Vormittagssitzung.

[155] VORSITZENDER: General Rudenko, haben Sie Ihr Verhör abgeschlossen?

GENERAL RUDENKO: Jawohl.


VORSITZENDER: Wünscht die Französische Anklagevertretung an den Zeugen Fragen zu stellen?

Dr. Stahmer, wünschen Sie weitere Fragen zu stellen?


DR. STAHMER: Nein.


VORSITZENDER: Dann kann sich der Zeuge entfernen.


[Der Zeuge Milch verläßt den Zeugenstand.]


DR. STAHMER: Ich rufe als nächsten Zeugen Oberst der Luftwaffe Bernd von Brauchitsch.


[Der Zeuge Oberst Bernd von Brauchitsch betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Wie heißen Sie?

ZEUGE BERND VON BRAUCHITSCH: Bernd von Brauchitsch.


VORSITZENDER: Sprechen Sie mir den Eid nach: Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzufügen werde.


[Der Zeuge spricht den Eid nach.]


VORSITZENDER: Sie können sich setzen, wenn Sie wünschen.

DR. STAHMER: Herr Zeuge, welche Stellung hatten Sie im Stabe des Oberbefehlshabers der Luftwaffe?


VON BRAUCHITSCH: Ich war erster militärischer Adjutant des Oberbefehlshabers der Luftwaffe mit der Dienstbezeichnung Chefadjutant. Mir oblag die Einrichtung des vom Oberbefehlshaber angeordneten Tagesablaufes und die Regelung des Adjutantendienstes. Täglich war die militärische Lage vorzutragen, militärische Berichte und Meldungen soweit, als sie von den Dienststellen selbst nicht vorgetragen wurden. Befehlsbefugnisse standen mir nicht zu.


DR. STAHMER: Haben Sie in Ihrer Tätigkeit erfahren, daß am 25. März 1944 aus dem Gefangenenlager in Sagan, Stalag Luft III, 75 englische Fliegeroffiziere geflohen sind?


[155] VON BRAUCHITSCH: Mir ist es als besonderes Vorkommnis bekannt, und es ist seinerzeit gemeldet worden, daß eine Anzahl Fliegeroffiziere geflohen sind.


DR. STAHMER: Können Sie Angaben machen über das Schicksal dieser Fliegeroffiziere nach ihrer Flucht?


VON BRAUCHITSCH: Mir ist das Schicksal dieser Fliegeroffiziere nicht bekannt.


DR. STAHMER: Haben Sie nicht erfahren, daß 50 dieser englischen Fliegeroffiziere angeblich auf der Flucht erschossen wurden?


VON BRAUCHITSCH: Ich habe erst sehr viel später erfahren, daß eine Anzahl dieser Fliegeroffiziere erschossen worden sein soll.


DR. STAHMER: Können Sie angeben, unter welchen Umständen diese Erschießung erfolgte?


VON BRAUCHITSCH: Das ist mir nicht bekannt.


DR. STAHMER: Hat der Reichsmarschall Göring die Erschießung befohlen oder in irgendeiner Weise bei diesen Maßnahmen mitgewirkt?


VON BRAUCHITSCH: Mir ist weder eine Mitwirkung noch ein Befehl des Reichsmarschalls darüber bekannt.


DR. STAHMER: Ist Ihnen die Einstellung Hitlers zu der Behandlung abgeschossener sogenannter feindlicher Terrorflieger bekannt?


VON BRAUCHITSCH: Im Frühjahr 1944 stiegen die Verluste der Zivilbevölkerung durch Bordwaffenangriffe plötzlich an. Diese Angriffe richteten sich gegen auf den Feldern arbeitende Zivilisten, gegen Nebenbahnen und Bahnhöfe ohne jede militärische Bedeutung, gegen Fußgänger und Radfahrer, alles im Innern des Heimatkriegsgebietes. Dies muß Hitler veranlaßt haben, neben Abwehrbefehlen auch Befehle zu Maßnahmen gegen diese Flieger selbst zu geben. Soweit mir bekannt, vertrat Hitler die schärfsten Maßnahmen. Der Lynchjustiz sollte freier Lauf gelassen werden.


DR. STAHMER: Wie war die Einstellung des Reichsmarschalls der Luftwaffe zu diesem Befehl?


VON BRAUCHITSCH: Der Oberbefehlshaber und der Chef des Generalstabs haben mir ihre Auffassung dahingehend ausgesprochen, daß diese ausschließlich gegen die Zivilbevölkerung gerichteten Angriffe aufs schärfste zu verurteilen sind. Ungeachtet dessen sollten aber keine besonderen Maßnahmen gegen diese Flieger durchgeführt werden. Lynchjustiz und Nichtschutz abspringender Besatzung sei abzulehnen. Durch die Anordnungen Hitlers war die Luftwaffe gezwungen, sich mit dieser Frage zu befassen. Das Bestreben ging dahin, die nicht gebilligten Auffassungen Hitlers zu verhindern. Hierzu mußte ein Weg gesucht werden. Der Ausweg [156] wurde darin gesehen, daß nach obenhin Maßnahmen vorgetäuscht wurden, die aber nicht durchgeführt werden sollten.

Ich erhielt dann den außerhalb meines Aufgabengebietes liegenden Auftrag, mit dem Oberkommando der Wehrmacht über die Festlegung des Begriffes der Terrorflieger zu sprechen. In den anschließenden Besprechungen und im Schriftverkehr wurden die Fälle erörtert, die völkerrechtswidrige Verstöße darstellen und als verbrecherische Handlungen anzusehen sind. Durch diese Festlegung sollte eine Lynchjustiz verhindert werden. Der sich über einen längeren Zeitraum hinziehende Schriftverkehr zeigt auch die Tendenz der Dienststelle, diese Angelegenheit auf die lange Bank zu schieben. Ende Juni 1944 waren dann die Begriffe Terrorflieger festgelegt. Das Stalag wurde angewiesen, ihm bekanntwerdende Verstöße gegen diese Fälle zu melden, aber nichts zu veranlassen. Durch diese Maßnahme war, eine Anordnung im Sinne Hitlers zu geben, verhindert worden.


DR. STAHMER: Kann demnach Ihrer Ansicht nach festgestellt werden, daß die von Hitler angeordneten Maßnahmen von der Luftwaffe nicht durchgeführt wurden?


VON BRAUCHITSCH: Jawohl, es ist festzustellen, daß die von Hitler angeordneten Maßnahmen nicht durchgeführt worden sind. Wie auch die Oberbefehlshaber der Luftflotten bestätigen, hat die Truppe keinen Befehl erhalten, feindliche Flieger zu erschießen oder sie dem SD zu übergeben.


DR. STAHMER: Ist Ihnen etwas bekannt geworden darüber, daß die Luftwaffe Anweisung erhalten hatte, Geiseln festzusetzen oder zu erschießen?


VON BRAUCHITSCH: Mir ist keine Anweisung und kein Befehl bekannt, der sich mit Geiseln befaßte.


DR. STAHMER: Nur noch eine letzte Frage: Können Sie Angaben machen über die Behandlung der fünf feindlichen Flieger, die im März 1945 in der Schorfheide abgesprungen und gefangengenommen worden sind?


VON BRAUCHITSCH: Im März 1945 wurde ein amerikanischer viermotoriger Bomber über der Schorfheide nach einem Angriff abgeschossen. Ein Teil der Besatzung rettete sich durch Absprung. Davon war ein Teil verwundet, bzw. verletzt. Die Verletzten wurden einem Krankenhaus zugeführt. Den Beobachter, einen amerikanischen Fliegerkapitän der Reserve, im Zivilberuf Filmdirektor in Hollywood, hat der Reichsmarschall am nächsten Tage über seinen Angriffsauftrag und über seinen Abschuß selbst gesprochen.


DR. STAHMER: Ich habe keine weiteren Fragen an diesen Zeugen.


[157] VORSITZENDER: Wünscht irgendein anderer Verteidiger Fragen an den Zeugen zu stellen?


DR. LATERNSER: Ich habe nur wenige Fragen an den Zeugen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Welche Dienststellung hatten Sie bei Kriegsausbruch inne?

VON BRAUCHITSCH: Ich war bei Kriegsausbruch auf der Kriegsakademie und hatte meine Staffel gerade abgegeben.

DR. LATERNSER: Kann man davon sprechen, daß der Kriegsausbruch bei den Berufssoldaten eine freudige Stimmung auslöste? Wie war die Stimmung damals?


VON BRAUCHITSCH: Man kann nicht davon sprechen, daß durch den Kriegsausbruch eine begeisterte Zustimmung ausgelöst wurde, im Gegenteil standen wir mit tiefstem Ernst vor der Tatsache, die uns bekannt wurde. Wir sahen als junge Soldaten unsere Aufgabe darin, die uns anvertrauten Soldaten auszubilden und zu erziehen in dem Bereitsein für den Schutz unseres Vaterlandes.


DR. LATERNSER: Welche Dienststellungen hatten Sie dann im weiteren Verlauf des Krieges inne? Waren Sie insbesondere mal im Stabe einer Luftflotte tätig?


VON BRAUCHITSCH: Ich bin nicht im Stab einer Luftflotte tätig gewesen, sondern war, außer einer kurzen Zeit als Gruppenkommandeur, die ganze Zeit über Adjutant des Oberbefehlshabers der Luftwaffe.


DR. LATERNSER: Als Chefadjutant, wie Sie dies vorhin sagten, beim Oberbefehlshaber der Luftwaffe hatten Sie ja ziemlich große Einsichtsmöglichkeiten in die Luftwaffe?


VON BRAUCHITSCH: Soweit mir die Unterlagen zur Verfügung standen, ja.


DR. LATERNSER: Hatten nun nach Ihren Einsichtsmöglichkeiten die Luftflottenchefs Einfluß auf politische Entscheidungen oder auf die Art der Kriegsführung?


VON BRAUCHITSCH: Nach meinem Einblick hatten die Luftflottenchefs keinen Einfluß auf irgendwelche politische Entscheidungen. Ihnen oblag die sachliche Durchführung der ihnen gegebenen Befehle, wobei die Befehlsgebung über die Führung des Luftkrieges zunehmend von Hitler selbst ausgeübt wurde.


DR. LATERNSER: Ist von dem Oberbefehlshaber der Luftflotte eine Anregung ausgegangen, die Kriegsführung zu verschärfen?


VON BRAUCHITSCH: Mir selber sind keine Anregungen oder Verschärfungen, die von Luftflottenchefs ausgegangen sind, bekannt. Die Luftflottenchefs als solche waren Berufssoldaten, die auf Grund von Befehlen handelten.


[158] DR. LATERNSER: Ich habe noch eine letzte Frage: Welche Verbindung bestand zwischen den Wehrmachtsteilen? War diese Verbindung rein dienstlicher Art, oder bestand darüber hinaus eine weitere Verbindung?


VON BRAUCHITSCH: Die Verbindung bestand unter den örtlich führenden Stellen an der Front, nach obenhin lief sie praktisch erst beim Führer selbst zusammen.


DR. LATERNSER: Ich habe keine weiteren Fragen.


VORSITZENDER: Hat noch irgendein anderer Verteidiger Fragen zu stellen? Wünscht die Anklagevertretung den Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen?


JUSTICE JACKSON: Ich bitte, dem Zeugen das Dokument 1156-PS aus den Dokumenten der Vereinigten Staaten vorzulegen.


[Dokument 1156-PS wird dem Zeugen vorgelegt.]

[Zum Zeugen gewandt:]


Kennen Sie dieses Dokument, Herr Zeuge?

VON BRAUCHITSCH: Mir ist dieses Dokument nicht bekannt.

JUSTICE JACKSON: Ich möchte Sie auf das Datum des 20. März 1941 und weiter auf die Tatsache aufmerksam machen, daß es sich um einen Bericht an den Reichsmarschall Göring über eine Konferenz vom 19. März 1941 handelt.


VON BRAUCHITSCH: Während meiner Dienstzeit habe ich nur an militärischen Vorträgen teilgenommen, soweit sie nicht im Führerhauptquartier stattgefunden haben oder persönliche Besprechungen waren. Mir ist ein solches Schreiben und die Tatsache als solche nicht bekannt.


JUSTICE JACKSON: Ich möchte Sie auf Punkt 2 aufmerksam machen, der sich auf Sie bezieht und folgenden Wortlaut hat: »Die von Wi bearbeiteten Weisungen für Zerstörungsmaßnahmen der Luftwaffe im Fall Barbarossa wurden vom Reichsmarschall Göring gebilligt. Ein Abdruck wurde Hauptmann von Brauchitsch zur Weiterleitung an den Generalstab der Luftwaffe übergeben«. Und ich frage Sie, ob das den Tatsachen entspricht?


VON BRAUCHITSCH: Ich kann mich an diesen Vorgang selbst nicht mehr erinnern und weiß auch über den Inhalt dieses hier angezogenen Schreibens keine Auskünfte mehr zu machen.


JUSTICE JACKSON: Sie wußten von dem Fall »Barbarossa«, nicht wahr?


VON BRAUCHITSCH: Ich habe über den Fall »Barbarossa« überhaupt erst Anfang 1941 gehört. Bei den Besprechungen war ich nicht zugegen.


[159] JUSTICE JACKSON: Aber Sie wußten, daß in diesem Zusammenhang gewisse Zerstörungsmaßnahmen geplant waren, die von der Luftwaffe ausgeführt wer den sollten, nicht wahr?


VON BRAUCHITSCH: Mir sind nur die ersten Aufträge der Luftwaffe bekannt, und ich erinnere mich, daß Flugplatzangriffe befohlen worden waren.


JUSTICE JACKSON: Waren nicht auch Angriffe auf Städte, besonders auf St. Petersburg vorgesehen?


VON BRAUCHITSCH: Zu dem Zeitpunkt, zu dem dieses Schreiben hier abgefaßt wurde, ist meiner Erinnerung und meines Wissens nach von den Zielen nicht gesprochen worden, sondern ausschließlich von Angriffen gegen Flugplätze, die also Hauptziele der Luftwaffe waren.


JUSTICE JACKSON: Ich bitte, dem Zeugen das Dokument 735-PS zu zeigen, das als Beweisstück GB-151 eingeführt ist.


[Der Zeuge erhält das Dokument.]


Das ist ein Beweisstück und scheint ein höchst geheimes Dokument zu sein, von dem nur drei Exemplare hergestellt wurden, ist das richtig?

VON BRAUCHITSCH: Darf ich bitten, daß ich dieses Schreiben erst einmal lesen darf, bevor ich dazu sprechen kann?

JUSTICE JACKSON: Ich möchte Sie zunächst auf die Unterschrift am Ende des Dokuments aufmerksam machen und frage Sie, ob Sie dieselbe erkennen?


VON BRAUCHITSCH: Die Unterschrift lautet Warlimont.


JUSTICE JACKSON: Wer war Warlimont?


VON BRAUCHITSCH: Warlimont war der stellvertretende Chef des Wehrmachtführungsstabes.


JUSTICE JACKSON: Und Sie kannten ihn gut, und er kannte Sie gut, ist das richtig?


VON BRAUCHITSCH: Ich kannte ihn vom Sehen und habe ihn bei dieser Gelegenheit zum erstenmal gesprochen.


JUSTICE JACKSON: Haben Sie anläßlich dieser Zusammenkunft, die in diesem Protokoll niedergelegt ist, Warlimont zum erstenmal getroffen und gesprochen?


VON BRAUCHITSCH: Jawohl, wo ich zum erstenmal offiziell mit ihm gesprochen habe.


JUSTICE JACKSON: Diese Zusammenkunft hat am 6. Juni 1944 stattgefunden?


VON BRAUCHITSCH: Nach dem Schreiben, ja.


[160] JUSTICE JACKSON: Nun mache ich Sie auf Absatz 1 dieses Sitzungsprotokolls aufmerksam, aus dem hervorgeht, daß Obergruppenführer Kaltenbrunner die Sitzung eröffnete und berichtete, daß kurz vorher eine Konferenz mit dem Reichsmarschall, dem Reichsaußenminister und dem Reichsführer-SS über die Frage der Flieger stattgefunden habe. So fängt es an, nicht wahr?


VON BRAUCHITSCH: Mir ist von dem niedergelegten Wortlaut und der Tatsache dieser Besprechung nichts bekannt.


JUSTICE JACKSON: Wer war damals der Reichsmarschall?


VON BRAUCHITSCH: Ich erinnere mich an diese Tatsache dadurch, daß am 6. Juni die Invasion begann, und zwar in der Nacht vom 5. auf 6. Juni um zwei Uhr rief ich Reichsmarschall Göring selbst an und unterrichtete ihn von dem Beginn der Invasion. Er ist am Vormittag abgefahren von Veldenstein, um nachmittags bei der Lagebesprechung in Kießheim zu sein.


JUSTICE JACKSON: Diese Zusammenkunft soll in Kießheim am Nachmittag des 6. Juni stattgefunden haben, nicht wahr?


VON BRAUCHITSCH: Ich habe schon einmal gesagt, daß ich von der Besprechung als solcher und von dem Inhalt dieser Beratung keine Kenntnis habe.


JUSTICE JACKSON: Ja ich weiß, Sie waren nicht anwesend. Göring war Reichsmarschall, stimmt das?


VON BRAUCHITSCH: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Ribbentrop war damals Außenminister, nicht wahr?


VON BRAUCHITSCH: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Und wer war Reichsführer-SS?


VON BRAUCHITSCH: Himmler.


JUSTICE JACKSON: Nun, als Ergebnis dieser Zusammenkunft hat der Reichsaußenminister... lesen Sie nur den nächsten Satz: »... des Reichsaußenministers, der jede Art von Terrorangriff gegen die heimische Zivilbevölkerung... einbeziehen wollte«. Man war sich darüber einig, daß diese Konferenz, der Sie beigewohnt haben, stattfinden sollte. Ist das nicht der Sinn des ersten Absatzes?


VON BRAUCHITSCH: Ich habe erstens dieser Besprechung nicht beigewohnt, und zweitens ist mir der Inhalt, der mir vorgelegt worden ist, nicht bekannt.


JUSTICE JACKSON: Aber waren Sie nicht bei der Konferenz mit Kaltenbrunner anwesend, die Kaltenbrunner einberufen hatte?


VON BRAUCHITSCH: Ich war nicht in der Konferenz mit Kaltenbrunner, von welcher hier gesprochen wird.


[161] JUSTICE JACKSON: Trotz Warlimonts Unterschrift auf dem Protokoll, die bezeugt, daß Sie anwesend waren?


VON BRAUCHITSCH: Ich habe trotz der Unterschrift... darf ich das ganze Schriftstück erst einmal lesen, um eine klare Antwort geben zu können?


JUSTICE JACKSON: Lesen Sie den letzten Satz, Herr Zeuge, ich mag das vielleicht falsch auslegen. Es heißt nicht, daß Sie anwesend waren, aber es heißt, daß Sie ihnen diese Auskunft gaben. Ich bitte Sie, den letzten Absatz zu betrachten und zu erklären, ob das nicht richtig ist.


VON BRAUCHITSCH: Der letzte Absatz in dem Dokument vor der Unterschrift kann sich nur auf eine Besprechung beziehen, welche, wenn ich mich richtig erinnere, am 6. Juni am späten Nachmittag bei General Warlimont stattfand, und zwar in Warlimonts Haus, was ich bereits in meiner vorherigen Aussage erwähnt habe.


JUSTICE JACKSON: Ich glaube, daß ich diese zwei Besprechungen verwechselt habe, und daß dieses Protokoll nicht beweist, daß Sie anwesend waren. Eine solche Konferenz, wie sie Warlimont beschreibt, hat stattgefunden, aber es war nicht dieselbe Zusammenkunft, der Kaltenbrunner beigewohnt hat. Stimmt das?


VON BRAUCHITSCH: Jawohl, ich weiß von der einen Zusammenkunft am 6. Juni am Spätnachmittag zwischen Warlimont und mir.


JUSTICE JACKSON: Und das ist die Konferenz, auf die er im ersten Absatz hinweist?


VON BRAUCHITSCH: Nein, das ist die Konferenz am Nachmittag und hat mit dem ersten Absatz, den ich selbst hier gelesen habe, nichts zu tun und steht in keinem Zusammenhang damit.


JUSTICE JACKSON: Absatz 3 steht in keinem Zusammenhang mit der ersten Zusammenkunft sagen Sie?


VON BRAUCHITSCH: Der Absatz 3 steht nicht in Verbindung mit dem Absatz 1. Ich habe von dem Absatz 1 keine Kenntnis gehabt, sondern ich habe vorhin erwähnt, daß ich den Auftrag gehabt habe, mit dem OKW über die Festlegung der Begriffe zu sprechen, die als völkerrechtswidrige Vergehen und verbrecherische Handlungen anzusehen seien.


JUSTICE JACKSON: Ich werde Sie nochmals fragen, damit wir uns nicht falsch verstehen. Die Konferenz, auf die sich Absatz 3 des Protokolls von Warlimont bezieht, ist eine Konferenz zwischen Ihnen und ihm am späten Nachmittag, und hat nichts zu tun mit der Kaltenbrunner-Konferenz, die an demselben Tage etwas früher stattfand?


[162] VON BRAUCHITSCH: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Nun, wie war die Lage hinsichtlich der Bombardierung deutscher Städte zu Beginn des Jahres 1944?


VON BRAUCHITSCH: Die Lage war so, daß der Luftkrieg an Intensität immer weiter zugenommen hatte und Anfang 1944 außerordentlich stark gewesen ist.


JUSTICE JACKSON: Das wurde für den Reichsmarschall sehr peinlich, nicht wahr?


VON BRAUCHITSCH: Selbstverständlich war es für die Luftwaffe außerordentlich unangenehm, weil sie in ihren Abwehrkräften zu schwach war, um diese Angriffe wirksam bekämpfen zu können.


JUSTICE JACKSON: Und man machte ihr Vorwürfe und dem Reichsmarschall wurden auch wegen der Luftangriffe Vorwürfe gemacht, nicht wahr?


VON BRAUCHITSCH: Natürlich, das versteht sich von selbst.


JUSTICE JACKSON: Und der Reichsmarschall befand sich in der peinlichen Lage, daß er dem deutschen Volke im Jahre 1939 versichert hatte, daß es gegen Luftangriffe auf deutsche Städte geschützt sei. Sie haben das doch so verstanden, nicht wahr?


VON BRAUCHITSCH: Ich verstehe das, ich weiß aber auch, daß die Verhältnisse 1939, die zu dieser Äußerung geführt haben, eine ganz andere Voraussetzung hatten wie 1944; da stand ja die ganze Welt gegen uns.


JUSTICE JACKSON: Aber Tatsache war, daß deutsche Städte bombardiert wurden, und daß das deutsche Volk von dem Reichsmarschall Schutz erwartete. Ist das richtig?


VON BRAUCHITSCH: Es ist klar, daß das deutsche Volk erwartete, daß die Luftwaffe mit allen den ihr zu Gebote stehenden Kräften gegen diese Angriffe vorgehe.


JUSTICE JACKSON: Wie war damals das Verhältnis zwischen Göring und Hitler?


VON BRAUCHITSCH: Darf ich nochmals um die Frage bitten, ich habe das nicht ganz verstanden.


JUSTICE JACKSON: Wie war damals das Verhältnis zwischen Göring und Hitler? War irgendeine Veränderung in den Beziehungen festzustellen, als die Bombardierung deutscher Städte zunahm?


VON BRAUCHITSCH: Das Verhältnis zwischen dem Reichsmarschall und dem Führer war fraglos schlechter, als es früher gewesen ist. Ob das ausschließlich auf die Verhältnisse zurückzuführen ist, die durch den Luftkrieg ausgelöst worden sind, ist mir nicht bekannt.


[163] JUSTICE JACKSON: Sie standen während der ganzen Kriegszeit in sehr engen Beziehungen zu Reichsmarschall Göring, stimmt das?


VON BRAUCHITSCH: Ich weiß nicht, was Sie als enge Verbindung bezeichnen im Verhältnis zwischen dem Oberbefehlshaber und seinem Adjutanten.


JUSTICE JACKSON: Sie waren besonders befreundet; er hatte großes Vertrauen zu Ihnen, und Sie hatten große Hochachtung vor ihm, stimmt das?


VON BRAUCHITSCH: Ich kann das wohl bestätigen, aber zu häufigen Aussprachen über die tiefsten Gründe, die den Reichsmarschall bewegten, ist es leider sehr selten gekommen.

JUSTICE JACKSON: Sie waren am 20. April 1945 bei ihm, als er das Telegramm absandte, in dem er vorschlug, daß er die Regierung Deutschlands selbst übernehmen wolle, woraufhin er verhaftet und zum Tode verurteilt wurde?


VON BRAUCHITSCH: Ja, ich war damals dabei.


JUSTICE JACKSON: Und die SS verhaftete Sie, den Reichsmarschall und noch verschiedene andere Leute, durchsuchte Ihre Häuser, beschlagnahmte alle Ihre Papiere und nahm Sie gefangen, stimmt das?


VON BRAUCHITSCH: Es stimmt, daß wir am 23. April abends 19.00 Uhr umstellt wurden, daß der Reichsmarschall sofort auf sein Zimmer geführt wurde und von diesem Zeitpunkt an nicht mehr ohne persönliche Daueraufsicht geblieben ist. Später wurden wir dann getrennt und in Einzelhaft gelegt. Wir wurden dann schließlich von ihm ganz getrennt, und zwar wurde dies ausgeführt durch die auf dem Berghof stationierten Truppen der SS.


JUSTICE JACKSON: Und das ereignete sich in Berchtesgaden?


VON BRAUCHITSCH: Dies ereignete sich in Berchtesgaden.


JUSTICE JACKSON: Ich glaube, Sie haben uns er zählt, daß Sie zur Zeit der Kapitulation alle von der SS erschossen werden sollten, und daß Sie durch Ihre eigene Unterschrift Ihre Einwilligung dazu geben sollten? Stimmt das?


VON BRAUCHITSCH: Nein, das trifft nicht so zu.

Mir ist bekannt, daß ein Befehl vorhanden war, daß wir, d. h. der Reichsmarschall und seine Familie und Umgebung, zum Zeitpunkt der Kapitulation in Berlin erschossen werden sollten. Das Zweite, was Sie anführen, ist etwas anderes; wir sollten gezwungen werden, uns freiwillig zur SS zu melden, weil man anerkennenswerterweise sagen muß, daß dieser SS-Führer uns zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bei sich haben wollte, um diesen Befehl nicht [164] ausführen zu müssen. Zu dieser Zeit waren wir bereits vom Oberbefehlshaber getrennt.


JUSTICE JACKSON: Was wußten Sie von der Tätigkeit der SS? Was war die SS, und in welchen Beziehungen stand sie damals zur Wehrmacht? In welcher Beziehung stand die SS zur Luftwaffe? Erzählen Sie uns etwas über die SS.


VON BRAUCHITSCH: Ich kann darüber nur soviel sagen, daß an sich unter dem Begriff SS sehr viel zu verstehen gewesen ist, daß SD, Gestapo und die Waffen-SS ganz verschiedene Einzelbegriffe sind, daß die Gestapo als solche ein Druckmittel war, das viel frei es Leben verhinderte.


JUSTICE JACKSON: Und die Waffen-SS ebenfalls; stimmt das?


VON BRAUCHITSCH: Die Waffen-SS war eine militärische Truppe. Ich persönlich habe keine schlechten Erfahrungen mit ihr gemacht, und ich bin auch nicht mit ihr ineinandergeraten.


JUSTICE JACKSON: Was wissen Sie über die eigentliche SS? Zeuge, ich bin überzeugt, Sie kennen die Stellung der SS, und ich habe das Gefühl, daß Sie uns offen erzählen wollen, was Sie über diese Stellung wissen. Erzählen Sie uns doch etwas über den Einfluß der SS bei diesen Gelegenheiten.


VON BRAUCHITSCH: Ich habe schon betont, daß ich als rein militärischer Adjutant ausschließlich über die Luftwaffe in der Lage bin, Auskunft zu geben; ich bin aber nicht in der Lage, über allgemeine Dinge, über die ich kein fachliches Urteil habe, sondern nur ein subjektives, auszusagen.


JUSTICE JACKSON: Haben Sie und Ihre Offizierskameraden denn nicht sehr oft über die SS gesprochen, und haben nicht alle gewußt, daß die SS genau wie die Gestapo eine Organisation war, die mit grausamen Unterdrückungsmaßnahmen arbeitete?


VON BRAUCHITSCH: Wir hatten in der Luftwaffe selber so unendlich viel Sorgen durch die zunehmende Luftmacht des Gegners, daß diese Sorgen uns mehr als ausreichend beschäftigt haben.


JUSTICE JACKSON: Aber Sie wußten doch von dem Feldzug gegen die Juden in Deutschland und in den besetzten Ländern, nicht wahr?


VON BRAUCHITSCH: Ich bin über den Feldzug gegen die Juden, wie er sich hier dargestellt hat und wie er durch die Presse gegangen ist, nicht unterrichtet gewesen.


JUSTICE JACKSON: Ich will Sie nicht über das, was die Zeitungen veröffentlicht haben, verhören; aber wollen Sie den Gerichtshof glauben machen, daß Sie über einen Feldzug gegen die Juden in Deutschland nichts wußten?


[165] VON BRAUCHITSCH: Mir ist nur bekannt gewesen, daß ein Teil der Juden ins Ghetto gekommen ist. Mir sind die Grausamkeiten gegen Juden, wie wir sie in der Presse gelesen haben, nicht bekannt gewesen.


JUSTICE JACKSON: Ihr Vater war Feldmarschall, nicht wahr?


VON BRAUCHITSCH: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Wann war er Feldmarschall?

VON BRAUCHITSCH: Feldmarschall ist ein militärischer Dienstgrad, den er innehatte von 1940 bis jetzt.


JUSTICE JACKSON: Ist ihm sein Rang niemals aberkannt worden?


VON BRAUCHITSCH: Der Rang wurde nicht aberkannt.


JUSTICE JACKSON: Sie wissen, daß Ihr Vater eines Tages Meinungsverschiedenheiten mit Hitler über militärische Planungen hatte.


VON BRAUCHITSCH: Ich weiß das; mein Vater hatte mit Hitler außerordentliche Schwierigkeiten in militärischen und politischen Fragen, die auch zu seinem Weggang im Dezember 1941 geführt haben.


JUSTICE JACKSON: Haben Sie nicht dem Erhebungsbeamten, der Sie im Auftrag der Vereinigten Staaten vernommen hat, gesagt, daß er im Jahre 1941 aus dem aktiven Dienst ausschied?


VON BRAUCHITSCH: Ja.


JUSTICE JACKSON: Und was war nach Ihrer Meinung der Grund für sein Ausscheiden? Sie gaben etwa folgende Gründe an: Weder auf militärischem noch auf politischem Gebiet habe er mit Hitler übereingestimmt und sich nicht mit ihm einigen können; da er mit seiner eigenen Meinung nicht durchdringen konnte, habe er seine abweichende Meinung durch seinen Rücktritt zum Ausdruck bringen wollen; das habe insbesondere für religiöse Fragen gegolten.


VON BRAUCHITSCH: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Das stimmt, nicht wahr?


VON BRAUCHITSCH: Diese Äußerung trifft zu, und ich halte sie nach wie vor aufrecht.


JUSTICE JACKSON: Ich hoffe, Sie sind stolz darauf.

Sie wurden auch gefragt:

»Wissen Sie, was er von 1941 bis Ende des Krieges getan hat?« und Sie antworteten: »Er hatte durch seine zweite Heirat ein kleines Haus in Bockenheim, einer kleinen Stadt in Schlesien, bekommen, machte Stammbaumforschungen und beschäftigte sich mit Forstwirtschaft, Volkswirtschaft und Jagen, aber er nahm nicht teil...«

[166] VON BRAUCHITSCH: Nur mit historisch-militärischen Fragen und mit landwirtschaftlichen Fragen.

JUSTICE JACKSON: Entschuldigen Sie bitte, ich habe Ihre Antwort nicht verstanden.


VON BRAUCHITSCH: Er hat sich ausschließlich mit wirtschaftlichen Fragen beschäftigt und mit der Jagd, aber nicht mit militärischen Fragen.


JUSTICE JACKSON: Ja, nicht mit militärischen Fragen.

»Aber er hat an irgendwelchen blutigen politischen Unternehmungen nicht teilgenommen.«

Sie haben das so ausgedrückt, nicht wahr?

VON BRAUCHITSCH: Darf ich bitten, die Frage nochmals zu hören.

JUSTICE JACKSON: Hier ist Ihre vollständige Antwort. Sie haben mich unterbrochen. Dies ist Ihre Antwort an die Vernehmungsbeamten:

»Jawohl, er hatte durch seine zweite Heirat ein kleines Haus in Bockenheim, einer kleinen Stadt in Schlesien, bekommen, machte Stammbaumforschungen und beschäftigte sich mit Forstwirtschaft, Volkswirtschaft und Jagen, aber er hat an irgendwelchen blutigen politischen Unternehmungen nicht teilgenommen.«

Also mit Ausnahme der Volkswirtschaft bleiben Sie noch bei dieser Antwort, nicht wahr?

VON BRAUCHITSCH: Ich habe niemals gesagt, daß er an irgendwelchen blutigen Dingen teilgenommen hat, es muß ein Irrtum sein. Ich habe dieses Protokoll nie wieder gesehen und nicht unterschrieben.

JUSTICE JACKSON: Ich habe mich nicht klar genug ausgedrückt. Sie sagten, daß er nicht an irgendwelchen blutigen politischen Unternehmungen teilgenommen hat. Das ist hier als Ihre Aussage angegeben.


VON BRAUCHITSCH: Er hat nicht teilgenommen, aber ich habe nichts von einer blutigen Bewegung gesagt.


JUSTICE JACKSON: Haben Sie in dem Verhör diese Ausdrücke nicht gebraucht?


VON BRAUCHITSCH: Nein, ich kann mich nicht erinnern, das gesagt zu haben; ich habe das Protokoll nicht unterschrieben und auch nach der Vernehmung nicht wieder gesehen.


JUSTICE JACKSON: Und behaupten Sie, daß Sie diese Worte in dem Verhör durch den Erhebungsbeamten, Hauptmann Horace Hahn, am 26. Februar 1946 nicht gebraucht haben?


[167] VON BRAUCHITSCH: Ich sage, daß ich keine Ausdrücke über irgendeine »blutige Teilnahme an irgendwelchen blutigen Auseinandersetzungen« usw. erwähnt habe. Dieser Ausdruck ist mir fremd, und ich weiß auch nicht, in welchem Zusammenhang er hier gefallen sein sollte.


JUSTICE JACKSON: Also Sie wissen nichts von irgendwelchen Aktionen, an denen er teilgenommen hat?


VON BRAUCHITSCH: Nein, mein Vater hat sich zurückgezogen.


JUSTICE JACKSON: Er hat sich von diesem ganzen Nazikram völlig zurückgezogen. Er sonderte sich von ihm ab und zog sich lieber in ein kleines Dorf zurück, als daß er an einem Programm weiter teilnahm, mit dem er nicht übereinstimmte, nicht wahr? Stimmt das?


VON BRAUCHITSCH: Jawohl.


RECHTSANWALT HORST PELCKMANN, MITVERTEIDIGER DER SS: Ich glaube, daß mir ein formales Recht zur Befragung dieses Zeugen nicht mehr zusteht, nachdem Herr Justice Jackson die Befragung vorgenommen hat; ich wäre aber dankbar, wenn es mir gestattet würde, nachdem Herr Justice Jackson den Zeugen auch über SS-Fragen befragt hat.


VORSITZENDER: Die Erklärung des Zeugen über die SS war, daß er nichts von ihr wußte. Woraus leiten Sie eine Berechtigung zu einem Kreuzverhör her?


RA. PELCKMANN: Er wurde befragt, ob er auf dem Obersalzberg von der SS bewacht wurde, die auch den Auftrag hatte, ihn zu erschießen, beziehungsweise auch Göring zu erschießen. Mir liegt daran, klarzustellen, ob dies die SS oder der SD war.


VORSITZENDER: Gut.

RA. PELCKMANN: Ich frage daher den Zeugen: Wissen Sie, ob die Beauftragten, die Sie eben nannten, SS- oder SD-Leute waren? Kennen Sie, Herr Zeuge, den Unterschied?


VON BRAUCHITSCH: Mir ist der Unterschied im großen und ganzen klar. Ich glaube, daß die Truppe, die den Bewachungsauftrag hatte, die SS war; den engeren Auftrag hatte aber der Reichssicherheitsdienst (SD).


RA. PELCKMANN: Danke sehr.


VORSITZENDER: Wünscht einer der anderen Anklagevertreter, den Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen?

Dr. Stahmer, wollen Sie ein Rückkreuzverhör vornehmen?


[168] DR. STAHMER: Ich habe nur zwei kurze Fragen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Herr Oberst von Brauchitsch, können Sie etwas darüber angeben, wie die Beziehungen des Reichsmarschalls zu Himmler waren?

VON BRAUCHITSCH: Soweit ich darüber unterrichtet bin und darüber Auskunft geben kann, bestand zwischen Himmler und Göring ein Verhältnis, bei dem äußerlich äußerste Vorsicht angewandt wurde; innerlich aber kann von keinem Verhältnis zwischen den beiden gesprochen werden.

DR. STAHMER: Können Sie etwas angeben darüber, ob das deutsche Volk noch bis zum letzten Augenblick dem Reichsmarschall Göring gegenüber sich durchaus so verhalten hat, daß es ihm vertraute, und daß es ihm noch sein besonderes Vertrauen erwiesen hat bei besonderen Gelegenheiten? Können Sie solche Fälle anführen?


VON BRAUCHITSCH: Ich kann da vielleicht zwei Fälle anführen. Das eine Mal war der Reichsmarschall Ende 1944, Anfang 1945 – den Zeitpunkt kann ich nicht mehr genau sagen – in einem öffentlichen Luftschutzkeller ohne jegliche Begleitung oder Bewachung, unterhielt sich freundlich mit den Leuten und wurde mit seinem alten Ruf »Hermann, halt' die Ohren steif!« begrüßt.

Ein anderes Beispiel: Auf der Fahrt von Berlin nach Berchtesgaden, in der Nacht vom 20. auf den 21. April, war der Reichsmarschall am 21. vormittags oder gegen Mittag in einer Stadt im Sudetengau, in der er eine kurze Frühstückspause in einem öffentlichen Restaurant machte; nach kurzer Zeit war der Markt von Menschen so angefüllt, die ihn um seine Unterschrift baten, daß wir ihn in dem Gedränge nicht mehr mit seinem Wagen herausbringen konnten. Auch hier wurde er mit seinem alten Ruf »Hermann« begrüßt.


DR. STAHMER: Ich habe keine weiteren Fragen.


VORSITZENDER: Der Zeuge kann abtreten.


DR. STAHMER: Ich rufe als nächsten Zeugen den Staatssekretär Paul Körner.


[Der Zeuge betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Heißen Sie Paul Körner?

ZEUGE PAUL KÖRNER: Ja.


VORSITZENDER: Sprechen Sie mir bitte diesen Eid nach:

Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde.


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


[169] VORSITZENDER: Sie können sich setzen, wenn Sie wollen.

DR. STAHMER: Herr Zeuge, welche dienstliche Stellung hatten Sie vor der Kapitulation?


KÖRNER: Ich war Staatssekretär des Preußischen Staatsministeriums.


DR. STAHMER: Gehörten Sie in diesem Amt zu den engeren Mitarbeitern des Reichsmarschalls?


KÖRNER: Ja.


DR. STAHMER: Wann lernten Sie den Reichsmarschall kennen?


KÖRNER: Im Jahre 1926.


DR. STAHMER: Wann wurden Sie von ihm zur Mitarbeit herangezogen?


KÖRNER: Ende 1931.


DR. STAHMER: In welcher Eigenschaft?


KÖRNER: Ich habe Sekretärdienste bei ihm geleistet.


DR. STAHMER: Wann wurden Sie in den Staatsdienst übernommen?


KÖRNER: Im April 1933. Verzeihung, das frühere Datum war 1931.


VORSITZENDER: Der Übersetzer sagte, das frühere Datum war 1931; was war 1931 für ein Datum?


DR. STAHMER: 1931 kam er erstmalig mit Göring in Berührung und wurde sein Privatsekretär. 1933 trat er in den Staatsdienst ein.


[Zum Zeugen gewandt:]


Welches Amt erhielten Sie bei Ihrer Übernahme?

KÖRNER: Ich wurde Staatssekretär des Preußischen Staatsministeriums.

DR. STAHMER: Was wissen Sie von der Einrichtung der Geheimen Staatspolizei, der Gestapo?


KÖRNER: Die Geheime Staatspolizei wurde in den ersten Monaten der Machtübernahme entwickelt aus der Politischen Polizeiabteilung Ia. Im Grunde genommen blieb die Politische Polizeiabteilung bestehen; sie wurde nur neu formiert, und zwar mit dem Namen der Geheimen Staatspolizei.


DR. STAHMER: Welchen Aufgabenkreis hatte sie?


KÖRNER: Sie hatte im wesentlichen die Staatsfeinde zu überwachen.


DR. STAHMER: Sind Sie unterrichtet über die Errichtung der Konzentrationslager?


[170] KÖRNER: Ich weiß, daß zu dieser Zeit Konzentrationslager geschaffen wurden.


DR. STAHMER: Welchem Zweck dienten diese Lager?


KÖRNER: Sie sollten Staatsfeinde aufnehmen.


DR. STAHMER: Was heißt aufnehmen?


KÖRNER: Staatsfeindliche Elemente, in der Hauptsache Kommunisten, sollten in diesen Lagern zusammengefaßt werden.


DR. STAHMER: Und was sollte dort mit ihnen geschehen?


KÖRNER: Sie sollten dort in Sicherheitsverwahrung genommen werden und, soviel ich mich entsinne, sollte auch eine Umschulung stattfinden, damit sie später dem allgemeinen Volkskörper angeschlossen werden könnten.


DR. STAHMER: Wissen Sie etwas über die Behandlung, die dort den Häftlingen zuteil wurde?


KÖRNER: Soviel ich mich erinnere, ist sie immer gut gewesen.


DR. STAHMER: Haben Sie mal davon etwas gehört, daß sogenannte wilde Konzentrationslager errichtet waren?


KÖRNER: Jawohl, in dem Jahre 1933 wurden an verschiedenen Stellen wilde Konzentrationslager er richtet.


DR. STAHMER: Von wem?


KÖRNER: Ich kann mich erinnern, daß eines in Breslau errichtet wurde von dem SA-Gruppenführer Heines; und eines in Stettin. Ob noch anderswo irgendwelche Lager errichtet wurden, weiß ich nicht mehr.


DR. STAHMER: In Stettin?


KÖRNER: Ich glaube, es war Karpfenstein, ich kann es aber nicht mit Bestimmtheit sagen.


DR. STAHMER: Und was wurde aus diesen Lagern?


KÖRNER: Wie dem Reichsmarschall das zu Ohren kam, hat er sie unverzüglich auflösen lassen, da sie ohne seine Genehmigung gebildet waren.


DR. STAHMER: Wie verhielt sich der Reichsmarschall, wenn Beschwerden zu seiner Kenntnis kamen?


KÖRNER: Er ist den Beschwerden immer sofort nachgegangen.


DR. STAHMER: Kennen Sie einen bestimmten Fall, wo er besonders scharf durchgegriffen hat?


KÖRNER: Ja, ich kann mich des Falles Thälmann entsinnen.


DR. STAHMER: Und wie war das da?

KÖRNER: Es war dem Reichsmarschall zu Ohren gekommen, daß Thälmann nicht eine Behandlung erfahren hatte, wie der [171] Reichsmarschall wünschte. Er ist dann dieser Sache sofort nachgegangen und hat Thälmann zu sich kommen lassen.


DR. STAHMER: Wer war Thälmann?


KÖRNER: Thälmann war einer der Führer der KPD-Leute und kommunistischer Reichstagsabgeordneter.


DR. STAHMER: Wie unterhielt sich der Reichsmarschall mit Thälmann?


KÖRNER: Er hat ihn zu sich in sein Arbeitszimmer kommen lassen und hat ihn aufgefordert, alles zu sagen, weswegen eine Beschwerde an ihn gekommen wäre.


DR. STAHMER: Und weiter?


KÖRNER: Thälmann war zuerst sehr zurückhaltend, weil er irgendwie eine Finte dahinter vermutete. Es wurde ihm aber klar, als der Reichsmarschall menschlich auf ihn einsprach, daß er sich ohne weiteres offenbaren konnte, und er erzählte dann dem Reichsmarschall, daß er verschiedentlich nicht richtig behandelt worden sei. Der Reichsmarschall versprach die sofortige Abstellung und hat dann auch entsprechende Weisung sofort gegeben, außerdem Thälmann aufgefordert, falls wieder solche Sachen vorkommen sollten, es ihm unverzüglich zu melden. Er hat noch die Anordnung gegeben, daß, wenn irgendwelche Beschwerden von seiten Thälmanns an ihn kommen sollten, sofort an ihn weiterzugeben wären.


DR. STAHMER: Wissen Sie, wie lange die Gestapo in den Konzentrationslagern dem Reichsmarschall unterstanden hat?


KÖRNER: Bis Frühjahr 1934; ich glaube, es war März oder April.


DR. STAHMER: An wen wurde sie da abgegeben?


KÖRNER: Sie wurde auf Anordnung des Führers an Reichsführer Himmler abgegeben.


DR. STAHMER: Was wissen Sie über die Vorgänge bezüglich der Röhm-Revolte am 30. Juni 1934?


KÖRNER: Daß eine Röhm-Revolte geplant war, erfuhr ich, wie ich mich mit dem Reichsmarschall in Essen aufhielt, wo wir zur Hochzeit des Gauleiters Terboven anwesend waren. Während der Hochzeitsfeierlichkeiten kam Himmler und machte dem Führer einen Bericht. Später zog dann der Führer den Reichsmarschall ins Vertrauen und teilte ihm von dem Vorhaben Röhms Entsprechendes mit.

DR. STAHMER: Wissen Sie auch, was er ihm mitteilte?


KÖRNER: Ich kann nur sagen, daß das, was Himmler dem Führer mitgeteilt hat, auch Göring zur Kenntnis gebracht wurde.


DR. STAHMER: Kennen Sie keine näheren Einzelheiten?


[172] KÖRNER: Nein, nähere Einzelheiten kenne ich nicht mehr, aber das genügt ja.


DR. STAHMER: Welche Anweisung erhielt Göring?


KÖRNER: Der Führer wies Göring an, sich nach den Hochzeitsfeierlichkeiten unverzüglich nach Berlin zurückzubegeben, da sich der Führer selbst nach Süddeutschland begab, um diesen Meldungen persönlich nachzugehen.


DR. STAHMER: Wann war diese Hochzeit?


KÖRNER: Sie war, soviel ich mich entsinne, zwei Tage vor dem Röhm-Putsch.


DR. STAHMER: Wissen Sie, ob am Tage nach dem Röhm-Putsch der Reichsmarschall bei Hitler gewesen ist?


KÖRNER: Nein, der Reichsmarschall war in Berlin. Wir sind noch am selben Abend nach Berlin zurück gefahren.


DR. STAHMER: Und am Tage nach dem Röhm-Putsch vom 30. Juni, also am 1. Juli?


KÖRNER: Da war der Reichsmarschall in Berlin.


DR. STAHMER: Wissen Sie etwas darüber, ob dort ein Gespräch zwischen ihm und Hitler stattgefunden hat?


KÖRNER: Jawohl, ich entsinne mich, daß der Reichsmarschall zum Führer in die Reichskanzlei fuhr, um ihm verschiedenes mitzuteilen. Besonders war dem Reichsmarschall zu Ohren gekommen, daß bei dieser Gelegenheit auch Unschuldige zum Opfer fallen konnten oder zum Opfer gefallen sind. Deswegen wollte er den Führer bitten, die ganze Aktion sofort abzustellen.


DR. STAHMER: Ist das geschehen?


KÖRNER: Jawohl, das ist geschehen.


DR. STAHMER: In welcher Form?


KÖRNER: Nach den Meldungen des Reichsmarschalls beim Führer wurde dann vom Führer persönlich eine Anordnung erlassen, daß keinerlei wilde Aktionen mehr stattfinden dürften, daß die Aktion abgeblasen ist, und wenn noch Schuldige festgestellt wür den, so müßten diese einem ordnungsgemäßen Gericht zugeführt werden, das darüber zu entscheiden hat, ob gegen den Mann vorgegangen werden muß oder nicht.


DR. STAHMER: Wissen Sie etwas darüber, ob der Reichsmarschall an den Vorgängen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 bei dieser Aktion gegen die Juden beteiligt war?


KÖRNER: Nein, der Reichsmarschall war bestimmt nicht beteiligt, er hatte keine Ahnung von dieser Aktion.


DR. STAHMER: Woher wissen Sie das?


[173] KÖRNER: Weil ich mit dem Reichsmarschall wie alljährlich am 9. November in München war und am 9. November abends von München nach Berlin fuhr; wenn der Reichsmarschall etwas gewußt hätte, so hätte er ohne Zweifel mir oder denen, die bei ihm waren, etwas gesagt; er hatte keine Ahnung.


DR. STAHMER: Wann erfuhr er davon?


KÖRNER: Er erfuhr das kurz vor Einlaufen in Berlin beziehungsweise auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin.


DR. STAHMER: Durch wen?


KÖRNER: Durch den Adjutanten.

DR. STAHMER: Und wie verhielt er sich bei dieser Meldung?


KÖRNER: Der Reichsmarschall war wütend, wie ihm diese Meldung gemacht wurde, weil er die ganze Aktion als solche restlos ablehnte.


DR. STAHMER: Und was unternahm er?


KÖRNER: Er setzte sich unverzüglich mit dem Führer in Verbindung, um sofortige Abstellung dieser ganzen Aktion zu verlangen.


DR. STAHMER: Welche Aufgaben hatten Sie im Bereich des Vierjahresplanes?


KÖRNER: Ich war der Leiter der Geschäftsstelle des Vierjahresplanes.


DR. STAHMER: Welche Aufgaben hatten Sie?


KÖRNER: Die Geschäftsführung zu leiten und zu überwachen.


DR. STAHMER: Und wie kam es zu diesem Vierjahresplan, wann war es, und wie kam es dazu?


KÖRNER: Der offizielle Vierjahresplan wurde im Oktober 1936 verkündet, aber die Entstehungsgeschichte des Vierjahresplanes war die Ernährungskrise des Jahres 1935. Im Herbst 1935 bekam der Reichsmarschall den Auftrag vom Führer, die Ernährungsschwierigkeiten...


VORSITZENDER: Herr Zeuge, bitte versuchen Sie, nicht so schnell zu sprechen, es ist sehr schwer, die Übersetzung zu verstehen.


KÖRNER: Jawohl.

Im Herbst 1935 bekam der Reichsmarschall vom Führer den Auftrag, die deutsche Volksernährung zu sichern, da dieselbe durch die sehr schlechten Ernten der Jahre 1934 und 1935 in Gefahr war. Es fehlten uns damals mindestens zwei Millionen Tonnen Brotgetreide und mehrere hunderttausend Tonnen Fett, die auf irgendeine Weise herangeschafft werden mußten.

[174] Der Reichsmarschall löste diese Aufgabe befriedigend, und das veranlaßte den Führer, sich von ihm Vorschläge ausarbeiten zu lassen, wie die gesamte deutsche Wirtschaft auf die Dauer krisenfest werden könnte.

Diese Vorschläge wurden im ersten halben Jahre des Jahres 1936 ausgearbeitet und in der Mitte des Sommers dem Führer vorgelegt. Aus diesen Vorschlägen heraus entstand beim Führer der Gedanke eines Vierjahresplanes, den er auf dem Parteitag 1936 verkündete. Am 18. Oktober 1936 erließ der Führer einen Erlaß, der den Reichsmarschall zum Beauftragten für den Vierjahresplan ernannte.


DR. STAHMER: Welche Ziele wurden mit dem Vier jahresplan verfolgt?


KÖRNER: Wie ich schon vorhin sagte, die deutsche Wirtschaft insgesamt krisenfest zu gestalten; die wesentlichen Aufgaben, die gestellt waren: den deutschen Export, soweit es überhaupt möglich war, zu steigern, und die dann noch bestehenden Exportlücken, soweit es auch nur möglich war, zu schließen, hauptsächlich auf dem landwirtschaftlichen Gebiete, die Steigerung der Produktion.


DR. STAHMER: Diente der Vierjahresplan auch der Aufrüstung?


KÖRNER: Dem Wiederaufbau der Deutschen Wehrmacht diente er selbstverständlich auch mit, indirekt.


DR. STAHMER: Hatte der Vierjahresplan auch den Arbeitseinsatz zu regeln?


KÖRNER: Jawohl, es wurde in dem Vierjahresplan ein Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz ernannt. Zum Generalbevollmächtigten wurde der damalige Präsident des Reichsarbeitsamtes, Präsident Syrup ernannt.


DR. STAHMER: Wann wurde er ernannt?


KÖRNER: Das war gleich mit Beginn des Vierjahresplanes, im Herbst 1936.


DR. STAHMER: Welche Aufgaben hatte er im einzelnen?


KÖRNER: Er hatte die Aufgabe, den Arbeitseinsatz zu regeln, damit das wilde Durcheinander, das auf dem Arbeitsmarkt herrschte, aufhörte.


DR. STAHMER: Wie lange blieb Syrup?


KÖRNER: Syrup schied im Frühjahr 1942 durch Krankheit aus.


DR. STAHMER: Wer wurde sein Nachfolger?


KÖRNER: Sein Nachfolger wurde Gauleiter Sauckel.


DR. STAHMER: Durch wen wurde Sauckel berufen?


KÖRNER: Sauckel wurde durch den Führer berufen.


[175] DR. STAHMER: Und welchen Auftrag erhielt er?


KÖRNER: Er erhielt den Auftrag, als Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz den Arbeitseinsatz zu regeln.


DR. STAHMER: Wem unterstand er?


KÖRNER: Er unterstand formell dem Beauftragten für den Vierjahresplan, aber seine Weisungen bekam er direkt vom Führer.


DR. STAHMER: Und in welcher Weise wirkten Sie mit?


KÖRNER: Ich hatte vom Frühjahr 1942 praktisch gar keinen Einfluß mehr auf den Arbeitseinsatz, da ja Sauckel seine Weisungen direkt vom Führer holte und auch entsprechend gleich direkt durchführte.


DR. STAHMER: Haben Sie überhaupt nie mehr mit Sauckel verhandelt?


KÖRNER: Nein, Verhandlungen haben, soweit ich mich entsinne, nicht mehr stattgefunden, weil er seine Direktiven vom Führer bekam.


DR. STAHMER: Durch wen wurden die Arbeitskräfte verteilt?


KÖRNER: Die Arbeitskräfte wurden durch die Arbeitsämter verteilt. Die Arbeitsämter unterstanden Sauckel.


DR. STAHMER: Wie war das Verhältnis des Reichsmarschalls zu Himmler?


KÖRNER: Es war nicht besonders gut, es war oft auch mit erheblichen Spannungen durchsetzt, insbesondere herrschte überhaupt kein Vertrauensverhältnis.


DR. STAHMER: Ich habe keine weiteren Fragen.


VORSITZENDER: Wünscht irgendein anderer Verteidiger Fragen an den Zeugen zu richten?


[Keine Antwort.]


Wünscht die Anklagevertretung Fragen zu stellen?

JUSTICE JACKSON: Sie haben in Ihrer Aussage auf eine Unterhaltung zwischen Göring und Thälmann hingewiesen.

KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Wollen Sie uns berichten, wann diese Besprechung stattgefunden hat?


KÖRNER: Das muß im Sommer 1933 gewesen sein.


JUSTICE JACKSON: Im Sommer 1933? War das vor oder nach dem Reichstagsbrand?


KÖRNER: Das ist nach dem Reichstagsbrand gewesen.


[176] JUSTICE JACKSON: Und Thälmann war im Reichstagsbrandprozeß angeklagt und vom Gerichtshof freigesprochen, nicht wahr?


KÖRNER: Ich kann mich daran nicht mehr genau erinnern.


JUSTICE JACKSON: Erinnern Sie sich gar nicht daran? Erinnern Sie sich, daß er angeklagt war?

KÖRNER: Ich kann mich nicht mehr ganz genau entsinnen, ob er angeklagt war, aber es kann sein.


JUSTICE JACKSON: Wissen Sie, wo er starb?


KÖRNER: Nein, das weiß ich nicht.


JUSTICE JACKSON: Wissen Sie, daß er nach dem Reichstagsbrand in Buchenwald interniert wurde und dort blieb, bis er 1944 starb. Wußten Sie das?


KÖRNER: Ich entsinne mich, daß er einem Luftangriff zum Opfer gefallen sein soll.


JUSTICE JACKSON: Und wo war er, als er ein Opfer dieses Luftangriffs wurde?


KÖRNER: Wo sich Thälmann... Ich habe die Frage nicht richtig verstanden.


JUSTICE JACKSON: Wo war Thälmann, als er dem Luftangriff zum Opfer fiel?


KÖRNER: Soviel ich gehört habe, soll er sich im Konzentrationslager Buchenwald aufgehalten haben.


JUSTICE JACKSON: Und wie lange ist er dort gewesen?


KÖRNER: Das weiß ich nicht. Es entzieht sich meiner Kenntnis.


JUSTICE JACKSON: Wohnten Sie der Besprechung zwischen Thälmann und Göring bei?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Worüber hat er sich denn in dem Konzentrationslager beschwert?


KÖRNER: Über bestimmte Behandlungen bei Vernehmungen.


JUSTICE JACKSON: Waren das die einzigen Beschwerden, die er vorbrachte?


KÖRNER: Soviel ich mich entsinne, ja. Der Reichsmarschall erkundigte sich, ob er auch gut zu essen bekäme und ob er auch richtig behandelt würde. Das wurde alles dabei erörtert.


JUSTICE JACKSON: Und Thälmann hatte nichts weiter am Konzentrationslager auszusetzen, abgesehen von seiner Behandlung bei den Verhören?


[177] KÖRNER: Soviel ich mich entsinne, war das seine Hauptbeschwerde.


JUSTICE JACKSON: Wurden die Kommunisten von den Nazis als Staatsfeinde betrachtet?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Und Konzentrationslager wurden also gebaut, um unter anderen Kommunisten auf zunehmen. Ist das richtig?


KÖRNER: Ja.


JUSTICE JACKSON: Und Juden?


KÖRNER: Jawohl, soweit diese als Staatsfeinde bekannt waren.


JUSTICE JACKSON: Wurden Juden auch als Staatsfeinde betrachtet?


KÖRNER: Im allgemeinen nicht, nur wenn sie als solche erkannt waren.


JUSTICE JACKSON: Als solche erkannt waren – als Juden?


KÖRNER: Nein, wenn ein Jude als Staatsfeind erkannt war, dann wurde er auch als Staatsfeind behandelt.


JUSTICE JACKSON: Wovon hing das ab, ob er als Staatsfeind betrachtet wurde oder nicht?


KÖRNER: Sein entsprechendes Verhalten, seine aktive Beteiligung an staatsfeindlichen Aktionen.


JUSTICE JACKSON: Was zum Beispiel? Was für Aktionen?


KÖRNER: Das kann ich im einzelnen auch nicht sagen. Ich bin nicht Leiter der Geheimen Staatspolizei gewesen und kenne natürlich die Einzelheiten nicht.


JUSTICE JACKSON: Waren Sie nicht bei Göring als sein Sekretär, während er Chef der Geheimen Staatspolizei war?


KÖRNER: Ich bin ja im Jahre 1933 Staatssekretär des Preußischen Staatsministeriums geworden.


JUSTICE JACKSON: Und haben Sie nicht als solcher mit Konzentrationslagern unter der Gestapo zu tun gehabt?


KÖRNER: Nein, ich habe nicht damit zu tun gehabt.


JUSTICE JACKSON: Wer hat das für Göring getan?


KÖRNER: Der damalige Ministerialdirektor Diels.


JUSTICE JACKSON: Wußten Sie, daß Göring bei der Aufstellung der Geheimen Staatspolizei SS-Leute verwendete, um die Gestapo aufzufüllen?


[178] KÖRNER: Daran kann ich mich nicht mehr entsinnen.


JUSTICE JACKSON: Sie waren Mitglied der SS, nicht wahr?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Welche Dienststellung hatten Sie in der SS?

KÖRNER: Ich habe in der SS nie eine Dienststellung eingenommen und habe auch keinerlei Formation geführt. Ich war lediglich Mitglied der SS.


JUSTICE JACKSON: Waren Sie nicht Obergruppenführer?


KÖRNER: Jawohl, ich war SS-Obergruppenführer.


JUSTICE JACKSON: Nun zu diesen wilden Konzentrationslagern... Sie sind gefragt worden, wer sie errichtet hat, und ich glaube, Sie haben nicht geantwortet. Wollen Sie uns bitte erzählen, wer diese Konzentrationslager errichtete?


KÖRNER: Ja, ich entsinne mich an zwei Lager. Bei dem einen weiß ich es ganz genau, das war der Gruppenführer Heines in Breslau.


JUSTICE JACKSON: Gruppenführer welcher Organisation?


KÖRNER: SA-Gruppenführer Heines in Breslau.


JUSTICE JACKSON: Wer war der andere?


KÖRNER: Das weiß ich nicht mehr genau. Ich glaube, es ist Karpfenstein gewesen. Das kann ich aber nicht mehr mit Bestimmtheit sagen.


JUSTICE JACKSON: Wer war das?


KÖRNER: Karpfenstein war Gauleiter in Stettin.


JUSTICE JACKSON: Und der Gauleiter war ein Parteifunktionär?


KÖRNER: Jawohl, war ein Parteifunktionär.


JUSTICE JACKSON: Und die Konzentrationslager waren geplant nicht nur für Staatsfeinde, sondern auch für Feinde der Partei. Stimmt das?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: War der Ministerpräsident von Preußen Chef der Geheimen Staatspolizei?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Und in seiner Abwesenheit sollte der Staatssekretär des Staatsministeriums als Chef der Geheimen Staatspolizei fungieren?


[179] KÖRNER: Nein, das war Diels.


JUSTICE JACKSON: Beruhte das alles nicht auf dem Gesetz? Wußten Sie nicht, daß das das Gesetz war, durch welches die Geheime Staatepolizei errichtet wurde – Paragraph 1, Absatz 2?


KÖRNER: Ich kann mich nicht mehr genau an dieses Gesetz erinnern. Ich kenne die Einzelheiten nicht mehr.

JUSTICE JACKSON: Kennen Sie das Gesetz vom 30. November 1933? Sie kennen nicht mehr das Gesetz, nach dem Sie handelten?


KÖRNER: Ich habe das Gesetz jetzt nicht in Erinnerung. Ich muß es zuerst mal wieder zu sehen bekommen.


JUSTICE JACKSON: Was war an diesen Konzentrationslagern nicht in Ordnung, daß sie geschlossen werden mußten?


KÖRNER: Diese wilden Konzentrationslager waren damals ohne Genehmigung des damaligen preußischen Ministerpräsidenten ins Leben gerufen worden, und er hat sie auch deswegen unverzüglich verboten.


JUSTICE JACKSON: War das der einzige Grund, daß sie ohne seine Genehmigung errichtet worden waren?


KÖRNER: Ich glaube ja.


JUSTICE JACKSON: Und er hat sie sofort aufgelöst?


KÖRNER: Aufgelöst, jawohl.


JUSTICE JACKSON: Göring hat keine Konzentrationslager geduldet, die nicht unter seiner Kontrolle standen, und der Führer hat ihn dabei gedeckt. Stimmt das?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Nun, von Zeit zu Zeit sind an Sie Beschwerden über die Behandlung von Leuten in Konzentrationslagern eingelaufen, und zwar während der ganzen Zeit, als Sie bei Göring waren, nicht wahr?


KÖRNER: Da sind öfters Beschwerden eingelaufen, jawohl.


JUSTICE JACKSON: Welcher Art waren diese Beschwerden?


KÖRNER: Verschiedener Art.


JUSTICE JACKSON: Sagen Sie dem Gerichtshof, was für Beschwerden Sie zu bearbeiten hatten.


KÖRNER: Das waren meistens Angehörige von Leuten, die ins Konzentrationslager gebracht worden waren. Sie baten um Freilassung oder beschwerten sich, daß diese Leute zu Unrecht ins KZ gebracht worden waren.


JUSTICE JACKSON: Das heißt also, daß sie unschuldig waren und keinerlei Verbrechen begangen hatten?


[180] KÖRNER: Das behaupteten die Angehörigen.

JUSTICE JACKSON: Haben Sie irgend etwas unternommen, um sie aus dem Konzentrationslager zu entlassen?


KÖRNER: Der Reichsmarschall hat angeordnet, daß alle Beschwerden beantwortet werden mußten. Es ist dann sofort der Sache nachgegangen worden.


JUSTICE JACKSON: Und haben Sie gefunden, daß viele dieser Leute unschuldig waren? Oder fanden Sie, daß sie schuldig waren?


KÖRNER: Wenn ein Fall darunter war, daß einer zu Unrecht in ein Konzentrationslager gebracht worden war, dann wurde er auch unverzüglich entlassen.


JUSTICE JACKSON: Und wem wurde mitgeteilt, daß er unschuldig befunden worden war und daß er aus dem Konzentrationslager entlassen werden sollte?


KÖRNER: Die Mitteilung ging an die Geheime Staatspolizei.


JUSTICE JACKSON: An wen bei der Geheimen Staatspolizei? Wie hieß der Mann, mit dem Sie sich in Verbindung setzten?


KÖRNER: Wer diese Fälle im einzelnen bearbeitet hat, weiß ich nicht. Der Leiter war, soviel ich mich entsinne, früher Heydrich, dann später Kaltenbrunner, beziehungsweise Müller.

JUSTICE JACKSON: Göring stand auf gutem Fuße mit all diesen Leuten, nicht wahr?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Er war mit all jenen Männern gut bekannt?


KÖRNER: Selbstverständlich.


JUSTICE JACKSON: Wenn Sie behaupten, daß Göring Leute aus Konzentrationslagern entließ, sprechen Sie da von nur einem Fall oder zwei Fällen, oder hat er eine ganze Menge Leute freigelassen?


KÖRNER: Im Laufe der Jahre sind natürlich mehrere Fälle zusammengekommen.


JUSTICE JACKSON: Was meinen Sie mit »mehreren Fällen«?


KÖRNER: Ich kann die Anzahl natürlich jetzt auch nicht mehr sagen. Auf jeden Fall sind es eine ganze Masse von Fällen gewesen, wo die Leute freigelassen wurden.


JUSTICE JACKSON: Haben Sie bei Ihren Untersuchungen jemals gefunden, daß die Leute schuldig waren?


KÖRNER: Wenn sie nicht freigelassen werden konnten, dann waren sie ja irgendwie schuldig.

[181] JUSTICE JACKSON: Wer hat das entschieden?


KÖRNER: Das wurde, soviel ich weiß, von der Leitung der Geheimen Staatspolizei entschieden.


JUSTICE JACKSON: Was haben Sie bei Gesuchen um Freilassungen unternommen? Haben Sie der Geheimen Staatspolizei mitgeteilt, daß Sie deren Auffassung über die Schuld des Betreffenden nicht teilten, oder hat Göring einfach angeordnet oder verlangt, daß der Mann entlassen werde?


KÖRNER: Nein. Es wurde den Leuten genau mitgeteilt, warum der betreffende Mann freigelassen werden sollte.


JUSTICE JACKSON: Kennen Sie irgendeinen Fall, in dem Göring die Freilassung eines Mannes aus einem Konzentrationslager verlangte, diesem Verlangen aber nicht entsprochen wurde?


KÖRNER: Das kann ich so ohne weiteres jetzt nicht sagen. Ich will einmal darüber nachdenken.


JUSTICE JACKSON: Sie können sich doch wohl heute an keinen solchen Fall erinnern, in dem Görings Ersuchen um Entlassung nicht nachgekommen wurde?


KÖRNER: Im Augenblick kann ich mich an keinen Fall erinnern.

JUSTICE JACKSON: Wieviel Leute wurden im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch in Konzentrationslager gesteckt?


KÖRNER: Das kann ich auch nicht sagen.


JUSTICE JACKSON: Wieviel Leute wurden in diesem Zusammenhang getötet?


KÖRNER: Das kann ich aus dem Gedächtnis auch nicht mehr sagen. Aber soviel bekannt ist, sind diese Zahlen seinerzeit bekanntgegeben worden.


JUSTICE JACKSON: Könnten es ein paar Hundert sein, die deswegen getötet wurden?


KÖRNER: Ich möchte mich auf eine Zahl nicht festlegen, da mich da mein Gedächtnis täuschen kann.


JUSTICE JACKSON: Es handelte sich doch um eine sehr große Anzahl von Menschen, nicht wahr?


KÖRNER: Eine sehr große Anzahl ist es sicherlich nicht gewesen.


JUSTICE JACKSON: Nennen Sie eine Zahl.


KÖRNER: Die Zahl ist damals bekanntgegeben worden. Das könnte man ja heute noch nachprüfen.


JUSTICE JACKSON: Warum wünschte der Reichsmarschall, daß Hitler mit der Bestrafung der Leute, die an dem Röhm-Putsch beteiligt waren, aufhören sollte?


[182] KÖRNER: Ich habe die Frage nicht richtig verstanden.


JUSTICE JACKSON: Ich habe Ihre Aussagen so verstanden, daß der Reichsmarschall irgendwann zu Hitler ging und ihn bat, die Verfolgung der Leute, die an der Röhm-Revolte teilgenommen haben, einzustellen. Und ich möchte wissen, warum er sie eingestellt haben wollte.


KÖRNER: Damit nicht Unschuldige darunter leiden sollten. Es sollten nur absolut Schuldige gefaßt und entsprechend auch bestraft werden. Es war klar, daß der eine oder andere sein Mütchen kühlen wollte und irgendwie einen persönlichen Feind bei dieser Gelegenheit mit beseitigen wollte. Damit das nicht überhand nahm und weiterging, sollte sofort diese Aktion abgestoppt werden, und nur noch die Gerichte sollten sich mit dieser Sache befassen.


JUSTICE JACKSON: Wer traf die Auswahl der Leute, die im Verfolg der Röhm-Revolte erschossen oder sonstwie getötet wurden?


KÖRNER: Die traf der Führer persönlich.


JUSTICE JACKSON: Und hatte der Reichsmarschall, wenn er sich beschwerte, hinreichenden Einfluß, diese Aktion sofort zum Stillstand zu bringen?


KÖRNER: Damals hatte der Reichsmarschall absolut diesen Einfluß.


JUSTICE JACKSON: Sie sagten, es sei die Aufgabe des Vierjahresplanes gewesen, die Verwirrung auf dem Arbeitsmarkt in Ordnung zu bringen?


KÖRNER: Ja.


JUSTICE JACKSON: Sie vertraten den Reichsmarschall bei vielen Konferenzen, nicht wahr?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: War es nicht eine Ihrer Aufgaben, Kriegsgefangene zur Arbeit in der Rüstungsindustrie und anderen Industrien, die Arbeitskräfte brauchten, herbeizuschaffen?


KÖRNER: Nein.


JUSTICE JACKSON: Sie hatten nie etwas damit zu tun?


KÖRNER: Nein. Der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz forderte selbstverständlich Kriegsgefangene für den Arbeitseinsatz an.


JUSTICE JACKSON: Sie haben an vielen Sitzungen, in denen dies besprochen wurde, teilgenommen, nicht wahr?


KÖRNER: Das weiß ich nicht so aus dem Gedächtnis.


[183] JUSTICE JACKSON: Haben Sie dem Reichsmarschall berichtet, was sich bei solchen Sitzungen ereignete?


KÖRNER: Fragen allgemeiner Art, die auf diesen Besprechungen zur Sprache gebracht wurden, wurden immer in einem Bericht zusammengefaßt und dem Reichsmarschall vorgelegt.


JUSTICE JACKSON: Sie waren Mitglied der Zentralen Planung, nicht wahr?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Und Sie haben den Reichsmarschall dort vertreten?


KÖRNER: Nein, da habe ich den Reichsmarschall nicht vertreten. Das war ein Gremium von drei Männern, und zwar Minister Speer, Feldmarschall Milch und ich. Die Zentrale Planung wurde im Frühjahr 1942 geschaffen.


JUSTICE JACKSON: Wer hat Sie ernannt?


KÖRNER: Wir drei sind bestimmt worden, dieser Zentralen Planung anzugehören.


JUSTICE JACKSON: Von wem wurden Sie ernannt?


KÖRNER: Soviel ich mich entsinne, von Göring.


JUSTICE JACKSON: Und Sie haben ihm berichtet, was sich dort von Zeit zu Zeit ereignete, nicht wahr?


KÖRNER: Die Zentrale Planung war nichts anderes als eine Einrichtung, die die Verteilung der Rohstoffe vorzunehmen hatte. Und zwar trafen wir uns im allgemeinen vor jedem Vierteljahr, um die entsprechenden Kontingente für das kommende Vierteljahr festzulegen. Früher wurde diese Verteilung vom Vierjahresplan in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsminister vorgenommen und nach dem Frühjahr 1942, im Interesse der Rüstung, dann von dieser Zentralen Planung.


JUSTICE JACKSON: Sie wollen uns zu verstehen geben, daß die Zentrale Planung nur alle drei Monate zusammentrat?


KÖRNER: Ungefähr, ja. In ganz seltenen Fällen ist sie dann noch einmal einberufen worden, wenn es sich um Fragen handelte, die dringend gelöst werden mußten. Ich entsinne mich zum Beispiel eines Falles, daß die Landwirtschaft nicht mehr genügend Stickstoff bekam, beziehungsweise gesagt wurde, daß bei der zu geringen Zuteilung des Stickstoffes die landwirtschaftliche Produktion darunter leiden würde. Daraufhin bat der Staatssekretär Backe um eine entsprechende Besprechung, die in der Zentralen Planung stattfand.


JUSTICE JACKSON: Würden Sie bezeugen, daß Sauckel bei einer Sitzung, an der Sie teilgenommen haben, der Zentralen [184] Planung nicht berichtet hat, daß von all den Millionen Arbeitskräften, die nach Deutschland gelangten, nur 200000 freiwillig kamen?


KÖRNER: Ich kann mich dieser Sache nicht mehr entsinnen.


JUSTICE JACKSON: Behaupten Sie, daß die Zentrale Planung niemals Arbeiterfragen besprochen hat?


KÖRNER: Bei der Zentralen Planung wurden lediglich die Arbeiteranforderungen mit aufgestellt, die einzelnen Bedarfsträger, die Rohstoffe zugeteilt bekamen, forderten dann auch die entsprechenden Arbeiter an, die ihnen fehlten. Da wurden nur ganz generelle Zahlen angegeben und diese Zahlen wurden dann an den Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz weitergeleitet.


JUSTICE JACKSON: Wie war es mit Kriegsgefangenen?


KÖRNER: Das interessierte die Zentrale Planung gar nicht, denn der Zentralen Planung wurden nur allgemeine Zahlen angegeben. Zum Beispiel, es fehlten für den einen oder anderen Industriezweig einige tausend Arbeiter, dann wurden sie mit angefordert.


JUSTICE JACKSON: Und wie war es mit Arbeitskräften aus Konzentrationslagern?


KÖRNER: Die Arbeiterverteilung wurde ja von den Arbeitsämtern vorgenommen, da hatte ja die Zentrale Planung gar nichts damit zu tun.


JUSTICE JACKSON: Ist Ihnen ein Brief vom 9. März 1944 bekannt, aus dem hervorgeht, daß 36000 Gefangene aus Konzentrationslagern eingesetzt waren und eine Erhöhung auf 90000 gefordert wurde?


KÖRNER: Ich kenne diese Anforderung nicht.


JUSTICE JACKSON: Wissen Sie etwas über die Verwendung von russischen Kriegsgefangenen für die Bemannung von Flakgeschützen?


KÖRNER: Nein.


JUSTICE JACKSON: Wußten Sie, daß, nachdem Göring die wilden Konzentrationslager aufgelöst hatte, sich die Zahl der Konzentrationslager in Deutschland sehr stark erhöhte?


KÖRNER: Das weiß ich nicht. Was nach der Übergabe an Himmler erfolgte, entzieht sich meiner Kenntnis. Es kann sein, daß eine entsprechend größere Anzahl von Lagern geschaffen worden ist.


JUSTICE JACKSON: Wie kamen Sie zu Ihrer Kenntnis über die Beziehungen Görings zu Himmler? Hat Göring Ihnen darüber erzählt?


[185] KÖRNER: Göring hat auch einmal darüber gesprochen, und daraus konnte ich entnehmen, daß das Verhältnis in keiner Weise ein gutes war.


JUSTICE JACKSON: Wissen Sie etwas über die Ernennung Kaltenbrunners zum Führer der österreichischen Staatspolizei nach dem Anschluß?


KÖRNER: Nein.


JUSTICE JACKSON: Wissen Sie, wer Kaltenbrunner die Stellung verschafft hatte?


KÖRNER: Nein, ich habe keine Ahnung.


JUSTICE JACKSON: Sie sagten, daß Göring und Sie in der Nacht oder den Nächten in München waren, als die antijüdischen Ausschreitungen in Deutschland stattfanden?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: War auch Goebbels dort?

KÖRNER: Nein.


JUSTICE JACKSON: Fahren Sie fort; wollten Sie sonst noch irgend etwas sagen?


KÖRNER: Wir fuhren ja am 9. November von München nach Berlin, da konnte doch Goebbels gar nicht mit dabei sein.


JUSTICE JACKSON: Warum konnte er nicht dabei sein?


KÖRNER: Weil der Reichsmarschall mit seinen Leuten in seinem Zug nach Berlin fuhr.


JUSTICE JACKSON: Ich meine, wußten Sie, daß Goebbels vor diesen Ausschreitungen in München war?


KÖRNER: Jawohl, das habe ich hinterher erfahren, daß Goebbels in München war. Außerdem waren ja alle nationalsozialistischen Führer in München, weil der 9. November ja ein Tag war, wo alle sich wieder trafen.


JUSTICE JACKSON: Und Goebbels hat an diesem Abend über die Judenfrage in München gesprochen, nicht wahr?


KÖRNER: Das weiß ich nicht. Ich erinnere mich an diese Rede nicht.

JUSTICE JACKSON: Göring war dort, um an der Zusammenkunft der nationalsozialistischen Führer teilzunehmen, nicht wahr?


KÖRNER: Ja. Am 9. November traf sich ja die gesamte Führerschaft der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in München. Ein allgemeines Treffen jedes Jahr...


[186] JUSTICE JACKSON: Und Göring hat regelmäßig daran teilgenommen?


KÖRNER: Selbstverständlich.


JUSTICE JACKSON: Und Sie haben teilgenommen?


KÖRNER: Habe auch teilgenommen.


JUSTICE JACKSON: Und Heß hat teilgenommen?


KÖRNER: Wie ich schon vorhin versicherte, haben ja alle nationalsozialistischen Führer, soweit sie überhaupt in der Lage waren, daran teilzunehmen, immer daran teilgenommen. Es hat niemals jemand gefehlt, es sei denn, daß er krank war oder wegen einer anderen dienstlichen Obliegenheit nicht hatte teilnehmen können.


JUSTICE JACKSON: Wer von den Angeklagten hier auf der Anklagebank hat an diesen Zusammenkünften teilgenommen? Ribbentrop natürlich?

KÖRNER: Ribbentrop sicher.


JUSTICE JACKSON: Keitel?


KÖRNER: Ich nehme an.


JUSTICE JACKSON: Kaltenbrunner?


KÖRNER: Ich habe Kaltenbrunner nie gesehen, weil Kaltenbrunner erst in den letzten Jahren in den öffentlichen Dienst gekommen war, und in den letzten Jahren diese Zusammenkünfte nicht mehr so stattfanden wie früher.


JUSTICE JACKSON: Rosenberg war natürlich da?


KÖRNER: Sicher, wie ich schon sagte.


JUSTICE JACKSON: Und Frank und Frick?


KÖRNER: Gewiß.


JUSTICE JACKSON: Und Streicher?


KÖRNER: Ja, in den letzten Jahren glaube ich nicht mehr. Aber früher hat er teilgenommen.


JUSTICE JACKSON: Was heißt in den letzten Jahren?


KÖRNER: Soviel ich weiß, hat Streicher in den letzten Jahren nicht mehr daran teilgenommen. Ich weiß es aber nicht mehr genau.

JUSTICE JACKSON: Er hat im November 1938, als die antijüdischen Ausschreitungen stattfanden, teilgenommen, nicht wahr?


KÖRNER: Das glaube ich, denn Streicher war damals noch in Nürnberg.


JUSTICE JACKSON: Er war sehr aktiv, nicht wahr?


KÖRNER: Ich habe die Frage nicht ganz richtig verstanden.


[187] JUSTICE JACKSON: Er war äußerst aktiv in antijüdischen Angelegenheiten, nicht wahr?


KÖRNER: Jawohl, das ist ja allgemein bekannt.


JUSTICE JACKSON: Und haben Sie Funk bei diesen Zusammenkünften gesehen?


KÖRNER: Ich glaube, daß Funk auch öfters bei den Zusammenkünften war.


JUSTICE JACKSON: Was wurde auf dieser Zusammenkunft am 9. November, der Nacht der antijüdischen Ausschreitungen, besprochen?


KÖRNER: Es ist mir gar nicht bekannt, daß damals überhaupt etwas besprochen worden ist, denn es war ja immer ein feststehendes Programm, das sich an diesem Tage abrollte; etwas anderes ist mir nicht bekannt geworden und kann ja auch dem Reichsmarschall nicht bekannt geworden sein.


JUSTICE JACKSON: Wie hieß der Adjutant, der ihn bei seiner Ankunft am nächsten Morgen davon unterrichtete, daß sich etwas in der Nacht ereignet hatte?


KÖRNER: Das kann ich nicht mehr genau sagen, weil ja die Adjutanten dauernd wechselten. Ich weiß nur, daß ein Adjutant kam und den Bericht erstattete.


JUSTICE JACKSON: Was hatte sich seinem Berichte nach ereignet?


KÖRNER: Er teilte mit, daß in der Nacht Ausschreitungen gegen die Juden stattgefunden hatten, und daß die Ausschreitungen noch weitergingen, daß Schaufenster eingeworfen würden, Waren auf die Straßen geschmissen würden und so weiter. Darüber war Göring sehr empört.


JUSTICE JACKSON: Worüber war er empört?


KÖRNER: Über die ganzen Ausschreitungen.


JUSTICE JACKSON: Sie wollen sagen, daß er die Partei der Juden ergriff?


KÖRNER: Über die ganze Aktion.


JUSTICE JACKSON: Sie wollen sagen, daß er die Partei der Juden ergriff?


KÖRNER: Göring hatte immer eine andere Einstellung in der ganzen Judenfrage.


JUSTICE JACKSON: Sagen Sie uns, worin sie bestand. Sie können auf alle Einzelheiten eingehen. Erzählen Sie uns über seine Einstellung.


[188] KÖRNER: Seine Haltung war immer eine gemäßigte Haltung gegenüber den Juden.


JUSTICE JACKSON: Zum Beispiel eine Geldbuße von einer Milliarde Reichsmark gleich nach dem Brand, gleich nach diesen Ausschreitungen? Sie wissen, daß er dies tat, nicht wahr?


KÖRNER: Jawohl, das war ja vom Führer verlangt worden.


JUSTICE JACKSON: Sie wissen, daß der Führer tot ist, nicht wahr? Sie wissen, daß das wahr ist?


KÖRNER: Jawohl, daß er tot ist, weiß ich.


JUSTICE JACKSON: Es ist bei Ihnen allgemein bekannt, daß der Führer tot ist?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Der Führer hat also dem Reichsmarschall befohlen, eine Geldstrafe von einer Milliarde Reichsmark zu erheben? Wer hat die Beschlagnahme der jüdischen Versicherungen, wenige Tage nach diesen Ausschreitungen, angeordnet?


KÖRNER: Das weiß ich nicht. Ich kenne jetzt die Einzelheiten nicht mehr.


JUSTICE JACKSON: Erinnern Sie sich nicht, daß dies auf Befehl Görings geschah?


KÖRNER: Ich entsinne mich jetzt nicht, in diesem Augenblick.


JUSTICE JACKSON: Warum ist Göring zu Hitler gegangen, um diesen Dingen ein Ende zu machen? Warum ging er nicht zum Chef der Polizei, deren Aufgabe es ist, Verbrechen zu verhüten?


KÖRNER: Ja, er hat sich natürlich gleich an den obersten Chef gewandt, damit ein entsprechender autoritärer Befehl nach unten gegeben werden konnte, daß diese Ausschreitungen unverzüglich aufzuhören hätten.


JUSTICE JACKSON: Ahnte er, wer sie begonnen hatte?


KÖRNER: Es hatte sich herumgesprochen, daß Goebbels der Veranlasser dieser Ausschreitungen gewesen sein soll.


JUSTICE JACKSON: Wußte er, daß auch die Gestapo und SS teilnahmen?

KÖRNER: Das weiß ich nicht. Soviel ich weiß, hat die SS nicht teilgenommen.


JUSTICE JACKSON: Hat die Gestapo teilgenommen?


KÖRNER: Nein, mir ist auch dies nicht bekannt.


[189] JUSTICE JACKSON: Er ging also zu Hitler, um sich über Goebbels zu beschweren, der zu diesen Ausschreitungen angestiftet hatte? Ist das richtig?


KÖRNER: Jawohl, das stimmt.


JUSTICE JACKSON: Er hat also am nächsten Morgen gewußt, daß diese Ausschreitungen gegen die Juden von Mitgliedern der Regierung angestiftet worden waren?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Sie wurden am 4. Oktober vergangenen Jahres auf dem Obersalzberg in der Vernehmungszentrale von Dr. Kempner, einem Angehörigen unseres Stabes, vernommen, nicht wahr?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Und Sie haben zu Beginn Ihres Verhörs betont, daß Sie gegen Ihren früheren Vorgesetzten, Reichsmarschall Göring, nichts aussagen würden, und daß Sie Göring als den letzten großen Mann der Renaissance betrachteten; das letzte große Vorbild eines Mannes aus dem Renaissancezeitalter; daß er Ihnen die größte Aufgabe Ihres Lebens anvertraut hätte, und daß es treulos und illoyal wäre, gegen ihn auszusagen. Haben Sie das gesagt?


KÖRNER: Ja, das ist ungefähr das, was ich gesagt habe.


JUSTICE JACKSON: Nehmen Sie noch immer die gleiche Haltung ein?


KÖRNER: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Ich habe keine weiteren Fragen mehr.


VORSITZENDER: Will irgendein anderes Mitglied der Anklagebehörde diesen Zeugen vernehmen?


GENERAL RUDENKO: Zeuge, vielleicht erinnern Sie sich an eine Besprechung der Leiter der deutschen Behörden in den besetzten Gebieten, die am 6. August 1942 unter dem Vorsitz des Angeklagten Göring stattfand?


KÖRNER: Ich kann mich nicht so ohne weiteres entsinnen, um was für eine Besprechung es sich handeln soll.


GENERAL RUDENKO: Vielleicht erinnern Sie sich, daß Sie nach Beendigung dieser Konferenz vom 6. August allen Ministern die Sitzungsniederschrift zusandten. Im Anhang zu dieser Sitzungsniederschrift war die Menge, welche nach Deutschland an Nahrungsmitteln und anderen Rohmaterialien abzuliefern war, angeführt.


KÖRNER: Ich kann mich so ohne weiteres dieser Sache nicht entsinnen.


[190] GENERAL RUDENKO: Ich werde Ihnen ein von Ihnen selbst unterzeichnetes Dokument vorlegen, das diese Besprechung beweist.


[Dem Zeugen wird ein Dokument vorgelegt.]


KÖRNER: Jawohl, ich habe Kenntnis genommen.

GENERAL RUDENKO: Erinnern Sie sich, daß dieses Dokument von Ihnen versandt wurde?


KÖRNER: Jawohl.


GENERAL RUDENKO: Aus diesem Dokument geht hervor, daß gewisse Lieferungen nach Deutschland festgesetzt wurden; so sollten insbesondere 1200000 Tonnen Nahrungsmittel von Frankreich, Belgien, den Niederlanden und von Norwegen geliefert werden. Aus Rußland sollten 3000000 Tonnen Weizen nach Deutschland versandt werden und so weiter. Halten Sie derartige Lieferungen nicht für eine Ausplünderung der besetzten Gebiete?


KÖRNER: Es war selbstverständlich, daß die besetzten Gebiete mit aller Macht an der Nahrungsmittelversorgung teilzunehmen hatten. Es wurden den besetzten Gebieten die Auflagen gemacht, die sie erfüllen konnten, beziehungsweise wenn sie nicht in der Lage waren, sie zu erfüllen, konnten sie ja nachher entsprechende Abänderungen verlangen.


GENERAL RUDENKO: Sie sagten etwas über »auspumpen«?


KÖRNER: Nein, ich habe nicht von auspumpen gesprochen. Ich habe gesagt, es wäre selbstverständlich, daß die besetzten Gebiete mit all ihren Kräften teilnehmen mußten an der Nahrungsmittelversorgung.


GENERAL RUDENKO: Die besetzten Gebiete mußten sich beteiligen?


KÖRNER: Jawohl.


GENERAL RUDENKO: Hatten denn die besetzten Gebiete die Deutschen gerufen und sie gebeten, über sie zu herrschen?


KÖRNER: Ich habe die Frage nicht richtig verstanden.

GENERAL RUDENKO: Das hätte ich auch gar nicht angenommen. Ich möchte Sie im Zusammenhang damit etwas anderes fragen. Sie erkannten nicht, daß dies eine Plünderung war; aber erinnern Sie sich nicht, daß Göring selbst...


KÖRNER: Das kann ja kein Raub gewesen sein.


GENERAL RUDENKO:... daß Göring bei der gleichen Besprechung in seiner Ansprache erklärt hatte, er beabsichtige, die besetzten Gebiete systematisch auszurauben? Erinnern Sie sich an seinen Ausdruck »systematisch ausrauben«?


[191] KÖRNER: Nein, der Ausdruck ist mir nicht weiter bekannt.


GENERAL RUDENKO: Vielleicht entsinnen Sie sich, daß er bei der gleichen Zusammenkunft, als er zu den Führern der besetzten Gebiete sprach, er zu ihnen sagte: »Sie sind nicht dorthin geschickt worden, um für das Wohl des Ihnen anvertrauten Volkes zu arbeiten, sondern, um aus diesem Lande alles auszupumpen, was möglich ist.« Entsinnen Sie sich an diese Worte des Angeklagten Göring?


KÖRNER: Ich kann mich auf diesen Ausdruck nicht besinnen.


GENERAL RUDENKO: Sie können sich nicht dar auf besinnen?


KÖRNER: Nein.


GENERAL RUDENKO: Erinnern Sie sich an einen längeren Briefwechsel zwischen Göring und Rosenberg, worin Rosenberg darauf bestand, daß alle Funktionen der wirtschaftlichen Ausbeutung der besetzten Gebiete der Sowjetunion den militärischen Wirtschaftsstellen weggenommen und dem von Rosenberg geführten Ministerium übertragen werden sollten?


KÖRNER: Ich kenne dieses Schreiben nicht.


GENERAL RUDENKO: Sie wissen das nicht? Und in diesem Zusammenhang können Sie sich auch nicht daran erinnern, daß dieser Briefwechsel nicht zu einer Lösung der Frage geführt hat?


KÖRNER: Ich kann mich auf diesen Briefwechsel nicht entsinnen.


GENERAL RUDENKO: Sie wissen überhaupt nichts. Erinnern Sie sich, daß im Jahre 1944...


DR. STAHMER: Ich möchte auf eines hinweisen: die Übersetzung ist sehr unvollständig und unverständlich. Wir verstehen die Frage zum Teil auch nicht.


GENERAL RUDENKO: Ich glaube, ich kann nichts dafür, wenn der Zeuge nicht alle meine Fragen versteht.


[Zum Zeugen gewandt:]


Können Sie sich auch nicht entsinnen, daß im Jahre 1944, nachdem die Rote Armee die deutschen Truppen aus der Ukraine vertrieben hatte, Göring an Rosenberg schrieb, die Lösung der Frage der wirtschaftlichen Ausbeutung der Ukraine sollte auf einen günstigeren Zeitpunkt verschoben werden; Göring erwähnte eine zweite Besitzergreifung der Ukraine und anderer sowjetischer Gebiete? Hatte er das im Sinne?

KÖRNER: Das sollte im Jahre 1944 gewesen sein?

GENERAL RUDENKO: Im Jahre 1944.


KÖRNER: Nein, darauf kann ich mich nicht entsinnen. Nein.


[192] GENERAL RUDENKO: Ich will darüber nicht streiten.

Herr Vorsitzender, ich glaube, daß Sie jetzt vertagen wollen. Ich habe noch einige weitere Fragen zu stellen und halte es für zweckmäßiger, die Befragung nach der Unterbrechung wieder aufzunehmen.


VORSITZENDER: Jawohl.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 9, S. 155-194.
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