Nachmittagssitzung.

[468] DR. DIX: Ich glaube, Dr. Schacht, wir müssen beide etwas langsamer sprechen und zwischen Frage und Antwort eine längere Pause einlegen.

Nun bitte ich Sie also, zum Vorwurf der Anklage, Sie seien ein Expansionist gewesen, Stellung zu nehmen.


SCHACHT: Ich habe niemals in meinem Leben irgendeinen Fußbreit Raum oder Boden verlangt, der nicht Deutschland gehörte und würde auch nie auf eine solche Idee kommen. Ich bin der Meinung, daß man weder national ist, wenn man fremde Völker zu beherrschen und zu regieren sucht, noch daß es eine politische Gerechtigkeit ist, wenn man sich fremde Landesgebiete aneignet.

Beides sind Fragen, die uns ja augenblicklich sehr beschäftigen.

Man kann dann vielleicht noch hinzufügen, um klarzumachen, was ich unter Nationalismus verstehe und wie sehr ich gegen jeden Expansionismus gewesen bin, einen einzigen Satz aus einer Rede, die ich im August 1935 gehalten habe. Da habe ich gesagt:

»Wir wollen zum Ausdruck bringen, daß Selbstachtung die Achtung anderer bedingt, daß Behauptung unserer Eigenart nicht die Herabsetzung der Eigenart anderer bedeutet, daß die Anerkennung fremder Leistung unsere eigene Leistung nur heraufsetzen kann und daß ein wirtschaftlicher Konkurrenzkampf auf die Dauer nur durch vorbildliche Leistung, nicht aber durch Methoden der Gewalt oder Verschlagenheit gewonnen werden kann.«


DR. DIX: Nach Ansicht der Anklagevertreter sind Sie im Jahre 1936 mit einer offiziellen Kriegsdrohung herausgekommen, indem Sie damals gesagt hätten, der Geist von Versailles habe die Kriegswut am Leben erhalten. Ich beziehe mich hier auf das Dokument EC-415, auf das sich die Anklage bezogen hat.

SCHACHT: Ich habe niemals begriffen im Laufe dieses Prozesses, wieso in diesem Zitat eine Kriegsdrohung liegen soll. Das Zitat schließt mit den Worten: – ich muß hier englisch zitieren, weil ich nur den englischen Wortlaut da habe; Zitat:

»The spirit of Versailles is perpetuated in the fury of war, and there will not be a true peace, progress, or reconstruction until the world desists from this spirit. The German people will not tire of pronouncing this warning.«

»Der Geist von Versailles hat die Wut des Krieges verewigt; ehe die Welt von diesem Geist nicht läßt, wird kein wahrer Friede, kein Fortschritt, kein Wiederaufbau sein. Diese Mahnung auszusprechen, wird das deutsche Volk nicht müde werden.«

[468] Der Schlußsatz lautet also: »Diese Mahnung auszusprechen, wird das deutsche Volk nicht müde werden.«

Es ist doch ganz selbstverständlich, daß damit zum Ausdruck gebracht ist, daß ich die anderen warne, die Kriegswut fortzusetzen, und nicht uns selbst; also ich warne die Welt, den Geist von Versailles zu verewigen.

DR. DIX: Der Anklagevertreter wirft Ihnen weiter in diesem Zusammenhang vor, daß Sie öffentlich die Idee vom Lebensraum für das deutsche Volk befürwortet haben und bezieht sich insbesondere hierfür auf Ihre Frankfurter Rede vom 9. Dezember 1936, in der Sie gesagt haben:

»Deutschland hat einen zu geringen Lebensraum für seine Bevölkerung.«


SCHACHT: Dieser Vortrag vom 9. Dezember 1936 ist ein Vortrag, der sich allein und einzig mit einer kolonialen Wiederherstellung deutscher Rechte befaßt. Ich habe nie einen anderen Lebensraum für Deutschland verlangt als den kolonialen, und auch hier wundere ich mich wieder, daß gerade der amerikanische Anklagevertreter mir dieses Bestreben vorwirft; denn in den 14 Punkten Wilsons, die ja dann nachher leider verlassen worden sind, wird uns, den Deutschen, ja ausdrücklich eine Berücksichtigung der kolonialen Interessen zugebilligt.

Ich habe infolgedessen immer wieder gesagt: Gebt Deutschland, wenn Ihr Frieden in Europa haben wollt, einen wirtschaftlichen Auslauf, wohin es seine Leistung entwickeln kann und woher es seine Nöte befriedigen kann, sonst wird Deutschland stets ein Unruheherd und ein Problem für Europa bleiben.

In diesem Vortrag heißt eine Stelle – ich zitiere nur einen Satz:

»Der Friede in Europa und damit wohl auch der übrigen Welt hängt davon ab, ob die dichtgedrängten Massen Zentraleuropas eine Lebensmöglichkeit für sich bekommen oder nicht.«

Diesen Gesichtspunkt habe ich immer und immer wieder hervorgehoben. Ich habe aber niemals damit eine Vorstellung von einer kriegerischen Auseinandersetzung verbunden; denn in demselben Vortrag heißt es wieder an einer anderen Stelle – ich zitiere wiederum nur einen Satz – Zitat:

»Ich habe diese Betrachtung über die abgetrennten Gebiete« – ich spreche da von den Verlusten, die Deutschland erlitten hat – »selbstverständlich nicht angestellt, um irgendwelche kriegerischen Maßnahmen daraus zu folgern, wie überhaupt meine ganze Einstellung und Arbeit dem Ziele dient, die europäischen Verhältnisse durch verständige Friedensmaßnahmen zu bereinigen.«


[469] VORSITZENDER: Könnten Sie mir die PS- und Beweisstücknummern dieser zwei Reden angeben?

DR. DIX: Nein, im Moment kann ich das nicht, Euer Lordschaft. Aber ich werde es nachholen und schriftlich mitteilen. Das letzte ist die Rede in Frankfurt, die muß ich noch mitteilen, und das andere ist...

VORSITZENDER: Es ist schon in Ordnung, wenn Sie es schriftlich vorlegen.


SCHACHT: Ich darf mich vielleicht, wenn es dem Gericht nicht zuviel wird, noch auf die zwei Sätze aus meinem Artikel beziehen, den ich im »Foreign Affairs«, dem bekannten amerikanischen Magazin, im Jahre 1937 veröffentlicht habe. Ich habe hier die deutsche Übersetzung. Da heißt es an einer einleitenden Stelle:

»Ich schicke diese Bemerkung voraus, um klarzumachen, daß die koloniale Frage – heute so wenig wie früher – für Deutschland eine Frage des Imperialismus oder des Militarismus ist, sondern auch heute noch lediglich eine Frage der wirtschaftlichen Existenz.«

Ich darf auch vielleicht darauf verweisen, daß ja auch sehr einflußreiche Amerikaner ständig für diese Forderung eingetreten sind. Ich habe hier ein Zitat von dem bekannten Amerikaner Colonel House, dem Mitarbeiter von Präsident Wilson, der den bekannten Unterschied zwischen den »Haves« und den »Have-nots« gemacht hat und sich für eine Berücksichtigung deutscher kolonialer Interessen besonders eingesetzt hat. Ich glaube, ich kann auf das Zitat verzichten.

DR. DIX: In diesem Zusammenhang kann ich verweisen auf das von der Anklagebehörde vorgelegte Dokument L-111, US-630. Es handelt sich da um eine Unterhaltung, die Sie mit dem Amerikanischen Botschafter Davies geführt haben, wo Ihnen vorgeworfen wird, auf indirekte Weise mit einem Friedensbruch gedroht zu haben.

SCHACHT: Ich habe eben schon ausgeführt, daß ich ständig gesagt habe: Europa kommt nicht zu einer friedlichen Entwicklung, wenn nicht irgendeine Lebensmöglichkeit für das völlig übervölkerte Mitteleuropa geschaffen wird; und ich glaube, wie recht ich gehabt habe, beweist der augenblickliche Zustand ja noch viel mehr. Denn diese Mengen innerhalb von Europa zu ernähren, ist ja eine völlige Unmöglichkeit. Ich hatte außerdem ein lebhaftes Interesse daran, die völlig abwegigen Ideen Hitlers von Osteuropa abzulenken und habe mich deshalb ständig bemüht, sein Interesse für die koloniale Frage zu beleben, um ihn von diesen verrückten Ideen, der Ausweitung nach Osten, abzubringen. Ich erinnere mich, daß ich im Jahre 1932, kurz vor seinem Amtsantritt, einmal eine Unterhaltung [470] mit ihm gehabt habe, wo ich ihm zum erstenmal diese Gedanken beigebracht habe und ihm vor allem gesagt habe, was für ein Unsinn es wäre, an diese Osterweiterung zu denken. Ich habe dann ständig in den nächsten Jahren immer wieder über die Kolonialfrage gesprochen, bis er mir endlich im Sommer 1936 die Möglichkeit eröffnete, meine Ideen weiterzuverfolgen, und mir den Auftrag gab, den ich ihm nahegelegt hatte, einmal nach Paris zu fahren und über die Möglichkeit einer kolonialen Befriedigung Deutschlands mit der Französischen Regierung Fühlung aufzunehmen. Das ist im Sommer 1936 geschehen; und ich darf hier zu meiner Genugtuung, und zwar zur Genugtuung aller Friedensfreunde sagen, daß die Regierung Léon Blum, die damals am Ruder war, erfreuliches Verständnis für diesen Ausweg aus den ernährungs- und wirtschaftlichen Unterhaltsschwierigkeiten Europas einsah und ihrerseits sich bereit erklärte, die koloniale Frage weiter zu behandeln, mit dem Ziel, die eine oder andere Kolonie an Deutschland zurückzugeben. Léon Blum unternahm es dann auch, im Einverständnis mit mir, die Englische Regierung über diese Besprechung zu unterrichten und die Zustimmung der Englischen Regierung herbeizuführen, beziehungsweise die Diskussion bei der Englischen Regierung in Gang zu bringen. Das ist auch geschehen, jedoch hat die Englische Regierung monatelang gezögert, bis sie sich zu einer Stellungnahme entschließen konnte, und so geriet diese ganze Unterhaltung in die beginnenden Monate des spanischen Bürgerkrieges hinein und wurde von dem Problem des spanischen Bürgerkrieges abgelöst, so daß eine Fortsetzung der Gespräche über diesen Gegenstand nicht stattgefunden hat. Ich war damals im Januar 1937, als mich der Amerikanische Botschafter für Moskau, Ambassador Joseph Davies, in Berlin besuchte, etwas sehr ärgerlich über die Langsamkeit, mit der die Britische Regierung dieser ganzen Anregung gefolgt war; ich habe mich infolgedessen gewissermaßen mit der Bitte um Verständnis und Unterstützung an Ambassador Davies gewandt, ihm die ganze Angelegenheit erzählt, wie ich überhaupt ständig gerade bei den Vertretern der Amerikanischen Regierung immer und immer wieder versucht habe, Hilfe und Verständnis zu erzielen, ebenso wie ich immer wieder versucht habe, diese Herren auch über die inneren Verhältnisse und die Entwicklung in Deutschland, soweit es irgend möglich und mit dem deutschen Interesse vereinbar war, auf dem laufenden zu halten. Das gilt für Ambassador Davies, das gilt für Ambassador Dodd, das gilt für Ambassador Bullitt, wenn er nach Berlin kam, und so weiter.

Auf diese Unterhaltung mit Ambassador Davies bezieht sich das Dokument, welches die Anklage hier eingereicht hat, L-111; es ist aus dem Buch entnommen, welches Ambassador Davies über seine Mission in Moskau hat erscheinen lassen, auf das vielleicht später noch zurückzukommen sein wird.

[471] Ich möchte als Quintessenz dieser Unterhaltung mit Davies nur einen Satz wiederum lesen, den ich wieder englisch zitieren muß, weil ich nur das englische Buch zur Verfügung habe. Ich zitiere:

»Schacht earnestly urged that some such feasible plan could be developed if discussions could be opened; and that, if successful, would relieve European war menace, relieve peoples of enormous expenditures for armaments, restore tree flow of international commerce, give outlet to thrift and natural abilities of his countrymen and change their present desperation into future hope.«

»Schacht hat besonders betont, daß ein praktisch durchführbarer Plan entwickelt werden könnte, falls man in der Lage sei, miteinander ins Gespräch zu kommen; wenn diese Verhandlungen erfolgreich wären, dann wäre die europäische Kriegsgefahr beseitigt und die Völker wären von gewaltigen Rüstungsausgaben befreit; ferner würde wieder ein freier Ausgleich des internationalen Handels hergestellt, der Sparsamkeit und den natürlichen Fähigkeiten seiner Landsleute ein Wirkungskreis geboten und die gegenwärtige Verzweiflung in Hoffnung auf die Zukunft umgewandelt.«


DR. DIX: In diesem Zusammenhang spielt auch das Affidavit Fullers eine Rolle. Die Exhibit-Nummer dieses Affidavits ist US-629 EC-450. Nach diesem Affidavit sollen Sie Herrn Fuller gegenüber erklärt haben, daß, wenn Deutschland keine Kolonien im Verständigungsweg bekommen könne, es sich diese nehmen würde. Wollen Sie sich bitte hierzu erklären?

SCHACHT: In einem deutschen Drama wird ein Intrigant vor einem Gewalthaber beauftragt, einen Ehrenmann zu Fall zu bringen und er sagt dabei zur Antwort: »Gebt mir nur ein einziges Wort von diesem Manne, und ich will ihn daran aufhängen.« Ich glaube meine Herren Richter, daß in diesem Saal nicht ein einziger ist, der nicht in seinem Leben mal ein ungeschicktes Wort gebraucht hätte und wieviel mehr verständlich ist es, wenn er in einer fremden Sprache spricht, die er nicht beherrscht oder nicht völlig beherrscht?

Herr Fuller ist mir als ein ehrenwerter Geschäftsmann bekannt und die ganze Unterhaltung, die er hier wiedergegeben hat, ist zweifellos nach bestem Wissen wiedergegeben. Er selbst bemerkte durchaus richtig, daß, wenn er sich auch bemüht hätte, genau die Worte festzulegen, er doch nicht garantieren könne, daß jedes Wort gesagt worden sei. Aber, wenn ich dieses Wort gesagt habe, so bedeutet es nichts anderes, als daß ich gesagt habe, wir Deutschen müssen Kolonien haben und wir werden sie haben. Ob ich gesagt habe »we will take them« oder »we will get them«, kann ich natürlich heute nach zehn Jahren nicht mehr mit Sicherheit behaupten. Auch dem Vertreter des mündlichen Anklagevortrages ist dieses [472] Wort »we will take them« etwas mager erschienen, und er leistet sich infolgedessen eine kleine Hinzufügung. Er sagt nämlich zweimal in seiner Anklagerede, ich hätte gesagt: »Wir würden uns die Kolonien mit Gewalt nehmen«, und ein zweites Mal sagt er sogar: »Wir würden uns die Kolonien mit Waffengewalt nehmen.« Dabei steht von »Gewalt« oder »Waffengewalt« in dem ganzen Affidavit Fullers nicht ein einziges Wort drin. Und wenn ich dieses Wort gebraucht hätte oder auch nur dem Sinne nach gebraucht hätte, so müßte doch Herr Fuller vernünftigerweise gesagt haben: »Sagen Sie mal, Sie wollen die Kolonien mit Gewalt nehmen, wie denken Sie sich das?« Es wäre doch geradezu ein Unsinn gewesen, zu behaupten, daß Deutschland überseeische Kolonien jemals mit Gewalt nehmen könnte, dazu fehlte ihm – und wird ihm immer fehlen – die Beherrschung der See, die dazu notwendig ist. Herrn Fuller ist infolgedessen auch meine Ausdrucksweise gar nicht aufgefallen, sondern er fährt in seinem Gespräch sofort weiter. Ich zitiere:

»You mentioned a little while ago that necessary raw materials could not be obtained owing to German lack of foreign exchange. Would stabilization help you?«

»Sie haben gerade erwähnt, daß Sie die notwendigen Rohmaterialien infolge des deutschen Devi senmangels nicht bekommen könnten. Würde Ihnen eine Stabilisierung helfen?«

Also, anstatt sich zu erregen darüber, daß ich Kolonien mit Gewalt nehmen möchte, was ich nie gesagt habe und was auch meinen ganzen sonstigen Ausführungen, wie die Herren ja schon gesehen haben, widerspricht, kommt er sofort auf die Frage der fremden Valuta und der Stabilisierung zu sprechen.

DR. DIX: Der Anklagevertreter behauptet des weiteren, Sie seien für die Eroberung von Nachbargebieten in Europa gewesen.

SCHACHT: Diese Angelegenheit liegt nun nicht so harmlos wie die bisherigen Mißgriffe der Anklage. Es ist mir in einem mündlichen Vorverhör vorgehalten worden, und der Anklagevertreter der mündlichen Anklage hat sich darauf bezogen, was folgt; ich zitiere den Anklagevertreter:

»Am 16. April 1929, und zwar anläßlich der Pariser Reparationskonferenz, sagte Schacht: Deutschland kann im allgemeinen nur zahlen, wenn der Korridor und Oberschlesien an Deutschland zurückgegeben werden.«

Das ist ein Verhör vom 24. August 1945. Nach dem Protokoll des Verhörs habe ich geantwortet:

»It may be that I said such a thing.«

»Es kann sein, daß ich etwas Derartiges gesagt habe.«

Mir war selbstverständlich der Wortlaut einer Äußerung von [473] mir, die mehr als zehn, fünfzehn Jahre zurücklag, nicht mehr gegenwärtig. Es war mir aber in der Erinnerung, daß ich im Zusammenhang mit dem Korridor und Oberschlesien eine Bemerkung gemacht hatte; und da ich annehmen mußte, daß, wenn die Anklagebehörde mir ein solches Protokoll im Wortlaut vorlegt, dieses ein stenographisches und richtiges Protokoll sei, so habe ich diese Äußerung nicht bestritten, sondern habe nur gesagt: »Es kann sein, daß ich etwas Derartiges gesagt habe.«

Der Anklagevertreter macht aus diesem »kann sein« in seiner Anklagerede folgenden Satz. Ich zitiere:

»Dieses Zitat wurde Schacht gegenüber verlesen und er erklärte, daß es richtig sei.«

Diese Feststellung des Anklagevertreters ist demnach falsch. Ich habe gesagt: »Es kann sein, daß ich etwas Derartiges gesagt habe«; ich habe aber nicht erklärt, daß diese nur gegenüber wiedergegebene Äußerung richtig ist. Es ist mir dann erfreulicherweise hier in der Gefangenschaft gelungen, mein Buch zu bekommen, welches ich über das Ende der Reparationen seinerzeit geschrieben habe – es ist im Jahre 1931 erschienen – und wo ich die Äußerungen über die Angelegenheit, die hier behandelt wird, erfreulicherweise im Wortlaut abgedruckt hatte. Aus diesem Wortlaut – ich bemerke, daß das Buch dem Gericht als Beweisstück eingeliefert ist – aus diesem Wortlaut geht folgendes hervor, was ich wörtlich gesagt habe:

»Bezüglich der deutschen Lebensmittelversorgung ist besonders wichtig, daß die Einfuhr von Lebensmitteln verringert und teilweise durch eigene Erzeugung ersetzt wird. Dabei kann man nicht vorbeigehen an der Tatsache, daß wichtige landwirtschaftliche Überschußgebiete im Osten Deutschlands durch Abtretung verlorengegangen sind, und daß ein großes, fast ausschließlich der landwirtschaftlichen Erzeugung dienendes Gebiet von dem übrigen Teil des Reiches abgeschnürt ist. Infolgedessen geht der wirtschaftliche Wohlstand dieses Gebietsteiles Ostpreußen fortgesetzt zurück, und die Reichsregierung muß ihm fortgesetzt Unterstützung gewähren. Es sollten daher geeignete Maßnahmen vereinbart werden, um diese abträglichen Bedingungen, welche Deutschlands Zahlungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen, zu beseitigen.«


DR. DIX: Euer Lordschaft! Dies ist in unserem Dokumentenbuch Exhibit Nummer 16, deutsche Seite 38, englische Seite 44.

SCHACHT: Dieses Zitat stimmt mit dem Zitat, welches mir vorgehalten worden ist im Vorverhör, absolut nicht überein, und es läßt in keiner Weise den Schluß zu, als ob ich eine Rückerstattung dieser Gebiete verlangt hätte. Ich habe lediglich verlangt, daß die Tatsache der Abtrennung dieser Gebiete bei der Bemessung der [474] Zahlungen und der Zahlungsfähigkeit Deutschlands berücksichtigt würden. Wenn nun hier der Anklagevertreter in der mündlichen Anklage anknüpft und sagt; ich zitiere:

»Ich möchte darauf hinweisen, daß dieses Gebiet das gleiche ist, dessentwegen im September 1939 der Krieg begann«,

so glaube ich, ist das eine Insinuation, die den Ankläger mehr charakterisiert, als den, den sie treffen soll.


DR. DIX: Unter den Indizien, also den indirekten Beweisen für den Ihnen zur Last gelegten Angriffswillen, wird von der Anklage auch bewertet der Ihnen unterstellte Wunsch nach dem Anschluß Österreichs. Wollen Sie sich bitte zu diesem Vorwurf äußern?

SCHACHT: Den Anschluß Österreichs habe ich seit 1919 ständig als unvermeidlich und als im nationalen Sinne, also geistig, kulturell, begrüßenswert angesehen. Daß der Anschluß Österreichs wirtschaftlich für Deutschland keine Bereicherung, sondern eher eine Belastung bedeutete, habe ich mir nie verheimlicht. Ich habe mir aber den Wunsch der österreichischen Bevölkerung, an Deutschland angeschlossen zu werden, voll zu eigen gemacht und mir gesagt: Wenn hier sechseinhalb Millionen Menschen, wie das im Jahre 1919 spontan und nachher immer wieder in zahllosen Kundgebungen geschehen ist, den Wunsch ausdrücken, mit dem großdeutschen Brudervolk vereinigt zu werden, so ist das etwas, dem sich kein Deutscher widersetzen kann, sondern das er im Interesse Österreichs begrüßen muß. In diesem Sinne bin ich stets dafür gewesen, den Anschlußwillen Österreichs zu respektieren und, sobald es die außenpolitischen Verhältnisse gestatten, auch durchzuführen.


DR. DIX: Ich werde eben darauf aufmerksam gemacht, daß Sie immer noch zu schnell sprechen und die Übersetzung nicht mitkommt. Ich bitte Sie also, langsamer zu sprechen.

Wie standen Sie denn zur Frage der Einverleibung des Sudetenlandes?


SCHACHT: An eine Einverleibung des Sudetenlandes habe ich niemals gedacht. Selbstverständlich war die Tschechoslowakei ein europäisches Problem, und es war bedauerlich, daß schon in dem Namen dieses Staates, der etwa fünfeinhalb Millionen Tschechen, zweieinhalb Millionen Slowaken und dreieinhalb Millionen Deutsche umfaßte, das deutsche Element überhaupt nicht zum Ausdruck kam; gerade aber weil das tschechisch-slowakische Problem nicht ein deutsch-tschechisches sondern auch ein slowakisch-tschechisches war, habe ich nur die Lösung dieses Problems immer in der Weise vorgestellt und habe es derart gewünscht, daß die Tschechoslowakei in der Form eines Bundesstaates, wie etwa die Schweiz, in drei verschiedene, sich selbst kulturell verwaltende, aber im übrigen staatlich [475] einheitlich zusammengefaßte Gebiete aufgeteilt würde, die die Einheit eines deutsch-tschechisch-slowakischen Staates garantiert hätte.


DR. DIX: Wie standen Sie überhaupt zu dem Problem des Krieges? Ich meine jetzt philosophisch, weltanschaulich und praktisch.


SCHACHT: Ich habe den Krieg stets für eines der verderblichsten Dinge gehalten, denen die Menschheit ausgesetzt ist, und bin grundsätzlich durch mein ganzes Leben hindurch Pazifist gewesen.


DR. DIX: Dr. Schacht! Sie haben sich doch sicherlich in Ihrem sehr nachdenklichen und gedankenreichen Leben auch viele Gedanken gemacht über den grundsätzlichen und tiefen Unterschied zwischen echtem und ethisch fundiertem Soldatentum und Militarismus mit seinen Abarten. Was verstanden Sie unter dem letzteren und wie stellten Sie sich zu dem letzteren, nämlich dem Militarismus?


SCHACHT: Ich habe selbstverständlich die Notwendigkeit einer Landesverteidigung im Ernstfalle, im Falle der Bedrohung, immer bejaht. Ich bin in diesem Sinne immer für eine Wehrmacht gewesen. Aber ich habe den Beruf des Soldaten für einen der entsagungsvollsten und opferwilligsten, opferfreudigsten gehalten, nicht deswegen, weil er etwa in einem Kriege sein Leben hinzugeben hätte – das hatte ja jeder wehrpflichtige Bürger –, sondern deswegen, weil sein ganzes Streben und Trachten darauf gerichtet sein mußte, das Handwerk, das er gelernt hatte und das er betrieb, niemals zur Aktion kommen zu lassen. Ein Soldat, ein Berufsoffizier, der nicht Pazifist ist von Haus aus, hat meines Erachtens seinen Beruf verfehlt. Infolgedessen bin ich stets ein Gegner jeder militaristischen Überspanntheit gewesen und habe den Militarismus stets abgelehnt, während ich ein verantwortungsbewußtes Soldatentum für den höchsten Beruf halte, den ein Bürger ausüben kann.


DR. DIX: Nun sagt George Messersmith, wie Sie wissen, seinerzeit Generalkonsul der Vereinigten Staaten in Berlin, in einem seiner verschiedenen, hier von der Anklage in Bezug genommenen Affidavits, Sie hätten ihm gegenüber wiederholt von Angriffsabsichten der Nazis gesprochen. Wollen Sie sich bitte dazu äußern.


SCHACHT: Ich möchte zunächst bemerken, daß ich selbstverständlich eine solche Äußerung niemals gemacht habe, weder zu Herrn George Messersmith noch zu irgend jemand anderem. Ich möchte aber zu den drei Affidavits des Herrn Messersmith, die die Anklage hier eingereicht hat, noch etwas sagen. Herr Messersmith behauptet, er habe mit mir einen häufigen Kontakt gehabt und habe mit mir zahlreiche Privatgespräche geführt. Ich stelle hier fest, daß ich nach meiner besten Erinnerung Herrn George Messersmith in meinem Leben vielleicht zwei- oder dreimal gesprochen habe. Herr George Messersmith macht daraus einen häufigen Kontakt und zahlreiche Privatgespräche. Er behauptet auch, seine [476] Amtspflichten hätten ihn mit mir als Reichsbankpräsident und als Wirtschaftsminister in Berührung gebracht. Ich erinnere mich nicht, Herrn George Messersmith auch nur ein einziges Mal in meinem Amtszimmer gesehen zu haben.

Herrn George Messersmith genügt diese kleine Zahl von Gesprächen, um eine Charakteristik von mir abzugeben. Er nennt mich zynisch, ehrgeizig, egoistisch, eitel, doppelzüngig. Ich bin leider nicht in der Lage, ein gleich umfassendes Bild über den Charakter des Herrn Messersmith abzugeben. Ich muß nur seine Zuverlässigkeit hier ausdrücklich bestreiten. Ich führe zunächst eine allgemeine Bemerkung des Herrn Messersmith als Begründung hierfür an.

In seinem Affidavit vom 30. August 1945, 2385-PS, sagte Herr George Messersmith – ich zitiere:

»Als die Nazi-Partei Deutschland übernahm, repräsentierte sie nur einen kleinen Teil der deutschen Bevölkerung.«

Ich konstatiere demgegenüber, daß, bevor die Nazi-Partei Deutschland übernahm, sie etwa 40 Prozent sämtlicher Reichstagssitze auf ihre Partei vereinigt hatte. Das nennt Herr Messersmith einen kleinen Teil der deutschen Bevölkerung. Wenn die diplomatische Berichterstattung überall so zuverlässig ist, dann ist es kein Wunder, daß die Völker sich nicht verstehen.

Ich möchte aber noch eine spezielle Bemerkung des Herrn Messersmith hier richtigstellen. Herr Messersmith behauptet, wie ich vorhin zitiert habe, daß seine Amtspflichten ihn mit mir als Wirtschaftsminister in Berührung gebracht hätten. In seinem Affidavit vom 28. August, 1760-PS, sagte Herr Messersmith – ich zitiere:

»Während der Welle terroristischer Ereignisse im Mai und Juni 1934 hatte ich bereits meine Amtsgeschäfte als Amerikanischer Geschäftsträger in Wien übernommen.«

Nun bin ich erst im August 1934 Reichswirtschaftsminister geworden, während Herr Messersmith schon im Mai 1934 seine Amtsgeschäfte in Wien übernommen hatte. Das hindert Herrn Messersmith nicht, zu behaupten, daß ihn seine Amtspflichten mit mir als Wirtschaftsminister in häufigen Kontakt gebracht hätten. Ich glaube, das genügt, um das Erinnerungsvermögen des Herrn Messersmith auf das richtige Maß zurückzuführen.

DR. DIX: In ähnlichem Zusammenhang hat die Anklage wiederholt Bezug genommen auf das Tagebuch des früheren Botschafters in Berlin, Dodd, das von dessen Kindern auf Grund seiner privaten Notizen nach seinem Tode herausgegeben worden ist.

Es trägt die Nummer EC-461, und die Anklage zitiert dieses Tagebuch des öfteren zum Nachweis dafür, daß auch Mr. Dodd Sie für einen Kriegstreiber gehalten hat. Nun weiß ich, daß Sie mit [477] Dodd freundschaftlich standen. Es ergibt sich dies ja auch aus seinem Tagebuch. Können Sie erklären, wie sich das miteinander verträgt?


SCHACHT: Ich darf zunächst sagen, daß der Botschafter Dodd eine der lautersten Persönlichkeiten gewesen ist, die mir begegnet sind, ein aufrechter Charakter von unbeugsamer Überzeugungstreue und zweifellos auch ein – er war Geschichtsprofessor – guter Historiker. Er hatte an deutschen Universitäten studiert. Ich glaube, er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er erfahren würde, daß die flüchtig hingeworfenen Tagebuchnotizen von seinen beiden Kindern ohne Kommentar und ohne jede Nachprüfung im Druck herausgegeben wurden. Herr Dodd hatte leider eine Eigenschaft, die den Verkehr mit ihm ein wenig schwierig machte, und ich führe das auf die Überzeugungstreue seines Charakters zurück, die ihn gegen fremde Einflüsse von vornherein vielfach ablehnend auftreten ließ. Er konnte sich selber nicht sehr flüssig und leicht verständlich machen, und noch viel weniger war er berufen und imstande, fremde Ansichten im richtigen Lichte aufzunehmen. Er hat sehr vieles, was ihm gesagt wurde, falsch verstanden und in einem falschen Lichts gesehen. Ich darf aus seinem Tagebuch, auf Seite 176 unten, nur einen einzigen Satz hier zitieren, der meine Darstellung illustriert. Er schreibt – ich zitiere:

»I talked 15 minutes with Phipps.« »Ich sprach 15 Minuten mit Phipps«, dem damaligen Britischen Botschafter – »about the accumulated evidence of Germany's intense war activities« – »über das angehäufte Beweismaterial – in Bezug auf Deutschlands intensive Kriegstätigkeit.«

Diese Äußerung stammt aus dem Herbst 1934, und ich glaube, es wird niemand sagen können, daß im Herbst 1934 von einer »war-activity« Deutschlands die Rede gewesen sein kann. Herr Dodd gebrauchte hier den Ausdruck: »war« zweifellos für »armament«, also »Krieg« statt »Aufrüstung«. In diesem Sinne glaube ich gern, daß er die Worte mißverstanden hat.

Ich darf als einen weiteren Beleg für die Schwierigkeit, sich dem Ambassador gegenüber verständlich zu machen, darauf hinweisen, daß das Auswärtige Amt ihn einmal gebeten hat, er möge doch zu seinen Besprechungen mit Herren des Auswärtigen Amtes einen Sekretär mitbringen, der sich Notizen mache, damit Mißverständnisse vermieden würden. Ich glaube deshalb, daß diese ganzen Äußerungen von Herrn Dodd mißverständlich sind.

Jedenfalls bleibt für mich nur übrig, hinzuzufügen dasselbe, was ich bei Herrn Messersmith gesagt habe, daß ich selbstverständlich niemals von Kriegsabsichten gesprochen habe.

DR. DIX: Nun steht in diesem Tagebuch ja drin, daß er Ihnen gegenüber eine freundschaftliche Gesinnung gehabt habe. Haben Sie [478] irgendeinen Beweis für diese seine freundschaftliche Einstellung Ihnen gegenüber?

SCHACHT: Herr Verteidiger! Wenn ich vielleicht noch darauf hinweisen darf, auf die Korrespondenz mit Henderson...


DR. DIX: Ja, das können Sie nachher machen.


SCHACHT: Dann antworte ich auf Ihre Frage. Dodd war mir durchaus freundschaftlich gegenüber eingestellt, und ich habe für ihn durchaus eine große Verehrung gehabt. Einen Beweis seiner freundschaftlichen Gesinnung habe ich darin erblickt, daß er kurz vor seinem Weggang aus Berlin im Dezember 1937 mich in meiner Wohnung aufgesucht hat, und zwar berichtet er auch hierüber in seinem Tagebuch. Ich darf diesen Satz zitieren:

»I went to Dr. Schacht's house in Dahlem. I wished especially to see Schacht, whose life is said to be in danger.«

»Ich besuchte Schacht in seinem Haus in Dahlem. Es lag mir besonders daran, Schacht zu sehen, der sich in Lebensgefahr befinden sollte.«

Mit anderen Worten, Herr Dodd hatte von einem bevorstehenden Anschlag von nationalsozialistischer Seite auf mein Leben gehört und hatte es für wichtig genug gefunden und zum Anlaß genommen, um eigens in meine Wohnung hinauszufahren, um mich zu warnen.

Einen zweiten Beweis seiner Freundschaft für mich habe ich dann noch bei seinem Abschiedsbesuch erfahren; bevor er – es war wenige Tage vor seiner Abreise –, bevor er nach Amerika zurückfuhr, kam er noch einmal zu mir und legte mir dringend nahe, ich möge doch mit ihm oder sobald als möglich nachkommen und meinen Wohnsitz nach Amerika verlegen. Ich würde dort eine gute Aufnahme finden. Ich glaube, auch das hätte er mir nicht gesagt, wenn er nicht auch für mich eine gewisse freundschaftliche Empfindung gehabt hätte.

DR. DIX: Nun, das sind ja ausgesprochene Freundschaftsdienste, und es ist wohl kaum anzunehmen, daß der verstorbene Botschafter Ihnen diese Dienste erwiesen hätte, wenn er Sie für einen Kriegstreiber und Freund der Nazis gehalten hätte. Namentlich, und das darf ich vielleicht für das Gericht sagen, und würde Sie dann bitten, dazu Stellung zu nehmen, ob ich recht habe, wenn man bedenkt, daß Herr Dodd zu den wenigen in Berlin akkreditierten Diplomaten gehörte, welche ganz offensichtlich dem Regime keinerlei Sympathien entgegenbrachten, sondern ihm hundertprozentig ablehnend gegenüberstand.

Ich sage mit vollem Bewußtsein »den wenigen Diplomaten«; denn, Dr. Schacht, ich bitte Sie dann, dazu Stellung zu nehmen, zu dem, was ich sage. Sie werden sich erinnern, daß diejenigen Diplomaten,[479] welche sich vom Regime Hitlers politisch und gesellschaftlich ausgesprochen distanzierten, wie zum Beispiel der Niederländische Gesandte, der prachtvolle Graf Limburg-Stirum, oder der Finnische Gesandte, der gesinnungstüchtige und große Sozialdemokrat Wuolijoki, meist von ihren Regierungen abberufen wurden. Wie kann also ein Nazi-Gegner wie Dodd solche ausgesprochenen Freundschaftsdienste jemandem erweisen, den er für einen Nazi-Freund hielt? Schließen Sie sich dieser meiner Ansicht an?


SCHACHT: Ja, ich bin durchaus der gleichen Meinung.


JUSTICE JACKSON: Ich erhebe entschieden Einspruch gegen ein solches Hin- und Herpredigen zwischen Zeugen und Verteidiger. Meines Erachtens hat nun der Zeuge über all das sprechen können, was Herr Dodd je geschrieben hat, und das hineininterpretieren können, was Dodd in seinen Augen damit gemeint hat; er hat in großer Breite alle amerikanischen Vertreter charakterisieren dürfen; aber meiner Ansicht schweift er hier völlig von der Sache ab und es gehört sich nicht, daß dieser Zeuge hier Charakterisierungen über Herrn Dodd in Gegenüberstellung mit anderen diplomatischen Vertretern gibt.

Hier werden keine Fragen gestellt, um Aufklärung über Tatsachen zu bekommen. Wir klagen Schacht nicht an wegen seiner Meinungen. Wir klagen ihn wegen ganz bestimmter Tatsachen an, und es scheint eine beträchtliche Abneigung zu bestehen, auf diese Tatsachen einzugehen und sie zu behandeln.


VORSITZENDER: Ich glaube, Sie sollten fortfahren, Dr. Dix, und jetzt von diesem Teil, von diesen Dokumenten zu etwas anderem übergehen.


DR. DIX: Ich darf nur ganz kurz bemerken, daß es Dr. Schacht sowohl wie mir vollkommen fern liegt, uns hier berufen zu fühlen, hier solche Würdigungen irgendwelcher Diplomaten oder sonstiger politischer Persönlichkeiten abzugeben. Wenn aber die Anklage Affidavits dieser Diplomaten oder Tagebücher, die unter diesen Namen erscheinen, als Beweismittel gegen den Angeklagten in diesem Prozeß einführen, so muß es dem Angeklagten...


VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß es viel besser wäre, wenn Sie Fragen stellen würden, und zwar kurze; wir kämen damit viel schneller voran.


DR. DIX: Ja, ich stelle ja auch meist kurze Fragen. Ich habe das nur jetzt gesagt, weil ich selbst jetzt der vom Gericht, wie ich glaube, gebilligten Praxis folgen möchte, aus dem Urkundenbeweis etwas vorwegzunehmen, nämlich zu dem Thema Zuverlässigkeit des Beweismittels »Dodds Tagebuch«. Das ist Exhibit Schacht 43 meines Dokumentenbuches, deutsche Seite 194, im englischen Text Seite 202. [480] Das ist eine Korrespondenz zwischen dem Herausgeber des Doddschen Tagebuchs und Sir Nevile Henderson, welcher sich unterhält über verschiedene Unrichtigkeiten des Doddschen Tagebuches. Ich unterlasse es, den ziemlich umfangreichen Brief, es sind fünf Folioseiten von Sir Nevile Henderson, vorzulesen und zitiere nur einige ganz wenige Sätze; so auf Seite 196 des deutschen Textes schreibt Sir Nevile Henderson:

»Nehmen Sie zum Beispiel die erste Erklärung, die mir über Neurath zugeschrieben ist. Es ist ganz unmöglich, daß ich zu Hitler...« und so weiter.

Oder auf derselben Seite in der Mitte, nächster Absatz:

»Und dasselbe gilt für die allgemeine Aussprache. Es ist ganz unfaßbar, daß ich auf solche Weise, wie es dort berichtet ist, über Bismarck und die Annektion ›der Tschechoslowakei und anderer Länder‹ gesprochen haben sollte.«

Und auf derselben Seite weiter unten, vorletzter Absatz:

»Ich konnte auch unmöglich gesagt haben, daß Deutschland die Donau- und Balkanzone beherrschen muß.«

Und auf der nächsten Seite, 2. Absatz:

»Der Ausspruch, der mir zugeschrieben wird, daß England und Deutschland ›die Welt beherrschen müßten‹, ist bloßes Geschwätz und stimmt kaum mit dem vorhergehenden Satz über die Vereinigten Staaten überein.«

Es kommen nun noch mehrere solche Stellen auf der gleichen und der folgenden Seite. Ich glaube, es ist nicht notwendig, daß ich sie verlese. Ich bitte das Tribunal, von diesem Dokument im ganzen amtlich Kenntnis zu nehmen. Ich habe es damit wohl eingeführt.


[Zum Zeugen gewandt:]


Dr. Schacht! Sie sprachen vorhin von einer Warnung des Botschafters Dodd bezüglich einer Gefahr, die Ihnen drohe Handelte es sich da um einen Anschlag auf Ihr Leben?

SCHACHT: Es wurde mir damals, und zwar habe ich es erst nach Herrn Dodd erfahren, im Januar mitgeteilt, daß aus der SS heraus ein Anschlag gegen mich geplant war. Die Absicht war, wie damals der technische Ausdruck lautete, mich umzulegen. Es muß also wohl irgend etwas dieser Art in der Luft geschwebt haben, sonst hätte es nicht einen auswärtigen Botschafter und die mir nahestehenden Kreise erreicht.

DR. DIX: Sie haben vorhin ausgeführt, in welchem Ausmaß Sie jeder kriegerischen Auseinandersetzung zur Erlangung der deutschen Gleichberechtigung und Lebensmöglichkeit ablehnend gegenüberstanden. Haben Sie denn diese Ihre Verständigungspolitik mit dem Ausland auch praktisch getätigt, zum Beispiel als Reichsbankpräsident?


[481] SCHACHT: Ich habe meine ganze Arbeit als Reichsbankpräsident darauf abgestellt, erstens, mit all meinen ausländischen Schwesterinstituten, den Notenbanken der anderen Länder, möglichst harmonisch zusammenzuarbeiten und eine Politik der gegenseitigen: Unterstützung und Forderung zu betreiben.

Und ich habe zweitens mit all diesen Leitern der Notenbanken persönlich freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen versucht in der Hoffnung, bei ihnen auch für die deutschen Verhältnisse Verständnis zu finden und dadurch dazu beizutragen, daß die schwierigen Probleme, die sich nun mal in Mitteleuropa ergeben haben, auf dem Wege der gegenseitigen Verständigung und Zusammenarbeit, gelöst werden könnten. Das Wort »Cooperation«, Zusammenarbeit, war in unseren Kreisen das ständige Leitmotiv.


DR. DIX: Das waren die Notenbankpräsidenten. Wie stand es nun mit den ausländischen Anleihegläubigern?


SCHACHT: Ich habe mir, wie ich vorhin schon ausgeführt habe, zunächst die Abneigung aller »money-maker« zugezogen, die an der Placierung deutscher Anleihen in ihren Ländern Geld gemacht haben, weil ich gegen diese Auslandsverschuldung Deutschlands mit allen Mitteln aufgetreten bin. Nachher, nachdem das Unglück, das immer von mir vorausgesagt worden ist, eingetreten war, nach dem Finanzkrach im Jahre 1931, haben diese selben Finanziers und Bankagenten mir vorgeworfen, daß ich nun daran schuld sei, daß sie ihre Zinsen nicht mehr transferiert bekämen. In diesen Kreisen habe ich also mir keine Freunde erworben, aber in den Kreisen der ernsthaften Bankiers und großen Bankinstitute, die ein fortlaufendes geregeltes Geschäft mit Deutschland wünschten, habe ich, glaube ich, mir keine Feinde gemacht; denn ich habe alle Maßnahmen, die ich nachher zum Schutze der deutschen Währung und um den deutschen Außenhandel aufrechtzuerhalten, ergreifen mußte, stets mit den Vertretern dieser ausländischen Gläubiger-Institute gemeinsam beraten. Wir sind ungefähr alle sechs Monate zusammengekommen, und ich habe ihnen ständig eine ganz genaue Darlegung der deutschen Verhältnisse gegeben. Sie konnten in die Bücher der Reichsbank Einsicht nehmen, konnten die Beamten der Reichsbank zu Berichten verhören und vernehmen, und sie haben mir stets bestätigt, daß ich in der offensten Weise ihnen alles mitteilte, so daß ich sagen kann, ich habe in fairer und freundschaftlicher Weise auch mit ihnen zusammengearbeitet.


DR. DIX: Und wie stand es mit Ihrer Verständigungspolitik, was den Außenhandel anlangt, Export, Warenkredite und so fort?


SCHACHT: Ich glaube, es ist heute nach den jetzt eingetretenen Ereignissen noch klarer geworden, als es früher war, daß Deutschland ohne Außenhandel nicht leben konnte und daß die Aufrechterhaltung [482] seines Exportes die Grundlage jeder weiteren Existenz für die deutsche Bevölkerung war. Infolgedessen habe ich alles getan, um den deutschen Außenhandel aufrechtzuerhalten. Ich kann einige wenige Beispiele im speziellen anführen neben den allgemeinen Grundsätzen.

Ich habe beispielsweise mit China versucht, große Geschäfte zu machen, um Absatz nach China zu haben, und bin auch bereit gewesen und habe das auch perfektuiert, Kredite an China zu geben. Ich habe es außerordentlich begrüßt, daß die Sowjetunion mit uns einen recht ausgedehnten Handel betrieb und habe mich immer dafür eingesetzt, diesen Außenhandel zu erweitern und zu befestigen, zumal bei Rußland, ebenso wie bei China, über die Zahlungsfähigkeit, die Zahlungswilligkeit und die Zahlungspromptheit der Gegenpartei niemals ein Zweifel aufkam.


VORSITZENDER: Er geht in unnötige Einzelheiten, um die Behauptung zu stützen, daß er versucht hat, den Außenhandel aufrechtzuerhalten. Diese Einzelheiten sind doch sicher nicht nötig.


DR. DIX: Soweit es die Union der Sowjet-Republiken anlangt, ist diese Ausführung meines Erachtens von großer Bedeutung und Erheblichkeit. Sie zeigt Schacht im Gegensatz zu der Politik Hitlers. Die sowjet-feindliche Politik Hitlers findet jederzeit eine ausgesprochen sowjet-freundliche Politik in der Person des Wirtschaftsministers. Und wenn ich nachweisen will, daß Schacht ein Vorkämpfer einer Verständigungspolitik gewesen ist, auch in Phasen, wo Hitler, sagen wir, einen friedlichen Kampf in die Beziehungen zweier Völker trug, wie den publizistischen Kampf gegen die Sowjetunion, so ist das meines Erachtens für die grundsätzliche Einstellung Schachts, für Krieg auf der einen Seite und Verständigung auf der anderen Seite, von allergrößter Erheblichkeit.


VORSITZENDER: Der Angeklagte hat die Behauptung aufgestellt; es ist Sache der Anklagevertretung, sie im Kreuzverhör zu bestreiten, und wenn sie das tut, dann erst können Einzelheiten in Ihrem Rückverhör notwendig sein.


DR. DIX: Ich glaube, die Frage ist ja beantwortet.

Ich gehe jetzt zu einem ganz anderen Gebiet über. Ich lege nur, weil sie typisch ist für Schachts Verständigungswillen und seine grundlegende gegensätzliche Einstellung zur Politik Hitlers Wert darauf, was meinem Exhibit Schacht 34, – das ist eine eidesstattliche Versicherung des Bankiers und schwedischen Generalkonsuls in München, Schniewind, – es ist Exhibit 34, englische Textseite 114, deutscher Text Seite 112, folgenden kurzen Absatz vorzulesen, der das bestätigt, was Dr. Schacht ausführte; Schniewind, der hoher Beamter des Reichswirtschaftsministeriums war, sagt hier:

[483] »In meiner Abteilung wurden auch die Reichsgarantien für die Lieferungen nach Rußland bearbeitet, und daher weiß ich, daß Herr Dr. Schacht die Bekämpfung Rußlands durch Hitler für falsch hielt. In langwierigen Bemühungen setzte er bei Hitler durch, daß es zu ausgedehnten Lieferungen, insbesondere aus der Maschinen-Industrie, nach Rußland kam. Oft stand ich unter dem Eindruck, daß Herr Schacht diese Lieferungen auch deshalb begünstigte, weil sie zwar der Arbeitsbeschaffung dienten, aber einer Aufrüstung nicht förderlich waren. Herr Schacht hat in der Öffentlichkeit mehrfach befriedigt darauf hingewiesen, daß nichts so prompt und anstandslos laufe, wie der Warenverkehr nach Rußland.«

Wir sind jetzt einige Minuten vor unserer üblichen Pausenzeit, und bevor das Gericht in eine Pause eintritt, bitte ich, mir zu erlauben, nur ganz kurz etwas zu dem zu erwidern, was Euer Lordschaft mir vorhin sagten. Der Angeklagte muß bis zu einem gewissen Grade einen recht schwierigen Entlastungsbeweis führen. Die Anklage hat sehr einfach dahin argumentiert: Du hast bei der Aufrüstung finanzierend mitgeholfen; diese Aufrüstung hat jetzt endlich in einem Krieg geendet, und zwar in einem Offensivkrieg; deshalb bist du entweder ein Mitglied der conspiracy oder ein Mitschuldiger, und das ist ein Kriegsverbrechen.

Einer derartigen Argumentation gegenüber muß es meines Erachtens dem Angeklagten freistehen, erstens darauf hinzuweisen – das kommt später –, daß eine Aufrüstung als solche durchaus noch keinen Angriffskriegswillen bedeutet, zweitens aber darauf, des weiteren zu beweisen, daß er Handlungen getan hat, die gerade auf das Gegenteil, nämlich auf seinen Verständigungs- und Friedenswillen, hinweisen. Ich bitte deshalb aus diesen grundsätzlichen Erwägungen das Gericht doch sehr, mir diesen Entlastungsbeweis nicht abzuschneiden, sondern ihn in allen Einzelheiten zitieren zu lassen. Deshalb auch mein Wunsch, diese Politik der Union der Sowjet-Republiken gegenüber, wo er sich in direkten Gegensatz zu Hitler stellte, im einzelnen darzutun. Deshalb mein Wunsch, zu zeigen, wie er auf allen Gebieten, bei Notenbankpräsidenten, Anleiheleuten, immer auf Verständigung hingearbeitet hat, das heißt, auf gegenseitiges Nachgeben und nicht auf einseitiges Terrorisieren und Brouillieren.

Meine Herren Richter! Es ist doch vornehmlich ein psychologischer Beweis, den ich führen muß, und das ist ein sehr zartes und schwieriges Gebilde, und ich wiederhole meine Bitte, mir dies nicht zu erschweren. Ich werde mich dann bei der Zeugenvernehmung wahrscheinlich revanchieren, indem ich wahrscheinlich auf alle Zeugen bis auf einen verzichten werde. Aber hier bitte ich, das von mir erbetene Verständnis zu zeigen.

[484] Wenn es Euer Lordschaft für richtig finden, wäre es jetzt an der Zeit, eine Pause zu machen; ich komme jetzt zu einem neuen Thema.

VORSITZENDER: Ja, sicherlich, Dr. Dix. Ich bin der Ansicht, daß der Gerichtshof Ihnen jegliches Entgegenkommen gezeigt hat. Er wird jetzt eine Pause einschalten.


[Pause von 10 Minuten.]


DR. DIX: Wie standen Sie zum Führerprinzip? Erkannten Sie nicht in ihm die Gefahr eines Blankowechsels und die Gefahr des Verlustes der eigenen Verantwortlichkeit? Sie haben ja gehört, daß Sir David das Führerprinzip als solches schon für verbrecherisch hält.

SCHACHT: Ob das Führerprinzip verbrecherisch ist oder nicht, darüber sind die Meinungen in der Geschichte sehr geteilt gewesen. Wenn wir zurückgehen in die römische Geschichte, so sehen wir, daß immer von Zeit zu Zeit in großer Not des Landes ein Führer erwählt wurde, dem sich alles unterordnete, und wenn ich heute die »Failure of a Mission« – »Fehlschlag einer Mission« – von Henderson lese, so finde ich auch da Sätze, wo er sagt, ich zitiere:

»People in England sometimes forget and fail to realize that even dictators can be up to a point, necessary for a period and even extremely beneficial for a nation.«

»In England vergißt man manchmal und man wird sich nicht darüber klar, daß sogar Diktatoren zu einem gewissen Grade für eine Zeitdauer notwendig, ja für eine Nation außerordentlich wertvoll sein können.«

An anderer Stelle sagt er in demselben Buch:

»Dictatorships are not always evil.« – »Eine Diktatur ist nicht immer etwas Schlechtes.«

Mit anderen Worten, es kommt darauf an, was man einem Führer anvertraut, wer ihm vertraut und wie lange ihm vertraut wird. Es ist natürlich eine völlige Unmöglichkeit, daß jemand die Führung eines Landes an sich reißt, ohne von Zeit zu Zeit dem Volke die Möglichkeit zu geben, sich darüber zu äußern, ob es ihn noch als Führer behalten will, oder nicht. Die Wahl Hitlers zum Führer war an sich kein politischer Fehler. Man konnte sie meines Erachtens mit einer ganzen Reihe von Kautelen umgeben, um die Gefahr abzuwenden, von der sie, Herr Anwalt, gesprochen haben, und ich muß beider sagen, man hat das nicht getan, und das war ein schwerer Fehler. Aber man konnte sich vielleicht auch darauf verlassen, daß eben von Zeit zu Zeit eine Wahl, ein neuer Ausdruck des Willens des Volkes erfolgen könnte, durch die der Führer korrigiert werden könnte, denn ein Führer der nicht korrigiert werden kann, wächst [485] sich natürlich zu einer Gefahr aus. Ich habe diese Gefahr sehr wohl gesehen und habe sie auch gefürchtet und habe versucht, ihr zu begegnen.

Darf ich noch eines sagen: Eine uferlose Parteipro paganda hat dann versucht, den Gedanken des Führers als ein Prinzip in die Politik einzuführen, das heißt als ein dauerndes Prinzip. Das ist natürlich ein kompletter Unsinn, und ich habe Gelegenheit genommen, wie ich immer Gelegenheit genommen habe, meine abweichenden Ansichten öffentlich bekanntzugeben, wenn es mir möglich war. Ich habe Gelegenheit genommen, in einem Vortrag vor der Akademie für Deutsches Recht, in der nicht nur Nazis, sondern auch sonstige Juristen aller Klassen vereinigt waren, einen Vortrag zu halten über das Führerprinzip in der Wirtschaft und habe mich dabei ironisch und satirisch, wie es leider nun einmal meine Art ist, dahin ausgesprochen, daß man nicht in jeder Strumpffabrik einen Führer gebrauchen könne, sondern daß dieses Prinzip kein Prinzip sei, sondern eine Ausnahmeregel, die man sehr sorgfältig handhaben müßte.

DR. DIX: Das weiß ich, denn ich war bei diesem Vortrag dabei. Was hielten Sie von der Herrenrassen-Ideologie?

SCHACHT: Ich habe es stets für ein unerfreuliches Vorbild gehalten, wenn von der Vorstellung eines auserwählten Volkes oder von Vorstellungen, wie »Gods own country« und dergleichen die Rede war. Als überzeugter Vertreter des christlichen Glaubens stehe ich auf dem Boden der christlichen Nächstenliebe, die ich allen Menschen ohne Rücksicht auf Rasse oder Glauben entgegenzubringen habe. Ich möchte auch bemerken, daß dieses Geschwafle von der Herrenrasse, was sich einige Parteiführer zu eigen gemacht haben, von der deutschen Öffentlichkeit sehr stark der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Das war ja auch kein Wunder, denn die meisten Führer der Hitler-Partei waren ja nicht gerade Idealtypen der nordischen Rasse, und ich weiß, daß beispielsweise der kleine Goebbels in der Bevölkerung, wenn auf diese Dinge die Rede kam, umlief unter der Bezeichnung der »Schrumpfgermane«. Nur eines – das möchte ich, um gerecht zu sein, hier sagen – hatten die meisten Führer der Partei mit den alten Germanen gemeinsam: »Sie tranken immer noch eins.« Die Trunksucht war ein Hauptbestandteil der Naziideologie.


DR. DIX: Was hielten Sie überhaupt von der sogenannten nationalsozialistischen Weltanschauung?


SCHACHT: Eine Weltanschauung ist nach meiner Auffassung eine Zusammenfassung derjenigen sittlichen Grundsätze, von denen aus ich ein sicheres Urteil gewinnen kann gegenüber allen Erscheinungen der Welt. Infolgedessen ist es ganz selbstverständlich, daß eine Weltanschauung nicht in der Welt wurzeln kann, sondern sich [486] über die Welt erheben muß. Sie ist etwas Metaphysisches, das heißt sie wurzelt in der Religion, und jede Weltanschauung, die nicht in der Religion wurzelt, ist meines Erachtens überhaupt keine Weltanschauung. Infolgedessen lehne ich die nationalsozialistische Weltanschauung, die nicht in der Religion wurzelt, ab.


DR. DIX: In dem Trialbrief gegen Sie wird ausdrücklich bemerkt, daß Ihnen in der Judenfrage keine Vorwürfe gemacht werden sollen. Trotzdem muß ich an Sie auch bezüglich dieses Komplexes einige wenige Fragen stellen, weil in dem gleichen Trialbrief mit der anderen Hand Ihnen wieder genommen wird, was Ihnen die eine Hand in der Judenfrage zugibt, indem nämlich die andere Hand Ihnen in diesem Trialbrief wiederholt Naziideologie vorwirft und mit Nazi-Ideologie ja untrennbar Antisemitismus strengster Observanz verbunden ist.


JUSTICE JACKSON: Ich kann ganz einfach nicht stillschweigen, wenn ich diese flagrant falsche Auslegung unserer Stellungnahme im Zusammenhang mit der Aussage dieses Zeugen höre. Es ist nicht wahr, daß wir keine Anklage erheben gegen Dr. Schacht bezüglich der Judenfrage. Wahr ist, daß wir sagen, daß er mit den Punkten des Nazi-Parteiprogramms, welche sich auf die völlige Ausrottung der Juden bezogen, nicht ganz übereinstimmte. Und aus diesem Grunde wurde er von Zeit zu Zeit angegriffen. Wir sehen weiter zu, daß er einzelnen Juden Hilfe und Unterstützung gab; aber wir behaupten, daß er der Ansicht war, die deutschen Juden sollten ihrer bürgerlichen Rechte enthoben werden und daß er ihre Verfolgung unterstützt hat und daran beteiligt war. Ich möchte nicht, daß unsere Einstellung in ein falsches Licht gerückt wird und wir dann später beschuldigt werden, durch Stillschweigen eine Richtigstellung versäumt zu haben.


DR. DIX: Ich danke, Justice Jackson, für diese Aufklärung. Um so mehr ist es ja notwendig, daß ich diese Fragen an Dr. Schacht stelle. Ich darf nur das Gericht hier in diesem Moment...


VORSITZENDER: Bitte dann stellen Sie sie...


DR. DIX: Euer Lordschaft! Es handelt sich nicht um die Frage, sondern es handelt sich um ein Problem, das ich die Anklage bitten würde, zu diesem Zeitpunkt klarzustellen; es bedarf der Klarstellung auch nach den Worten von Mr. Jackson. Wenn es dem Gericht jetzt nicht genehm ist, daß ich das jetzt tue – ich glaube es ist jetzt der richtige Moment –, dann würde ich es gern später tun. Aber ich glaube, ich bringe das jetzt vor. Es handelt sich nämlich um einen Widerspruch innerhalb der Anklage, wenigstens ich kann nur einen Widerspruch darin sehen, und ich wollte Aufklärung gewinnen, damit wir nicht dann in den Schlußplädoyers aneinander vorbeiplädieren.

[487] Ich kann es ja kurz sagen: Es handelt sich um die Frage, ob Dr. Schacht auch Humanitätsverbrechen vorgeworfen werden. Also nicht bloß Verbrechen der conspiracy bezüglich des Aggressivkriegs, sondern auch die typischen Humanitätsverbrechen; und da weichen die einzelnen Stellen sowohl der Anklage wie auch des mündlichen Anklagevortrages voneinander ab. Ich wollte mir nur erlauben, auf diese widerspruchsvollen Stellen zunächst hinzuweisen und dann die Anklage zu bitten, später einmal abschließend zu erklären, ob sie die Anklage gegen Schacht auch zu Punkt 3 und 4 der Anklage erhebt. In der mündlichen Anklagerede sagte der Anklagevertreter, und das spricht dafür, daß die Anklage sich beschränken will auf die Punkte 1 und 2. Er sagt: Unser Beweismaterial gegen den Angeklagten Schacht beschränkt sich auf die Planung und Vorbereitung des Angriffskriegs und seine Teilnahme an der Verschwörung zum Angriffskrieg.

Ganz gleiche Ausführungen enthält Seite 3 des Trialbriefs. Ebenso ist ja in der Anlage A der Anklage die Anklage gegen Schacht beschränkt auf die Punkte 1 und 2. Nun aber steht auf Seite 1 der Anklageschrift folgendes:

»... beschuldigen die obengenannten Regierungen der Verbrechen gegen den Frieden, der Verbrechen gegen das Kriegsrecht und der Verbrechen gegen die Humanität in dem im folgenden erörterten Sinn und eines gemeinsamen Planes und einer Verschwörung zur Begehung dieser Verbrechen.«

Und dann werden alle Angeklagten aufgeführt, auch der Angeklagte Hjalmar Schacht.

Und auf Seite 17 der Anklageschrift des deutschen Textes, Seite 17, steht:

»Auf Grund des Vorhergehenden sind die Angeklagten« – also alle Angeklagten – »... schuldig.«

Für alle. Da sind wieder Punkt 1, 2, 3, 4 gemeint. Und ebenso heißt es auf Seite 18 der Anklageschrift:

»Sämtliche Angeklagten begingen vom 1. September 1939 bis 8. Mai 1945 Kriegsverbrechen in Deutschland und in allen von deutschen Truppen seit dem 1. September 1939 besetzten Ländern und Gebieten und in Österreich, der Tschechoslowakei, Italien und auf hoher See.«

Und auf Seite 46 heißt es:

»In einer Reihe von Jahren vor dem 8. Mai 1945 haben sämtliche Angeklagte Verbrechen gegen die Humanität in Deutschland...« und so weiter.

Also einzelne Teile des mündlichen und des schriftlichen Anklagevortrages sprechen für eine Beschränkung der Anklage gegen [488] Schacht auf die Punkte 1 und 2, andere Stellen dagegen bringen unmißverständlich zum Ausdruck, daß er auch der Verbrechen gegen die Humanität angeklagt wird.

Ich glaube, es wäre nützlich – es braucht ja nicht gleich geschehen, ich wollte es aber vorsorglich jetzt schon sagen –, wenn die Anklage bei passender Gelegenheit erklären würde, in welchem Umfange nunmehr die Anklage gegen Schacht erhoben gilt.

JUSTICE JACKSON: Herr Vorsitzender! Es nimmt nur einen Moment in Anspruch, dies zu beantworten. Ich denke, daß das Kreuzverhör, das heißt, das Verhör nicht mit irgendeinem Mißverständnis weitergeführt werden sollte.

Immer und in allen Dokumenten, die mir bekannt sind, ist der Angeklagte Schacht der Schuld des Anklagepunktes 1 bezichtigt.

Anklagepunkt 1 behauptet, daß der allgemeine Plan oder die Verschwörung die Begehung von Verbrechen umfaßte, indem die Angeklagten Angriffskriege planten, vorbereiteten und entfesselten. Bei der Entwicklung und im Verlauf dieses gemeinsamen Planes kam es zum Begehen von Kriegsverbrechen, denn der Plan sah rücksichtslose Angriffskriege vor, die die Angeklagten beschlossen und auch durchführten. Das schließt auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.

Wir behaupten hier, daß, obgleich der Angeklagte Schacht die einzelnen Verbrechen nicht im Felde begangen hat, er doch für alle Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden muß, die von einem der Angeklagten oder deren Mitverschwörern begangen wurden, und zwar bis zu der Zeit, als er öffentlich mit dieser Gruppe, mit der er sich verbündet hatte, brach.

Das ist unser Standpunkt. Herr Dr. Dix sollte sein Verhör unter der Annahme durchführen, daß jeder Anklagepunkt auch für Schacht gilt, und zwar bis zu dem Zeitpunkt, wo er öffentlich und dokumentarisch – so daß es jedermann bekannt war – sich von dieser Gesellschaft, der er sich angeschlossen hatte, lossagte.


DR. DIX: Wahrscheinlich liegt es an mir. Aber ich sehe noch nicht ganz klar. Erstens weiß ich nicht, welcher Zeitpunkt dann von der Anklage angenommen wird, von dem die Anklage einräumt, daß Schacht offen mit dem Regime gebrochen hat. Ich müßte also, wenn ich meine Examination...


VORSITZENDER: Ich denke, daß es an Ihnen ist, den Zeitpunkt festzusetzen, an dem er mit diesem Regime öffentlich gebrochen hat. Können Sie mich nicht hören?


DR. DIX: Ich soll mich jetzt entschließen?


VORSITZENDER: Ja. Ich glaube es ist besser, wenn Sie mit der Beweisaufnahme fortfahren.


[489] DR. DIX: Gut, ich darf ja später nochmal darauf zurückkommen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Also bitte machen Sie keine grundsätzlichen Ausführungen zur Judenfrage, das nicht, sondern geben Sie dem Gericht nur an einigen wenigen Beispielen an, wie Sie sich in der Judenfrage verhalten haben.

SCHACHT: Die Judenfrage kam gleich zu Anfang auf, als mir im Jahre 1933 der inzwischen verstorbene Neuyorker Bankier James Meier seinen Besuch ankündigte. Ich bin damals zu Hitler gegangen und habe ihm gesagt: Herr James Meier, einer der angesehensten Neuyorker Bankiers und ein großer Wohltäter für seine alte deutsche Heimat, kommt mich besuchen, und ich habe die Absicht, ihm zu seinen Ehren ein Essen zu geben. Ich nehme an, daß Sie nichts dagegen haben. Darauf hatte er mir sofort erwidert in einer sehr entschiedenen und bemerkenswerten Weise: Herr Schacht, Sie können alles machen. Ich entnahm daraus, daß er mir völlige Freiheit gab, mit meinen jüdischen Bekannten nach wie vor zu verkehren, was ich auch getan habe. Das Essen ist dann auch erfolgt.

Ich erwähne das nur, weil es das erstemal war, wo die Judenfrage zwischen uns berührt wurde. Wie sehr ich in jedem Augenblick in der Judenfrage Stellung genommen habe, und zwar, wenn es anging, irgendwie öffentlich – ich habe immer die Möglichkeit gesucht –, dafür vielleicht nur zwei Beispiele:

In Arnswalde, in der Provinz Brandenburg, besaß die Reichsbank eine Filiale. Der Vorstand dieser Filiale wurde eines Tages mit Namen in einem »Stürmer«-Kasten im Orte öffentlich ausgehängt mit der Bezeichnung, er sei ein Volksverräter, weil seine Frau, ich glaube für 50 Pfennig Band oder dergleichen in einem jüdischen Laden gekauft hatte. Ich habe mich sofort an die zuständige Stelle in Arnswalde gewandt und habe die sofortige Rücknahme dieses Anschlages verlangt und eine sofortige Berichtigung, daß dieser Mann kein Volksverräter sei. Das wurde mir abgelehnt. Ich habe daraufhin, ohne irgend jemanden zu fragen, kurzerhand die Reichsbankstelle in Arnswalde geschlossen.

Das hat eine Reihe von Wochen gedauert, bis endlich der Oberpräsident, der natürlich auch ein Nazi-Bonze war, zu mir kam und mich bat, ich möchte doch die Stelle wieder aufmachen. Ich habe ihm gesagt: Soweit Sie öffentlich diese Sache widerrufen, werde ich die Reichsbank in Arnswalde wieder aufmachen. Es dauerte nur wenige Tage, dann hat der Oberpräsident und Gauleiter von Brandenburg, Kube, diese Veröffentlichung in der Arnswalder Zeitung im Fettdruck vorgenommen, und ich habe die Stelle in Arnswalde wieder eröffnet. Das ist ein Beispiel.

[490] Das zweite Beispiel ist hier schon kurz erwähnt worden. Ich will es hier nur noch einmal resümieren, weil es sehr eindringlich gewirkt hat.

Nach dem Pogrom vom 9. November 1938 habe ich bei der Weihnachtsfeier der Büroburschen der Reichsbank auf diese Dinge Bezug genommen. Ich habe den Jungens gesagt in Gegenwart von vielen Anwesenden, Eltern und Parteiführern, Parteimitgliedern, ich hoffte, sie seien bei diesen Dingen, die jedem anständigen Deutschen die Schamröte in das Gesicht treiben müßten, nicht dabeigewesen. Wenn aber doch, dann möchten sie sich schleunigst aus der Reichsbank entfernen; denn in einem Institut wie der Reichsbank, das auf Treu und Glauben aufgebaut sei, könne man keine Leute brauchen, die das Eigentum und das Leben anderer mißachten.


DR. DIX: Darf ich Sie mal einen Moment unterbrechen, Dr. Schacht, und das Gericht darauf aufmerksam machen, daß in dem bereits überreichten Exhibit Schacht 34, nämlich in einer eidesstattlichen Erklärung des Herrn Dr. Schniewind, auf Seite 118 des deutschen Textes und auf Seite 126 des englischen Textes, – dieses gleiche Vorkommnis, das Dr. Schacht eben erzählt hat, zum Gegenstand dieser Versicherung gemacht ist. Ganz kurz. Es heißt dort:

»Es ist bekannt, daß er« – nämlich Schacht – »auf der Weihnachtsfeier der Reichsbank im Dezember 1938 in seiner Ansprache den jungen Büroburschen folgendes gesagt hatte: Vor wenigen Wo chen... haben sich in unserem Vaterlande Dinge ereignet, die eine Kulturschande sind und jedem anständigen Deutschen die Schamröte ins Gesicht treiben müssen. Ich hoffe nur, daß keiner von Euch Büroburschen dabeigewesen ist, denn für einen solchen wäre kein Platz in der Reichsbank.«


[Zum Zeugen gewandt:]


Entschuldigen Sie bitte. Fahren Sie bitte fort, wenn Sie darauf noch etwas antworten wollen.

SCHACHT: Als ich im August 1934 die Leitung des Reichswirtschaftsministeriums übernahm, habe ich selbstverständlich zunächst an Hitler die Frage gerichtet: Wie sollen die Juden in der Wirtschaft behandelt werden? Hitler hat mir damals wörtlich erwidert: In der Wirtschaft können die Juden sich genau so betätigen wie bisher.

Dieses war die Richtlinie, die mir Hitler zugesagt hatte, und ich habe mich in der ganzen Zeit meiner Führung des Wirtschattsministeriums in diesem Sinne verhalten. Ich muß allerdings sagen, daß es nahezu alle paar Wochen einen Krach mit irgendeinem Gauleiter oder sonstigen Parteifunktionär gab in irgendeiner jüdischen Frage. Auch konnte ich die Juden natürlich nicht vor körperlichen Mißhandlungen und dergleichen schützen, weil dies [491] unter die Zuständigkeit des Staatsanwalts fiel und nicht in mein Ressort; aber auf wirtschaftlichem Gebiet habe ich allen Juden, die sich an mich wandten, zu ihrem Recht verholfen und habe mich in jedem einzelnen Fall, wo ich allerdings manchmal mit meinem Rücktritt drohen mußte, bei Hitler gegen die Gauleiter und Parteifunktionäre durchgesetzt, und ich glaube es ist bemerkenswert, daß der Pogrom vom November 1938 erst stattfinden konnte, nachdem ich auch aus meinem Amte geschieden war. Wäre ich noch im Amte gewesen, so wäre dieser Pogrom zweifellos nicht erfolgt.


DR. DIX: Der Zeuge Gisevius hat bereits bekundet, daß im Laufe der Entwicklung ab 1933 Ihre Beurteilung Adolf Hitlers polaren Wandlungen unterlegen ist. Ich bitte Sie, dem Tribunal, weil dies eine sehr entscheidende Frage ist, eine eingehende Darstellung Ihrer inneren Einstellung und Ihrer Beurteilung Adolf Hitlers im Laufe der Jahre zu geben, so erschöpfend wie möglich, aber auch so kurz wie möglich.


SCHACHT: Ich habe Hitler in meinen früheren Ausführungen hier als einen halbgebildeten Mann bezeichnet und halte daran auch fest. Er hat keine ausreichende Schulbildung genossen, aber er hat nachher unendlich viel gelesen, hat sich ein großes Wissen angeeignet und jonglierte mit diesen Kenntnissen in einer virtuosen Weise in allen Debatten und Vorträgen. Er war zweifellos ein genialer Mensch in gewisser Beziehung. Er hatte Einfälle, auf die ein anderer nicht kam, und die geeignet waren, zuweilen aus großen Schwierigkeiten durch verblüffende Einfachheit, manchmal auch durch verblüffende Brutalität, aber doch sicher herauszuführen. Er war ein Massenpsychologe von geradezu diabolischer Genialität.

Während ich und einige andere – beispielsweise hat mir der General von Witzleben das einmal bestätigt – uns in seinen persönlichen Unterhaltungen mit uns niemals fangen ließen, so hat er doch auf andere Menschen einen ganz merkwürdigen Einfluß ausgeübt, und es war ihm namentlich – trotz seiner krächzenden Stimme – und trotz seines Überschlagens im Ton – möglich, große Massen in einem gefüllten Saal zu der unbändigsten Begeisterung zu erwecken. Ich glaube, daß er ursprünglich nicht von nur schlechten Trieben erfüllt war. Er hat ursprünglich zweifellos geglaubt, etwas Gutes zu wollen; aber er ist nach und nach diesem Zauber, den er auf die Massen ausübte, selber erlegen; denn wer sich in diese Massenverführung hineinbegibt, wird letzten Endes von der Masse geführt und verführt, und so hat ihn dieses Wechselspiel von Führer und Geführten meines Erachtens mit auf die schlechte Bahn der Masseninstinkte gezogen, von der sich jeder politische Führer freihalten sollte.

Noch eins war an Hitler bewundernswert. Er war ein Mann von einer unbeugsamen Energie, von einem Willen, der alle Widerstände [492] über den Haufen rannte. Nur diesen beiden Eigenschaften der Massenpsychologie und seiner Willensenergie verdankte Hitler meines Erachtens, daß er bis zu 40 Prozent und nachher beinahe 50 Prozent des ganzen deutschen Volkes hinter sich scharen konnte.

Was soll ich sonst noch sagen?


DR. DIX: Ja, mir kam es hauptsächlich darauf an, Ihre eigene Meinungswandlung klarzustellen. Sie haben ja bekundet, daß der Bruch Ihrer Stellungnahme zu Hitler in der Fritsch-Affäre lag, und Sie sind ja nun der berufenste Zeuge dafür, Ihre eigene Entwicklung, nicht diejenige Hitlers, Ihre eigene Entwicklung Hitler gegenüber darzustellen.


SCHACHT: Verzeihen Sie, ich glaube, hier liegt ein grundlegender Irrtum vor, und zwar der Irrtum, als ob ich jemals ein überzeugter Anhänger Hitlers gewesen wäre; das bin ich nie gewesen, im Gegenteil; ich habe vielmehr aus Sorge um mein Volk und um mein Land, nachdem Hitler die Macht erlangt hatte, meine Kraft dafür eingesetzt, diese Macht, diesen Strom in ein geordnetes Bett zu lenken und in einem geordneten Bette zu halten. Infolgedessen konnte ich auch nicht irgendeinen Bruch mit Hitler vollziehen; ein Bruch wäre ja nur dagewesen, wenn ich vorher mit ihm ver bunden gewesen wäre. Ich bin innerlich nie mit Hitler verbunden gewesen; aber ich habe äußerlich in seinem Kabinett gearbeitet, weil er nun einmal an der Macht war und weil ich es für meine Pflicht hielt, meine Kraft im Sinne des Guten für mein Volk und mein Land einzusetzen.


DR. DIX: Gut, wann entschlossen Sie sich dann aber und durch welche Umstände, durch welche Erkenntnis wurden Sie beeinflußt, um nunmehr diejenige Aktivität zu entfalten, die der Zeuge Gisevius geschildert hat?


SCHACHT: Meine ernste Kritik des Hitlerschen Verhaltens setzte bereits ein bei dem sogenannten Röhm-Putsch am 30, Juni 1934. Ich habe damals – ich bemerke zunächst, daß diese Dinge ganz unerwartet und von mir gar nicht vorausgesehen über mich gekommen sind – ich habe damals Hitler gesagt: Wie konnten Sie nur diese Leute einfach abschießen lassen? Sie hätten unter allen Umständen zum mindesten irgendein Schnellgericht einsetzen müssen. Hitler hat diese Bemerkungen, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, eingesteckt und hat nur etwas von revolutionären Notwendigkeiten und dergleichen gemurmelt, aber er hat mir nicht eigentlich widersprochen.

Ich habe dann im Laufe der zweiten Hälfte des Jahres 1934 und der ersten Hälfte des Jahres 1935 bemerkt, daß meine Vorstellung falsch war, wenn ich glaubte, daß all das, was als revolutionäre Unbotmäßigkeit, als revolutionäres Übermaß seitens der Parteikreise [493] hingestellt wurde, von Hitler nicht gebilligt würde, und daß Hitler auch gewillt sei, diese Dinge in eine ordentliche Atmosphäre zurückzuführen. Hitler hat nichts getan, um die Übergriffe der einzelnen Parteileute und Parteigruppen abzustellen. Er hatte wahrscheinlich immer die Idee, die hier neulich oder heute, glaube ich, von einem Zeugen erst geäußert worden ist; die SA soll sich mal austoben, das heißt, er gab den breiten Massen der Partei gewisse Dinge als Volksvergnügen frei, Dinge, die sich mit einem geordneten Staatswesen unter keinen Umständen vereinigen lassen. Dieser Argwohn hat sich im Laufe der Monate bei mir ständig gesteigert, und ich habe dann schon erstmals im Mai 1935 Veranlassung genommen, ganz offiziell diese Dinge bei ihm zur Sprache zu bringen. Ich weiß nicht, ob Sie auf diese Dinge jetzt kommen wollen, dann bin ich bereit, sie zu erzählen.


DR. DIX: Mir kommt es darauf an, daß das Tribunal von Ihnen erfährt, wie Sie von Ihrer ursprünglichen Stellungnahme Hitler gegenüber, die Sie eben geschildert haben, dann zu einem Verschwörer gegen Hitler geworden sind.


SCHACHT: Die entscheidende Wendung in dieser meiner ganzen Haltung ist gekommen durch die Fritsch-Affäre in dem Augenblick, wo ich erkennen mußte, – und das ist natürlich auch nicht blitzartig, sondern im Laufe von Wochen und Monaten herauskristallisiert worden – wo ich erkennen mußte, daß Hitler auf einen Krieg ausgeht und jedenfalls doch nicht alles zu tun bereit war, um einen Krieg zu vermeiden. Ich habe mir gesagt, das ist ja eine ungeheure Gefahr, die hier auftaucht, und hier kann nur Gewalt mit Gewalt gebrochen werden. Jede Möglichkeit einer politischen Propaganda im Rahmen des deutschen Volkes war ja völlig ausgeschaltet. Es gab keine Versammlungsfreiheit, es gab keine Redefreiheit, es gab keine Schreibfreiheit, es gab nicht die Möglichkeit, sich auch nur in kleinerem Kreise zu unterhalten. Man wurde von A bis Z bespitzelt und jedes Wort, das man in einer Gruppe, die mehr als vier Augen überschritt, sagte, war lebensgefährlich. So gab es nur eine Möglichkeit, gegen diesen Terror, der jede demokratische Rektifizierung und jede vernünftige Kritik ausschaltete, Gewalt anzuwenden, und so bin ich darauf gekommen, daß gegenüber dem Hitler-Terror nur ein Coup d'état, ein Putschversuch und letzten Endes ein Attentat möglich war.


DR. DIX: Und ist die Bekundung Gisevius' richtig, daß sozusagen die Peripetie, der entscheidende Um schwungsmoment Ihrer Eindrücke und Erfahrungen während der sogenannten Fritsch-Krise gewesen ist?


SCHACHT: Die Fritsch-Krise gab, abgesehen von der inneren. Verlogenheit, die aus allen Vorgängen und Maßnahmen der Parteileute hervorging, die absolute Gewißheit, daß hier ein grundsätzlicher [494] Wandel in der politischen Führung vorlag dadurch, daß innerhalb von etwa 10 Tagen Blomberg beseitigt wurde, Fritsch beseitigt wurde, Neurath beseitigt wurde und daß Hitler nicht nur einen in der Außenpolitik so ungeeigneten Mann wie von Ribbentrop beriet, sondern auch in einer bald darauffolgenden Rede im Reichstag verkündete, daß nunmehr mit noch größerer Kraft gerüstet werden müsse. Infolgedessen ist diese Fritsch-Krise der entscheidende Wendepunkt in meiner Einstellung gewesen, daß irgendein weiterer Versuch auf gütlichem Wege, dieses Wildwasser in ein geordnetes Bett zu bringen, versagen mußte und daß man hier nur mit Gewaltmitteln dagegen vorgehen konnte.


DR. DIX: Ich darf, wegen der Beurteilung der Fritsch-Krise, auch hier wieder aus dem Urkundenbeweis die Urkunde vorwegnehmen, die ich schon bei der Vernehmung von Gisevius produzieren wollte und es nur nicht konnte, weil damals das Dokumentenbuch bei der Prosecution noch nicht vorlag. Dieselbe Erkenntnis über die Fritsch-Krise, die uns Gisevius und jetzt Schacht hier bekundet haben, hat auch ein kluger Offizier mit politischem Scharfblick des Auslandes gehabt. Ich darf verweisen auf Exhibit Nummer 15 meines Dokumentenbuches; es ist auf Seite 41 des englischen Textes und Seite 35 des deutschen Textes. Es handelt sich um den Zweijahresbericht des Generalstabschefs der Vereinigten Staaten an den Kriegsminister über die Zeit vom 1. 7. 1943 bis 30. 7.1945, und dort lautet ein Satz:

»Die Geschichte des deutschen Oberkommandos von 1938 an ist von ständigen persönlichen Konflikten erfüllt, in welchen sich zunehmend Hitlers persönliche Befehle gegen militärisches Urteil durchsetzten. Der erste Zusammenstoß erfolgte im Jahre 1938 und endete mit der Entlassung von Blombergs, von Fritschs und Becks und im Abschieben des letzten noch wichtigen konservativen Einflusses auf die deutsche Außenpolitik.«

Also auch hier ist der Wendepunkt klar erkannt, und ich frage Sie nun, Dr. Schacht, zusammenfassend:

Fühlten Sie sich von Hitler nur enttäuscht, oder fühlten Sie sich damals durch Hitler getäuscht. Welche Antwort geben Sie da?

SCHACHT: Die Antwort ist die, daß ich mich nie von Hitler enttäuscht gefühlt habe, weil ich nicht mehr von ihm erwartet habe, als was man von ihm nach Kenntnis seiner Natur erwarten konnte. Ich fühlte mich aber im höchsten Maße von ihm getäuscht, belogen und betrogen, denn er hat alles, was er vorher dem deutschen Volk und damit auch mir versprochen hatte, hinterher nicht gehalten. Er versprach gleiche Rechte für alle Staatsbürger, und er gab seinen Anhängern ohne Rücksicht auf ihre Fähigkeiten viel bessere Rechte als allen anderen Staatsbürgern.

[495] Er versprach, die Juden unter Fremdengesetzgebung zu stellen, das heißt, unter denselben Schutz, den Ausländer hatten. Er hat die Juden rechtlos und gesetzlos werden lassen.

Er versprach den Kampf gegen die politische Lüge und hat mit seinem Minister Goebbels niemals etwas anderes betrieben als politische Lüge und politischen Betrug.

Er versprach dem deutschen Volke die Festhaltung am positiven Christentum und hat es gelitten und gefördert, daß die kirchlichen Einrichtungen geschmäht, geschändet und beeinträchtigt wurden.

Er hat in außenpolitischer Beziehung jederzeit einen Zweifrontenkrieg abgelehnt und hat ihn nachher doch gemacht. Er hat alle Gesetze der Weimarer Republik, der er die Treue geschworen hat bei Antritt seines Kanzleramtes, verachtet und mißachtet.

Er hat die Gestapo gegen die persönliche Freiheit mobil gemacht. Er hat jeden freien Meinungs- und Nachrichtenaustausch durch Gewalt geknebelt und gebunden und hat Verbrecher begnadigt und in seinen Diensten gehalten. Er hat alles getan, um seine Versprechen nicht zu erfüllen. Er hat die Welt, Deutschland und mich betrogen und belogen.


DR. DIX: Kehren wir zur Zeit der Machtergreifung zurück. Sie haben im November 1932 öffentlich geäußert, daß Hitler Reichskanzler werden würde. Was veranlaßte Sie zu dieser Äußerung?


SCHACHT: Zu dieser Äußerung veranlaßte mich die Tatsache, daß Hitler bei den Juli-Wahlen 1932 40 Prozent aller Reichstagsmandate für seine Partei errang. Das ist ein Ergebnis, das, wenn ich recht unterrichtet bin, seit Bestehen des Reichstags, also seit 1871, niemals vorgekommen war. Für mich als Demokrat und Anhänger einer demokratisch-parlamentarischen Regierung war es völlig unausweichbar, daß man diesem Manne die Regierungsbildung in die Hand geben mußte. Ich wüßte nicht, was anderes hätte geschehen können. Es gab nur eine einzige andere Möglichkeit, eine Alternative, und das war ein Militärregime. Aber schon das Kabinett Papen war ja mit einigen präsidialen Vollmachten ausgestattet und konnte sich trotzdem nicht gegen das Parlament halten, und als Herr Schleicher den Versuch machte, ein Militärregime ohne die Nazis einzuführen, scheiterte er nach ganz wenigen Wochen, weil er vor die Alternative sich gestellt sah, entweder einen Bürgerkrieg zu machen oder zurückzutreten.

Hindenburg und auch Schleicher zunächst – wenn er im letzten Moment auch anders getan haben mag – waren immer vorher der Meinung, daß die Wehrmacht einen Bürgerkrieg nicht ertragen könne, und von Hindenburg war keineswegs bereit, einen Bürgerkrieg zuzulassen, sondern war notgedrungen und sehr ungerne doch in die Notwendigkeit versetzt, schließlich dem Manne die Zügel der [496] Regierung in die Hand zu legen, der nun einmal dank seiner Agitation und dank der Unfähigkeit der vorangegangenen Regierungen, dank auch der rücksichtslosen Politik des Auslandes gegen Deutschland, die Majorität der deutschen Wähler für sich gewonnen hatte.


DR. DIX: Sie wissen, daß die Anklage Ihnen vorwirft, Hitler und dem Nazi-Regime zur Macht verhelfen zu haben. Ich muß Sie deshalb fragen, ob Sie zwischen den Juli-Wahlen 1932 und dem Tage der Kanzlerschaft Hitlers, also dem 30. Januar 1933, öffentlich für Hitler gesprochen haben?


SCHACHT: Ich stelle zunächst fest, daß Hitlers Macht im Juli 1932 mit der Erringung von 230 Reichstagsmandaten errungen war. Alles andere, was jetzt folgte, ist nur eine Folgeerscheinung dieser Reichstagswahlen. Ich habe in dieser ganzen Zeit – mit Ausnahme dieses einen Interviews, das Sie erwähnt haben, wo ich nichts weiter gesagt habe, als daß Hitler Reichskanzler werden muß auf Grund demokratischer Grundsätze und demokratischer Regeln –, ich kann sagen, ich habe während dieser ganzen Zeit kein Wort für Hitler geschrieben oder öffentlich geredet.


DR. DIX: Haben Sie sich in jener Zeit, bei der Neugestaltung des Reichskabinetts, bei Hindenburg für Hitlers Kanzlerschaft bemüht?


SCHACHT: Ich habe niemals dazu beigetragen, durch Rücksprache mit irgendeinem der maßgeblichen Herren, sei es Hindenburg, sei es Meißner oder sonst jemandem, irgendeinen Einfluß zu Gunsten Hitlers auszuüben. Ich bin an der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler völlig unbeteiligt.


DR. DIX: Der Anklagevertreter wirft Ihnen in diesem Zusammenhang vor, daß Sie im November 1932 das Prestige Ihres Namens Hitler zur Verfügung gestellt hätten, und er beruft sich dabei auf eine Äußerung von Dr. Goebbels in dessen Buch »Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei«. Was haben Sie hierzu zu sagen?


SCHACHT: Ich hätte nie erwartet, daß dieser Wahrheitsapostel Goebbels hier noch einmal gegen mich mobil gemacht werden könnte. Aber ich kann ja nichts dafür, wenn Herr Goebbels sich geirrt hat.


DR. DIX: Der Anklagevertreter führt des ferneren aus, daß Sie die finanziellen Mittel für Hitler zur Reichstagswahl vom 5. März organisiert hätten, und zwar bei einer industriellen Versammlung, über welche sich ein Affidavit des Industriellen von Schnitzler, EC-439, US-618 äußert. Was haben Sie hierzu zu sagen?

Das ist Exhibit 3 unseres Dokumentenbuches, englischer Text Seite 11.


SCHACHT: Im Februar 1933, nachdem Hitler also bereits Reichskanzler war und die Wahlen vom 5. März eine Grundlage für die neue Regierungsbildung abgeben sollten, bat mich Hitler, ob ich bei [497] einer Versammlung, die Göring einberufen wollte und die den Zweck haben sollte, Gelder für die Wahlen zusammenzubringen, nicht freundlichst für ihn den Bankier machen möchte. Ich hatte gar keine Veranlassung das abzulehnen. Die Versammlung fand statt am 26. Februar; und nun hat der Anklagevertreter es so dargestellt, als ob ich in dieser Versammlung für einen Wahlfonds geworben hätte. Die Anklage hat aber selbst ein Dokument, D-203, vorgelegt, welches offenbar eine Wiedergabe der Wahlrede Hitlers, die er an diesem Abend gehalten hat, sein soll.


DR. DIX: Darf ich Sie mal unterbrechen? Ich darf das Gericht darauf aufmerksam machen, das ist unser Exhibit Nummer 2, und zwar Seite 9 des englischen Textes.

Entschuldigen Sie bitte, fahren Sie fort.


SCHACHT: D-203. Dieses Dokument schließt mit folgendem Satz. Ich zitiere:

»Göring... leitete dann sehr geschickt über zu der Notwendigkeit, daß andere nicht im politischen Kampf stehende Kreise wenigstens die nun mal erforderlichen finanziellen Opfer bringen müßten.«

Ende des Zitats.

Es geht also aus diesem Bericht, den die Anklage selbst vorgelegt hat, ganz klar hervor, daß nicht ich hierfür Geld geworben habe, sondern daß Göring für Geld geworben hat. Ich habe lediglich dieses Geld nachher verwaltet und in dem Affidavit Schnitzlers, Dokument EC-439, hat die Anklagevertretung sorgfältig diejenigen entscheidenden Stellen weggelassen, die mich nicht belasten, sondern entlasten.

Ich zitiere den Satz, oder die zwei Sätze deshalb folgendermaßen; ich muß leider auf englisch zitieren, weil ich nur den englischen Text vor mir habe:

»Dr. Schacht proposed to the meeting the raising of an election fund of-as far as I remember-three million Reichsmark. The fund was to be distributed between the two ›Allies‹ according to their relative strength at the time.

Dr. Stein suggested that the Deutsche Volkspar tei should be included, which suggestion, it I remember rightly, was accepted. The amounts which the individual firms had to contribute were not discussed.« –

»Dr. Schacht schlug der Versammlung vor, einen Wahlfonds von – soweit ich mich entsinne – drei Millionen Reichsmark aufzubringen. Der Fonds sollte unter die zwei ›Verbündeten‹ gemäß ihrer gegenwärtigen Stärke verteilt werden. Dr. Stein schlug vor, daß die Deutsche Volkspartei mit eingeschlossen werden sollte, welcher Vorschlag, wenn ich [498] mich recht erinnere, angenommen wurde. Die Beträge, welche die einzelnen Firmen beisteuern sollten, wurden nicht erörtert.«

Es geht hieraus hervor, daß dieser Wahlfonds gesammelt wurde nicht für die Nazi-Partei allein, sondern für die Nazi-Partei und die ihr verbündete nationale Gruppe, in der ja auch Herr von Papen, beispielsweise, und Hugenberg sich befanden und die in der Sitzung selbst ausgedehnt wurde auf eine dritte Parteigruppe, die Deutsche Volkspartei. Es war also ein gemeinsamer Wahlfonds für diejenigen Parteien, die gemeinsam in den Wahlkampf gingen, und nicht ein Nazi-Fonds.

DR. DIX: Nun sind hier von der Anklage eingeführt worden diejenigen Gesetze, welche nach der Machtergreifung erlassen worden sind und welche die totalitäre Herrschaft der Nazis und damit Hitlers einleiteten und schließlich herstellten.

Wir müssen die Frage Ihrer persönlichen Verantwortung als späteres Kabinettsmitglied zum Gegenstand der Prüfung machen. Ich muß mit Ihnen diese Gesetze im einzelnen durchgehen. Ich will sie Ihnen aber jetzt erst mal im ganzen ins Gedächtnis zurückrufen.

Da ist zunächst das Ermächtigungsgesetz; dann das Gesetz über das Verbot der Parteien und die Herstellung einer Partei; das Gesetz über die Einheit von Partei und Staat; dann das Gesetz über die Enteignung der SPD und der Gewerkschaften; dann das Beamten-Vereinigungsgesetz; dann das Gesetz über die gesetzliche Begrenzung der Berufe für die Juden; dann das Gesetz über die Einsetzung des Volksgerichtshofs; schließlich das Gesetz über die Legalisierung von Morden vom 30. Juni 1934; und das Gesetz über die Vereinigung der Ämter des Reichskanzlers-und des Reichspräsidenten in der Person Hitlers.

Wie steht es mit Ihrer Verantwortung in Ihrer Eigenschaft als Kabinettsmitglied zu diesen Gesetzen?


SCHACHT: Ich bin bei dem Erlaß aller dieser Gesetze überhaupt nicht Kabinettsmitglied gewesen. Ich habe keine Stimme im Kabinett gehabt. Ich habe Stimme im Kabinett gehabt erst nach dem 1. August 1934, wo insbesondere das letzte und verhängnisvolle Gesetz zur Vereinigung der Ämter von Reichspräsident und Reichskanzler beschlossen wurde. Ich habe auch dieses Gesetz nicht mitberaten und nicht mitvotiert. Ich bin an allen diesen Gesetzen völlig unbeteiligt.


DR. DIX: Ich weiß nicht, ob ich es genannt habe; ich möchte Sie nur vor einem Mißverständnis behüten. Das gilt nicht für das Gesetz über die Vereinigung der Ämter des Reichspräsidenten nach dem Tode Hindenburgs in der Person Hitlers.


SCHACHT: Selbstverständlich. Auch da bin ich nicht beteiligt.


DR. DIX: Und warum nicht?


[499] SCHACHT: Weil ich noch gar nicht im Kabinett war. Ich habe meine Ernennung als Minister erst am 3. oder 4. August ausgehändigt bekommen. Ich habe an der Beratung dieses Gesetzes nicht teilgenommen, habe nicht dafür votiert und habe es auch nicht unterschrieben.


DR. DIX: Nun steht aber in der Anklage, daß Sie Reichstagsmitglied waren. Dann hätten Sie doch als Reichstagsmitglied für diese Gesetze gestimmt, denn nach 1933 hat es ja eigentlich nur einstimmige Beschlüsse des Reichstags gegeben?


SCHACHT: Ja. Leider steht in der Anklageschrift sehr vieles, was nicht richtig ist. Ich bin in meinem ganzen Leben nicht Mitglied des Reichstags gewesen und ein einziger Blick in das Reichstag-Handbuch hätte die Anklagebehörde darüber aufgeklärt, daß ich auch in dieser Zeit kein Mitglied des Reichstags war. Ich habe mit allen diesen Gesetzen, weder als Kabinettsmitglied noch als Reichstagsmitglied, nichts zu tun; denn beides bin ich in dieser Zeit nie gewesen.


DR. DIX: Hat eigentlich Adolf Hitler den Eid auf die Weimarer Verfassung geleistet?


SCHACHT: Selbstverständlich hat Adolf Hitler den Eid auf die Weimarer Verfassung geleistet, als er Reichskanzler wurde, in die Hand des Reichspräsidenten Hindenburg, und er hat in diesem Eid gelobt, nicht nur die Reichsverfassung zu respektieren, sondern auch alle Gesetze, soweit sie nicht ordnungsmäßig geändert wurden, zu beachten und zu erfüllen.


DR. DIX: Ist die Weimarer Verfassung eigentlich jemals formell aufgehoben worden?


SCHACHT: Die Weimarer Verfassung ist niemals aufgehoben worden.


DR. DIX: Ist das Führerprinzip irgendwo gesetzlich oder staatsrechtlich nach Ihrer Auffassung festgelegt worden?


SCHACHT: Das Führerprinzip ist durch kein einziges Gesetz festgelegt worden und der nachträgliche Versuch, die Verantwortung der einzelnen Minister dadurch herabzuschwächen – ich treffe mich selbst damit –, daß man sagt, es sei ein Gewohnheitsrecht geworden, stimmt nicht. Die Verantwortung der Minister bestand weiter – auch meine eigene Verantwortung bestand weiter – und wurde lediglich durch den Terror und die Gewaltbedrohung Hitlers niedergehalten.


DR. DIX: Die Fragen, ob das Ermächtigungsgesetz dem Kabinett oder dem Führer galt, ob das erste Kabinett nach 1933 ein nationalsozialistisches oder eine Kombination der Rechtsparteien war, und die Frage über die Entwicklung Hitlers zum autokratischen Diktator [500] habe ich alle schon dem Zeugen Lammers gestellt. Wir wollen nicht wiederholen. Haben Sie dem, was Lammers bekundet hat, noch irgend etwas Neues hinzuzufügen?


SCHACHT: Ich habe mir lediglich zwei Sachen notiert. In der Reichstagsrede Hitlers vom 23. März 1933 spricht er noch, ich zitiere:

»Es ist der aufrichtige Wunsch der nationalen Regierung...«

Also nicht der nationalsozialistischen, wie es immer später heißt, sondern nationalen Regierung. Und ein zweites. In dem Aufruf an die Wehrmacht, den der Reichswehrminister von Blomberg am 1. Februar 1933 erlassen hat, kommt der Satz vor, ich zitiere:

»Ich übernehme das Amt mit dem festen Willen, die Reichswehr nach dem Vermächtnis meiner Amts Vorgänger als überparteiliches Machtmittel des Staates zu erhalten...«

Dieses und andere Umstände, die schon behandelt sind, gaben mir die Überzeugung, daß es sich hier um ein nationales Koalitions-Kabinett handelte, während Hitler daraus, durch seine Terror- und Gewaltherrschaft, eine reine Nazi-Diktatur machte.


DR. DIX: Das von Schacht bekundete Zitat findet sich in unserem Dokumentenbuch, Exhibit Nummer 4, Seite 14 des englischen Textes. Nun, als Sie Wirtschaftsminister wurden...

VORSITZENDER: Es ist jetzt 5.00 Uhr und wir vertagen uns nunmehr.


DR. DIX: Darf ich die Frage stellen: Vertagen wir uns auf morgen? Verhandeln wir morgen, weil morgen der 1. Mai ist? Es herrscht eine Unklarheit, ob morgen verhandelt wird oder nicht.


VORSITZENDER: Ja, der Gerichtshof wird morgen tagen.


[Das Gericht vertagt sich bis

1. Mai 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 12, S. 468-502.
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