Vormittagssitzung.

[298] GERICHTSMARSCHALL: Mit Erlaubnis des Gerichtshofes möchte ich mitteilen, daß der Angeklagte Kaltenbrunner infolge Krankheit bei der heutigen Vormittagssitzung nicht anwesend sein wird.

M. DUBOST: In meiner Eigenschaft als Vertreter der französischen Anklagebehörde möchte ich einen Wunsch aussprechen und den Gerichtshof bitten, diesem Antrag seine Aufmerksamkeit zu schenken. Unsere Zeugen, die gestern vernommen worden sind, sollen heute von der Verteidigung ins Kreuzverhör genommen werden. Die Bedingungen, unter denen sie sich hier aufhalten, sind ziemlich schwierig; für die Rückreise nach Paris benötigen sie dreißig Stunden. Wir möchten gern wissen, ob die Verteidigung wirklich die Absicht hat, sie ins Kreuzverhör zu nehmen. Wenn ja, möchten wir gern, daß die Verteidigung dies so schnell wie möglich veranlaßt, damit wir ihre Rückkehr nach Frankreich sicherstellen können.


VORSITZENDER: Mit Rücksicht auf Ihre gestrigen Äußerungen, Herr Dubost, habe ich im Namen des Gerichtshofes erklärt, daß Dr. Babel Gelegenheit haben soll, einen Ihrer Zeugen innerhalb der nächsten zwei Tage ins Kreuzverhör zu nehmen. Ist Herr Dr. Babel bereit, den Zeugen jetzt ins Kreuzverhör zu nehmen?


RA. BABEL: Herr Präsident, ich habe die Abschrift des Protokolls noch nicht erhalten und war also infolgedessen nicht in der Lage, das Kreuzverhör vorzubereiten. Die Zeit war natürlich auch zu kurz von gestern bis heute; ich kann jetzt eine bestimmte Erklärung, ob ich den Zeugen ins Kreuzverhör nehmen will, noch nicht abgeben. Wenn mir Gelegenheit gegeben würde, im Laufe des Tages das Protokoll zu erhalten...


VORSITZENDER: Dieser Zeuge, Herr Dubost, muß bis morgen Nachmittag hier bleiben, aber die anderen Zeugen können abreisen.

Herr Dubost, ich möchte bitten, das Erforderliche zu veranlassen, daß Dr. Babel eine Abschrift des Stenogramms so schnell wie möglich zur Verfügung gestellt wird.


M. DUBOST: Jawohl, Herr Vorsitzender, ich werde dies veranlassen.


[Der Zeuge François Boix; betritt wieder den

Zeugenstand.]


M. DUBOST: Wir fahren jetzt fort. Der Gerichtshof wird sich daran erinnern, daß wir gestern abend sechs Photographien von [298] Mauthausen vorgeführt haben, die uns von dem noch im Zeugenstand stehenden Zeugen übergeben und von ihm erläutert wurden. Der Zeuge hat namentlich angegeben, unter welchen Umständen die Photographie, die Kaltenbrunner im Steinbruch von Mauthausen zeigt, aufgenommen worden ist. Wir legen diese Photographien als französisches Dokument, RF-332, vor.

Erlauben Sie mir, noch eine Frage an den Zeugen zu richten, und dann werde ich mit ihm fertig sein, jedenfalls was das Wesentliche dieser Aussage betrifft. Zeuge, erkennen Sie unter den Angeklagten einige der Besucher des Lagers Mauthausen, die Sie dort während Ihrer Internierung gesehen haben?


BOIX: Speer.


M. DUBOST: Wann haben Sie ihn gesehen?


BOIX: Er kam 1943 ins Lager Gusen zwecks Ausführung von Bauten und sogar in den Steinbruch von Mauthausen. Ich habe ihn nicht selbst gesehen, weil ich im Identifizierungsdienst des Lagers war und nicht fortgehen konnte; aber während dieser Besuche hat der Dienststellenleiter Paul Ricken einen ganzen Leica-Film aufgenommen, den ich selbst entwickelt habe. Auf diesem Film habe ich Speer mit anderen SS-Führern, die mit ihm gekommen waren, wiedererkannt. Er war hell gekleidet, in heller Farbe.


M. DUBOST: Auf den Photos, die Sie entwickelt haben?


BOIX: Auf den Photographien habe ich ihn wieder erkannt, und nachher mußte man den Namen und das Datum aufschreiben, weil viele von der SS Sammlungen von allen Aufnahmen der Besucher im Lager haben wollten.


VORSITZENDER: Ich glaube, der Zeuge sprach etwas zu schnell. Ich glaube, er würde dies besser wiederholen.


M. DUBOST: Wollen Sie wiederholen, daß Sie Speer auf den von Ihnen entwickelten Photographien wiedererkannt haben?


BOIX: Ich habe Speer auf sechsunddreißig Photographien wiedererkannt, die von SS-Oberscharführer Paul Ricken 1943, während seines Besuches in Gusen und im Steinbruch von Mauthausen, aufgenommen worden sind. Er sah auf den Photographien immer sehr zufrieden aus. Es gab sogar Photographien, auf denen er mit einem herzlichen Händedruck den Obersturmbannführer Franz Ziereis beglückwünschte. Das war damals der Chef des Lagers Mauthausen.


M. DUBOST: Eine letzte Frage: Gab es in Ihrem Lager geistliche Fürsorge? Wie starben die Häftlinge, die geistlichen Beistand verlangten?


BOIX: Ich habe nicht verstanden.


M. DUBOST: Gab es Geistliche in diesem Lager?


[299] BOIX: Ja, es gab dort nach meinen Beobachtungen mehrere, und zwar eine Organisation der deutschen Katholiken, die sich »Bibelforscher« nennt. Aber offiziell...


M. DUBOST: Aber gab ihnen die Lagerverwaltung offiziell die Erlaubnis, ihre Religion auszuüben?


BOIX: Nein, sie konnten nichts tun. Das war ihnen absolut verboten, sogar zu leben.


M. DUBOST: Sogar zu leben?


BOIX: Sogar zu leben.


M. DUBOST: Gab es dort katholische Geistliche oder protestantische Pastoren?


BOIX: Diese Art Bibelforscher waren fast alle Protestanten, aber ich verstehe mich nicht viel darauf.


M. DUBOST: Wie wurden die Geistlichen, die Priester und Pastoren behandelt?

BOIX: Sie wurden nicht anders behandelt wie wir, sie starben in derselben Weise wie wir. Sie wurden teils in die Gaskammern geschickt, teils erschossen, teils in eisiges Wasser getaucht; alle Mittel waren recht. Die SS behandelte sie auf besonders rohe Weise, weil sie wußten, daß diese Leute nicht so arbeiten konnten wie gewöhnliche Arbeiter. So machten sie es auch mit allen Intellektuellen aller Länder.


M. DUBOST: Hat man sie nicht ihre Religion ausüben lassen?


BOIX: Überhaupt nicht.


M. DUBOST: Hatten die Menschen, die starben, einen Geistlichen, bevor sie hingerichtet wurden?


BOIX: Überhaupt nicht. Manchmal, anstatt von jemandem ihres Glaubens, wie Sie sagen, getröstet zu werden, erhielten sie von dem Hinrichtungskommando selbst fünfundzwanzig bis fünfundsiebzig Schläge mit einem Ochsenziemer, manchmal vom SS-Obersturmbannführer selbst versetzt. Ich habe dies besonders bei einigen kriegsgefangenen russischen Offizieren, die politische Kommissare waren, beobachten können.


M. DUBOST: Ich habe keine weiteren Fragen an den Zeugen zu stellen.


GENERAL RUDENKO: Zeuge, sagen Sie mir bitte, was Sie über die Vernichtung russischer Kriegsgefangener wissen.


BOIX: Es ist unmöglich, daß ich alles sage, was ich weiß. Denn ich weiß so viele Dinge, daß ich in einem Monat nicht fertig werden würde.


[300] GENERAL RUDENKO: Ich möchte Sie bitten, Zeuge, kurz auszuführen, was Sie über die Vernichtung von russischen Kriegsgefangenen im Lager Mauthausen wissen.


BOIX: Die Ankunft der ersten Kriegsgefangenen erfolgte im Jahre 1941. Man hatte die Ankunft von zweitausend russischen Kriegsgefangenen angekündigt. Es handelte sich um russische Kriegsgefangene. Man hat dieselben Vorsichtsmaßnahmen getroffen wie beim Eintreffen der republikanischen spanischen Kriegsgefangenen im Lager. Es wurden überall um die Baracken herum Maschinengewehre aufgestellt, und man bereitete sich auf das Schlimmste vor. Sobald die Kriegsgefangenen im Lager eingetroffen waren, sah man, daß sie sich in einem sehr schlechten Zustand befanden; sie konnten nicht einmal mehr hören. Sie waren menschliche Wracks. Da waren sie in Baracken – eintausendsechshundert Mann pro Baracke – untergebracht. Man muß dabei bedenken, daß es sich um Baracken mit einer Breite von sieben Metern und einer Länge von fünfzig Metern handelte. Die wenigen Kleidungsstücke, die sie noch bei sich hatten, wurden ihnen weggenommen. Sie durften nur eine Unterhose und ein Hemd behalten. Man muß sich vergegenwärtigen, daß sich dies im Monat November ereignete. In Mauthausen herrschte eine Kälte von mindestens zehn Grad unter Null.

Als sie ankamen, hatte es schon vierundzwanzig Tote allein auf dem Marsch von vier Kilometern vom Bahnhof bis zum Lager Mauthausen gegeben. Anfangs wurden sie der gleichen Behandlung unterworfen wie wir spanischen Republikaner. Man hatte uns in Ruhe gelassen, ohne Arbeit, ohne Beschäftigung. Man ließ sie also in Ruhe, jedoch fast ohne Nahrung. Nach Ablauf einiger Wochen waren sie bereits am Ende ihrer Kräfte. Dann fing man mit dem Auslesesystem an. Sie mußten unter den furchtbarsten Verhältnissen arbeiten. Sie wurden niedergeknüppelt, gehauen, geschlagen, beschimpft, und nach drei Monaten blieben von den siebentausend russischen Kriegsgefangenen, die von überall gekommen waren, nur mehr dreißig Überlebende übrig. Diese dreißig Überlebenden wurden in der Dienststelle von Paul Ricken für ein Dokument photographiert, und ich besitze diese Photos, um sie zeigen zu können, wenn der Gerichtshof es wünscht.


GENERAL RUDENKO: Sie haben Photos von diesen Gefangenen?


BOIX: Jawohl, ich habe sie Herrn Dubost gegeben.


GENERAL RUDENKO: Können Sie sie vorlegen?


BOIX: Herr Dubost hat sie.


GENERAL RUDENKO: Ich danke Ihnen. Was wissen Sie hinsichtlich der Jugoslawen und Polen?


[301] BOIX: Die ersten kamen im Jahre 1939 ins Lager zur Zeit der Niederlage Polens. Sie haben dieselbe Behandlung wie alle anderen erfahren. Zu dem Zeitpunkt gab es dort nur deutsche Kriminelle, die damals mit der Vernichtungsarbeit begannen. Zehntausende von Polen sind dort unter den schlimmsten Verhältnissen gestorben. Aber was besonders beachtet werden muß, ist die Stellung der Jugoslawen. Die Jugoslawen kamen anfänglich in Transporten an, trugen Zivilkleider, und wurden dann, sozusagen, legal erschossen. Die SS-Leute setzten hierfür sogar die Stahlhelme auf und erschossen sie immer zu zweien. Der erste Transport bestand aus einhundertfünfundsechzig, der zweite aus einhundertachtzig, und dann waren die Gruppen kleiner: fünfzehn, fünfzig, sechzig, dreißig, und sogar Frauen waren dabei. Ich bitte zu beachten, daß unter den vier Frauen, die erschossen wurden – und das war der einzige Fall in den Deportiertenlagern – einige ihren Mördern ins Gesicht spuckten, bevor sie starben.

Die Jugoslawen haben gelitten wie nur wenige Menschen gelitten haben. Ihre Lage kann nur mit derjenigen der Russen verglichen werden. Bis zum Ende wurden sie mit allen Mitteln gefoltert. Ich würde gern noch etwas über die Russen sagen, weil sie vieles erlitten haben.


GENERAL RUDENKO: Schließe ich aus Ihrer Aussage richtig, daß dieses Konzentrationslager ein Vernichtungslager war?


BOIX: Das Lager gehörte zur letzten Stufe, der Stufe drei: Das war ein Lager, aus dem niemand wieder davonkommen sollte.


GENERAL RUDENKO: Ich habe keine weiteren Fragen mehr an Sie zu stellen.


VORSITZENDER: Wünscht der englische Anklagevertreter ein Kreuzverhör?


OBERST H. J. PHILLIMORE, HILFSANKLÄGER FÜR DAS VEREINIGTE KÖNIGREICH: Nein, keine Fragen.


VORSITZENDER: Und der amerikanische Anklagevertreter?


MR. THOMAS J. DODD, ANKLÄGER FÜR DIE VEREINIGTEN STAATEN: Nein, keine Fragen.

VORSITZENDER: Wünschen irgendwelche Verteidiger der Angeklagten ein Kreuzverhör vorzunehmen?


RA. BABEL: Herr Zeuge, wie waren Sie im Lager gekennzeichnet?


BOIX: Die Nummer? Welche Art der Markierung?


RA. BABEL: Nein, die Gefangenen waren in Farben gekennzeichnet, mit Sternen rot, grün, gelb und so weiter. War das in Mauthausen auch der Fall?


[302] BOIX: Das waren keine Sterne, es waren Dreiecke und Buchstaben, die die Nationalität kennzeichneten. Die gelben und roten Sterne waren für die Juden, die Sterne mit sechs roten und gelben Zacken...


RA. BABEL: Welche Farbe trugen Sie?


BOIX: Ein blaues Dreieck mit dem Buchstaben »S«, das bedeutet: Spanischer politischer Flüchtling.


RA. BABEL: Waren Sie Kapo?


BOIX: Nein. Ich war zuerst Dolmetscher.


RA. BABEL: Was waren das für Aufgaben?


BOIX: Ich mußte all die barbarischen Dinge übersetzen, die die Deutschen den spanischen Gefangenen sagen wollten.

Dann bekam ich die Arbeit eines Photographen; nämlich die Filme und Photographien zu entwickeln, die überall im Lager aufgenommen wurden, um die Geschichte des Lagers festzuhalten.


RA. BABEL: Wie wurde es bei Besuchen gehandhabt? Kamen die Besucher nur in das innere Lager oder auch zu den Arbeitsstätten?


BOIX: Sie besuchten alle Lager. Es war unmöglich, daß sie nicht wußten, was im Lager passierte. Nur wenn es Besucher gab, Beamte oder Leute dieser Art aus Polen, Österreich, der Slowakei und allen diesen Ländern, dann ließ man sie nur die besten Stellen besuchen. Franz Ziereis sagte: »Sehen Sie«. Er holte dann die Köche, die deportierten Banditen, Verbrecher, die dick und fett waren, und er suchte sie heraus, um dann zu sagen, daß alle Deportierten so seien.


RA. BABEL: War es den Gefangenen verboten, sich untereinander über die Zustände im Lager irgendwelche Mitteilungen zu machen; nach auswärts natürlich ist es wohl kaum in Frage gekommen?


BOIX: Es war derart streng verboten, daß, wenn einer es doch tat, dies nicht nur seinen Tod, sondern furchtbare Unterdrückungsmaßnahmen für alle diejenigen zur Folge hatte, die der gleichen Nationalität angehörten.


RA. BABEL: Was haben Sie für Beobachtungen ge macht bezüglich der Kapos? Wie haben diese sich gegenüber ihren Mitgefangenen verhalten?


BOIX: Manchmal waren Sie würdig, SS-Leute zu sein. Um Kapo zu sein, mußte man Arier, reiner Arier sein, das soll heißen, daß sie kriegerische Allüren hatten, und wie die SS jedes Recht über uns besaßen, so durften auch sie uns wie Tiere behandeln. Die SS gab ihnen absolut freie Hand, mit uns allen zu machen, was sie [303] wollten. So kam es, daß die Gefangenen und Deportierten bei der Befreiung alle Kapos, derer sie habhaft werden konnten, umgebracht haben.

Kurz vor der Befreiung baten die Kapos, sich freiwillig in die SS einreihen zu dürfen. Sie sind mit ihnen abgezogen, denn sie wußten, was ihrer wartete. Dessen ungeachtet haben wir sie überall gesucht und auf der Stelle umgebracht.


RA. BABEL: Sie sagten, sie »durften uns wie die Tiere behandeln«. Woraus schließen Sie, daß sie das durften?


BOIX: Man hätte blind sein müssen, um es nicht zu sehen, man konnte ihnen das ansehen. Es war viel besser, wie ein Mensch zu sterben als wie ein Tier zu leben. Sie haben wie Tiere, wie Wölfe und Verbrecher gelebt. Sie sind als solche bekannt.


RA. BABEL: Wollen Sie nochmals wiederholen; ich habe Sie nicht verstanden?


BOIX: Man mußte blind sein, um nicht zu sehen, was bei ihnen passierte. Ich bin viereinhalb Jahre dort gewesen und weiß sehr gut, was sie taten. Es gab viele unter uns, die die Gelegenheit hatten, für ihre Arbeit im Lager Kapo zu sein, weil sie auf irgendeinem Gebiet Spezialisten waren. Sie ließen sich aber lieber durchprügeln und, wenn es sein mußte, niedermetzeln, als daß sie Kapos wurden.


RA. BABEL: Danke.


VORSITZENDER: Wünscht irgendein anderer Verteidiger diesem Zeugen Fragen zu stellen?

Herr Dubost, wünschen Sie irgendwelche Fragen zu stellen?


M. DUBOST: Ich habe keine Fragen mehr, Herr Vorsitzender.


GENERAL RUDENKO: Herr Vorsitzender, der Zeuge hat uns mitgeteilt, daß er photographierte Dokumente über die dreißig sowjetischen Kriegsgefangenen in seinem Besitz habe, die von mehreren tausend Gefangenen in diesem Lager am Leben geblieben sind. Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, dieses photographische Dokument dem Zeugen vorzulegen, damit er dem Gerichtshof erklären kann, daß das die Gruppe der sowjetischen Kriegsgefangenen ist.

VORSITZENDER: Selbstverständlich. Sie können dem Zeugen die Photographie vorlegen lassen, wenn sie zur Hand ist.


GENERAL RUDENKO: Jawohl. Herr Zeuge, können Sie diese Photographie vorzeigen?


[Der Zeuge legt die Photographie den Mitgliedern des Gerichtshofs vor.]


[304] GENERAL RUDENKO: Ist das die Photographie?

BOIX: Ich kann versichern, daß diese dreißig Überlebenden noch im Jahre 1942 lebten. Aber bei den Lebensbedingungen des Lagers ist es sehr schwer, zu wissen, ob jetzt noch einige von ihnen leben.


VORSITZENDER: Würden Sie bitte das Datum angeben, an dem diese Aufnahme gemacht wurde?


BOIX: Das war Ende des Winters 1941/42. Zu der Zeit waren noch zehn Grad unter Null. Man kann auf der Photographie den Gesichtsausdruck erkennen, den sie wegen der Kälte hatten.


VORSITZENDER: Ist dieses Buch bereits als Beweismittel eingereicht worden?


M. DUBOST: Dieses Buch ist als Beweismittel eingereicht worden, Herr Vorsitzender, als offizielles Beweismittel.


VORSITZENDER: Haben die Verteidiger Kopien davon erhalten?


M. DUBOST: Das Buch wurde als RF-331 vorgelegt. Die Verteidiger haben auch eine Kopie dieses Buches auf deutsch. Die Photographien sind nicht darin enthalten, Herr Vorsitzender.


VORSITZENDER: Bitte, geben Sie diesen Photographien eine Bezeichnung, Herr Dubost. Man sollte sie mit einer französischen Beweisstücknummer bezeichnen.


M. DUBOST: Wir werden ihnen die Nummer RF-333 geben.


VORSITZENDER: Man wird sie in dieser Weise bezeichnen; bitte geben Sie sie an Dr. Babel weiter.


GENERAL RUDENKO: Ich danke. Ich habe keine weiteren Fragen zu stellen.


VORSITZENDER: Bitte geben Sie die Photographie an Dr. Babel weiter.


[Die Photographie wird Rechtsanwalt Babel gezeigt.]


VORSITZENDER: Ich bitte, sie auch den anderen Verteidigern weiterzugeben, falls diese darüber irgendwelche Fragen zu stellen wünschen? Herr Dubost, ich nehme an, daß eine vollständige Kopie dieses Buches, einschließlich der Photographien, bei der Informationsstelle der Angeklagten niedergelegt worden ist.

M. DUBOST: Das gesamte Buch, außer den Photographien.


VORSITZENDER: Warum nicht die Photographien?


M. DUBOST: Weil wir sie damals noch nicht hatten, wir konnten sie deshalb nicht vorlegen. Wir sind in unseren Ausführungen auf die Photos nicht eingegangen.


[305] VORSITZENDER: Die deutschen Verteidiger sollten die gleichen Dokumente haben wie sie dem Gerichtshof als Beweismaterial vorgelegt wurden; aus diesem Grunde hätten sie auch bei der Informationsstelle eingereicht werden sollen.


M. DUBOST: Herr Vorsitzender, wir haben das Buch in französischer Sprache zusammen mit den Photographien, bei der Informationsstelle der Verteidigung niedergelegt, dazu eine Anzahl von Texten in deutscher Sprache, diese ohne die Photographien, weil wir diese Übersetzung für die Verteidiger anfertigen ließen. Aber sie sind im Besitz des französischen Textes, dem die jetzt vorliegenden Photographien beigefügt sind.


VORSITZENDER: Sehr gut.


M. DUBOST: Wir haben hier vier Exemplare der Photographie, die gestern abend im Projektionsapparat gezeigt wurde, und die nach der Zeugenaussage des Herrn Boix Kaltenbrunner und Himmler im Steinbruch von Mauthausen darstellt. Eine dieser Photographien wird der Verteidigung ausgehändigt werden, und zwar dem Verteidiger für Kaltenbrunner.


VORSITZENDER: Nun, ist die Photographie den anderen Verteidigern herumgereicht worden? Wünscht irgendein Verteidiger Fragen an den Zeugen über die Photographie zu stellen?

Keine Frage?

Der Zeuge kann jetzt abtreten.


BOIX: Ich würde gern noch etwas sagen. Ich möchte darauf hinweisen, daß es Fälle gegeben hat, wo Sowjetoffiziere massakriert worden sind. Es dürfte notwendig sein, dies zu betonen, vor allem, weil es sich um Kriegsgefangene handelt. Ich möchte gern, daß mir die Herren Geschworenen gut zuhören.


VORSITZENDER: Was wollen Sie über die Massakrierung von russischen Kriegsgefangenen sagen?

BOIX: Im Jahre 1943 gab es einen Transport von Offizieren. Am selben Tage, an dem sie ankamen, begann der Massenmord mit allen Mitteln. Es scheint aber, daß bezüglich dieser Offiziere ein Befehl von oben kam, des Inhalts, daß etwas Außergewöhnliches zu tun sei.

Nun brachte man sie in den schönsten, am besten gelegenen Block und steckte sie in ganz neue russische Kriegsgefangenenuniformen. Man gab ihnen sogar eine Zigarette und ließ sie in bezogenen Betten schlafen. Sie konnten so viel essen, wie sie wollten. Sie wurden von Sturmbannführer Dr. Bresbach, einem Stabsarzt, untersucht.

Man führte sie zum Steinbruch hinunter, ließ sie aber nur kleine Steine zu vieren tragen und dabei photographierte sie der [306] Dienststellenleiter, Oberscharführer Paul Ricken, mit seiner Leica ununterbrochen. Er machte ungefähr achtundvierzig Aufnahmen. Diese Aufnahmen wurden von mir entwickelt, und je fünf Abzüge in der Größe 13 × 18 wurden mit den Negativen zusammen – es ist schade, daß ich diese Negative nicht wie die anderen stehlen konnte – nach Berlin geschickt.

Nachdem dies beendet war, wurde den Russen ihre saubere Kleidung und überhaupt alles weggenommen, und dann schickte man sie in die Gaskammern. Schon war die Komödie zu Ende. Jedermann konnte auf den Photographien sehen, daß die russischen Gefangenen, die Offiziere und vor allem die politischen Kommissare, gut behandelt und gut verpflegt wurden, kaum arbeiteten, und daß es ihnen gut ging. Das ist etwas, was vermerkt werden mußte, weil ich glaube, daß das notwendig ist.

Ich habe noch eine Frage: Es gab eine Baracke, Baracke 20 genannt. Diese Baracke war im Innern des Lagers, und trotz elektrisch geladener Stacheldrähte, die um das ganze Lager herumliefen, gab es dort noch einmal eine Mauer mit elektrisch geladenen Drähten.

In diesen Baracken waren kriegsgefangene russische Offiziere und Kommissare, einige Slawen, einige Franzosen, und man sagte sogar, einige Engländer. In diese Baracken durfte niemand hineingehen, mit Ausnahme der beiden Führer, die im Lagergefängnis waren, das heißt, der Kommandant des inneren und der des äußeren Lagers. Diese Deportierten waren gekleidet wie wir, in Sträflingstracht, aber ohne Nummer und ohne Nationalitätsabzeichen. Man konnte ihre Nationalitätszugehörigkeit nicht ersehen.

Der Erkennungsdienst mußte sie photographieren. Man hielt ein Schild mit einer Nummer vor ihre Brust, und diese Nummer begann bei 3000 und einiges. Es gab eine Nummer, die einer elf glich, zwei blaue Striche, und die Zahlen fingen bei 3000 an und hörten mit ungefähr 7000 auf. Der Photograph war damals SS-Unterscharführer Hermann Schinlauer. Er stammte aus der Gegend von Berlin, oberhalb Berlins, ich erinnere mich nicht mehr an den Namen. Jener hatte den Befehl, diese Photographien selbst zu entwickeln und alles selbst zu machen. Aber wie alle SS-Leute des inneren Lagerdienstes waren das Menschen, die nichts verstanden. Sie brauchten immer Gefangene, um ihre Arbeit zu machen. Aus diesem Grunde brauchte er mich zum Entwickeln der Filme. Ich war es, der die Vergrößerungen 5 × 7 anfertigte. Sie wurden an den Obersturmführer Karl Schulz in Köln geschickt; das war der Chef der Politischen Abteilung. Er empfahl mir, niemandem etwas davon zu erzählen, daß wir diese selbst entwickelten, sonst würden wir sofort liquidiert. Ohne Rücksicht auf die Folgen habe ich es allen meinen Kameraden erzählt,[307] damit, wenn es einem von uns gelänge, wegzukommen, er es der Welt weitersagen könnte.


VORSITZENDER: Ich glaube, wir haben über die Einzelheiten, die Sie uns jetzt angeben, genug gehört, kommen Sie zur Sache zurück, von der Sie sprachen. Ich möchte, daß Sie wieder von den russischen Kriegsgefangenen im Jahre 1943 sprechen. Die Offiziere wurden in den Steinbruch gebracht, um sehr schwere Steine zu schleppen.


BOIX: Nein, durchaus nicht. Ganz kleine Steine, die nicht einmal zwanzig Kilo wogen, und zwar zu viert, um auf der Photographie zeigen zu können, daß die russischen Offiziere keine schwere, sondern leichte Arbeit zu leisten hatten. Das war nur für die Photographien, während es in Wirklichkeit ganz anders war.


VORSITZENDER: Ich dachte, Sie sagten, sie schleppten große, schwere Steine.


BOIX: Nein.


VORSITZENDER: Wurden die Aufnahmen gemacht während sie in ihren Uniformen diese leichten Steine schleppten?


BOIX: Sie hatten saubere und ordentliche Uniformen an, um zeigen zu können, daß die russischen Gefangenen sehr gut behandelt wurden, wie es sich gehörte.


VORSITZENDER: Sehr gut. Gibt es irgendeinen anderen Vorfall, den Sie vorbringen wollen?


BOIX: Ja, und zwar von Block 20. Auf Grund meiner photographischen Kenntnisse gelang es mir, ihn zu sehen. Ich hatte meinem Chef bei der Beleuchtung geholfen während er photographierte, und so habe ich jede Einzelheit, alles, was in dieser Baracke passierte, verfolgt. Es war ein inneres Lager. Diese Baracke war, wie alle anderen, sieben Meter breit und fünfzig Meter lang. Darin waren 1800 Häftlinge, und diese erhielten an Nahrung nicht einmal den vierten Teil von dem, was wir bekamen. Sie hatten keine Löffel und keine Teller; man entleerte große Kessel mit angefaulter Nahrung in den Schnee und wartete, bis sie zu gefrieren begann; dann wurde den Russen befohlen, sich darauf zu stürzen. Die Russen waren derart hungrig, daß sie sich rauften, um dies essen zu können. Die SS benützten den Wirrwarr, um einige von ihnen mit Knütteln zu schlagen.


VORSITZENDER: Wollen Sie sagen, daß Russen unmittelbar in den Block 20 gebracht wurden?


BOIX: Die Bussen betraten das Lager nicht unmittelbar. Diejenigen, die nicht sofort vergast wurden, gingen direkt in die Baracke 20. Selbst der Blockführer des inneren Lagers durfte dort nicht hinein. Sie kamen in mehreren kleinen Transporten von je [308] fünfzig und sechzig Mann in der Woche und man konnte immer die Rauferei von innen heraushören.

Als die Russen Januar 1945 erfuhren, daß die sowjetischen Armeen sich Jugoslawien näherten, versuchten sie ihr Glück zum letzten Male. Sie nahmen die Feuerlöscher und brachten dann die Soldaten eines Wachtpostens um, der unter dem Beobachtungsturm war. Sie nahmen die Maschinengewehre und alles, was ihnen als Waffe dienen konnte. Sie nahmen Decken und alles, was sie nur konnten. Es waren siebenhundert, von denen es nur zweiundsechzig gelang, mit den Partisanen nach Jugoslawien zu entkommen.

Der Lagerkommandant, Franz Ziereis, gab an diesem Tage durch Radio den Befehl an alle Zivilisten, bei der »Liquidierung« der aus dem Konzentrationslager entflohenen russischen Verbrecher mitzuhelfen. Er erklärte, daß derjenige, der den Nachweis erbringen könne, daß er einen von diesen Menschen umgebracht habe, eine beträchtliche Menge von Marken erhalten werde. Deshalb machten sich alle Nazi-Partisanen in Mauthausen an diese Aufgabe. Es gelang ihnen, mehr als sechshundert Entflohene zu erschlagen, zumal manche Russen nicht in der Lage waren, sich mehr als zehn Meter weit fortzuschleppen.

Nach der Befreiung ist einer dieser russischen Überlebenden nach Mauthausen gekommen, um zu sehen, wie alles geworden war. Und er war es, der uns alle Einzelheiten seines mühsamen Marsches erzählt hat.


VORSITZENDER: Ich glaube nicht, daß der Gerichtshof weitere Einzelheiten hören will. Wünscht irgendein Verteidiger eine Frage an den Zeugen zu richten über das, was er soeben vorgebracht hat?


RA. BABEL: Nur eine Frage! Sie haben im Verlauf Ihrer Aussagen Zahlen genannt, einmal einhundertfünfundsechzig, einhundertachtzig und jetzt siebenhundert. Waren Sie denn in der Lage, das selbst zu zählen?


BOIX: Fast immer betraten diese Transporte das Lager in Fünferreihen. Das war sehr leicht zu zählen. Diese Transporte wurden immer von der Wehrmacht aus den Wehrmachtsgefängnissen geschickt, irgendwoher aus Deutschland. Sie waren von allen Gefängnissen Deutschlands hergeschickt und kamen sowohl von der Wehrmacht und der Luftwaffe als auch vom SD oder von der SS her.


VORSITZENDER: Wollen Sie bitte nur die Fragen beantworten und keine Reden halten. Sie sagten, daß sie in Fünferreihen hineingebracht wurden, und daß es leicht war, sie zu zählen.


BOIX: Es war sehr leicht, sie zu zählen, besonders für diejenigen, die imstande sein wollten, es eines Tages zu berichten.


RA. BABEL: Hatten Sie denn soviel Zeit, das alles zu beobachten?


[309] BOIX: Die Transporte kamen immer abends, nach dem Einzug der Deportierten, in das Lager. Zu der Zeit hatte man immer zwei bis drei Stunden Zeit im Lager in Erwartung des Glockenzeichens, das uns zum Schlafengehen nötigte.

VORSITZENDER: Der Zeuge kann sich entfernen.


[Der Zeuge verläßt den Zeugenstand.]


M. DUBOST: Mit Erlaubnis des Gerichtshofes werden wir jetzt Herrn Cappelen, einen norwegischen Zeugen, anhören. Die Zeugenaussage von Herrn Cappelen wird sich auf die Bedingungen beschränken, unter denen die norwegischen Internierten in den norwegischen Lagern und Gefängnissen zu leben hatten.

VORSITZENDER: Sehr wohl.


[Der Zeuge betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Ich höre, Sie sprechen englisch?

ZEUGE HANS CAPPELEN: Ja.


VORSITZENDER: Wollen Sie den Eid in englischer Sprache leisten?


CAPPELEN: Ja, ich spreche lieber englisch.


VORSITZENDER: Wie ist Ihr Name?


CAPPELEN: Ich heiße Hans Cappelen.


VORSITZENDER: Wollen Sie mir diesen Eid nachsprechen: Ich schwöre, daß das Zeugnis, das ich geben werde, die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit sein wird, so wahr mir Gott helfe.


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


VORSITZENDER:


[zum Zeugen gewandt]


Sie können sich setzen. Herr Dubost, wollen Sie den Namen bitte buchstabieren lassen?


M. DUBOST: C – a – p – p – e – l – e – n.


VORSITZENDER: Es wäre für den Gerichtshof leichter, wenn ihm die Namen der Zeugen vor der Sitzung gegeben würden.


M. DUBOST: Gestern abend habe ich dem Gerichtshof einen Brief überbringen lassen, der an den Vorsitzenden des Gerichtshofes gerichtet war.


VORSITZENDER: Ich habe ihn noch nicht gesehen.


M. DUBOST: Herr Cappelen, Sie sind am 18. Dezember 1903 geboren?


CAPPELEN: Ja.


M. DUBOST: In welcher Stadt?


[310] CAPPELEN: Ich wurde in Kvitseid, Provinz Telemark in Norwegen, geboren.


M. DUBOST: Was ist Ihr Beruf?


CAPPELEN: Ich war Rechtsanwalt, bin aber jetzt Geschäftsmann.


M. DUBOST: Wollen Sie sagen, was Sie von den Brutalitäten der Gestapo in Norwegen wissen?


CAPPELEN: Jawohl. Ich bin am 29. November 1941 verhaftet und in das Gestapogefängnis in Oslo, Möllergata 19, eingeliefert worden. Nach zehn Tagen wurde ich von zwei norwegischen NS- oder Nazi-Polizeiagenten verhört. Sie fingen sofort an, mit Knütteln auf mich loszuschlagen. Wie lange dieses Verhör gedauert hat, kann ich mich nicht genau erinnern, aber es führte zu nichts. So wurde ich nach einigen Tagen nach Viktoria-Terrasse 32 gebracht, wo sich das Hauptquartier der Gestapo in Norwegen befand. Es war ungefähr 8.00 Uhr abends. Ich wurde in ein ziemlich großes Zimmer gebracht und aufgefordert, mich zu entkleiden. Ich mußte mich völlig nackt ausziehen. Ich war nach der ersten Behandlung durch die norwegischen Polizeiagenten etwas angeschwollen, aber es war nicht so schlimm.

In dem Zimmer waren sechs bis acht Gestapoagen ten anwesend. Der oberste war Kriminalrat, das war sein Titel, Femer. Er war wütend, und sie bombardierten mich sofort mit Fragen, die ich nicht beantworten konnte. Daraufhin lief Herr Femer auf mich zu und riß mir alle Haare vom Kopfe. Haar und Blut waren auf dem Fußboden um mich herum. Plötzlich fingen sie alle an, auf mich loszurennen und verprügelten mich mit Gummiknüppeln und Eisendrähten. Es tat mir sehr weh, und ich fiel in Ohnmacht. Sie brachten mich aber durch Übergießen mit eiskaltem Wasser wieder zum Bewußtsein.

Ich mußte mich übergeben, da ich mich natürlich furchtbar elend fühlte, aber das machte sie nur noch wütender, und sie sagten: »Das machst du wieder sauber, du dreckiger Hund« und ich mußte einen Versuch machen, es mit meinen Händen wieder sauber zu machen.

So ging das eine lange, lange Zeit weiter. Aber auch dieses Verhör führte zu keinem Resultat, weil sie mich mit Fragen bestürmten und nach Leuten fragten, die ich überhaupt nicht oder nur sehr flüchtig kannte.

Ich glaube, daß es schon Morgen war als man mich ins Gefängnis zurückbrachte. Ich wurde in meine Zelle gebracht und fühlte mich sehr schwach und krank. Ich war es auch. Während des ganzen Tages bat ich den Wachtposten, mir einen Arzt zu besorgen; das war am 19ten. Nach einigen Tagen, wahrscheinlich am Tag vor dem Weihnachtsabend, im Jahre 1941, wurde ich wiederum während der Nacht nach der Viktoria-Terrasse geschafft. Es passierte [311] dasselbe wie beim ersten Male; nur diesmal war es sehr einfach für mich, mich auszuziehen, da ich nur einen Mantel anhatte. Ich hatte noch Schwellungen von der letzten Behandlung. Von den Gestapoagenten waren, wie beim erstenmal, sechs, sieben oder acht anwesend.


VORSITZENDER: Sie meinen deutsche Gestapo?


CAPPELEN: Ja, deutsche Gestapo, alle. Femer war wiederum anwesend. Er hatte einen SS-Rang und war Kriminalkommissar. Dann fingen sie wieder an, mich zu verprügeln. Aber es hatte keinen Zweck, einen Mann zu verprügeln, der schon derartig angeschwollen war und so schlecht aussah wie ich. Dann fingen sie eine andere Methode an. Sie begannen, meine Arme und Beine zu verdrehen und zu brechen. Mein rechter Arm wurde ausgerenkt. Ich spürte den fürchterlichen Schmerz und fiel wieder in Ohnmacht. Dann geschah wieder dasselbe wie beim erstenmal. Man goß Wasser über mich, und ich kam wieder zum Bewußtsein.

Nun waren alle Deutschen vollkommen wahnsinnig. Sie brüllten wie Tiere und bombardierten mich wieder mit Fragen, aber ich war so erschöpft, daß ich nicht antworten konnte.

Und dann legten sie eine Art selbstverfertigtes-es erschien mir wie eine Art selbstangefertigtes hölzernes – Ding mit einer Schraubenvorrichtung um mein linkes Bein und fingen an, es zuzuschrauben, so daß sich alles Fleisch von den Knochen löste. Ich spürte einen fürchterlichen Schmerz und fiel wiederum in Ohnmacht. Aber ich kam wieder zum Bewußtsein, und ich habe hier an meinem Bein immer noch große Narben von der Schraubenvorrichtung. Das liegt nun schon vier Jahre zurück.

Da auch dies zu keinem Erfolg führte, legten sie mir etwas um den Hals – ich habe noch Narben hier –:


[der Zeuge zeigt die Narben]


und rissen mir auch da das Fleisch los. Dann brach ich aber zusammen, und plötzlich fühlte ich, daß ich auf der rechten Seite wie gelähmt war. Wie sich später herausstellte, hatte ich einen Blutsturz im Gehirn. Und ich sah alles doppelt. Ich sah jeden Gestapoagenten doppelt und alles drehte sich um mich herum. Dieses doppelte Sehen habe ich jahrelang gehabt, und wenn ich müde werde, kommt es immer wieder. Es geht mir aber jetzt besser, so daß ich mich auf der rechten Seite wieder bewegen kann, aber ich bin... die rechte Seite ist davon ein bißchen in Mitleidenschaft gezogen.

Ja, an diese Nacht kann ich mich nicht mehr recht erinnern, aber die anderen Gefangenen, die die Korridore im Gefängnis reinigen mußten, hatten gesehen, wie sie mich am Morgen zurückbrachten, ungefähr um 6.00 Uhr morgens muß das gewesen sein. Sie dachten, ich sei tot, da ich keine Eisenfesseln an meinen Händen hatte. Ich weiß [312] nicht, ob ein oder zwei Tage verflossen sind, eines Tages konnte ich mich jedenfalls wieder bewegen, und mir war ein bißchen klarer. Dann war der Wachtposten sofort in meiner Zelle, wo ich auf meiner Pritsche lag inmitten meines Blutes und Erbrechens, dann kam endlich ein Arzt.

Er hatte meiner Ansicht nach einen ziemlich hohen Rang. Welchen Rang, kann ich nicht genau sagen. Er sagte mir, daß ich wahrscheinlich sterben würde, besonders wenn ich nicht... Ich fragte ihn: »Könnten Sie mich nicht in ein Krankenhaus bringen lassen, weil...« Er sagte: »Nein, Irrsinnige soll man nicht in ein Krankenhaus bringen, bevor sie nicht tun, was wir wollen. Wie alle Norweger sind Sie irrsinnig.«

Also, mein Arm wurde wieder eingerenkt. Das tat sehr weh, aber zwei Soldaten hielten mich und sie drehten ihn ein. Ich wurde wieder ohnmächtig. So verfloß die Zeit, und ich hatte etwas Ruhe. Ich konnte nicht gehen, weil sich alles umzudrehen schien. Also blieb ich auf der Pritsche liegen. Eines Tages, wahrscheinlich Ende Februar oder Mitte Februar 1942, kamen sie nachts wieder. Es muß gegen 10.00 Uhr abends gewesen sein, denn das Licht in meiner Zelle war schon ziemlich lange aus. Ich wurde aufgefordert aufzustehen; ich versuchte es, fiel aber wieder um infolge der Lähmung. Daraufhin traten sie mich, aber ich sagte: »Wäre es nicht besser, wenn Sie mich umbrächten, weil ich mich nicht mehr bewegen kann?«

Ich wurde also aus der Zelle herausgeschleppt und wiederum nach der Viktoria-Terrasse gebracht, dem Hauptquartier, wo die Verhöre stattfanden. Diesmal wurde das Verhör von einem SS-Mann, namens Stehr, geleitet. Ich konnte nicht stehen, also lag ich nackt, wie ich war, auf dem Fußboden. Dieser Stehr hatte vier oder fünf Gestapoagenten als Helfer. Sie fingen an, auf mir herumzutrampeln und mich zu treten; plötzlich stellten sie mich wieder auf meine Füße und brachten mich zu einem Tisch, an dem Stehr saß. Er nahm meine linke Hand etwa so – [der Zeuge zeigt es]- und steckte mehrere Nadeln unter meine Fingernägel und begann sie aufzubrechen. Das war furchtbar schmerzhaft, und alles drehte sich wieder vor meinen Augen – das doppelte Sehen –. Der Schmerz war aber so stark, daß ich meine Hand zurückzog. Das hätte ich nicht machen sollen, denn das machte sie völlig wild. Ich wurde ohnmächtig, brach zusammen, und ich weiß nicht, wie lange dies dauerte. Dann kam ich durch den Geruch von verbranntem Fleisch wieder zum Bewußtsein. Einer der Gestapoagenten stand neben mir mit einer Art kleinen Lampe und verbrannte mir die Fußsohlen. Es hat mir nicht zu weh getan, da ich so schwach war, daß mir alles egal war. Ich war so gelähmt, meine Zunge konnte nicht mehr arbeiten, so daß ich nicht sprechen konnte, nur ein bißchen stöhnen und immer weinen natürlich.

[313] Ich kann mich an diesen Vorfall nicht mehr gut erinnern. Es war das Fürchterlichste, das ich jemals während eines Verhörs erlebte. Sie brachten mich wieder zurück ins Gefängnis. Die Zeit verging, und ich versuchte etwas zu essen, aber ich brach das meiste wieder heraus. Nach und nach konnte ich mich aber etwas erholen. Ich war noch auf der Seite gelähmt, so daß ich nicht aufstehen konnte.

Ich wurde aber auch wieder zu Verhören geholt, und dann stellte man mich anderen Norwegern gegenüber, Leuten, die ich kannte, und Leuten, die ich nicht kannte. Die meisten von ihnen waren mißhandelt worden. Sie waren angeschwollen. Ich kann mich insbesondere an zwei meiner Freunde erinnern, zwei sehr anständige Menschen. Ich war ihnen gegenübergestellt worden, und beide sahen infolge der Folterungen fürchterlich aus. Als ich von meiner Haft zurückkam, hörte ich, daß beide tot waren; sie sind an den Folgen der Folterungen gestorben.

Ein anderer Vorfall, den ich vortragen möchte, falls mir der Gerichtshof die Erlaubnis gibt, dreht sich um einen Mann namens Sverre Emil Halvorsen. Eines Tages, es muß im Herbst, im August oder Oktober 1943, gewesen sein, war er etwas angeschwollen und sehr unglücklich. Er sagte mir, daß man ihn so gemein behandelt habe. Er und einige seiner Freunde seien einer Art Gericht vorgeführt worden, wo man ihnen gesagt habe, daß sie am nächsten Tag erschossen werden würden. Sie erließen eine Art Urteil gegen sie, nur um ein Exempel zu statuieren.

Halvorsen hatte natürlich Kopfschmerzen und fühlte sich sehr krank. Ich bat den Wachtposten, den Wachführer zu holen, einen Mann namens Götz. Dieser kam und wollte wissen, was zum Teufel ich wollte. Ich erwiderte ihm: »Mein Kamerad ist sehr krank; könnte er nicht ein paar Aspirin bekommen?« »Ach nein«, sagte er, »das ist ja Verschwendung, ihm Aspirin zu geben, denn er soll ja am Morgen erschossen werden.«

Am nächsten Morgen holte man ihn aus seiner Zelle, und nach dem Kriege hat man ihn bei Drontheim, zusammen mit anderen Norwegern, in einem Grab aufgefunden, mit einer Kugel durchs Genick.

Das Gefängnis in Oslo, Möllergata 19, wo ich ungefähr fünfundzwanzig Monate war, war ein Haus des Schreckens. Jede Nacht, fast jede Nacht hörte ich das Geschrei von Leuten und ihr Stöhnen.

Eines Tages, es muß im Dezember 1943 gewesen sein, ich glaube etwa am 8. Dezember, kamen sie in meine Zelle und erklärten mir, ich müßte mich anziehen. Es war mitten in der Nacht. Ich zog meine zerlumpten Kleider, die ich noch hatte, an. Ich hatte mich inzwischen praktisch erholt, ich war natürlich auf der einen Seite lahm, und ich konnte nicht so gut gehen, aber ich konnte gehen. Ich ging den Korridor hinunter, wo sie mich wie üblich gegen die [314] Wand stellten, und ich wartete darauf, daß sie mich wegbrächten und erschössen. Ich wurde aber nicht erschossen. Ich wurde mit einem Haufen anderer Norweger nach Deutschland gebracht. Ich habe später erfahren, daß einige meiner Freunde – und unter Freunden meine ich im allgemeinen Norweger –, daß wir sogenannte »Nacht- und Nebel«-Gefangene waren. Wir wurden in ein Lager gebracht, das den Namen Natzweiler trug, im Elsaß. Ich muß sagen, es war ein sehr übles Lager.

Wir mußten in einem Steinbruch arbeiten – ja –, Steine aus den Bergen heraushacken. Aber ich werde Ihnen nicht darüber berichten, Sie mit meinen Erzählungen über Natzweiler langweilen, Hoher Gerichtshof; ich will nur sagen, daß alle anderen Nationen: Franzosen, Russen, Holländer und Belgier sich ebenfalls dort befanden; wir waren ungefähr 500 Norweger. Von diesen starben 60 bis 70 Prozent, dort oder in anderen Konzentrationslagern. Es waren auch zwei Dänen dort.

Wir sahen viele fürchterliche Dinge dort, so fürchterlich, daß wir sie nicht... Sie sind allgemein bekannt. Im September 1944 mußte das Lager evakuiert werden. Daraufhin brachte man uns nach Dachau bei München. Dort blieben wir aber nicht lange, ich wenigstens blieb nicht lange dort. Ich wurde zu einem Kommando – Aurich in Ostfriesland – verschickt, wo wir ungefähr... Das war ein Unterkommando von Neuengamme bei Hamburg. Dort waren wir etwa 1500 Gefangene und mußten Panzergräben ausheben. Jeden Tag mußten wir ungefähr drei oder vier Stunden marschieren und eine Stunde mit der Bahn zu dem Panzergraben fahren, an dem wir arbeiteten. Die Arbeit war so, so, so hart und so schwer und die Behandlung so übel, daß die meisten von ihnen dort umkamen. Ich vermute, etwa die Hälfte der Gefangenen starb an Durchfall oder an den Mißhandlungen während der fünf bis sechs Wochen, die wir dort waren. Es war selbst zuviel für die SS, die die Aufsicht über das Lager hatte; so gaben sie es auf, vermute ich, und ich wurde von Neuengamme bei Hamburg in ein Lager namens Groß-Rosen in Schlesien, in der Nähe von Breslau geschickt. Das war auch ein sehr übles Lager. Wir waren dort ungefähr vierzig Norweger, und von diesen vierzig Norwegern waren nach vier bis fünf Wochen ungefähr noch zehn am Leben.


VORSITZENDER: Sie werden wohl noch etwas länger aussagen; legen wir also lieber eine Pause von zehn Minuten ein.


[Pause von 10 Minuten.]


VORSITZENDER: Fahren Sie bitte fort.

M. DUBOST: Herr Cappelen, wollen Sie bitte mit der Erzählung Ihrer Lagerzeit fortfahren und uns insbesondere sagen, was Sie vom [315] Lager Natzweiler wissen, und über die Tätigkeit des Dr. Hirt, Hirsch oder Hirtz von der deutschen medizinischen Fakultät Straßburg.


CAPPELEN: In Natzweiler wurden auch Experimente durchgeführt. Unmittelbar neben dem Lager war ein Gut, das Struthof hieß. Es war eigentlich ein Teil des Lagers. Einige der Gefangenen mußten dort arbeiten, und zwar die Zimmer reinigen; nicht sehr häufig, aber gelegentlich wurden sie beim Appell herausgerufen. Ich erinnere mich zum Beispiel, daß eines Tages alle Zigeuner herausgerufen und dann nach dem Struthof gebracht wurden. Sie hatten große Angst davor.

Einer meiner Freunde, ein Norweger namens Hviddling, war im Krankenhaus, dem sogenannten Lagerkrankenhaus, beschäftigt; er erzählte mir einen Tag, nachdem die Zigeuner zum Struthof gebracht worden waren: »Ich will Ihnen etwas sagen. Soviel ich weiß, haben sie irgendein Gas an ihnen ausprobiert.«

Ich fragte: »Woher wissen Sie das?«

»Gut, kommen Sie 'mal mit mir.«

Und dann konnte ich durch das Fenster des Krankenhauses vier dieser Zigeuner im Bett liegen sehen. Sie sahen nicht gut aus; es war nicht so einfach, durch das Fenster zu sehen, aber ich glaube, sie hatten etwas Schleim um den Mund. Er sagte mir – Hviddling erzählte mir, daß die Zigeuner nicht viel reden könnten, weil sie so krank seien. Aber soviel er wüßte, handle es sich um Gas, das man bei ihnen angewandt habe. Es seien zwölf gewesen, soweit Hviddling wußte, unten auf dem Struthof gestorben.

Hviddling sagte weiter zu mir: »Sehen Sie diesen Mann, der manchmal mit anderen Leuten durch das Lager geht?«

»Ja, ich habe ihn gesehen«, sagte ich.

»Das ist Professor Hirtz von der deutschen Universität in Straßburg.«

Ich bin ganz sicher, daß Hviddling sagte, dieser Mann heiße Hirt oder Hirtz. Er käme jetzt fast jeden Tag mit einer sogenannten Kommission hierher, um sich die Leute anzusehen, die vom Struthof zurückkommen, um die Ergebnisse zu beobachten.

Das ist alles, was ich hierüber weiß.


M. DUBOST: Wieviele Norweger sind in Groß-Rosen gestorben?


CAPPELEN: Für Groß-Rosen kann ich die genaue Zahl nicht angeben. Ich kenne aber ungefähr vierzig Leute, die dort waren, und ich kenne ungefähr zehn, die zurückgekommen sind, Groß-Rosen war ein übles Lager. Aber wohl das schlimmste war die Evakuierung von Groß-Rosen. Ich nehme an, es muß ungefähr Mitte Februar dieses Jahres gewesen sein. Die Russen rückten näher und näher an Breslau heran.


[316] VORSITZENDER: Sie meinen 1945?


CAPPELEN: 1945 meine ich, entschuldigen Sie, 1945.

Eines Tages wurden wir auf einem sogenannten »Appellplatz« zusammengebracht. Wir waren alle sehr schwach; wir hatten schwer zu arbeiten, wenig zu essen und alle Arten von Mißhandlungen zu erdulden. Wir fingen an, in Gruppen von ungefähr 2000 bis 3000 Mann zu marschieren. In meiner Gruppe befanden sich ungefähr 2500 bis 2800 Personen. Wir hörten beim Abzählen, daß es so und so viele waren.

Wir fingen an zu marschieren; wir waren auf bei den Seiten von SS-Posten bewacht. Diese waren sehr nervös und benahmen sich beinahe wie Verrückte. Manche waren betrunken. Wir konnten nicht schnell genug marschieren. Da nahmen sie ihre Gewehre und schlugen die Köpfe von fünf Leuten ein, die das Tempo nicht halten konnten; dazu sagten sie auf deutsch: »So geht es, wenn man nicht vernünftig marschiert.« Die anderen wären ebenso behandelt worden, wenn sie nicht mitgekommen wären.

Wir marschierten so gut wir nur konnten. Wir versuchten einander zu helfen, aber wir waren alle zu schwach. Nach ungefähr sechs bis acht Stunden erreichten wir endlich eine Station, eine Eisenbahnstation. Es war sehr kalt, und wir hatten nur die gestreiften Gefangenenanzüge an und schlechte Schuhe. Trotzdem sagten wir: »Oh, wir freuen uns, daß wir eine Eisenbahnstation erreicht haben. Es ist besser, in einem Viehwagen zu stehen, als mitten im Winter zu marschieren.« Es war sehr kalt, 10 bis 12 Grad unter Null, glaube ich, sehr kalt. Es war ein langer Zug mit offenen Wagen. In Norwegen bezeichnen wir sie als Sandwagen. Wir wurden mit Fußtritten auf diese Wagen getrieben, ungefähr achtzig Mann auf jeden Wagen. Wir mußten zusammensitzen und saßen auf diesen Wagen ungefähr fünf Tage, ohne Essen, frierend, und ohne Wasser. Wenn es schneite, machten wir es so (der Zeuge zeigt es), nur um etwas Wasser in den Mund zu bekommen. Nach einer langen, langen Zeit, es schien mir als wären es Jahre, kamen wir zu einem Ort, der, wie ich später erfuhr, Dora war, nahe bei Buchenwald.

Also wir kamen dort an; sie stießen uns mit den Füßen von den Wagen herunter, aber viele waren tot. Der Mann, der neben mir saß, war tot, aber ich durfte nicht weg. So mußte ich dort den letzten Tag neben einem Toten sitzen. Ich habe die Ziffern natürlich nicht selbst gesehen, aber ungefähr ein Drittel oder die Hälfte von uns waren tot. Und sie sagten, daß ein Drittel – ich hörte die Zahl später in Dora –, daß die Zahl der Toten auf unserem Zug sich auf 1447 belief.

An Dora erinnere ich mich nicht so viel, da ich mehr oder weniger tot war. Ich war immer ein Mann mit gutem Humor und [317] guter Laune, der sich selbst und seinen Freunden half, aber ich hatte beinahe aufgegeben.

Ich kann mich an vieles nicht mehr erinnern. Ich hatte Glück, da die Aktion Bernadotte kam, und wir wurden befreit und nach Neuengamme bei Hamburg gebracht. Dort fand ich einige meiner alten Freunde wieder, Studenten aus Norwegen, die nach Deutschland deportiert worden waren, und andere Gefangene, die von Sachsenhausen und anderen Lagern kamen, verhältnismäßig wenig norwegische »NN«-Gefangene, die noch am Leben waren und sich alle in einem sehr schlechten Zustand befanden. Viele meiner Freunde sind noch in Norwegen im Krankenhaus. Einige starben, nachdem sie nach Hause kamen.

Das ist, was ich und meine Kameraden in dreidreiviertel Jahren Gefangenschaft erlebt haben.

Ich bin mir vollkommen darüber klar, daß es für mich unmöglich ist, noch mehr Einzelheiten anzugeben. Ich habe aber sozusagen die Teile herausgenommen, die hoffentlich veranschaulichen, wie sich die deutsche SS gegen die Norweger und in Norwegen benommen hat.


M. DUBOST: Aus welchem Grunde wurden Sie verhaftet?


CAPPELEN: Ich bin am 29. November 1941 in einem Ort verhaftet worden, der damals Hoistly hieß. Das ist eine Art Sanatorium, wohin man zum Skifahren geht.


M. DUBOST: Was warf man Ihnen vor?


CAPPELEN: Was ich getan habe? Wie die meisten von uns Norwegern betrachteten wir uns auf diese oder jene Art als im Kriegszustand mit Deutschland befindlich. Natürlich waren die meisten von uns gefühlsmäßig gegen sie, und auch als mich die Gestapo fragte: »Was halten Sie von Herrn Quisling?« antwortete ich nur: »Was hätten Sie getan, wenn ein deutscher Offizier, und sei es auch ein Major, käme und, während Ihr Land sich im Kriege befand und Ihre Regierung einen Mobilmachungsbefehl gegeben hatte, sagte: ›Vergiß lieber den Mobilmachungsbefehl?‹ Ein Mann kann das nicht mit Anstand tun.«


M. DUBOST: Hat die deutsche Bevölkerung im allgemeinen gewußt, was in den Lagern vorging oder nicht?


CAPPELEN: Diese Frage läßt sich verständlicherweise von mir aus schwer beantworten. Aber in Norwegen, selbst zu der Zeit, als ich verhaftet wurde, wußten wir wenigstens schon sehr viel darüber, wie die Deutschen ihre Gefangenen behandelten. Ich kann mich an eine Sache in München erinnern, wo ich arbeitete, nein, ich arbeitete nicht, ich war in Dachau während dieser kurzen Zeit. Ich wurde einmal zusammen mit einigen anderen nach München [318] gebracht, um in den Ruinen nach Toten zu suchen, Bomben aufzuspüren und dergleichen. Ich glaube, das war der Zweck. Man sagte es uns nie, aber wir wußten, was los war. Wir waren ungefähr einhundert Gefangene. Wir alle sahen aus wie lebende Leichname. Wir marschierten durch die Straßen, und die Leute konnten uns sehen; sie konnten auch sehen, was für Arbeit wir verrichten sollten. Man konnte sich denken, daß sie sehr gefährlich war, und daß sie ihnen in gewisser Weise helfen sollte. Aber sie freuten sich nicht, uns zu sehen. Einige beschimpften uns: »Es ist Eure Schuld, daß wir bombardiert werden.«


M. DUBOST: Gab es Geistliche in Ihren Lagern? War es ihnen erlaubt, Andachten abzuhalten?


CAPPELEN: Nun, wir hatten unter den »NN«-Gefangenen in Natzweiler einen Priester aus Norwegen. Ich glaube, er war, was Sie auf Englisch Dean (Dekan) nennen, stand also in ziemlich hohem Range; im Norwegischen sagen wir »Prost«. Er kam von der Westküste Norwegens. Er wurde ebenfalls als »NN«-Gefangener nach Natzweiler überführt. Einige meiner Kameraden fragten ihn, ob sie nicht gelegentlich zusammenkommen könnten, so daß er ihnen eine Predigt halten könnte. Er sagte aber: »Nein, ich habe nicht den Mut, das zu tun. Ich hatte eine Bibel; die haben sie mir fortgenommen und darüber Witze gemacht und mich einen dreckigen Priester genannt.« Wenn man die Bibel oder derartige Dinge zeigt, wissen Sie ja; wir unternahmen also nichts in dieser Richtung.


M. DUBOST: Haben diejenigen von Ihnen, die starben, in der Sterbestunde die Tröstungen ihrer Religion erhalten?


CAPPELEN: Nein.

M. DUBOST: Wurden die Toten anständig behandelt?


CAPPELEN: Nein.


M. DUBOST: Gab es einen Gottesdienst?


CAPPELEN: Nein.


M. DUBOST: Ich habe keine weiteren Fragen zu stellen.


VORSITZENDER: Hat der sowjetische Delegierte eine Frage zu stellen?


GENERAL RUDENKO: Ich habe keine Fragen mehr zu stellen.


VORSITZENDER: Der amerikanische Anklagevertreter?


[Keine Antwort.]


Wünscht dann einer der Verteidiger dem Zeugen irgendwelche Fragen vorzulegen?

[319] DR. MERKEL: Herr Zeuge, bei dem ersten Verhör, das in der Regel etwa zehn Tage nach der Verhaftung stattfand, wurden Sie da von deutschen oder von norwegischen Gestapoleuten verhört?

CAPPELEN: Ich wurde von zwei Norwegern verhört, die, wie ich später erfuhr, der sogenannten Staatspolizei angehörten. Das war nicht die Polizei in Norwegen; sie arbeiteten mit der Gestapo zusammen; tatsächlich war es dasselbe. Aber von diesen wurde ich nach den zehn Tagen verhört. Sie machten dies, wie ich später erfuhr, gewöhnlich so, weil es leicht war, das Verhör auf norwegisch vorzunehmen, und weil einige Deutsche nicht Norwegisch konnten; die meisten konnten es nicht. Ich glaube, daß sie deswegen die Norweger nahmen, die man tatsächlich als Gestapo bezeichnen kann. Sie ließen diese die Leute zuerst verhören.


DR. MERKEL: Als Sie dann in der Viktoria-Terrasse – ich glaube, ich habe das recht verstanden, daß Sie damit das Hauptquartier der Gestapo in Oslo bezeichnet haben – vernommen wurden, waren bei diesem Verhör norwegische oder deutsche Beamte zugegen?


CAPPELEN: Ich glaube sagen zu können, daß ein Norweger als eine Art Dolmetscher fungierte, da ich aber deutsch sprach, kann ich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob dort ein oder zwei norwegische Polizisten zugegen waren. Das ist schwer zu beantworten. Da aber die Viktoria-Terrasse das Hauptquartier der Gestapo war, hatten sie natürlich einige norwegische Nazis zu ihrer Unterstützung dort. Aber die meisten von ihnen waren Deutsche.

DR. MERKEL: Waren die Beamten, die Sie verhört haben, in Uniform oder in Zivil?


CAPPELEN: Während meiner Verhöre habe ich sie manchmal auch in Uniform gesehen; aber wenn sie mich folterten, waren sie meistens in Zivil. Soweit ich mich erinnern kann, war nur ein Mann in Uniform bei einem der Folterverhöre.


DR. MERKEL: Sie sagten, daß Sie dann von einem Arzt behandelt wurden. Ist dieser Arzt von sich aus, freiwillig, gekommen oder haben Sie den Arzt gebeten, zu kommen?


CAPPELEN: Das erstemal, als ich um einen Arzt bat, habe ich keinen bekommen. Als ich jedoch damals wieder zum Bewußtsein kam, als man mich vielleicht schon für tot hielt, hatte der Wächter mich wohl angesehen, denn er lief dann weg, und später kamen sie mit einem Arzt.


DR. MERKEL: Wußten Sie, daß für die Lagerinsassen in den deutschen Lagern ein absolutes Schweigeverbot bestand, über die Zustände im Lager zu sprechen, sowohl untereinander wie selbstverständlich auch dritten Personen gegenüber, und daß strengste Strafen gegen die Verletzung dieses Schweigeverbotes bestanden?


[320] CAPPELEN: Nun, in den Lagern war es so – es war natürlich mehr oder weniger klar, daß es mehr oder weniger verboten war, über die erlittenen Folterungen zu sprechen. In den Lagern aber, den »Nacht- und Nebel-Lagern«, in denen war ich, war es derart schrecklich, daß selbst die Folterung manchmal besser erschien als das langsame Dahinsterben. Fast der einzige Unterhaltungsgegenstand war bei uns: »Wann wird der Krieg vorbei sein – wie können wir unseren Kameraden helfen – und werden wir heute abend etwas zu essen bekommen oder nicht?«


DR. MERKEL: Ich danke Ihnen.


VORSITZENDER: Wünscht irgendein anderer Verteidiger Fragen zu stellen? Herr Dubost, wünschen Sie irgend etwas zu fragen?


M. DUBOST: Ich habe keine Fragen mehr zu stellen; ich danke Ihnen.


VORSITZENDER: Der Zeuge kann sich entfernen.


[Der Zeuge verläßt den Zeugenstand.]


M. DUBOST: Wenn es der Gerichtshof erlaubt, können wir jetzt den Zeugen Roser anhören, der einige Angaben über die Bedingungen machen wird, unter denen die französischen Kriegsgefangenen in den Vergeltungslagern lebten.

[Der Zeuge betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Wie heißen Sie?

ZEUGE PAUL ROSER: Paul Roser.


VORSITZENDER: Schwören Sie, ohne Haß und Furcht zu sprechen, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Heben Sie die rechte Hand und sprechen Sie: »Ich schwöre.«


[Der Zeuge spricht die Eidesformel in französischer Sprache nach.]


VORSITZENDER: Sie können sich setzen.

M. DUBOST: Sie heißen Paul Roser?


ROSER: Ja.


M. DUBOST: Ihr Name wird R-o-z-e-r geschrieben?


ROSER: R-o-s-e-r.


M. DUBOST: Sie sind geboren...


ROSER: Am 8. Mai 1903 in Pantin.


M. DUBOST: Sind Sie französischer Staatsangehöriger?


ROSER: Ja.

[321] M. DUBOST: Stammen Sie von französischen Eltern ab?


ROSER: Ja, von französischen Eltern.


M. DUBOST: Sind Sie Kriegsgefangener gewesen?


ROSER: Ja.


M. DUBOST: Sind Sie im Kampf gefangengenommen worden?


ROSER: Ja.


M. DUBOST: In welchem Jahre?


ROSER: Am 14. Juni 1940.


M. DUBOST: Haben Sie versucht zu fliehen?


ROSER: Ja, mehrere Male.


M. DUBOST: Wie oft?


ROSER: Fünfmal.


M. DUBOST: Fünfmal?


ROSER: Ja, fünfmal.


M. DUBOST: Sie wurden schließlich in ein Straflager versetzt?


ROSER: Ja.


M. DUBOST: Wollen Sie uns die Verhältnisse in diesem Straflager schildern. Geben Sie bitte Ihren Rang an, und schildern Sie die Behandlung, der man Franzosen Ihres Ranges in diesen Straflagern unterwarf und aus welchen Gründen.


ROSER: Jawohl. Ich war Offiziersanwärter; das ist in Frankreich ein Rang zwischen Oberfeldwebel und Leutnant. Ich war in mehreren Straflagern. Das erste war ein kleines Lager, das die Deutschen Strafkommando nannten, Linzburg in Hannover. Das war im Jahre 1941; wir waren ungefähr dreißig Mann dort. Während meines Aufenthaltes bei diesem Kommando im Sommer 1941 haben wir versucht zu fliehen. Im Augenblick des Ausbruchs wurden wir von unseren Wächtern wieder ergriffen. Wir hatten natürlich keine Waffen. Der erste von uns, der wieder ergriffen wurde...


VORSITZENDER: Sie sprechen viel zu schnell für uns; wir können Ihnen nicht folgen. Wollen Sie jetzt bitte langsamer fortfahren?


ROSER: Jawohl.

Die Deutschen, unsere Wachtmannschaften, hatten einen von uns wieder erwischt und wollten ihn veranlassen, diejenigen anzuzeigen, die ebenfalls fliehen wollten. Der Mann sagte nichts. Die Wachtposten stürzten sich auf ihn, schlugen ihn mit Revolverkolben, mit [322] Bajonetten und mit Gewehrkolben ins Gesicht. In diesem Augenblick traten mehrere von uns vor, da wir unseren Kameraden nicht totschlagen lassen wollten, und meldeten sich. Ich bekam dann mehrere Bajonettschläge auf den Kopf und wurde ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, hatte sich einer der Deutschen auf mein Bein niedergekniet und schlug weiter, ein anderer hob sein Gewehr und versuchte, meinen Kopf zu treffen. Ich wurde bei dieser Gelegenheit nur durch das Dazwischentreten meiner Kameraden gerettet, die sich zwischen die Deutschen und mich warfen. In jener Nacht wurden wir genau drei Stunden lang verprügelt, mit Gewehrkolben, Bajonetten und Revolvern ins Gesicht. Ich habe dreimal das Bewußtsein verloren. Am nächsten Morgen hat man uns trotzdem zur Arbeit geführt. Wir hoben im Moor Entwässerungsgräben aus. Das war eine sehr harte Arbeit, die von 6.30 Uhr morgens bis 6.00 Uhr abends andauerte. Wir machten zwei Pausen von etwa je einer halben Stunde. Wir hatten während des ganzen Tages nichts zu essen. Wenn wir abends zurückkamen, erhielten wir eine Suppe und ein Stück Brot, ein kleines Stückchen Wurst oder zwei Kubikzentimeter Margarine; das war alles.

Auf Grund unseres Fluchtversuchs enthielten uns unsere Wächter einen Monat lang alle Pakete vor, die uns unsere Familien schickten. Wir durften nicht schreiben und auch keine Briefe empfangen.

Nach dreieinhalb Monaten, im September 1941, wurden wir in gewöhnliche Kommandos verlegt. Ich selbst war damals sehr krank und kam zum Stalag X B in Sandbostel zurück.


M. DUBOST: Warum wurden Sie einer besonderen Behandlung unterworfen, obgleich Sie Offiziersanwärter waren?


ROSER: Sicherlich auf Grund meiner Fluchtversuche.


M. DUBOST: Hatten Sie sich bereiterklärt zu arbeiten?


ROSER: Nein, ich hatte mich wie alle meine Kameraden, die Offiziersanwärter waren, und die Mehrzahl der Unteroffiziere geweigert, zu arbeiten, indem ich mich auf die Bestimmungen des Genfer Abkommens berief, das Deutschland unterzeichnet hatte. Dieses Abkommen sieht vor, daß die gefangenen Unteroffiziere ohne ihre Zustimmung nicht zur Arbeit herangezogen werden können. Die Deutsche Wehrmacht, in deren Händen wir uns befanden, hat sozusagen niemals diese von Deutschland eingegangene Verpflichtung eingehalten.


M. DUBOST: Wissen Sie etwas von den Hinrichtungen, die im Oflag II B vorgekommen sein sollen?


ROSER: Ich wußte von dem Tod mehrerer französischer oder alliierter Gefangener, insbesondere im Oflag II in Großborn in Pommern. Der französische Leutnant Robin, der mit mehreren [323] Kameraden einen Fluchtversuch vorbereitet und zu diesem Zwecke einen Tunnel ausgegraben hatte, wurde auf folgende Art und Weise getötet: Nachdem die Deutschen von dem vorbereiteten Tunnel erfahren hatten, paßte Hauptmann Buchmann, der zum Lagerstamm gehörte, den Ausbruch der Flüchtenden mit einigen deutschen Wachtmannschaften ab. Leutnant Robin, der als erster aus dem Tunnel herauskam, wurde durch einen Schuß getötet, obwohl er offensichtlich in keiner Weise jemanden angreifen oder sich verteidigen konnte.

Auch andere Fälle dieser Art sind vorgekommen. Einer meiner Freunde, der französische Leutnant Ledoux, wurde zur Festung Graudenz geschickt, wo er einem schrecklichen Strafverfahren unterzogen wurde. Er mußte zusehen, wie sein bester Freund, der britische Leutnant Anthony Thompson, vom Hauptfeldwebel Ostreich durch einen Genickschuß in ihrer Zelle umgebracht wurde. Leutnant Thompson hatte gerade einen Fluchtversuch unternommen und war von den Deutschen auf dem Flugplatz wieder festgenommen worden. Leutnant Thompson gehörte der RAF an.

Ich möchte auch sagen, daß im Lager Rawa-Ruska in Galizien, wo ich mich fünf Monate aufgehalten habe, mehrere unserer Kameraden...


M. DUBOST: Wollen Sie uns sagen, warum Sie in Rawa-Ruska waren?


ROSER: Im Laufe des Winters 1941/42 wollten die Deutschen erstens die die Arbeit verweigernden Unteroffiziere, zweitens die, die Fluchtversuche gemacht hatten, und drittens die in Kommandos eingesetzten Männer, die bei Sabotageakten ertappt worden waren, einschüchtern. Die Deutschen teilten uns mit, daß vom 1. April 1942 an alle Flüchtlinge, die wieder ergriffen würden, in ein sogenanntes Straflager nach Rawa-Ruska in Polen überführt würden.

Auf Grund eines weiteren Fluchtversuches wurde ich mit ungefähr 2000 Franzosen nach Polen verschickt. Ich befand mich in Limburg an der Lahn, Stalag 12 A, wo wir neu zusammengestellt und in Eisenbahnwaggons verladen wurden. Man nahm uns die Regenmäntel, Stiefel und Lebensmittel, die einige von uns aufbewahrt hatten, weg. Wir wurden in Waggons verladen, dreiundfünfzig bis sechsundfünfzig Mann je Waggon. Die Reise dauerte sechs Tage. Gewöhnlich wurden die Waggons nur einige Minuten aufgemacht, während der Zug auf freier Strecke hielt. Man hat uns in sechs Tagen zweimal Suppe gegeben, einmal in Oppeln und einmal in Jaroslaw, und diese Suppe war ungenießbar. Während dieser Reise bekamen wir sechsunddreißig Stunden lang nichts zu trinken. Es war unmöglich, sich Wasser zu verschaffen, da wir keine Behälter bei uns hatten. Als wir am 1. Juni 1942 in Rawa-Ruska ankamen, trafen wir dort hauptsächlich französische Gefangene an, die sich [324] dort bereits seit einigen Wochen befanden. Sie waren äußerst niedergeschlagen. Die Verpflegung war viel schlechter als alles, was wir bisher erlebt hatten, und an niemanden waren Pakete von seiner Familie oder vom Internationalen Roten Kreuz ausgegeben worden. Zu jener Zeit waren wir 12000 bis 13000 in diesem Lager. Für diese Anzahl gab es einen Wasserhahn, der einige Stunden am Tage untrinkbares Wasser abgab. Dieser Zustand dauerte bis zum Besuch zweier Schweizer Ärzte an, die, glaube ich, im September ins Lager kamen. Wir waren in vier Kasernen untergebracht, in denen die einzelnen Räume bis zu sechshundert Mann aufnehmen mußten. Wir waren auf dreistöckigen Pritschen zusammengepfercht, mit ungefähr 35 bis 40 Zentimetern Platz für jeden einzelnen.

Während unseres Aufenthalts in Rawa-Ruska wurden zahlreiche Fluchtversuche unternommen, über fünfhundert in sechs Monaten. Mehrere unserer Kameraden fielen dabei. Einige wurden in dem Augen blick tödlich getroffen, in dem ein Wachtposten sie wahrnahm. Trotz dieser für uns so traurigen Ereignisse bestritt keiner von uns das Recht unserer Wachtposten, in solchen Fällen zu schießen. Aber mehrere wurden ermordet. So wurde namentlich am 12. August 1942 der Soldat Lavesque beim Kommando Tarnopol mit mehreren Schuß- und weiten Bajonettwunden aufgefunden.

Beim Kommando Verciniec entwichen am 14. August 93 Franzosen, denen es gelungen war, einen Tunnel zu graben. Drei von ihnen, Conan, van den Boosch und Poutrelle wurden von deutschen Soldaten, die sie suchten, überrascht. Zwei von ihnen schliefen, der dritte, Poutrelle, schlief nicht. Die Deutschen, ein Gefreiter und zwei Mann, stellten die Personalien der drei Franzosen sehr ruhig und ohne Geschrei fest. Dann erklärten sie ihnen: »Jetzt sind wir verpflichtet, Euch zu erschießen.« Die drei Unglücklichen baten wegen ihrer Familien um Gnade. Der deutsche Gefreite gab zur Antwort, was wir allzu oft gehört haben: »Befehl ist Befehl.« Sie schossen zwei der französischen Gefangenen sofort nieder, Conan und van den Boosch. Poutrelle lief wie ein Wahnsinniger davon, und dank eines glücklichen Zufalls konnte er nicht wieder eingeholt werden. Wenige Tage später wurde er jedoch in der Gegend von Krakau wieder erwischt. Er wurde dann nach Rawa- Ruska zurückgebracht, wo wir ihn in einem an Wahnsinn grenzenden Zustand gesehen haben.

Beim Kommando Stryj war am 14. August eine Gruppe von ungefähr zwanzig Gefangenen von mehreren Wachtmannschaften auf dem Wege zur Arbeit begleitet.


M. DUBOST: Entschuldigen Sie bitte, es handelt sich um französische Kriegsgefangene?


[325] ROSER: Jawohl, im vorliegenden Fall um französische Kriegsgefangene. Ein deutscher Unteroffizier, der zwei von ihnen, Pierrel und Ondiviella, schon seit einiger Zeit verfolgte, führte diese beiden, als sie an einem Wald entlanggingen, mit in den Wald. Einige Augenblicke später hörten die anderen Schüsse. Pierrel und Ondiviella waren gerade erschossen worden.

Am 20. September 1942, ebenfalls in Stryj, arbeitete ein Kommando unter der Aufsicht deutscher Soldaten und deutscher ziviler Vorarbeiter. Einem Franzosen gelang es, zu entkommen. Ohne lange abzuwarten, suchte sich der deutsche Unteroffizier zwei Leute aus – wenn ich mich recht erinnere, hießen sie Saladin und Duboeuf – und schoß sie auf der Stelle nieder. Zwischenfälle dieser Art sind auch noch bei anderen Gelegenheiten vorgekommen. Es wäre eine lange Liste.


M. DUBOST: Können Sie die Zustände beschreiben, die bei den widerspenstigen, das heißt, den arbeitsunwilligen Unteroffizieren herrschten, die mit Ihnen in Rawa-Ruska waren?


ROSER: Die Unteroffiziere, die sich weigerten zu arbeiten, wurden in einem Teil des Lagers zusammengebracht, und zwar in zwei sehr großen Pferdeställen, die als Unterkunft dienten. Sie wurden unter scharfem Druck gehalten, häufiges Antreten; Appelle, Übungen mit »Hinlegen – auf«. Das ist eine Übung, die einen nach einer gewissen Zeit fertig macht.

Eines Tages, als sich der französische Unteroffizier Corbihan dem Hauptmann Fournier gegenüber weigerte, ein Werkzeug für die Arbeit zur Hand zu nehmen, machte der deutsche Hauptmann ein Zeichen, und einer der deutschen Soldaten, die bei ihm waren, durchbohrte Corbihan mit seinem Bajonett. Corbihan entging dem Tode nur durch ein Wunder.


M. DUBOST: Wieviele verschwanden dort?


ROSER: Während der fünf Monate, die ich in Rawa-Ruska zubrachte, haben wir ungefähr sechzig Kameraden beerdigt, die an Krankheit gestorben oder bei Fluchtversuchen gefallen waren. Bis heute konnten jedoch ungefähr einhundert von denen, die mit uns waren, und die dort zu fliehen versucht hatten, nicht wieder aufgefunden werden.


M. DUBOST: Ist das alles, was Sie bezeugen können?


ROSER: Nein. Ich muß sagen, daß es beim Aufenthalt im Straflager Rawa-Ruska noch etwas gab, was noch schlimmer war als das, was wir Gefangene gesehen und erlitten haben. Wir waren erfüllt von all dem, was, wie wir wußten, um uns herum geschah. Die Deutschen hatten die Gegend von Lemberg-Rawa-Ruska in eine Art Riesenghetto verwandelt. Man hatte in dieses Gebiet, wo die Juden bereits sehr zahlreich waren, Juden aus allen Ländern [326] Europas gebracht. Jeden Tag, fünf Monate lang – mit Ausnahme einer Unterbrechung von ungefähr sechs Wochen im August und September 1942 – sahen wir ungefähr einhundertfünfzig Meter von unserem Lager entfernt, einen, zwei und manchmal drei Güterzüge vorbeifahren, vollgepfropft mit Männern, Frauen und Kindern. Eines Tages rief uns eine Stimme aus einem dieser Wagen zu: »Ich bin aus Paris, wir fahren zum Schlachthaus.«

Sehr häufig fanden Kameraden, die aus dem Lager herauskamen, um zur Arbeit zu gehen, längs der Eisenbahnschienen Leichen liegen. Wir wußten damals vage, daß diese Züge in Belcec anhielten, einem Ort, der ungefähr siebzehn Kilometer von unserem Lager entfernt war, und daß man dort diese unglücklichen Menschen mit Mitteln, die ich nicht kenne, umbrachte.

Eines Nachts, im Juli 1942, hörten wir die ganze Nacht hindurch Maschinengewehrfeuer und das Schreien von Frauen und Kindern. Am nächsten Morgen gingen Streifen deutscher Soldaten durch die Roggenfelder direkt bei unserem Lager, mit gesenkten Bajonetten, und suchten sich versteckt haltende Leute. Diejenigen von unseren Kameraden, die an diesem Tage zur Arbeit herauskamen, erzählten uns, daß sie überall in der Stadt Leichen gesehen hätten, in den Rinnsteinen, in Scheunen und Häusern. Später haben uns einige von unseren Wachtmannschaften, die an der Aktion teilgenommen hatten, selbstgefällig erklärt, daß 2000 Juden in jener Nacht getötet worden seien, mit der Begründung, daß zwei SS-Männer in dieser Gegend ermordet worden wären.

Später, im Jahre 1943, und zwar während der ersten Juniwoche, fand in Lemberg ein Pogrom statt, der 30000 Juden das Leben kostete. Ich war nicht persönlich in Lemberg anwesend. Mehrere französische Militärärzte jedoch, der Oberstabsarzt Guiguet und Oberarzt Levin, haben mir diese Vorkommnisse erzählt.


VORSITZENDER: Es scheint, daß die Aussagen des Zeugen noch nicht beendet sind. Ich glaube daher, daß es besser ist, wenn wir uns jetzt auf 14.00 Uhr vertagen.

[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 6, S. 298-328.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Horribilicribrifax

Horribilicribrifax

Das 1663 erschienene Scherzspiel schildert verwickelte Liebeshändel und Verwechselungen voller Prahlerei und Feigheit um den Helden Don Horribilicribrifax von Donnerkeil auf Wüsthausen. Schließlich finden sich die Paare doch und Diener Florian freut sich: »Hochzeiten über Hochzeiten! Was werde ich Marcepan bekommen!«

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon