Nachmittagssitzung.

[527] VORSITZENDER: Hat die Verteidigung einige Fragen an den Zeugen zu richten?

DR. HORN: Herr Zeuge, können Sie uns den Grund sagen, warum die Besprechung zwischen Hitler und Henderson am 29. August ungünstig verlief?


DAHLERUS: Nein, ich hatte nur den Bericht darüber, daß sie sich nicht einigen konnten, und daß sie in Streit gekommen seien.


DR. HORN: Wissen Sie, über welchen der sechs Punkte ein Streit ausgebrochen war?


DAHLERUS: Soweit ich mich erinnern kann, handelte es sich um die Fassung der deutschen Antwort, worin gesagt wurde, daß Vertreter Polens während der nächsten 24 Stunden erwartet würden.


DR. HORN: Hat Ihnen dann Hitler im Beisein Görings nicht erklärt, warum er diese Forderung stellt, und zwar, weil sich die beiden Heere, das polnische und das deutsche, in Bereitschaft gegenüberstanden und jeden Augenblick ein ernsthafter Konflikt zu befürchten war, und deshalb Hitler kein Ultimatum bezüglich des Kommens eines polnischen Unterhändlers stellen wollte, sondern dadurch nur den Ausbruch eines Konfliktes vermeiden wollte?


DAHLERUS: Ja, dahingehende Erklärungen sind gemacht worden.


DR. HORN: Ist es richtig, Herr Zeuge, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, daß Ihnen in der Polnischen Botschaft der Polnische Botschafter Lipski sagte, daß im Falle eines Krieges die polnische Armee im Triumph nach Berlin marschieren würde?


DAHLERUS: Nein, zu mir hat er das nicht gesagt, aber er machte dahingehende Bemerkungen zu Forbes.


DR. HORN: Und Forbes hat Ihnen diese Bemerkungen wieder überbracht?


DAHLERUS: Jawohl.


DR. HORN: Wie kam es zu Ihrem Treffen mit Herrn Forbes am 24. September in Oslo?


DAHLERUS: Ich ergriff die Initiative und reiste nach Oslo, um ihn dort zu sprechen.


DR. HORN: Bitte, können Sie den Inhalt des Schreibens von Forbes kurz bekanntgeben?


DAHLERUS: Ich habe es schon vorgelesen.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof hat bereits gesagt, daß er nicht wünscht, daß es verlesen wird; ich kann nicht einsehen, was die Sache mit Ribbentrop zu tun hat.


[527] DR. HORN: Der frühere Außenminister von Ribbentrop ist wegen der Führung der gesamten deutschen Außenpolitik angeklagt. Ich halte es daher für wichtig, daß dieses Schreiben, das für den weiteren Verlauf der Außenpolitik, so wie Ribbentrop sie sah, entscheidend geworden ist, für seine späteren Friedensfühler zum Beispiel, verlesen wird.


DAHLERUS: Um Europa zu retten, von der ewig wiederkehrenden Angst vor deutschen Angriffen zu erlösen.


VORSITZENDER: Ist dieser Brief jemals Ribbentrop gezeigt worden?


DAHLERUS: Nein.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof hat schon entschieden, daß dieser Brief nicht verlesen wird.


DR. HORN: Sie haben dann am 26. September 1939 eine Besprechung mit Hitler gehabt. Ist es richtig, daß Hitler Ihnen damals sagte, er könne über Polen auch nicht mit England verhandeln, denn der größere Teil von Polen sei von Rußland besetzt, und Rußland werde ihn nach seinem Wissen bestimmt nicht heraus geben?


DAHLERUS: Er erklärte, daß er nicht bereit sei, die polnische Frage zu diskutieren und fügte später hinzu, daß er, abgesehen von seiner Entscheidung, auch nicht glaube, daß Rußland bereit sei, über das von Rußland besetzte Gebiet zu diskutieren.


DR. HORN: Waren Sie zur Zeit, als Sie Ihre Verhandlungen führten, politisch unabhängig?


DAHLERUS: Absolut.


DR. HORN: Danke sehr, ich habe keine weiteren Fragen.


DR. LATERNSER: Ich habe nur eine Frage an den Zeugen.

Herr Zeuge! Haben bei den vielen Verhandlungen, die Sie mit deutschen Stellen in dieser Zeit gehabt haben, jemals hohe militärische Führer aktiv teilgenommen?


DAHLERUS: Niemals.


DR. LATERNSER: Danke sehr.


VORSITZENDER: Hat einer von den anderen Verteidigern Fragen zu stellen?


[Keine Antwort.]


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Dahlerus, wollen Sie mir bitte sagen, ob ich eine Ihrer letzten Antworten an Herrn Dr. Stahmer richtig verstanden habe. Haben Sie folgendes gesagt: »Ich wurde mir dann klar, es war am 26. September, daß es sein – das heißt Görings – Ziel war, Polen und England auseinanderzubringen und Polen mit Zustimmung Großbritanniens zu besetzen,« stimmt das?

[528] DAHLERUS: Ja, es stimmt, aber ich möchte dazu sagen, daß es das Ziel der Deutschen Regierung einschließlich Görings war.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Einen Moment – die Deutsche Regierung. Ich danke Ihnen. Ich möchte Sie jetzt bitten, dem Gericht in kurzen Worten zu sagen, weshalb Sie dieses Ziel nicht früher durchschaut haben.


DR. STAHMER: Soviel ich die Antwort des Zeugen vorhin verstanden habe, hat der Zeuge mir auf meine Frage gesagt, daß das Hitlers Ansicht gewesen sei; von Göring hat der Zeuge überhaupt nicht gesprochen.


VORSITZENDER: Sie können ihn später nochmals vernehmen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie bitte dem Gericht erklären – und geben Sie genau auf meine Frage acht –, weshalb Sie dies Ziel damals nicht durchschaut haben. Der ursprüngliche Zweck Ihres Besuchs bei Göring Anfang Juli war der gewesen, ihm mitzuteilen, daß die öffentliche Meinung in England sich versteift habe und einen weiteren Angriffsakt nicht dulden würde? Stimmt das?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Der Grund für Ihren Besuch bei Göring erscheint auf Seite acht Ihres Buches, falls Sie den englischen Text vor sich haben.


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und, Herr Dahlerus, ich möchte, daß Sie absolut sicher sind, daß ich beim Zitieren aus Ihrem Buch nichts aus dem Zusammenhang reiße. Ich werde versuchen, es so kurz wie irgend möglich zu machen. Sie sagten auf Seite acht, gerade vor dem Ende des Absatzes folgendes:

»Das Wesen des Nationalsozialismus war kriegerisch und aggressiv und bar aller moralischen Skrupel bei seinen Verhandlungen mit anderen Ländern. Hitler und sein Schützling Ribbentrop dürsteten nach Eroberungen. Es wurde gesagt, daß Göring energisch bestrebt war, die Münchener Krise friedlich zu lösen, und daß er dadurch seine Stellung innerhalb der Deutschen Regierung sehr geschwächt hatte.«

Aus diesem Grund sind Sie zu Göring gegangen?

DAHLERUS: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Als Sie Göring Ihren Standpunkt klarmachten, war seine erste Reaktion, daß die Englische Regierung in Bezug auf Danzig und Polen einen Bluff versuchte?


DAHLERUS: Ja.


[529] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und Sie beabsichtigten, und es gelang Ihnen auch, eine Zusammenkunft zu arrangieren, um Göring davon zu überzeugen, daß der englischen öffentlichen Meinung nach die Britische Regierung nicht bluffte; ist das richtig?


DAHLERUS: Jawohl, das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich bitte Sie nun, Seite 29 Ihres Buches aufzuschlagen. Dort ist – ganz oben auf der Seite – das Ende Ihrer Unterhaltung mit dem Angeklagten Göring im Zuge vor der Zusammenkunft vom Anfang August beschrieben. Können Sie sich daran erinnern?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Göring setzte seine Ziele auseinander, und auf Zeile zwei heißt es, »Dies war ein gegenseitiges Abkommen über die Abhaltung einer englisch-deutschen Konferenz...« und geben Sie auf die nächsten Worte gut acht, Herr Dahlerus – »mit Bevollmächtigten beider Regierungen«. Ein Punkt, den Göring immer klargemacht hatte, war der, daß er die Rückkehr Danzigs und gewisse Rechte bezüglich des Korridors, des polnischen Korridors fordern würde. Ist das richtig?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Von Anfang an war er für eine Konferenz von Bevollmächtigten, auf der, wenn nötig, Gebiete an Deutschland abgetreten werden könnten. Ist das so?


DAHLERUS: Offensichtlich.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Kommen wir jetzt zum 24. August, an dem Sie Göring sahen und dieser Sie ersuchte, nach London zu reisen. Einer der Punkte, den er von Ihnen betont wissen wollte, war der, daß er und die Deutsche Regierung fanden, daß die militärische Lage Deutschlands sich auf Grund des deutsch-sowjetischen Abkommens bedeutend verbessert hätte.


DAHLERUS: Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und wenn Sie jetzt Seite 35 – ganz unten in Ihrem Buche – und oben auf Seite 36 nachlesen wollen: »Der Grund war der, daß er nicht daran glaubte, daß das Deutsche Auswärtige Amt imstande oder bereit sein würde, genügend enge Beziehungen mit dem Britischen Foreign Office herzustellen?«


DAHLERUS: Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie können sich noch an den Tag erinnern, an dem Sie sich mit ihm unterhielten; und später rief er Sie um 11.30 Uhr wieder an, bevor Sie abreisten?


DAHLERUS: Ja.


[530] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte Sie bitten, dem Gerichtshof ein oder zwei Dinge zu berichten, die er Ihnen an dem Tage nicht erzählt hat. Er sagte Ihnen nicht – oder doch –, daß zwei Tage vorher, am 22. August Hitler ihm und anderen deutschen Führern auf dem Obersalzberg gesagt hatte, daß er, Hitler, im Frühjahr zu der Ansicht gekommen war, daß es zu einem Konflikt mit Polen kommen mußte. Das hat er Ihnen nicht erzählt?


DAHLERUS: Ich hatte niemals einen Hinweis oder eine Mitteilung über die politischen Absichten erhalten, weder am 11. April, noch am 23. Mai oder am 22. August.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Also davon hatten Sie nichts gehört – es handelt sich um Dokument 798-PS vom 22. August –, Sie haben uns also gesagt, daß Sie niemals vom »Fall Weiß« gehört haben, der im April vorbereitet worden war. Ich will aber in der anderen Sache, L-75 vom 23. Mai, ganz klar sehen. Erzählte er Ihnen niemals, daß Hitler an dem Tage zu ihm gesagt habe, daß Danzig nicht der Hauptzweck des Disputes sei? »Es ist eine Frage der Ausdehnung unseres Lebensraumes im Osten«? Und, ich glaube, er hat Ihnen auch nicht gesagt, daß Hitler an diesem Tage erklärte: »Unsere Aufgabe ist es, Polen zu isolieren. Der Erfolg dieser Isolierung wird entscheidend sein.« Er hat niemals etwas zu Ihnen über die Isolierung von Polen gesagt?


DAHLERUS: Er hat niemals etwas in dieser Richtung gesagt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Aber ich glaube, er hat Ihnen in einer früheren Besprechung gesagt, daß er Herrn Lipski, den Polnischen Botschafter, aufsuchen würde.


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, hat er Ihnen nicht gesagt, daß er Herrn Lipski davon unterrichten würde, daß das Haupthindernis für eine Verringerung der Spannung zwischen den beiden Ländern das polnische Bündnis mit England sei? Das hat er Ihnen nicht gesagt, nicht wahr?


DAHLERUS: Nein.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Hier ist GB-39, TC-72, Seite 119. Danach hat er Sie gebeten, nach England zu reisen, um eine Seite der Angelegenheit zu besprechen, während er die andere Seite mit Herrn Lipski behandelte. Ich möchte nur ein klares Bild der Lage vom 24. erhalten. Hat er Ihnen gesagt, daß die Entscheidung getroffen worden war, Polen am Morgen des 26. anzugreifen?


DAHLERUS: Nein, in gar keiner Hinsicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie sind gebeten worden, die Reise zu unternehmen und zwar mit den allgemeinen Zielen, die ich umrissen habe. Sie wissen heute, Herr Dahlerus, daß am nächsten [531] Tage, am 26., Sir Nevile Henderson die Verbalnote von Hitler überreicht wurde?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und diese Note, im Gegensatz zu dem was man Ihnen später sagte, sprach in allgemeinen Ausdrücken darüber, daß die polnische Frage gelöst werden müsse; also war die Absicht, so wie sie am 24. abends feststand, als Göring Sie anrief, im Ergebnis die, daß Sie am Morgen abreisten, um dem allgemeinen Wunsch für eine friedliche Lösung Ausdruck zu geben; die »Verbalnote« sollte Sir Nevile Henderson am Nachmittag des 25. überreicht werden; und zu diesem Zeitpunkt war geplant, daß Polen am Morgen des 26. angegriffen werden sollte, nachdem Sie Ihre Botschaft übermittelt und Henderson seine Verbalnote weitergeleitet hatte. Das war die Lage?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Hat Göring Ihnen jemals gesagt, warum der Angriffsplan vom 26. auf den 31. verschoben wurde?


DAHLERUS: Nein; er hat niemals etwas über den Angriffsplan gesagt und auch nicht darüber, daß er geändert wurde.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Er hat Ihnen nicht gesagt, daß... – es ist Dokument TC-90, GB-64 –; ich zitiere Görings eigene Worte:

»Am Tage, an dem England offiziell Polen die Garantie gab,« – das war am 25. – »rief mich der Führer telephonisch an und er sagte mir, daß er die geplante Invasion Polens abgestoppt habe. Ich fragte ihn, ob das nur zeitweilig oder endgültig wäre. Er sagte mir: ›Nein, ich muß erst mal sehen, ob wir den englischen Eingriff ausschalten können.‹ Ich fragte ihn dann: ›Glauben Sie, daß es in vier oder fünf Tagen andere sein wird?‹«

Göring hat Ihnen also niemals gesagt, daß zu der Zeit, als Sie nach London geschickt wurden, alles, was man von Ihnen wünschte, die Ausschaltung der englischen Intervention war?

DAHLERUS: Durchaus nicht.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich will nur noch ganz kurz einmal darauf zurückkommen. Sie reisten und kamen mit dem Brief von Lord Halifax zurück. Ich möchte das ganz klar stellen, Herr Dahlerus: Lord Halifax hat es durchwegs klar gemacht, daß England seine Verpflichtungen Polen gegenüber erfüllen würde, oder nicht?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und dann, am 27. August, in der Nacht vom 26. zum 27., um 12.30 Uhr nachts, hatten Sie eine [532] Besprechung mit Hitler. Nun, Ihnen gegenüber, Herr Dahlerus, ließ Hitler zum ersten Male klar durchblicken, daß seine Bedingungen wären, daß England Deutschland helfen sollte, Danzig und den Korridor zu bekommen.


DAHLERUS: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nicht »Rechte im Korridor«, sondern »den Korridor«. Können Sie sich erinnern, daß, als Sie das Chamberlain erzählten, er sehr überrascht war über den Unterschied zwischen diesem und dem Henderson erstatteten Bericht?


DAHLERUS: Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich will nicht alles noch einmal wiederholen. Ich möchte aber mit Hilfe Ihres eigenen Buches, das, wie Sie sagten, objektiv und sorgfältig verfaßt wurde, feststellen, in welcher Gemütsverfassung sich die deutschen Machthaber damals befanden. Schlagen Sie bitte mit Bezug auf Hitler die Seite 47 auf. Es ist die Stelle, die Sie dem Gerichtshof schon erzählt haben, wo er schrie: »Dann werde ich U-Boote bauen.«


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Darf ich es Ihnen vielleicht nochmals vorlesen, ganz kurz, wie Sie es damals beschrieben haben, und Sie sagen mir, ob es stimmt:

»Falls ein Krieg kommen sollte«, sagte er, »dann werde ich U-Boote bauen, U-Boote bauen, U- Boote, U-Boote, U-Boote.«

Und bei jedem Wort wurde seine Stimme lauter?

DAHLERUS: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE:

»Seine Stimme wurde immer undeutlicher, und zum Schluß konnte man ihm überhaupt nicht mehr folgen. Dann riß er sich zusammen, erhob seine Stimme, als wenn er vor einem großen Publikum spräche, und schrie und schrie: ›Ich werde Flugzeuge bauen, Flugzeuge bauen, Flugzeuge, Flugzeuge, und ich werde meine Feinde vernichten.‹«

Und dann schreiben Sie weiter:

»Er erschien mir in diesem Augenblick eher ein Phantom aus einer Erzählung als ein richtiger Mensch. Ich habe ihn vor Überraschung angestarrt und drehte mich dann um, um zu sehen, wie Göring darauf reagierte; aber es machte nicht den geringsten Eindruck auf diesen.«

Würden Sie so gut sein und jetzt Seite 53 aufschlagen. – Nein, kurz vorher, ein Satz vor dem, was ich gerade auf Seite 47 verlesen habe. Ich möchte das nur klarstellen. Sie sagen:

[533] »Seine Stimme wurde immer unklarer, und sein Benehmen war das eines vollkommen abnormalen Menschen.«

Und jetzt gehen wir auf Seite 53 über. Würden Sie bitte dem Gerichtshof den Eindruck schildern, den Sie von der Art hatten, wie er Göring behandelte. Das Gericht hatte schon viel über die Beziehungen der beiden gehört. Unten auf dieser Seite sagen Sie:

»Vom ersten Moment unserer Unterhaltung an widerstrebte mir sein Verhalten gegenüber Göring, seinem intimsten Freund und langjährigen Kampfgenossen. Sein Wunsch, zu dominieren, war erklärlich, aber eine derartige Unterwürfigkeit, wie sie Göring nun zeigte, von seinem engsten Mitarbeiter zu verlangen, schien mir außerordentlich abstoßend und unangenehm.«

Wollen Sie bitte auf Seite 54 übergehen, fünfte Zeile von unten?

»Ich wußte nun, daß ich es mit einem Mann zu tun hatte, den man nicht als normal betrachten konnte.«

Das war Ihre wohlerwogene Ansicht, nicht wahr, Herr Dahlerus?

DAHLERUS: Das war die Ansicht, die ich mir bei unserem ersten Zusammentreffen gebildet hatte.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das also war der deutsche Reichskanzler. Jetzt bitte ich Sie, einen Moment über den deutschen Außenminister zu sprechen auf Grund der Eindrücke, die Sie gehabt haben. Im allgemeinen, glaube ich, hatten Sie den Eindruck, daß von Ribbentrop alles tat, was er konnte, um Ihre Bemühungen zu stören und mißlingen zu lassen?


DAHLERUS: Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Aber nach Görings Aussage tat er noch mehr. Schauen Sie sich Seite 76 an. Wenn Sie sich erinnern, waren Sie gerade dabei, sich von Göring zu verabschieden, ich glaube, als Sie zu Ihrem letzten Besuch nach London fuhren; nachdem er die Karte gezeichnet hatte, auf die ich gleich zu sprechen kommen werde, haben Sie dabei das Folgende gesagt:

»Bevor wir uns trennten, sprach er nochmals über den deutschen Standpunkt und sagte zum Schluß, daß, wenn wir uns nicht mehr wiedersehen würden, er mir bei dieser Gelegenheit danken möchte für das, was ich getan hatte, und für meine unermüdliche Arbeit für den Frieden. Ich war etwas überrascht über diese Verabschiedung und konnte nicht umhin, zu antworten, daß wir uns aller Wahrscheinlichkeit bald wieder sehen würden. Sein Gesichtsausdruck änderte sich, und er sagte feierlich: ›Vielleicht; aber gewisse Leute tun, was sie nur können, um zu verhindern, daß Sie aus dieser Sache lebendig wieder herauskommen.‹«

[534] Das wurde in ernstem, feierlichem Ton zu Ihnen gesagt, Herr Dahlerus?

DAHLERUS: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und Sie schreiben weiter:

»Bei einer Zusammenkunft im Oktober desselben Jahres sagte mir Göring, daß Ribbentrop versucht hätte, es so einzurichten, daß mein Flugzeug abstürzte. Daher Görings ernster Gesichtsausdruck, als er sich von mir verabschiedete.«

DAHLERUS: Nun; er hatte Ribbentrops Namen eine Minute vorher genannt und dann, als er über den Absturz des Flugzeuges sprach, benutzte er das Wort »er«. Ich nahm an, er meinte Ribbentrop.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das war also der Außenminister, so wie Göring sich ausdrückte. Ich bitte Sie jetzt, Seite 100 aufzuschlagen; denn ich möchte diese Dinge im Zusammenhang bringen. Das ist eine Beschreibung der Zusammenkunft vom 1. September, dem Nachmittag des Tages, an dem Polen angegriffen worden war; Sie sahen den Angeklagten Göring, ich glaube im Luftfahrtministerium oder in einer seiner Dienststellen. Können Sie dieses finden, vor dem zweiten Absatz?

»Für ihn«, das heißt Göring, »war alles genau nach einem Plan eingerichtet, den nichts mehr umwerfen konnte. Schließlich ließ er die Staatssekretäre Körner und Gritzbach kommen, hielt ihnen einen langen Vortrag und überreichte jedem ein Ehrenschwert, das sie, wie er hoffe, im Kriege ruhmreich tragen würden. Man hatte den Eindruck, als ob alle diese Leute sich in einem Zustand von Trunkenheit befunden hätten.«

Sind das Ihre Worte?

DAHLERUS: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das war Ihr Eindruck? Natürlich wollten Sie damit sagen, daß sie alle von dem Gedanken an den Krieg im geistigen Sinne trunken waren?


DAHLERUS: Ihre geistige Verfassung hatte sich in ganz kurzer Zeit geändert.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Mit anderen Worten, von den drei Hauptpersonen in Deutschland war der Kanzler ein abnormaler Mensch, der Reichsmarschall oder Feldmarschall, was er damals war, war in einem verrückten Zustand von Trunkenheit, und der Außenminister – nach Göring – ein Mörder, der Ihr Flugzeug zum Absturz bringen wollte.


[Der Zeuge nickt bejahend.]


Dann wollen wir nur ganz kurz auf das, was dann später geschah, übergehen.

[535] Am Wochenende des 26. und 27. August reisten Sie nach England. Sie haben ausgesagt, daß Sie nichts davon wußten, daß der Angriff am Morgen des 26. abgeblasen worden war und auch nichts davon wußten, daß es Hitlers Absicht war, ein englisches Eingreifen auszuschalten. Das alles wußten Sie nicht; und so fuhren Sie also am 27. mit den ausführlicheren Bedingungen nach England zurück; die englische Antwort lautete, daß sie bei Aufrechterhaltung ihrer Verpflichtungen hofften und empfahlen, daß die Deutsche und die Polnische Regierung Verhandlungen über diesen Punkt anknüpfen sollten.

DAHLERUS: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und das war die Antwort, die Sie zurückbrachten. Denken Sie bitte einen Augenblick über die Besprechung nach, die Sie beim Frühstück mit Göring hatten – ich glaube in seinem Zug oder in seinem Hauptquartier – am 28. August. Sie finden es auf Seite 65 Ihres Buches, falls Sie Ihr Gedächtnis auffrischen wollen. Hat Göring damals nicht versucht, Sie davon zu überzeugen, daß die Rückgabe Danzigs und des Korridors Polens militärische Lage nicht ändern würde?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Da er, wie er auf Grund seiner eigenen Kriegskarte erläuterte, annahm, daß Deutschland ja in der Lage sei, Polen sowieso zu besiegen, gleichgültig ob es den Korridor habe oder nicht.


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und seine Luftflotte und seine Truppen waren schon aufmarschiert, um dies durchzuführen.


DAHLERUS: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gehen wir nun zu der Frage der Zusammenkunft über, bei der Sir Nevile Henderson die Bedingungen überreicht wurden. Das war am 29. August um 7.15 abends, und die Besprechung dauerte längere Zeit. Können Sie sich an diese Besprechung erinnern?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und dann, wie schon einer der Anklagevertreter von Ihnen erfuhr, traten Schwierigkeiten auf wegen der Forderung, daß ein Bevollmächtigter binnen 24 Stunden zurück sein sollte. So haben Sie das erklärt.


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich glaube, daß Sir George Ogilvy Forbes Ihnen gesagt hat, daß diese Besprechung sehr schlecht verlaufen sei, und daß Sie dann um 11.30 Uhr wiederum Göring gesehen haben, der Ihnen ungefähr das gleiche über den Verlauf der Besprechung gesagt hat wie Sir George Ogilvy Forbes.


[536] DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und er hat gesagt, daß das, was den Kanzler so aufgeregt habe, die Tatsache gewesen sei, daß Sir Nevile Henderson zu verstehen gegeben habe, daß diese Forderung, wonach der Bevollmächtigte innerhalb von 24 Stunden kommen sollte, einem Ultimatum gleichkäme.


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Können Sie sich daran erinnern, daß Göring damals gewisse Bedingungen unterstrichen hat? Ich verweise auf die Einleitung zu Ihrem Buch.


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie sehen das Faksimile. Haben Sie einen Abdruck?


DAHLERUS: Ich habe das Original hier.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut, wollen Sie es sich bitte ansehen. Es ist in deutscher Sprache. Ich will nur die Teile vorlesen, die Göring unterstrichen hat. Ich werde es in Englisch lesen, und Sie folgen dem deutschen Text und sehen, ob ich die richtige Stelle habe:

»Im übrigen hat die Deutsche Reichsregierung bei ihren Vorschlägen nie die Absicht gehabt, lebenswichtige Interessen Polens anzugreifen oder die Existenz eines unabhängigen Polnischen Staates in Frage zu stellen. Die Deutsche Reichsregierung ist unter diesen Umständen daher damit einverstanden, die vorgeschlagene Vermittlung der Königlich Britischen Regierung zur Entsendung einer mit allen Vollmachten versehenen polnischen Persönlichkeit nach Berlin anzunehmen. Sie rechnet mit dem Eintreffen dieser Persönlichkeit für Mittwoch, den 30. August 1939.

Die Reichsregierung wird die Vorschläge einer für sie akzeptablen Lösung sofort ausarbeiten und diese, wenn möglich, bis zur Ankunft des polnischen Unterhändlers auch der Britischen Regierung zur Verfügung stellen.«

Das ist der Teil, den der Angeklagte Göring unterstrichen hat, kurz vor dem Teil über die Entsendung des Bevollmächtigten?

DAHLERUS: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es unterliegt also keinem Zweifel, daß der Angeklagte Göring von der Wichtigkeit dieses Punktes überzeugt war.


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Können Sie sich erinnern, daß der Angeklagte Göring zu dieser Zeit, während dieser Besprechung – [537] in der Nacht vom 29. – eine große Tirade gegen die Polen vom Stapel ließ?


DAHLERUS: Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich will das nicht in Einzelheiten behandeln, aber er sagte doch dann zu Ihnen, daß der Führer ein sehr »großherziges Angebot« vorbereitet hätte?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Um zu zeigen, wie großherzig dieses Angebot war, steckte er einen Teil von Polen ein. Das steht auch im Vorwort Ihres Buches.


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Hier sind zwei Punkte über das, was er einsteckte. Erstens war es viel mehr als das, was Deutschland unter dem Versailler Vertrag weggenommen worden war. Zweitens war es sehr verschieden von dem, was Ribbentrop in der folgenden Nacht an Henderson telegraphierte.


DAHLERUS: Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und nun, Herr Dahlerus, ich glaube, daß ich selber es kaum besser ausdrücken kann als Sie mit Ihren eigenen Worten. Ich verweise auf Seite 75. Sie schreiben wie folgt; haben Sie es nicht so in Ihrem Buch niedergeschrieben, im zweiten Absatz:

»Diese Landkarte, die in diesem Buch wiedergegeben ist, ist außerordentlich interessant, da sie zeigt, mit welcher Schnelligkeit und Rücksichtslosigkeit diese Frage entschieden wurde. Ich hatte diese Landkarte bei mir, als ich einige Stunden später nach London abreiste. Es stellte sich aber heraus, daß die darin eingezeichneten Grenzen von dem bekannten Plan, den Ribbentrop mit größter Geschwindigkeit Henderson in der Nacht vom 30. zum 31. August vorlas, beträchtlich abwichen.«

Das heißt also weniger als 24 Stunden später.

DAHLERUS: Jawohl.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und dann schreiben Sie weiter, was daraus zu ersehen war. Nun, man konnte daraus ganz klar erkennen, daß 24 Stunden vor dem Telegramm an Sir Nevile Henderson die Deutsche Regierung noch nicht ernsthaft erwähnt hatte, welchen Teil des Korridors sie verlangen würde und welchen nicht. Stimmt das? Göring schlug Ihnen in der Nacht vorher etwas ganz anderes vor; nicht wahr?


DAHLERUS: Den ersten Vorschlag brachte ich am Sonntag früh, dem 27., mit. Es handelte sich nur um den kleinen Korridor; aber nach diesem späteren Plan erweiterten sie ihre Ansprüche.


[538] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie erweiterten ihre Forderung, so daß das, was man Ihnen also vorlegte, und was Sie ankündigen sollten, nämlich, daß ein »großherziges Angebot« unterwegs sei, tatsächlich eine Vergrößerung der Ansprüche war, und tatsächlich wiederum verschieden war von dem, was der Angeklagte Ribbentrop in der nächsten Nacht vorschlug.


DAHLERUS: Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte Sie nun kurz über eine Besprechung vom 31. August befragen. Sie finden es auf Seite 87: Es ist die Besprechung, bei der Sir George Ogilvy Forbes Ihnen mitteilte, was Herr Lipski gesagt hatte. Ich möchte Sie nun bitten, mir zu sagen: Sie haben Herrn Lipski getroffen, nicht wahr?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und selbstverständlich – das gleiche könnte wohl von jedem gesagt werden, sicherlich aber von Ihnen –, Herr Lipski litt während dieser sehr kritischen Tage an großer Überanstrengung?


DAHLERUS: Er war sehr nervös.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sehr nervös. Und hat Sir George Forbes Ihnen nicht gesagt, daß Herr Lipski seine Ansicht ganz klar ausgedrückt hat, daß das deutsche Angebot eine Verletzung der polnischen Souveränität sei, und daß seiner Ansicht nach Polen, Frankreich und England fest zusammenstehen und eine gemeinsame Front bilden müßten, und daß Polen, falls es allein gelassen würde, allein kämpfen und allein sterben würde? Das war die Gemütsverfassung, in der sich Lipski damals befand, nicht wahr?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Was die anderen Punkte betrifft, so werde ich diese nicht im einzelnen behandeln; aber es besteht ein beträchtlicher und bedeutsamer Unterschied zwischen der polnischen Fassung des Instruktionstelegramms an Herrn Lipski und der Fassung, die Ihnen der Angeklagte Göring gezeigt hat.


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Am Morgen des 1. September, glaube ich, sahen Sie Göring um 8.00 Uhr. Wäre es zutreffend, wenn man die Art und Weise, in welcher er Ihnen die Tatsache des Angriffs auf Polen beibrachte, dahingehend schildern würde, daß er Ihnen die Mitteilung über den stattgefundenen Angriff äußerst zögernd oder langsam machte.


DAHLERUS: Ja; so, daß ich daraufhin sofort London angerufen, mich mit dem Foreign Office in Verbindung gesetzt habe, jemandem die Mitteilung gemacht habe, daß auf Grund von mir zugegangenen [539] Nachrichten Polen angegriffen sei; sie wollten natürlich wissen, was mit mir nun passieren würde, nachdem ich diese Informationen gegeben habe.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja – aber jedenfalls hat er schließlich zugegeben, daß sie Polen angegriffen hätten; und dann hatten Sie eine weitere Besprechung mit Hitler. Ich habe noch einen Punkt, über den ich Klarheit haben möchte. Ich glaube nicht, daß Sie dem Gerichtshof den Vorfall beschrieben haben, bei dem er sagte, daß er zehn Jahre lang kämpfen würde. Schauen Sie bitte auf Seite 98 nach.


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dort steht, daß er nach den Worten: »Will ich zehn Jahre kämpfen«, seine Faust ballte und sich so weit bückte, daß sie beinahe den Fußboden berührte.


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich nehme daher an, daß er sich in derselben Gemütsverfassung befand, wie bei Ihrer vorhergehenden Besprechung.


DAHLERUS: Er war möglicherweise noch nervöser.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und zum Schluß nun noch einen Punkt. – Sehen Sie bitte auf Seite 102 nach, und dann bin ich mit Ihrem Buch fertig. Können Sie sich erinnern, daß Sie den Angeklagten Göring am Samstagmorgen, dem 2. September, gesprochen haben?


DAHLERUS: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie sagen hier:

»Zu meiner Überraschung war er heute mehr gewillt, sich meine Ansichten anzuhören. Ich war erstaunt darüber; denn wir hatten kaum in seinem privaten Salonwagen Platz genommen, als er mir sagte, daß es hieße, Mussolini wolle eine Vermittlerrolle übernehmen. Es hieß, Mussolini wolle mit aller Kraft versuchen, den Krieg zu beenden und vor allem seine Ausbreitung zu verhindern.«

Im nächsten Satz sagen Sie:

»Göring sagte, er wollte ein neues München herbeiführen.«

Ich möchte dies nicht unfair auslegen, und deshalb frage ich Sie, Herr Dahlerus, bezieht sich das »er« auf Göring oder Mussolini?

DAHLERUS: Ich glaube, es bezieht sich auf Mussolini.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie glauben, es bezieht sich auf Mussolini. Das habe ich mir gedacht; und wir brauchen deshalb nicht weiter darauf eingehen, außer, daß ich Sie folgendes fragen möchte:

[540] Ich habe Sie kurz – und ich hoffe, daß ich fair gewesen bin – über die diesbezüglichen Punkte befragt, und nun möchte ich Sie fragen, ob diese Tatsachen – die, wie Sie zugeben, Tatsachen sind – die Grundlage Ihrer Meinung dafür bilden, daß es das Ziel der Deutschen Regierung einschließlich Görings war, Polen und Großbritannien auseinander zu bringen und Polen mit der Zustimmung Großbritanniens zu besetzen.


DAHLERUS: Wenn ich die Tatsachen, die ich später erfuhr, gekannt hätte...


DR. STAHMER: Ich glaube, daß diese Frage zu weitgehend ist. Ich muß daher dieser Frage widersprechen. Sie bezieht sich allgemein auf die Regierung und auf eine ganz bestimmte Anzahl von Personen. Außerdem ist es eine gutachtliche Äußerung und keine Tatsache, über die der Zeuge aussagen soll.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Die Frage lautet: Sind diese Tatsachen die Grundlage für Ihre Meinung?


VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß diese Frage absolut zulässig ist und unmittelbar mit dem direkten Verhör zusammenhängt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und nun, Herr Dahlerus, Sie hatten gerade mit Ihrer Antwort begonnen. Ich hatte Sie gefragt: Sind diese Tatsachen, die ich Ihnen unterbreitet habe..


DR. SAUTER: Dann bitte ich aber, Herr Präsident, dafür sorgen zu wollen, daß geklärt wird, was unter der »Deutschen Regierung« verstanden werden soll, von der der Herr Ankläger andauernd spricht. Die Deutsche Regierung besteht aus einer ganzen Reihe von Ministern, und wenn hier andauernd von der Deutschen Regierung gesprochen wird, ohne daß gesagt wird, wer im einzelnen damit gemeint wird, dann muß der Eindruck entstehen, als ob jeder einzelne Minister dafür verantwortlich wäre und sich an diesen Verhandlungen beteiligt hätte, obwohl er in Wirklichkeit gar nichts gewußt hat. Ich vertrete einen dieser Minister, der von diesen Verhandlungen nichts gewußt hat, und ich habe deshalb ein Interesse daran, daß der Herr Ankläger die Liebenswürdigkeit hat, klarzustellen, wer eigentlich unter dieser »Deutschen Regierung« gemeint ist, ob also zum Beispiel der Wirtschaftsminister Funk auch damit gemeint ist, oder ob sich das bloß auf zwei oder drei andere Herren bezieht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Vorsitzender, ich nehme nicht an,...


VORSITZENDER: Wir stimmen durchaus nicht überein mit dem, was Dr. Sauter vorgebracht hat. Wir haben schon den Angeklagten Göring ausführlichst über die Frage der Zusammensetzung der Deutschen Regierung gehört, und es steht der Verteidigung offen, [541] zum geeigneten Zeitpunkt vorzubringen, daß ihre Klienten der Regierung nicht angehörten. Die Verteidiger scheinen nicht zu verstehen, daß das, was sie Klarstellung nennen, bei der späteren, nochmaligen Vernehmung erfolgen kann. Dr. Stahmer wird Gelegenheit haben, den Zeugen nochmals zu vernehmen, und er kann dann Fragen, die sich aus diesem Kreuzverhör ergeben, stellen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Dahlerus! Ich will die Frage nun so formulieren: Sind diese Tatsachen, die Sie gehört haben und die Sie heute nachmittag zugegeben haben, sind diese die Grundlage für Ihre Ansicht, die Sie heute Morgen in Ihrer Antwort auf die Frage von Dr. Stahmer dargelegt haben?


DAHLERUS: Ja. Damals glaubte ich, ich könnte etwas dazu beitragen, um einen neuen Krieg zu verhindern, zumal ich eindeutig beweisen konnte, daß von seiten der Englischen Regierung alles geschehen ist, um den Krieg zu verhindern. Hätte ich jedoch gewußt, was ich heute weiß, würde mir schon damals klar geworden sein, daß meine Bemühungen auf keinen Fall Erfolg haben könnten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Vorsitzender! Wenn es gestattet ist, möchte ich noch einen anderen Punkt vorbringen. Dr. Stahmer fragte nach den Namen der englischen Großindustriellen. Es liegt mir als Vertreter der Englischen Regierung sehr viel daran, daß diese Angelegenheit ganz offen behandelt wird, und ich möchte deshalb das Gericht ergebenst ersuchen, Herrn Dahlerus schon allein aus diesem Grunde um diese Namen bitten zu dürfen.


VORSITZENDER: Gewiß, wenn Sie es wünschen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Dahlerus! Können Sie uns die Namen der Herren nennen, die Sie auf dem Gut Ihrer Gattin in Schleswig-Holstein getroffen haben?


DAHLERUS: Soll ich die Namen verlesen oder überreichen?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Lesen Sie sie bitte.


DAHLERUS: Charles Mc Larn, S. W. Rossen, A. Holden, Sir Robert Renig, Bryon S. Mountain, C. F. Spencer, T. Menceford.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Vielen Dank.


VORSITZENDER: Will irgendein anderes Mitglied der Anklage den Zeugen ins Kreuzverhör nehmen?

Dr. Stahmer, wollen Sie den Zeugen nochmals verhören?


DR. HORN: Herr Präsident! Ich bitte, mir eine Anfrage zu erlauben. Darf ich fragen – ohne mißverstanden zu werden – warum heute Morgen diese Namen auf die Frage von Herrn Dr. Stahmer nicht verlesen werden durften?


VORSITZENDER: Warum stellen Sie diese Frage? Was hat das mit dem Fall Ribbentrop zu tun?


[542] DR. HORN: Der Zeuge Dahlerus war außerdem dem Angeklagten von Ribbentrop genehmigt, und ich hatte mit Herrn Dr. Stahmer gewisse Fragen vereinbart. Auch mich haben diese Fragen interessiert, auch wegen dieser Mitglieder heute Morgen.


VORSITZENDER: Der Grund, warum die Namen heute früh nicht angegeben worden waren, war der der Zeitersparnis und der, daß wir die Namen dieser Herren für unerheblich hielten. Aber da Sir David Maxwell-Fyfe darum ersucht hat, daß sie vorgelesen werden, um allen Anschein, irgend etwas verbergen zu wollen, zu vermeiden, hat das Gericht die Erlaubnis dazu erteilt.


DR. HORN: Danke sehr.


DR. STAHMER: Herr Dahlerus! Sie sagten heute Morgen, daß Sie am 23. August in Stockholm von Göring angerufen worden seien, und daß er Ihnen mitgeteilt habe, daß die Lage bedrohlich geworden sei, und daß er Sie daher unbedingt sprechen müsse. Hat er Ihnen angegeben, aus welchem Grunde er die Lage in dem Augenblick als bedrohlich ansah?


DAHLERUS: Nein.


DR. STAHMER: Sie haben ihn auch nicht danach gefragt?


DAHLERUS: Nein.


DR. STAHMER: Sie sind dann nach Berlin gekommen am 24., haben sofort mit Göring Rücksprache genommen. Hat Göring Ihnen bei dieser Gelegenheit gesagt, wodurch die Lage inzwischen bedrohlich geworden sei?


DAHLERUS: Nicht ganz deutlich.


DR. STAHMER: Was hat er Ihnen über die Bedrohlichkeit gesagt? Worin bestand der Ernst der Lage?


DAHLERUS: Er ließ durchblicken, daß die Tatsache, daß die polnische Frage noch nicht gelöst sei, und daß auch keine Aussichten darauf bestünden, daß sie gelöst werden würde, die Situation verschärft habe. Er sagte ferner, daß es ganz von der britischen Stellungnahme und Initiative abhinge, ob eine Lösung gefunden werden könnte.


DR. STAHMER: Sie erfuhren also durch diese Antwort, daß Polen der Gefahrenpunkt sei?

DAHLERUS: Jawohl.


DR. STAHMER: Sie haben dann ja auch Vorschläge übermittelt am 27. August, die im wesentlichen eine Lösung der Polenfrage zum Gegenstand hatten?


DAHLERUS: Jawohl.


DR. STAHMER: Sie hatten heute Morgen auf meine Frage nach den Vorgängen vom 26. September nach meinen Notizen gesagt, Sie [543] seien damals der Auffassung gewesen, daß Hitlers Pläne nicht ganz durchsichtig gewesen seien. Sie haben dann heute nachmittag von Göring gesprochen. Worauf ist dieser Unterschied in Ihrer Antwort zurückzuführen?


DAHLERUS: Damals mußte ich annehmen, daß die führenden Mitglieder der Deutschen Regierung eng zusammenarbeiteten.


DR. STAHMER: Sie hatten das nur also aus der Tatsache geschlossen? Sie haben ferner vorhin gesagt: wenn Sie wüßten, was Ihnen heute bekannt ist, dann hätten Sie sich nicht eingesetzt. Wodurch ist Ihre Meinungsänderung hervorgerufen?


DAHLERUS: Durch die inzwischen bekanntgewordenen Tatsachen, insbesondere während dieser Gerichtsverhandlung, und durch Veröffentlichungen.


DR. STAHMER: Um welche Tatsachen handelt es sich?


DAHLERUS: Die Ereignisse, die ich schon zitiert habe, die Erklärungen vom 11. April, vom 23. Mai und vom 22. August.


DR. STAHMER: Weitere Tatsachen haben Sie nicht?


DAHLERUS: Jawohl; aber das sind die Hauptpunkte.


DR. STAHMER: Welches sind die Nebenpunkte? Welches sind Ihre weiteren Bedenken?


DAHLERUS: Eins ist mein Erlebnis vom 26. September 1939, dann die Hitler-Rede vom 6. Oktober 1939, wie auch eine Reihe von Erklärungen, die später abgegeben wurden.


DR. STAHMER: Sie sprachen vorhin von einem Flugzeugabsturz, wenn ich Sie richtig verstanden habe, der durch Ribbentrop herbeigeführt werden sollte. Ist es wirklich Ihr Ernst gewesen?


DR. DAHLERUS: Ich habe meine Erklärung ja schon dahin verbessert, daß ich sagte, ich nehme an, daß es Ribbentrop war, da sein Name gerade eine Minute vorher erwähnt worden war.


DR. STAHMER: Ich habe noch eine Frage an den Zeugen. Wie verhält es sich mit der Karte über Polen, die angeblich von Göring gezeichnet worden ist?

DAHLERUS: Ich habe das Original dieser Karte in meinem Besitz.


DR. STAHMER: Und was wurde Ihnen als Erklärung gegeben?


DAHLERUS: Daß es sich um ein Gebiet handelte, in dem die Majorität Deutsche und nicht Polen waren.


DR. STAHMER: Wie erklären Sie dann die Differenz zwischen dem späteren Angebot und dieser Karte?


[544] DAHLERUS: Ich kann nur annehmen, daß die Frage nicht gründlich diskutiert worden war, und daß verschiedene Vorschläge gemacht worden waren, ehe die endgültige Fassung vorgelegt wurde.


VORSITZENDER: Der Zeuge kann sich entfernen, und die Verhandlung wird vertagt.


[Verhandlungspause bis 15.35 Uhr.]


VORSITZENDER: Herr Justice Jackson! Sie wollen Ihr Kreuzverhör nunmehr fortsetzen, nicht wahr?

JUSTICE JACKSON: Da die Aussagen Görings unterbrochen wurden, um Dahlerus zu vernehmen, mit der Begründung, daß dessen Aussagen eine Änderung in Görings Verhör herbeiführen könnten, habe ich angenommen, daß Dr. Stahmer das Verhör des Zeugen Dahlerus zu Ende führen würde, bevor ich mein Kreuzverhör abschließe.


VORSITZENDER: Ich bitte Sie um Entschuldigung, jawohl. Dr. Stahmer, wünschen Sie an den Angeklagten Göring im Zusammenhang mit den Aussagen des Zeugen Dahlerus Fragen zu stellen?


DR. STAHMER: Diese Frage kann ich erst an ihn richten, nachdem ich mit ihm gesprochen habe. Ich halte es daher für zweckmäßig, daß Herr Jackson zunächst sein Kreuzverhör weiter fortsetzt und ich im Anschluß an dieses Kreuzverhör auch diese Frage gleich mit erledige.


VORSITZENDER: Dr. Stahmer! Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß Sie in der Lage sein sollten, jetzt fortzufahren. Sie waren es, der zwecks Vernehmung des Zeugen Dahlerus um Unterbrechung ersucht hat, und Dahlerus war Ihr Zeuge und nicht Zeuge der Anklagebehörde. Aus diesem Grund ist anzunehmen, daß Sie vorher wußten, was Dahlerus aussagen würde.


DR. STAHMER: Ich bitte, mir dann Gelegenheit zu geben, die Sachlage mit dem Angeklagten besprechen zu können.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof hatte gerade eine Pause von zehn Minuten eingeschaltet.

DR. STAHMER: In dieser kurzen Zeit wurde die Frage nicht erledigt.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß Sie diese Fragen jetzt stellen und mit der Vernehmung fortfahren müssen. Falls Sie den Angeklagten Göring über diese Fragen vernehmen wollen, müssen Sie das jetzt tun.


DR. STAHMER: Jawohl.


[Zum Angeklagten Göring im Zeugenstand gewandt:]


[545] Es wurde vorhin eine Karte erwähnt, die von Ihnen gezeichnet sein soll, und die auch in dem Buch des Herrn Dahlerus, dessen Richtigkeit er ja heute Morgen auf meine Frage bestätigt hat, enthalten ist.

Ich lasse Ihnen diese Karte, die sich auf Seite 53 seines Buches befindet, vorlegen, und bitte zu dieser Karte um Ihre Erklärung.

GÖRING: In der Besprechung, die in der Nacht vom 29. auf den 30. August zwischen Dahlerus und mir, ich glaube es war beim Führer, stattgefunden hat, habe ich aus einem Atlas spontan eine Karte herausgerissen und habe mit Grünstift und, glaube ich, Rot-oder Blaustift die Gebiete angezeichnet, nicht die wir verlangen würden, wie das vorhin hier von der Anklage ausgelegt wurde, sondern die Gebiete Polens, in denen Deutsche wohnen. Daß auch der Zeuge Dahlerus dieser Auffassung war, geht am klarsten daraus hervor, daß er auf einer Karte daneben dieselben Bezeichnungen wiederholt und dann folgendes schreibt:

Neben dem ersten gestrichelten Teil: »Deutsche Bevölkerung nach Göring« und bei dem zweiten punktierten Teil: »Polnische Bevölkerung nach Göring«.

Er schreibt dann weiter und zieht Grenzen: »Görings erster Grenzvorschlag« – der stimmt überein mit der Einzeichnung polnische Bevölkerung und deutsche Bevölkerung –, das war kein Grenzvorschlag, sondern das war die Auseinanderhaltung – und schreibt dann »Hitlers Vorschlag«, das ist der endgültige, der richtige und einzig übermittelte Vorschlag, der der Polnischen wie der Englischen Regierung zugestellt worden ist. Wenn man meine Karte vergleicht, so sieht man, daß hier ganz spontan in aller Schnelligkeit in Zweifarbenstift nur eine ganz oberflächliche Festlegung der ungefähren Bevölkerungsgebiete gegeben ist, nämlich in dem einen, wo sich in der Hauptsache die Deutschen aufhalten, und in dem anderen, wo ausschließlich Polen sind. Mitgegeben wurde Herrn Dahlerus von Annang an nur der Grenzvorschlag in großen Zügen, der nachher präzisiert wurde, und um den allein geht es; und das war auch derjenige, der veröffentlicht worden ist, der dem Botschafter Henderson vorgelesen wurde und den, weil er ihn nicht aufgefaßt und verstanden hat, ich in der Nacht durch Dahlerus an die Botschaft habe telephonieren und am nächsten Tag überprüfen lassen.


DR. STAHMER: Wollen Sie den letzten Satz nochmals wiederholen, das ist nicht durchgekommen.


GÖRING: Ich sage: der hier auf Hitlers Vorschlag eingezeichnete Verlauf des Korridors war der offizielle Vorschlag, den der Führer, der ja allein berechtigt war, endgültige Vorschläge zu machen, ausgearbeitet hat. Dieser Vorschlag ist es auch, der dem Botschafter Henderson verlesen wurde, und da er ihn nicht aufgefaßt hatte, [546] wurde von mir in der Nacht dem Dahlerus diese, dem Botschafter Henderson vorgelesene Note überreicht, damit er sie durchdiktieren könnte und ich sicher war, daß der Englische Botschafter ihren ganzen Umfang kennen lernte. Dieses war, wie ich schon ausgeführt habe, tatsächlich ein außerordentliches Risiko, da der Führer die Auslieferung zunächst verboten hatte und, wie ich schon betonte, nur ich sie durchführen konnte oder nur ich dieses Risiko übernehmen konnte. Im übrigen aber, was meine Striche anbelangt, so geben sie klar und eindeutig auf der Karte an: »deutsche Bevölkerung nach Göring – polnische Bevölkerung nach Göring«. Das war aber ganz approximativ, schnell in der Nacht, auf einer herausgerissenen Atlaskarte eingezeichnet – nur für ihn zu seiner Orientierung.


DR. STAHMER: Herr Dahlerus hat gesagt, Sie hätten ihn am 23. August angerufen und ihn um sein sofortiges Kommen nach Berlin gebeten, weil die Lage inzwischen bedrohlich geworden sei. Worin sahen Sie die veränderte bedrohliche Lage?


GÖRING: Durch die Ausführungen des Führers an jenem 22. August auf dem Obersalzberg war es für mich klar, daß die Spannung auf das äußerste gestiegen war; der Führer hatte ausgeführt, daß er eine Lösung der Frage, wenn dies nicht diplomatisch möglich sei, nunmehr herbeiführen müßte. Ich habe mich damals, weil es eine reine Ansprache – ohne Diskussion – vor den höheren Offizieren der für den Fall eines Krieges in Frage kommenden Formationen war, als rangältester anwesender Offizier darauf beschränkt, zum Führer zum Schluß zu Sagen: »Die Wehrmacht wird ihre Pflicht tun. Ganz selbstverständlich; wenn sie aufgerufen wird, hat sie ihre Pflicht zu tun.« Gleichzeitig aber wollte ich die äußersten Anstrengungen machen, um in kürzester Frist – es handelte sich zunächst um Tage – ein bestimmtes Datum, der 25. oder 26., der zuerst vorgesehen war, wurde an diesem Tag noch nicht genannt, nunmehr noch einen Anlauf machen, um zu einer Verhandlung zu kommen und dem Führer sagen zu können, wenn eine solch erfolgreiche Verhandlung in Gang käme, daß hier noch Aussichten und Chancen einer diplomatisch-politischen Lösung bestehen würden.

Deshalb der zeitliche Zusammenhang am 22. nachmittags: die Ansprache des Führers und meine sofortige Reaktion, Dahlerus aus Stockholm heranzuholen. Ich habe ihm selbstverständlich nicht gesagt, und das konnte ich auch als Deutscher einem Ausländer ja nicht sagen – und schon ganz und gar nicht als Offizier –, daß der Grund für mich in diesen eben ausgeführten Gründen lag. Man stellt ja die Dinge jetzt so dar, als ob es in Deutschland einen Begriff, wie »militärische geheime Dienstsache«, oder »Geheime Kommandosache«, oder »Geheime Reichssache« in der deutschen Politik und [547] im deutschen militärischen Leben gar nicht hätte geben dürfen; als ob wir verpflichtet gewesen seien, jeden militärischen und politischen Schritt immer vorher vielleicht der Auslandspresse bekanntzugeben. Ich verweise darauf, daß wir selbstverständlich hier dieselben Umgangsformen gehabt haben, wie sie in jedem anderen Land der Welt ihre Geltung besitzen.


DR. STAHMER: Wie kam es, daß Sie sich persönlich einschalteten und nicht die Verhandlungen über das Auswärtige Amt geführt wurden?

GÖRING: Mir war daran gelegen, soweit es irgend möglich sein könnte, auch diese Frage auf friedlichem Wege zu lösen. Die Arbeit des Auswärtigen Amtes ist eine offizielle. Hier wurde sowieso gearbeitet und zwar nach den Richtlinien des Führers. Meinen Einfluß konnte ich ja nur auf einem möglichst unmittelbaren und nicht ausgesprochen offiziellen Wege durchführen; denn für den offiziellen Weg hatte ich ja dem Ausland gegenüber nicht die offizielle Stellung eines Außenministers. Und ich war mir in diesem Augenblick klar darüber, daß es hier nicht auf Formalitäten ankommt, sondern auf die praktischste und rascheste Möglichkeit, irgend etwas zu erreichen. – Wollte ich aber auf den Führer einwirken, so war mir das nur möglich, wenn ich etwas in der Hand hatte, das heißt, ihm sagen konnte: »Ich führe hier, ohne Sie und Ihre Reichspolitik festzulegen, auf eigene Verantwortung, aber doch mit Ihrer Kenntnis Verhandlungen, um unter Umständen hier eine Atmosphäre zu schaffen, die dann die offiziellen Verhandlungen in der Richtung einer friedlichen Lösung erleichtern kann.« Außerdem geht das rascher.


DR. STAHMER: War es auch der Englischen Regierung klar, daß es sich um einen persönlichen Schritt von Ihnen handelte, der neben den offiziellen diplomatischen Verhandlungen lief?


GÖRING: Es mußte ihr aus der ganzen Aktion klar sein, daß es sich hier um einen inoffiziellen Weg gehandelt hat, der nur an ein oder zwei Stellen mit den offiziellen Verhandlungen gekoppelt wurde beziehungsweise sich überschnitt. Nämlich einmal die Phase, wo der Botschafter Henderson, statt sofort nach Berlin zurückzukehren, ein oder zwei Tage in London zurückblieb, um durch den inoffiziellen Unterhändler Dahlerus zuerst das Terrain für diese Absichten oder für die Verhandlungen oder die Note, wie ich es nennen will, der Englischen Regierung zu klären, und als das geschehen war, war die Vorbereitung für die Aufnahme dieser Besprechungen eine sehr viel bessere. Und daß an diesem Tage nicht nur ich der ehrlichen Überzeugung war, daß ein erheblicher Schritt zu diesem Zeitpunkt – ich glaube, es war der 28. – in Richtung auf eine friedliche Lösung getan worden war, geht daraus hervor, daß dieselbe Auffassung in diesem Augenblick auf seiten [548] der Englischen Botschaft geherrscht hat, wie der Botschaftsrat, Sir Ogilvy Forbes, dies ganz klar zum Ausdruck brachte. Die Verschlechterung trat erst wieder am 29. ein.

Bei diesen ganzen Verhandlungen hat es sich nicht darum gehandelt, von meiner Seite aus Polen zu isolieren und England draußen zu halten, sondern es hat sich darum gehandelt, nachdem nun die Frage Korridor und Danzig auf der Plattform war, sie möglichst wieder im Sinne einer Münchener Lösung friedlich zu erledigen. Das war mein Bestreben bis zum letzten Augenblick. Wenn es sich nur um eine Ausschaltung Englands gehandelt haben würde, dann hätte erstens die englische Diplomatie das sofort erkennen müssen, dazu ist sie ja geschult genug. Sie ist aber auf diese Verhandlungen eingegangen. Und zweitens hätte ich dann voraussichtlich eine total andere Taktik angewendet.

Es ist nicht so, daß ich jetzt rückschauend Dinge konstruiere, sondern ich sage das, was damals tatsächlich in diesem Augenblick geschah, gedacht und von mir gewollt war. Die Darstellungen des Zeugen Dahlerus in seinem Buche und heute über seine Besprechungen mit dem Führer, sie haben sich keineswegs so abgespielt; sie sind etwas subjektiv aufgefaßt; denn der Führer hätte sich eine solche Unterhaltung voraussichtlich nicht lange angehört.

Es sind auch andere subjektive Auffassungen, die vielleicht nur ganz unwesentlich sind, aber die hier von dem Anklagevertreter Sir David Maxwell-Fyfe vorgebracht aus dem Buch verlesen wurden, nämlich daß ich zwei Mitarbeitern in theatralischer Weise zwei Schwerter überreicht hätte, damit sie damit kühne Taten vollführen sollten. Der eine, der angeblich dieses Kriegsschwert von mir umgürtet bekam, war mein ziviler Staatssekretär Körner, kein Soldat. Dem hätte ich höchstens eine Feder geben können, denn er mußte die Vierjahresplanverordnung durchführen. Der zweite war der Chef meines Stabsamtes, ein Ministerialdirektor, der ebenfalls kein Soldat war und keine kriegerischen Lorbeeren ernten sollte, sondern dessen Hauptaufgaben während des Krieges ausschließlich darin bestanden, meinen zivilen Stab, nicht den militärischen, in Ordnung zu halten und das Funktionieren und den Ablauf dieser Arbeiten sicherzustellen. Für beide Angelegenheiten brauchten die Herren weder ein Schwert, noch die Aufmunterung, sich kriegerisch zu betätigen.


DR. STAHMER: Ist es richtig, daß zunächst vorgesehen war, den Angriff gegen Polen am 26. August zu eröffnen, und daß dieser Termin dann herausgeschoben wurde?


GÖRING: Es war vorgesehen, daß, wenn bis zu diesem Zeitpunkt – es liefen ja vorher schon Verhandlungen offizieller Art, das darf nicht vergessen werden – diese Verhandlungen nicht zu einer Klärung der Lage führten, infolge der ebenfalls stattgefundenen[549] Generalmobilmachung Polens und seines Aufmarsches und infolge tatsächlich vorgekommener außerordentlich schwerer Grenzzwischenfälle – ich erinnere an den Blutsonntag von Bromberg, ich erinnere an die über 70000 geflohenen Deutschen und die erschlagenen Deutschen –, daß also zu diesem Zeitpunkt die Atmosphäre so war, daß der Führer eine Lösung auf kriegerischem Wege hätte herbeiführen wollen. Es kam dann zu diesem Aufschub gerade, weil man glaubte, doch noch eine diplomatische Lösung finden zu können, und es war deshalb für mich selbstverständlich, meinen bisher schon beschrittenen inoffiziellen Weg in meinen bisherigen Bemühungen unter äußerster Anspannung und Intensivierung zu gehen und durchzuführen; und daraus erklären sich die in diesen Tagen so häufig wechselnden Besprechungen von Dahlerus in London wie in Berlin und das häufige Hin- und Herfliegen.

Als dann der letzte Versuch von mir noch vorgeschlagen wurde, am 3. September, war folgende Grundlage gegeben, die auch vorhin nicht ganz korrekt wiedergegeben worden ist. Die Englische Regierung hat nach dem 1. September zunächst kein Ultimatum geschickt, sondern eine Note, in der sie gefordert hat, daß die Zurückziehung...


VORSITZENDER: Ich bitte den Dolmetscher, dem Gericht zu sagen, welches die letzte Frage war, die die Verteidigung gestellt hat. Vielleicht erinnert sich der Dolmetscher nicht daran. – Weiß der Stenograph, welche die letzte Frage war?


[Der Dolmetscher wiederholt die Frage.]


DR. STAHMER: Ja.

VORSITZENDER: Ja, das war die Frage, und soweit ich hörte, ist darauf noch keine Antwort gegeben worden.


DR. STAHMER: Ich habe das nicht verstanden, Herr Präsident.


VORSITZENDER: Die Frage, die Sie gestellt haben, war, ob der 26. August vom Führer vorgesehen war, um gegen Polen vorzugehen, und der Angeklagte Göring hat jetzt schon längere Zeit gesprochen, ohne die Frage beantwortet zu haben.


GÖRING: Auf diese Frage habe ich geantwortet, daß tatsächlich zunächst der 26. August vom Führer für einen Einmarsch vorgesehen war, da er in der Situation, die ich geschildert habe, diesen Zeitpunkt für notwendig hielt. Es gelang aber dann, ihn noch einmal zu bewegen, einen Zeitaufschub zu geben, um weitere Verhandlungen zu führen.


DR. STAHMER: Worauf ist es zurückzuführen, daß der Vorschlag Hitlers scheiterte?


[550] GÖRING: Welcher Vorschlag?


DR. STAHMER: Der letzte Vorschlag vom 27. August, den Herr Dahlerus nach London übermittelt hatte.


GÖRING: Dieser Vorschlag war ja ein inoffizieller; er wurde gefolgt von einem offiziellen Vorschlag, der in einer Note dem Englischen Botschafter vorgelesen wurde; das heißt, es wurde der Englischen Regierung mitgeteilt, welche Forderungen Deutschland an Polen stellen würde. Dieser Vorschlag ist nicht ganz erfaßt worden. Er wurde dann auf inoffiziellem Wege – aber de facto – sowohl der Englischen Regierung bekanntgegeben, und gelangte auf dem inoffiziellen Wege, der vorhin von Dahlerus beschrieben wurde, auch genau und exakt zur Kenntnis des Polnischen Botschafters. Es scheiterte daran, daß die Polnische Regierung nicht darauf eingegangen ist, diesen Vorschlag zu diskutieren. Zunächst war als Frist für die Entsendung eines Bevollmächtigten, ich glaube, der 30. oder 31. festgesetzt; trotzdem wartete man auch weiter auf einen Bevollmächtigten. Auf den Hinweis, daß unter Umständen der Polnische Botschafter dies sein könnte, wurde dessen Audienz abgewartet; als er erklärte, zu keinerlei Entgegennahme berechtigt zu sein, schritt der Führer am nächsten Tag zum Einmarsch. Dies Telegramm habe ich ebenfalls durch Dahlerus an den Englischen Botschafter weitergeleitet – das Telegramm der Polnischen Regierung an ihren Botschafter, in dem sie ihm in einem Zusatz verboten hat, irgendein Gespräch über Vorschläge zu führen oder irgendeinen Vorschlag oder irgendeine Note in dieser Richtung anzunehmen.

Ich habe Dahlerus spontan das dechiffrierte Telegramm, das ich zuerst über das vorgestern erwähnte Forschungsamt erhielt, gegeben, um es Sir Henderson zu übermitteln; ich sagte ihm noch dazu – und setzte mich hier über alle Bedenken hinweg –, daß es von außerordentlicher Wichtigkeit sei, daß die Englische Regierung raschestens erfahren solle, wie intransigent zur Zeit die Haltung der Polnischen Regierung wäre, um unter Umständen auf die Polnische Regierung im Sinne einer Aussprache einzuwirken. Ich gab damit den Schlüssel preis, das heißt, ich stellte damit unter Beweis, daß wir den Chiffrier-Schlüssel der polnischen Diplomatie hatten und verschüttete damit für Deutschland eine wesentliche und wichtige Quelle. Es war dies ein einmaliges Vorgehen, das ich nur rechtfertigen konnte aus dem absoluten Wunsch und Willen, in letzter Stunde den Zusammenstoß zu verhindern. Ich darf deshalb den Anhang an die offizielle Depesche vorlesen; er ist kurz und lautet: »Seitens der Polnischen Regierung an den Polnischen Botschafter Lipski in Berlin.«

Ich lasse den ersten Teil weg und bringe nur das Folgende:

[551] »Als besondere Geheiminformation für den Botschafter wird dazu anschließend mitgeteilt: bitte unter keinen Umständen sachliche Diskussion führen. Im Falle des Vorbringens mündlicher oder schriftlicher Vorschläge seitens der Reichsregierung erklären, daß Sie keinerlei Vollmacht zur Entgegennahme oder Diskussion hätten, daß Sie lediglich obige Botschaft ihrer Regierung zu überbringen hätten und weitere Instruktionen erst einholen müßten.«

Daraus geht hervor, daß der Botschafter nicht, wie uns gesagt worden war, berechtigt war, irgend etwas in der Richtung zu tun, und dieses Telegramm, das ja auch der Führer zu lesen bekam, hat ihn wohl sehr stark auf die Möglichkeit der Hoffnungslosigkeit, mit Polen zu einer Verständigung zu kommen, hingewiesen.

DR. STAHMER: Sind von Ihnen diese Verhandlungen eingeleitet und durchgeführt worden mit dem ernstlichen Willen, den Frieden zu erhalten?

GÖRING: Das geht, wenn man die Schriftstücke im Zusammenhang liest, an sich aus dieser Schrift hervor; ich möchte mich aber nicht auf das Zeugnis dieses Buches stützen, sondern auf das, was ich hier unter Eid selbst auszusagen habe. Es war mein fester Wille, alles daran zu setzen, auch diese Frage, die aufgeworfen war, auf friedlichem Wege zu lösen. Ich habe den Krieg nicht gewollt und habe deshalb alles getan, um ihn, soweit es in meinen Möglichkeiten stand, zu vermeiden. Das hat nichts zu tun damit, welche Vorbereitungen ich pflichtmäßig in meiner Eigenschaft als hoher Offizier durchgeführt habe.


DR. STAHMER: Hier ist eine Angelegenheit behandelt worden wegen eines Flugzeugunfalles, der eventuell Herrn Dahlerus treffen konnte. Wie verhält es sich mit dieser Bemerkung?


GÖRING: Der Zeuge Dahlerus hat zum Schluß selbst gesagt, er müsse sich korrigieren dahin, daß er von mir diese absurde Darstellung nicht bekommen habe, sondern daß dies eine Kombination von ihm sei, weil ich kurz vorher in einem ganz anderen Zusammenhang den Namen Ribbentrop genannt habe. Ich war nur um eines besorgt, und darauf habe ich hingewiesen: Dahlerus flog zu dieser Zeit in meinem eigenen Flugzeug nach London; die Spannungen waren schon außerordentlich, und in allen Staaten waren Mobilmachungen und drohender Kriegszustand erklärt. Der offizielle Luftverkehr war längst eingestellt. Es war also nicht von der Hand zu weisen, daß unter Umständen ein deutsches Flugzeug, das mit einem Kurier nach London flog oder im umgekehrten Sinne, sagen wir ein englisches Flugzeug, das zu diesem Zeitpunkt mit einem Kurier nach Berlin geflogen wäre, gefährdet sein konnte durch unsere Flakstellungen oder ähnliches; und es lag mir daran, [552] diese Gefährdung weitgehend durch Telephonate, soweit ich mich erinnere, mit den holländischen und den englischen Dienststellen auszuschließen, und nur darauf bezog ich meinen Hinweis an Dahlerus, daß er hoffentlich gut ankommen und zurückkommen möge; denn in diesen Zeiten könne sich leicht ein Unfall ereignen.

Herr von Ribbentrop hat von der Entsendung von Dahlerus überhaupt nichts gewußt. Ich habe mit Herrn von Ribbentrop über den Fall Dahlerus während der ganzen Zeit überhaupt nicht gesprochen. Er wußte also gar nicht, daß er flog, daß er zwischen mir und der Englischen Regierung hin und her ging. Es ist das eine absolute Kombination.


DR. STAHMER: Waren Sie am 26. September 1939 bei der Unterhandlung zwischen Dahlerus und Hitler zugegen?


GÖRING: Ja.


DR. STAHMER: Welche Äußerungen hat Hitler dort über Polen getan?


GÖRING: Es ist richtig, daß er geäußert hat, daß an eine Wiederherstellung in dem Sinne, wie Polen vor Beginn des Krieges bestanden habe, nach dem Verlauf des Kampfes, nun, nachdem die Waffen gesprochen hätten, von seiner Seite nicht mehr zu denken wäre, sondern daß er nunmehr selbstverständlich die alten deutschen Provinzen, die 1918 abgetrennt wurden, behalten würde. Er machte aber damals schon einen Hinweis, daß das Generalgouvernement in Warschau ihn nicht interessieren würde, machte aber den stärksten Hinweis darauf an Dahlerus, daß dies eine Frage sei, die in erster Linie und entscheidend nur zwischen Deutschland und Rußland endgültig zu regeln sei, und daß eine einseitige Regelung mit England schon daher nicht in Frage käme, weil Rußland schon den größeren Teil von Polen besetzt habe. Und das seien Abmachungen, die in keiner Weise nunmehr einseitig von ihm mit England reguliert werden könnten. Das waren in großen Zügen die Ausführungen des Führers.


DR. STAHMER: Ich habe keine weiteren Fragen.


JUSTICE JACKSON: Ich verweise auf die Aussagen, die Sie gestern wie folgt gemacht haben, und frage Sie, ob diese stimmen:

»Ich glaube, ich war stellvertretender Vorsitzender« – mit Bezug auf den Reichsverteidigungsrat – »Ich weiß nicht genau, ich habe darüber gehört. Ich versichere Ihnen unter Eid, daß ich zu keiner Zeit und zu keinem Datum an einer Sitzung des Reichsverteidigungsrates teilgenommen habe, als er zusammentrat.«

Ist das eine richtige Niederschrift Ihrer Aussage?

GÖRING: Ja, ich habe gesagt, daß ich mich an keiner einzigen...

[553] JUSTICE JACKSON: Das genügt. Das ist alles, was ich wissen wollte.


GÖRING: Ja.


JUSTICE JACKSON: Ich verweise Sie nun auf Dokument 3575-PS, US-781; es ist ein Protokoll der Sitzung des Reichsverteidigungsrats vom 18. November 1938, bei der Sie den Vorsitz geführt haben.

Ich verweise Sie auf Ihre Erklärung, daß die Sitzung ausschließlich aus einer dreistündigen Rede des Feldmarschalls bestand, und keine Diskussion stattfand. Stimmt das?


GÖRING: Ich muß es erst lesen, ich sehe das Dokument zum ersten Male.


JUSTICE JACKSON: Sie wußten nicht, daß wir dieses Dokument haben, als Sie gestern diese Frage beantworteten, nicht wahr? Wollen Sie bitte diese Frage beantworten.


GÖRING: Ich habe das Dokument nicht gesehen vorher. Ich muß es erst einmal sehen. Es heißt hier:

»Vermerk über die Sitzung des Reichsverteidigungsrates am 18. November 1938.«

Der Reichsverteidigungsrat, wie er hier beschrieben wurde, bestand aus wenigen Personen. Hier waren aber anwesend sämtliche Reichsminister und Staatssekretäre, ferner die Oberbefehlshaber Heer, Kriegsmarine, die Generalstabschefs der drei Wehrmachtsteile, Reichsleiter Bormann für den Stellvertreter des Führers, General Daluege, SS-Gruppenführer Heydrich, der Reichsarbeitsführer, der Preiskommissar, der Präsident des Reichsarbeitsamtes und andere.

Als ich meine Aussage machte, habe ich nur an den Reichsverteidigungsrat als solchen gedacht.

Hier handelt es sich um eine Sitzung über den Reichsverteidigungsrat im Rahmen eines großen Gremiums. Trotzdem war mir dies nicht gegenwärtig; aber es handelt sich hier um eine Sitzung über den Reichsverteidigungsrat in einem Gremium, das weit größer war, als das für den Reichsverteidigungsrat niedergelegte.

JUSTICE JACKSON: Ich verweise auf die Tatsache, daß der Feldmarschall sagte, daß die Aufgabe des Reichsverteidigungsrates darin bestünde, alle Kräfte der Nation für den beschleunigten Aufbau der deutschen Rüstung zusammenzuschließen. Finden Sie das?

GÖRING: Ja, ich habe es jetzt gefunden.


JUSTICE JACKSON: Der zweite Absatz.


GÖRING: Ja.


[554] JUSTICE JACKSON: Unter II »Die materiellen Aufgaben. Die Aufgabe ist, das Rüstungsniveau von 100 auf einen Stand von 300 zu bringen.«


GÖRING: Ja.


DR. SIEMERS: Ich weiß nicht recht den Grund einzusehen, warum die Verteidigung immer wieder Urkunden, die im Gericht besprochen werden, und die dem Gericht vorgelegt werden, nicht erhält. Auch die jetzt besprochene Urkunde ist uns nicht bekannt, mir jedenfalls nicht.

Ich habe dies bereits in den letzten Tagen mehrfach festgestellt, daß Urkunden von der Anklage plötzlich vorgelegt werden, ohne daß man sich auch nur die Mühe macht, uns im geringsten zu beteiligen.


JUSTICE JACKSON: Das ist vollständig richtig. Ich glaube, daß jeder Anwalt weiß, daß eine der großen Fragen in diesem Verfahren die der Glaubwürdigkeit ist. Wenn wir jedoch beim Kreuzverhör jedes Dokument vorlegen sollen, ehe wir uns im Kreuzverhör, nachdem die Aussage gemacht ist, darauf berufen können, dann wird die Aussicht auf ein erfolgreiches Kreuzverhör zunichte gemacht.

Er kannte dieses Dokument natürlich nicht. Wir haben aber hier die Erfahrung machen müssen, daß, wenn wir ein Dokument nach dem andern vorlegen, wir immer wieder Erklärungen bekommen, die sorgfältig vorbereitet waren und hier an Hand von Notizen verlesen wurden. Noch nie haben Angeklagte eine bessere Möglichkeit gehabt, ihren Fall vorzubereiten, als diese Angeklagten, und ich bin der Ansicht, daß ihr Kreuzverhör nicht durch die Forderung beeinträchtigt werden soll, daß wir die Dokumente vorher vorzulegen haben.


VORSITZENDER: Wollen Sie etwas sagen?


DR. SIEMERS: Ich darf dazu zweierlei sagen.

1. Ich bin durchaus damit einverstanden, wenn Justice Jackson gern von dem Überraschungsmoment Gebrauch machen will. Ich wäre nur dankbar, wenn der Verteidigung dann auch gestattet wird, mit Überraschungsmomenten zu arbeiten. Uns ist jedoch bisher gesagt worden, daß wir jedes Dokument, das wir vorlegen wollen, wochenlang vorher zeigen müssen, damit die Anklage mehrere Wochen Zeit hat, hierzu Stellung zu nehmen.

2. Wenn mit einem Überraschungsmoment gearbeitet wird, dann, glaube ich, sollte man zum mindesten uns, als den Verteidigern, diese Überraschung auch in dem Augenblick zukommen lassen, in dem Moment, wo man das Dokument dem Gericht und dem Zeugen überreicht. Ich habe aber in diesem Augenblick weder die Dokumente des heutigen Tages, noch die Dokumente der früheren Tage.


[555] VORSITZENDER: Was Sie soeben gesagt haben, trifft überhaupt nicht zu. Sie sind niemals gezwungen worden, Dokumente offenzulegen, die Sie einem Zeugen im Kreuzverhör vorlegen wollten. Es handelt sich hier um ein Kreuzverhör, und es steht deshalb der Anklagebehörde durchaus frei, einem Zeugen irgendein Dokument vorzulegen, ohne es vorher bekanntzugeben, genau so, wie es auch der Verteidigung frei steht, einem von der Anklagebehörde aufgerufenen Zeugen irgendwelche Dokumente beim Kreuzverhör vorzulegen.

Ich bin überzeugt, daß, wenn die Verteidigung den Zeugen über ein derartiges Dokument nochmals vernehmen will, eine Abschrift dieses Dokuments ihm zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt wird.

Das Gericht entscheidet daher, daß dieses Dokument dem Zeugen jetzt vorgelegt werden darf.


DR. SIEMERS: Hat die Verteidigung die Möglichkeit, jetzt, wo es im ganzen Saal bekannt wird, das Dokument auch zu bekommen?


VORSITZENDER: Sicherlich.


DR. SIEMERS: Ich wäre dankbar, wenn ich jetzt ein Exemplar erhielte.


JUSTICE JACKSON: Ich möchte ganz ehrlich sagen, daß ich nicht weiß, ob wir genügend Abschriften haben, um sie allen Verteidigungsanwälten auszuhändigen.


VORSITZENDER: Das mag sein, vielleicht können Sie ihnen aber ein oder mehrere Exemplare zur Verfügung stellen?


JUSTICE JACKSON: Aber ich glaube nicht, daß wir Abschriften aushändigen sollten, bevor das auf dies Dokument bezügliche Verhör beendet ist, das heißt...


VORSITZENDER: Ja, Dr. Dix?


DR. DIX: Ich möchte eine Bitte aussprechen; daß wenigstens die technischen Möglichkeiten – daß wenigstens den Verteidigern derjenigen Defendants, die gerade im Kreuzverhör verhört werden, und zwar gleichzeitig mit dem Gericht, eine Abschrift der Urkunde gegeben wird, die dem Zeugen Defendant vorgelegt wird, damit sie in der Lage sind, genau so wie das Gericht, dem Verhör zu folgen.

Wenn Justice Jackson gesagt hat, daß er meint, daß es richtig wäre, dem Verteidiger dieses Dokument – also in diesem Falle dem Kollegen Stahmer – das Dokument erst zu geben, wenn das Verhör – in diesem Falle von Göring – beendigt ist, so bitte ich dringend, im Interesse der Würde und des Prestiges der Verteidigung, von dieser Anregung auch seitens des Justice Jackson Abstand zu nehmen. Ich glaube, daß nicht gemeint ist, daß insinuiert [556] wird, daß der Verteidiger die Möglichkeit hätte, daß er – im Besitze dieser Urkunde, gleichzeitig mit dem Gerichtshof und gleichzeitig mit dem Zeugen – in die Lage gesetzt wird, etwa durch Zeichen oder sonstwie den Angeklagten zu beeinflussen und damit die cross examination von Justice Jackson beziehungsweise des Prosecutors zu stören. Das zu sagen und zu meinen, hat sicherlich Justice Jackson fern gelegen, aber man könnte daraus die Folgerung ziehen.

Deshalb fasse ich meine Bitte dahin zusammen: Wird in der cross examination zum Zwecke der cross examination, und zwar unter dem Gesichtspunkt des durchaus gerechtfertigten Gesichtspunktes der Überraschung, einem Zeugen ein Dokument vorgelegt, das gleichzeitig dem Gerichtshof vorgelegt wird, so soll zum mindesten im selben Moment der Verteidiger, der in Frage kommende Verteidiger, derjenige, der entweder den Zeugen gerufen hat, oder dessen Angeklagter in der Witnessbox sitzt, auch eine Abschrift dieser Urkunde erhalten, damit er sich überhaupt ein Bild über das machen kann, was dem Zeugen vorgehalten wird; denn Göring konnte eben diese Urkunde lesen; Herr Stahmer konnte sie nicht lesen. Er war also außerstande, zunächst dem nächsten Teil der cross examination von Justice Jackson zu folgen.

Das ist sicherlich nicht gewollt, wäre sicherlich auch nicht billig, und ich darf deshalb Justice Jackson bitten, sich dieser meiner Anregung und meinem Antrag anzuschließen, um so eine Einigkeit zu erzielen, und damit den Gerichtshof der Entscheidung über eine meines Erachtens selbstverständliche Frage zu entheben.


VORSITZENDER: Justice Jackson! Der Gerichtshof neigt zu der Ansicht – der Gerichtshof ist der bestimmten Ansicht, daß Sie vollständig recht haben, und daß, wie ich bereits erwähnt habe, überhaupt keine Notwendigkeit besteht, dem Angeklagten das Dokument zu zeigen, bevor Sie es im Kreuzverhör verwenden. Würden Sie aber etwas dagegen einzuwenden haben, wenn dem Verteidiger des im Kreuzverhör zu vernehmenden Angeklagten eine Abschrift ausgehändigt wird und zwar zu dem Zeitpunkt, zu dem Sie es im Kreuzverhör verwenden?


JUSTICE JACKSON: In manchen Fällen ist das in Anbetracht der Dokumentenlage praktisch unmöglich. Eine große Anzahl dieser Dokumente haben wir sehr spät bekommen. Unsere Vervielfältigungseinrichtungen sind beschränkt.


VORSITZENDER: Ich wollte nicht sagen, daß Sie das Dokument allen geben sollen, sondern nur Dr. Stahmer.


JUSTICE JACKSON: Wenn wir Abschriften haben, so erhebe ich keinen Einspruch dagegen. Wenn wir sie aber nicht in deutscher Sprache haben, – es ist immer sehr schwer für uns, deutsche Exemplare dieser Dokumente zu erhalten...


[557] DR. DIX: Darf ich noch etwas sagen? Wenn es eben nicht in deutsch geht, dann geht es sicherlich in englisch, denn eine englische Kopie wird ja sicherlich vorhanden sein. Im übrigen wird ja, wenn es sich um deutsche Zeugen handelt, wie Göring, wird ja doch die Urkunde in deutscher Sprache vorgelegt; sie ist doch sicherlich dem Zeugen in deutscher Sprache vorgelegt. Ich glaube, das wird bestimmt möglich sein.


[Dr. Siemers tritt an das Rednerpult.]


VORSITZENDER: Wir brauchen wirklich nicht mehr als einen Verteidiger über einen derartigen Punkt zu hören. Der Gerichtshof hat bereits über Ihren Einspruch betreffend eine vorherige Vorlage der Dokumente dahin entschieden, daß Ihr Einspruch abgewiesen wurde.

DR. SIEMERS: Herr Präsident, ich bedauere. Mein Antrag ging dahin, daß die Verteidigung gleichzeitig mit dem Gerichtshof diese Urkunden bekommt. Ich bin nicht der Meinung, wie Herr Dr. Dix, daß nur ein Verteidiger es bekommt. Wenn es sich um ein Protokoll über den Reichsverteidigungsrat handelt, dann ist es ein Protokoll, das mehrere Angeklagte interessiert. Es genügt also nicht ein Exemplar, sondern es muß jeder Verteidiger dieses Exemplar haben. Ich glaube, daß Justice Jackson...


VORSITZENDER: Aber nicht in diesem Augenblick. Es bestehen, wie wir alle wissen, die allergrößten Schwierigkeiten, alle diese Dokumente herbeizuschaffen. Die Anklagebehörde und die Übersetzungsabteilung haben außergewöhnliche Anstrengungen gemacht, um den Angeklagten Dokumente und zwar Dokumente in deutscher Sprache zu liefern. Es ist nicht notwendig, daß alle Verteidiger diese Dokumente zur Zeit der Vernehmung des Zeugen im Kreuzverhör zur Hand haben. Ich bin überzeugt, daß die Anklagebehörde alles tun wird, ihnen diese Dokumente, alle Dokumente, die gebraucht werden, zu geeigneter Zeit zukommen zu lassen.

Nach Ansicht des Gerichtshofs ist es vollkommen ausreichend, wenn die Verteidigung für den ins Kreuzverhör genommenen Zeugen eine Ausfertigung erhält. Wie ich bereits gesagt habe, wird Ihnen die Anklagebehörde zweifellos Abschriften dieser Dokumente zum geeigneten Zeitpunkt zukommen lassen.

Sie erscheinen für den Angeklagten Raeder, und ich fürchte, daß der Angeklagte Raeder, nach dem jetzigen Tempo zu schließen, noch für längere Zeit nicht auf der Zeugenbank erscheinen wird.


DR. SIEMERS: Dies hat zur Folge, daß der Verteidiger, der im Moment nicht daran beteiligt ist, das Kreuzverhör nicht verstehen kann. In der technischen Frage bitte ich den Gerichtshof zu bedenken, daß ich Justice Jackson mit dem technischen Punkt nicht folgen kann. Das Dokument ist vervielfältigt und zwar mit Hilfe [558] einer Matrize. Bei einer Matrizenvervielfältigung ist es vollkommen gleichgültig, ob 20 – 40 – 80 oder 150 Exemplare hergestellt werden. Es macht zeitlich keinen Unterschied, es sei denn, 4 oder 5 Minuten bei einer Vervielfältigung. Ich glaube daher, daß man sich kaum in diesem Falle auf die technische Schwierigkeit berufen kann.


VORSITZENDER: Die Anklagebehörde wird Ihre Erklärung berücksichtigen; der Gerichtshof hat jedoch nicht angeordnet, daß jedes Dokument jedem Verteidiger während des Kreuzverhörs ausgehändigt werden soll.


GÖRING: Ich möchte von dem Dokument noch einmal ausführen, daß es sich hier nicht um eine...


JUSTICE JACKSON: Darf ich ergebenst bitten, daß der Zeuge belehrt wird, Fragen zu beantworten und mit seinen Erklärungen solange zu warten, bis sein Verteidiger ihn befragt; andernfalls kann dieses Kreuzverhör, was die Zeit betrifft, nicht erfolgreich durchgeführt werden.


VORSITZENDER: Ich habe bereits bei verschiedenen Gelegenheiten erklärt, daß es die Pflicht der Angeklagten, wenn sie sich auf der Zeugenbank befinden, und auch der Zeugen ist, Fragen direkt zu beantworten, wenn diese direkt mit Ja oder Nein beantwortet werden können. Wenn sie nachher Erklärungen zu machen haben, so können sie dies tun, aber erst, nachdem sie die Frage direkt beantwortet haben.


JUSTICE JACKSON: Ich verweise Sie auf Punkt 3, unter II »Finanzen«, der wie folgt lautet:

»Sehr kritische Lage der Reichsfinanzen. Abhilfe zunächst durch die der Judenschaft auferlegte Milliarde und durch Reichsgewinne bei Arisierung jüdischer Unternehmungen.«

Finden Sie das im Protokoll?

GÖRING: Das steht drin.

JUSTICE JACKSON: Und das Protokoll ist von Wörmann unterzeichnet, oder nicht?


GÖRING: Nein, das stimmt nicht. Wie bitte? Es steht hier auf der Photokopie Wörmann. Das ist nicht Bormann. Die Bormannsche Unterschrift kenne ich ganz genau, die ist ganz anders.


JUSTICE JACKSON: Ich sagte, Wörmann.

GÖRING: Wörmann, ja.


JUSTICE JACKSON: Gut, meine schlechte Aussprache! Stimmt es nicht, daß Sie einen Arbeitsausschuß im Reichsverteidigungsrat eingerichtet haben, der von Zeit zu Zeit zusammentrat und gewisse Arbeiten durchführte?


[559] GÖRING: Ich habe schon neulich ausgeführt: Das ist der Referentenausschuß.


JUSTICE JACKSON: Ich verweise Sie auf das Beweisstück EC-405, das Protokoll einer Besprechung des Arbeitsausschusses des Reichsverteidigungsrates, 10. Sitzung.


GÖRING: Ich habe vorhin den Herrn Präsidenten so verstanden, daß, wenn ich die Frage beantwortet habe, ich eine Ausführung, die mir notwendig erscheint, dazu machen kann. Nachdem ich nun Ihre Frage bezüglich des ersten Dokuments klar beantwortet habe, darf ich nun meinerseits die Ausführung dahingehend machen, daß ich noch einmal betone, daß es sich hier nicht um eine Sitzung des geschlossenen Reichsverteidigungsrates handelt, sondern um eine generelle Einberufung aller Minister, Staatssekretäre und zahlreicher anderer Personen. Und daß ich meine Ausführungen damit begonnen habe:

I. Organisation des Reichsverteidigungsrates. Der Reichsverteidigungsrat war bereits durch Kabinettsbeschlüsse von 1933 und 1934 ins Leben gerufen, ist aber niemals zusammengetreten. Durch das Reichsverteidigungsgesetz – das neue – vom 4. September 1938 ist er neu gegründet worden. Vorsitzender ist der Führer; der Generalfeldmarschall Göring, ich, war mit seiner ständigen Vertretung beauftragt. Über den Reichsverteidigungsrat, von dem hier vorher die Rede war, bestehend aus dem Generalbevollmächtigten der Wirtschaft, Schacht – besser gesagt aus dem Dreierkollegium, ist hier innen nochmal attestiert, schriftlich, wie ich hier richtig gesagt habe, daß er niemals zusammengetreten ist. Ich bitte jetzt die Frage, die ich vergessen habe, zu diesem zweiten Dokument.


JUSTICE JACKSON: Sie haben ausgesagt, daß die Besetzung des Rheinlandes nicht im vorausgeplant war.


GÖRING: Nur kurz vorher, habe ich betont.


JUSTICE JACKSON: Wie lange vorher?


GÖRING: Soweit ich mich erinnere, höchstens zwei bis drei Wochen.


JUSTICE JACKSON: Ich richte jetzt Ihre Aufmerksamkeit auf das Protokoll der 10. Sitzung des Arbeitsausschusses des Reichsverteidigungsrates, Dokument EC-405, gegen Ende des Dokuments, die Besprechung vom 26. Juni 1935, die wie folgt lautet:


GÖRING: Darf ich bitten, welche Seite? Es ist sehr groß, dies Dokument, und ist mir neu.


JUSTICE JACKSON:... Ich habe nicht genügend Exemplare...


GÖRING: Bitte, welche Seite, sonst müßte ich das ganze Dokument erst durchlesen.


[560] JUSTICE JACKSON: Sehen Sie sich den letzten Abschnitt an:

»Das Niederlegen schriftlicher Anweisungen für Mobilmachungszwecke ist nur soweit zulässig, als es zur reibungslosen Durchführung der für die entmilitarisierte Zone vorgesehenen Maßnahmen unbedingt notwendig ist. Die Aufbewahrung in Panzerschränken muß ausnahmslos gewährleistet sein.«

Finden Sie diese Stelle?

GÖRING: Es handelt sich hier in dem Dokument, das mir vorgelegt ist, um Ausführungen einzelner Persönlichkeiten, die dauernd abwechseln, also ein Zwiegespräch. Ich bitte noch einmal: Der letzte Absatz enthält von dem, was Sie ausgeführt haben, nichts, also es muß hier scheinbar ein Unterschied zwischen dem englischen und dem deutschen Text vorhanden sein. Der letzte Absatz ist hier ganz belanglos. Wo soll ich nachlesen, bitte?

JUSTICE JACKSON: Sie finden dies im drittletzten Abschnitt, wenn mein Dokument das richtige ist. Haben Sie das gleiche Dokument?

GÖRING: Es muß mir gesagt werden, wer da spricht. Denn es sprechen ja hier immer verschiedene Personen.


[Ein Mitglied der Anklagebehörde zeigt dem Zeugen die Stelle im Dokument.]


Jetzt ist es mir gezeigt worden. Unter dem Namen Jodl. Ich muß es erst durchlesen.


JUSTICE JACKSON: Finden Sie es:

»Besondere Behandlung erfordert die entmilitarisierte Zone. Der Führer und Reichskanzler hat in seiner Rede vom 21. Mai 1935 und anderen Erklärungen zum Ausdruck gebracht, daß die Bestimmungen des Versailler Vertrags und des Locarno- Abkommens für die entmilitarisierte Zone beachtet werden.«

Finden Sie das?

GÖRING: Jawohl.

JUSTICE JACKSON: Ja. Finden Sie im nächsten Abschnitt:

»Da zur Zeit außenpolitische Verwicklungen unter allen Umständen vermieden werden müssen, dür fen in der entmilitarisierten Zone nur unabweisbar notwendige Vorarbeiten durchgeführt werden, Die Tatsache solcher Vorarbeiten oder die Absicht hierzu unterliegt sowohl in der Zone selbst wie auch im übrigen Reich strengster Geheimhaltung.«

Finden Sie das?

GÖRING: Jawohl.

[561] JUSTICE JACKSON: Weiterhin können Sie finden:

»Unter diese Vorarbeiten fallen im besonderen« – a) und b) sind für diese Frage ohne Bedeutung – »c) Vorbereitung der Befreiung des Rheins.«

GÖRING: O nein, hier irren Sie sich außerordentlich. Das Originalwort in deutsch, und um das allein handelt es sich hier, ist: »c) Vorbereitung der Freimachung des Rheins.« Es ist eine rein technische Vorbereitung; es hat mit der Befreiung des Rheinlandes nicht das allergeringste zu tun. Hier heißt es zuerst Mobilmachungsmaßnahmen im Transport- und Nachrichtenwesen, dann »c) Vorbereitung der Freimachung des Rheins«, das heißt also, der Rhein darf bei mobilmachungsmäßigen Vorbereitungen nicht mit zuviel Frachtkähnen, Schleppern und so weiter überlastet sein, sondern der Fluß muß frei sein für die militärischen Maßnahmen. Es geht dann weiter unter »d) Vorbereitung des Ortsschutzes« und so weiter. Sie sehen also unter kleinen, ganz allgemeinen, gewöhnlichen, üblichen Mobilmachungsvorbereitungen. Das Wort von der Anklagebehörde »Freimachung des Rheins«...

JUSTICE JACKSON: Mobilisierung, eben!


GÖRING: Das habe ich in meiner Aussage, wenn Sie sich erinnern, deutlich unterstrichen, daß in der entmilitarisierten Zone allgemeine vorbereitende Mobilmachungsvorbereitungen – ich erwähnte dabei noch Pferdeaufkauf und so weiter – getroffen worden sind. Ich wollte nur auf den Irrtum »Freimachung des Rheins« hinweisen, der nichts mit dem Rheinland, sondern nur mit dem Strom zu tun hat.


JUSTICE JACKSON: Nun, dies waren Vorbereitungen für eine bewaffnete Besetzung des Rheinlandes, nicht wahr?


GÖRING: Nein, das ist durchaus falsch; sondern, wenn Deutschland in einen Krieg gekommen wäre, ganz gleichgültig von welcher Seite, nehmen wir an im Osten, so mußten im Gesamtreich Mobilmachungsmaßnahmen zur Sicherheit durchgeführt werden, also auch in diesem Fall in der entmilitarisierten Rheinlandzone; aber nicht zum Zwecke der Besetzung hier... der Befreiung des Rheinlandes.


JUSTICE JACKSON: Sie meinen, diese Vorbereitungen waren nicht militärische Vorbereitungen?


GÖRING: Das waren allgemeine Mobilmachungsvorbereitungen, wie sie jedes Land trifft und nicht zum Zwecke der Besetzung des Rheinlandes.


JUSTICE JACKSON: Aber sie waren solcher Art, daß sie absolut dem Auslande gegenüber geheimgehalten werden mußten.


[562] GÖRING: Ich glaube mich nicht zu erinnern, die Veröffentlichung der Mobilmachungsvorbereitungen der Vereinigten Staaten jemals vorher gelesen zu haben.


JUSTICE JACKSON: Ich möchte den Gerichtshof ergebenst darauf aufmerksam machen, daß dieser Zeuge wenig guten Willen zeigt und es auch während seines ganzen Verhörs nicht getan hat.

Es ist völlig überflüssig, unsere Zeit zu opfern, wenn wir keine richtigen Antworten auf unsere Fragen bekommen. Ich will keine Zeit damit verschwenden, aber ich habe den Eindruck, daß dieser Zeuge auf dem Zeugenstand und auch auf der Anklagebank ein arrogantes und hochmütiges Benehmen dem Gerichtshof gegenüber an den Tag legt, welches ihm einen Prozeß ermöglicht, den er niemals weder einem Lebenden noch einem Toten gestattet hätte.

Ich bitte ergebenst, den Zeugen anzuweisen, daß er sich für seine Erläuterungen Notizen macht, wenn er will, und ihn aufzufordern, auf meine Fragen zu antworten, und sich seine Erläuterungen, die durch sei nen Verteidiger zur Sprache gebracht werden können, aufzusparen.


VORSITZENDER: Ich habe schon einmal die allgemeine Regel dargelegt, die sowohl für diesen wie auch für jeden anderen Zeugen bindend ist.

Es wäre vielleicht besser, wenn wir uns jetzt vertagen würden.


[Das Gericht vertagt sich bis

20. März 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 9, S. 527-564.
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