DR. KUBUSCHOK: Geben Sie bitte eine Darstellung über den Verlauf der Besprechung in Berchtesgaden.


VON PAPEN: Diese Besprechung ist hier wiederholt geschildert worden. Ich habe Herrn Schuschnigg und Herrn Schmidt persönlich dorthin begleitet, und es ist durchaus möglich, daß, als ich sie an der österreichischen oder der deutschen Grenze empfing, ich ihnen gesagt habe, daß sie außer Hitler eben vielleicht einen oder mehrere Generale finden werden, denn möglicherweise hatte ich am Vormittag mit Berchtesgaden telephoniert und in Erfahrung gebracht, daß diese Generale anwesend seien.

Der Verlauf der Besprechung war natürlich sehr verschieden von Besprechungen, wie sie sonst im diplomatischen Leben üblich sind. Aber er war nicht so dramatisch, wie es von verschiedenen Seiten hier dargestellt worden ist.

Meines Wissens haben diese von Hitler am Vorabend und ohne meine Kenntnis herbeigerufenen Generale lediglich durch ihre Anwesenheit gewirkt und wirken sollen. Zu politischen Gesprächen sind sie nach meiner Kenntnis, und soweit ich an solchen Gesprächen beteiligt war, nicht herbeigezogen worden. Der Ton, in dem Hitler verhandelte, die Vorwürfe, die er Herrn von Schuschnigg machte, mußten mir sehr unsympathisch sein. Ich halbe deshalb verschiedentlich vermittelnd eingegriffen. Ich erinnere mich sehr gut eines Zwischenfalles, als Hitler und Schuschnigg alleine verhandelten und [351] die Unterhaltung außerordentlich laut wurde, ich mich in das Konferenzzimmer begab und dort feststellte, daß Hitler Herrn von Schuschnigg vorwarf, er sei kein deutscher Mann, er entbehre jeden nationalen Gefühls, so daß ich eingriff und Herrn Hitler sagte: »Sie beurteilen Herrn von Schuschnigg völlig falsch; Herr von Schuschnigg denkt genau so deutsch wie Sie und ich, nur wünscht er nicht einen Zusammenschluß unserer beiden Länder unter der Staatsdoktrin, die Sie augenblicklich in Deutschland vertreten.« In dieser Konferenz wurde Herrn von Schuschnigg und Herrn Schmidt ein Programm vorgelegt, das mir, wie ich schon sagte, persönlich unbekannt war. Von diesem Programm wurden verschiedene Punkte abgehandelt, wie zum Beispiel die Besetzung der österreichischen Armee mit dem General von Glaise und alle wirtschaftlichen Forderungen, und daher habe ich, als gegen Abend die Konferenz zu Ende ging, Herrn von Schuschnigg gesagt, er möge den Rest annehmen, damit unsere friedliche Weiterentwicklung nicht gestört werde. Im übrigen hat ja Herr von Schuschnigg dieses Programm oder diese Annahme nur paraphiert mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß die Abmachungen von der Österreichischen Regierung mit dem Österreichischen Bundespräsidenten bestätigt werden müßten. Es war also durchaus die Möglichkeit einer Korrektur auch späterhin von der österreichischen Seite gegeben.


DR. KUBUSCHOK: Ihre Darstellung ist in einem Punkte nicht ganz klar gewesen. Sind Sie erst gleichzeitig mit Schuschnigg und Dr. Schmidt in Berchtesgaden eingetroffen? Waren Sie vorher schon in Berchtesgaden, oder hatten Sie anderwärts übernachtet?


VON PAPEN: Ich bin mit Herrn von Schuschnigg von Wien nach Salzburg gefahren, habe dort mit ihm übernachtet und bin am nächsten Morgen mit ihm nach Berchtesgaden gefahren. Ich bin also vorher nicht in Berchtesgaden gewesen. Aber Herr von Schuschnigg hat behauptet, ich hätte ihm des Morgens vor unserem Besuch gesagt, es seien Generale oben. Ich erinnere mich nicht mehr daran, aber es ist möglich, denn es kann sein, daß ich des Morgens von Salzburg aus telephoniert habe und das erfahren habe.


DR. KUBUSCHOK: Noch ein Punkt wäre zu ergänzen. Schuschnigg sagte, Sie hätten ihn an der Grenze empfangen. Vielleicht klären Sie diesen Punkt noch auf.


VON PAPEN: Ja. Herr von Schuschnigg und ich hatten zusammen, wie ich gesagt habe, in Salzburg übernachtet. Am nächsten Morgen bin ich bis zur Grenze vorausgefahren und habe ihn an der deutschen Grenze erwartet.


DR. KUBUSCHOK: Wurde mit dem Abkommen von Berchtesgaden der Boden des Vertrags vom 11. Juli 1936 verlassen?


VON PAPEN: Das Ergebnis der Abmachungen von Berchtesgaden war gewiß eine Erweiterung gegenüber dem Juli-Abkommen. [352] Aber der Boden des Juli-Vertrages, seine Grundlage, das heißt die Aufrechterhaltung der österreichischen Souveränität, wurde nicht verlassen. Das ist bestätigt in den beiden Kommuniqués beider Regierungen, die sie aus Anlaß der Annahme des Abkommens veröffentlicht haben.

DR. KUBUSCHOK: Ich verweise auf das amtliche Kommuniqué, Dokument 78, Seite 174. Weiterhin auf Dokument 79, Seite 175, die Reichstagsrede Hitlers vom 20. Februar zu dieser Frage.


[Zum Zeugen gewandt:]


Am 26. Februar machten Sie Schuschnigg einen offiziellen Abschiedsbesuch. Die Anklage hat hierüber eine Aktennotiz vorgelegt. Bitte äußern Sie sich zu diesem Abschiedsbesuch.

VON PAPEN: Diese Aktennotiz enthält offensichtlich das, was ich über meinen Abschiedsbesuch dem Herrn von Ribbentrop telephonisch mitgeteilt habe. In dieser Aktennotiz lenke ich die Aufmerksamkeit des Auswärtigen Amtes auf die Tatsache,...

VORSITZENDER: Von welchem Datum ist diese Notiz?


DR. KUBUSCHOK: Die Aktennotiz vom 26. Februar, die von der Anklage vorgelegt worden ist.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dokumentenbuch 11a, Seite 1.


VON PAPEN: In dieser Aktennotiz spreche ich von dem Druck, der auf Schuschnigg ausgeübt worden sei und unter dem er gehandelt habe. Die Tatsache, daß ich dies dem Auswärtigen Amt mitteile, sollte eigentlich zeigen, daß ich diesen Druck selbst mißbillige, sonst hätte ich ja darüber nicht berichtet. Am 26. Februar war dann auch meine interimistische Tätigkeit endgültig beendet.


DR. KUBUSCHOK: Am 9. März 1938 verkündete Schuschnigg das Plebiszit. Äußern Sie sich bitte hierzu.


VON PAPEN: Das Plebiszit, das Herr von Schuschnigg verkündete, war natürlich eine vollkommene Überraschung. Es stand nach meiner Auffassung im Widerspruch zu dem Geist der in Berchtesgaden vereinbarten Dinge und zur Tendenz eines friedlichen Ausgleichs der Spannungen.

Das Plebiszit verstieß ja auch gegen die Österreichische Verfassung. Es war ja kein Beschluß der Österreichischen Regierung, sondern es war eine spontane Maßnahme des österreichischen Bundeskanzlers, und es war nach meiner Ansicht ganz klar, daß diejenigen Elemente, die in Österreich für einen Zusammenschluß waren, über dieses Plebiszit sehr unerfreut waren.


DR. KUBUSCHOK: Der Zeuge Rainer hat bei seiner Bekundung und in seiner zitierten Rede erwähnt, daß er am Abend des 9. März in Ihrer Wohnung gewesen sei. Handelt es sich hierbei um eine [353] verabredete Konferenz, überhaupt um eine Konferenz oder eine Beratung?


VON PAPEN: Keineswegs. Ich war von Wien abwesend vom 26. abends, soviel ich mich erinnere, bis etwa zum 9. März. Ich bin an diesem Tage nach Wien zurückgekehrt, und es kann natürlich möglich sein, daß die Herren in meine Gesandtschaft kamen und mich dort gesprochen haben. Irgend etwas Arrangiertes von meiner Seite steht gar nicht zur Debatte.


DR. KUBUSCHOK: Waren Sie am 11. März in Berlin?


VON PAPEN: Am 10. März abends erreichte mich in der Gesandtschaft ein Telephonanruf der Reichskanzlei mit dem Befehl Hitlers, mich sofort in der Nacht noch nach Berlin zu begeben. Ich bin dann am nächsten Morgen nach Berlin geflogen und etwa zwischen 9.00 und 10.00 Uhr vormittags in der Reichskanzlei eingetroffen. Warum Hitler mich bestellt hat, weiß ich nicht; ich nahm an, daß bei der Entwicklung dieser Krise er vielleicht meinen Rat wünsche; vielleicht hat er auch gefunden, daß meine Anwesenheit in Wien für seine Pläne störend sein würde. Jedenfalls war ich nun an diesem entscheidenden Tage, am 11. März, in Berlin und in der Reichskanzlei. Ich traf dort Hitler, umgeben von sehr vielen Ministern, Herrn Göring, Dr. Goebbels, von Neurath, Staatssekretären und auch Militärs. Er begrüßte mich mit den Worten:

»Die Lage mit Österreich ist unerträglich geworden, Herr von Schuschnigg verrät die deutsche Idee, auf diese Zwangsabstimmung können wir uns nicht einlassen.«

Und wie ich seine starke Aufregung sah, erinnere ich ihn noch einmal an sein mir in Bayreuth gegebenes Versprechen und warne ihn dringend vor übereilten Entschlüssen. Aber an diesem Morgen sagt er mir: »Entweder wird das Plebiszit abgestellt, oder die Regierung muß abtreten.«

Wir wissen ja heute aus dem Brief, den er durch einen Sonderkurier an Dr. Seyß geschickt hat, von dieser ultimativen Forderung an die Österreichische Regierung. Er hat mich damals über dieses aktive Eingreifen seinerseits nicht orientiert. Der Tag hat sich dann weiterhin so abgespielt, daß ich selbst mit der Mehrzahl der anwesenden Personen mich in dem großen Saal aufhielt, während im Privatbüro Hitlers von Herrn Göring telephoniert wurde. Was telephoniert wurde, haben wir, die wir im großen Saal warteten, nur bruchstückweise erfahren, aber wir wissen es ja jetzt aus den Dokumenten hier.

Nur einen Zwischenfall will ich erwähnen. Gegen 5.00 Uhr nachmittags kam die Meldung aus Wien, daß die Regierung Schuschniggs bereit sei abzutreten. Daraufhin habe ich Hitler bestürmt, nunmehr seine militärischen Anordnungen zurückzuziehen. Herr Hitler hat [354] das getan. Zwischen 5.00 und 6.00 Uhr nachmittags wurde der Befehl an die bereitgestellten militärischen Kräfte zurückgezogen. Ich habe damals den anwesenden General Keitel und den General von Brauchitsch beglückwünscht, daß uns diese Sache erspart bliebe. Aber eine Stunde später war die Situation wieder ganz anders. Als von Wien telephoniert wurde, der Bundespräsident weigere sich, eine Regierung Seyß-Inquart zu ernennen, hat Hitler erneut die Befehle an die Truppen wieder herausgegeben. Dann hieß es am späten Abend, die Österreichische Regierung habe um den Einmarsch deutscher Truppen gebeten, weil sie sonst der Situation nicht Herr werden könne.

Ich sehe noch Herrn von Neurath, der neben mir steht und der zu mir sagt: »Das ist eine so wichtige Meldung aus Wien, daß wir sie unbedingt schriftlich haben müssen.«

Wir stehen also unter dem Eindruck, daß dieser Ruf um Hilfe von Wien aus an uns gerichtet wird. Der weitere Verlauf des Abends ist bekannt, und ich kann nur sagen, daß ich persönlich auf das tiefste erschüttert war über diese Lösung, denn es war ganz klar, wenn man mit der Armee einmarschierte, könnte es zu Zwischenfällen und zu Blutvergießen kommen, und ein neues Blutvergießen zwischen unseren beiden Völkern würde nicht nur die deutsche Frage erneut unerhört kompromittiert haben, sondern auch den allerschlechtesten Eindruck hinterlassen haben über die Führung der deutschen Politik.


DR. KUBUSCHOK: Ich verweise auf Dokument 97, Seite 241 des dritten Dokumentenbuches. Verzeihung, es ist noch nicht im Dokumentenbuch enthalten, es wird soeben überreicht – Dokument 97, Seite 241 –. Es ist ein Affidavit von Thaß, einem Freund des Zeugen Papen, der ihn am Abend des 11. März gesprochen hat. Ich zitiere, etwa von der Mitte beginnend:

»An jenem 11. März 1938, dem Beginn des Einmarsches deutscher Truppen in Österreich, erschien Herr von Papen spät abends im Union Club, wo er mir sehr erregt und verzweifelt erklärte:

›Ich komme soeben aus der Reichskanzlei. Ich halbe versucht, Hitler den Einmarsch auszureden und dringend abgeraten, er begeht aber den Wahnsinn und hat soeben den Befehl zum Einmarsch gegeben.‹«


[Zum Zeugen gewandt:]


Wußten Sie, Herr Zeuge, etwas über den militärischen Plan Fall »Otto«?

VON PAPEN: Ich habe von diesem Fall »Otto« erstmalig hier aus diesen Verhandlungen gehört. Der Fall »Otto« war bekanntlich eine theoretische Vorbereitung des militärischen Einfalles für den [355] Fall, daß infolge der Restauration der Habsburger die Tschechen und Ungarn in Österreich einrücken würden.

VORSITZENDER: Das ist jetzt genau dasselbe, was der Angeklagte eben getan hat, als ich Sie unterbrochen habe. Er hat gesagt, er wisse nichts von dem Dokument und jetzt versucht er es zu erklären. So etwas ist Argumentation und nicht Beweis.


DR. KUBUSCHOK: Ja, sehr richtig, Herr Präsident.


[Zum Zeugen gewandt:]


Wir gehen zur nächsten Frage über.

Sie erwähnten vorhin, daß Sie beschlossen hätten, die Akten, die für Ihre Tätigkeit in Wien ein dokumentarischer Beleg waren, nach der Schweiz zu schaffen. Ist dies dann später durchgeführt worden?

VON PAPEN: Ja, das ist durchgeführt worden. Mein Sekretär, Herr von Ketteler, hat diese Akten anfangs März 1938 nach der Schweiz verbracht.

DR. KUBUSCHOK: Schildern Sie kurz die Umstände der Ermordung Ihres Mitarbeiters Baron von Ketteler nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich. Was haben Sie insbesondere für die Aufklärung des Falles unternommen?


VON PAPEN: In den Tagen des Einmarsches in Wien war mein Sekretär und Freund, Herr von Ketteler, plötzlich verschwunden. Ich alarmierte sofort die Wiener Polizei, Herrn Himmler, Herrn Heydrich und Dr. Kaltenbrunner. Man versprach Nachforschungen. Die Nachforschungen blieben lange erfolglos. Ich hatte zunächst angenommen, daß Herr von Ketteler geflüchtet sei, weil seine Beziehungen zu der österreichischen Partei sehr schlecht waren. Aber dann stellte sich einige Wochen später heraus, daß die Leiche des Herrn von Ketteler in der Donau unterhalb Wiens gefunden wurde. Ich erstattete Anzeige beim Staatsanwalt auf Mord gegen Unbekannt. Auf meine Intervention ersuchte ich um eine Obduktion der Leiche. Die Obduktion findet statt mit dem Resultat, daß keine Anzeichen einer gewaltsamen Tötung zu erkennen sind. Trotzdem ist mir vollkommen klar, daß dieser neue Akt ein Racheakt der Gestapo gegen mich und meine Politik und meine Freunde gerichtet ist. Ich wende mich an Göring, dem die Gestapo untersteht, um Hilfe. Herr Göring fordert die Akte an von der Gestapo und sagt mir, es bestünden Beweise, daß Herr von Ketteler einen Attentatsversuch gegen Hitler vorbereitet habe. Ich erkläre das für völlig ausgeschlossen. Aber dann wird von Herrn Göring festgestellt durch die Gestapo, daß ich meine Akten in die Schweiz verbracht habe und daß Herr von Ketteler dabei geholfen habe. Herr Göring verspricht mir, mit Hitler zu verhandeln und die Bestrafung der Gestapoleute zu verlangen, die an diesem Falle beteiligt sind. Ich [356] glaube auch, daß er es getan hat, aber ein Erfolg auf diese Intervention ist nicht gewesen.


DR. KUBUSCHOK: Sie haben sich nach Ihrer Abreise aus Wien ins Privatleben zurückgezogen. Sind Ihnen neue Auslandsposten angeboten worden?


VON PAPEN: Ich habe mich ins Privatleben zurückgezogen, da meine Erfahrungen nach dem 30. Juni und jetzt in Österreich ja nicht so waren, daß ich erneut einen Posten hätte anstreben wollen. Ich kann nur feststellen, daß Herr von Ribbentrop in der nachfolgenden Zeit mich zweimal gebeten hat, als Botschafter nach Ankara zu gehen und daß ich es zweimal abgelehnt habe.


DR. KUBUSCHOK: Als letzte Frage au dem Komplex Österreich: Nach dem Einmarsch in Wien hat Hitler Ihnen das goldene Parteiabzeichen verliehen. Bitte äußern Sie sich dazu.


VON PAPEN: Das ist zutreffend. Hitler pflegte, wie wir wissen, Akte einer plötzlichen Entlassung, und er hatte mich ja am 4. Februar kurzerhand entlassen und die österreichische Frage ohne mich gelöst, solche Akte pflegte er nach außenhin durch freundliche Briefe und Dekorationen zu camouflieren. Vielleicht hätte ich damals dieses goldene Parteiabzeichen ablehnen sollen, denn ich befand mich ja in keiner offiziellen Position mehr und hätte an sich keinen Grund gehabt, es anzunehmen. Aber die Lage, in der ich mich in diesen Tagen befand, war doch so schwierig, daß ich sie nicht noch verschlechtern wollte. Mein Mitarbeiter Ketteler war verschwunden, und ich mußte gewärtig sein, in einen Staatsprozeß verwickelt zu werden, weil ich meine Akten nach der Schweiz verbracht hatte. Also habe ich das Abzeichen angenommen. Aber ich bestreite, daß damit meine Parteizugehörigkeit bewiesen ist. Ich glaube, daß niemand, der mich kennt, auch unter den Herren, die mit mir zusammen auf dieser Bank sitzen, behaupten wird, daß ich jemals in meinem Leben ein Nationalsozialist gewesen bin.


DR. KUBUSCHOK: Ich stehe jetzt vor der Erörterung eines verhältnismäßig kurzen Zeitabschnitts, nämlich der türkischen Zeit. Darf ich damit jetzt beginnen?


VORSITZENDER: Warum ist es in Anbetracht dessen, was die Anklagebehörde vorgebracht hat, notwendig, auf die Vorkommnisse nach dem Anschluß im März 1938 einzugehen? Ich meine, wirft das auch ein Licht auf die Vergangenheit? Soviel ich weiß...


DR. KUBUSCHOK: Herr Präsident! Ich bin dann fertig mit dem gesamten Österreich-Komplex. Ich habe jetzt nur noch einen kurzen Komplex, die Tätigkeit des Angeklagten während seiner Botschafterzeit in Ankara. Ich frage nur, ob es an der Zeit ist, jetzt damit zu [357] beginnen oder ob das Gericht eine Pause wünscht. Ich werde ungefähr in einer Stunde völlig fertig sein.


VORSITZENDER: Das werde ich in ein paar Minuten tun. Aber, was ich Sie fragen wollte, war, warum es im Hinblick auf die seitens der Anklagebehörde gegen den Angeklagten erhobenen Beschuldigungen notwendig ist, auf die Geschichte des Angeklagten in Ankara einzugehen. Soviel ich weiß, hat die Anklage erklärt, daß sie in Verbindung mit seiner Tätigkeit in Ankara keine Beschuldigungen gegen den Angeklagten erhebt. Wenn die Geschichte jener Zeit kein Licht auf die Vergangenheit wirft, auf die Zeit bis zum März 1938, so scheint es für diesen Prozeß nicht wichtig zu sein.


DR. KUBUSCHOK: Ich beschränke mich bei der Erörterung der türkischen Tätigkeit auf wenige Punkte, und zwar sehr richtig lediglich zur Beleuchtung der vorherigen Tätigkeit des Angeklagten von Papen. Die Beweisführung wird sich darauf erstrecken, daß der Angeklagte in dieser Tätigkeit klar zu erkennen gegeben hat, daß er ein ausgesprochener Gegner des Krieges in allen Phasen gewesen ist und daß er in allen Phasen des Krieges lediglich bemüht gewesen ist, zu einem Frieden zu kommen. Es soll also dieses Material aus der türkischen Tätigkeit den Gegenbeweis dafür liefern, daß der Angeklagte vorher sich irgendwie aktiv an einer Kriegspolitik hatte beteiligen können. Wir müssen ja wohl auch ein vollständiges Bild von einem Mann bekommen, der unter der Anklage der Konspiration steht. Wir müssen, wenn er auf einem offiziellen Posten unmittelbar vor Ausbruch des Krieges und während des Krieges gestanden hat, doch unbedingt untersuchen, ob sein Verhältnis in dieser Zeit nicht gerade den Gegenbeweis liefert, daß er vorher irgendwie mit den Planen, die ja erst während des Zeitraumes seiner ersten Zeit zur Durchführung gekommen sind, in Übereinstimmung gestanden hat. Die Fragen sind kurz, wir werden...


VORSITZENDER: Der Gerichtshof vertagt sich.


[Pause von 10 Minuten.]


DR. KUBUSCHOK: Unter welchen Umständen erfolgte im April 1939 Ihre Berufung als Botschafter nach Ankara? Warum haben Sie diesen Posten angenommen?

VON PAPEN: Ich habe den Posten angenommen, nachdem ich ihn zweimal abgelehnt hatte, unter sehr außergewöhnlichen Umständen. Am Tage der Besetzung Albaniens durch Italien hat Herr von Ribbentrop mich angerufen und mich dringend nach Berlin gebeten. Dort hat er mir auseinandergesetzt, daß der Posten in Ankara, der seit sechs Monaten unbesetzt war, sofort besetzt [358] werden müsse wegen der Komplikationen, die aus der Albanien-Besetzung im Südosten entstehen könnten. Bevor ich diesen Posten annahm, hatte ich mir sehr wohl überlegt, ob ich noch einmal irgend etwas für die Hitler-Regierung tun könne und tun müsse. Wir wußten seit dem 15. März, dem Einmarsch in Prag, daß wir auf einem Pulverfaß saßen. Es gab in dieser europäischen Frage zwei Konfliktmöglichkeiten; das eine war die Polenfrage, da konnte ich nichts tun, das andere war die Südostfrage, die akut geworden war durch die albanische Besetzung. Ich fühlte, daß ich hier etwas tun konnte und dazu beitragen, daß der europäische Friede aufrechterhalten bliebe. Darum habe ich mich zur Verfügung gestellt, in diesem Augenblick nach Ankara zu gehen.


DR. KUBUSCHOK: Sie fuhren zunächst informationshalber nach Ankara, haben dort die Lage geklärt und dann Ihre Ansicht in einem mündlichen und schriftlichen Bericht kundgetan. Bitte äußern Sie sich dazu.


VON PAPEN: Ich erhielt in Ankara sofort ein Bild der Gesamtlage, weil ich ja alle früheren Persönlichkeiten dort kannte.


VORSITZENDER: Dr. Kubuschok! Sie haben doch nicht vor, mit dem Angeklagten all die Verwicklungen der türkischen Politik durchzugehen?


DR. KUBUSCHOK: Nein, das ist nicht meine Absicht. Die Frage mündet aus in einem Bericht, den der Angeklagte in Berlin nicht nur an Hitler, sondern auch an andere Stellen gegeben hat. In der Übergabe des Berichts, in dessen Inhalt, liegt eine positive Tätigkeit für die Erhaltung des Friedens. Deswegen bin ich bloß auf die Dinge eingegangen. Und Herr Zeuge, ich bitte Sie, in der Umgrenzung...


VORSITZENDER: Haben Sie diesen Bericht da?


DR. KUBUSCHOK: Nein, dieser Bericht ist auch bei den Akten des Auswärtigen Amtes, an die ich nicht herankommen kann.


VORSITZENDER: Nun, dann müssen Sie wohl besser auf die Angelegenheit eingehen, aber bitte kurz.


DR. KUBUSCHOK: Zeuge, fahren Sie bitte fort.


VON PAPEN: Ich werde mich ganz kurz fassen, Mylord.

Ich bin zurückgekommen von der Türkei, habe Hitler gesagt in einem Bericht, was man tun muß, um den europäischen Frieden zu erhalten. Ich habe dieses Memorandum auch an Keitel und Brauchitsch gegeben. Ich halbe darin ausgeführt, daß es notwendig sei, um die Lage im Südostraum zu halten, daß Italien sofort tatsächliche Versprechungen gibt, das heißt, Zurückziehung seiner militärischen Kräfte aus Albanien und eine Regelung seines Verhältnisses mit der Türkei, um dort jeden Zweifel an der Aufrichtigkeit der italienischen Politik zu beseitigen. Darüber ist es zu einer [359] sehr erregten Auseinandersetzung zwischen dem Grafen Ciano und nur gekommen. Graf Ciano befand sich an diesem Tage in Berlin zur Unterzeichnung des deutsch-italienischen Bündnisses. Als ich ihm meine Vorschläge machte, war er in hohem Maße entrüstet über diese Zumutungen und beschwerte sich bei Herrn von Ribbentrop über mich. Es folgte daraus eine sehr erregte Auseinandersetzung mit Herrn von Ribbentrop, der nur sagte, daß er die deutsche Außenpolitik führe und nicht ich und daß es schließlich nicht meine Aufgabe sei, Vorschläge für die Befriedung zu machen. Ich habe dann Herrn von Ribbentrop mein Abschiedsgesuch angeboten und habe ihm gesagt, es sei nutzlos, daß ich unter solchen Umständen nach Ankara gesandt werde, aber Herr von Ribbentrop hat dann eingelenkt, und ich bin wieder zurückgefahren.


DR. KUBUSCHOK: Haben Sie in diesem Bericht ganz allgemein gegen ein Kriegsabenteuer gewarnt, und mit welchen Gründen haben Sie diese Warnung unterstützt?


VON PAPEN: Das Memorandum, das ich auch an General Keitel und General Brauchtisch gegeben halbe, enthielt auch eine militärische Darlegung der Lage. Darin habe ich ausgeführt, der Beginn eines Krieges um den Polnischen Korridor muß unbedingt zu einem Weltkrieg führen. Wenn ein solcher Weltkrieg ausbricht, ist die Lage Deutschlands hoffnungslos, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß England sein Versprechen an Polen halten wird und daß England und Frankreich an die Seite Polens tritt.


DR. KUBUSCHOK: Wie war Ihre Reaktion auf die Nachricht über den Ausbruch des Krieges am 1. September 1939?


VON PAPEN: Als mich die Nachricht vom Ausbruch des Polenkrieges in Ankara erreichte, war ich entsetzt. Ich hatte selbstverständlich gehofft, daß Hitler sich von diesem Schritt, der uns in das größte Unglück stürzen müßte, zurückhalten würde.

DR. KUBUSCHOK: Ich verweise auf das Dokument 14, Seite 62, ein Affidavit der langjährigen Privatsekretärin des Zeugen von Papen. Ich zitiere eine kurze Stelle von Seite 64, den zweitletzten Absatz:

»Die Bekanntgabe des Kriegsausbruches am Radio erlebte ich in der Botschaft Ankara zusammen mit dem Botschafter und den sämtlichen Mitarbeitern. Anschließend daran ging ich mit dem Botschafter durch den Park der Botschaft. Der Botschafter war außerordentlich erregt und erschüttert. Ich hatte ihn nie so gesehen, selbst nicht nach den dunkelsten Tagen des 30. Juni 1934 und nicht nach der Ermordung seines Freundes Ketteler.

Deshalb erinnere ich mich genau an jedes Wort, das der Botschafter damals zu mir sagte: ›Denken Sie an meine Worte: Diesen Krieg zu provozieren ist das größte Verbrechen und [360] der größte Wahnsinn, den Hitler und seine Leute begehen konnten. Deutschland kann diesen Krieg nicht gewinnen. Alle werden unter den Trümmern bleiben.‹«


[Zum Zeugen gewandt:]


Wie waren, Herr Zeuge, Ihre Entschlüsse für die Zukunft?

VON PAPEN: Was konnte ich tun? Ich konnte entweder Protest erheben, dann mußte ich, um nicht als Hochverräter in Deutschland erschossen zu werden, im Auslande bleiben. Ich konnte in die Emigration gehen. Das würde ich niemals getan haben, denn ich habe immer gefunden, daß man in seinem Lande besser arbeiten kann als in der Emigration. Ich konnte meine Demission geben; dann kehrte ich nach Deutschland zurück und würde Soldat. Das beste schien mir, ich bleibe dort, wo ich war und wo ich am ehesten meinem Vaterlande helfen konnte.

DR. KUBUSCHOK: Ich komme auf Ihre verschiedenen Friedensbemühungen zu sprechen. Bitte schildern Sie zunächst Ihre Verhandlungen mit dem Holländischen Gesandten Dr. Visser.


VON PAPEN: Ich hatte unmittelbar nach dem Polenfeldzug Verhandlungen mit dem damaligen Holländischen Gesandten in Ankara, Dr. Visser, der sich bereit erklärte zu einer Vermittlung seines Außenministers in London. Die Voraussetzung eines Friedens wäre naturgemäß gewesen die Restauration Polens mit einer entsprechenden Regelung der Korridorfrage, der deutschen Teile. Ich habe Herrn von Ribbentrop diese Möglichkeit einer Friedensvermittlung unterbreitet, aber es schien mir, daß sie in Berlin nicht weiter verfolgt wurde, und deshalb begab ich mich im November 1939 persönlich nach Berlin. Herr von Ribbentrop sagte mir: »Der Führer will nichts von Friedensverhandlungen wissen, ich bitte Sie also, keine Schritte zu unternehmen.«

Ich bin trotzdem zu Hitler gegangen, habe ihm das Angebot der Holländer unterbreitet und den Wunsch des Holländischen Gesandten Dr. Visser, persönlich nach Berlin zu kommen. Hitler hat leider alle meine Argumente abgelehnt.


DR. KUBUSCHOK: Ich weise darauf hin, daß mit Genehmigung des Gerichts an den Gesandten Dr. Visser ein Fragebogen über dieses Beweisthema hinausgegangen ist, der Fragebogen ist noch nicht eingetroffen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Machten Sie 1939 weitere Vorschläge in Richtung einer Kriegsbeendigung? Ich denke dabei an einen Bericht über die Wiederherstellung des Rechtslebens in Deutschland.

VON PAPEN: Ja; ich habe im Dezember 1939 einen ausführlichen Bericht an Herrn von Ribbentrop für Hitler gerichtet und [361] habe in diesem Bericht ausgeführt, daß die erste Bedingung für jeden Friedensschluß und für jede Friedensbereitschaft des Auslandes die Abkehr von den jetzigen Regierungsmethoden Deutschlands sein müsse, das heißt eine Rückkehr in Deutschland zu verfassungsmäßigen Zuständen. Dann habe ich Hitler gesagt: »Wenn Sie das getan haben, werden Sie mehr Kredit im Auslande finden, und es wird vielleicht möglich sein, eine Friedensvermittlung anzubahnen.«

DR. KUBUSCHOK: Wie war die Instruktion, die Sie von Berlin erhalten hatten in Bezug auf Friedensbemühungen, und was taten Sie trotzdem?


VON PAPEN: Die Missionschefs haben wiederholt vom Reichsaußenminister den strikten Befehl erhalten, unter keinen Umständen irgendwelche Friedensfühler auszustrecken. Solche Versuche würden nach Ansicht des Auswärtigen Amtes ein Zeichen der Schwäche sein. Ich habe mich an dieses Gebot nicht gehalten, weil ich entschlossen war, von mir aus alles zu versuchen, um den Krieg abzukürzen. Daher habe ich mich im Frühjahr 1941 vor der Balkankrise an Seine Majestät den König von Schweden gewandt mit der Bitte, eine Friedensvermittlung einzuleiten. Ich habe auch den Präsidenten der Türkei, Ismed Inönü, gebeten, die Möglichkeiten einer Vermittlung zu erwägen. Präsident Inönü hat das zugesagt, während seine Majestät der König von Schweden es ablehnte und sagte, daß ihm die Lage nicht geeignet erscheine. Der Türkische Staatspräsident verlangte nur, daß für eine Vermittlung er offiziell darum gebeten werde. Das ist natürlich nicht erfolgt.

DR. KUBUSCHOK: Wie dachten Sie über die Ereignisse des 10. Mai 1940, des Einmarsches der deutschen Truppen in Holland und Belgien, und was haben Sie diesbezüglich kundgetan?


VON PAPEN: Am 10. Mai 1940 stand vor meiner Seele der Eindruck, der den ganzen ersten Weltkrieg beherrscht hatte, weshalb und warum Deutschland die belgische Neutralität gebrochen habe. Es war mir völlig unerklärlich, daß dieser psychologische Fehler ein zweites Mal wiederholt würde, und ich habe dieser meiner Meinung Ausdruck gegeben in einem Briefe, den ich am 10. Mai an den Holländischen Gesandten Dr. Visser gerichtet habe.


DR. KUBUSCHOK: Was taten Sie um der Ausweitung des Krieges auf dem Balkan zu steuern?


VON PAPEN: Als die jugoslawische Krisis ausbrach und unsere Truppen durch Bulgarien marschierten, veranlaßte ich Hitler, einen persönlichen Brief an den Türkischen Staatspräsidenten zu richten. In diesem Briefe versicherte er dem Türkischen Staatspräsidenten, daß er unter keinen Umständen beabsichtigen werde, sich auch gegen die Türkei zu richten und daß er deshalb den deutschen Truppen [362] den Befehl gegeben habe, sich 40 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt zu halten.


DR. KUBUSCHOK: Im Juni 1941 schlossen Sie mit der Türkei einen Freundschaftspakt. Geben Sie bitte ganz kurz die Gründe hierzu an.


VON PAPEN: Die Gründe waren sehr einfach; Begrenzung des Krieges. Die Türkei sollte wissen, daß trotz unseres Bündnisses mit Italien, trotz des Krieges auf dem Balkan, trotz des Krieges mit Griechenland, wir die Türkei niemals bedrohen würden. Sie sollte auch wissen, daß wir nicht versuchen würden, durch die Türkei nach dem Suezkanal vorzustoßen. Die Verhandlungen waren sehr lang und schwierig, weil Herr von Ribbentrop wünschte, daß in diesem Vertrage keine Erwähnung getan würde über die vertraglichen Bindungen der Türkei mit den Alliierten. Ich habe dann Herrn von Ribbentrop darauf hingewiesen und ihm gedrahtet, daß die türkischen Herren sich an ihre Verträge halten.


DR. KUBUSCHOK: Wußten Sie von Hitlers Absichten gegen Rußland? Was dachten Sie über diesen Krieg?


VON PAPEN: Der Kriegsbeginn gegen Rußland war selbstverständlich eine vollkommene Überraschung für uns. Wir hatten von Truppenmassierungen auf beiden Seiten gehört, aber ich habe selbstverständlich angenommen und gehofft, daß Hitler seinen Pakt mit Rußland halten werde und daß er diesen Krieg nicht beginnen werde. Ich habe den Beginn des Krieges gegen Rußland vom Gesichtspunkt sowohl der deutschen wie der europäischen Interessen als ein Verbrechen betrachtet.


DR. KUBUSCHOK: Haben Sie, nachdem Sie im Herbst 1943 von einem Besuch in Deutschland zurückgekehrt waren, Ihre Bemühungen für den Frieden noch weiter fortgesetzt?


VON PAPEN: Im Herbst 1943, nach Stalingrad, war es klar geworden, daß man einen Frieden nicht herstellen konnte mit der Hitler-Regierung. Darüber ist zwischen mir und meinen Freunden, auch militärischen Freunden, sehr viel gesprochen worden. Im Herbst 1943 wurde ich in den sogenannten Beck-Plan eingeweiht, von dem hier die Rede gewesen ist durch den Zeugen Gisevius. Dieser Plan sah damals nicht eine Beseitigung Hitlers durch ein Attentat vor, sondern es bestand die Absicht, sein Hauptquartier durch Truppen zernieren zu lassen und dann Hitler einen Prozeß zu machen. Die Gründe dafür lagen auf der Hand. Denn wenn auch viele Generale der Ansicht waren, daß man diesem Kriege ein Ende machen müßte, so scheuten sie sich vor Aktionen gegen Hitler, weil sie der Ansicht waren, daß Hitler immer noch ein sehr großes Prestige besitze. Außerdem bestand die weitere Schwierigkeit, daß, [363] wenn man Hitler beseitigt hätte, man ja nicht wußte, was die Alliierten mit uns tun würden.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Meinung, daß dies kürzer behandelt werden sollte, Dr. Kubuschok.


VON PAPEN: Ich habe infolge all dieser Erwägungen versucht zu erfahren, was die Alliierten mit Deutschland machen würden in einem solchen Falle und habe mich dieserhalb an den damaligen Gesandten, den Amerikanischen Gesandten Earle gewandt, der darüber auch in der Presse berichtet hat.


DR. KUBUSCHOK: Ich verweise auf Dokument 93, Seite 214. Es ist dort enthalten der Fragebogen des Freiherrn von Lersner, den ich selbst als Zeuge vor Gericht stellen wollte, der aber wegen Verkehrsschwierigkeiten nicht hierher kommen konnte. Auf Seite 214 ist die Antwort auf Frage 7:

»Meine Aktionen zur Vermittlung von Friedensverhandlungen beruhten stets auf meiner eigenen Initiative und erstreckten sich auf den Versuch der Vermittlung des allgemeinen Weltfriedens zwischen allen kriegführenden Staaten. Vor allen Friedensschritten habe ich mich mit dem Botschafter von Papen eingehend ins Benehmen gesetzt und bin von ihm immer mit Verve in weitgehendstem Maße unterstützt worden, trotzdem jeder Friedensschritt ihm verboten und für ihn mindestens ebenso lebensgefährlich war wie für mich.

Er hat mich auch mit einer Reihe von Ausländern, vor allem mit dem Apostolischen Delegierten zu Istambul, Erzbischof Roncalli, zusammengebracht.

Als ich 1942 den Entschluß faßte, in den Vatikan zu fahren, hat Botschafter von Papen mir nicht nur dringend zu der Reise geraten, sondern er hat mir persönlich alle notwendigen Papiere und Pässe nach Rom verschafft, wo ich trotz speziellem, ausdrücklichem Verbot der Reichsregierung dem Kardinalstaatssekretär, Kardinal Maglione, und dem diplomatischen Direktor der Kurie, Bischof Montini, eine Weltfriedensaktion des Papstes Pius XII. bei allen kriegführenden Mächten vorschlug.

Als sich mir im April 1944 die Gelegenheit bot, mit dem Freunde des mir seit langem persönlich bekannten Präsidenten Roosevelt, dem früheren Amerikanischen Gesandten in Wien und Sofia, George Earle, in Verbindung zu treten, hat Papen mir wiederum in jeder Weise geholfen. Er hat es sogar auf sich genommen...«


VORSITZENDER: Dies sind Einzelheiten. Genügt es nicht, daß der Angeklagte erklärt, er sei in jeder Weise bestrebt gewesen, [364] Frieden zu machen? Wenn Sie wollen, können Sie dann auf irgendwelche Verhöre oder Affidavits verweisen, die die Aussagen des Angeklagten bestätigen.

DR. KUBUSCHOK: Gut. Ich verzichte dann auf die weitere Verlesung dieser Antwort auf Frage 7, verweise dann weiterhin auf Dokument 94, Seite 217, ein Brief des Zeugen Lersner an Mr. Kirkpatrick. In dem Brief nimmt er darauf Bezug, daß bereits im Jahre 1939 die Absicht des Angeklagten von Papen bestand, Lersner nach der Türkei zu bringen, damit er auf Grund seiner internationalen Beziehungen für den Frieden wirken könnte. Er schildert die Schwierigkeiten gegen diesen Plan, der dann aber doch von Papen durchgeführt worden ist. In dem Brief sind auch weitere Friedensbemühungen bei Admiral von Horthy und König Boris von Bulgarien erwähnt. Ganz kurz möchte ich den vom Zeugen Gisevius aufgeworfenen Fragenkomplex dokumentarisch erhärten. Ich will den Beweis dafür führen, daß Papen in den Kreisen der Verschwörer des 20. Juli keinesfalls ungünstig aufgenommen worden ist, daß man ihm im Gegenteil das Amt eines Außenministers zugedacht hatte. Ich verweise auf die eidesstattliche Versicherung des Grafen Bismarck, Dokument Nummer 90, Seite 201. Graf Bismarck ist im Zug der Ereignisse des 20. Juli in ein Konzentrationslager gebracht worden – das zur Charakterisierung des Zeugen. Im Dokument 90 weist Bismarck darauf hin, daß Papen sich für den Fall einer Regierungsänderung zur Verfügung gestellt hätte. Es ist ein Nachrichtendienst über den im Auswärtigen Amt tätig gewesenen Herrn von Trott verabredet worden. Trott ist im Zuge der Ereignisse des 20. Juli zum Tode verurteilt worden.

Ich verweise letztlich auf das Dokument 89, Seite 199, ein Brief von Pfeil an den Sohn des Zeugen Papen. Dort weist Pfeil darauf hin, daß der Attentäter des 20. Juli, Oberst Graf von Stauffenberg, dem Angeklagten die Tätigkeit als späterer Außenminister in Aussicht gestellt hätte. Die Vorlegung dieses Briefes ist bereits durch das Gericht zugelassen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Wie war Ihre Stellung, Herr Zeuge; während Ihrer türkischen Zeit zur Partei?

VON PAPEN: Meine Stellung zur Partei war außerordentlich schlecht. Ich habe einen jahrelangen Kampf mit dem Landesgruppenleiter der Partei in der Türkei geführt. Dieser Mann hat gegenüber meinem Botschaftsbeamten geäußert, »Herr von Papen gehört in ein Konzentrationslager, oder er muß erschossen werden«. Ich habe einen langen Kampf um die Beseitigung dieses Mannes führen müssen.

DR. KUBUSCHOK: Was haben Sie während dieser Zeit in kirchlichen Dingen getan?


[365] VON PAPEN: Ich habe während des Krieges alles in meinen Kräften stehende getan, um einer Verschärfung des Kampfes gegen die Kirche entgegenzuarbeiten, das heißt, ich habe alle diese Institutionen in der Türkei unter meinen persönlichen Schutz genommen.


DR. KUBUSCHOK: Ich verweise nun dabei auf Dokument 53, Seite 141, und Dokument 51, Seite 138.


[Zum Zeugen gewandt:]


Was haben Sie in der Judenfrage während Ihrer türkischen Zeit getan?

VON PAPEN: Ich habe mich allen Maßnahmen der Deutschen Reichsregierung gegen deutsche Juden widersetzt. Es hat ein langer Parteiprozeß stattgefunden, weil deutsche Angehörige, Mitglieder meiner Botschaft, einen jüdischen Arzt konsultiert hatten. Ich habe diese meine Beamten gegen diesen Vorwurf verteidigt, und ich habe mich geweigert, den in der Türkei befindlichen deutschen Juden die Pässe zu entziehen und sie der Reichsbürgerschaft zu entkleiden.

DR. KUBUSCHOK: Ich verweise auf Dokument 95, Seite 227, der beantwortete Fragebogen von Professor Martionini. Er befaßt sich in Frage 4, 5 und 6 mit diesem Problem. In der Antwort auf Frage 6 ist der letzte Absatz sehr bemerkenswert, und andererseits ist er von dem Zeugen Papen noch nicht erwähnt, so daß ich ihn zitieren möchte. Seite 229, letzter Absatz der Antwort auf Frage 6:

»Besonders deutlich habe ich eine Aktion aus dem Frühling 1944 in Erinnerung, bei der ich auf Ersuchen des Herrn Barlas, des Flüchtlingskommissars der Jewish Agency, Herrn von Papen aufsuchte, um ihn um seine Mitwirkung bei der Errettung von 10000 Juden in Frankreich vor der Verschickung nach Polen zum Zwecke der Vernichtung zu bitten. Diese Juden hatten früher die türkische Nationalität besessen, diese aber später aufgegeben. Herr von Papen entsprach meiner Bitte, und durch sein Eintreten wurde das Leben dieser Juden gerettet, was ich später durch Herrn Barlas selbst erfuhr.«

Ich setze die Verlesung fort:

»Einzelheiten dieser Aktion, über die auch die Herren Steinhardt, damals Botschafter der Vereinigten Staaten in Ankara, und Nunan Menemencioglu, damals Außenminister der Türkei, unterrichtet waren, konnten bei Herrn Barlas angefragt werden.«


VORSITZENDER: Ich möchte Ihnen nochmals vorhalten, daß Sie schon viel mehr Zeit in Anspruch genommen haben, als Sie vorher angegeben hatten, Herr Dr. Kubuschok.

[366] DR. KUBUSCHOK: Ich bin in ganz kurzer Zeit, in wenigen Minuten, fertig.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich stelle die letzte Frage an den Zeugen: Als die Türkei die Beziehungen zu Deutschland am 2. August 1944 abbrach, kehrten Sie nach Deutschland zurück? Warum blieben Sie nicht in der Türkei und trennten sich nicht endgültig von Deutschland?

VON PAPEN: Ich kann feststellen, daß am Tage des Abbruches der Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland der englische Premierminister Churchill im Unterhaus das Folgende gesagt hat: »Der Abbruch der Beziehungen der Türkei zu Deutschland wird viele Folgen haben, unter anderem auch für Herrn von Papen. Am 30. Juni ist er dem Blutbad entronnen. Dieses Mal wird es ihm nicht gelingen.«

Infolgedessen sind an mich von alliierter Seite Aufforderungen gerichtet worden, in der Türkei zu bleiben. Ich habe das abgelehnt. Ich habe gesagt: »Ich gehe nach Deutschland zurück, wo ich hingehöre. Ich gehe nicht in die Emigration, denn vielleicht ist es immer noch möglich, daß ich irgend etwas für mein Vaterland tun kann.« So bin ich nach Deutschland zurückgekehrt. Als ich dort angekommen war, habe ich festgestellt, daß infolge der Terrormethoden, ausgelöst durch den 20. Juli, keine Möglichkeit bestand, irgend etwas zu tun. Man hat mir für den Rest der Zeit einen Posten der Gestapo vor meine Türe gesetzt.

DR. KUBUSCHOK: Ich verweise auf Dokument 95, Seite 226, dem schon erwähnten Fragebogen des Professors Martionini. Ich verweise auf die Antwort zu Frage 3 und möchte nur ganz kurz die letzte Hälfte dieser Antwort, die sich mit dem soeben vom Zeugen erörterten Problem beschäftigt, zitieren.

»Die letzte diesbezügliche Unterredung fand am 2. August 1944 statt, am Tage vor seiner endgültigen Abreise aus Ankara nach Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei.

Auf meinen Rat, die Türkei nicht zu verlassen, sondern von hier aus einen Aufruf an das deutsche Volk und die deutsche Armee zu richten, Hitler zu stürzen und den sinnlosen Krieg sofort einzustellen, antwortete von Papen dem Sinne nach das Folgende: Ich habe aus der Geschichte gelernt, daß man Diktaturen nicht aus der Emigration beseitigen kann; man muß in das Land selbst gehen, um dort das Regime wirksam zu bekämpfen. Ich habe mich deshalb entschlossen, nach Deutschland zurückzukehren, um dort den Kampf gegen das Hitler-Regime zu führen und damit das Kriegsende schneller herbeizuführen.«

Ich bin am Ende meiner Vernehmung des Zeugen von Papen.

[367] VORSITZENDER: Hat irgendein anderer der Herren Verteidiger Fragen zu stellen?

DR. VON LÜDINGHAUSEN: Herr von Papen! Ich möchte einige Fragen an Sie richten mit Erlaubnis des Gerichts.

Seit wann kennen Sie Herrn von Neurath?


VON PAPEN: Seit 1932.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ist es richtig, daß es der ausdrückliche Wunsch des damaligen Reichspräsidenten von Hindenburg war, daß Herr von Neurath als Reichsaußenminister von Ihnen in Ihre Regierung, die Sie damals 1932 bildeten, berufen wurde?


VON PAPEN: Jawohl, das ist vollkommen zutreffend.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: War Ihnen bekannt oder wußten Sie aus der früheren Tätigkeit des Herrn von Neurath auf seinen verschiedenen Botschafterplätzen, besonders aber auf dem letzten in London, daß Herr von Neurath ein unbedingter Anhänger und passionierter Verfechter einer Friedenspolitik war?


VON PAPEN: Das war mir und allen Menschen in Deutschland bekannt.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Und Sie selbst billigten es auch?


VORSITZENDER: Ich glaube, Sie fragen etwas zu schnell. Bitte weiter.

DR. VON LÜDINGHAUSEN: Und Sie selbst billigten auch diese Friedenspolitik?


VON PAPEN: Natürlich habe ich diese Politik gebilligt, denn sonst hätten wir uns ja nicht in diesem Kabinett zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Hat Herr von Neurath ein paar Monate später bei Verhandlungen irgendwie mitgewirkt, die zur Übertragung der Reichskanzlerschaft an Hitler führten?


VON PAPEN: In keiner Weise.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ist Ihnen aber bekannt, daß der Reichspräsident von Hindenburg damals ausdrücklich die Bedingung stellte, daß Herr von Neurath als Reichsaußenminister auch in der neuen Regierung Hitlers verbleibe?


VON PAPEN: Ich habe hier schon erwähnt, daß dies eine ausdrückliche Bedingung Hindenburgs war.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Und wie stellte sich im Prinzip Hitler dazu, hat er das nur angenommen oder akzeptiert, um überhaupt die Regierung bilden zu können, oder hat er die Wahl Hindenburgs gebilligt?


[368] VON PAPEN: Ich glaube, daß Hitler mit der Wahl Neuraths zum Außenminister durchaus einverstanden war.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Haben Sie selbst darüber mal mit Hitler gesprochen?


VON PAPEN: Ja, häufig. Und ich habe von Hitler erfahren, daß er von der Person und Umsicht des Herrn von Neurath große Stücke hielt.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Und haben Sie mit Herrn von Neurath selbst darüber gesprochen?


VON PAPEN: Jawohl.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Hat er sich leicht dazu entschlossen, dieses Kabinett zu bilden?


VON PAPEN: Ich möchte glauben, daß dieselben inneren Vorbehalte, die ich damals gehabt habe, auch Herr von Neurath gehabt hat.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Welches waren denn nun nach Ihrer Kenntnis, soweit Sie sie aus Äußerungen von Hitler entnehmen konnten, damals die außenpolitischen Ziele und Bestrebungen Hitlers?


VON PAPEN: Die außenpolitischen Ziele Hitlers damals waren sehr eng begrenzt: Beseitigung der Diskrimination auf friedlichem Wege und Stärkung der deutschen Stellung in der Welt.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Haben Sie überhaupt bis zum Ende 1937 von Hitler jemals irgendwelche Äußerungen gehört, die darauf schließen ließen, daß er auch Waffengewalt anzuwenden entschlossen wäre, falls seine friedlichen Bemühungen nicht zum Ziele führten?


VON PAPEN: Ich habe niemals von solchen Absichten von Hitler gehört.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Und dann wird immer behauptet, er habe in den führenden Parteikreisen derartige blutige Absichten geäußert?


VON PAPEN: Es ist mir niemals bekannt geworden, daß in der Partei, auch von den radikalsten Nationalsozialisten, irgend jemand von der Idee eines Krieges gesprochen hätte.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Sie waren also durchaus mit den von Herrn von Neurath beabsichtigten und vertretenen Zielen der friedlichen Politik einverstanden?


VON PAPEN: Durchaus.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Nun wurde doch Herrn von Neurath zum Vorwurf gemacht, daß er die Wiederaufrüstung Deutschlands mitgemacht habe. Was war der Grund und das Motiv Hitlers für diese Wiederaufrüstung, die ja wohl schon vor der eigentlichen Übernahme der Wehrhoheit begann?


[369] VON PAPEN: Ich habe gestern ausgeführt, daß die eigentliche Aufrüstung erst begonnen hat nach meinem Rücktritt aus dem Kabinett. Aber soweit ich unterrichtet bin, herrschte bei allen meinen früheren Kollegen die Ansicht vor, daß eine Aufrüstung lediglich zu dem Zweck geschehen solle, um Deutschland einen defensiven Schutz seiner Grenzen zu ermöglichen.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Nun komme ich zu dem Problem Österreich. Kennen Sie die Stellungnahme Herrn von Neuraths zu dem österreichischen Problem?


VON PAPEN: Die Stellung des Herrn von Neurath zum österreichischen Problem war die gleiche wie meine Stellungnahme. Er hat, wie ich selbst, im Kabinett ständig protestiert gegen die von der Partei inszenierten Terrormaßnahmen während der Jahre 1933/1934.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Unterstanden Sie selbst, als Sie seinerzeit von Hitler in außerordentlicher Mission nach Wien gesandt wurden, Herrn von Neurath und erhielten von diesem Ihre Weisungen oder nur von Hitler?


VON PAPEN: Ich habe Herrn von Neurath nicht unterstanden, sondern hatte gebeten, daß ich unmittelbar Hitler unterstellt wurde. Aber ich habe selbstverständlich Herrn von Neurath und das Auswärtige Amt über jeden meiner Schritte unterrichtet, wie das sich ja auch aus den Dokumenten, die hier vorgelegt worden sind, ergibt.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wie war nun die Einstellung Herrn von Neuraths zu den Verhandlungen im Sommer 1936, die zu dem Vertrage vom 11. Juli zwischen Deutschland und Österreich führten?


VON PAPEN: Herr von Neurath war genau der gleichen Auffassung wie ich, daß dieser Vertrag der endgültigen Befriedung der beiden Brudervölker dienen solle und müsse.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Hat er auch in diesem Sinne auf Hitler eingewirkt?


VON PAPEN: Mir ist es nicht bekannt, aber ich nehme es durchaus an.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Und daß er es mit diesem Vertrag ehrlich gemeint hat und aufrichtig? Was ist Ihre Ansicht? Ich bemerke hierzu, daß die Anklage nämlich behauptet und Herrn von Neurath vorwirft, daß dieser Vertrag in betrügerischer Absicht geschlossen worden sein soll.


VON PAPEN: Ich habe darüber gestern ausführlich gesprochen und dagegen protestiert, daß die Anklage uns eine betrügerische Absicht unterschiebt. Herr von Neurath hat ebensowenig solche Absicht gehabt wie ich selbst.


[370] DR. VON LÜDINGHAUSEN: Und noch zwei kurze Fragen. Ist Ihnen bekannt, welche Einstellung Herr von Neurath zu dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund und aus der Abrüstungskonferenz im Jahre 1933 hatte?


VON PAPEN: Ja, das ist mir sehr genau bekannt. Herr von Neurath war der Auffassung, daß es geboten sei, aus der Abrüstungskonferenz auszutreten. Er war aber gleich mir der Auffassung, daß es ein Fehler sei, aus dem Völkerbund auszutreten. Mit seinem Einverständnis bin ich damals, wie ich gestern dem Gericht vorgetragen habe, Hitler nach München nachgereist, um ihn zu überreden, nicht aus dem Völkerbund auszutreten.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ich habe keine weitere Frage mehr, Herr Präsident.


DR. SEIDL: Ich bitte, mit Genehmigung des Gerichts, in Vertretung des abwesenden Kollegen Dr. Stahmer eine Frage für den Angeklagten Göring stellen zu dürfen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Zeuge! Sie haben heute vormittag erklärt, daß Sie im Zusammenhang mit der Ermordung Ihres Freundes Ketteler sich im Jahre 1938 an Göring gewandt hätten, weil diesem die Geheime Staatspolizei unterstanden habe. Ist es nicht eine Tatsache, und ist Ihnen nicht diese Tatsache bekannt gewesen, daß spätestens vom Jahre 1936 ab die Geheime Staatspolizei ausschließlich Himmler unterstand, und daß sie formell dem Reichsinnenminister unterstellt war?

VON PAPEN: Es ist möglich, daß ich durch meine vierjährige Abwesenheit von Deutschland in Österreich das nicht gewußt habe. Es ist ja hier festgestellt worden. Ich hatte jedenfalls das Gefühl, als ich mich an Göring wandte, daß er imstande sei, mich gegen die Gestapo zu verteidigen, und nachdem es Hitler abgelehnt hatte, mich in dieser Angelegenheit zu sprechen, war es nur natürlich, daß ich an ihn, an den zweiten Mann in Deutschland, mich wandte.

DR. SEIDL: Ich habe keine weitere Frage mehr.


VORSITZENDER: Will die Anklagebehörde den Zeugen im Kreuzverhör vernehmen? Sir David, würden Sie lieber nach der Pause beginnen?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Mylord! Ich denke, daß ich bis dahin die Dokumente zusammengestellt haben werde und daß es vielleicht für den Gerichtshof bequemer wäre.


VORSITZENDER: Wir werden dann um 13.55 Uhr wieder zusammentreten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich danke vielmals, Euer Lordschaft.


[Das Gericht vertagt sich bis 13.55 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 16, S. 344-372.
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