Nachmittagssitzung.

[130] [Der Zeuge Dieckhoff im Zeugenstand.]


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Der erste Antrag ist für den Angeklagten von Neurath und bezieht sich auf Herrn François-Poncet. Er wurde schon behandelt und ist erledigt.

Dann, Euer Lordschaft, als nächstes liegt ein Antrag von Dr. Marx für den Angeklagten Streicher vor auf Einreichung eines Affidavits des Verlegers Gaßner vom »Stürmer«. Euer Lordschaft, der Verleger soll die Frage des Aufstiegs und der Verbreitung des »Stürmer« in den Jahren 1933 bis 1935 behandeln. Die Anklagebehörde hat dem Gerichtshof gegenüber bereits damals erklärt, daß sie dies nicht für erheblich hält, als der Antrag, Gaßner zur Zeugenschaft zu rufen, gestellt wurde. Die Anklage vertritt auch jetzt denselben Standpunkt. Euer Lordschaft, es handelt sich um ein Affidavit. Wir überlassen es dem Gerichtshof, ob er dieses Affidavit haben will; aber die Anklagebehörde sieht die Erheblichkeit dieses Beweismittels nicht ein.


VORSITZENDER: Wünscht Dr. Marx jetzt etwas dazu zu sagen?


DR. HANNS MARX, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN STREICHER: Herr Präsident! Ich habe mit dem Angeklagten Streicher eben wegen dieser Sache gesprochen, und er sagt mir, daß der von mir in Aussicht genommene Zeuge, Herr Gaßner, von dem ein Affidavit vorgeschlagen war, nur in der Lage sei, vom Jahre 1941 ab eine Angabe über die Bewegung, über die Auflagebewegung des »Stürmer« zu machen. Das hat für die Verteidigung selbstverständlich keinerlei Interesse. Ich würde also von dem Affidavit Abstand nehmen und mich auf das beziehen, was der Zeuge Hiemer nach dieser Richtung bekundet. Es wäre also gar nicht notwendig, dieses Affidavit noch weiter aufrechtzuerhalten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Der nächste Antrag stammt von Dr. Kranzbühler für den Angeklagten Dönitz auf weitere Erwägung und auf Zulassung des Affidavits des früheren Marinerichters Jäckel mit Rücksicht auf den Verlauf des Kreuzverhörs.

Euer Lordschaft! Ich glaube, der passendste Weg wäre, daß die Anklagebehörde jetzt keinen Einspruch gegen den Antrag erhebt, sich jedoch das Recht vorbehält, einen Einspruch in Betracht ziehen zu dürfen, wenn Dr. Kranzbühler von dem Affidavit den von ihm gewünschten Gebrauch macht.


VORSITZENDER: Das ist tatsächlich Material für die Gegenbeweisführung, nicht wahr?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, zur Widerlegung der Punkte, die im Kreuzverhör aufgeworfen wurden. Es ist sehr [130] schwierig zu entscheiden, ob man einen endgültigen Einspruch erheben soll, bevor man weiß, welchen Gebrauch Dr. Kranzbühler von dem Affidavit machen wird. Ich schlage vor, daß wir in diesem Stadium keine Einwendung erheben.


VORSITZENDER: Gut, diese Anträge und die Anordnungen des Gerichtshofs auf Zulassung von Zeugen unterliegen ja immer dieser Bedingung.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Dann erhebt die Anklage keinen weiteren Einspruch.

Euer Lordschaft! Dann sind hier noch zwei Anträge für den Angeklagten von Neurath. Ein Gesuch um Protokolle aus dem Fragebogen des...


VORSITZENDER: Sie sind beide zurückgezogen worden, nicht wahr?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Oh, wurden sie das? Ich war nicht sicher.

Euer Lordschaft! Dann stellt Dr. Thoma für den Angeklagten Rosenberg Anträge in drei Dingen: den Austausch von Schreiben zwischen Dr. Ley und dem Angeklagten, die Eintragungen von Dr. Strauber vom 27. Mai 1944 und drittens eine Notiz von Ministerialrat Dr. Beil.

Euer Lordschaft! Die Anklagebehörde hält diese Dokumente für kumulativ und überläßt dem Gerichtshof die Entscheidung mit dem Hinweis, daß der Fall schon voll erledigt wurde. Ich weiß nicht, ob Dr. Thoma noch etwas sagen will.


DR. THOMA: Hohes Gericht! Ich möchte nur ganz kurz darauf zurückkommen, daß offenbar in der Sache des Ministerialrats Dr. Beil ein Irrtum vorliegt. Hier handelt es sich um einen Fragebogen. Ich habe an Beil einen Fragebogen gesandt, der noch nicht zurückgekommen ist. Sonst weiß ich nichts über diese Sache; aber ich habe einen Antrag gestellt, der noch nicht erwähnt worden ist. Ich habe gebeten darum, daß einige von Rosenbergs Schriftstücken »Tradition und Gegenwart«, neue Reden und Übersetzungen, in das Dokumentenbuch aufgenommen werden könnten, und zwar behandeln sie Fragen, die damals anläßlich von Gauschulungssitzungen und Besprechungen aufgetaucht sind und die auch bestehen auf Fragen des Zusammenlebens der Völker Europas untereinander, der religiösen Toleranz und des Eintretens für ein ideales Menschentum und ähnliche Aufsätze. Ich bitte, diese Aufsätze noch zuzulassen. Sonst habe ich keinen Antrag zu stellen und stelle im übrigen die Entscheidung in das Ermessen des Gerichts.

VORSITZENDER: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, Dr. Thoma, dann haben Sie auf keinen der uns vorliegenden Anträge Bezug genommen. Die Anträge, die vor uns liegen, sind [131] ein Briefwechsel zwischen Dr. Ley und dem Angeklagten vom Herbst 1944, dann eine Eintragung von Dr. Strauber; der dritte ist ein Schreiben von Dr. Beil. Haben Sie auf diese Bezug genommen oder nicht?


DR. THOMA: Ja, das stimmt. Ich muß auch gestehen, daß mir diese Anträge vollständig fremd sind. Die Anträge muß der Angeklagte Rosenberg auf eigene Faust gestellt haben, denn ich kann keine Spur von ihnen finden; vielleicht ist ein Versehen erfolgt in dem Memorandum an das Tribunal. Ich kenne die Anträge nicht.


VORSITZENDER: Nun, Dr. Thoma, die Exemplare der Anträge liegen vor uns, und beide sind vom Angeklagten Rosenberg und von Ihnen selbst unterschrieben.


DR. THOMA: Dann muß es schon seit Monaten erfolgt sein. Ich kann mich daran nicht mehr erinnern; dies ist vom 3. Juni.


VORSITZENDER: Sie wollen sie jedenfalls nicht mehr?


DR. THOMA: Antrag Nummer 3 ist erledigt.

Ich habe jetzt die Anträge wieder gelesen, und ich erinnere mich an sie. Ich bitte Sie, in einer für den Angeklagten günstigen Weise zu entscheiden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Die nächsten Anträge betreffen eine Anzahl von Dokumenten für den Angeklagten von Papen, und die Anklagebehörde hat keinen Einwand dagegen.


VORSITZENDER: Sir David! Eine ganze Menge von ihnen... sicher die Nummern 3, 5 und 13 sind entweder zugelassen oder abgewiesen worden, denke ich.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: So ist es, Euer Lordschaft. Ich hatte eine Notiz zu Nummer 13. Ich glaube wirklich, daß sie schon behandelt wurden, Euer Lordschaft. Sie sind in den Büchern, und ich glaube nicht, daß eine weitere Besprechung erforderlich ist.


VORSITZENDER: Sind sie alle im Buch?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich glaube ja, Euer Lordschaft. Ich weiß nicht, ob Dr. Kubuschok sagt, daß er mit mir übereinstimmt.


VORSITZENDER: Sehr gut.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Der nächste Antrag ist für den Angeklagten Bormann, nämlich ein Gesuch um Beschaffung eines Erlasses Hitlers und eines Erlasses von Bormann von 1944. Die Anklagebehörde erhebt keinen Einspruch gegen diese Dokumente.


VORSITZENDER: Ich verstehe nicht ganz, worum es sich bei dem letzteren handelt. Können Sie mir sagen, worum es sich handelt?


[132] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Ich selbst verstand es so, daß es »zum« SD heißt und nicht »vom« SD, nämlich die Zugehörigkeit von Angehörigen des Hauptbüros der Nationalsozialistischen Partei zum SD.

Ich fürchte, daß diese meine Vermutung keine Zustimmung findet.


DR. FRIEDRICH BERGOLD, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN BORMANN: Euer Lordschaft! Hier handelt es sich um die Verfügung Bormanns, in der er Angehörigen der Parteikanzlei verboten hat, dem SD anzugehören. Eine Verfügung Bormanns für die Parteikanzlei.


VORSITZENDER: Ich danke Ihnen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Die übrigen Anträge sind für den Angeklagten Göring auf Zulassung eines Affidavits des Barons von Gersdorff und eines Buches von Joseph Chapski. Euer Lordschaft, mein sowjetischer Kollege hat diesen An trag schon in einer schriftlichen Eingabe vom 20. Juni behandelt. Ich will dazu nicht mehr sagen. Oberst Pokrowsky, Euer Lordschaft, ist hier, wenn Sie ihn weiter hören wollen.


VORSITZENDER: Ich dachte, wir hätten schon eine Anordnung dazu erlassen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft hat das getan.


VORSITZENDER: Es scheint, daß wir am 9. Juni angeordnet haben, für Göring könnten drei Zeugen vorgeladen werden, entweder persönlich... Vielleicht wäre es besser, wenn wir Dr. Stahmer darüber hören würden.


DR. OTTO STAHMER, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN GÖRING: Herr Präsident! Ich habe den Beschluß des Gerichts so aufgefaßt. Ich hatte den Antrag gestellt, es waren fünf Zeugen. Das Gericht hat gesagt, von diesen fünf Zeugen dürfte ich nur drei Zeugen vorführen.


VORSITZENDER: Das ist richtig.


DR. STAHMER: Hinsichtlich der Affidavits war in dem Beschluß nach meiner Erinnerung nichts gesagt, so daß ich davon ausgegangen bin, daß ich bei der Bitte um Zulassung von Affidavits nicht gehindert bin, sofern das Gericht sie für notwendig hält.


VORSITZENDER: Dr. Stahmer! Haben Sie nicht, nachdem der Gerichtshof die Beschränkungen der Zahl der Zeugen auf drei angeordnet hatte, eine Mitteilung erhalten und, ich glaube, auch beantwortet, wonach Sie vorschlugen, daß Sie möglicherweise auf die mündlichen Zeugen verzichten und die ganze Angelegenheit durch Affidavits erledigen könnten?


[133] DR. STAHMER: Jawohl, Herr Präsident, die Nachricht habe ich bekommen. Ich habe deswegen auch schon mit der Russischen Anklagebehörde verhandelt. Wir sind nicht ganz zu einer Einigung gekommen, und ich habe daher schon vor einigen Tagen einen schriftlichen Antrag an das Gericht gestellt.


VORSITZENDER: Ja, aber wollten Sie nicht zu der Vereinbarung kommen, von beiden Seiten nur je drei Affidavits vorzulegen? Oder waren es mehr als drei?


DR. STAHMER: Nein, es handelt sich nur um die Frage, über die ist noch keine Einigung erzielt, ob mir die Möglichkeit gegeben wird, einige Affidavits hier zur Verlesung zu bringen.


VORSITZENDER: Ich verstehe.

Dr. Stahmer! Ich glaube, die Sache liegt so, daß wir, wenn Sie mit der Sowjetischen Anklagevertretung nicht zu einer Vereinbarung kommen können, bei unserer vorherigen Verfügung bleiben müssen.


DR. STAHMER: Jawohl.


VORSITZENDER: Sie werden sich weiterhin bemühen, mit der Sowjetischen Anklagevertretung zu einer Einigung zu gelangen und dann den Gerichtshof verständigen?


DR. STAHMER: Jawohl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Darf ich vielleicht noch drei Beweisstücke erwähnen? Sie alle beziehen sich auf das Tagebuch des Admirals Aßmann, das während der Verhandlungen der Fälle Dönitz und Raeder hier vorgelegt wurde. Dies bezieht sich auf drei Beweisstücke. Das erste ist Dokument D-879. Wir hielten es für angebracht, die verbindende Seite einzufügen, um den Zusammenhang des Beweisstücks zu wahren. Aus diesem Grunde bittet die Anklagebehörde, das Beweisstück GB-482 zurückzuziehen und durch die beiden Seiten zu ersetzen, die früher darin waren, samt einer verbindenden Seite. Es handelt sich also nur um eine verbindende Seite, Euer Lordschaft.

Das zweite ist Dokument D-881...


VORSITZENDER: Hat die Verteidigung einen Einwand dagegen vorzubringen?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich glaube nicht, Euer Lordschaft, ich habe von keinem Einwand gehört.


VORSITZENDER: Worauf beziehen sich die Dokumente, sagten Sie?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Auf das Tagebuch des Admirals Aßmann, der zum Stab des Angeklagten Raeder gehörte.


VORSITZENDER: O ja.


[134] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Es handelt sich nur darum, das Beweisstück in die richtige Form zu bringen.

Das zweite Dokument, Euer Lordschaft, D-892, ist ebenfalls eine Stelle aus dem gleichen Tagebuch vom 23. Februar 1940. Euer Lordschaft, ich habe versprochen, ein Beweisstück einzureichen, als ich mich mit dem Tagebuch im Kreuzverhör befaßte, und, Euer Lordschaft, das Beweisstück ist nun fertiggestellt, und ich möchte es unter der Nummer GB-475 vorlegen, das heißt D-881 wird GB-475.

Das dritte, für das das gleiche zutrifft wie für das zweite, ist Dokument D-881. Dieses Beweisstück ist nunmehr fertiggestellt und wird GB-476. Exemplare für die Angeklagten liegen vor und werden ihnen nach Genehmigung seitens des Gerichtshofs zugehen.

VORSITZENDER: Natürlich werden solche Exemplare auch dem Gerichtshof vorgelegt werden?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Natürlich, Euer Lordschaft. Sie warten ja nur auf die formelle Genehmigung durch den Gerichtshof, dann werden sie vorgelegt.


VORSITZENDER: Ja, Sir David, das ist in Ordnung.

Und nun, Sir David, werden wir uns mit der anderen Sache beschäftigen.

Ja, Dr. Thoma?


DR. THOMA: Ich wollte die Gelegenheit ergreifen, den beantworteten Fragebogen von Robert Scholz, dem Leiter des Sonderstabes Rosenberg, dem Gericht vorzulegen. Der Fragebogen ist übersetzt in die englische und französische Sprache, und ich möchte ihn nun dem Gerichtshof als Exhibit Nummer 41 übergeben. Ich habe ihn schon Mr. Dodd gezeigt, Mr. Dodd hat keine Einsprüche erhoben.


VORSITZENDER: Sehr gut.


PROFESSOR DR. HERBERT KRAUS, STELLVERTRETENDER VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN SCHACHT: Herr Präsident! Ich wollte mich vergewissern, ob und bis zu welchem Zeitpunkt wir noch nach dieser Sitzung Affidavits und Urkunden nachreichen dürfen. Der Grund ist der, daß mir in den letzten Tagen zwei Affidavits zugegangen sind und eine Urkunde, über deren Erheblichkeit wir uns noch nicht abschließend schlüssig geworden sind.


VORSITZENDER: Sir David! Der Gerichtshof würde gerne wissen, wann die Anklagevertreter und die Verteidiger diese noch ausständigen Angelegenheiten erledigen wollen; ebenso die Beweismittel, die die Verteidigung oder die Anklagevertretung zur Gegenbeweisführung vorbringen wollen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, Euer Lordschaft, ich habe bisher noch keine Möglichkeit gehabt, dies mit den Verteidigern zu [135] besprechen. Aber ich hätte gedacht, am Ende der Beweisaufnahme. Man kann mit Grund annehmen, daß die Beweisführung noch Ende dieser Woche abgeschlossen werden wird. Man könnte sich Samstag vormittag oder Montag damit befassen und so den Verteidigern entgegenkommen; und natürlich, wie der Gerichtshof es entscheidet.


VORSITZENDER: Ja. Der Gerichtshof, denke ich, erwartet, daß die Verteidiger und die Anklagevertreter direkt nach der Beweisaufnahme bereit sein werden, diese zusätzlichen Fragen zu behandeln, die noch ausständig sind, und auch alle Anträge, die sie mit Bezug auf eine Gegenbeweisführung haben mögen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Jawohl, Euer Lordschaft.


VORSITZENDER: Ich möchte deutlich dahin verstanden werden, daß erwartet wird, daß dies unmittelbar nach Beendigung der Beweisaufnahme geschieht. Das entspricht, glaube ich, der Stellungnahme von Dr. Kraus zu den Affidavits und Dokumenten. Das wäre die geeignetste Zeit.

Sir David! Haben Sie eine Vorstellung, wie lange das dauern wird?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Ich glaube, sehr kurze Zeit. Ich nehme an, daß die Sache in zwei Tagen erledigt sein sollte. Ich habe mit Herrn Dodd darüber gesprochen, und wir sind zu dieser Auffassung gekommen.


VORSITZENDER: Ja. Höchstens zwei Tage?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Höchstens, Euer Lordschaft, ja.


VORSITZENDER: Sehr gut.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: [zum Zeugen Dieckhoff gewandt] Herr Zeuge! Seit wann kennen Sie Herrn von Neurath?


DIECKHOFF: Seit 1913. Ich lernte ihn kennen, als ich in das Auswärtige Amt eintrat. Er war damals Legationsrat im Auswärtigen Amt. Ich habe ihn dann später wiedergesehen in Konstantinopel und habe da mit ihm zu tun gehabt. Bis 1930 habe ich ihn dann nicht mehr wiedergesehen.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: In welcher Eigenschaft haben Sie dann von 1930 ab mit Herrn von Neurath zu tun gehabt?


DIECKHOFF: Herr von Neurath war zunächst von 1930 bis 1932 Botschafter in London, und ich leitete im Auswärtigen Amt die Abteilung England-Amerika.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wie war während dieser Zeit die Zusammenarbeit zwischen dem Auswärtigen Amt, also Ihnen, und Herrn von Neurath? Er war doch damals Botschafter in London?


DIECKHOFF: Die Zusammenarbeit war gut.


[136] DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wissen Sie irgend etwas über die Berufung von Herrn von Neurath zum Reichsaußenminister?


DIECKHOFF: Ich erinnere mich, daß die meisten leitenden Beamten des Auswärtigen Amtes bestürzt waren über den plötzlichen Abgang von Brüning, dessen feste und maßvolle Politik wir damals für richtig hielten. Wir haben uns mit dem Wechsel in der Person des Außenministers nur deshalb abgefunden, weil Neurath an die Stelle von Brüning trat, und weil wir wußten, daß Herr von Neurath ein Mann von Maß war und ein erfahrener Diplomat. Außerdem wußten wir, daß er in London die Brüningsche Politik vertreten hatte, und wir erwarteten, daß er die Brüningsche Politik als Außenminister fortsetzen würde. Ich habe Herrn von Neurath, ich glaube am 2. Juni, am Bahnhof in Berlin abgeholt, als er nach Deutschland kam.

Ich hatte aus den Gesprächen von ihm den Eindruck, daß er sehr ungern von London wegging und sehr ungern das Außenministerium übernahm. Aber er sagte mir: Ich werde mich dem Wunsche des Alten Herrn, das heißt des Reichspräsidenten von Hindenburg, wohl nicht entziehen können.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Welche Stellungen hatten Sie selbst inne in der Zeit, als Sie unter Herrn von Neurath im Außenministerium gearbeitet haben?


DIECKHOFF: Zunächst blieb ich Leiter der Abteilung England-Amerika bis 1936. Dann im April 1936 übernahm ich die wiederhergestellte politische Abteilung. Im Juni starb der Staatssekretär von Bülow und ich wurde im August 1936 beauftragt mit der Führung der Geschäfte des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes. In dieser provisorischen Stellung bin ich geblieben bis zum März 1937, dann wurde ich Botschafter in Washington.

DR. VON LÜDINGHAUSEN: Hat Herr von Neurath als Außenminister die alten Beamten des Auswärtigen Dienstes beibehalten?


DIECKHOFF: Er hat fast in allen leitenden Stellen der Zentrale und des Auslandsdienstes die alten Beamten beibehalten. Der Staatssekretär von Bülow zum Beispiel blieb noch volle vier Jahre in derselben Stellung im Auswärtigen Amt, bis zu seinem Tode. Nach London, als seinen Nachfolger, entsandte er den Botschafter von Hösch, nach Rom den Botschafter von Hassel, und nach Paris den Botschafter Köster, alles alte Beamte des diplomatischen Dienstes.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Können Sie uns nun aus Ihren Erfahrungen während Ihrer Tätigkeit die Ziele der Neurathschen Außenpolitik nennen?


DIECKHOFF: Das Ziel von Herrn von Neurath war darauf gerichtet, gute Beziehungen zu allen Staaten zu unterhalten und [137] dadurch die gleichberechtigte Stellung Deutschlands, die wir im Jahre 1919 verloren hatten, allmählich wieder herzustellen. Es war eine Politik, wie die Politik von Stresemann und Brüning. Die Schwierigkeiten der Lage Deutschlands waren Herrn von Neurath bewußt. Er hat wiederholt bei mir darüber gesprochen. Er gab sich darüber keinen Täuschungen hin. Er hat die Dinge realistisch gesehen. Seine Tendenz war: Maßhalten.

DR. VON LÜDINGHAUSEN: Was wissen Sie über den Eintritt Herrn von Neuraths in die Regierung Hitlers, die am 30. Januar 1933 gebildet wurde?


DIECKHOFF: Ich weiß hierüber nur, was mir der Staatssekretär von Bülow mitgeteilt hat, als ich von einem Urlaub Anfang Februar 1933 nach Berlin zurückkam. Danach ist Herr von Neurath an der Neubildung des Kabinetts, das heißt des Kabinetts Hitler, völlig unbeteiligt gewesen. Er war außerdem krank in jenen Tagen. Er hörte von dem Plan, Hitler zum Reichskanzler zu machen und eine neue Regierung zu bilden. Er wollte mit dem Reichspräsidenten von Hindenburg sprechen, um sich gewisse Reservate zu sichern, kam aber zu spät und konnte sich diese Reservate nicht mehr sichern. Trotzdem hat er auch im neuen Kabinett das Außenministerium beibehalten, weil er sich dem Wunsche des Reichspräsidenten nicht entziehen wollte.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wissen Sie irgend etwas über die Einstellung Herrn von Neuraths zur nationalsozialistischen Innenpolitik?


DIECKHOFF: Ich weiß, daß Herr von Neurath schon sehr bald nach dem 30. Januar 1933 mit gewisser Sorge auf die Innenpolitik schaute; hauptsächlich, weil er fühlte, daß dadurch die Außenpolitik so schwer belastet wurde. Als ich im Juni 1933 zu ihm nach London kam, wo er damals eine Konferenz besuchte und Leiter der Deutschen Delegation war, sprach er mir seine Sorgen aus. Aber er meinte, die Dinge würden sich totlaufen, es würde wohl ähnlich gehen, wie im faschistischen Italien, wo es auch sehr wild angefangen hat, wo sich die Dinge aber später beruhigt hätten. Er hoffte, daß es auch in Deutschland so werden würde.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ich komme nun zum Jahre 1936. Eine der Hauptfragen, die dieses Jahr beherrschten, war ja die österreichische Frage. Können Sie uns sagen, wie die Einstellung Herrn von Neuraths zu den damals noch mehrfach in Erscheinung getretenen Einmischungen deutscher Kreise in die inneren Verhältnisse Österreichs war?


DIECKHOFF: Ja, Herr von Neurath hielt eine solche deutsche Einmischung in die inneren Angelegenheiten Österreichs nicht nur für unzulässig, sondern für schädlich. Er hat mir das wiederholt [138] gesagt. Er erstrebte eine wirtschaftliche Besserung der Beziehungen zu Österreich, um dadurch auch allmählich die politischen Beziehungen wieder zu bessern. Die Souveränität Österreichs wollte er unangetastet lassen. Das war auch das Ziel des Abkommens vom 11. Juli 1936 zwischen Deutschland und Österreich: wirtschaftliche Stärkung Österreichs und dadurch Wiederherstellung guter politischer Beziehungen zwischen den beiden Ländern.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ist Ihnen vor 1938, also vor dem März 1938, irgend etwas davon bekanntgeworden, daß Hitler die Absicht hatte, Österreich eventuell mit Gewalt Deutschland einzuverleiben?


DIECKHOFF: Nein.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: War Ihnen vor 1938 jemals irgend etwas bekanntgeworden darüber, daß Hitler beabsichtigte, die Sudetenfrage mit Gewalt zu lösen oder überhaupt die Tschechoslowakei anzugreifen?


DIECKHOFF: Nein.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ist Ihnen bekannt, ob Hitler mit der von Herrn von Neurath verfolgten Friedenspolitik sowohl gegenüber Österreich und der Tschechoslowakei wie auch gegenüber den übrigen europäischen Ländern bis zum November 1937 durchaus einverstanden war?


DIECKHOFF: Ich habe bis zum Abgang Herrn von Neuraths, also bis zum Februar 1938 immer angenommen, daß Hitler mit der Friedenspolitik Herrn von Neuraths einverstanden sei und habe auch nichts Gegenteiliges gehört oder erfahren.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Kennen Sie die Gedankengänge, die Überlegungen Herrn von Neuraths im Jahre 1935 hinsichtlich der Frage der Wiederaufrüstung, das heißt der Rücknahme der Wehrhoheit Deutschlands?


DIECKHOFF: Ich weiß, daß Herr von Neurath davon ausging, daß Deutschland durch die Erklärung der Westmächte vom 11. Dezember 1932 die Gleichberechtigung zugestanden erhalten hatte und daß er deshalb, nachdem alle Bemühungen um Abrüstung gescheitert waren, es für unbestreitbar hielt, daß Deutschland das Recht habe, wieder aufzurüsten.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Und die gleiche Frage wie eben möchte ich Ihnen auch hinsichtlich der Überlegungen und der Einstellung des Herrn von Neurath bezüglich der Remilitarisierung der entmilitarisierten Rheinlandzone stellen.


DIECKHOFF: Ich weiß, daß Herr von Neurath sich des Ernstes dieser Frage bewußt war, denn er wußte, daß das Problem der Remilitarisierung des Rheinlandes mit dem Vertrag von Locarno [139] verbunden war; aber ich weiß, daß er in dem französisch-russischen Beistandspakt vom Mai 1935 einen Bruch des Locarno-Vertrags erblickte und daß er aus der Ratifikation dieses Vertrags, das heißt aus dem Inkraftsetzen dieses Vertrags, das Recht für Deutschland ableitete, auch im Rheinland die deutsche Wehrhoheit wieder herzustellen.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wie war denn überhaupt damals die politische Lage? Konnte man nicht auf Grund derselben annehmen, daß es sowieso über kurz oder lang zu einer friedlichen Lösung der Rheinlandfrage gekommen wäre?


DIECKHOFF: Jedenfalls hat die tatsächliche Entwicklung nach dem 7. März 1936 gezeigt, daß die Westmächte zwar der Remilitarisierung des Rheinlandes nicht zustimmten, daß sie sich aber sehr rasch mit dem Fait accompli abfanden.

Ich bin damals 14 Tage in London gewesen, im Auftrag der Reichsregierung, in der zweiten Hälfte des März 1936, und ich habe Gelegenheit gehabt, mit vielen Engländern darüber zu sprechen; und ich habe in weiten Kreisen die Auffassung gefunden, daß, nachdem man Deutschland das Recht der Gleichberechtigung zugestanden hat, man ihm das Recht zur Remilitarisierung des Rheinlandes nicht verweigern könne.

Ich habe sogar in einigen Kreisen die Auffassung gefunden, daß man erleichtert sei, daß die Remilitarisierung des Rheinlandes, die ja sowieso früher oder später einmal gekommen wäre, so rasch und verhältnismäßig schmerzlos abgeschlossen worden sei.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Nun noch eine letzte Frage: Was wissen Sie über den Abschied Herrn von Neuraths aus dem Amt als Reichsaußenminister im Februar 1938?


DIECKHOFF: Ich war damals Botschafter in Washington, und ich war vollkommen überrascht über den plötzlichen Abgang des Außenministers von Neurath. Ich wußte zwar, daß er mit vielem nicht einverstanden war, daß er mehrfach um seinen Abschied gebeten hatte. Ich wußte auch, daß er krank war. Er litt wiederholt an Herzneurose. Ich wußte auch, daß er seinen 65. Geburtstag gefeiert hatte und damit Anspruch hatte, sich zurückzuziehen. Aber ich war doch über die Tatsache selbst überrascht, zumal ich damals keine Einzelheiten kannte. Und ich habe den Abgang des Außenministers, zu dessen Friedenspolitik ich Vertrauen hatte, sehr bedauert. Ich erinnere mich, daß auch in den amtlichen Kreisen von Washington der Abgang Herrn von Neuraths bedauert wurde, denn der Staatssekretär Sumner Welles hat mich damals einige Tage nach dieser Entwicklung auf den Abgang von Herrn von Neurath angesprochen und hat mir gesagt, daß man in der Amerikanischen Regierung den Abgang dieses Mannes, der eine maßvolle Politik betrieben habe, bedauere.


[140] DR. VON LÜDINGHAUSEN: Herr Präsident! Ich habe keine weiteren Fragen mehr an den Zeugen.


VORSITZENDER: Wünscht einer der Verteidiger, Fragen an ihn zu stellen?


DR. KUBUSCHOK: Eine einzige Frage, Herr Zeuge; Sie sagten, beim Eintritt Neuraths als Außenminister hätten Sie erwartet, daß er die Politik Stresemanns und Brünings weiterführen würde. Hat er sie auch nach seinem Antritt als Außenminister nach Ihrer Kenntnis fortgesetzt, ich meine die Brüningsche Politik?


DIECKHOFF: Ja.


DR. KUBUSCHOK: Danke.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Aus dem gleichen Grund, den ich schon für den letzten Zeugen angegeben habe, beabsichtigt die Anklagebehörde nicht, Zeit für irgendwelche Fragen in Anspruch zu nehmen.


VORSITZENDER: Dann kann sich der Zeuge zurückziehen.


[Der Zeuge verläßt den Zeugenstand.]


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Herr Präsident! Ich darf dann um die Erlaubnis bitten, als dritten und letzten meiner Zeugen Herrn Dr. Völckers auf den Zeugenstuhl zu rufen.


[Der Zeuge betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Wie heißen Sie?

ZEUGE HANS VÖLCKERS: Völckers.


VORSITZENDER: Ihren ganzen Namen?


VÖLCKERS: Hans Hermann Völckers.


VORSITZENDER: Sprechen Sie mir den folgenden Eid nach: »Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzufügen werde.«


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


VORSITZENDER: Sie können sich setzen.

DR. VON LÜDINGHAUSEN: Herr Zeuge! Sie waren zweimal persönlicher Referent bei Herrn von Neurath, und zwar am Anfang seiner Stellung als Außenminister und später in seiner Stellung als Reichs protektor von Böhmen und Mähren. Ist das richtig?


VÖLCKERS: Jawohl; seit 1920 gehörte ich dem Auswärtigen Amt an und bin stets im Ausland gewesen. Ich war zur Zeit von Stresemann vier Jahre in Genf als deutscher ständiger Vertreter und Generalkonsul beim Völkerbund und bin dann 1932 in das Auswärtige Amt einberufen und zum persönlichen Referenten des neuernannten Außenministers Herrn von Neurath ernannt worden. [141] Ich bin ein Jahr auf diesem Posten gewesen und wurde dann auf meinen Wunsch als Botschaftsrat nach Madrid geschickt, bin später Gesandter in Havanna gewesen und wurde 1939 wieder in das Auswärtige Amt einberufen zwecks Verwendung als persönlicher Referent mit dem Titel eines Kabinettschefs bei Herrn von Neurath, der inzwischen zum Reichsprotektor in Prag ernannt worden war.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Erfolgte diese Ernennung zum persönlichen Referenten des Herrn von Neurath in Prag auf Grund irgendwelcher persönlichen Beziehungen oder nur aus dienstlichen Gründen?


VÖLCKERS: Nur aus dienstlichen Gründen. Ich kannte Herrn von Neurath, bevor ich ihm in Berlin attachiert gewesen war, nicht.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wie war die Einstellung der Beamtenschaft des Außenministeriums zu der Ernennung Herrn von Neuraths zum Außenminister?


VÖLCKERS: Ich hatte den Eindruck, daß die Beamten des Auswärtigen Amtes im allgemeinen sehr befriedigt waren, daß ein alter Berufsdiplomat angesichts der schwierigen innenpolitischen Lage die Leitung des Auswärtigen Amtes übernahm als Fachminister und weil sie darin gerade die Gewähr für einen ruhigen, außenpolitischen Kurs sahen, um so mehr, als man wußte, daß Herr von Neurath das besondere Vertrauen des Reichspräsidenten von Hindenburg hatte und weil er auf Grund seiner ganzen Persönlichkeit und seiner ausgeglichenen Ruhe die besondere Anerkennung und Verehrung aller Beamten des Auswärtigen Amtes genoß.

Als dann Hitler zur Macht kam, hatte ich den Eindruck, daß er ihm gegenüber skeptisch und zurückhaltend war. Er gehörte nicht zum Kreis der engeren Vertrauten Hitlers und hat auch niemals in der Zeit, die ich bei ihm war, an diesen abendlichen Besprechungen, die Hitler damals in der Reichskanzlei abzuhalten pflegte, teilgenommen. Allmählich aber wurde der Druck gegen das Auswärtige Amt ja immer stärker. Es wurde die Auslandsorganisation aufgezogen, und das Büro Ribbentrop machte auch ein Konkurrenzunternehmen auf, in das alle möglichen Leute, die ein mal eine Auslandsreise gemacht hatten, hineinberufen waren; sie machten dann alle möglichen Berichte, die direkt an den Führer gelangten, ohne daß sie durch die Kontrolle des Auswärtigen Amtes liefen. Es kam hinzu, daß dann später der Leiter der Auslandsorganisation als Kommissar in das Auswärtige Amt hineingesetzt wurde und daß der Erbprinz Waldeck sogar in die Personalabteilung des Auswärtigen Amtes kam. Da wurde der Druck dann schließlich so stark, daß man nicht mehr dagegen ankommen konnte.

Daß aber das Auswärtige Amt sich solange gehalten hat wie eine Insel und immer noch dem Druck der Partei ausgewichen ist, ist, [142] glaube ich, sicher das Verdienst des damaligen Außenministers und auch seines Staatssekretärs von Bülow gewesen.

Als dann die Judengesetze auch eingeführt wurden im Auswärtigen Amt, weiß ich, daß sich Herr von Neurath schützend, soweit es ging, vor seine Beamten gestellt hat. Und ich bin selbst jetzt in den letzten zwei Jahren des Krieges in Stockholm in Schweden gewesen und habe dort zwei frühere Kollegen getroffen, mit denen ich sehr befreundet bin, das ist der Ministerialdirektor Richard Meier, der die Ostabteilung geführt hat, der dann ausscheiden mußte; und er hat mir oft in Stockholm erzählt, wie dankbar er Herrn von Neurath gewesen sei, daß er ihm nicht nur ermöglicht hat, seine Familie und seinen Hausrat und alles mit hinüberzunehmen ins Ausland, sondern daß Herr von Neurath ihm auch bis zum Zusammenbruch seine monatliche Pension in schwedischen Kronen hat überweisen lassen.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Welches war nun Ihre Stellung und Tätigkeit in Prag bei der Protektoratsregierung?


VÖLCKERS: In Prag war meine Stellung in der Protektoratsregierung ungefähr die gleiche wie sieben Jahre vorher, als ich beim Außenminister persönlicher Referent im Auswärtigen Amt in Berlin gewesen war, nur mit dem Unterschied, daß es im Auswärtigen Amt eine besondere Protokollabteilung und einen Protokollchef gibt, während ich in Prag gleichzeitig, und das war eigentlich meine Haupttätigkeit, auch die gesamten protokollarischen und Zeremonialsachen zu erledigen hatte. Mir unterstand das sogenannte Büro des Reichsprotektors, nicht zu verwechseln mit der großen Behörde, mit der ich nichts zu tun gehabt habe.

Als ich 1939 im Sommer nach Prag gekommen bin, war die Behörde bereits einige Monate in Betrieb.

Mein Vorgänger war ein Legationsrat von Kessel vom Auswärtigen Amt. Außer mir gehörten zu dem Büro des Reichsprotektors noch zwei weitere Beamte des Auswärtigen Amtes, die mir beigeordnet waren, sowie ein Graf Waldburg, dessen Mutter eine Tschechin war und den der Reichsprotektor eingestellt hatte, weil er sich gerade durch ihn besondere Beziehungen zu den Tschechen versprach.

Das Büro war zuständig, außer für die allgemeinen und üblichen Vorzimmerangelegenheiten, für die Erledigung der Privatkorrespondenz und für die Bearbeitung der persönlichen Gesuche.

Im Laufe der Zeit haben wir da eine besondere Abteilung gründen müssen, weil später, als die vielen Verhaftungen kamen, so viele Gesuche eingingen, hauptsächlich adressiert an den Reichsprotektor persönlich...


[143] VORSITZENDER: Dr. von Lüdinghausen! Sicherlich liegt das sehr weit entfernt von all dem, was wir zu betrachten haben, und die ganze bisherige Aussage, die dieser Zeuge gemacht hat, ist kumulatives Beweismaterial, das vorher keinem Kreuzverhör unterworfen wurde, und was er jetzt sagt, ist sehr entfernt von den Fragen, die wir zu erwägen haben.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ich habe meine Fragen beendet, ich will nur zeigen, daß er in der Lage ist, die kommenden Fragen aus eigenem Wissen zu beantworten.


[Zum Zeugen gewandt:]


Was können Sie uns aus Ihren Beobachtungen und Erfahrungen über die Einstellung des Herrn von Neurath gegenüber den Tschechen sagen?

VÖLCKERS: Ich kann nur allgemeine Eindrücke wiedergeben. Ich habe, wie ich schon sagte, mit der eigentlichen Tätigkeit der Behörde nichts zu tun gehabt, sondern war nur Herrn von Neurath persönlich attachiert für seine privaten Angelegenheiten und für die ganzen zeremoniellen Sachen. Ich weiß aber, und er hat mir erzählt, daß er, als er das Reichsprotektorat übernommen hat, das in der Absicht getan hat, die tschechische Bevölkerung so gerecht und anständig wie möglich zu behandeln, um durch Ausgleich der Gegensätze aussöhnend und vermittelnd eine gesunde Grundlage für ein Zusammenleben der beiden Völker zu schaffen. Er hat mir oft gesagt, daß er zum Reichsprotektor, also zum Beschützer der Tschechen ernannt sei, und wir wußten auch, daß der letzte Deutsche Gesandte in Prag, Dr. Eisenlohr, oft berichtet hat, daß die letzte Tschechoslowakische Regierung ihrerseits bereit gewesen ist, den Anschluß an Deutschland zu vollziehen. Er ist Gegner der militärischen Lösung gewesen, und Herr von Neurath hat mir auch, als ich damals nach Prag kam, erzählt, daß er sich – ich glaube, es war im September 1938 – sehr stark gegen die militärische Lösung ausgesprochen hat und mit Göring zusammen in München bei Hitler war und versuchte, ihn davon abzubringen. In der Praxis meines Büros habe ich es immer wieder erlebt, daß Herr von Neurath... soll ich weiter sprechen?... eine sehr offene Hand hatte den tschechischen Gesuchstellern gegenüber. Er hatte sehr viel Mitgefühl und Verständnis, prüfte jeden einzelnen Fall, und man wußte das auch in tschechischen Kreisen sehr wohl. Und da wir in dem Büro die Möglichkeit hatten, jedes einzelne Gesuch und jede Bitte von tschechischen Privatpersonen persönlich an den höchsten Chef zu bringen, so haben die tschechischen Gesuchsteller diesen Weg sehr häufig und gerne benutzt, weil die Aussichten für eine positive Erledigung ihrer privaten Wünsche und Gesuche durch den höchsten lokalen Chef viel günstiger waren, als wenn sie schematisch durch die zuständige Abteilung der Behörde bearbeitet worden wären. [144] Gerade diese Übung hat uns in einen scharfen Gegensatz gebracht zu dem Staatssekretär...

VORSITZENDER: Dr. von Lüdinghausen! Dieser Zeuge hält, wie Sie hören, ganz einfach Reden; Sie stellen ihm gar keine Fragen, Er redet einfach weiter...


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Was wissen Sie, Herr Zeuge, über das persönliche und dienstliche Verhältnis des Reichsprotektors zu Staatspräsident Hacha?

VÖLCKERS: Nach meinen Beobachtungen war das persönliche und dienstliche Verhältnis des Reichsprotektors zu Staatspräsident Hacha sehr gut, und ich glaube auch, daß das nicht nur eine äußere Form war, sondern ich habe den Eindruck, daß Herr von Neurath dem Staatspräsidenten herzlich zugetan war, weil er ihn für einen hochanständigen und lauteren Charakter gehalten hat, der unter den gegebenen Verhältnissen...


VORSITZENDER: Zeuge! Wenn Sie sehen, daß der Verteidiger genug von Ihrer Antwort gehört hat, dann können Sie sicherlich aufhören?


VÖLCKERS: Jawohl.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wie war nun das Verhältnis zwischen Herrn von Neurath und dem ihm als Staatssekretär zugeteilten Frank?


VÖLCKERS: Das Verhältnis war ein sehr schlechtes. Herr von Neurath hat mir damals schon bei Antritt meines Dienstes gesagt, daß er große Schwierigkeiten mit ihm gehabt hätte wegen seiner eindeutigen tschechenfeindlichen Einstellung als Sudetendeutscher, eine Einstellung, die man als Reichsdeutscher nicht so ohne weiteres verstehen konnte. Er hatte aber immer gehofft, daß Frank, der ein Nichtbeamter und ein Outsider war, sich allmählich seiner Politik anschließen und dem Beamtenapparat anpassen würde. Das ist aber leider nicht möglich gewesen, ich weiß nicht, wann Frank...


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Herr Zeuge! Können Sie uns kurz schildern, wie die tatsächlichen dienstlichen Machtbefugnisse Herrn von Neuraths und Franks im Verhältnis zueinander waren?


VÖLCKERS: Herr von Neurath war der Vorgesetzte des Staatssekretärs. Der Staatssekretär leitete den ganzen Betrieb und die Verwaltung der inneren Behörde, einer großen Behörde. Ihm unterstand der Unterstaatssekretär von Burgsdorff, der, glaube ich, hier von dem Hohen Gericht schon vernommen wurde. Außer der Eigenschaft als Staatssekretär war Frank auch Höherer Polizei- und SS-Führer.


[145] DR. VON LÜDINGHAUSEN: Hatte nun Herr von Neurath auf den Zweig der Tätigkeiten Franks bestimmten Einfluß, also auf den in seiner Eigenschaft als Höherer SS- und Polizeiführer?


VÖLCKERS: Wie die Verhältnisse lagen, hatte er praktisch keinen Einfluß. Ich weiß nicht, ob in der ersten Zeit bereits eine gesetzliche Regelung bestanden hat. In der Praxis jedoch war die Polizei und damit auch der Staatssekretär mit seinen polizeilichen Maßnahmen völlig unabhängig von Neurath. Das hing auch mit den Verhältnissen im Reich zusammen, wo Himmler ja auch die ganze Polizei und SS führte und dem Innenministerium die Exekutive weggenommen hatte. Soweit ich mich erinnere, hat aber im Herbst 1939 eine gesetzliche Regelung stattgefunden, die dahin lautete, daß die Polizei unabhängig sei, soweit ich mich erinnere, und daß Herr von Neurath nachträglich zu unterrichten wäre von allen Maßnahmen.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Sie meinen damit die Verordnung über den Aufbau der Verwaltung und die deutsche Sicherheitspolizei im Protektorat vom 1. September 1939?


VÖLCKERS: Ja, ich glaube, ja. Der erste Teil betraf die Verwaltung und der zweite die Polizei.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Herr Präsident! Ich darf daran erinnern, daß der Text dieser Verordnung sich in meinem Dokumentenbuch unter Nummer 149 befindet.


VORSITZENDER: Ist sie zum Beweis vorgelegt worden?


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ja, ich wollte nur daran erinnern, daß ich sie vorgelegt habe.


[Zum Zeugen gewandt:]


Wurde denn nun wenigstens Herr von Neurath entsprechend diesen Vorschriften nachträglich von diesen selbständig von Frank vorgenommenen Polizeimaßnahmen unterrichtet?

VÖLCKERS: Der Chef der Polizei war ein SS-Mann namens Böhme. Dieser pflegte mehrmals in der Woche zum Reichsprotektor zum Vortrag zu kommen. Daß er ihm beabsichtigte Polizeiaktionen vorher mitteilte, glaube ich nicht, davon haben wir nie etwas gehört. Ob er ihm nachträglich Aktionen, die er vorgenommen hatte, mitteilte, kann ich nicht beurteilen, ebensowenig ob er alles mitgeteilt hat. Meistens spielte sich das so ab, daß der Reichsprotektor ihm verschiedene Gesuche von Angehörigen von verhafteten Tschechen zur Äußerung zuschickte und daß Böhme mit diesen Sachen zum Vortrag erschien. Darin bestand im allgemeinen dann die sogenannte nachträgliche Unterrichtung des Reichsprotektors.

[146] DR. VON LÜDINGHAUSEN: Hat sich nun Herr von Neurath, wenn er nachträglich von solchen Polizeimaßnahmen erfuhr, gleichgültig auf welchem Wege, für eine Wiederaufhebung von Verhaftungen oder überhaupt Milderung und Abschwächung solcher polizeilicher Maßnahmen eingesetzt?


VÖLCKERS: Wie ich schon sagte, haben wir in dem kleinen Büro des Reichsprotektors eine besondere Abteilung zur Entgegennahme von derartigen Gesuchen eingerichtet. Diese Stelle, die natürlich dem Reichsprotektor unmittelbar unterstand, tat ihr möglichstes, um die Angehörigen zu beruhigen und um die Haftentlassung der Verhafteten zu erreichen. Die Arbeit war besonders schwer, weil diese örtlichen Stellen, der örtliche Polizeichef und auch der Staatssekretär Frank sich meistens ablehnend verhielten. Der Reichsprotektor hat sich dann immer wieder direkt an Himmler gewandt und auch wiederholt an den Führer selbst. Ich weiß und erinnere mich, daß eine sehr erregte Korrespondenz mit Himmler stattgefunden hat und daß Herr von Neurath auch wiederholt bei Hitler deshalb vorstellig wurde.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Können Sie beurteilen, beziehungsweise können Sie uns etwas darüber sagen, wie weit Herr von Neurath als Reichsprotektor, abgesehen von Polizei und polizeilichen Maßnahmen, in seinen politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen und Anordnungen frei und unabhängig oder wie weit er in diesen von Berlin gegebenen Weisungen abhängig war?


VÖLCKERS: Als ich nach Prag kam, gab es dort neben der Behörde des Reichsprotektors alle möglichen anderen Dienststellen, zum Beispiel einen Reichskommissar für die Wirtschaft, der, soweit ich mich erinnere, wie ich damals hörte, schon seine Tätigkeit aufgenommen hatte, als diese Behörde des Reichsprotektors noch gar nicht existierte. Dann gab es auch einen Beauftragten für den Vierjahresplan, und es gab den Wehrmachtsbevollmächtigten mit einem großen Stab. Auch die Parteistellen waren nicht zentral organisiert; Prag und der Norden gehörten zum Gauleiter Henlein im Sudetengau, ganz Mähren gehörte zum Gau Niederdonau, das war der Gauleiter Dr. Jury, und der Westen gehörte auch wieder zu einem dritten Gau. Alle diese Gauleiter versuchten nun ihrerseits...


VORSITZENDER: Herr Verteidiger! Das sind doch alles Einzelheiten und noch dazu unwichtige Einzelheiten.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wissen Sie irgend etwas über Herrn von Neuraths Einstellung zu vielfachen Plänen einer Germanisierung der Tschechen?


VÖLCKERS: Nein, darüber weiß ich nichts. Ich erinnere mich nur, daß Herr von Neurath einmal zu Anfang mir gesagt hat, das [147] heißt, da war der Krieg schon ausgebrochen, daß er das ganze Gebilde des Protektorats als eine Zwischenlösung betrachte und daß schließlich der Friede auch über das Schicksal der Tschechei entscheiden müsse.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Es kam nun, wie Sie sich entsinnen werden, im Herbst 1939 in Prag zum erstenmal anläßlich des tschechoslowakischen Unabhängigkeitstages am 28. Oktober 1939 zu Demonstrationen.


VÖLCKERS: Ich erinnere mich hier nicht an Einzelheiten. Es hat Demonstrationen im Oktober an einem tschechoslowakischen Nationalfeiertag gegeben. Soweit ich mich noch erinnere, waren sie auf dem Wenzelplatz und auf der Národní-ulice. Ich selbst habe das...


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Was wissen Sie von den Folgen, als einer der verwundeten Studenten gestorben war und am 15. November begraben wurde, von neuen Unruhen, besonders seitens der Studentenschaft in Prag? Was wissen Sie über diese Unruhen und was im Anschluß an diese Unruhen unmittelbar hinterher sich ereignet hat?


VÖLCKERS: Bei diesen zweiten Unruhen war vorher, soweit ich mich noch erinnere, die Weisung ausgegeben, man solle sich zurückhalten. Die Demonstrationen waren, wie man mir später erzählt hat, im allgemeinen nicht sehr beunruhigend. Trotzdem hatte aber wohl Frank nach Berlin berichtet. Jedenfalls wurden der Reichsprotektor und Frank und der General Friderici nach Berlin beordert zu einer Besprechung bei Hitler in der Reichskanzlei. Ich habe den Reichsprotektor damals begleitet. Chvalkovsky, das war der Tschechische Gesandte in Berlin, war gleichfalls eingeladen. Ich war dabei, wie Hitler in sehr erregter und verletzender Form den Gesandten wegen der Vorfälle, für die er die Tschechische Regierung verantwortlich machen müsse, abkanzelte. Ob er dabei von einer Schließung der Hochschulen gesprochen hat, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich kann mich auch nicht erinnern, gehört zu haben, daß er die Erschießung oder Verhaftung von Studenten angedroht hätte. Die Art, wie Hitler den Gesandten behandelte, war sehr peinlich für uns. Der Gesandte ist dann aus dem Raum gegangen, ohne noch weiter ein Wort zu sprechen. Soweit ich mich erinnere, ist das Thema dann nicht weiter berührt worden, es wurde zu Mittag gegessen, und bei der Verabschiedung sagte Hitler zu Frank, daß er ihn noch sprechen wollte. Herr von Neurath wurde nicht aufgefordert, und ich erinnere mich, daß er sich auf dem Nachhauseweg, als ich mit ihm ging, ungehalten darüber äußerte. Am nächsten Tag bin ich dann mit Herrn von Neurath zusammen zurückgereist, nachdem Frank bereits am selben Abend nach Prag gefahren war. Ich erinnere mich, als ich in Prag dann auf die Behörde ging, daß ich ein rotes Plakat sah, auf dem mitgeteilt [148] war, daß wegen der Unruhen die Erschießung der Rädelsführer, die Verhaftung von Studenten und die Schließung der Hochschulen angeordnet sei; der Name von Neurath stand darunter. Da ich nicht wußte, was inzwischen in Prag vorgefallen war, war ich völlig überrascht, weil ich in Berlin von diesen Maßnahmen gar nichts gehört hatte, und vermutete eine Intrige von Frank und ging gleich zu Neurath, um ihm das zu melden. Ich hatte den Eindruck, daß Herr von Neurath sehr peinlich berührt und ebenso überrascht war wie ich, daß er nichts vorher gewußt hatte. Bald darauf kam Frank dann auch durch meine Zimmer in das Zimmer von Herrn von Neurath hinein und hatte das rote Plakat unter dem Arm. Ich weiß nicht, ob von Neurath ihn hat kommen lassen oder ob er von selbst kam.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Hat von Neurath hinterher, nachdem das ja leider passiert war, sich wenigstens für die Freilassung der verhafteten Studenten eingesetzt?


VÖLCKERS: Jawohl, er hat sich sofort eingesetzt. Es gelang ihm aber nicht einmal, die Listen der verhafteten Studenten zu bekommen. Wir haben erst nach langem Drängen auf tschechischer Seite von der Tschechischen Regierung eine unvollständige Liste bekommen. Trotzdem hat Herr von Neurath sich für die Freilassung der Studenten sofort eingesetzt und hat damit auch gute Erfolge gehabt im Laufe der Zeit.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wissen Sie etwas darüber, was geschehen ist zur Unterbringung, zur Beschäftigung derjenigen Studenten, die infolge der Unruhen und der damit verbundenen Schließung der Universitäten mehr oder weniger beschäftigungslos geworden waren?


VÖLCKERS: Nein, darüber weiß ich nichts, ich habe auch nichts mit der Sache zu tun gehabt.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wissen Sie aber, ob Herr von Neurath nicht bei Hitler mehrfach auf die Wiedereröffnung der Universitäten gedrängt hat?


VÖLCKERS: Jawohl, ich erinnere mich, daß der Rektor Rosny, der Rektor der tschechischen Universität, den ich gut kannte, mich einmal gebeten hatte deshalb, und ich habe Herrn von Neurath das vorgetragen, und Herr von Neurath hat sich auch damals nochmals wieder darum bemüht, aber, soviel ich weiß, solange wir in Prag waren, sind die Hochschulen nicht wieder eröffnet worden.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Erinnern Sie sich an eine tschechisch-faschistische Organisation Vlajka? Ich weiß nicht, ob ich den Namen richtig ausspreche.


VÖLCKERS: Jawohl, aber ich weiß über die Vlajka sehr wenig. Ich weiß nur, daß wir in dem Büro verschiedene Huldigungsadressen [149] bekamen von Anhängern dieser Bewegung, und ich weiß auch, daß wir von tschechischer Seite darüber unterrichtet waren, daß diese Leute zum Teil kriminell waren und im allgemeinen nichts taugten. Herr von Neurath stand aber auf dem Standpunkt ganz allgemein, daß es eine innertschechische Angelegenheit sei und daß dies doch immerhin Leute wären, die mit uns zusammenarbeiten wollten. Er hat aber von sich aus jede Zusammenarbeit abgelehnt, und wir haben derartige Adressen vom Büro aus auch, glaube ich, niemals beantwortet. Ich weiß aber...


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Herr von Neurath war ja noch als Reichsprotektor gleichzeitig auch Präsident des Geheimen Kabinettsrates. Ist Ihnen, weil Sie ja doch die schriftlichen Arbeiten mehr persönlicher Art zum Teil für ihn bearbeiteten, irgend etwas bekannt geworden, daß Herr von Neurath in dieser Eigenschaft als Präsident des Geheimen Kabinettsrates tätig geworden ist?


VÖLCKERS: Nein, solange ich in Prag war, ist Herr von Neurath niemals tätig gewesen. Er hat mir im Gegenteil einmal gesagt, daß Hitler ihm damals, als er ihn dazu ernannte, gesagt hat, er solle nur nicht glauben, daß er jemals den Kabinettsrat einberufen würde.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Herr von Neurath war ferner auch Mitglied des sogenannten Verteidigungsrates. Hat er in solcher Eigenschaft mal irgendwie in Prag zu tun gehabt?


VÖLCKERS: Nein, das habe ich nicht gewußt, daß er Mitglied vom Verteidigungsrat war. Die grundlegenden Erlasse von Berlin, betreffend das Protektorat waren oft unterzeichnet vom Ministerrat für die Reichsverteidigung, glaube ich, hieß das. Aber Neurath hat nie mitgezeichnet oder gegengezeichnet.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Herr von Neurath war bekanntlich zum Ehren-Gruppenführer der SS und später zum Ehren-Obergruppenführer der SS ernannt worden. Hat Herr von Neurath seinerzeit, als er in Prag war, überhaupt jemals diese Uniform getragen?


VÖLCKERS: Grundsätzlich hat er seine Reichsministeruniform getragen. In der ist er auch einmal gemalt worden. Sehr viel ist er in Zivil gegangen. Es kann sein, daß er eine schwarze SS-Uniform einmal bei einer SS-Parade getragen hat, das weiß ich aber nicht mehr genau. Sonst hat er sie nie getragen.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wissen Sie irgend etwas über die Umstände und die Gründe, aus denen es im September 1941 zum Weggang Herrn von Neuraths aus Prag gekommen ist?


VÖLCKERS: Als Herr von Neurath damals im September in das Hauptquartier bestellt wurde, war er von seinem militärischen Adjutanten begleitet. Ich holte ihn am Flugplatz ab, und er hat mir im Wagen erzählt, Hitler sei wütend gewesen wegen der [150] Sabotageakte im Protektorat, er wolle Heydrich schicken, um ein Exempel zu statuieren. Neurath hätte erklärt, daß er damit nichts zu tun haben wolle und hätte um seine Entlassung gebeten. Hitler hätte dann bestimmt, daß er zunächst in Urlaub gehen sollte, und das hat er auch getan. In den nächsten Tagen ist er abgereist.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Herr Präsident! Ich habe keine weiteren Fragen.

Darf ich noch eine Bitte aussprechen am Ende meines Vortrags? Herr Präsident, ich habe noch nicht alle Dokumente vorlegen können, weil sie noch nicht in der Übersetzung bei mir eingegangen sind. Darf ich mir vorbehalten, diese restlichen Dokumente – es sind nicht viele – am Ende vielleicht des Vortrags meines Kollegen Dr. Fritz vorzulegen?


VORSITZENDER: Sie brauchen auf die Übersetzung nicht zu warten, Sie können die Dokumente jetzt als Beweismittel anbieten; reichen Sie nur eine Liste mit den Nummern ein.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Herr Präsident! Ich habe sie jetzt nicht hier. Ich darf sie vielleicht morgen oder übermorgen vorlegen, wenn Dr. Fritz fertig ist?


VORSITZENDER: Ja, sicher.

Wünscht einer der Verteidiger an den Zeugen Fragen zu stellen?

Will die Anklage ein Kreuzverhör vornehmen?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Euer Lordschaft! Die Anklage beabsichtigt aus den schon erwähnten Gründen nicht, ein Kreuzverhör zu führen.

Ich möchte auf eine Sammlung von Dokumenten hinweisen, die in unserem Dokumentenbuch 12b enthalten sind; es ist eine Sammlung der antijüdischen Verordnungen im Protektorat. Sie sind alle dem Verordnungsblatt für das Protektorat entnommen, und die Anklage bittet den Gerichtshof, von diesen amtlich Kenntnis zu nehmen, da es sich um amtliche Veröffentlichungen handelt. Die Sammlung ist für den Gebrauch des Gerichtshofs und zur Erleichterung zusammengestellt worden.


VORSITZENDER: Der Zeuge kann sich dann zurückziehen.


[Der Zeuge verläßt den Zeugenstand.]


Das beschließt vorerst Ihren Fall, Dr. Lüdinghausen.

Der Gerichtshof wird sich nun vertagen.


[Pause von 10 Minuten.]


VORSITZENDER: Ich rufe den Verteidiger für den Angeklagten Fritzsche.

[151] DR. HEINZ FRITZ, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN FRITZSCHE: Herr Präsident, meine Herren Richter!

Ich beabsichtige, die Beweisführung im Falle des Angeklagten Fritzsche wie folgt zu gestalten: Zunächst möchte ich den Angeklagten Fritzsche in den Zeugenstand rufen und sodann den Zeugen von Schirmeister aufrufen. Im Laufe dieser beiden Vernehmungen beabsichtige ich, Hohes Gericht, einige Affidavits anzubieten, um auf diese, sowie auf den sonstigen Inhalt meiner beiden Dokumentenbücher zu verweisen. Im Gerichtsbeschluß vom 8. März 1946 waren mir für meine Beweisführung als Zeugen bewilligt worden: Erstens Herr von Schirmeister, und zweitens Dr. Krieg, und als Dokumente die Texte aller Radioansprachen des Angeklagten Fritzsche aus den Jahren 1932 bis 1945 und das Archiv »Deutscher Schnelldienst« des Propagandaministeriums. Von diesen sämtlichen Beweismitteln konnte trotz der Bemühungen des Herrn Generalsekretärs leider nur der Zeuge von Schirmeister herbeigeschafft werden. Ich mußte daher meine Beweisführung umgestalten und bitte darum um die gütige Nachsicht des Hohen Gerichts, wenn ich den Angeklagten Fritzsche und den Zeugen von Schirmeister etwas eingehender vernehme, als ich das ursprünglich beabsichtigte. Mit Zustimmung des Gerichts rufe ich nunmehr den Angeklagten Fritzsche in den Zeugenstand.


[Der Angeklagte betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Wollen Sie Ihren vollen Namen angeben.

HANS FRITZSCHE: Hans Fritzsche.


VORSITZENDER: Sprechen Sie mir diesen Eid nach: »Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde.«


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


VORSITZENDER: Sie können sich setzen.

DR. FRITZ: Herr Fritzsche! Schildern Sie kurz Ihren Lebenslauf bis zum Jahre 1933.


FRITZSCHE: Ich darf hierzu auf mein Affidavit 3469-PS verweisen, und zwar auf Punkt 1 und 3 bis 8. Darüber hinaus kann ich mich jetzt auf einige Stichworte beschränken.

DR. FRITZ: Herr Präsident! Darf ich zu Beginn der Vernehmung noch bemerken, daß meine Dokumentenbücher, von denen ich zwei habe, noch nicht in der Übersetzung fertig sind. Dieses Affidavit, das der Angeklagte eben erwähnte, ist auch in dem Dokumentenbuch der Prosecution enthalten. Ich weiß nicht, ob dem Hohen Gericht dieses Dokumentenbuch jetzt vorliegt.


VORSITZENDER: Gut, Sie können fortfahren.


[152] FRITZSCHE: Ich bin geboren am 21. April 1900. Mein Vater war Beamter, ich besuchte das humanistische Gymnasium. Ich war dann Soldat im ersten Weltkrieg, kehrte auf die Schulbank zurück und studierte dann an verschiedenen Universitäten Philosophie, Geschichte und Volkswirtschaft. Nach dem ersten Weltkrieg war mein Leben und meine Arbeit bestimmt von der Not meines Volkes. Wir nannten diese Not Versailles. Es ist über den Vertrag von Versailles genug hier im Gericht gesprochen worden. Ich brauche dem, was bereits gesagt wurde, nichts hinzuzufügen.


DR. FRITZ: Sie erstrebten also in Ihrer journalistischen Arbeit vor 1933 eine Änderung des Versailler Vertrags?


FRITZSCHE: Selbstverständlich.

DR. FRITZ: Suchten Sie diese Änderung mit Krieg?


FRITZSCHE: Nein, ich suchte sie mit den Mitteln des Rechts, der Politik und der wirtschaftlichen Vernunft, die damals alle auf deutscher Seite standen. Ein gewisse Wiederherstellung der Macht des Deutschen Reiches wäre mir erwünscht gewesen deshalb, weil ich in der Ohnmacht des Reiches eine Kriegsgefahr sah. Aber das Mittel des Krieges zur Änderung von Versailles erschien mir nicht möglich, nicht zweckmäßig und nicht wünschenswert. Genau so blieb es später unter der Regierung Hitlers. Adolf Hitler hat gerade in diesem Punkt zwei Versicherungen abgegeben, die für mich und sicher auch für Millionen Deutsche von besonderem Eindruck waren. Das erste war die Versicherung: Ich war selbst einfacher Soldat, und ich weiß deshalb, was Krieg bedeutet; das zweite war die Feststellung: In all den blutigen Kriegen der letzten tausend Jahre gewannen nicht einmal die Sieger so viel, wie sie an Opfern in dem Krieg gebracht hatten.

Diese beiden Versicherungen wirkten für deutsche Ohren wie heilige und verpflichtende Eide. Was in Hitlers Politik gegen diese beiden Versicherungen verstoßen haben sollte, das war ein Betrug an der deutschen Öffentlichkeit.


DR. FRITZ: Wann, wie und warum kamen Sie zur NSDAP?

FRITZSCHE: Ich kam nach meinem Eintritt in das Propagandaministerium zur Partei. Ich verweise auch hier auf mein Affidavit 3469-PS, und zwar auf die Punkte 9 bis 13. Ich bin zur NSDAP nicht durch das Parteiprogramm gekommen. Ich bin auch nicht durch Hitlers Buch »Mein Kampf« zur Partei gekommen. Ich kam auch nicht durch die Persönlichkeit Hitlers dazu, von dessen von dieser Stelle aus mehrfach erwähnten suggestiven Kraft ich nichts verspürt habe. Ich lehnte den rauhen Radikalismus der Methoden der Partei ab. Dieser rauhe Radikalismus widersprach der Praxis meines ganzen Lebens und meinem persönlichen Stil. Wegen dieser robusten Praxis kam ich 1932 mit der Partei sogar in einen Konflikt.

[153] Ich kam zur Partei, als sie zweifellos die Mehrheit des deutschen Volkes gewonnen hatte. Diese Partei überwand damals die Zersplitterung des deutschen Volkes und brachte ihm die Einheit, nachdem Brünings großer Versuch einer Sanierung auf demokratischer Basis gescheitert war, und zwar an den außenpolitischen Widerständen gescheitert war, nicht an dem Widerstand im deutschen Volke.

Nachdem auch die Präsidialkabinette nicht zu einer neuen Fundierung im Volke geführt hatten, bedeutete die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler eine Rückkehr zu demokratischen Grundsätzen. Es ist über diese Dinge hier viel gesprochen worden. Ich bitte um die Erlaubnis, einen Umstand anführen zu dürfen, der meines Wissens hier noch nicht erwähnt wurde und dem doch eine gewisse Bedeutung zukommt.

Als ich zur NSDAP kam, glaubte ich, nicht eigentlich zu einer Partei im Sinne dieses Wortes zu kommen, denn die NSDAP besaß keine Parteitheorie, etwa in dem Sinn wie die marxistischen Parteien, die eine durchgebildete und gereifte Theorie besaßen. Alle Theoretiker der Partei waren umstritten. Die theoretischen Schriften Gottfried Feders waren verboten worden. Der Theoretiker Rosenberg war und blieb bis zuletzt in der Partei umstritten. Der Mangel der Partei an einer Theorie war so groß, daß sogar der Abdruck des knappen Parteiprogramms für die deutschen Zeitungen verboten wurde. Ja, es wurde den deutschen Zeitungen einige Jahre nach 1933 verboten, willkürlich irgendwelche Stellen aus Hitlers »Mein Kampf« abzudrucken.

Ich glaubte also damals, nicht zu einer eng begrenzten Partei zu kommen, sondern ich glaubte, in eine Bewegung zu kommen, in eine Bewegung, die solche Gegensätze in sich vereinigte, wie etwa die von Ley und Funk, die von Rosenberg und dem Reichsbischof, eine Bewegung, die durchaus labil war in der Wahl ihrer Mittel; die einmal die Arbeit der Frauen verbot, um ein anderes Mal um die Arbeit der Frau zu werben. Ich glaubte, in eine solche Bewegung zu kommen deshalb, weil in der NSDAP eine Gruppe in der Hakenkreuzfahne nichts anderes sah als eine Kombination, eine neue Form der Farben schwarz-weiß-rot, während eine andere Gruppe in dieser Flagge die rote Fahne sah mit einem Hakenkreuz. Es war so, daß es schon ganze Gruppen gab von ehemaligen Deutschnationalen in der NSDAP oder von ehemaligen Kommunisten in der NSDAP. Ich erhoffte also, in der weitgespannten Bewegung ein Forum einer geistigen Auseinandersetzung zu finden, einer geistigen Auseinandersetzung, die dann nicht mehr mit der mörderischen Erbitterung ausgetragen würde, die vorher in Deutschland geherrscht hatte, sondern die ausgetragen wurde in einer gewissen Disziplin und unter dem Primat des nationalen und [154] des sozialen Gedankens. Aus diesem Grunde habe ich in einem immer neuen Kompromiß eigene Wünsche zurückgestellt, eigene Bedenken und eigene politische Anschauung. Ich riet dies auch in vielen Unterhaltungen meinen Freunden dann, wenn diese sich darüber beklagten, daß sie und ihre Interessen in der Zeit der Gleichschaltung schlecht behandelt worden wären. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß auch Millionen von Deutschen nur aus diesem Grunde und in dieser Erwartung zur Partei kamen. Sie glaubten, einer guten Sache zu dienen, sie waren in einem reinen Idealismus bereit, dieser Sache alles zu opfern außer ihrer Ehre. Ich mußte inzwischen erkennen, daß der Führer dieser Sache das Opfer dieser Idealisten annahm, daß er es verwirtschaftete und daß er außerdem ihre Ehre mit einem sinnlosen und unmenschlichen, in der Geschichte beispiellosen Mord befleckte, einem Mord, den keine Notwendigkeit des Krieges hätte rechtfertigen können, für den sogar keinerlei Grund zu finden war in irgendeiner Notwendigkeit des Krieges.


DR. FRITZ: Nun wirft Ihnen die Anklage vor, daß Sie 1933, ich zitiere, »den üblichen Eid der bedingungslosen Treue zu Hitler geschworen haben«. Aus welchem Grunde Sie auch immer das taten, die Tatsache, daß Sie diesen Eid leisteten, ist richtig, nicht wahr?


FRITZSCHE: Jawohl, ich habe auch zweimal einen Eid auf die Weimarer Verfassung geleistet, und zwar 1933 und 1938. Ich darf etwas hinzufügen. Es war immer und es ist noch meine Überzeugung: Kein Eid entbindet einen Menschen von allgemeinen Menschenpflichten. Niemand wird durch einen Eid zu einem unverantwortlichen Werkzeug. Auch mein Eid hätte mich niemals dazu veranlaßt, einen Befehl durchzuführen, wenn ich ihn als verbrecherisch erkannt hätte. Ich habe niemals in meinem Leben irgend jemandem blind gehorcht. Deshalb berufe ich mich auch für keine einzige meiner Handlungen auf die Gehorsamspflicht.


DR. FRITZ: Haben Sie den Eid gehalten, den Sie leisteten?


FRITZSCHE: Ja, mir sind keine Handlungen zugemutet worden, die ich als verbrecherisch hätte ansehen können oder als eine Verletzung geschriebener oder ungeschriebener Gesetze. Im übrigen habe ich den Eid, den ich leistete, nicht Hitler, sondern dem deutschen Volk gehalten.


DR. FRITZ: Wie lange haben Sie den Eid gehalten?


FRITZSCHE: Ich habe ihn bis zum Schluß gehalten. Dann allerdings bin ich gegen den Befehl, der mir gegeben wurde, in Berlin geblieben. Als Hitler und seine nächste Umgebung die Flucht in den Tod oder die Flucht nach Westen ergriffen hatten, war ich meines Wissens als einziger höherer Beamter in Berlin.[155] Ich sammelte damals die ihrem Schicksal überlassenen Angestellten der obersten Reichsbehörden in den Trümmern meines Büros. Hitler hatte den Befehl zum Weiterkämpfen hinterlassen. Der Berliner Kampfkommandant war unauffindbar. So fühlte ich mich als Zivilist verpflichtet, dem russischen Marschall Schukow die Kapitulation anzubieten. Als ich die Parlamentäre abfertigte, die über die Kampflinie gehen sollten, erschien der letzte Wehrmachtsadjutant Hitlers, der General Burgdorff, und wollte mich in Erfüllung des Befehls Hitlers niederschießen. Es kam trotzdem zu der Kapitulation, auch wenn sie von dem inzwischen gefundenen Kampfkommandanten unterzeichnet wurde. Ich habe also, wie ich glaube, den Eid gehalten, den Eid, den ich in der Person Hitlers dem deutschen Volke leistete.


DR. FRITZ: Hatten Sie ein Amt in der Partei?


FRITZSCHE: Nein.


DR. FRITZ: Waren Sie Politischer Leiter?


FRITZSCHE: Nein.


DR. FRITZ: Waren Sie in der SA oder SS oder einer der hier angeklagten Organisationen?


FRITZSCHE: Nein.


DR. FRITZ: Haben Sie einmal an einem Parteitag teilgenommen?


FRITZSCHE: Nein.


DR. FRITZ: An einer der Feiern des 9. November in München?


FRITZSCHE: Nein.


DR. FRITZ: Dann schildern Sie bitte kurz Ihre Stellungen und Ihre Arbeit von 1933 bis 1945.

FRITZSCHE: Ich darf auch hier wieder auf mein Affidavit 3469-PS verweisen, und zwar auf den gesamten Rest. Ich kann mich deshalb wieder mit einigen Stichworten begnügen, beziehungsweise mit einigen Ausführungen, die das ergänzen, was im Affidavit nicht gesagt ist. Ich blieb bei der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus das, was ich vorher gewesen war, nämlich Chefredakteur des »Drahtlosen Dienstes«. Das war der Name des deutschen Rundfunk-Nachrichtendienstes. Ich blieb das noch weitere fünf Jahre. Im Mai 1933 wurde dieser »Drahtlose Dienst«, der ein Teil der Reichsrundfunk-Gesellschaft gewesen war, eingegliedert in das Propagandaministerium, und zwar in dessen Abteilung Presse. Da ich ein Spezialist war im journalistischen Nachrichtenwesen, erhielt ich sehr bald die Betreuung der Nachrichtenagenturen, zunächst der kleineren wie »Transozean«, oder »Europapreß«, oder »Eildienst«, nachher auch die Betreuung des großen »Deutschen Nachrichtenbüros«. Ich hatte damals über die [156] Agenturen keine Befehlsgewalt, denn ich selbst war ja noch ein Angestellter des Ministeriums und noch nicht ein Beamter. Ich hatte auch kein Bestimmungsrecht über den Inhalt der Nachrichten. Ich hatte nur die organisatorische Aufsicht, aber ich glaube, daß mein Rat damals viel galt. In jener Zeit habe ich auch andere Beratungen journalistischer Art gemacht.

Im Dezember 1938 wurde ich dann Leiter der Abteilung »Deutsche Presse«. Ich wurde Ministerialdirigent. Ich fühlte mich als Beamter noch als der Journalist, der ich vorher Jahrzehnte gewesen war. Ich behielt die Leitung der Abteilung »Deutsche Presse« bis zum Frühjahr 1942.

Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht einverstanden unter anderem mit der schönfärberischen Pressepolitik meines damaligen Vorgesetzten, des Reichspressechefs Dr. Dietrich. Ich wurde deshalb Soldat und ging an die Ostfront. Im Herbst 1942 wurde ich zurückgeholt von Dr. Goebbels. Dr. Goebbels billigte meine vorher geübte Kritik, die er kannte. Er bot mir die Leitung der Rundfunkabteilung seines Ministeriums an. Ich antwortete, ich könnte nur dann ins Propagandaministerium zurückkommen, wenn ich die Gewißheit hätte, daß eine politische Beendigung des Krieges gesucht würde und daß nicht abgezielt wurde auf den militärischen totalen Sieg, den ich vom ersten Tage des Krieges an für unmöglich gehalten habe. Ich sagte damals Dr. Goebbels wörtlich: Einen Kampf bis zur Selbstvernichtung, so wie ihn die Goten am Vesuv kämpften, mache ich als Propagandist nicht mit! Dr. Goebbels antwortete mir damals, daß auch Hitler und auch er die politische Beendigung des Krieges auf der Basis irgendeiner Verständigung suche. Er versprach mir, daß er mich rechtzeitig unterrichten wolle, wenn er merke, daß der Führer diese Absicht ändere. Dr. Goebbels hat dieses Versprechen in Abständen von einigen Monaten bis zum Ende des Krieges wiederholt und mir dann bei der jeweiligen Wiederholung sogar immer substantiierte Andeutungen über die jeweiligen im Gange befindlichen politischen Bemühungen gemacht. Ich habe heute das Gefühl, daß er das Versprechen gebrochen hat. Damals übernahm ich also die Rundfunkabteilung des Propagandaministeriums und wurde Ministerialdirektor.


DR. FRITZ: Das waren Ihre amtlichen Stellungen. Nun, diese waren der Öffentlichkeit weniger bekannt. Bekannter waren Ihre Rundfunkvorträge. Wie war es damit?


FRITZSCHE: Ich sprach seit 1932 wöchentlich einmal zehn bis fünfzehn Minuten in einigen deutschen Sendern und im Deutschlandsender. Zu Anfang des Krieges sprach ich dann täglich, und zwar über alle Sender, ich glaube drei oder vier Monate lang; dann sprach ich dreimal wöchentlich, dann zweimal wöchentlich und nachher wieder einmal wöchentlich. Zunächst stellten diese Rundfunkvorträge eine [157] einfache Zeitungsschau dar, das heißt eine Sammlung von Zitaten in- und ausländischer Zeitungen. Insbesondere nach Beginn des Krieges aber wurden diese Vorträge selbstverständlich zu einer Polemik auf der Grundlage von Zitaten, meistens von Zitaten ausländischer Zeitungen und ausländischer Rundfunksender.


DR. FRITZ: Waren diese Ihre Vorträge offiziell, trugen sie amtlichen Charakter? Die Anklage behauptet, Sie seien natürlich der Kontrolle des Propagandaministeriums unterstellt gewesen.


FRITZSCHE: Das ist in dieser Form nicht richtig. Die Vorträge waren nicht offiziell, sie waren zu Anfang eigentlich ausgesprochene Privatarbeiten. Allerdings konnte ich nicht verhindern, daß im Laufe der Zeit die privaten Vorträge eines Mannes, der eine Stellung hatte im Propagandaministerium, nicht mehr als privat gewertet wurden, sondern als offiziös.


DR. FRITZ: Sie sagen eben, Privatarbeiten, die dann später als offiziös betrachtet wurden. Zur Klärung frage ich, durfte man an Ihren Vorträgen Kritik üben, oder wurde man dann verhaftet?


FRITZSCHE: Man durfte nicht nur Kritik üben, sondern man hat es getan. Ich habe eine umfangreiche Korrespondenz mit meinen Kritikern geführt, allerdings nur mit dem Teil, der seinen Namen unterschrieb. Es gab natürlich auch anonyme Kritiker, allerdings darf ich hierbei anfügen, daß die anonymen meist nur allgemeine Anstände hatten.

Nach Ausbruch des Krieges bot mir eine süddeutsche Staatsanwaltschaft und nachher das Justizministerium einen gewissen Schutz für meine Publikationen, offenbar in der Annahme, sie seien eben offiziell oder offiziös. Es wurde mir vorgeschlagen, bei irgendwelchen Beleidigungsprozessen als Nebenkläger aufzutreten. Ich habe das ausdrücklich abgelehnt, und zwar mit einer Begründung, die ich auch immer wieder selbst gebraucht habe und öffentlich aussprach, nämlich mit der Feststellung: Auf etwas müssen die Menschen doch schimpfen dürfen! Wenn es ihnen verboten ist, auf den Staat und die Regierung zu schimpfen, dann muß es ihnen erlaubt sein, das wenigstens auf Presse, auf Rundfunk und auf mich zu tun.


DR. FRITZ: Wie bearbeiteten Sie diese Ansprachen, wurden sie schriftlich festgelegt und vorher zensiert?


FRITZSCHE: Eine vorherige Zensur habe ich immer abgelehnt. Das Material wurde sehr sorgfältig gesammelt, es wurde aufgehoben in dem sogenannten Archivschnelldienst, dessen Herbeischaffung beantragt wurde, vom Hohen Gericht auch genehmigt wurde, der aber nicht gefunden wurde. Das Material bestand aus Zeitungsausschnitten, aus Meldungen der Nachrichtenagenturen und [158] aus Abhörberichten ausländischer Sender. Die Prüfung zweifelhafter Dinge wurde durch einen eigenen Referenten vorgenommen. Dann wurde der Vortrag roh skizziert in einem Diktat und verhältnismäßig frei gesprochen. Also es wurde anders verfahren als bei einem Aufsatz. Es wurde nicht jeder Satz gefeilt, weil bei einem geschriebenen Wort jeder Ausdruck wiegt, aber bei einem gesprochenen Wort mehr der Gesamteindruck entscheidet.


DR. FRITZ: Also Sie arbeiteten im Propagandaministerium. Minister war Dr. Goebbels. Sein Name wurde hier oft genannt, und zwar in verschiedenen Stellungen als Reichsminister für Propaganda, Reichspropagandaleiter der NSDAP, Reichsbeauftragter für den totalen Kriegseinsatz und Gauleiter von Berlin. In welcher dieser Eigenschaften hatten Sie mit. Dr. Goebbels zu tun?


FRITZSCHE: Ausschließlich in der Eigenschaft als Propagandaminister.


DR. FRITZ: Waren Sie da sein Vertreter?


FRITZSCHE: Nein. Ich war in den letzten zweieinhalb Jahren sein Beauftragter für den Rundfunk und außerdem Leiter einer von zwölf Abteilungen seines Ministeriums. Vertreter von Dr. Goebbels waren die Staatssekretäre, zuletzt Dr. Naumann, der auch für einen Tag sein Nachfolger wurde.


DR. FRITZ: War Dr. Goebbels Ihr einziger und unmittelbarer Vorgesetzter?

FRITZSCHE: Nein. Zwischen ihm und mir gab es zu Anfang viele Instanzen, später immerhin noch einige. Ohne dienstliche Vorgesetzte bin ich zum erstenmal hier auf der Anklagebank.


DR. FRITZ: Bei dieser Gelegenheit: Wen von den Angeklagten kannten Sie, mit wem hatten Sie dienstliche oder persönliche Beziehungen?


FRITZSCHE: Dienstliche Besprechungen habe ich zwei- bis dreimal bald nach 1933 gehabt mit Funk, der damals als Staatssekretär im Propagandaministerium war und im wesentlichen die wirtschaftlichen und organisatorischen Dinge bearbeitete. Mit ihm besprach ich die Finanzpläne für die Neuorganisierung des Nachrichtenwesens. Ich habe dann einmal eine Rücksprache mit Großadmiral Dönitz in einer technischen Angelegenheit gehabt. Ich habe Seyß-Inquart im Haag, Papen in Istanbul aufgesucht. Alle übrigen kannte ich par distance und habe sie persönlich erst im Prozeß kennengelernt.


DR. FRITZ: Wie war das mit Hitler?


FRITZSCHE: Eine Aussprache mit ihm habe ich niemals gehabt. Dagegen sah ich ihn im Laufe von zwölf Jahren natürlich mehrfach im Reichstag, bei Großveranstaltungen oder Empfängen; einmal war [159] ich auch in seinem Hauptquartier und wurde zum Abendessen in einem größeren Kreise zugezogen. Sonst erhielt ich Weisungen von Hitler nur durch Dr. Dietrich oder dessen Vertreter oder durch Dr. Goebbels und dessen verschiedene Vertreter.


DR. FRITZ: Wie stand es mit Dr. Goebbels; waren Sie mit ihm befreundet? Waren Sie häufig mit ihm zusammen?


FRITZSCHE: Befreundet kann man keinesfalls sagen. Das Verhältnis war dienstlich reserviert und in gewisser Weise distanziert. Persönlich bei ihm war ich sogar seltener als andere Mitarbeiter – von Dr. Goebbels – meiner Rangstufe. Aber ich glaubte zu beobachten, daß er mich respektvoller behandelte als irgendeinen anderen seiner Mitarbeiter. Insofern nahm ich eine gewisse Sonderstellung ein. Ich schätzte bei Dr. Goebbels die Intelligenz und die Fähigkeit, wenigstens manchmal vor besseren Argumenten die eigene Ansicht zu ändern. Ich sah ihn in den ersten fünf Jahren zirka zweimal im Jahre; als ich Abteilungsleiter war, sah ich ihn vielleicht einmal im Monat, nach Kriegsausbruch sah ich ihn täglich im Rahmen einer Konferenz von 30 bis 50 Mitarbeitern, und daneben hatte ich ja einmal wöchentlich eine Rücksprache über ein Spezialthema mit ihm.


DR. FRITZ: Wir kommen nun zum Gebiet der Propaganda. Können Sie das Wesen der Propaganda im Dritten Reich umreißen?


FRITZSCHE: Ich will es versuchen. Es gab drei Arten von Propaganda:

Die erste war die unorganisierte Agitation der radikalen Fanatiker in der Partei. Sie zeigte sich auf allen Gebieten, auf dem Gebiete der Religion, der Rassenpolitik, der Kunst, der allgemeinen Politik und der Kriegführung. Die Spitze dieser unorganisierten Agitation wurde je länger je mehr Martin Bormann. Die zweite Art von Propaganda war die Reichspropagandaleitung der NSDAP. Ihr Leiter war Dr. Goebbels. Sie versuchte die Agitation der Radikalen in irgendeine diskussionsfähige Form zu bringen. Die dritte Art war die staatliche Organisation, das Reichspropagandaministerium.


DR. FRITZ: Die Anklage hatte zu Anfang behauptet, Sie waren auch Leiter der Rundfunkabteilung der Propagandaleitung der NSDAP gewesen? Wie steht es damit?


FRITZSCHE: Die Anklage hat diese Behauptung zurückgezogen. Sie sagte, sie hätte keine Beweise dafür. Es wäre richtiger gewesen zu sagen, daß diese Behauptung erwiesenermaßen falsch ist. Ich verweise auf mein Affidavit 3469-PS, Punkt 37. Dort stelle ich fest, daß ich im Gegensatz zu, meines Wissens, allen meinen Vorgängern als Leiter der Abteilung Rundfunk des Ministeriums nicht gleichzeitig Leiter der Rundfunkabteilung der Partei war. Ich erweitere heute [160] diese Erklärung mit der Feststellung, daß ich überhaupt kein Amt in der Partei hatte.


DR. FRITZ: Es ist Ihnen der Vorwurf gemacht worden, Sie hätten Dr. Goebbels geholfen, die Welt in das Blutbad des Angriffskrieges zu stürzen. Trifft das zu? Hat Dr. Goebbels jemals mit Ihnen über Angriffspläne gesprochen?


FRITZSCHE: Nein. Es ist niemals zu mir von der Absicht eines Angriffskrieges gesprochen worden, weder von Dr. Goebbels noch von irgendeinem anderen.


DR. FRITZ: Es wurde hier im Lauf des Prozesses mehrfach gesprochen von einigen Konferenzen, in denen, wie es hieß, verschiedene Angriffspläne besprochen wurden, zum Beispiel vor dem Angriff auf die Tschechoslowakei, auf Polen, auf Norwegen, auf Rußland. Haben Sie an diesen Konferenzen teilgenommen, haben Sie von ihnen gehört?


FRITZSCHE: Ich habe an keiner einzigen dieser Konferenzen teilgenommen, und ich habe erstmals von ihnen gehört hier im Gerichtssaal.


DR. FRITZ: Nun, wenn innerhalb von diesen Konferenzen nicht von Angriffen gesprochen wurde, wurde dann überhaupt vom Krieg und von Kriegsmöglichkeiten gesprochen?


FRITZSCHE: Nein. Aber es wurde von Kriegsgefahren gesprochen, und zwar schon 1933; Kriegsgefahren, die bedingt waren durch die einseitige Abrüstung eines Staates inmitten hochgerüsteter anderer Staaten. Dieses Mißverhältnis zwischen Rüstung und Nichtrüstung mußte als eine Lockung zum Angriff erscheinen. In der deutschen Propaganda nach 1933 ist diese Überlegung und diese Behauptung ein Hauptgrund gewesen, zunächst für die Forderung nach Abrüstung der anderen Mächte und nachher für die deutsche Forderung nach Rüstungsausgleich. Das erschien mir durchaus logisch. Aber niemals ist von einer Kriegsgefahr gesprochen worden ohne gleichzeitigen Hinweis auf den deutschen Friedenswillen. Das erschien mir ehrlich. Im Sommer 1939, als die Kriegsgefahr immer drohender wurde, war ich öfter bei Dr. Goebbels als zu irgendeiner anderen Zeit. Ich übergab Dr. Goebbels eine Reihe von kleinen Denkschriften, sozusagen als Beitrag aus meinem Arbeitsgebiet, dem Nachrichtenwesen. Es waren Analysen der öffentlichen Meinung westlicher Länder, und aus ihnen ging immer wieder hervor, daß England zum Krieg entschlossen sei im Falle eines Konfliktes mit Polen. Ich erinnere mich, daß Dr. Goebbels tief beeindruckt war, als ich ihm wieder einmal eine solche Denkschrift gab, sich sehr besorgt äußerte und sich entschloß, sofort zu Hitler zu fliegen. Er sagte mir damals wörtlich: Glauben Sie mir, wir haben nicht sechs Jahre erfolgreich gearbeitet, [161] um jetzt alles in einem Krieg zu riskieren! Weiter kannte ich im Sommer 1939 einige wichtige Mängel der deutschen Rüstung, die zum Teil auch hier schon im Gerichtssaal erwähnt worden sind. Demnach war ich von der Ehrlichkeit des Friedenswillens in der Politik Hitlers überzeugt. Wenn in diesem Prozeß Dokumente vorgelegt wurden, aus denen hervorgeht, daß Hitler insgeheim anders dachte oder anders handelte, dann kann ich mir kein Urteil bilden, weil die Dokumente der Gegenseite noch nicht veröffentlicht sind. Sollte es aber so sein, wie die hier vorgelegten Dokumente sagen, dann muß ich feststellen, daß ich über die Ziele der deutschen Politik getäuscht worden bin.


DR. FRITZ: Herr Präsident! Ich hatte zu Beginn meiner Beweisführung erklärt, daß es nicht gelungen ist, die Rundfunkansprachen des Angeklagten Fritzsche herbeizuschaffen. Ich habe mich bei den deutschen Rundfunksendern selbst bemüht, und es ist mir wenigstens gelungen, einen kleinen Teil aus dem Jahre 1939 und 1940 zu bekommen. Aus diesen Reden habe ich einige ausgewählt, die ich als Fritzsche-Exhibit Nummer 1 dem Hohen Gericht anbieten möchte. Aus der Rundfunkrede Fritzsches vom 15. November 1939 möchte ich zur Unterstützung dessen, was der Angeklagte eben ausgeführt hat, nur einen Satz zitieren. Ich zitiere:

»Der einzige Kriegsgrund, der für ein Volk, das in seiner Gesamtheit niemals kriegslüstern ist, überhaupt in Frage kommt, der einzige Kriegsgrund, der auch moralisch zu rechtfertigen ist, ist die Bedrohung der Existenz des Lebens eines Volkes.«

Und diese vom Angeklagten Fritzsche anfangs des Krieges betonte Linie hat er auch während des Krieges beibehalten. Zum Beweis dafür möchte ich eine weitere Stelle zitieren aus demselben Dokument, und zwar aus einer Rundfunkrede Fritzsches vom 23. Juli 1940. Ich zitiere:

»Wir Deutschen haben im Lauf unserer ganzen Geschichte und vor allem vor 30 Jahren genug Blut und Tränen und Menschenleichen erlebt, um ihm nun ehrlich ins Auge zu sehen. Wir wußten, was Krieg heißt und wollten ihn deshalb nicht. Und weil der Führer es so genau weiß und selbst erlebt hat, deshalb bot er am 6. Oktober und am 19. Juli den Frieden an.«

Haben Sie in irgendeiner Weise irgend etwas zu tun gehabt mit Kriegsvorbereitungen geistiger oder organisatorischer Art?

FRITZSCHE: Direkt nicht, aber vielleicht indirekt. Ich bin eingetreten für die Forderung nach Abrüstung der anderen, dann für Rüstungsausgleich, und ich bin eingetreten für die Wehrhaftmachung des deutschen Volkes. Der Ausdruck »Wehrhaftmachung« ist mißverständlich, jedenfalls leicht zu mißdeuten. Ich möchte ihn [162] ausdrücklich erläutern als die Fähigkeit, in der Selbstverteidigung zu kämpfen. Auch dem deutschen Volk ist immer wieder versprochen worden, oft durch meinen Mund, daß die Wiederherstellung seiner Wehrhoheit nur defensiven Zwecken dienen würde.

DR. FRITZ: Wie und wo haben Sie diesen Gedanken vertreten?


FRITZSCHE: In dem bescheidenen Rahmen meiner wöchentlichen Rundfunkvorträge, und zwar mit gelegentlichen Bemerkungen. Ich war ein Patriot, aber ich fühle mich frei von Chauvinismus, also übersteigertem Nationalismus. Ich als Historiker war mir schon damals darüber klar, daß besonders im engen Europa der altüberlieferte Nationalismus ein Anachronismus war und daß er im Widerspruch stand zum modernen Verkehr, zu den modernen Waffen. Damals glaubte ich, in Hitlers Lehre aber auch gewisse Elemente zu sehen für eine neue Art der Völkerverständigung. Es war besonders der immer wieder aufgestellte Lehrsatz, nur der Nationalismus des einen Volkes kann den Nationalismus des anderen Volkes verstehen. Erst heute ist mir ideologisch klargeworden, insbesondere aber natürlich materiell durch die weitere Entwicklung der Waffen, daß die Zeit des Nationalismus vorüber ist, wenn die Menschen nicht Selbstmord begehen wollen und daß die Zeit des Internationalismus gekommen ist, im guten oder im bösen. Damals aber galt der Nationalismus nicht als ein Verbrechen, alle vertraten ihn; es ist zu sehen, daß er heute noch vertreten wird, und ich habe ihn auch vertreten.


DR. FRITZ: Nun wird aber von der Anklage darauf hingewiesen, daß vor jedem Angriff ein Pressefeldzug in Deutschland veranstaltet wurde, der darauf hinauslief, das Opfer eines geplanten Angriffs zu schwächen und das deutsche Volk psychologisch auf die neue Aktion vorzubereiten. Wenn dies von der Anklage zunächst noch ohne Bezug auf Sie persönlich festgestellt wird und wenn auch nachher nicht direkt der Vorwurf erhoben wird, daß Sie diese Pressekampagnen veranstalteten, so wird von der Anklage doch sehr stark Ihre Verbindung mit dieser Praxis herausgestellt. Was haben Sie also zu Ihrer Rolle im publizistischen Kampf an Tatsachen auszusagen?


FRITZSCHE: Ich kann zunächst nur darauf hinweisen, daß ich diese propagandistischen Aktionen ausführlich geschildert habe in meinem Affidavit 3469-PS, Punkt 23 bis 33, und zwar von der Rheinlandbesetzung angefangen bis zum Angriff auf die Sowjetunion.

Diese Schilderungen enthalten auch Angaben über Art und Umfang meiner Beteiligung an diesen Aktionen. Darüber hinaus darf ich betonen, es fehlt in dieser Schilderung meines Affidavits jeglicher Hinweis auf die jeweilige Frage des Rechtes. Es fehlt jede politische Begründung. Ich möchte ausdrücklich betonen, daß ich [163] in jedem Falle, einer jeden Aktion, eine gute Sache und ein gutes Recht zu vertreten glaubte. Es dürfte zu weit führen, wenn ich das hier für jeden Fall begründen wollte, zumal über viele dieser Fälle auch schon hier gesprochen worden ist. Ich nehme an, ja ich hoffe, daß die Anklagevertretung noch Fragen stellen wird; denn ich stelle die Behauptung auf, wie auch immer die Tatsachen in den einzelnen Fällen gewesen sein mögen, mir und damit der deutschen Öffentlichkeit wurden in jedem Augenblick seit dem Anschluß Österreichs bis zum Angriff auf Rußland Informationen gegeben, die keinerlei Zweifel zuließen an der Rechtlichkeit beziehungsweise an der zunehmenden Notwendigkeit des deutschen Vorgehens, und ich als der einzige überlebende Informator der deutschen Öffentlichkeit halte mich für verpflichtet, hier bereitzustehen für jede Nachprüfung der Richtigkeit dieser meiner Behauptung, die für die deutsche Öffentlichkeit von besonderer Wichtigkeit ist.


DR. FRITZ: Es sind in Ihrem Affidavit einige Zei tungsüberschriften genannt, die als typisch gelten für die verschiedenen Spannungszustände vor den einzelnen Aktionen. Was haben Sie dazu zu sagen?


FRITZSCHE: Diese Überschriften stammen ausnahmslos aus dem »Völkischen Beobachter«. Diese Überschriften wurden mir vorgelegt, und ich mußte selbstverständlich ihre Richtigkeit bestätigen. Ich darf aber betonen, daß der »Völkische Beobachter« nicht typisch war für ein Ergebnis meiner Pressepolitik. Der »Völkische Beobachter« hatte meist eigene und direkte Verbindungen zum Hauptquartier und zu Hitler. Typische Produkte meiner Pressepolitik waren Zeitungen, wie die »Deutsche Allgemeine Zeitung«, die »Münchener Neuesten Nachrichten«, das »Hamburger Fremdenblatt«, um nur einige zu nennen.


DR. FRITZ: Aber die Anklage vertritt die Auffassung, daß Sie mit Ihrer inländischen Propaganda auch insofern zum Krieg hetzten, als Sie im deutschen Volke feindliche Gefühle zu erwecken versuchten gegenüber anderen Völkern Europas und der Welt. Es wird zum Beispiel in der Anklagerede Captain Sprechers gesagt, Ausdrücke wie »Hetze gegen die Völker der Sowjetunion«, »Atmosphäre der Vernunftlosigkeit und des Hasses« seien von Ihnen geschaffen worden, oder Sie hätten Deutsche zu blindem Haß aufgereizt. Haben Sie das getan?

FRITZSCHE: Nein, ich habe das nicht getan. Nie habe ich Haß zu erwecken versucht gegen Engländer, Franzosen, Amerikaner oder Russen und so weiter. Es gibt kein einziges Wort dieser Art in vielleicht tausend Reden, die ich vor dem Mikrophon gehalten habe. Wohl habe ich scharf polemisiert mit Regierungen, mit Regierungsmitgliedern, mit Regierungssystemen, aber ich habe niemals Haß allgemein gepredigt oder auch nur indirekt zu erwecken [164] versucht, wie es etwa der Fall war – ich bitte um Entschuldigung, daß ich ein Beispiel aus dem Gerichtssaal nehme – in dem Augenblick, als hier ein Film vorgeführt wurde und dabei die Worte gesprochen wurden: Hier sehen Sie Deutsche lachen über erhängte Jugoslawen! Niemals habe ich in dieser allgemeinen Form einen Haß zu erwecken versucht, und ich darf darauf hinweisen, daß auch jahrelang viele antinationalsozialistische Äußerungen aus gewissen, damals noch neutralen Ländern unbeantwortet blieben.


DR. FRITZ: Wurden Sie von Ihren Vorgesetzten aufgefordert, Ihrer Propaganda den Stempel der Hetze zu geben oder der Erregung von Haß?


FRITZSCHE: Jawohl, das geschah oft. Aber es wurde nicht verlangt, daß Hetze getrieben wurde gegen Völker oder Haß gegen Völker erweckt wurde. Das war ausdrücklich verboten, denn die Völker wollten wir ja für uns gewinnen, und immer wieder wurde ich aufgefordert, Haß zu erwecken gegen Einzelpersonen und gegen Systeme.


DR. FRITZ: Wer hat Sie aufgefordert?


FRITZSCHE: Dr. Goebbels, Dr. Dietrich und beide oft im direkten Auftrag Adolf Hitlers. Es wurde immer wieder der Vorwurf erhoben, die deutsche Presse und der deutsche Rundfunk erweckten gar keinen Haß gegen Roosevelt, Churchill oder Stalin, sondern sie machten diese drei Persönlichkeiten populär als tüchtige Männer.

Es war deshalb jahrelang der deutschen Presse auch verboten, diese drei Namen überhaupt zu erwähnen, wenn nicht im Einzelfalle eine Erlaubnis dazu gegeben wurde mit einer genauen Gebrauchsanweisung.


DR. FRITZ: Wollen Sie nach all dem sagen, daß Sie die Aufforderung nach einer Umstellung Ihrer Propaganda auf Hetze, auf Erregung von Haß abgelehnt oder nicht durchgeführt haben?


FRITZSCHE: Ich möchte genau umreißen, was ich tat. Ich ließ, als die Vorwürfe von Dr. Goebbels und Dr. Dietrich sich häuften, einmal sammeln alle Karikaturen aus dem ersten und zweiten Weltkrieg aus England, USA, Frankreich, einige wenige auch aus Rußland. Außerdem ließ ich sammeln alle antideutschen Propagandafilme, deren ich habhaft werden konnte. Dann habe ich in fünf bis sechs mehrstündigen Veranstaltungen diese Karikaturen und diese Filme deutschen Journalisten und deutschen Rundfunksprechern vorgeführt. Ich selbst sprach nur einleitend, zwei oder drei Minuten. Es ist durchaus möglich, daß ich durch diese Vorführung Haß erzeugt habe, aber ich möchte die Beurteilung dieses Mittels zur Erzeugung von Haß mitten in einem Krieg der Beurteilung des [165] Hohen Gerichts anheimstellen. Jedenfalls erklärte Dr. Goebbels auch später, er sei unzufrieden, und wir wären Stümper.

Ich darf eine Erklärung hinzufügen. Ich hätte noch ein anderes Mittel gehabt, den mir gegebenen Befehl durchzuführen, wirklichen Haß zu erwecken, das heißt nicht ein Mittel, sondern eine ganze Gruppe von Mitteln; das wäre, um nur das eine Beispiel zu nennen, eine deutsche Publikation gewesen, den beiden letzten Bänden der Tarzan-Serie ähnlich, einer in Deutschland damals sehr populären, abenteuerlichen Romanserie, deren beiden letzten Bände stark antideutsch waren. Ich brauche sie hier nicht näher zu charakterisieren, ich habe auf solche frühere Produkte der antideutschen Propaganda nicht hingewiesen, ich habe solche Methoden immer bewußt ignoriert.


DR. FRITZ: Wenn Sie sagen, auf Haß und Hetze in Ihrer Propaganda verzichtet zu haben, womit haben Sie denn dann im wesentlichen Propaganda betrieben im Krieg?


FRITZSCHE: Ich habe Propaganda in diesem Krieg betrieben fast ausschließlich mit dem Begriff der Notwendigkeit und des Zwanges, zu kämpfen. Ich habe immer wieder die Folgen einer Niederlage sehr schwarz gemalt, und ich habe systematisch Zitate aus der Presse und aus dem Rundfunk der feindlichen Länder gebracht. Ich habe die feindliche Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation immer wieder zitiert. Ich habe das Wort von dem Über-Versailles oft gebraucht und habe, ich betone es, die Folgen eines verlorenen Krieges überaus pessimistisch geschildert. Ein Vergleich mit der Wirklichkeit steht mir heute nicht zu.


DR. FRITZ: Aber haben Sie denn aus den Rundfunksendungen des Gegners nicht klar entnehmen können, daß sich der Kampf der Alliierten nicht gegen das deutsche Volk richtete, sondern nur gegen dessen Führung. Haben Sie das dem deutschen Volke verheimlicht?


FRITZSCHE: Im Gegenteil. Ich habe ihm das nicht verheimlicht, sondern ich habe auch das immer wieder zitiert. Nur habe ich es als unglaubhaft bezeichnet. Ich habe zum Beispiel den Trick gebraucht, einmal den Wortlaut einer mittelalterlichen Kriegserklärung zu zitieren, in der schon gesagt wurde, daß nur Fehde angesagt sei dem König von Frankreich, daß man aber dem französischen Volke die Freiheit bringen wolle.


DR. FRITZ: Haben Sie auch versucht, die Front der Alliierten..


VORSITZENDER: Wäre das ein passender Zeitpunkt abzubrechen?


[Das Gericht vertagt sich bis

27. Juni 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 17, S. 130-167.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Droste-Hülshoff, Annette von

Ledwina

Ledwina

Im Alter von 13 Jahren begann Annette von Droste-Hülshoff die Arbeit an dieser zarten, sinnlichen Novelle. Mit 28 legt sie sie zur Seite und lässt die Geschichte um Krankheit, Versehrung und Sterblichkeit unvollendet.

48 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon