Vormittagssitzung.

[507] DR. STAHMER: Mit Erlaubnis des Gerichtshofs rufe ich den Zivilingenieur Birger Dahlerus aus Stockholm als Zeugen.


[Der Zeuge betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Wie heißen Sie?

ZEUGE ING. BIRGER DAHLERUS: Birger Dahlerus.


VORSITZENDER: Wollen Sie mir diesen Eid nachsprechen: Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die Wahrheit, die reine Wahrheit, und nichts als die Wahrheit sagen werde, so wahr mir Gott helfe.

Sie können sich hinsetzen, wenn Sie wollen.


[Der Zeuge spricht den Eid nach.]


DR. STAHMER: Herr Dahlerus! Wollen Sie dem Gerichtshof erzählen, wie Sie dazu gekommen sind, sich als Privatmann und Schwede um eine Verständigung zwischen England und Deutschland zu bemühen?

DAHLERUS: Ich kannte England sehr gut, da ich dort 12 Jahre lang gelebt hatte, und ich kannte Deutschland ebenfalls sehr gut. Ich hatte den ersten Weltkrieg von beiden Seiten beobachten können, da ich mich während dieser Zeit sowohl in Deutschland als auch in England aufgehalten habe.

Während eines Besuches in England Ende Juni 1939 bereiste ich eine Anzahl von Städten, Birmingham, Coventry, Manchester und London, und ich fand überall absolute Entschlossenheit darüber vor, daß die britische Bevölkerung keine weiteren Angriffsakte von seiten Deutschlands dulden würde.

Am 2. Juli kam ich mit einigen Freunden im Constitutional Club zusammen. Wir besprachen die gegenwärtige Lage, und sie schilderten die allgemeine öffentliche Meinung Großbritanniens in ziemlich klarer Weise. Da die Zusammenfassung über die allgemeine öffentliche Meinung Großbritanniens die Grundlage meiner späteren Diskussionen mit Göring war, glaube ich, sie hier wiedergeben zu sollen, also einen Umriß der auf Grund der Beobachtung der Zustände in Großbritannien und auf Grund von Unterhaltungen mit Leuten aus dem Volke gezogenen Schlüsse:

  • [507] A. Übereinstimmung, daß Berchtesgaden und Tschechoslowakei das Vertrauen erschüttert haben, und zwar sofort nach Berchtesgaden, ehe die Tschechoslowakei in der Lage war, ebenfalls viele Dinge, die von Deutschland schon entschieden waren, durch Zusammenarbeit zu erreichen.

  • B. Die öffentliche Meinung in Großbritannien ist nunmehr aufs äußerste erbittert. Sie ist entschlossen: bis hierher und nicht weiter.

  • C. Großbritannien hat nunmehr Verpflichtungen, die zur Zeit der Konferenz in Berchtesgaden noch nicht bestanden.

Polen und Danzig: Der Einfall in Danzig bedeutet Krieg mit Polen und Großbritannien.

Großbritannien wird automatisch infolge seiner Verpflichtungen mit einbezogen. Daher automatisch Krieg mit Großbritannien.

  • D. Großbritannien gibt seine Stärke nicht bekannt; diese ist nicht einmal der britischen Öffentlichkeit bekannt.

Dann folgt die zweite Feststellung über die Rede von Lord Halifax:

»Meine Beobachtungen zeigen, daß England absolut hinter seinen Erklärungen steht.«

VORSITZENDER: Einen Augenblick bitte. Leider kommt die russische Übersetzung wiederum mit der französischen zusammen durch; ich glaube, wir müssen eine kurze Pause einschalten.


[Verhandlungspause.]


VORSITZENDER: Bevor der Zeuge mit seinen Aussagen fortfährt, möchte der Gerichtshof erklären, daß die Apparatur, durch die die Kopfhörer mit den Dolmetschern verbunden sind, gestern Abend geprüft worden ist, nachdem der Gerichtshof den Saal verlassen hatte, und nochmals heute früh um 9.30 und um 9.55 Uhr. Jeder einzelne, der den Gerichtssaal betritt, muß sich darüber klar sein, daß es nicht möglich war, die Verbindungskabel zur Sicherung unterirdisch zu verlegen. Aus diesem Grunde ist es äußerst wichtig, daß jedermann, der in den Gerichtssaal kommt, sich die größte Mühe gibt, nicht auf diese Kabel zu treten, da diese durch das Betreten beschädigt werden und oft brechen. So kommen dann die Störungen zustande. Es wird alles getan, um das System in bester Ordnung zu halten. Es ist daher Aufgabe eines jeden einzelnen im Gerichtssaal sich die größte Mühe zu geben, das System in Ordnung zu halten.

DR. STAHMER: Herr Dahlerus, würden Sie bitte jetzt fortfahren!


DAHLERUS: Punkt zwei: Die Rede von Lord Halifax: Persönliche Beobachtungen deuten an, daß England absolut hinter seiner [508] Erklärung steht. Lord Halifax stellt die Lage Englands ungünstig dar, wie es bei den Briten üblich ist, das heißt er gibt den Stand der Stärke Englands als schwächer an, als er wirklich ist. Vielleicht ist man sich dessen in Deutschland nicht vollkommen bewußt.

Punkt drei: England will den Frieden, aber nicht Frieden um jeden Preis. Das deutsche Volk ist den Briten durchaus annehmbar, und es scheint keinen vernünftigen Grund für eine bewaffnete Auseinandersetzung zu geben. Wie das letztemal wird Deutschland mit Bestimmtheit wieder besiegt werden und wird auf dem Weg des Krieges weitaus weniger erreichen als durch friedliche Verhandlungsmethoden. England und seine Freunde werden ebenfalls schwer zu leiden haben, möglicherweise führt das das Ende der Zivilisation herbei.

Nachdem ich beobachtet hatte, daß man im Dritten Reiche nicht geneigt war, unangenehme Berichte weiterzugeben, hielt ich es sowohl für meine Pflicht als auch sehr wertvoll, wenn diese deutlichen britischen Meinungsäußerungen den höchsten deutschen Stellen mitgeteilt würden.


DR. STAHMER: Herr Dahlerus, eine Zwischenfrage: handelte es sich bei Ihren Freunden um Mitglieder des britischen Parlaments?

DAHLERUS: Nein, es waren Leute aus der Geschäftswelt und, wenn der Gerichtshof es wünscht, kann ich eine Namensliste vorlegen.


DR. STAHMER: Wie hießen diese Männer?


DAHLERUS: Darf ich mir die Zeit sparen und dem Gerichtshof eine Namensliste vorlegen?


VORSITZENDER: Die Namen sind nicht von großer Wichtigkeit wenn es sich um Geschäftsleute handelt.


DAHLERUS: Nachdem ich mich mit meinen Freunden über die Ratsamkeit einer Reise nach Deutschland geeinigt hatte, reiste ich ab und bekam eine Audienz bei Göring für den 6. Juli, 4.00 Uhr nachmittags, in Karinhall.

Ich gab ihm bekannt, was ich in England beobachtet hatte, und betonte sehr stark die Notwendigkeit, daß alles unternommen werden müßte, um die Möglichkeit eines Krieges zu vermeiden. Göring drückte Zweifel dahingehend aus, ob diese Bemerkungen nicht vielleicht ein Versuch der Engländer seien, zu bluffen. Er äußerte außerdem, daß er der Ansicht sei, daß England die Entwicklung auf dem Kontinent kontrollieren wolle.

Ich erklärte ihm, daß ich nicht wünschte, daß er meine Erklärungen, also Erklärungen eines Neutralen akzeptiere, sondern ich schlug ihm vor, man solle eine Zusammenkunft arrangieren, bei der er und einige andere deutsche Regierungsmitglieder die Gelegenheit hätten, mit [509] Engländern zusammenzukommen, die mit den Zuständen absolut vertraut seien. Ich schlug vor, daß ein derartiges Zusammenkommen vorteilhafterweise in Schweden stattfinden könnte, möglicherweise auf Grund einer Einladung seitens des Schwedischen Königs oder der Schwedischen Regierung.

Am 8. Juli erhielt ich von Göring die Antwort, daß Hitler mit diesem Plane einverstanden sei, und ich reiste daraufhin nach Schweden ab, um festzustellen, ob es möglich sein würde, ein derartiges Arrangement in Schweden zu treffen.

Die Schwedische Regierung hielt es aus bestimmten Gründen nicht für ratsam, daß der Schwedische König oder die Schwedische Regierung eine derartige Einladung erteile, jedoch hatte sie nichts dagegen, wenn Privatpersonen eine derartige Zusammenkunft arrangierten.

Graf Trola Wachmeester stellte sein Schloß in Trola Beelda für solch eine Zusammenkunft gerne zur Verfügung. Am 19. Juli reiste ich daraufhin nach London ab, um die Vorbereitungen zu beginnen.


VORSITZENDER: Herr Dr. Stahmer! Können Sie nicht den Zeugen veranlassen, zu den eigentlichen Verhandlungen zu kommen. Diese einleitenden Erzählungen scheinen dem Gerichtshof nicht wichtig zu sein. Bringen Sie ihn zu den tatsächlichen Verhandlungen.


DR. STAHMER: Jawohl, er wird jetzt gleich auf die Besprechung, die Vorbesprechung, die am 7. August in Sönke-Nissen-Koog stattfand, kommen.

Zeuge, wollen Sie uns über die Zusammenkunft erzählen. Sie wollten gerade berichten, daß Sie am 19. Juli nach London geflogen und dort am 20. mit Lord Halifax zusammengetroffen sind?


DAHLERUS: Ja.


DR. STAHMER: Ich halte diesen Bericht für sehr wesentlich; würden Sie darüber dem Gerichtshof erzählen, welchen Inhalt diese Besprechung mit Lord Halifax hatte?


DAHLERUS: Ich traf Lord Halifax am 20. Juli; er betonte, daß er nicht den Wunsch habe, daß irgendwelche englische Regierungsmitglieder oder Parlamentarier teilnehmen sollten. Die Englische Regierung würde jedoch mit größtem Interesse dem Ergebnis der Zusammenkunft entgegensehen. Die Zusammenkunft fand statt in Sönke-Nissen-Koog in Schleswig-Holstein, in der Nähe der dänischen Grenze. Das Haus gehört meiner Frau. Sieben Engländer, Göring, Bodenschatz und Dr. Schöttl waren anwesend.


DR. STAHMER: An welchem Tage?

DAHLERUS: Es war am 7. August, und die Besprechung begann um 10.00 Uhr. Sie begann damit, daß Göring die Engländer ersuchte, [510] ihm irgendwelche Fragen, die sie wünschten, vorzulegen. Anschließend fand eine lange Diskussion über politische Entwicklungen statt, insbesondere mit Bezug auf die Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland. Schließlich kam man auf beiden Seiten zu der Münchener Frage und den darauffolgenden Ereignissen. Die englischen Vertreter betonten, daß die Aggressionspolitik innerhalb Europas aufhören müßte; und dann wurde die Frage des Korridors und Danzigs erörtert.

Die anwesenden Engländer ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, daß, falls Deutschland mit Gewalt versuchen würde, fremdes Gebiet zu besetzen, das Britische Empire auf Grund seiner Verpflichtungen Polen gegenüber Polen beistehen würde.

Göring erklärte, auf sein Ehrenwort als Staatsmann und als Soldat, daß, obwohl er die stärkste Luftflotte der Welt befehlige und versucht sein könnte, diese Luftflotte in den Kampf zu führen, er alles tun würde, was in seiner Macht stünde, um einen Krieg zu verhindern.

Das Ergebnis der Zusammenkunft war, daß alle Anwesenden sich darüber einigten, daß es von größtem Wert sein würde, wenn so bald wie möglich durch englische und deutsche Bevollmächtigte eine Zusammenkunft arrangiert werden könnte. Die Konferenz endete spät am Abend, und am nächsten Morgen schlugen die englischen Delegierten vor, daß solch eine Konferenz auf vier Nationen ausgedehnt werden solle: Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland. Ich reiste nach Sylt, wo sich Göring aufhielt, und er war im Namen Deutschlands bereit, diesem modifizierten Vorschlag zuzustimmen.


DR. STAHMER: Waren an dieser Besprechung englische Parlamentsmitglieder beteiligt?


DAHLERUS: Nein, nur englische Geschäftsleute.


DR. STAHMER: Wurde über diesen Besuch ein eingehender Bericht an Lord Halifax gegeben?


DAHLERUS: Die englischen Beteiligten reisten früh am 9. August von Deutschland ab und unterbreiteten sofort nach ihrer Rückkehr dem Foreign Office einen Bericht.


DR. STAHMER: Ist es zu dieser Zusammenkunft dann gekommen, die in Aussicht genommen war, oder wie haben sich die Ereignisse weiter abgespielt?


DAHLERUS: Ich erhielt eine Bestätigung von Göring persönlich, daß Hitler mit einer solchen Konferenz einverstanden sei. Die Sache wurde sodann in London besprochen, und am 19. August erreichte mich eine Aufforderung, nach Paris zu reisen, anscheinend um von britischer Seite eine Antwort zu bekommen. Bevor ich abreiste, und [511] zwar am 21. August, erfuhr ich, daß zwischen Rußland und Deutschland ein Handelsabkommen abgeschlossen worden sei. Am nächsten Tag wurde dies zu einem Abkommen über andere politische Fragen erweitert. Am 23. August wurde ich telephonisch von Göring, der mich früh um 10.30 Uhr anrief, gebeten, falls möglich sofort nach Berlin zu kommen.


DR. STAHMER: Wies er auf die Bedrohlichkeit der Lage bei diesem Gespräch hin?


DAHLERUS: Ja, Göring erklärte, daß die Lage in der Zwischenzeit sehr ernst geworden sei.


DR. STAHMER: Wann trafen Sie dann mit Göring zusammen?


DAHLERUS: Ich kam am 24. in Berlin an und kam um 2.00 Uhr nachmittags mit Göring zusammen.


DR. STAHMER: Welchen Inhalt hatte Ihre Besprechung?


DAHLERUS: Er sagte mir, daß die Lage sehr ernst geworden sei, und zwar infolge der Tatsache, daß eine Einigung zwischen Polen und Deutschland nicht zu stande gekommen sei. Er fragte mich, ob ich nicht nach London reisen und dort die Lage erklären könnte.


DR. STAHMER: Sollten Sie dort insbesondere darauf hinweisen, daß Deutschland bereit sei, mit England zu einer Verständigung zu kommen?


DAHLERUS: Ja. Göring erklärte, daß Deutschland den Wunsch hätte, sich mit England zu verständigen.


DR. STAHMER: Wann reisten Sie dann nach London ab?


DAHLERUS: Am nächsten Morgen, am 25., einem Freitag.


DR. STAHMER: Geschah diese Fahrt im Einverständnis mit Hitler?


DAHLERUS: Das kann ich nicht sagen.


DR. STAHMER: Mit wem hatten Sie dann eine Besprechung in London am 25. abends?


DAHLERUS: Die wichtige Zusammenkunft fand am späten Nachmittag um 6.30 Uhr mit Lord Halifax statt.


DR. STAHMER: Was erzählte Ihnen Halifax bei dieser Gelegenheit?


DAHLERUS: Er teilte mir mit, daß am gleichen Tage Henderson mit Hitler gesprochen habe, und daß Henderson am Samstag, den 26., in London erwartet würde. Er gab dabei der Hoffnung Ausdruck, daß, da ja nun die offizielle Verbindung hergestellt sei, eine Einigung durchaus möglich sein dürfte. Er dankte mir für meine Bemühungen und versicherte mir, daß er nicht glaube, daß meine Dienste weiter benötigt würden.


[512] DR. STAHMER: Haben Sie an demselben Abend dann noch ein Ferngespräch mit Göring geführt?


DAHLERUS: Ja.


DR. STAHMER: Mit welchem Inhalt?


DAHLERUS: Um 8.00 Uhr abends versuchte ich ihn telephonisch zu erreichen: aber erst nach Unterstützung seitens des Foreign Office war es mir möglich, die Verbindung zu bekommen. Göring eröffnete mir sodann, daß die Lage überaus ernst geworden sei, und bat mich, doch alles, was in meiner Macht stünde, zu tun, um eine Konferenz zwischen den Vertretern Englands und Deutschlands herbeizuführen.


DR. STAHMER: Haben Sie von diesem Gespräch Lord Halifax in Kenntnis gesetzt?


DAHLERUS: Ja, Herr Roberts vom Foreign Office erhielt sofort den genauen Wortlaut unserer Unterhaltung, und schon vor Mitternacht hatte Lord Halifax den Bericht in der Hand.


DR. STAHMER: Haben Sie dann am nächsten Morgen, also am Sonnabend, den 26. August, eine erneute Besprechung mit Lord Halifax gehabt? Welchen Inhalt hatte diese Besprechung?


DAHLERUS: Ich kam am Samstag, den 26., um 11.00 Uhr mit Lord Halifax zusammen. Ich eröffnete ihm, ich hätte erfahren, daß die Deutsche Regierung anstrebe, in aller Eile eine Entscheidung herbeizuführen; ich betonte die Wichtigkeit eines solchen Versuches, um ihm klar zu machen, daß es in einer derartig ernsten Lage notwendig sei, mit größtem Verantwortungsbewußtsein und größter Sorgfalt vorzugehen. Ich bat ihn, er möge doch der Deutschen Regierung gegenüber betonen, daß die Britische Regierung eine Verständigung wünsche.


DR. STAHMER: Ist von irgendeiner Seite erklärt worden, daß Göring der einzige Mann auf deutscher Seite sei, der den Krieg verhindern könnte?


DAHLERUS: Nun, ich persönlich hatte den Eindruck, daß Göring das Mitglied der Deutschen Regierung war, das am wahrscheinlichsten auf einen Frieden hinarbeiten würde. Ich hatte diesen Eindruck auf Grund der Unterredungen, die ich mit ihm führte.


DR. STAHMER: Welchen Vorschlag machten Sie dann Lord Halifax?


DAHLERUS: Ich schlug Lord Halifax vor, er solle doch ein Schreiben an Göring richten. Ich würde sofort nach Berlin reisen und es ihm persönlich überreichen.


DR. STAHMER: Ist Ihrem Vorschlag entsprochen worden?


[513] DAHLERUS: Jawohl, Lord Halifax beriet sich mit Chamberlain und schrieb sodann einen ausgezeichneten Brief, in dem er in sehr deutlicher und klarer Sprache darauf hinwies, daß die Regierung Seiner Majestät den Wunsch hätte, eine friedliche Lösung herbeizuführen.


DR. STAHMER: Sind Sie dann mit diesem Brief nach Berlin zurückgeflogen?


DAHLERUS: Jawohl, ich kam abends in Berlin an und traf Göring etwa um 10.00 Uhr abends.


DR. STAHMER: Schildern Sie dem Gerichtshof den Inhalt dieser Unterredung, die Sie aus Anlaß Ihres Besuches bei Halifax gehabt haben.


DAHLERUS: Ich kam mit Göring in seinem Eisenbahnzug zusammen, der auf dem Weg nach dem Hauptquartier war. Ich erklärte ihm, wie es in London aussehe und betonte, daß kein Zweifel darüber bestehe, daß, falls die Deutsche Regierung gegen Danzig vorginge, sie sich sofort mit England im Kriegszustand befinden würde, daß ich jedoch überzeugt sei, daß die Deutsche Regierung bereit sei, alles zu tun, was in ihrer Macht stünde, um die Krisis abzuwenden. Nachdem ich ihm diese Erklärung gegeben hatte, überreichte ich ihm auch das Schreiben. Er riß es auf, und nachdem er es gelesen hatte, legte er es vor mich und bat mich, es genau zu übersetzen, da es von größter Wichtigkeit sei, daß der Inhalt genau verstanden würde. Er ließ sofort seinen Adjutanten kommen, ließ den Zug an der nächsten Station anhalten und gab die Erklärung ab, er hätte den Eindruck, Hitler müßte sofort von dem Inhalt dieses Briefes unterrichtet werden. Ich folgte ihm in einem Auto nach Berlin, und genau um 12.00 Uhr nachts kamen wir bei der Reichskanzlei an. Göring ging sofort hinein, um Hitler zu sprechen, und ich ging in mein Hotel.


DR. STAHMER: Das war also am 27. August, in der Nacht, nicht wahr? Oder am Morgen, am frühen Morgen des 27. August?


DAHLERUS: Jawohl.


DR. STAHMER: Haben Sie dann noch mit Hitler eine Unterredung gehabt?


DAHLERUS: Ich erhielt um 12.15 Uhr Mitternacht den Besuch von zwei Offizieren, die mich ersuchten, sofort zu Hitler zu kommen. Sofort nach meinem Eintreffen wurde ich von ihm empfangen; er war allein mit Göring.


DR. STAHMER: Schildern Sie diese Unterredung doch etwas ausführlicher.


DAHLERUS: Hitler fing an, in seiner üblichen Art und Weise mir des längeren die deutsche Politik zu erklären. Das dauerte [514] ungefähr 20 Minuten und ich glaubte, daß mein Besuch sich als zwecklos erweisen würde. Als er über die Engländer und England schimpfte, unterbrach ich ihn und erklärte ihm, daß ich als Arbeiter, als Ingenieur und als Leiter industrieller Unternehmungen in Großbritannien gearbeitet hätte, daß ich die englische Bevölkerung gut kenne, und daß ich mit seinen Erklärungen nicht übereinstimmen könne. Die Folge davon war eine lange Diskussion; er stellte viele Fragen über England und über das englische Volk. Daraufhin fing er an, mir zu erklären, wie gut die deutschen Streitkräfte ausgerüstet seien. Dann schien er sehr aufgeregt, lief im Zimmer auf und ab und zum Schluß geriet er in einen sehr erregten Zustand und eröffnete mir, daß, wenn es zu einem Krieg käme, er U-Boote, U-Boote, und noch mehr U-Boote bauen würde. Er schien so zu sprechen, als ob er sich gar nicht bewußt sei, daß noch jemand im Zimmer war. Nach einer Weile schrie er, daß er Flugzeuge, Flugzeuge und noch mehr Flugzeuge bauen werde, und daß er den Krieg gewinnen werde. Nach einer Weile beruhigte er sich wieder und redete wieder über England und sagte: »Herr Dahlerus, sagen Sie mir bitte, warum ich nicht mit der Englischen Regierung zu einem Übereinkommen habe kommen können. Sie scheinen doch England so gut zu kennen, vielleicht können Sie mir das Rätsel lösen?« Ich zögerte zuerst, dann sagte ich ihm aber, da ich das englische Volk sehr gut kenne, wäre ich persönlich der Ansicht, daß das mangelnde Vertrauen des englischen Volkes ihm und seiner Regierung gegenüber der Grund sei.

Die Unterhaltung ging weiter; er gab mir einen langen Bericht seiner Besprechungen am Freitag mit Henderson, und zum Schluß bat er mich, sofort nach London abzureisen und seinen Standpunkt dort klarzulegen. Ich weigerte mich natürlich und sagte ihm, daß ich nicht als Delegierter des Deutschen Reiches dorthin reisen könnte. Falls jedoch die Britische Regierung den Wunsch ausdrückte, daß ich kommen solle, wäre ich selbstverständlich bereit, das zu tun. Voraussetzung wäre jedoch, daß ich genau wissen müßte, welche Bedingungen und Vorschläge er zu machen hätte. Wir verbrachten eineinhalb Stunden, während welcher er die verschiedenen Punkte noch eingehender erklärte, als er es Henderson gegenüber hatte tun können.


DR. STAHMER: Welche Vorschläge sollten Sie im einzelnen unterbreiten?


DAHLERUS: In zusammengefaßter Form waren es folgende:

Erstens: Deutschland wünschte ein Abkommen oder ein Bündnis mit England.

Zweitens: England sollte Deutschland bei der Annektion von Danzig und dem Korridor behilflich sein.

[515] Drittens: Deutschland gäbe die Versicherung ab, daß es Polens Grenzen garantieren würde.

Viertens: Ein Abkommen über Deutschlands Kolonien sollte vereinbart werden.

Fünftens: Ausreichende Garantien sollten für die Behandlung der deutschen Minoritäten gegeben werden.

Sechstens: Deutschland gäbe die Versicherung, das Britische Empire mit der Deutschen Wehrmacht zu verteidigen, wo immer es auch angegriffen werden sollte.


DR. STAHMER: Herr Dahlerus, zu Punkt zwei: War da nicht Polen ein Freihafen in Danzig zugesichert worden? Wenn Sie dazu noch etwas sagen wollen, welche Zusicherung Polen erhalten sollte. Das war der Punkt zwei.


DAHLERUS: Ja, dies ist ja nur eine zusammengefaßte Form. Diese Vorschläge waren natürlich weitreichender.


DR. STAHMER: Ist es richtig, daß Polen nach den Vorschlägen einen Freihafen in Danzig erhalten sollte, daß es einen Korridor nach Gdingen erhalten sollte?


DAHLERUS: Das hat Hitler gesagt.


DR. STAHMER: Ja, danke sehr. Welchen weiteren Verlauf nahm die Unterredung?


DAHLERUS: Ich flog am nächsten Morgen in einem Spezialflugzeug ab, nachdem ich mich vorher mit London in Verbindung gesetzt hatte. Ich traf mit Herrn Chamberlain, Lord Halifax, Sir Horace Wilson und Sir Alexander Cadogan zusammen.


DR. STAHMER: Das war also am 27. August, nicht wahr?


DAHLERUS: Am 27. August, ja.


DR. STAHMER: Danke.


DAHLERUS: Und zwar in der Downing Street 10.


DR. STAHMER: Welchen Inhalt hatte diese Besprechung mit Lord Halifax und Chamberlain?


DAHLERUS: Wir sprachen in allen Einzelheiten über die überbrachten Vorschläge. In gewissen Punkten, wie sich aus dem britischen Blaubuch ergibt, waren diese Vorschläge nicht dieselben, die Henderson vorgelegt worden waren. Aus diesem Grunde schlug ich der Britischen Regierung vor, mir, falls sie mir als Mittelsmann ihr volles Vertrauen schenken würde, zu erklären, wie weit sie die Vorschläge annehmen könne und wie weit nicht. Ich wollte dann am gleichen Tage nach Berlin zurückkehren und dann die englischen Ansichten mit Hitler und Göring besprechen. Sie sollten Henderson bis Montag in London zurückhalten, so daß die Antwort gegeben [516] werden könnte, nachdem sie erfahren hätten, wie Hitler den englischen Standpunkt beurteilte.


DR. STAHMER: Haben Sie an diesem Tage auch noch eine Besprechung mit Sir Alexander Cadogan gehabt?


DAHLERUS: Nach der Besprechung mit den Regierungsmitgliedern, die ich schon erwähnt habe, unterhielt ich mich lange Zeit mit Cadogan.


DR. STAHMER: Haben Sie von diesem bestimmte Vorschläge bekommen?

DAHLERUS: Jawohl.


DR. STAHMER: Wie lauteten die?


DAHLERUS: Ich muß sagen, daß die Engländer sich die größte Mühe gaben, in fairer und friedlicher Weise die verschiedenen Punkte zu behandeln. Natürlich, Punkt sechs: das Angebot, das Britische Empire zu verteidigen, wurde zurückgewiesen. Gleichfalls wollten sie sich auch über die Kolonien in keine Besprechung einlassen, bevor Deutschland nicht demobilisiert sei. Mit Bezug auf die polnischen Grenzen wünschten sie, daß diese Grenzen garantiert würden von den fünf Großmächten: Rußland, Deutschland, England, Frankreich und Italien.

Was den Korridor betrifft, so machten sie den Vorschlag, sofortige Verhandlungen mit Polen aufzunehmen.

Bezüglich des ersten Punktes war England grundsätzlich damit einverstanden, zu einer Einigung mit Deutschland zu kommen.


DR. STAHMER: Sind Sie mit diesen Vorschlägen dann nach Deutschland zurückgekehrt?


DAHLERUS: Jawohl. Nachdem ich mit Berlin telephoniert hatte; da die Englische Regierung versprochen hatte, Henderson noch am selben Tage zurückzuschicken, ließ ich mir von Berlin bestätigen, daß sie damit einverstanden seien, daß Henderson erst am Montag zurückkomme. Ich flog am selben Abend noch ab und war kurz vor Mitternacht wieder in Berlin.


DR. STAHMER: Hatten Sie dort eine Besprechung mit Göring?


DAHLERUS: Ich kam ungefähr um 11.30 Uhr am Sonntagabend mit Göring zusammen und teilte ihm die Resultate mit.


DR. STAHMER: Können Sie das Gespräch noch etwas näher schildern?


DAHLERUS: Er hielt die Antwort nicht für sehr günstig. Ich erklärte ihm jedoch, daß er angesichts der Vorgänge der letzten Jahre kaum erwarten könne, daß die Engländer sich mit einer Garantie der polnischen Grenzen durch Deutschland allein zufrieden geben werden. Was die Kolonialfrage anging, ließ ich ihn nicht im [517] Zweifel darüber, daß irgendeine Britische Regierung, die diesen Punkt im Parlament durchdrücken wollte, solange Deutschlands Truppen mobilisiert wären, sofort gestürzt werden würde.

Mit Bezug auf den sechsten Punkt versuchte ich ihm klarzumachen, daß England oder das Britische Empire es vorzögen, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu besorgen.

Zum Schluß sagte er dann, es wäre wohl besser, wenn er allein mit Hitler spreche. Er fuhr sofort in die Reichskanzlei und ich in mein Hotel. Etwa um 1.00 Uhr, Montag früh, den 28., wurde ich telephonisch angerufen und hörte, daß Hitler den englischen Standpunkt angenommen habe, vorausgesetzt, daß die am nächsten Tag zu erwartende Antwort von Henderson im großen und ganzen das gleiche enthielte, wie das, was ich gesagt hatte.


DR. STAHMER: Sind Sie dann noch in der gleichen Nacht zur Britischen Botschaft gegangen?


DAHLERUS: Jawohl, ich begab mich sofort zur Englischen Botschaft und erstattete Sir George Ogilvy Forbes Bericht über das Ergebnis meiner Unterhaltung mit Göring, und dieser kabelte sofort nach London.


DR. STAHMER: Haben Sie Göring von dem Inhalt dieser Besprechung, die Sie mit Forbes gehabt haben, Mitteilung gemacht?


DAHLERUS: Natürlich habe ich ganz offen gehandelt und habe Göring aus diesem Grunde erklärt, was ich vorhatte. Die Deutsche Regierung wußte genau, daß ich mit Forbes diese Unterhaltung haben würde.


DR. STAHMER: Wann haben Sie Göring dann wieder getroffen?

DAHLERUS: Ich kam am Montag, den 28., morgens in seinem Hauptquartier wieder mit ihm zusammen.


DR. STAHMER: Nun, es war inzwischen Dienstag Morgen geworden, glaube ich, Dienstag Morgen?


DAHLERUS: Nein, Montag Morgen. Es war Montag Morgen, den 28.


DR. STAHMER: Welchen Inhalt hatte diese Besprechung mit Göring?


DAHLERUS: Im allgemeinen sprachen wir über die Lage. Erschien damit zufrieden zu sein, daß Forbes nach London gekabelt hatte.


DR. STAHMER: Haben Sie dann wiederum Forbes aufgesucht?


DAHLERUS: Jawohl, ich bin später mit Forbes zusammengekommen. Aber das war nicht mehr von Bedeutung.


DR. STAHMER: Und Sie trafen dann erneut mit Göring zusammen am Dienstag, nicht wahr, am Dienstag Morgen?


[518] DAHLERUS: Nun, das wichtigste Ereignis war, daß ich am Dienstag früh oder, das heißt kurz nach Mitternacht, 1.15 Uhr, am 29. von der Reichskanzlei auf Wunsch Görings telephonisch abgerufen wurde, und zwar von Oberstleutnant Konrad. Er sagte nur, Henderson hätte seine Antwort schriftlich überbracht, und diese wäre höchst zufriedenstellend; und es bestand die große Hoffnung, daß die Kriegsgefahr vorüber sei.

Ich kam dann wieder mit Göring zusammen, und er sagte mir, daß er höchst erfreut sei, daß die Angelegenheit sich so gut entwickelt habe.


DR. STAHMER: Hat er nicht eine Äußerung des Inhalts getan:

»Wir werden Frieden haben, der Friede ist gesichert«?

DAHLERUS: Jawohl, er hat so etwas Ähnliches gesagt.

DR. STAHMER: Sie sind dann im Laufe des 29. August nochmals von Göring angerufen worden, nicht wahr, aus welcher Veranlassung?


DAHLERUS: Ich war spät abends in meinem Hotel, ungefähr um 10.30 Uhr. Forbes rief mich an und sagte mir, er müsse mich sofort sprechen. Er besuchte mich in meinem Hotel und erklärte mir, daß Henderson und Hitler Dienstag Abend eine Zusammenkunft gehabt hätten, welche sehr unzufriedenstellend verlaufen sei. Sie seien nach einem heftigen Streite auseinandergegangen. Er fragte mich, was ich unter diesen Umständen vorschlagen könnte.

Während unserer Unterhaltung wurde ich von Göring telephonisch erreicht, und dieser bat mich, sofort in seine Wohnung zu kommen. Er erzählte mir genau das gleiche und schien sehr erregt über die Entwicklung zu sein. Er zeigte mir die deutsche Antwort auf die britische Note und ging sie Punkt für Punkt durch. Er versuchte, mir die Gründe für den Inhalt dieser Note zu erklären. Zum Schluß sagte er mir, ich sollte doch sofort wieder nach London zurückreisen und mir die größte Mühe geben, der Britischen Regierung diesen unglückseligen Zwischenfall zu erklären. Zum Schluß sagte er noch, daß Hitler viel zu tun hätte, und daß er einen Vorschlag für Polen ausarbeite, der wohl am nächsten Tag fertiggestellt sein dürfte.

Nach einer Besprechung mit Sir Kingsley Wood, dem Luftfahrtminister, über einen erneuten Besuch in England, flog ich am Mittwoch früh, um 5.00 Uhr morgens, wieder ab. Sofort nach meiner Landung in London kam ich mit den gleichen Mitgliedern der Britischen Regierung zusammen.


DR. STAHMER: Mit wem traten Sie dort zusammen? Wer waren die?


DAHLERUS: Die gleichen Persönlichkeiten, Herr Chamberlain, Lord Halifax, Sir Horace Wilson, Sir Alexander Cadogan.


[519] DR. STAHMER: Welchen Inhalt hatte diese Besprechung?

DAHLERUS: Es war offensichtlich, daß nunmehr die Britische Regierung höchst mißtrauisch geworden war und eher geneigt war, anzunehmen, daß, welche Anstrengungen sie auch unternehmen würde, Hitler nichts mehr von der Kriegserklärung an Polen abhalten würde. Die Britische Regierung gab sich die größte Mühe. Sie drückte durch ihren Botschafter in Warschau den Wunsch aus, daß die Polnische Regierung sich die größte Mühe geben sollte, irgendwelche Grenzzwischenfälle zu vermeiden. Sie erklärte mir gleichzeitig, daß es kaum fair sei, von der Polnischen Regierung zu erwarten, daß diese Delegierte zu Verhandlungen nach Berlin schicken würde, nachdem man wisse, wie es anderen Ländern in letzter Zeit ergangen sei, als sie zu ähnlichen Zwecken in Berlin gewesen wären.

Ich telephonierte mit Berlin, ließ mich mit Göring verbinden, um ihn zu überreden, eine Zusammenkunft von Delegierten außerhalb Deutschlands zu arrangieren. Er sagte jedoch lediglich, das ist unmöglich, Hitler sei in Berlin und das Treffen müsse in Berlin stattfinden. Man sagte auch, daß Polen Vorschläge gemacht worden seien, und daß die Mitglieder der Britischen Regierung diese Vorschläge mit größtem Mißtrauen betrachteten. Die gesamte Polnische Regierung würde am Nachmittag zusammentreten und das Ergebnis dieser Sitzung nach Berlin kabeln. Inzwischen reiste ich nach Berlin zurück.


DR. STAHMER: Wann trafen Sie dort Göring?


DAHLERUS: Ich traf Göring...


VORSITZENDER: Können Sie das nicht ein wenig abkürzen, Dr. Stahmer?


DR. STAHMER: Ich glaube, die Darstellung ist schon, da es sich um das wesentliche Kriegsgeschehen handelt, sehr kurz gefaßt. Ich glaube aber, daß wir die Zeit des Gerichtshofs nicht mehr allzu lange in Anspruch nehmen werden.


VORSITZENDER: Herr Dahlerus! Der Gerichtshof wünscht, daß Sie so schnell wie möglich zu den wesentlichen Punkten übergehen.


DAHLERUS: Ich traf Göring kurz nach Mitternacht am Mittwoch, und er sagte mir, welcher Art die an Polen gerichteten Vorschläge gewesen seien. Er zeigte mir die Note. Ich rief Forbes an, um ihm das mitzuteilen. Er sagte mir daraufhin, daß Ribbentrop sich geweigert hätte, die Note auszuhändigen, nachdem er sie in größter Schnelligkeit heruntergelesen hatte. Ich ging sofort zu Göring und sagte ihm, daß es unmöglich sei; daß man den Botschafter eines Weltreiches, wie des britischen, nicht derartig behandeln könnte. Ich schlug ihm daraufhin vor, mir zu erlauben, Forbes anzurufen und Forbes den Inhalt der Note über das Telephon [520] mitteilen zu dürfen. Das tat ich ungefähr um 1.00 Uhr morgens am Donnerstag.


DR. STAHMER: Betonte Göring nicht, daß er damit eine große Verantwortung übernähme, daß er Ihnen diese Erlaubnis gäbe?


DAHLERUS: Jawohl, Göring betonte, daß er dies auf eigene Verantwortung hin tue.


DR. STAHMER: Sind Sie dann am nächsten Morgen zu der Britischen Botschaft gegangen, um sich zu überzeugen, ob Ihre telephonische Übermittlung richtig verstanden worden war?


DAHLERUS: Jawohl, ich traf Henderson am Donnerstag Morgen, den 31., um 10.00 Uhr, sprach mit ihm über die Note, und er bat mich daraufhin, sofort zu dem Polnischen Botschafter Herrn Lipski zu fahren, um ihm eine Abschrift zu geben.


DR. STAHMER: Ist das geschehen?


DAHLERUS: Er schickte Forbes mit mir zu Lipski, und ich las Lipski die Note vor; doch er schien ihren Inhalt nicht zu verstehen. Ich verließ deshalb das Zimmer, diktierte eine Note an den Sekretär und überreichte sie ihm. In der Zwischenzeit erklärte Lipski Forbes gegenüber, daß er nicht daran interessiert wäre, über diese Note mit der Deutschen Regierung zu diskutieren.


DR. STAHMER: Würden Sie mir den Wortlaut möglichst genau wiedergeben? Er scheint mir besonders wichtig.


DAHLERUS: Er sagte, daß er keinen Grund habe, mit der Deutschen Regierung zu verhandeln. Wenn es zu einem Krieg zwischen Polen und Deutschland käme, so wüßte er, da er fünfeinhalb Jahre in Deutschland gelebt habe, daß eine Revolution in Deutschland ausbrechen, und daß sie auf Berlin marschieren würden.


DR. STAHMER: Haben Sie dann Ihr Gespräch nach London telephonisch mitgeteilt?


DAHLERUS: Ich habe sofort von der Britischen Botschaft aus angerufen und Sir Horace Wilson von der Unterredung, die wir gehabt hatten, unterrichtet.


DR. STAHMER: Hat dann am Nachmittag noch eine Besprechung bei Göring stattgefunden?


DAHLERUS: Ich sah Göring um 1.00 Uhr nachmittags. Er erhielt damals die Kopie des Telegramms von der Polnischen Regierung an Lipski des Inhalts, daß Lipski nicht ohne besondere Anweisung von Warschau aus mit der Deutschen Regierung verhandeln dürfe. Es lag auf der Hand, daß die Polen unter den obwaltenden Umständen Angst hatten, etwas zu unternehmen. Die Deutsche Regierung war jedoch über dieses Telegramm sehr ungehalten.


DR. STAHMER: Sind Sie am Nachmittag nochmal bei Göring mit dem Britischen Botschafter zusammengetroffen?


[521] DAHLERUS: Die Lage schien schon unmöglich geworden zu sein. Hitler hatte sich mit Henderson gestritten. Ribbentrop hatte mit ihm Streit gehabt, und ich war der Ansicht, daß die einzige Möglichkeit darin bestand, daß Göring mit Henderson zu einer Einigung kommen könnte. Ich schlug eine Zusammenkunft zwischen ihnen vor. Diese fand um 4.50 Uhr nachmittags in Görings Haus statt. Forbes war anwesend und auch ich.


DR. STAHMER: Welchen Inhalt hatte diese Besprechung?


DAHLERUS: Schon vor der Besprechung drückte Henderson seinen Verdacht aus, daß die Deutsche Regierung versuchen würde, mit England einen Vergleich abzuschließen und einen Bruch zwischen England und Polen herbeizuführen. Henderson war deshalb während der zweistündigen Sitzung sehr vorsichtig, und das Ergebnis der Besprechung bestand ausschließlich darin, daß beide Parteien darin übereinstimmten, daß eine Zusammenkunft von Delegierten beider Länder notwendig wäre, um einen Krieg möglicherweise zu vermeiden.


DR. STAHMER: Haben Sie bei dieser Gelegenheit ebenfalls vorgeschlagen, daß Göring sofort mit den britischen Delegierten zusammentreffen sollte?


DAHLERUS: Es war mein Vorschlag, daß sofort eine Zusammenkunft in Holland vorbereitet werden sollte, bei welcher Göring Deutschland vertreten sollte.


DR. STAHMER: Wie stellte Henderson sich zu diesem Vorschlag?


DAHLERUS: Henderson versprach, diesen Vorschlag seiner Regierung zu übermitteln. Ich hatte jedoch den Eindruck, daß er bereits wußte, daß die deutschen Streitkräfte sich im Aufmarsch befanden, und es schien mir nicht, daß er großes Vertrauen in irgendwelche Möglichkeiten setzte.


DR. STAHMER: Ist Ihnen eine Äußerung Görings bekannt des Inhalts: Wenn die Polen nicht nachgäben, würde Deutschland sie wie Läuse zerquetschen, und wenn England sich entschlösse, Krieg zu erklären, täte es ihm sehr leid, aber es sei sehr unklug von Großbritannien?


DAHLERUS: Ich kann mich an diese Worte nicht erinnern, doch ist es möglich, daß sie während der zweistündigen Unterhaltung fielen.


DR. STAHMER: Womit endete diese Besprechung nun?


DAHLERUS: Um 7.00 Uhr abends trennten sie sich und beide Parteien einigten sich darüber, daß sie sich um eine Zusammenkunft in Holland bemühen würden.


DR. STAHMER: Sind Sie dann am 1. September nochmals mit Göring zusammengetroffen?


[522] DAHLERUS: Ich traf mit Göring am 1. September um 8.00 Uhr in seinem Hauptquartier zusammen. Nach einigem Zögern sagte er mir, daß der Krieg deswegen ausgebrochen sei, weil die Polen die Radiostation von Gleiwitz angegriffen und eine Brücke bei Dirschau gesprengt hätten. Später gab er mir mehr Einzelheiten, aus welchen ich schloß, daß die ganze Deutsche Wehrmacht zum Angriff gegen Polen eingesetzt war.


DR. STAHMER: Sind Sie dann am 3. September nochmals mit Göring zusammengetroffen und haben Sie bei dieser Gelegenheit den Vorschlag gemacht, Göring solle unmittelbar nach London fliegen zu einer direkten Besprechung?

DAHLERUS: Bevor ich erwähne, was sich dann ereignete, möchte ich sagen, daß ich Hitler am 1. September, gleich nach seiner Reichstagsrede in der Kroll-Oper, traf. Er war damals außerordentlich nervös und sehr aufgeregt. Er sagte mir, daß er schon immer den Verdacht gehabt habe, daß England den Krieg wünsche. Er sagte mir weiter, daß er Polen zertrümmern und das ganze Land annektieren werde. Göring unterbrach und wies darauf hin, daß sie bis zu gewissen Punkten vorrücken würden. Hitler war jedoch in einer unkontrollierbaren Geistesverfassung. Er begann zu brüllen, daß er ein Jahr, zwei Jahre kämpfen würde, und schließlich sagte er in großer Erregung, daß er sogar zehn Jahre lang kämpfen würde.

Sodann am Sonntag, den 3. September, wurde ich von Forbes am frühen Morgen benachrichtigt, daß um 9.00 Uhr vormittags ein Ultimatum gestellt werden würde. Die Bedingungen waren, daß die Feindseligkeiten sofort eingestellt und die deutschen Streitkräfte an die deutsche Grenze zurückgezogen würden. Ich ging sofort in das Hauptquartier Görings in der Nähe von Potsdam. Er befand sich dort und nicht bei Hitler. Ich ersuchte ihn, wenigstens zu versuchen, eine vernünftige Antwort auf das Ultimatum zu veranlassen. Ich hatte den Eindruck, daß gewisse Mitglieder der Deutschen Regierung für den Krieg waren, und befürchtete, daß, falls eine schriftliche Antwort gegeben würde, sie nicht so abgefaßt werden würde, um einen Krieg mit England zu vermeiden. Ich schlug deshalb vor, daß sich Göring bereit erklären sollte, sofort nach England zu gehen, und zwar vor 11.00 Uhr, um dort zu verhandeln.


DR. STAHMER: Wie stellte sich Göring zu diesem Vorschlag?


DAHLERUS: Er nahm diesen Vorschlag an und telephonierte mit Hitler, der ebenfalls damit einverstanden war.


DR. STAHMER: Haben Sie dann mit London telephoniert?


DAHLERUS: Jawohl, ich habe mit London telephoniert und Verbindung mit dem Foreign Office erhalten. Es antwortete, daß es diesen Vorschlag nicht vor einer schriftlichen Antwort auf das Ultimatum in Erwägung ziehen könnte.


[523] DR. STAHMER: Haben Sie diese Mitteilung an Göring weitergegeben?


DAHLERUS: Ja, ich habe dies Göring gesagt.


DR. STAHMER: Welchen Eindruck machte Ihre Mitteilung auf Göring?


DAHLERUS: Göring schien es leid zu tun, daß der Vorschlag nicht angenommen wurde.


DR. STAHMER: Haben Sie dann am 4. September nochmals mit Göring gesprochen?


DAHLERUS: Ja, ich hatte eine kurze Besprechung mit Göring am 4. September, doch sie war nicht von besonderer Bedeutung.


DR. STAHMER: Hat Göring Ihnen bei dieser Gelegenheit erklärt, er würde, was auch geschehen möge, bestrebt sein, den Krieg so human wie möglich zu führen? Deutschland werde unter keinen Umständen zuerst Kriegshandlungen gegen England unternehmen; würde aber von dort geschossen, dann werde die Antwort nicht ausbleiben?


DAHLERUS: Ja, das stimmt.


DR. STAHMER: Haben Sie ein Buch unter dem Titel »Letzter Versuch« herausgegeben?


DAHLERUS: Ja.


DR. STAHMER: Ist die in diesem Buch enthaltene Darstellung wahrheitsgemäß?


DAHLERUS: Ja, es wurde mit größter Sorgfalt geschrieben. Der Inhalt ist absolut genau und richtig.


DR. STAHMER: Beruht diese Darstellung auf Aufzeichnungen, die Sie über diese Vorgänge gefertigt haben?


DAHLERUS: Ja.


DR. STAHMER: Wann haben Sie diese Aufzeichnungen gefertigt?


DAHLERUS: Ich habe diese sofort nach meiner Rückkehr nach Schweden am 5. September 1939 gefertigt.


DR. STAHMER: Herr Präsident! Ich habe noch drei kleine Fragen. Soll ich jetzt unterbrechen? Sie beziehen sich auf die Zeit nachher.


VORSITZENDER: Ich glaube, Sie können die Fragen jetzt stellen.


DR. STAHMER: Jawohl.


[Zum Zeugen gewandt:]


Haben Sie am 24. September 1939 in Stockholm mit Forbes gesprochen?

[524] DAHLERUS: Nein, ich traf Forbes am 24. September in Oslo. Es war dies nach der Besetzung Polens. Es war dies ein Versuch, festzustellen, ob noch eine Möglichkeit bestünde, den Weltkrieg zu vermeiden. Er gab mir die Ansicht der Britischen Regierung schriftlich bekannt. Sie lautet zusammengefaßt wie folgt: Die Britische und Französische Regierung...

VORSITZENDER: Einen Augenblick bitte. Was hat dies mit dem Angeklagten Göring zu tun?


DR. STAHMER: Es beweist das, daß er sich auch hinterher noch bemüht hat, zum Frieden zu kommen. Dann will ich nur eine Frage noch stellen, die Göring unmittelbar betrifft.


VORSITZENDER: Die Tatsache, daß Herr Dahlerus mit Forbes am 24. September in Oslo zusammentraf, scheint nichts mit Göring zu tun zu haben.


DR. STAHMER: Es scheint insofern von Bedeutung, als sie die Veranlassung für Herrn Dahlerus war, sich nun seinerseits wieder mit Berlin und Göring in Verbindung zu setzen, um nun nochmals zu versuchen, in dem jetzigen Stadium zu einem Frieden zu gelangen.


VORSITZENDER: Gehen Sie nun zur nächsten Frage über.


DAHLERUS: Die Bedingungen waren: Um Europa vor fortgesetzten deutschen Angriffen zu retten und den Völkern Europas zu ermöglichen...


VORSITZENDER: Einen Augenblick. Was hat das Schreiben, das Sir George Ogilvy Forbes schrieb, mit Göring zu tun?


DR. STAHMER: Dies Schreiben, den Inhalt dieses Schreibens, hat Herr Dahlerus am 26. September mit Göring besprochen und hat versucht, auf dieser Basis zu einer Einigung zu kommen.


JUSTICE JACKSON: Hoher Gerichtshof! Darf ich ebenfalls Einspruch erheben? Es hat nichts mit der Anklageschrift zu tun. Wir haben nicht behauptet, daß der Krieg gegen England ein Angriffskrieg war. Die Anklage lautet, daß der Krieg gegen Polen ein Angriffskrieg war. All diese Verhandlungen, England aus dem Kriege zu halten, während sie Polen besetzten, sind für die Anklageschrift unerheblich. Ich erlaube mir zu erklären, daß das Schreiben, da es nichts mit der Anklage zu tun hat, abgelehnt werden sollte.


VORSITZENDER: Dr. Stahmer! Wenn der Zeuge mit Göring später eine Unterredung hatte, so können Sie das bringen, aber nicht die vorhergehenden Unterredungen, die der Zeuge mit Sir George Ogilvy Forbes hatte.


DR. STAHMER: Das wird ja aber nicht verständlich; er muß ja doch mitteilen, was Forbes ihm gesagt hat. Er ist bei Forbes, Forbes macht ihm bestimmte Vorschläge, und mit diesen Vorschlägen [525] begibt sich Herr Dahlerus nach Berlin, und nun teilt er selbstverständlich Göring mit, was ihm Forbes gesagt hat. Also sonst läßt sich das ja gar nicht...

VORSITZENDER: Lassen Sie den Zeugen den Bericht über seine Zusammenkunft mit Göring schildern.


DR. STAHMER: Jawohl.

Herr Dahlerus, Sie haben dann am 26. September Göring aufgesucht, nicht wahr, in Berlin?


DAHLERUS: Ja, ich habe sowohl ihn als auch Hitler am 26. September getroffen.


DR. STAHMER: Haben Sie Göring davon in Kenntnis gesetzt, welche Vorschläge Forbes Ihnen gemacht hatte?


DAHLERUS: Ich besprach mit Hitler, unter welchen Bedingungen er bereit wäre, den Schaden, den er Polen verursacht hatte, wieder gutzumachen, und Frieden zu schließen. Zu meiner großen Enttäuschung erklärte er dann endgültig, daß er überhaupt nicht bereit wäre, den Fall Polen zu diskutieren. Polen wäre besetzt und ginge Großbritannien nichts mehr an. Ich erkannte dann, daß sein Ziel gewesen war, Polen und Großbritannien auseinander zu bringen und sodann, mit der Zustimmung Großbritanniens, Gelegenheit zu erhalten, Polen zu besetzen, ohne Gefahr zu laufen, mit Großbritannien und Frankreich in einen Krieg verwickelt zu werden.


DR. STAHMER: Sind Sie im Juli 1940 nochmal mit Göring zusammengetroffen?

DAHLERUS: Ja. Göring schlug im Juli 1940 vor, daß Seine Majestät der König von Schweden sich bemühen sollte, die verschiedenen Mächte zu Friedensverhandlungen zusammenzubringen.


DR. STAHMER: Ich habe keine weiteren Fragen mehr.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird sich nunmehr auf 14.10 Uhr vertagen.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.10 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 9, S. 507-527.
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