Nachmittagssitzung.

[678] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Zeuge, wissen Sie noch, was Sie über die Beziehungen zwischen Ihnen und dem Führer zu sagen hatten? Ich möchte Ihre eigene Aussage hierzu verlesen:

»Der Haupteinfluß auf den Führer – wenn ich überhaupt von Einfluß auf den Führer reden darf – war, daß ich bis Ende 1941 oder Anfang 1942 diesen Einfluß hatte. Dann ließ mein Einfluß bis 1943 langsam nach und von 1943 an immer mehr und schneller. Insgesamt glaube ich, daß außer mir nicht irgend jemand auch nur einen ähnlichen Einfluß auf den Führer hatte, wie ich.«

Das ist Ihre Ansicht zu diesem Punkte?

GÖRING: Jawohl.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich glaube, daß Sie dem Gerichtshof erklärt haben, daß Ihre Treue dem Führer gegenüber bis zum Schluß nicht zu erschüttern gewesen sei. Ist das richtig?


GÖRING: Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie immer noch Hitler rechtfertigen und glorifizieren, nachdem er den Mord der fünfzig jungen Fliegeroffiziere von Stalag Luft III anbefohlen hatte?

GÖRING: Ich habe weder den Führer Adolf Hitler zu rechtfertigen noch zu glorifizieren, sondern ich habe nur zu betonen, daß ich ihm meine Treue gehalten habe, denn ich halte es nicht für richtig, nur in guten Tagen, wenn man seinen Eid gegeben hat, die Treue zu halten, sondern es ist sehr viel schwerer, diese Treue dann auch in schweren Tagen zu halten.

Ich bin ihm aber, wenn Sie auf diese fünfzig Flieger anspielen, niemals so klar und scharf gegenübergetreten, wie gerade in dieser Sache und habe ihm in dieser Sache meine Auffassung gesagt. Es hat dann monatelang daraufhin überhaupt kein Gespräch mehr zwischen dem Führer und mir stattgefunden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Der Führer muß doch auf jeden Fall genau gewußt haben, was in Bezug auf die Konzentrationslager, die Behandlung der Juden und die Behandlung der Arbeiter geschah, nicht wahr?


GÖRING: Ich deutete vorhin an, daß es meine Meinung ist, daß der Führer über Einzelheiten in den Konzentrationslagern, über die hier geschilderten Grausamkeiten, nicht unterrichtet gewesen ist; so wie ich ihn kenne, glaube ich das jedenfalls nicht. Was aber zwischen ihm...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich frage nicht nach Einzelheiten, ich frage Sie wegen des Mordes von vier oder fünf Millionen [678] Menschen. Wollen Sie mir sagen, daß keiner der Machthaber in Deutschland, außer Himmler und vielleicht Kaltenbrunner, davon Kenntnis hatte?


GÖRING: Ich bin nach wie vor der Meinung, daß über solche Zahlen der Führer nicht Bescheid gewußt hat.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, erinnern Sie sich, was Herr Dahlerus über die Beziehungen zwischen Ihnen und Hitler auf Seite 53 in seinem Buch geschrieben hat?

»Von Anfang unserer Besprechung an war ich durch sein Benehmen gegenüber Göring, seinem intimsten Freund aus den Jahren des Kampfes, sehr unangenehm berührt. Sein Wunsch, zu dominieren, war verständlich, aber eine so kriecherische Unterwürfigkeit, wie sie Göring jetzt zur Schau trug, von seinem nächsten Mitarbeiter zu verlangen, erschien mir verabscheuungswürdig und abstoßend.«

Mußten Sie sich so Hitler gegenüber verhalten?

GÖRING: So mußte ich mich nicht gegenüber Hitler verhalten, so habe ich mich nicht gegenüber Hitler verhalten, das sind feuilletonistische Äußerungen des Herrn Dahlerus, geschrieben nach dem Kriege. Wenn Deutschland den Krieg gewonnen hätte, würde diese Darstellung sicherlich in dem Buche eine ganz andere sein.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Dahlerus war Ihr Zeuge.


GÖRING: Herr Dahlerus wurde nicht als Zeuge über seine Auffassungen in feuilletonistischen Ausdrücken gefragt, sondern ausschließlich über die Tatsachen, die er zwischen mir und der Englischen Regierung als Kurier durchzuführen hatte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Vorsitzender! Am Dienstag letzter Woche ließ der Angeklagte General Bodenschatz als Zeugen vorladen, der ganz allgemein über seinen Charakter und seinen Ruf aussagte. Daher bin ich meines Erachtens berechtigt, ihm einen Bericht des Angeklagten Raeder über seinen Charakter und allgemeinen Ruf vorzulegen.

Auf Grund der englischen Gerichtsprozeßordnung stelle ich hiermit meinen diesbezüglichen Antrag.


DR. STAHMER: Herr Präsident! Ich widerspreche der Verlesung dieses Dokuments. Es erscheint mir bedeutend einfacher zu sein, den Großadmiral Raeder, der ja hier an Ort und Stelle ist, als Zeugen zu vernehmen über seine Äußerung. Wir werden dann auch in der Lage sein, im Kreuzverhör festzustellen, ob und in welchem Umfang er an dieser angeblichen Äußerung festhält.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich muß dieses Kreuzverhör vornehmen, um dem Angeklagten zum Antworten Gelegenheit zu [679] geben. Der Angeklagte Raeder kann seine Erklärung geben, wenn er selber am Zeugenstand erscheint.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof möchte sich gerne das Dokument ansehen, bevor es dem Angeklagten vorgelegt wird.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dies ist die englische Übersetzung, ich werde Dr. Stahmer das deutsche Dokument zeigen.


DR. STAHMER: Herr Präsident! Ich darf darauf hinweisen, daß der Schriftsatz kein Datum trägt, und man weiß nicht, wann und wo es gefertigt ist.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es trägt die Unterschrift des Angeklagten Raeder.


DR. STAHMER: Wann und wo wurde es entworfen? Die Unterschrift von Raeder ist mir nicht bekannt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das Datum steht in Raeders Handschrift wie auch seine Unterschrift, 27. Juli. Ich glaube, es ist 1945. Jede Seite des Dokuments ist von dem Angeklagten Raeder unterzeichnet.


VORSITZENDER: Sir David! Sie sagen, daß der Angeklagte seinen Leumund durch den Zeugen Bodenschatz unter Beweis gestellt hat?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie werden sich erinnern, Herr Vorsitzender, daß Dr. Stahmer ihn nach der gesellschaftlichen Stellung Görings befragte. Er hat daraufhin die diesbezüglichen Aussagen über seinen damaligen Charakter, seine Güte und andere gute Eigenschaften gemacht. Ich stelle fest, daß auch Dr. Stahmer als Beweisstück weiteres Beweismaterial bezüglich des Charakters in Form einer Erklärung eines gewissen Hermann Winter vorbereitet hat.


VORSITZENDER: Wäre es nicht angebracht gewesen, da die Absicht bestand, das Dokument als Beweismaterial vorzulegen, es Bodenschatz zu unterbreiten, der die Aussage machte?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Vorsitzender, die Regel ist: Wenn der Angeklagte seinen Charakter unter Beweis zu stellen wünscht, darf er einem Kreuzverhör über seinen Charakter und Leumund unterzogen werden; es ist selbstverständlich gestattet, einen Zeugen hierüber zu vernehmen.


DR. STAHMER: Darf ich dazu folgendes sagen?: Ich habe Bodenschatz nicht als Leumundszeugen aufgerufen, habe ihn auch nicht als Leumundszeugen über Göring gehört, sondern ich habe ihn über bestimmte Tatsachen, über bestimmte Vorgänge gehört, aus denen Bodenschatz nachher bestimmte Schlüsse gezogen hat. Es wäre nach meiner Auffassung erforderlich gewesen, diese Vorbehalte zu [680] machen, als Bodenschatz hier war, denn diese Aussagen könnten dazu verwertet werden, um nachzuweisen, daß Bodenschatz die Unwahrheit gesagt hat und nicht, daß Göring die Unwahrheit gesagt hat. Für diesen Beweis hätte das Dokument verwendet werden müssen bei der Vernehmung von Bodenschatz; dann wären wir in der Lage gewesen, auch darüber Bodenschatz zu hören.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Er kann natürlich General Bodenschatz zurückbringen und ihm das Dokument vorlegen lassen. Ich betrachte mich jedoch als berechtigt, es dem Angeklagten vorzulegen, der das Leumundszeugnis beantragt hat.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird darüber beraten.


[Verhandlungspause.]


VORSITZENDER: Der Gerichtshof hat beschlossen, daß im Augenblick dieses Dokument nicht im Kreuzverhör verwendet werden kann.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Vorsitzender! Ich entnehme daraus, daß die Frage, ob es für den Angeklagten Raeder und die Zeugen benutzt werden darf, später noch behandelt werden kann.


VORSITZENDER: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich danke sehr.

Zeuge, bevor der Gerichtshof sich zurückzog, haben Sie gesagt, daß Hitler Ihrer Ansicht nach nichts über die Zustände in den Konzentrationslagern und die Behandlung der Juden wußte. Ich bitte Sie, sich Dokument D-736 anzusehen. Dies ist ein Bericht über eine Besprechung zwischen dem Führer und dem ungarischen Regenten Horthy am 17. April 1943. Und wenn Sie Seite vier betrachten, werden Sie dort den Abschnitt anschließend an »Nürnberg und Fürth« sehen.


GÖRING: Einen Augenblick bitte. Ich möchte es überfliegen, daß ich zu der Identität Stellung nehme.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gewiß.


GÖRING: Seite vier.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Seite vier, GB-283. Nach der Erwähnung von Nürnberg und Fürth sagt Hitler weiter:

»Die Juden hätten eben nicht einmal einen organisatorischen Wert. Entgegen den Befürchtungen, die er (der Führer) auch wiederholt in Deutschland zu hören bekommen habe, ginge alles auch ohne die Juden seinen Gang weiter. Wo die Juden sich selbst überlassen wären, wie zum Beispiel in Polen, [681] herrsche grausamstes Elend und Verkommenheit. Sie seien eben reine Parasiten. Mit diesen Zuständen habe man in Polen gründlich aufgeräumt. Wenn die Juden dort nicht arbeiten wollten, würden sie erschossen. Wenn sie nicht arbeiten könnten, müßten sie verkommen. Sie wären wie Tuberkelbazillen zu behandeln, an denen sich ein gesunder Körper anstecken könne. Das wäre nicht grausam, wenn man bedenke, daß sogar unschuldige Naturgeschöpfe, wie Hasen und Rehe, getötet werden müßten, damit kein Schaden entstehe. Weshalb sollte man die Bestien, die uns den Bolschewismus bringen wollten, mehr schonen? Völker, die sich der Juden nicht erwehrten, verkämen. Eins der berühmtesten Beispiele sei das Absinken des einst so stolzen Volkes der Perser, die jetzt als Armenier ein klägliches Dasein führten.«

Wollen Sie nun auch Dokument USSR-170 betrachten, ein Beweisstück, das einen Bericht über eine Konferenz enthält, die Sie am 6. August 1942 hatten?

VORSITZENDER: Bevor Sie das Dokument weglegen – enthält es nicht oben noch einen wichtigen Satz? Etwa zehn Zeilen weiter in der Mitte der Zeile, glaube ich...

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie haben recht, Herr Vorsitzender.

»Auf die Gegenfrage Horthys, was er denn mit den Juden machen solle, nachdem er ihnen so ziemlich alle Lebensmöglichkeiten entzogen habe – erschlagen könne er sie doch nicht – erklärte der Reichsaußenminister, daß die Juden entweder vernichtet oder in Konzentrationslager gebracht werden müßten. Eine andere Möglichkeit gäbe es nicht.«

GÖRING: Ich kenne dieses Dokument nicht.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es handelt sich hier um eine Besprechung, die Sie mit einer Anzahl Leuten hatten, und auf Seite 143, wenn Sie diese bitte aufschlagen wollen, kommen Sie zu der Frage der Butterlieferungen. Wollen Sie bitte sehen, wo es steht:

»Reichsmarschall Göring: ›Wieviel Butter liefern Sie ab, 30000 Tonnen?‹«

Haben Sie es gefunden?

GÖRING: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und dann Lohse, der an der Konferenz teilnimmt, sagt: »Ja«, und Sie sagen: »Liefern Sie auch an Wehrmachtseinheiten?« und dann sagt Lohse: »Ich kann das auch beantworten. Es gibt nur noch ein paar Juden, wohingegen wir schon Zehntausende erledigt haben, aber ich kann Ihnen sagen, daß die [682] Zivilbevölkerung auf Ihren Befehl hin 15 Prozent weniger als die Deutschen bekommt.« Ich verweise Sie auf die Bemerkung: »Es gibt nur noch ein paar Juden, wohingegen wir Zehntausende schon erledigt haben.« Wollen Sie immer noch angesichts dieser zwei Dokumente behaupten, daß weder Sie noch Hitler gewußt hätten, daß die Juden ausgerottet wurden?


GÖRING: Ich bitte, daß meine Bemerkung richtig verlesen wird. Sie ist völlig falsch wiedergegeben. Ich darf den Originaltext verlesen: »Lohse:« – also nicht meine Bemerkung, ich meine Lohses Bemerkung – »Darauf kann ich auch antworten. Die Juden leben nur noch zum kleinen Teil, 'zigtausend sind weg.«

Hier steht nicht, daß sie vernichtet worden sind. Aus dieser Bemerkung ist nicht zu schließen, daß sie dort getötet worden sind, sondern aus dieser Bemerkung kann geschlossen werden, daß die Juden dort weg sind. Also, evakuiert könnte genau so möglich sein. Es ist nichts davon.....


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich schlage zu der vorhergehenden Bemerkung vor, daß Sie ganz klar machen, was Sie unter der Bemerkung, es sind nur noch ein paar Juden am Leben, wohingegen und so weiter, meinten?


GÖRING: Nein, leben noch dort, so ist das aufzufassen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie haben gehört, was ich Ihnen über Hitler vorgelesen habe, was er zu Horthy gesagt hat, und was Ribbentrop sagte, daß die Juden entweder vernichtet oder in Konzentrationslager geschafft werden müßten. Hitler sagte, die Juden müssen entweder arbeiten oder erschossen werden. Das war im April 1943. Wollen Sie immer noch sagen, daß weder Hitler noch Sie von der Vernichtungspolitik der Juden eine Ahnung hatten?


GÖRING: Ich habe für die Richtigkeit dieser Niederschrift keinen Beweis. Sollte Hitler...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie bitte meine Frage beantworten! Sagen Sie immer noch, daß weder Hitler noch Sie von der Judenausrottungs-Politik etwas wußten?


GÖRING: Soweit es Hitler betrifft, habe ich gesagt, daß ich das nicht glaube; soweit es mich betrifft, habe ich gesagt, daß ich auch nur annähernd von diesem Ausmaß nicht gewußt habe.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wußten nicht, in welchem Ausmaß; Sie wußten jedoch, daß eine Politik bestand, die auf die Ausrottung der Juden hinzielte?


GÖRING: Nein, auf die Auswanderung der Juden und nicht auf ihre Ausrottung. Ich wußte nur, daß in Einzelfällen in dieser Richtung Vergehen vorgekommen waren.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Danke.


[683] GENERAL RUDENKO: Habe ich Sie richtig verstanden, Angeklagter Göring, daß alle grundlegenden Beschlüsse auf dem Gebiet der Außenpolitik und der militärischen Fragen von Hitler selbst getroffen wurden?


GÖRING: Jawohl, dafür war er der Führer.


GENERAL RUDENKO: Ist das so zu verstehen, daß Hitler die Beschlüsse faßte, ohne die Meinung der Experten anzuhören, ohne die Fragen und das Material, die ihm von den Experten gegebenenfalls vorgelegt sein könnten, zu studieren?


GÖRING: Das war verschieden. In einzelnen Fällen ließ er sich selbstverständlich Unterlagen geben, ohne daß die Experten genau erkennen konnten, aus welchem Grunde; in anderen Fällen hat er seinen Fachberatern gegenüber ausgesprochen, was er beabsichtigte und von ihnen diesbezügliche Unterlagen und Beurteilungen eingeholt. Entschieden hat er als oberster Führer selbst.


GENERAL RUDENKO: Ich verstehe Sie in diesem Falle dann richtig, daß bei Entscheidungen über ern ste Fragen Hitler sich auf das Material oder die Analysen stützte, die ihm von seinen engsten Mitarbeitern, welche ihn, ihren Fachgebieten entsprechend, auch berieten, unterbreitet wurden.


GÖRING: Teils enge Mitarbeiter, teils, wie Nachrichtenübermittlung, weiterer Mitarbeiterstab der betreffenden Ressorts.


GENERAL RUDENKO: Können Sie mir dann sagen, wer war Hitlers engster Mitarbeiter auf dem Gebiet der Luftwaffe?


GÖRING: Selbstverständlich ich.


GENERAL RUDENKO: Und in den Wirtschaftsfragen?


GÖRING: In den Wirtschaftsfragen war ich es auch.


GENERAL RUDENKO: Und in außenpolitischen Fragen?


GÖRING: Das war verschieden, welche Fragen zur Diskussion standen, und wie weit der Führer hier jemanden zur Beratung oder zur Erörterung herangezogen hat.


GENERAL RUDENKO: Wen von solchen engen Mitarbeitern können Sie mir beim Namen nennen?


GÖRING: Engerer Mitarbeiter des Führers, das habe ich schon gesagt, war in erster Linie ich. Ein engerer Mitarbeiter, Mitarbeiter ist vielleicht das falsche Wort, mit dem er vielleicht mehr sprach als mit anderen, war Dr. Goebbels. Sie müssen auch die Zeitpunkte auseinanderhalten. In den zwanzig Jahren war es verschieden. Zum Schluß war es in starkem Ausmaße, in stärkstem vielleicht, Bormann; während der Zeit 1933/34 bis kurz vor Schluß auch Himmler für gewisse und bestimmte Fragen, und wenn der Führer sonstige spezifische Ressortfragen hatte, dann hat er selbstverständlich, wie [684] das in jeder Regierung üblich ist, diejenigen gefragt, die diese Fragen am besten beherrschten. Er hat sich dann dort Unterlagen geben lassen.


GENERAL RUDENKO: Können Sie mir sagen, wer die nächsten Mitarbeiter Hitlers auf dem Gebiete der Außenpolitik waren?


GÖRING: Auf dem Gebiete der Außenpolitik kam eine Mitarbeit beim Führer nur in rein, ich möchte sagen, technischem Ausmaß stärker vor.

Die eigentlichen außenpolitischen Entschlüsse wichtigster und weittragendster Art pflegte er selbst eingehend zu übernehmen und brachte sie dann meist schon als fertige Auffassung seinen Mitarbeitern oder nächsten Leuten zur Kenntnis. Mit wenigen Ausnahmen konnte diskutiert werden, zum Beispiel ich. Die technische Durchführung seiner Beschlüsse auf außenpolitischem Gebiet, wenn sie dann in Noten zum Ausdruck kam, oblag dem Auswärtigen Amte und seinem Minister.


GENERAL RUDENKO: Also dem Angeklagten Ribbentrop?


GÖRING: Selbstverständlich war er der zuständige Außenminister, aber er machte nicht die Außenpolitik.


GENERAL RUDENKO: Wer war der Berater Hitlers in den strategischen Fragen?


GÖRING: Das waren mehrere. Auf der Basis rein ressortmäßiger, strategischer Erörterungen waren es die drei Oberbefehlshaber und ihre Generalstabschefs und zum Teil der Wehrmachtführungsstab, der sich unmittelbar beim Führer befand.


GENERAL RUDENKO: Welchen von den Angeklagten können Sie als solch einen Berater nennen?


GÖRING: Wenn er vom Führer gefragt wurde, war der Chef des Führungsstabes, Generaloberst Jodl, der Berater für rein strategische Maßnahmen; für militärisch-organisatorische Fragen die drei Oberbefehlshaber, von denen ich der eine bin, Großadmiral Raeder und danach Großadmiral Dönitz für die Marine die anderen. Die anderen Vertreter der Armee nahmen nicht teil.


GENERAL RUDENKO: Ich habe eine weitere Frage an Sie. Wenn man an diesen Gegenstand nicht rein formal, sondern materiell herangeht, kann man dann daraus folgern, daß die Vorbereitung von Material, das Konsultieren und die Empfehlungen der führenden Mitarbeiter eine wesentliche Bedeutung für die endgültigen Entschlüsse Hitlers hatten?


GÖRING: Wenn ich vom rein Formellen absehe, wie Sie wünschen, – Sie meinen das militärische Gebiet, nicht wahr? –, dann war das so....


[685] GENERAL RUDENKO: Nein, ich meine nicht nur die militärischen sondern alle Gebiete. Ich habe mit Ihnen gleichfalls die Wirtschafts-, die innenpolitischen, sowie die außenpolitischen Fragen berührt. Ich wiederhole, wenn man nicht vom rein formalen Standpunkt, sondern materiell an den Gegenstand herangeht, kann man dann daraus folgern, daß das Konsultieren eine wesentliche Bedeutung für Hitlers endgültige Entschlüsse hatte?


GÖRING: Zum Teil, ja; zum Teil wurden sie verworfen, je nachdem, ob sie dem Führer richtig erschienen oder nicht.


GENERAL RUDENKO: Aber zum Teil doch ja; bestätigen Sie das?


GÖRING: Ja, selbstverständlich, wenn ihm einer einen vernünftigen Vorschlag machte, und er ihn für vernünftig ansah, dann hat er ihn sicherlich auch verwertet.


GENERAL RUDENKO: Ich möchte unterstreichen, daß alle diese Berater nicht ganz beiseite standen. Sie hatten also mit ihren Ratschlägen und Beratungen einen Einfluß auf die endgültigen Entschlüsse Hitlers?


GÖRING: Sie standen nicht beiseite. Einen Einfluß hatten sie nur insoweit, als ihre Überzeugung mit der des Führers konform ging.


GENERAL RUDENKO: Das ist klar! Gehen wir zu der folgenden Gruppe von Fragen über. Wann genau haben Sie mit der Ausarbeitung des Planes für den Einsatz der deutschen Luftwaffe gegen die Sowjetunion im Zusammenhang mit dem Fall »Barbarossa« angefangen?


GÖRING: Der Aufmarsch der Luftwaffe für den Fall »Barbarossa« wurde von meinem Generalstab nach der ersten Führerweisung für den Eventuellfall ausgearbeitet, also nach der Novemberweisung.


GENERAL RUDENKO: Im Jahre 1940?

GÖRING: Im Jahre 1940. Ich habe aber für meinen Teil schon vorher, ganz unabhängig immer, nicht nur gegen Rußland sondern gegen alle nicht im Krieg stehenden Staaten, die aber vielleicht hineingezogen werden konnten, Eventualvorbereitungen überlegt.


GENERAL RUDENKO: So. Also bereits im November 1940, das heißt ein halbes Jahr vor Deutschlands Angriff gegen die Sowjetunion, wurden Pläne dieses Angriffs ausgearbeitet, und zwar unter Ihrer Mithilfe?


GÖRING: Ich habe das genau neulich ausgeführt, daß zu diesem Zeitpunkt bereits ein Eventualplan für den Fall einer Verschiebung der politischen Lage und der Bedrohung durch Rußland ausgearbeitet wurde.


[686] GENERAL RUDENKO: Bitte, antworten Sie kurz auf diese Frage, ja oder nein. Auf diese Frage kann man eine derartige Antwort geben. Ich wiederhole: Im November 1940, also mehr als ein halbes Jahr vor dem Angriff auf die Sowjetunion, wurden Pläne dieses Angriffs bereits unter Ihrer Mithilfe ausgearbeitet. Sie können doch kurz auf diese Frage antworten?


GÖRING: Ja, aber nicht in dem Sinne, wie Sie es darstellen wollen.


GENERAL RUDENKO: Ich glaube, Ihnen die Frage ganz klar gestellt zu haben. Hier besteht keine Zweideutigkeit. Wie lange hat es gedauert, bis der Plan »Barbarossa« ausgearbeitet wurde?


GÖRING: Auf welchem Gebiet, Luftwaffe, Heer, Marine?


GENERAL RUDENKO: Wenn Sie auf allen Gebieten Bescheid wissen, und zwar in der Luft, auf dem Lande und auf dem Meer, dann würde ich Ihnen für eine allgemeine Beantwortung dankbar sein.


GÖRING: Ich kann im großen nur für die Luftwaffe sprechen, wo es verhältnismäßig rasch ging.


GENERAL RUDENKO: Bitte sehr. Wie lange hat die Ausarbeitung des Planes »Barbarossa« gedauert?


GÖRING: Ich kann Ihnen heute nach so vielen Jahren ohne Unterlage ein exaktes Datum nicht sagen. Aber ich habe es Ihnen beantwortet, daß bei der Luft verhältnismäßig rasch die Aufmarschplanung klarstand; beim Heer wird es länger gedauert haben.


GENERAL RUDENKO: Also geben Sie zu, daß der Angriff auf die Sowjetunion im voraus beschlossen war, und zwar mehrere Monate vor seinem Beginn, und daß Sie, als der Befehlshaber der deutschen Luftflotte und als Reichsmarschall, der unmittelbare Mitarbeiter an der Vorbereitung dieses Angriffs waren?


GÖRING: Ich darf Ihre vielen Fragen zerlegen.

Erstens: es war nicht monatelang....

GENERAL RUDENKO: Es waren nicht zu viele Fragen auf einmal. Es war eine Frage. Sie haben zugegeben, daß Sie im November den Plan »Barbarossa« für die Luftwaffe ausgearbeitet haben. Ich frage Sie als Befehlshaber der deutschen Luftwaffe.


GÖRING: Das stimmt.


GENERAL RUDENKO: Auf den ersten Teil haben Sie bereite geantwortet, jetzt der letzte Teil der Frage: Sie geben zu, daß Sie als Chef der deutschen Luftwaffe und als Reichsmarschall an der Vorbereitung der Angriffspläne gegen die Sowjetunion teilnahmen?


GÖRING: Ich betone noch einmal, ich habe auf eine Angriffsmöglichkeit hin vorbereitet und zunächst mit der Einschränkung des [687] Führers, daß auf Seiten Sowjetrußlands eine gefährliche Haltung eingenommen werde. Es war von Anfang an noch nicht von einem absoluten Angriff die Rede, das steht auch in der Weisung vom November 1940 klar drinnen. Ich möchte zum zweiten betonen, daß meine Stellung als Reichsmarschall hier keine Rolle spielt, das ist ein Titel und ein Rang.


GENERAL RUDENKO: Aber Sie leugnen nicht, daß dieser Plan bereits im November 1940 ausgearbeitet wurde?


GÖRING: Ja.

GENERAL RUDENKO: Es scheint mir, daß diese Frage bereits so ausführlich dem Gerichtshof vorgelegt wurde, daß wir nicht zu eingehend diesen Fall »Barbarossa« zu behandeln brauchen. Ich gehe nun zur nächsten Frage über.

Geben Sie zu, daß die Kriegsziele gegen die Sowjetunion waren: die Eroberung von Sowjetgebieten bis zum Ural, die Angliederung der baltischen Gebiete, der Krim und des Kaukasus an das Deutsche Reich, die Unterjochung der Ukraine, Weißrußlands und anderer sowjetrussischer Gebiete durch Deutschland, geben Sie das zu?


GÖRING: Das gebe ich durchaus nicht zu.


GENERAL RUDENKO: Das geben Sie nicht zu! Erinnern Sie sich nicht, daß bei einer Besprechung bei Hitler am 16. Juli 1941, bei der Sie ebenso wie auch Bormann, Keitel, Rosenberg und andere zugegen waren, Hitler die Angriffsziele gegen die Sowjetunion genau so, wie ich sie in meiner vorhergehenden Frage wiedergegeben habe, festlegte? Dies ist bewiesen worden durch das Dokument, das dem Gerichtshof vorgelegt worden ist. Dieses Dokument ist genügend bekannt, und scheinbar auch Sie erinnern sich daran. Erinnern Sie sich an diese Besprechung?


GÖRING: Ich erinnere mich genau an das Dokument und erinnere mich ungefähr an diese Besprechung und habe gleich zum ersten Male gesagt, daß mir dieses niedergeschriebene Dokument von Herrn Bormann bezüglich dieser Forderung maßlos übertrieben erscheint. Jedenfalls am Anfang des Krieges war das noch nicht besprochen und auch nicht davor.


GENERAL RUDENKO: Aber Sie geben zu, daß es ein Protokoll über diese Konferenz gibt?


GÖRING: Das gebe ich zu, weil ich es gesehen habe. Das Dokument ist von Bormann verfaßt.


GENERAL RUDENKO: Sie geben ebenfalls zu, daß Sie nach dieser Notiz bei dieser Besprechung anwesend waren?


GÖRING: Bei dieser Besprechung war ich anwesend, und aus diesem Grunde habe ich die Niederschrift bezweifelt.


[688] GENERAL RUDENKO: Sie erinnern sich daran, daß hier die Aufgaben formuliert wurden, die mit den sich bildenden Verhältnissen in Verbindung stehen. Ich werde Ihnen einige Stellen in Erinnerung bringen, ich will aber das Protokoll nicht ganz verlesen.


GÖRING: Darf ich um eine Abschrift des Protokolls bitten?


GENERAL RUDENKO: Sie wollen eine Kopie des Protokolls?

GÖRING: Ja, ich bitte darum.


GENERAL RUDENKO: Bitte sehr. Wollen Sie dieses Dokument lesen?


GÖRING: Nein, nur dort, wo Sie vorlesen.


GENERAL RUDENKO: Auf Seite zwei dieses Dokuments, im zweiten Absatz, Punkt zwei. Bezüglich der Krim. »Wir betonen, daß wir Bringer der Freiheit wären.« Finden Sie diese Stelle?


GÖRING: Einen Augenblick, ich habe sie noch nicht. Jetzt habe ich sie.


GENERAL RUDENKO: Im zweiten Absatz heißt es:

»Wir betonen, daß wir die Bringer der Freiheit wären.... Die Krim muß von allen Fremden geräumt und deutsch besiedelt werden. Ebenso wird das alt-österreichische Galizien Reichsgebiet.«

Finden Sie diese Stelle?

GÖRING: Jawohl.

GENERAL RUDENKO: Es wird von »Reichsgebiet« gesprochen.


GÖRING: Jawohl.


GENERAL RUDENKO: Ferner möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf das Ende dieses Protokolls lenken, auf seinen letzten Teil:

»Der Führer betont, das gesamte Baltenland müsse Reichsgebiet werden.«

Haben Sie diese Stelle gefunden?

GÖRING: Das allerletzte?

GENERAL RUDENKO: Jawohl.


GÖRING: »Schließlich wurde angeordnet...«


GENERAL RUDENKO: Etwas höher.


GÖRING: »Der Führer betont.....«


GENERAL RUDENKO: Das ist richtig.

»Der Führer betont, das gesamte Baltenland müsse Reichsgebiet werden. Ebenso müsse die Krim mit einem erheblichen Hinterland (Gebiet nördlich der Krim) Reichsgebiet werden, das Hinterland müsse möglichst groß sein.«

[689] Dann steht ferner bezüglich der dort wohnenden Ukrainer. Einen Absatz weiter unten heißt es:

»Der Führer betont weiter, auch die Wolgakolonie müsse deutsches Reichsgebiet werden, ebenso das Gebiet um Baku; es müsse deutsche Konzession werden. (Militärkolonie.)

Die Finnen wollen Ostkarelien, doch soll wegen der großen Nickelvorkommen die Halbinsel Kola zu Deutschland kommen.

Mit aller Vorsicht müsse die Angliederung Finnlands als Bundesstaat vorbereitet werden. Das Gebiet um Leningrad wird von den Finnen bean sprucht; der Führer will Leningrad dem Erdboden gleichmachen lassen, um es den Finnen zu geben.«

Haben Sie die Stelle gefunden, wo Leningrad und Finnland erwähnt werden?

GÖRING: Ja.

GENERAL RUDENKO: Dies ist eine Niederschrift über eine Besprechung vom 16. Juli 1941, eine Besprechung, an der Sie teilnahmen, drei Wochen nach Deutschlands Angriff auf die Sowjetunion. Sie verneinen nicht, daß eine Besprechungsniederschrift existiert. Es ist Dokument L-221, US-317.


GÖRING: Einen Moment, Sie irren sich im Datum. Sie sagten drei Tage, das ist nicht richtig.


GENERAL RUDENKO: Ich sagte drei Wochen, nicht drei Tage nach dem Überfall auf die Sowjetunion. Am 22. Juni haben Sie den Überfall verübt, und diese Besprechung war im Hauptquartier des Führers am 16. Juli, ich glaube, um Punkt 15 Uhr. Ist das richtig, daß solch eine Besprechung stattfand?


GÖRING: Das ist richtig, das habe ich die ganze Zeit betont, aber das Protokoll ist nicht richtig.


GENERAL RUDENKO: Und wer hat dieses Protokoll gemacht?


GÖRING: Bormann.

GENERAL RUDENKO: Bormann. Und was für einen Grund hätte Bormann gehabt, ein falsches Protokoll der Sitzung zu machen?


GÖRING: In diesem Protokoll hat Bormann übertrieben.


GENERAL RUDENKO: Vieles?


GÖRING: Zum Beispiel vom Wolgagebiet ist nie die Rede gewesen, von der Krim, das ist richtig, daß der Führer die Krim.....


GENERAL RUDENKO: Dann wollen wir mal genau klären, was Sie für richtig halten. Die Krim sollte deutsches Gebiet werden, ist das richtig?


[690] GÖRING: Die Krim wollte der Führer haben.

Aber das war vor dem Kriege als Ziel festgesetzt und ebenso das Ostland, die drei Baltenländer, die vorher von Rußland genommen waren, sollten an Deutschland zurück.


GENERAL RUDENKO: Entschuldigen Sie mal, Sie sagen, daß diese Aufgabe, die Krim betreffend, bereits vor dem Krieg gestellt wurde, so daß die Krim Reichsgebiet werden sollte.


GÖRING: Nein, vor dem Krieg hat der Führer von territorialen Erwerbungen beziehungsweise welche Erwerbungen er im Auge hatte, mit uns noch nicht gesprochen. Ich habe auch diesen Zeitpunkt, wenn Sie das Protokoll verfolgen, für meine Person für viel zu früh gehalten und mich auf mehr praktische Dinge in dieser Diskussion beschränkt.


GENERAL RUDENKO: Ich möchte aber doch ganz genau sein. Sie sagten doch, daß bezüglich der Krim tatsächlich die Rede davon war, die Krim zum Reichsgebiet zu machen.


GÖRING: Ja, es war in dieser Besprechung davon die Rede.


GENERAL RUDENKO: So, und was die baltischen Länder anbetrifft, darüber wurde auch gesprochen?


GÖRING: Ebenfalls.


GENERAL RUDENKO: Und was den Kaukasus anbetrifft, wurde auch dasselbe besprochen?


GÖRING: Da war niemals die Rede, daß dieser deutsch werden sollte, sondern hier sprach man nur von stärkstem deutschen, wirtschaftlichen Einfluß.


GENERAL RUDENKO: Damit sollte der Kaukasus zur deutschen Konzession werden?


GÖRING: In welchem Ausmaß, das hätte man ja erst nach einem siegreichen Frieden bestimmen können. Es ist ja aus dem Protokoll zu sehen, daß es etwas Tolles ist, wenige Tage nach einem Kriegsbeginn über Dinge, wie sie hier Herr Bormann niederlegt, ja gar nicht sprechen kann, wenn man noch gar nicht weiß, wie der Krieg ausgeht, welche Möglichkeiten man hat.


GENERAL RUDENKO: Die Übertreibung liegt also darin, daß über die Wolgakolonien nicht die Rede war? Nicht wahr?


GÖRING: In Übertreibung liegt darin, daß zu diesem Zeitpunkt hier Dinge erörtert wurden, über die man praktisch gar nicht sprechen konnte, bestenfalls über die Gebiete, die man besetzt hatte und deren Verwaltung.


GENERAL RUDENKO: In diesem Augenblick stellen wir die Tatsache fest, daß diese Dinge besprochen wurden; diese Fragen [691] wurden bei der Besprechung erörtert, und zwar als Aufgabe behandelt. Das verneinen Sie doch nicht?


GÖRING: Zum Teil wurden sie behandelt, aber nicht so, wie es hier steht.


GENERAL RUDENKO: Ich möchte nur eine Folgerung daraus ziehen: schon damals bei dieser Besprechung, oder besser gesagt, diese Besprechung bestätigt bereits den Grundplan zur Annektierung der Sowjetgebiete durch Deutschland. Ist das richtig?

GÖRING: Das ist richtig. Ich darf aber auch hier betonen, daß ich hier in diesem Protokoll diese uferlosen Ausweitungen zurückgeführt habe. Wörtlich heißt es hier:

»Demgegenüber,« nämlich der längeren Erörterung all dieser Dinge, »betonte der Reichsmarschall die wichtigsten Gesichtspunkte, die zunächst ausschließlich für uns bestimmend sein können, nämlich Sicherung der Ernährung, soweit notwendig, der Wirtschaft, Sicherung der Straßen und so weiter.«

Ich wollte diese Reden auf praktische Grundlagen zurückführen.

GENERAL RUDENKO: Gut, Sie haben ganz richtig gesagt, daß Sie widersprochen haben, aber aus dem Grunde, weil in erster Linie die Lebensmittelfrage gesichert werden sollte, alles andere, wovon hier die Rede ist, konnte, später besprochen werden. Das steht im Protokoll. Sie haben also nicht der Sache nach, sondern lediglich in Bezug auf die Termine widersprochen. Sie wünschten erst Lebensmittel und dann die Gebiete anzueignen.

GÖRING: Nein, es steht genau so da, wie ich es verlesen habe, nicht reihenfolgemäßig. Es ist kein Geheimnis dabei.


GENERAL RUDENKO: Wollen Sie bitte noch einmal vorlesen, damit wir sehen, wo wir auseinandergehen?


GÖRING: Nach längerer Erörterung über Personen und über diese Dinge von Angliederung und so weiter:

»Demgegenüber betonte der Reichsmarschall die wichtigsten Gesichtspunkte, die zunächst ausschließlich für uns bestimmend sein können; Sicherung der Ernahrung, soweit notwendig, der Wirtschaft; Sicherung der Straßen und so weiter«

und der Verbindungswege –

Ich habe damals noch von Eisenbahnen et cetera gesprochen, das heißt, ich wollte eine im ersten Siegesrausch etwas uferlose Diskussion auf die rein praktischen Dinge, die getan werden mußten, zurückführen.

GENERAL RUDENKO: Es ist offensichtlich, daß hier eine Einwendung stattfand und sogar eine sehr erhebliche, aber jedenfalls kann man aus Ihren Entgegnungen überhaupt nicht folgern, daß Sie

[692] gegen die Annektion der Krim an das Reich protestiert haben. Ist es nicht so?


GÖRING: Wenn Sie die deutsche Sprache beherrschen würden, dann würde Ihnen aus dem Satz »Demgegenüber betonte...«, der ganze Sinn klar hervorgehen, das heißt, ich habe nicht gesagt hier, ich protestiere gegen die Annektion der Krim, ich protestiere gegen die Annektion der Baltenländer. Dazu hatte ich gar keinen Grund. Wenn wir gesiegt haben würden, würde sich dann im Frieden das sowieso ergeben haben, wie weit wir Annektionen hätten gebrauchen können oder nicht. In diesem Augenblick hatten wir den Krieg noch nicht beendet und noch nicht gesiegt. Infolgedessen beschränkte ich mich persönlich auf die praktischen Dinge.

GENERAL RUDENKO: Ich verstehe. Sie verlegten diese Frage auf eine spätere Kriegsetappe. Wie Sie selbst gesagt haben, wenn der Krieg gewonnen worden wäre, würden Sie zugegriffen und diese Gebiete annektiert haben. Sie haben nicht im Prinzip protestiert.


GÖRING: Nicht im Prinzip. Ich habe als alter Jäger nach dem Standpunkt gehandelt, das Fell des Bären erst dann zu verteilen, wenn man ihn geschossen hat.


GENERAL RUDENKO: Und dieses Fell wollten Sie nur teilen, wenn Sie diese Territorien ganz in Ihrem Besitz hatten?


GÖRING: Wie das Fell zu verwerten war, war ja erst nach Erlegung des Bären maßgeblich zu beurteilen.


GENERAL RUDENKO: Glücklicherweise ist das nicht geschehen.


GÖRING: Für Sie.


GENERAL RUDENKO: Und so kann ich zusammenfassen, aus Ihren eigenen Antworten auf meine Fragen geht es ganz klar hervor, und Sie werden damit einverstanden sein, daß die Kriegsziele aggressiven Charakter trugen.


GÖRING: Das einzige und zunächst entscheidende Kriegsziel war die Ausschaltung der russischen Gefahr für Deutschland.


GENERAL RUDENKO: Und sich russisches Gebiet anzueignen?


GÖRING: Ich habe versucht, das nun wiederholt klarzumachen, daß dieses vor Beginn des Krieges nicht erörtert worden ist, sondern ausschließlich, daß der Führer in der Haltung Rußlands, seines Aufmarsches an unserer Grenze, eine vitale Bedrohung Deutschlands sah und sich dazu verpflichtet fühlte, diese Gefahr auszuschalten. Was nach einem siegreichen Kriege friedensmäßig verhandelt wird, ist eine zweite Frage. Dies war damals in irgendeiner Form noch nicht festgelegt, womit ich, um Ihnen entgegenzukommen, nicht sagen will, daß wir von vornherein nach einem siegreichen Kriege im Osten keinerlei Annektionsbestrebungen gehabt haben würden.


[693] GENERAL RUDENKO: Ich wollte den Gerichtshof nicht aufhalten und auf die Frage des sogenannten Präventivkrieges zurückkommen, aber, nachdem Sie den Gegenstand berührt haben, muß ich hier verweilen. Sie erinnern sich an die Zeugenaussage des früheren Feldmarschalls Milch, daß weder Sie, noch er selbst, Milch, den Krieg gewünscht hätten. Erinnern Sie sich an diese Aussage Ihres Zeugen Milch?


GÖRING: Ja, ganz genau.


GENERAL RUDENKO: Warum wollten Sie den Krieg nicht, wenn Sie doch diese Gefahr von Rußland drohen sahen?


GÖRING: Erstens habe ich betont, daß der Führer diese Gefahr so groß und drohend gesehen hat,

zweitens habe ich bei der Frage meines Verteidigers zu diesem Falle genau meine Gründe auseinandergesetzt, warum ich glaubte, daß zeitlich diese Gefahr noch nicht so nahe gegeben war und wir erst andere Sicherungen hätten vornehmen müssen. Das war meine Überzeugung.


GENERAL RUDENKO: Sie bestreiten aber nicht die Aussage Ihres Zeugen Milch?


GÖRING: Milch war etwas anderer Auffassung als ich. Er sah die große Gefahr für Deutschland darin, daß ein Zweifrontenkrieg nun kommen würde. Er war nicht so sehr der Meinung, daß Rußland keine Gefahr sei, sondern er war der Meinung, trotz dieser Gefahr müßte man es darauf ankommen lassen und den Angriff nicht als präventive Maßnahme gegen diese Gefahr durchführen. Dieser Meinung war ich, in zeitlicher Verschiebung wohlverstanden, auch.


GENERAL RUDENKO: Soweit ich aus Ihren so ausführlichen Aussagen, die Sie in mehreren Sitzungen dem Gerichtshof gemacht haben, schließen kann, gab es auf der ganzen Welt überhaupt kein Land, das nach Ihrer Ansicht keine Gefahr für Sie bedeutete?


GÖRING: Die meisten Länder waren keine Gefahr für Deutschland. Ich persönlich habe in Rußland von 1933 ab immer die größte Gefahr gesehen.


GENERAL RUDENKO: Sie denken bei »die meisten Länder« an Ihre Alliierten. Nicht wahr?


GÖRING: Nein, ich denke an die meisten der übrigen Länder. Wenn Sie mich noch einmal fragen: die Gefahr für Deutschland habe ich persönlich – es ist meine Auffassung – vor allen Dingen in dem Rußland-Drang nach dem Westen gesehen. Ich habe natürlich auch immer eine gewisse Gefahr in den beiden westlichen Ländern, England und Frankreich, gesehen. Ich habe noch eine Gefahr in diesem Zusammenhang in den Vereinigten Staaten gesehen, falls Deutschland mit diesem Lande in den Krieg kommen würde. Dagegen sah [694] ich in den übrigen Ländern keine unmittelbar drohende Gefahr für Deutschland. Bei kleinen Ländern nur unmittelbar, wenn sie als Ausgangspunkt dieser großen Länder gegen Deutschland hätten benutzt werden können.


GENERAL RUDENKO: Natürlich drohten die kleinen Länder Ihnen nicht mit Gefahr, weil Sie diese sofort besetzt haben. Das ist vor dem Gerichtshof oft genug festgestellt worden.


GÖRING: Nein, ein kleines Land an sich droht mir nicht mit Gefahr, aber, wenn ein anderes großes Land es benutzt gegen mich, dann kann auch dieses kleine Land zu einer Gefahr werden.


GENERAL RUDENKO: Ich möchte nicht weiter über dieses Thema mit Ihnen polemisieren. Wir sind sowieso davon abgewichen. Ich war dabei, eine andere Frage zu klären, und zwar die Ansprüche Deutschlands an die Sowjetunion. Sie haben mir bejahend geantwortet. Auf diesem Gebiet werde ich Sie also nicht mehr befragen.

Ich gehe zu einer anderen Fragengruppe über. Sie geben zu, daß Sie als Bevollmächtigter des Vierjahresplanes unmittelbar die Vorbereitung und Ausarbeitung des Planes der wirtschaftlichen Ausbeutung aller besetzten Länder, sowie die Durchführung leiteten?


GÖRING: Ich habe bereits zugegeben und ausgeführt, daß ich die Verantwortung für die Wirtschaft in den besetzten Gebieten gemäß den Richtlinien trage, die ich für die Ausnutzung und Verwertung gegeben habe.


GENERAL RUDENKO: Können Sie mir sagen, wieviele Millionen Tonnen Korn und anderer Produkte aus der Sowjetunion nach Deutschland während des Krieges ausgeführt wurden?


GÖRING: Ich kann Ihnen die Summe nicht sagen. Woher soll ich sie aus dem Kopfe wissen? Sicherlich ist sie aber keineswegs so groß, wie hier angegeben.


GENERAL RUDENKO: Auf Grund Ihrer eigenen Dokumente wurden die Zahlen festgelegt, wir werden noch darauf zurückkommen.

Ich möchte mich jetzt einer Besprechung, die hier erwähnt wurde, zuwenden. Sie erinnern sich des Dokuments, das von der Sowjetanklage vorgelegt wurde. Es ist die Besprechung vom 6. August 1942. Dieses Dokument ist als USSR-170 vorgelegt worden. Sie leiteten diese Besprechung am 6. August 1942. Es war eine Beratung aller Reichskommissare der besetzten Gebiete und der Vertreter der Militärbehörden. Sie sprachen bei dieser Beratung. Ich möchte Ihnen einige Stellen Ihrer Ausführungen in Erinnerung bringen.


GÖRING: Darf ich um dieses Protokoll bitten?


GENERAL RUDENKO: Sie wünschen das Protokoll? Bitte sehr. Es ist ein sehr umfangreiches Dokument, ich beabsichtige, es nicht [695] ganz zu verlesen, sondern nur die wesentlichen Stellen daraus, und ich möchte Sie bitten, Ihre Aufmerksamkeit auf Seite 111 dieses stenographischen Berichts zu lenken. Diese Stellen, die ich zitieren werde, sind mit Bleistift angestrichen. Auf Seite 111 sagten Sie folgendes:

»Meine Herren, der Führer hat mir Generalvollmachten gegeben von einem Ausmaße, wie er bisher Vollmachten nicht erteilt hat im Vierjahresplan. Er hat mir zusätzliche Vollmachten gegeben....«

GÖRING: Einen Moment. Bitte lassen Sie nicht aus: »im Vierjahresplan«.

GENERAL RUDENKO: Ja, ich habe es erwähnt. Offenbar hat Sie die Übersetzung nicht erreicht.

».... Im Vierjahresplan. Er hat mir zusätzliche Vollmachten gegeben, die bis ins letzte Glied unserer wirtschaftlichen Struktur hineinreichen, gleichgültig, ob innerhalb des Staates, der Partei oder der Wehrmacht.«

Das ist das Ende des Zitats, und ich möchte Sie fragen, waren Ihnen tatsächlich so ausschließliche Vollmachten auf diesem Gebiet übertragen worden?

GÖRING: Mir wurden bei der Gründung des Vierjahresplans außerordentliche Generalvollmachten erteilt. Zum erstenmal wurde unbeschränkte Vollmacht auf dem Gebiet der Wirtschaft gegeben, Richtlinien und Weisungen an alle höchsten Reichsstellen, an alle Stellen der Wehrmacht und der Partei geben zu können. Diese wurden dann nach Kriegsbeginn ausgedehnt, nicht erweitert, sondern ausgedehnt auf die wirtschaftliche Struktur der besetzten Gebiete.

GENERAL RUDENKO: Ich habe Ihnen also das, was Sie gesagt haben, richtig zitiert?


GÖRING: Absolut, wenn es auch in Deutsch falsch übersetzt wurde.


GENERAL RUDENKO: Nun folgendes über diese Frage: Wenn man die Ihnen erteilten Vollmachten in Betracht zieht, so mußten Ihre Hinweise, Instruktionen und Befehle für die Teilnehmer der Besprechung, auf der Sie sprachen, bindend sein. Ich spreche von der Beratung des 6. August.


GÖRING: Ja.


GENERAL RUDENKO: Folglich, wenn in Ihrer Rede solche Ausdrücke wie: »Herausquetschen«, »Man solle aus den besetzten Gebieten das Äußerste herausholen,« zu finden sind, so waren es bindende Befehle?

GÖRING: Natürlich, die wurden dann in die richtigen Formen gebracht. Hier handelt es sich um Äußerungen in der direkten [696] Aussprache, sie sind natürlich in den Worten nicht so salonfähig wie nachher. –


GENERAL RUDENKO: Richtig, direkte Äußerungen, damit bin ich einverstanden.


GÖRING: Sie meinen hier die Stelle, ich darf sie wiederholen:

»Sie sind, weiß Gott nicht hingeschickt, um für das Wohl und Wehe der Ihnen anvertrauten Völker zu arbeiten, sondern um...«

GENERAL RUDENKO: Richtig.

GÖRING: Sie meinen diese Stelle, die angestrichen ist?


GENERAL RUDENKO: Jawohl, Seite 112, ich lese Ihnen die Stelle vor:

»Sie sind weiß Gott nicht hingeschickt, um für das Wohl und Wehe der Ihnen anvertrauten Völker zu arbeiten, sondern um das Äußerste herauszuholen, das erwarte ich von Ihren Energien.«

GÖRING: Sie haben hier einen Satz ausgelassen »damit das deutsche Volk leben kann...«

GENERAL RUDENKO: Vielleicht.


GÖRING: Einen Augenblick.

»... herauszuholen, damit das deutsche Volk leben kann, das erwarte ich von Ihren Energien.«

Vorher heißt es aber, und den Satz darf ich nun auch vorlesen:

»In jedem der besetzten Gebiete sehe ich die Leute vollgefressen und im eigenen Volk herrscht der Hunger.«

Daraufhin kommt der Satz.

GENERAL RUDENKO: Weiter, haben Sie gefunden? Diese Worte sind von Ihnen gesprochen worden:

»Sie sind weiß Gott nicht hingeschickt worden, um für das Wohl und Wehe der Ihnen anvertrauten Völker zu arbeiten, sondern um das Äußerste herauszuholen...«

GÖRING: Sie müssen das im Zusammenhang mit den vorhergehenden Zeilen betrachten. Ich verneine keinesfalls, daß ich das gesagt habe.

GENERAL RUDENKO: Sie verneinen das, was hier geschrieben ist?


GÖRING: Nein, ich betone, daß ich das gesagt habe, ich wende mich nur dagegen, daß Sie die einzelnen Sachen so herauspicken, und sage, daß diese in den Zusammenhang hineingehören.


GENERAL RUDENKO: Diese Sätze sind sehr ausdrucksvoll. Sie sprechen selbst für sich. Ich lenke Ihre Aufmerksamkeit auf das [697] folgende Zitat auf Seite 113. Es ist ebenfalls angestrichen. Hier sind einige Ihrer Anordnungen:

»Eines werde ich tun: Ich werde die Auflagen, die ich Ihnen mache, erzwingen, und wenn Sie das nicht können, dann werde ich die Organe wecken, die unter allen Umständen das bei Ihnen herausquetschen werden, ob Ihnen das paßt oder nicht paßt.«

Ist das richtig? Enthalten Ihre Ausführungen auf dieser Konferenz solche Stellen?

GÖRING: Die Stelle ist von dem Übersetzer nicht so übersetzt worden, wie sie hier im Originaltext steht. Der Übersetzer, der Ihre Worte ins Deutsche übersetzte, gebraucht manche Superlative, die hier nicht vorhanden sind. Herausquetschen....

GENERAL RUDENKO: Ich möchte Sie bitten, Ihr Original vorzulesen.


GÖRING: Ja, hier heißt es, »herausholen«. »Herausholen« und »herausquetschen« ist verschieden, in Deutschland ein fulminanter Unterschied.


GENERAL RUDENKO: »Bekommen« und »ausquetschen« ist ungefähr dasselbe. Und wie steht es mit der Wendung:

»Ich werde Organe auf die Füße stellen, die unter allen Umständen herausquetschen werden....«

Haben Sie diese Stelle gefunden?

GÖRING: »Herausholen«, nicht »herausquetschen«.

GENERAL RUDENKO: Hatten Sie im übrigen Veranlassung, den Reichskommissaren der besetzten Gebiete, denen Sie mit »besonderen Organen« drohten, nicht zu vertrauen?


GÖRING: Hier waren nicht nur die Reichskommissare der Ostgebiete, sondern der gesamten Gebiete anwesend. Es handelte sich darum, die Auflage, die die einzelnen Länder an Lebensmitteln aufzubringen hatten, für die gesamte Lebensmittelorganisation des von uns besetzten europäischen Raumes zu regeln. Kurz vor der Sitzung war mir gesagt worden, daß es durchaus verständlich ist, wie immer bei solchen Dingen, daß jeder bei sich zurückhält, um den anderen in den Vordergrund liefern zu lassen. Um es auf eine kurze Plattform zu bringen: Ich wollte mich von den Herren hier nicht über das Ohr hauen lassen; nachdem ich wußte, daß sie mir nur die Hälfte anböten, verlangte ich hundert Prozent, um uns dann auf der Mitte zu einigen.


GENERAL RUDENKO: Ich frage Sie: Waren diese Richtlinien die Sie den Teilnehmern an der Besprechung gaben, nicht ein rücksichtsloses Verlangen, die besetzten Gebiete auszuplündern?


[698] GÖRING: Nein, hier handelt es sich in erster Linie: »Mehr Lebensmittel« bei dieser Besprechung.


GENERAL RUDENKO: Ich spreche von der Plünderung. Man kann auch Lebensmittel, Nahrungsmittel, aus den besetzten Gebieten rauben und plündern.


GÖRING: Ich habe bereits eben gesagt: Ich war verantwortlich für die Ernährung mehr oder weniger des gesamten Gebietes; das eine war Zuschußgebiet, das andere Überschußgebiet. Hier mußte ein Ausgleich geschaffen werden, und darum drehte es sich in der Hauptsache, zu 90 Prozent, in dieser Sitzung, die Auflage festzustellen, die der einzelne Reichskommissar zu liefern hatte. Daß ich bei dieser Forderung in der Sitzung in meinen Worten sehr lebhaft und temperamentvoll, sehr scharf gewesen bin, bestreite ich durchaus nicht. Nachher wurde die genaue Zahl festgelegt, was zu liefern war, und dies war dann tatsächlich das Faktum der Sitzung.


GENERAL RUDENKO: Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf Seite 118 im selben stenographischen Bericht lenken; da steht folgendes; ich zitiere Ihre Worte. Haben Sie diese Stelle gefunden?


GÖRING: Ja.


GENERAL RUDENKO: Da steht geschrieben:

»Früher schien mir die Sache doch verhältnismäßig einfacher zu sein. Da nannte man das plün dern. Das stand dem Betreffenden, zu, das wegzunehmen, was man eroberte. Nun, die Formen sind humaner geworden. Ich gedenke trotzdem zu plündern, und zwar ausgiebig.«

Haben Sie diesen Satz gefunden?

GÖRING: Ja, das habe ich gefunden, und das habe ich in dieser Sitzung genau so gesagt. Ich betone das noch einmal.

GENERAL RUDENKO: Das wollte ich gerade feststellen, daß Sie bei dieser Besprechung gerade so sprachen.


GÖRING: Ich darf jetzt auch die Begründung geben, daß es sich hier um eine Äußerung handelte, in der ich sagen wollte, früher hat der Krieg den Krieg ernährt; heute nennt man's anders; in der Praxis muß es aber dasselbe bleiben.


GENERAL RUDENKO: Gut. Ich lenke Ihre Aufmerksamkeit auf Seite 119. Dort wenden Sie sich an die Teilnehmer der Besprechung und entwickeln weiter Ihre Gedanken wie folgt:

»Sie müssen geradezu wie ein Schweißhund hinterher sein, wo noch etwas ist, was das deutsche Volk brauchen kann, das müßte blitzartig aus den Lagern herauskommen und hierher....«

Haben Sie diese Stelle gefunden?

[699] GÖRING: Ich habe sie gefunden.

GENERAL RUDENKO: Haben Sie das gesagt?

GÖRING: Ich nehme absolut an, daß ich das gesagt habe.


GENERAL RUDENKO: Sie sagten so, eigentlich ist dieser Satz die logische Folgerung Ihrer Richtlinien: »Plündern, und zwar ausgiebig.«


GÖRING: Nein, so ist es nicht, sondern ich sagte gleich hinterher weiter, daß ich eine Verfügung getroffen habe, daß Soldaten einkaufen sollen, was sie und wieviel sie wollen, und was sie tragen können; kaufen, kaufen.


GENERAL RUDENKO: Es steht von Soldaten geschrieben. Da Sie diesen Satz nun zitiert haben, will ich Ihnen dies auch in Erinnerung bringen; ich nehme nun einmal Stellung dazu. Sie sagten:

»Soldaten können einkaufen, soviel sie wollen, was sie wollen, was sie schleppen können.«


GÖRING: Soviel sie wegtragen können, ja. Es war dies deshalb notwendig, weil die Zollbehörden eine einschränkende Verfügung getroffen hatten, daß Soldaten nur ein Paket tragen dürften. Nun schien mir das falsch, daß der Soldat, der gekämpft hat, am wenigsten vom Siege haben sollte.

GENERAL RUDENKO: Also klar. Sie verneinen nicht, daß die erwähnten Zitate aus Ihrer Rede vom 6. August 1942 von Ihnen stammen?


GÖRING: Verneine ich durchaus nicht.


GENERAL RUDENKO: Wollen wir nun zur folgenden Frage übergehen: Sie geben zu, daß Sie als Generalbevollmächtigter für den Vierjahresplan der Leiter für die Verschleppung vieler Millionen Bürger aus den besetzten Gebieten zur Zwangsarbeit waren, und daß der Angeklagte Sauckel in seiner Tätigkeit Ihnen unmittelbar unterstellt war. Geben Sie das zu?


GÖRING: Er war formell mir unterstellt, unmittelbar tatsächlich dem Führer. Aber ich habe schon einmal betont, daß ich, soweit ich darüber unterrichtet war, die Mitverantwortung trage; und von diesen Ausführungen war ich auch unterrichtet.


GENERAL RUDENKO: Ich lenke Ihre Aufmerksamkeit auf eine andere Äußerung von Ihnen in derselben Besprechung. Diese Äußerung steht auf Seite 141 und ihre Fortsetzung auf Seite 142.


GÖRING: Dies ist schon vor dem Gerichtshof verlesen worden.


GENERAL RUDENKO: Ich möchte Sie jetzt darüber ausfragen: Haben Sie diese Stelle gefunden?


GÖRING: Ich habe sie gefunden.


[700] GENERAL RUDENKO: Sie haben sie gefunden. Sie sagten bei dieser Besprechung:

»Ich will Gauleiter Sauckel nicht loben; das hat er nicht nötig; aber was er in dieser kurzen Zeit geleistet hat, um in einer solchen Geschwindigkeit Arbeiter aus ganz Europa herauszuholen und in unsere Betriebe zu bringen, das ist einmalig.«

Auf Seite 142 steht ferner; Sie sprachen zu Koch:

»Koch, es sind doch nicht nur Ukrainer, Ihre lächerlichen 500000 Leute! Wieviel hat er gebracht? Fast zwei Millionen!

Woher hat er denn die anderen?«

Haben Sie diese Stelle gefunden?

GÖRING: Ja. Nicht ganz so steht es hier.

GENERAL RUDENKO: Präzisieren Sie, bitte.


GÖRING: Der Sinn ist der, daß Koch behaupten wollte, daß er diese Leute für Sauckel alle allein gegeben habe. Daraufhin habe ich ihm erwidert, daß vom gesamten Sauckel-Programm ungefähr zwei Millionen Arbeiter erfaßt worden sind, und er, Koch, könne höchstens für sich in weitestem Ausmaß 500000 in Anspruch nehmen. Das heißt, Koch wollte für sich die gesamte Zahl als von ihm geleistet in Anspruch nehmen.


GENERAL RUDENKO: Und Sie haben natürlich die Zahl von 500000 aus der Ukraine als gering empfunden?


GÖRING: Nein, so ist es nicht. Ich erklärte es schon, von diesen zwei Millionen, die insgesamt von Sauckel aufgestellt worden waren, im Laufe der vergangenen Zeit, trafen auf die Rechnung der gesamten Ukraine 500000 und nicht, wie Koch behauptete, daß er sozusagen diese Arbeiter allein gestellt hätte. Das ist der Sinn dieses Zitats.


GENERAL RUDENKO: Aber Sie verneinen auch nicht den grundlegenden Sinn, daß hier die Rede von Millionen Menschen ist, die zwangsweise zur Sklavenarbeit nach Deutschland deportiert wurden.


GÖRING: Ich bestreite nicht, daß von zwei Millionen aufgerufenen Arbeitern die Rede war; aber ob alle diese nach Deutschland geschafft wurden, kann ich in diesem Augenblick nicht sagen. Jedenfalls wurden sie für die deutsche Wirtschaft eingesetzt.


GENERAL RUDENKO: Sie verneinen nicht, daß es Sklaverei gewesen ist?


GÖRING: Sklaverei verneine ich, Zwangsarbeit ist zum Teil selbstverständlich angewendet worden. Die Gründe dafür habe ich schon in meiner Aussage niedergelegt.


[701] GENERAL RUDENKO: Aber diese Menschen sind doch aus ihren Ländern zwangsweise nach Deutschland deportiert worden, nicht wahr?


GÖRING: Zum Teil zwangsweise, und ich habe schon Ausführungen dazu gemacht, warum.


GENERAL RUDENKO: Haben Sie gehört, Angeklagter Göring, hier ist eine Reihe von deutschen Dokumenten verlesen worden, aus denen klar hervorgeht, daß die Bürger der besetzten Gebiete zwangsweise nach Deutschland gebracht wurden. Sie wurden durch Razzien auf den Straßen, in Kinos abgefangen, in Eisenbahnzüge verladen und unter militärischer Bewachung nach Deutschland geschickt. Bei einer Weigerung, nach Deutschland zu fahren oder beim Versuch, der Mobilisierung zu entgehen, wurde die friedliche Bevölkerung erschossen oder verschiedenen Quälereien unterzogen. Sie haben doch den Text dieser Dokumente, die hier verlesen wurden, gehört?


GÖRING: Ja, aber ich bitte, sich diese Dokumente nochmals anzusehen. Sie zeigen, daß die Rekrutierung nicht angeordnet, sondern die Erfassung auch bei Zwangsarbeit durch Verordnungen und anders geregelt worden war. Wenn man mir eine absolute Garantie, ganz besonders im Osten, hätte geben können, daß alle diese Männer absolut friedliche und friedliebende Leute sein würden, sich niemals an Bandenkämpfen beteiligen und keinerlei Sabotage ausüben würden, hätte ich auch einen Teil, einen größeren Teil an Ort und Stelle zur Arbeit einsetzen können. Es war die Sicherheit, die sowohl im Osten als auch im Westen, ich betone, auch im Westen, dazu gezwungen hat, besonders die jungen Jahrgänge, die heranwuchsen als militärpflichtige Jahrgänge, in Sicherheit, und zwar in den Arbeitseinsatz nach Deutschland zu bringen.


GENERAL RUDENKO: Nur im Interesse der Sicherheit sind sie weggebracht worden?


GÖRING: Es waren das zwei Gründe. Ich habe sie ja neulich genau ausgeführt. Einmal der Grund der Sicherheit und zweitens der Grund der Arbeitsnotwendigkeit.


GENERAL RUDENKO: Und aus diesem Grunde – wollen wir den zweiten Grund annehmen – wurden Menschen wegen Arbeitsnotwendigkeit zwangsweise in die Sklaverei nach Deutschland deportiert? Ist das richtig?


GÖRING: Nicht in die Sklaverei, sondern sie wurden zur Arbeit nach Deutschland verbracht. Ich muß aber betonen, daß nicht alle die Menschen, die aus dem Osten entnommen wurden, von uns in die Arbeit gebracht worden sind, die heute dort fehlen. Denn zum[702] Beispiel aus Polen sind aus dem Gebiet, das die Sowjetunion seinerzeit besetzte, bereits 1680000 Polen und Ukrainer vorher von der Sowjetunion nach dem Osten, Fernen Osten, abtransportiert worden.


GENERAL RUDENKO: Ich glaube, Sie würden besser daran tun, die Frage über das Gebiet der Sowjetunion nicht anzuschneiden. Beantworten Sie die Frage, die ich Ihnen stelle, und zwar die Frage der Verschickung der friedlichen Bevölkerung der besetzten Gebiete nach Deutschland. Ich frage Sie noch einmal: Sie haben auf die Frage von Sir David Maxwell-Fyfe geantwortet, daß von sechs Millionen Menschen, die nach Deutschland getrieben wurden, ungefähr 200000 Freiwillige waren, während die anderen zwangsweise nach Deutschland geschafft worden sind.


GÖRING: Ich darf zunächst einmal das richtigstellen; ich habe das Sir David Maxwell-Fyfe durchaus nicht gesagt, sondern er hat es mich gefragt.


GENERAL RUDENKO: Und Sie haben es bestätigt?


GÖRING: Einen Moment, und zwar nannte er die Zahl fünf Millionen, und davon seien höchstens 200000 freiwillig gekommen. Und er fragte mich dies auf Grund eines Protokolls der Zentralen Planung als angeblich von Sauckel geäußert. Ich habe daraufhin nicht zugestimmt, sondern die Antwort gegeben, daß die Zahl der freiwillig Gekommenen erheblich höher sei, und daß es sich hier um einen Irrtum in der Zahl handeln müsse.


GENERAL RUDENKO: Gut. Sie sagen, daß die Zahl der Freiwilligen größer war, erheblich größer, aber Sie bestreiten nicht die Tatsache, daß immerhin Millionen zwangsweise nach Deutschland getrieben wurden; das bestreiten Sie doch nicht?


GÖRING: Ohne mich auf die Zahl festzulegen, habe ich den Tatbestand, daß zwangsweise Arbeiter eingesetzt wurden, zu keiner Zeit bestritten und das auch verantwortet.


GENERAL RUDENKO: Gehen wir zur nächsten Fragengruppe über. Sagen Sie, wie war die Regelung des Versandes von Befehlen und Direktiven des OKW an die verschiedenen anderen Regierungsstellen und Organe?


GÖRING: Die Frage habe ich dem Sinn nach durch den Übersetzer keineswegs verstanden.


GENERAL RUDENKO: Ich fragte Sie um folgendes: Sagen Sie mir, was für eine Regelung für die Verschickung der Befehle und Direktiven des OKW an die verschiedenen Einheiten und Büros der Luftwaffe bestand.


GÖRING: Wenn ich die Frage richtig verstanden habe, so folgendermaßen: wenn ein Befehl vom Oberkommando der Wehrmacht gekommen ist an die Luftwaffe, dann nahm er folgenden Weg: War [703] es ein Befehl des Führers unmittelbar und von dem Führer unterzeichnet, so mußte der Befehl auch unmittelbar an mich, als den Oberbefehlshaber, gehen. War er auf Grund eines Befehls, also nicht vom Führer gezeichnet, sondern begann er mit den Worten »Auf Anordnung« oder »Weisung« oder »Auf Befehl des Führers« und folgen dann die Richtlinien, so ging dieser je nach seiner Bedeutung an den Chef des Generalstabs meiner Luftwaffe und wurde je nach Bedeutung und Wichtigkeit von diesem mir mündlich vorgetragen, oder, wenn es sich um laufende und ressortmäßige Angelegenheiten handelte, gingen sie unmittelbar und direkt an die zuständigen unteren Dienststellen, ohne den Weg durch das Oberkommando zu nehmen, da sonst ein Arbeiten unmöglich gewesen wäre bei der Vielzahl solcher Befehle.


GENERAL RUDENKO: Das ist verständlich. In diesem Zusammenhang frage ich Sie folgendes: Im Jahre 1941 hat das OKW eine Reihe von Weisungen und Befehlen über das Benehmen der Truppen im Osten, und wie sie sich der Sowjetbevölkerung gegenüber benehmen sollten, ausgearbeitet. Im besonderen war es der Befehl über die militärische Kriegsgerichtsbar keit im Gebiet »Barbarossa«. – Dieses Dokument, C-50, ist dem Gerichtshof bereits vorgelegt worden. Die deutschen Offiziere hatten auf Grund dieses Befehls das Recht, alle Personen zu erschießen, ohne sie vor Gericht zu stellen, die feindlicher Einstellung den Deutschen gegenüber verdächtigt wurden. Dieselbe Anweisung ließ die deutschen Soldaten unbestraft, wenn sie Verbrechen gegen die örtliche Bevölkerung begingen. Diese Art Direktiven sind Ihnen doch vorgelegt worden?


GÖRING: Das möchte ich an dem Verteiler sehen? Kann ich ihn sehen?


GENERAL RUDENKO: Sie wollen das Dokument ansehen?


GÖRING: Um am Verteiler zu sehen, ob das Dokument mir direkt oder nur meinen Dienststellen zugegangen ist.


GENERAL RUDENKO: Bitte beachten Sie das Datum, 13. Mai 1941.


GÖRING: Es ist mir an sich nicht direkt zugegangen, sondern im Verteiler heißt es »ObdL., Luftwaffenführungsstab, Generalquartiermeister.« An sich habe ich für meine Truppen eine sehr scharfe Manneszuchtordnung herausgegeben. Das war auch der Grund, weshalb ich den obersten Richter der Luftwaffe als Zeugen erbeten und nun den Fragebogen gerade bezüglich dieser Dinge an ihn geschickt habe.


GENERAL RUDENKO: Diesen Befehl kannten Sie?


GÖRING: Ich habe ihn hier gesehen und daraufhin diesen Zeugen beantragt, weil dieser Befehl nicht an den Obersten Befehlshaber unmittelbar ging, sondern an die Dienststelle, wie ich eben [704] gesagt habe. Trotzdem, wenn diese Dienststelle so gehandelt hat und danach gehandelt hat, trage ich natürlich formell die Verantwortung mit. Es handelt sich aber um einen Befehl des Führers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht, den die Truppe nicht diskutieren konnte.


GENERAL RUDENKO: Aber Sie geben zu, daß Sie dieses Dokument seiner Wichtigkeit wegen kennen mußten.


GÖRING: Nein, dann wäre es ja an mich unmittelbar geschickt worden, an den Oberbefehlshaber, und nicht an die Dienststelle des Luftwaffenführungsstabes und Generalquartiermeisters. Es hing dann von dieser Stelle ab, ob sie glaubten, daß die Wichtigkeit des Dokuments derart war, daß sie zu diesem noch meine persönlichen Befehle und Richtlinien hätten einholen müssen. Aber in diesem Falle war das nicht geschehen, weil das Dokument uns nicht so betroffen hat wie das Heer.

GENERAL RUDENKO: Aber an die Amtsstelle der Luftwaffe ist dieses Dokument geleitet worden?


GÖRING: Das habe ich eben betont, nach zwei Amtsstellen.


GENERAL RUDENKO: Aber über dieses Dokument mußte Ihnen berichtet worden sein.


GÖRING: Nein, es mußte mir nicht berichtet werden. Ich habe vorhin ausgeführt, wenn jeder Befehl und jede Richtlinie mir hätte berichtet werden müssen, die als Befehl durchgängig waren und nicht mein Eingreifen erforderten, dann wäre ich in diesen Papierdingen ertrunken, und deshalb sind nur die wichtigsten Dinge an mich herangetragen und mir vorgetragen worden. Ich kann hier nicht auf meinen Eid nehmen, ob dieses Dokument nicht in mündlichem Vortrag vielleicht auch sogar mir gegenüber erwähnt worden ist. Möglich ist das. Ich trage ja formell die Verantwortung auch für meine Dienststellen.


GENERAL RUDENKO: Ich möchte das gern näher ausgeführt haben. Sie sagten also, daß Ihnen über die wichtigsten Dinge berichtet werden mußte. Ist das richtig?


GÖRING: Das ist richtig.


GENERAL RUDENKO: Bitte wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Dokument vor Ihnen, auf die Punkte 3 und 4 dieses Befehls oder dieser Anordnung. Im Punkt 3 heißt es:

»Alle Angriffe feindlicher Zivilisten auf die Truppen und auf die zu ihnen gehörigen Personen sowie auf das militärische Dienstpersonal, müssen auf der Stelle mit den äußersten Mitteln bis zur Vernichtung des Angreifers erstickt werden.«

[705] Paragraph 4:

»Dort, wo Zeit für geeignete Maßnahmen versäumt wurde oder wo...«

GÖRING: Einen Augenblick.

GENERAL RUDENKO: Der vierte Paragraph. Hier im vierten Paragraphen heißt es...


GÖRING: Sie haben mir gleich drei Dokumente heraufgeschickt, und ich werde das Betreffende heraussuchen. Hier werde ich mal Ordnung hereinbringen.


GENERAL RUDENKO: Bringen Sie es in Ordnung.


GÖRING: Ich wiederhole Paragraph 3, weil er in deutsch vollkommen falsch wiedergegeben worden ist.

»Auch alle anderen Angriffe feindlicher Zivilpersonen gegen die Wehrmacht, ihre Angehörigen und das Gefolge sind von der Truppe auf der Stelle mit den äußersten Mitteln bis zur Vernichtung des Angreifers niederzukämpfen.«

GENERAL RUDENKO: Und viertens?

GÖRING: Dann kommt viertens. Das ist der Paragraph, wenn ich Sie richtig verstehe, welcher sagt:

»Wo Maßnahmen dieser Art versäumt wurden oder zunächst nicht möglich waren, werden tatverdächtige Elemente sogleich einem Offizier vorgeführt. Dieser entscheidet, ob sie zu erschießen sind.«

Das haben Sie doch gemeint?

GENERAL RUDENKO: Alles. Gerade das habe ich gemeint. Was glauben Sie: Ist dieses Dokument von dem Standpunkt aus so wichtig, daß es Ihnen von Ihren zuständigen Dienststellen vorgelegt werden mußte?

GÖRING: An sich ein wichtiges, müßte nicht absolut vorgetragen werden, weil es bereits durch den Befehl des Führers so klar definiert war, daß ein Unterführer, selbst ein Oberbefehlshaber eines Wehrmachtteils an einem derartigen klaren und strikten Befehl keine Änderung vornehmen konnte.


GENERAL RUDENKO: Ich lenke Ihre Aufmerksamkeit auf das Datum dieses Dokuments. In der rechten Ecke steht: Führerhauptquartier, den 13. Mai 1941.


GÖRING: Ja.


GENERAL RUDENKO: Es ist also mehr als ein Monat, bevor Deutschland die Sowjetunion angriff? Schon damals wurde eine Anweisung über die Anwendung der Militärgerichtsbarkeit im Gebiet »Barbarossa« ausgearbeitet, und Sie haben dieses Dokument nicht gekannt?


[706] GÖRING: Wenn man einen Mobilmachungsplan aufstellt, dann muß man auch bei besonderen Anlässen festlegen, was zu geschehen hat. Da nach den Erfahrungen, wie der Führer glaubte, eine besondere Bedrohung sofort im Osten einsetzen würde, sind hier die Maßnahmen vorgeschrieben, die zu ergreifen sind, wenn Taten des Widerstandes und der Hinterrücksbekämpfung vorkommen, wie diese zu beantworten sind. Es handelt sich also um einen vorbereitenden Befehl für den Fall, daß solche Dinge eintreten. Das muß immer und zu allen Zeiten gemacht werden.


GENERAL RUDENKO: Und dem Offizier ist das Recht gegeben, ohne Untersuchung und Gericht einfach zu erschießen?


GÖRING: Er konnte ein Standgericht sofort an Ort und Stelle zusammenrufen. Er konnte aber auch nach diesem Paragraphen, wenn er der Auffassung war und den Beweis hatte, daß der Täter sich durch hinterhältigen Angriff betätigt hatte, ihn erschießen lassen. Das ist immer und auch schon früher vorgekommen.


GENERAL RUDENKO: Sie finden, daß der Offizier ein Standgericht auf der Stelle abhalten kann?


GÖRING: Das ist ja in den Kriegsartikeln vorgesehen, daß der Offizier, sobald er eine selbständige Truppeneinheit hat, in dieser ein Standgericht jederzeit einsetzen kann.


GENERAL RUDENKO: Sie sind aber damit einverstanden, daß hier von irgendeinem Gericht keine Rede ist. Hier steht doch geschrieben, daß er allein über die Frage entscheidet.


GÖRING: Er konnte es allein oder durch Standgericht, das war ja an Ort und Stelle. Er brauchte sich ja nur noch zwei Leute zusammennehmen, und den Fall konnte er in zwei oder fünf Minuten entscheiden, wenn der Tatbestand des Überfalles gegeben war.


GENERAL RUDENKO: Erschießen in zwei oder fünf Minuten?


GÖRING: Wenn ich einen Mann erwische, in flagranti, der hinterrücks aus einem Haus auf meine Truppe schießt, dann kann durch Standgericht eine solche Angelegenheit in aller Kürze festgestellt werden. Nur dann, wenn gegen den Mann keinerlei Beweise vorhanden sind, dann kann man das nicht so machen. Hier handelt es sich aber darum, um Regelung eines Sofortangriffes und die Ausschaltung des selben.


GENERAL RUDENKO: Angeklagter Göring, wollen wir mal diese Frage fallen lassen. Ich möchte nochmals betonen, daß diese Anweisung vom Oberbefehlshaber der Wehrmacht ausgegangen ist, und daß diese Anweisung am 13. Mai 1941 herausgegangen ist, und daß dieser Befehl einem Offizier das Recht gibt, einen [707] Verdächtigen ohne Verfahren und Untersuchung zu erschießen. Das werden Sie wohl nicht verneinen? Gehen wir weiter!


GÖRING: Ja, verneinen, aber ganz erheblich. Denn hier steht nichts, das dem Offizier ein Recht gibt, einfach einen Menschen zu erschießen, sondern wir wollen das richtig lesen. Hier heißt es zuerst, ich betone nochmals, »Angriffe feindlicher Zivilpersonen gegen die Wehrmacht«, und dann heißt es: Wo Maßnahmen dieser Art zunächst nicht möglich sind, da sind die tatverdächtigen Elemente, und nur um »tatverdächtige« Elemente handelt es sich hier, dem Offizier, dem höchsten des Verbandes, der dort ist, vorzuführen, und dieser entscheidet dann darüber. Also nicht so, wie eben gesagt wurde, jeder Offizier kann einfach über einen Zivilisten entscheiden.


GENERAL RUDENKO: Aber es ist doch der Beschluß, zu erschießen. Das ist ganz klar. Das nächste Dokument, das ich hier vorlege, und über das ich Sie befragen möchte, ist vom 16. September 1941 datiert. Es wurde dem Gerichtshof bereits als R-98 vorgelegt.


GÖRING: Einen Moment bitte. Wie war das Datum, das Sie erwähnten?


GENERAL RUDENKO: 16. September 1941, Punkt B dieses Dokuments. Ich bringe es jetzt nur in Ihre Erinnerung. Ich will es nicht zitieren. Hier wird darauf hingewiesen, daß für das Leben eines deutschen Soldaten als Regel 50 bis 100 Kommunisten getötet werden sollten. Die Hinrichtungsmethode muß zur Abschreckung gesteigert werden. Ich will Sie nicht über das Wesen des Dokuments fragen, das spricht für sich selbst und bedarf keines Kommentars. Mich interessiert aber, ob Sie auch von diesem Dokument nichts wußten.


GÖRING: Nein, das ist auch nicht an mich gerichtet, auch wieder nur an eine Dienststelle, und die Luftwaffe hatte ja mit diesen Dingen sehr wenig zu tun.


GENERAL RUDENKO: Und die Dienststellen haben Ihnen über solche Dokumente keinen Bericht erstattet?


GÖRING: Diese Sache der Vergeltung kenne ich im allgemeinen, aber nicht in diesem Ausmaß. Ich habe nur später erfahren, das heißt, noch während des Krieges, nicht etwa hier, daß zunächst fünf bis zehn in diesem Befehl gestanden hatte, und daß der Führer persönlich daraus 50 bis 100 gemacht hat. Die Frage ist nur die, ob Sie irgendeine Unterlage haben, daß die Luftwaffe an irgendeinem Platz davon Gebrauch gemacht hat. Das ist nicht der Fall. Das ist das einzige, was ich Ihnen sagen kann.


[708] GENERAL RUDENKO: Stellen Sie hier keine Fragen. Ich frage Sie. Haben Ihnen Ihre Dienststellen über dieses Dokument Bericht erstattet?


GÖRING: Nein, aber zu einem späteren Zeitpunkt habe ich von dem Dokument gehört. Das war zu einem späteren Zeitpunkt.


GENERAL RUDENKO: Wann »Später«? Ich möchte Sie bitten, es genauer zu präzisieren.


GÖRING: Das kann ich im Augenblick nicht sagen. Im Laufe des Krieges hörte ich es anläßlich dieser Tatsache, daß eine Zahl, die 5 bis 10 gelautet hat, vom Führer persönlich in 50 bis 100 umgeändert worden ist. Diese Tatsache habe ich gehört.


GENERAL RUDENKO: Für einen Deutschen?


GÖRING: Ich habe Ihnen das ja eben erklärt, das habe ich so gehört, daß zunächst 5 bis 10 dagestanden hat, und der Führer persönlich die Null angehängt hat, und aus dieser Tatsache, die einmal besprochen wurde, erfuhr ich von dieser Angelegenheit.


GENERAL RUDENKO: Der Führer hat eine Null hinzugefügt?


VORSITZENDER: General Rudenko! Glauben Sie wirklich, daß es notwendig ist, so in diese Einzelheiten dieses Dokuments hineinzusteigen? Die Dokumente sprechen doch schließlich für sich selbst, und sie sind dem Gerichtshof bereits unterbreitet worden.


GENERAL RUDENKO: Ich höre mit diesem Dokument auf, Herr Vorsitzender.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ist Ihnen der Befehl des OKW über die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen bekannt?

GÖRING: Ich möchte sie sehen.

GENERAL RUDENKO: Bitte sehr. Herr Vorsitzender, dieses Dokument ist dem Gerichtshof bereits vorgelegt. Es ist 338-PS.

Bitte beachten Sie Punkt A, Paragraph 3, wo eine grundsätzliche Richtlinie dahingehend festgelegt wird, daß die Verwendung von Waffen gegen sowjetische Kriegsgefangene in der Regel als berechtigt anzusehen ist und die Wachtposten von der Verpflichtung befreit, hierüber zu berichten. Dieses Dokument spricht ebenfalls für sich selbst. Ich will nicht...


GÖRING: Einen Augenblick, ich muß es erst mal lesen, hier ist etwas nicht ganz klar.


GENERAL RUDENKO: Ich will Ihnen eine andere kleine Stelle in Erinnerung bringen. Es ist aus einem Befehl über die Behandlung der Sowjetkriegsgefangenen. Hier heißt es: Die Kriegsgefangenen, die einen Fluchtversuch unternehmen, sollen ohne [709] vorherigen »Halt«-Ruf erschossen werden. Dasselbe wird auch im Merkblatt über die Behandlung der Sowjetkriegsgefangenen erwähnt.


GÖRING: Es wird hier auf die Schwierigkeit hingewiesen, die in der Sprache liegt und nicht verstanden wird, und deshalb soll die Wache den Waffengebrauch bei Fluchtversuch sofort benützen. Das ist ungefähr der Sinn, und daß hierbei Irrtümer vorkommen können, ist klar.


GENERAL RUDENKO: Ich sprach nicht über die Substanz des Dokuments, das spricht für sich selbst. Ich frage Sie: kannten Sie dieses Dokument?


GÖRING: Es handelt sich hier um ein Dokument, über die Behandlung der Kriegsgefangenen, und dieses war unmittelbar meiner Dienststelle gegeben. Ich kannte dieses Dokument nicht, auch dieses nicht, wo es sich hier um ein Gutachten des Amtes Ausland/Ab wehr zu den Dingen handelt.


GENERAL RUDENKO: Sie kannten dieses Dokument nicht? Gut. Nun ein anderes Dokument, und zwar 884-PS. Es liegt bereits vor. Es behandelt die rücksichtslose Vernichtung der Politruks und anderer politischer Führer. Dies ist ein Dokument...


GÖRING: Ich möchte noch zur Aufklärung betonen, daß die Luftwaffe keine Gefangenenlager mit Sowjetgefangenen hatte. Sie hatte nur die sechs Lager, in denen die Luftwaffenangehörigen der anderen Mächte gefangen waren. Sie hatte aber nicht Gefangenenlager mit Sowjetgefangenen unter sich.


GENERAL RUDENKO: Ich habe Ihnen diese Frage gestellt und diese Dokumente vorgelegt, weil Sie bei Ihrem Rang als zweiter Mann Deutschlands unmöglich über derartige grundsätzliche Befehle nicht Bescheid wissen konnten.


GÖRING: Verzeihung, wenn ich widerspreche. Gerade weil meine Stelle so hoch war, befaßte ich mich um so weniger mit Befehlen über Kriegsgefangene, die an sich reine Ressortbefehle waren und nicht Befehle von höchster politischer oder militärischer Bedeutung. Wäre ich im Dienstgrad sehr viel tiefer gestanden, so hätte ich vielleicht von diesen Befehlen mehr Kenntnis bekommen. Ich bin jetzt bei dem Dokument, das Sie mir vorgelegt haben: Abteilung Landesverteidigung. Links steht: »Betrifft: Behandlung gefangener politischer und militärischer russischer Funktionäre.« Dieses ist das Dokument.


GENERAL RUDENKO: Bitte sehen Sie sich das Datum dieses Dokuments an: Führerhauptquartier, 12. Mai 1941.


GÖRING: Ja.


[710] GENERAL RUDENKO: Bitte, sehen Sie sich den Paragraphen 3 des Dokuments an:

»Politische Leiter in der Truppe werden nicht als Gefangene anerkannt und sind spätestens in den Durchgangslagern zu erledigen. Kein Abschieben nach rückwärts.«

Wußten Sie von dieser Anweisung?

GÖRING: Ich darf darauf aufmerksam machen, daß es sich hier nicht um irgendeine Anweisung handelt, sondern überschrieben ist: »Vortragsnotiz«, unterzeichnet mit »Warlimont«, und daß der Verteiler auch keine andere Dienststelle außerhalb dieser Abteilung »Landesverteidigung« vorsieht. Also eine Vortragsnotiz ist dieses Dokument.

GENERAL RUDENKO: Sie wußten also nichts über dieses Dokument?


GÖRING: Ich sage noch einmal, die Vortragsnotiz ist eine Notiz des OKW-Führungsstabes, nicht eine Anweisung, nicht ein Befehl, sondern eine Vortragsnotiz.


VORSITZENDER: Das ist keine Antwort auf diese Frage. Sie erzählen uns, was sie war und nicht, ob Sie davon wußten.


GÖRING: Nein, ich wußte es nicht, es war mir aber vorgelegt worden als Befehl, und ich wollte aufmerksam machen, daß es ein solcher nicht ist.


GENERAL RUDENKO: Weiter. Mußten die Weisungen über die Behandlung der Sowjetkriegsgefangenen in den Einheiten der Luftwaffe ausgeführt werden?


GÖRING: Wenn sie vom Führer befohlen waren, ja; oder auch, wenn sie von mir befohlen waren.


GENERAL RUDENKO: Können Sie sich an Ihre eigenen Richtlinien über diese Frage der Behandlung der Sowjetkriegsgefangenen erinnern?


GÖRING: Nein.


GENERAL RUDENKO: Sagen Sie...


GÖRING: Wir hatten ja keine Lager mit Sowjetkriegsgefangenen, die Luftwaffe...


GENERAL RUDENKO: Sagen Sie, die Mehrzahl dieser verbrecherischen Befehle und Richtlinien des OKW wurden doch vor Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, und zwar im Rahmen der Vorbereitung des Krieges gegen die USSR erteilt. Beweist dies nicht, daß die Deutsche Regierung und das OKW im voraus einen vorbereiteten Plan für die Ausrottung der Sowjetbevölkerung hatte?


GÖRING: Nein, das beweist das in keinem Fall. Es ist nur hierdurch bewiesen, daß wir den Kampf mit der Sowjetunion für einen [711] außerordentlich harten ansahen, der mit anderen Grundsätzen geführt wurde, weil keine Konventionen bestanden.


GENERAL RUDENKO: Diese Regeln, wie Sie den Kampf geführt haben, sind uns bekannt. Sagen Sie, Ihnen müssen doch die Richtlinien Himmlers bekannt sein, die er im Jahre 1941 über die Vernichtung von dreißig Millionen Slawen herausgegeben hat? Sie haben darüber auch hier vor dem Gerichtshof von dem Zeugen Bach-Zelewski gehört. Erinnern Sie sich daran?


GÖRING: Ja. Erstens war dies kein Befehl, sondern eine Rede, zweitens eine Behauptung von Zelewski und drittens, in sämtlichen Reden von Himmler wurden seine Unterführer auf die strengste Geheimhaltung hingewiesen. Das ist also eine Aussage eines Zeugen über das, was er gehört hat, und kein Befehl. Infolgedessen habe ich keine Kenntnis von diesem Unsinn gehabt.


GENERAL RUDENKO: Sie haben keine Kenntnis gehabt. Sagen Sie, im totalitären deutschen Staate gab es doch ein leitendes Zentrum: Hitler und seine nächste Umgebung, und Sie waren als Stellvertreter Hitlers darunter. Dieselben Anweisungen mußten auch für Keitel und Himmler gelten. Konnte denn Himmler von sich aus Anweisungen für die Vernichtung von dreißig Millionen Slawen herausgeben, ohne dazu von Hitler oder Ihnen beauftragt zu sein?


GÖRING: Himmler hat keinen Befehl über die Vernichtung von dreißig Millionen Slawen herausgegeben, sondern der Zeuge hat gesagt, daß er eine Rede in dem Sinn gehalten habe, dreißig Millionen Slawen müßten vernichtet werden. Wenn Himmler einen de facto-Befehl dieser Art herausgegeben hätte, so müßte er, wenn er sich an die Verfügungen hielt, den Führer, nicht mich, aber den Führer gefragt haben, und dieser hätte ihm wahrscheinlich sofort gesagt, daß das unmöglich sei.


GENERAL RUDENKO: Ich habe nicht von einem Befehl, sondern von einer Anweisung Himmlers gesprochen. Sie geben also zu, daß diese Anweisungen von Himmler ohne Übereinstimmung mit Hitler gegeben werden konnten?

GÖRING: Ich betone, daß eine solche Anweisung von Himmler nicht hätte gegeben werden können, und mir ist auch von keiner Anweisung bekannt und hier ist auch von keiner Anordnung gesprochen worden.


GENERAL RUDENKO: Ich wiederhole die Frage noch einmal. Ist es nicht wahr, daß die Befehle und die Anordnungen des OKW über die Behandlung der Zivilbevölkerung und der Kriegsgefangenen in den besetzten Sowjetgebieten einen Teil der generellen Weisungen über die Vernichtung der Slawen darstellten? Das will ich wissen.


[712] GÖRING: Keineswegs. Es ist zu keinem Zeitpunkt eine Anweisung vom Führer oder von anderer Seite, die mir bekannt ist, über die Vernichtung von Slawen gegeben worden.


GENERAL RUDENKO: Sie mußten über die Massenvernichtung der Sowjetbürger aus den besetzten Sowjetgebieten, die mit Hilfe der Einsatzgruppen des SD und der Sicherheitspolizei durchgeführt waren, wissen. War die Tätigkeit der Einsatzgruppen nicht das Ergebnis der Ausführung eines im voraus zur Vernichtung von Juden und anderen friedlichen Sowjetbürgern vorbereiteten Planes?


GÖRING: Nein, die Einsatzgruppe war eine interne Angelegenheit, die sehr geheim gehalten wurde.

GENERAL RUDENKO: Ich habe noch mehr Fragen, vielleicht sollten wir jetzt eine Pause machen.


VORSITZENDER: Wie lange gedenken Sie noch zu gebrauchen, General Rudenko?


GENERAL RUDENKO: Ich glaube, nicht mehr als eine Stunde.


VORSITZENDER: All diese Dokumente, die Sie dem Zeugen vorgelegt haben, sind Dokumente, die, wie ich schon gesagt habe, als Beweismaterial hier vorliegen und die meiner Ansicht nach für sich selber sprechen. Ich hoffe aus diesem Grunde, daß Sie Ihr Kreuzverhör so kurz wie möglich machen. Der Gerichtshof wird sich jetzt vertagen.


[Das Gericht vertagt sich bis

22. März 1946, 10.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 9, S. 678-714.
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