Vormittagssitzung.

[641] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Zeuge, können Sie sich daran erinnern, daß Sie mir gestern Abend gesagt haben, nur solche Kriegsgefangene, die sich eines Verbrechens oder Vergehens schuldig gemacht hatten, seien der Polizei übergeben worden?

GÖRING: So habe ich mich nicht ausgedrückt, sondern ich habe gesagt, wenn die Polizei Kriegsgefangene aufgegriffen hat, so wurden die, die während der Flucht ein Verbrechen begangen haben, von der Polizei – soweit ich weiß – in Haft behalten und nicht in das Lager zurückgegeben. Wie weit in anderen Fällen Kriegsgefangene von der Polizei behalten und nicht zurückgegeben wurden in das Kriegsgefangenenlager, das habe ich zum Teil erst hier aus den ganzen Vernehmungen und Erörterungen gehört.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie sich bitte Dokument D-569 ansehen? Wollen Sie sich zuerst die Ecke oben links ansehen, woraus zu ersehen ist, daß es sich um ein vom Oberkommando der Wehrmacht veröffentlichtes Dokument handelt.

GÖRING: Das Dokument, das ich vor mir liegen habe, hat links oben folgenden Titel: »Der Reichsführer SS«, und den Untertitel: »Der Inspekteur der Konzentrationslager«.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das Dokument ist vom 22. November 1941 datiert. Haben Sie es?


GÖRING: Jawohl, das habe ich.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie sich jetzt bitte die Ecke unten links ansehen, und zwar die Verteilerliste. Die zweite Stelle, an die dieses Schreiben verteilt wird, ist das Luftfahrtministerium und der Oberbefehlshaber der Luftwaffe am 22. November 1941. Das waren Sie doch damals?


GÖRING: Das ist richtig. Dazu darf ich folgende Erklärung abgeben. Bei den vielen...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Einen Augenblick bitte. Ich möchte, daß Sie zunächst das Dokument erfassen und später dazu Ihre Erklärung abgeben. Ich möchte Sie nicht unterbrechen. Sehen Sie sich bitte den dritten Satz des ersten Absatzes an. Er bezieht sich auf Sowjetkriegsgefangene. Der dritte Satz lautet:

»Soweit nach diesem Befehl flüchtige Sowjetkriegsgefangene in das Lager wieder eingeliefert werden, sind sie [641] in jedem Falle der nächstgelegenen Dienststelle der Geheimen Staatspolizei zu übergeben.«

Absatz 2 handelt dann von der Sonderstellung, von den:

»... zur Zeit noch besonders häufig vorkommenden Straftaten sowjetischer Kriegsgefangener, die anscheinend im wesentlichen ihren Grund in ihren noch nicht geregelten Lebensverhältnissen haben, für welche die folgende Übergangsregelung geschaffen wird. Eine spätere Änderung bleibt vorbehalten.«

Falls ein Sowjetkriegsgefangener irgendeine andere Straftat begeht, muß der Lagerkommandant ihn dem Chef der Sicherheitspolizei übergeben.

Ist dieses Dokument so aufzufassen, daß ein Mann, der entkommen ist, der Sicherheitspolizei übergeben wird? Sie verstehen also: In diesem Dokument heißt es, daß ein Mann, der ausgebrochen ist, der Gestapo übergeben wird, und daß ein Mann, der ein Verbrechen begeht – wie Sie erwähnten –, der Sicherheitspolizei übergeben wird. War dies nicht das Verfahren, das von 1941 bis zu dem Datum im März 1944, mit dem wir befaßt sind, angewendet wurde?

GÖRING: Ich darf auch den Paragraphen vorher nochmal für mich durchlesen, um hier keine Sätze aus dem Zusammenhang herausreißen zu lassen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Vorsitzender! Während der Zeuge das Dokument durchliest, darf ich die technische Seite der Einreihung der Beweisstücke besprechen? Als ich Feldmarschall Kesselring einem Kreuzverhör unterzog, habe ich drei Dokumente vorgelegt, nämlich: UK-66, GB-274; D-39, GB-275; und TC-91, GB-276. Dieses Dokument erhält also die Bezeichnung GB-277.


[Zum Zeugen gewandt:]


Haben Sie den Paragraphen nunmehr ganz durchgelesen, Zeuge?

GÖRING: Ja.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich habe also recht, nicht wahr, wenn ich sage, daß flüchtige Sowjetkriegsgefangene nach ihrer Rückkehr ins Lager der Geheimen Staatspolizei und, falls sie ein Verbrechen begangen hatten, der Sicherheitspolizei zu übergeben waren. Ist das richtig?


GÖRING: Nicht ganz richtig. Ich darf Sie auf den dritten Satz im ersten Absatz aufmerksam machen. Dort steht: »Liegt ein Kriegsgefangenenlager in unmittelbarer Nähe, so ist der Ergriffene dorthin abzuliefern.«


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Aber lesen Sie den nächsten Satz: »Soweit... Sowjetkriegsgefangene in das Lager wieder [642] eingeliefert werden« – also im Einklang mit dem Befehl, den Sie gerade gelesen haben –, »sind sie der nächstgelegenen Dienststelle der Geheimen Staatspolizei zu übergeben.« Ihr eigener Satz.


GÖRING: Jawohl, aber der zweite Absatz, der gleich daran anschließt, gibt eine Aufklärung: »Wegen der zur Zeit noch besonders häufig vorkommenden Straftaten sowjetischer Kriegsgefangener...« und so weiter. Das haben Sie selbst vorgelesen, das steht ja im Zusammenhang auch mit diesem Paragraphen 1. Aber, an sich ist dieser Befehl gegeben worden, er ist auch im Verteiler an Heer, Luftwaffe und Marine gegangen.

Und nun möchte ich die Erklärung zu dem Verteiler abgeben. Es sind in diesem Kriege nicht Hunderte, sondern viele Tausende laufender Befehle untergeordneter Stellen von Übergeordneten herausgegeben und im Verteiler weitergeleitet worden. Das bedeutet nicht, daß nun jeden dieser Tausende von Befehlen und Anordnungen der Oberbefehlshaber vorgelegt bekommen hat, sondern nur die entscheidendsten und wichtigsten, die anderen sind jeweilig von Ressort zu Ressort gegangen. So ist dieser Befehl vom Chef des Oberkommandos der Wehrmacht ja ebenfalls von einem untergeordneten Ressort unterzeichnet und nicht vom Chef des OKW selbst.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dieser Befehl sollte also durch die Kriegsgefangenenabteilung in Ihrem Ministerium behandelt werden, nicht wahr?


GÖRING: Dieses Ressort hat nach dem Dienstweg, den solche Befehle gingen, in solchem Falle den Befehl bekommen, und nicht ein anderes Ressort.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich bin der Ansicht, daß die Antwort auf meine Frage »ja« sein müßte. Die Sache wäre von der Kriegsgefangenenabteilung Ihres Ministeriums bearbeitet worden, nicht wahr?


GÖRING: Ich sage ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es geht doch viel schneller, wenn Sie von Anfang an gleich »ja« sagen. Verstehen Sie?


GÖRING: Nein, es ist doch hier ein Unterschied, ob ich den Befehl persönlich gelesen habe, oder nicht; dazu werde ich dann zu meiner Verantwortung noch Stellung nehmen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Also... der Ausbruch...


VORSITZENDER: Sie sind nicht über Ihre Verantwortung gefragt worden. Sie sind gefragt worden, ob Ihre Abteilung für Kriegsgefangene sich damit befaßt hätte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, der Ausbruch, über den ich Sie befragte, fand in der Nacht vom 24. zum 25. März statt. Ich möchte, daß Sie sich das Datum merken. Der Entschluß, diese jungen [643] Offiziere zu ermorden, muß sehr schnell gefaßt worden sein, denn der erste Mord fand tatsächlich am 26. März statt. Geben Sie das zu? Er muß schnell gefaßt worden sein.


GÖRING: Ich nehme an, daß der Befehl, so wie ich später gehört habe, sofort gegeben worden ist; er steht aber in keinem Zusammenhang mit diesem Dokument.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nein, nein, mit diesem Dokument sind wir fertig. Wir behandeln jetzt eingehender die Ermordung dieser jungen Leute. Eine Großfahndung wurde sofort befohlen, um diese Männer in Haft zu nehmen. Ist das richtig?


GÖRING: Das ist richtig, bei jedem Ausbruch, wo eine solche große Anzahl Gefangener ausgebrochen ist, trat automatisch im ganzen Reiche die Großfahndung ein. Das heißt, alle Dienststellen mußten darauf achten, um die Gefangenen wieder einzubringen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Um diesen Befehl zur Ermordung dieser Leute und für die Großfahn dung zu geben, mußte doch Hitler auf jeden Fall mit Himmler oder Kaltenbrunner zusammengekommen sein, und auch um diesen Befehl ausführen zu lassen. Stimmt das?


GÖRING: Das ist richtig. Soviel ich gehört und berichtet habe, hat Himmler dem Führer ja auch den Ausbruch als erster gemeldet.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: General Westhoff, der in der Abteilung für Kriegsgefangenenwesen des Angeklagten Keitel war, berichtet folgendes: An einem Tage, der wahrscheinlich der 26. gewesen ist, sagte Keitel zu ihm: Heute früh hat Göring mir in Gegenwart von Himmler Vorwürfe gemacht, weil ich noch weitere Gefangene habe ausbrechen lassen. Das ist unerhört.

Behaupten Sie, daß General Westhoff hier die Unwahrheit gesprochen hat?


GÖRING: Ja. Das entspricht nicht den Tatsachen. General Westhoff bezieht sich ja auf eine Äußerung des Generalfeldmarschalls Keitel. Diese Äußerung ist an sich unlogisch, denn ich konnte dem Feldmarschall Keitel Vorwürfe deshalb nicht machen, weil er mich nicht darauf aufmerksam machen konnte, weil die Bewachung seine Angelegenheit und nicht die meine war.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Einer der Offiziere des Angeklagten Keitel, der sich mit dieser Angelegenheit befaßte, war ein Generalinspektor, General Röttich. Ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen?


GÖRING: Nein.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: General Westhoff, wie man verstehen kann, möchte sehr gerne jedem versichern, daß sein Vorgesetzter nichts mit der Sache zu tun gehabt habe, und er sagt [644] weiter folgendes über General Röttich: Er hatte absolut nichts damit zu tun, da diese Angelegenheiten aus seinen Händen genommen wurden. Anscheinend bei dieser Konferenz mit dem Führer am Morgen, das heißt, bei der Konferenz zwischen Himmler, Feldmarschall Keitel und Göring, die in Gegenwart des Führers stattfand, nahm der Führer selbst, wie immer, solche Angelegenheiten in seine Hand, wo es sich um Flucht von Offizieren handelte.

Sie sagen, das stimmt nicht? Sie waren gar nicht bei einer solchen Konferenz anwesend?


GÖRING: Ich war bei dieser Konferenz nicht zugegen, auch General Westhoff nicht; er gibt hier also eine rein subjektive Auffassung und keinen Tatsachenbestand.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Mit anderen Worten, Sie sind der Ansicht, daß Westhoff sich irrt? Westhoff war damals, glaube ich, noch Oberst, und ist zum Schluß Generalmajor gewesen, und er bittet, daß höhere Offiziere darüber befragt werden. Er sagt folgendes: »Es sollte doch möglich sein, durch Göring, der bei der Konferenz anwesend war, herauszufinden, daß Himmler dem Führer diesen Vorschlag gemacht hat.«

Immer wieder sagt Westhoff, der ja schließlich nur ein Offizier von verhältnismäßig untergeordnetem Rang ist, daß die Wahrheit von seinen Vorgesetzten herausgefunden werden kann; und Sie sagen, das wäre nicht der Fall?


GÖRING: Das sage ich nicht. Ich sage nur, daß der General Westhoff selbst keinen Augenblick anwesend war. Er kann also nicht sagen, ich weiß es, oder ich habe es gesehen, daß der Reichsmarschall Göring anwesend war, sondern er spricht, er nimmt es an oder habe es gehört.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Er sagt, Keitel habe ihm Vorwürfe gemacht, wie ich es Ihnen vorgelesen habe, und daß Keitel weiter zu ihm gesagt habe, bei General von Graevenitz: Meine Herren, diese Ausbrüche müssen aufhören. Wir müssen ein Exempel statuieren und werden sehr strenge Maßnahmen treffen. Ich sage Ihnen nur das, daß die Männer, die ausgebrochen sind, erschossen werden; wahrscheinlich sind die meisten von ihnen schon tot.

Haben Sie nie davon etwas gehört?


GÖRING: Ich war weder bei dem Gespräch Keitel-Westhoff-Graevenitz, noch bei dem Gespräch Führer-Himmler zugegen. Soviel ich weiß, wird General Westhoff ja hier als Zeuge vernommen. Im übrigen muß ja der Generalfeldmarschall Keitel aussagen können, ob ich dabei gewesen bin oder nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut, dann muß ich Ihnen dieses vorlegen. Wir gehen nun zu Ihrem eigenen Ministerium über. Ich [645] nehme an, daß Sie im allgemeinen doch die Verantwortung für die Handlungen der Offiziere in Ihrem Ministerium vom Rang eines Stabsoffiziers und aufwärts, nämlich Oberste, Generalmajore und Generalleutnants, tragen?


GÖRING: Wenn sie in meinen Richtlinien und nach meinen Weisungen etwas getan haben, ja; wenn sie etwas gegen meine Weisungen und Richtlinien getan haben, nein.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun wollen wir einmal sehen, was in Ihrem eigenen Ministerium vorgekommen ist. Sie wissen, daß Oberst Walde eine persönliche Untersuchung dieser Angelegenheit im Lager vorgenommen hat? Wußten Sie das?

GÖRING: Die Einzelheiten über diese Untersuchungen, sagte ich gestern schon, weiß ich nicht; ich weiß nur, daß Untersuchungen stattgefunden haben.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Haben Sie gewußt, daß am 27. März, an einem Montag, in Berlin eine Zusammenkunft über diese Frage stattfand? Ich will Ihnen vorher sagen, wer anwesend war, bevor Sie sich damit befassen, damit Sie Bescheid wissen. Ihr Ministerium war durch Oberst Walde vertreten. Da Generalleutnant Grosch an einer anderen Konferenz teilnahm, ließ er sich durch seinen Bevollmächtigten vertreten. Die Organisation des Angeklagten Keitel wurde durch Oberst von Reurmont, die Gestapo durch Gruppenführer Müller und die Kripo durch Gruppenführer Nebe vertreten. Nun, alle diese Offiziere waren zwar nicht befugt, Richtlinien niederzulegen, aber sie waren hohe Exekutiv-Offiziere, die sich mit den Maßnahmen zu befassen hatten, die ausgeführt wurden. Stimmt das?


GÖRING: Das waren keine Exekutiv-Offiziere, soweit nicht Exekutive im Bereich eines Offiziers ausdrücklich festgelegt worden ist. Zu Ihrer ersten Frage, ob ich von dieser Zusammenkunft gewußt habe, sage ich nein. Den Oberst Walde kenne ich nicht einmal persönlich.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wollen dem Gerichtshof sagen, daß Sie niemals über diese Sitzung unterrichtet worden sind?


GÖRING: Das sage ich.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dann werde ich Ihnen eine Erklärung unterbreiten lassen. Ich möchte bitten, daß Sie diese Erklärung eines Offiziers Ihrer eigenen Organisation hier ansehen, der dazu etwas zu sagen hat. Dies ist eine Erklärung, die Oberst Ernst Walde abgegeben hat. Ich habe jetzt leider keine weitere deutsche Kopie, aber ich werde bald eine bekommen. In meiner Ausfertigung, Herr Zeuge, steht unten auf Seite 2 der Anfang des Absatzes, den Sie ansehen wollen:

[646] »Da nach einem mehrere Wochen vorher ergangenen Befehl des OKW Chef Kgf wieder ergriffene Gefangene nicht mehr in ihr Lager zurückgebracht...«

Haben Sie es gefunden?

GÖRING: Wo soll das stehen?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: In der englischen Übersetzung ist es in der Mitte auf der zweiten Seite, und ich möchte Sie gerne darüber befragen... Mitte des Absatzes. Ich weiß nicht, ob Sie da den Namen – er ist in meiner Ausfertigung hervorgehoben – Major Dr. Hühnemörder sehen; haben Sie ihn gefunden?


GÖRING: Ja, ich habe es gefunden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es ist der nächste Satz, nachdem der Name des Majors Dr. Hühnemörder erscheint: »An diesem Montag...« Haben Sie die Stelle?


GÖRING: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Danke.

»An diesem Montag fand im Reichssicherheitshauptamt in Berlin, Albrechtstraße, eine Besprechung statt, die meiner Erinnerung nach vom OKW Chef Kgf einberufen war, und an der ich teilnahm als Vertreter der L. Inspektion 17, da General Grosch aus Gründen, die mir auch jetzt noch nicht ins Gedächtnis zurückkehren, verhindert war, selbst daran teilzunehmen; vom OKW Chef Kgf war meines Wissens Oberst von Reurmont anwesend, während das Reichssicherheitshauptamt vertreten war durch Gruppenführer Müller und Gruppenführer Nebe, den damaligen Leiter der Kriminalpolizei. Es ist mir nicht möglich, den Verlauf der Besprechung im Wortlaut wiederzugeben oder zu sagen, was von jedem einzelnen gesagt worden ist. Ich entsinne mich aber des Inhalts insoweit, als man uns unterrichtete von einer Besprechung im Führerhauptquartier, die am Tage zuvor, also wohl am Sonntag, wegen der Massenflucht in Sagan stattgefunden habe und wobei es zu erregten Auseinandersetzungen zwischen den Teilnehmern ge kommen sei. Es wurden in diesem Zusammenhang die Namen Himmler, Göring und Keitel erwähnt; ob auch der Name Ribbentrop fiel, weiß ich nicht mehr, auch ist der Führer nicht genannt worden. In dieser Besprechung sollen dann Maßnahmen besprochen beziehungsweise getroffen worden sein, die geeignet seien, in Zukunft derartige Massenfluchten zu verhindern. Welcher Art diese Maßnahmen sind, wurde nicht gesagt, Gruppenführer Müller erklärte dann später und quasi abschließend, daß entsprechende Befehle bereits ergangen seien und die Aktion seit gestern früh [647] bereits laufe. Über den Stand der Großfahndung konnte oder wollte er noch keine Mitteilung machen; er erklärte lediglich, daß nach bisher eingegangenen Meldungen an einigen Stellen Erschießungen bei Fluchtversuchen vorgekommen seien; ich glaube, er nannte dabei die Zahl 10 oder 15.

Nach diesen abschließenden Äußerungen des Gruppenführers Müller, deren ungeheuerliche Schockwirkung unverkennbar war, wurde es mir klar, daß eine Entscheidung von höchster Stelle vorlag, und daß damit jegliches Einschalten nachgeordneter Dienststellen ausgeschlossen und aussichtslos war.«

Es wurde also bei einer Sitzung von Leuten, die ich als Exekutiv-Offiziere bezeichnen möchte, bekanntgegeben, daß die Erschießungen bereits begonnen hatten. Wollen Sie dem Gerichtshof sagen, daß diese Angelegenheit jenen Exekutiv-Offizieren, worunter sich einer Ihrer eigenen Offiziere befand, mitgeteilt worden war, ohne daß Sie jemals davon unterrichtet wurden. Behaupten Sie das noch immer?

GÖRING: Das sage ich immer noch. Von dieser Sitzung habe ich erstens nichts gehört, zweitens erwähnte auch dieser betreffende Offizier nur Mutmaßungen bei Nennung der Namen; er stellt keine Behauptung auf. Und zum dritten bitte ich den Eingang dieser Aussage ebenfalls erwähnen zu können; sie beginnt nämlich mit folgenden Worten:

»Zu der Angelegenheit der Massenflucht britischer kriegsgefangener Fliegeroffiziere aus dem Kriegsgefangenenlager Nr. 3 in Sagan am 24./25. März 1944 mache ich folgende Ausführungen, wobei ich darauf hinweise, daß ich infolge Fehlens jeglichen schriftlichen Unterlagenmaterials gezwungen bin, die Vorgänge, welche nun schon fast eindreiviertel Jahre zurückliegen, völlig aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Ich bitte deshalb, dieser Tatsache und der damit verbundenen Möglichkeit eines Gedankenirrtums Rechnung zu tragen und Verständnis zu haben...«

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Damit haben Sie vollkommen recht, und die Antwort darauf ist, daß ich Ihnen zeigen werde, was dieser Offizier damals seinem General berichtete.

Geben Sie dem Zeugen die Erklärung von General Grosch.


[Das Schriftstück wird dem Zeugen ausgehändigt.]


Sie sehen also, daß sein Gedächtnis gar nicht so schlecht war. Wir kommen jetzt ziemlich hoch hinauf. Dieser Offizier, General Grosch, unterzeichnet als Generalleutnant. Vielleicht können Sie mir helfen – das letztemal waren Sie mir sehr behilflich – diese Stelle zu finden. Es ist die Erklärung von Generalleutnant Walter Grosch.

[648] GÖRING: Ich bitte, daß ich zuerst dieses Dokument lesen kann, um zu sehen, ob nicht ähnliche Einschränkungen vorliegen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wollen Sie den ersten Satz lesen. Ich möchte nicht, daß die ganze Sache verlesen wird. Es heißt:

»In meiner Vernehmung am 7. Dezember 1945 wurde ich beauftragt, niederzuschreiben, was ich über den Fall Sagan weiß.«

Und dann hat er es niedergeschrieben. Wenn Sie sich Nummer 1 auf der ersten Seite ansehen, sehen Sie unten auf der ersten Seite eine Darstellung über den Aufbau Ihres Ministeriums. Es steht unten auf der ersten Seite. Zeuge, können Sie das unten auf der ersten Seite sehen? Die Pyramide innerhalb Ihrer Organisation?

GÖRING: Ich sehe es, aber ich... ich bin jetzt an der Stelle, von der Sie sprachen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wenn Sie vier Absätze weiter nachsehen.


GÖRING: Ich sehe es; aber ich möchte gern das andere zuerst lesen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Also vier Abschnitte weiter heißt es: »Einige Tage nach dem Fluchttage, Datum nicht mehr erinnerlich, meldete mir Oberst Walde, daß eine Sitzung vom OKW nach Berlin...«

Haben Sie das gesehen?

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie das Dokument überfliegen, aber Sie dürfen mir glauben, auf den ersten beiden Seiten stehen, wie ich gesagt habe, nur Angaben über die Verwaltung Ihres Ministeriums.


GÖRING: Ja, ich habe es gefunden. Welcher Paragraph bitte?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: »Einige Tage nach dem Fluchttage...« Haben Sie das gefunden? Es ist Teil C, der vierte Absatz, der Sagan-Fall.


GÖRING: Ich habe es jetzt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Danke.

»Einige Tage nach dem Fluchttage, Datum nicht mehr erinnerlich, meldete mir Oberst Walde, daß eine Sitzung vom OKW nach Berlin, ich glaube in die Räume einer hohen SS- und Polizeidienststelle einberufen sei, zu der L. In. 17 Vertreter zu entsenden hätte.

Ich wäre selbst gern hingefahren, mußte aber zu einer anderen Besprechung in Berlin und bat Oberst Walde, sich als Vertreter L. In. 17 dorthin zu begeben. Nach seiner [649] Rückkehr meldete nur Oberst Walde, daß der Vertreter des OKW mitgeteilt habe, daß eine Führerentscheidung vorliege, daß die entflohenen britischen Flieger nach Ergreifen nicht wieder der Luftwaffe zurückgegeben, sondern erschossen werden würden.«

Wir lassen dann einen Absatz aus und gehen auf die letzte Zeile des Absatzes über:

»Sicher war aber die Gefahr des Erschießens klar zu erkennen.

Ich fragte Oberst Walde, ob eine so schwerwiegende Entscheidung dem Oberkommando der Luftwaffe oder dem RLM. durch ein Schreiben noch mitgeteilt werden würde, oder ob er etwas Schriftliches mitbekommen habe. Oberst Walde bedeutete mir, daß der Vertreter des OKW den Versammelten mitgeteilt habe, daß in dieser Angelegenheit nichts Schriftliches erteilt wurde und auch kein Schriftwechsel zu erfolgen haben würde; der Personenkreis der Mitwissenden sei so klein wie möglich zu halten. Ich fragte Oberst Walde, ob der Vertreter OKW irgend etwas geäußert habe, daß der Reichsmarschall oder das OKL über die Sache unterrichtet sei. Oberst Walde bestätigte mir, daß OKW-Vertreter mitgeteilt habe, daß der Reichsmarschall unterrichtet sei.«

Im Augenblick will ich Ihnen darüber keine Frage stellen. Ich will Ihnen nur zeigen, was Ihr General getan hat. Er sagt:

»Bis zu dem Zeitpunkt dieser Meldung des Obersten Walde habe ich von keiner Seite auch nur eine Andeutung erhalten, daß geflohene Kriegsgefangene anders behandelt werden sollten wie in der Genfer Konvention vorgesehen.

Noch am gleichen Spätnachmittag ließ ich mich mit meiner vorgesetzten Dienststelle, dem Chef der Luftwehr, verbinden, um die Zeit für einen dringenden Vortrag beim General der Flieger Förster zu erhalten. Der Vortrag wurde auf den nächsten Vormittag festgelegt.

Bei meiner Meldung traf ich General Förster mit seinem Ia an. Ich bat den General Förster, ihn allein sprechen zu dürfen und trug den Sachverhalt vor. Abschließend gab ich die Beurteilung, daß bei einem Erschießen der britischen Flieger a) ein Bruch der Genfer Konvention vorliege, b) mit Ergreifen von Repressalien zu rechnen sei, die das Leben deutscher in britischer Kriegsgefangenschaft befindlicher Flieger bedrohten.

Ich bat General Förster, noch in letzter Stunde die Sache unter Darlegung beider Punkte an den Herrn Reichsmarschall heranzutragen.

[650] General Förster war hierzu sofort bereit. Bei der Wahl des Weges, auf dem die Sache an den Reichsmarschall gebracht werden konnte, wurde der Vortrag beim Staatssekretär Generalfeldmarschall Milch gewählt.

General Förster rief in meiner Gegenwart im Büro des Staatssekretärs an und erhielt den Vortrag sofort. General Förster verließ das Zimmer und gab mir dabei die Weisung, ihn in seinem Arbeitszimmer zurückzuerwarten. Nach einer gewissen Zeit kehrte General Förster zurück und teilte mir mit, daß er dem Staatssekretär die Angelegenheit vorgetragen habe und Feldmarschall Milch die notwendigen Notizen gemacht habe.«

Sehen Sie bitte jetzt den letzten Absatz an:

»Über die Sitzung beim OKW befahl ich Oberst Walde trotz des Verbotes des OKW, eine ausführliche Aktennotiz zu machen. Dies ist meines Wissens auch erfolgt.«

DR. STAHMER: Es werden hier eine Reihe von Affidavits vorgelegt von Zeugen, die hier in Nürnberg sind, und die meines Erachtens hier also als Zeugen vorgeführt werden können. Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit, die diese Angelegenheit nicht nur für den Angeklagten Göring, sondern auch für andere Angeklagte hat, habe ich diesem Verfahren zu widersprechen in der Annahme, daß für das Kreuzverhör dieselben Regeln zu gelten haben wie für das Verhör, das heißt, daß man sich nicht mit einem Affidavit begnügen und auf das Affidavit berufen soll, wenn die Möglichkeit besteht, daß die Anklagebehörde ohne Schwierigkeit den Zeugen vorführt und im Gerichtssaal vernehmen läßt, damit die Verteidigung in der Lage ist, diese Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen.

VORSITZENDER: Dr. Stahmer, was Sie sagten, ist völlig unrichtig. Für das Kreuzverhör gelten nicht die gleichen Regeln wie für die direkte Vernehmung. Im Augenblick wird der Angeklagte Göring im Kreuzverhör auf seine Glaubwürdigkeit hin vernommen. Er sagte, daß er über die Sache nichts gewußt habe. Das Kreuzverhör findet ja statt, um zu beweisen, daß er gelogen hat als er das sagte.


DR. STAHMER: Herr Präsident! Nach meiner Ansicht muß dies in der Form geschehen, daß man den Zeugen persönlich vorführt. Das ändert nichts an der Tatsache, daß nach unserer Auffassung die Bezugnahme auf ein Affidavit ein weniger geeignetes Mittel ist zu diesem Nachweis, als die persönliche Vernehmung des Zeugen, bei der die Verteidigung in der Lage ist, den Beweis zu führen.


VORSITZENDER: Herr Dr. Stahmer! Wie ich Ihnen schon gesagt habe, Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß die Regeln für das Kreuzverhör die gleichen sind wie für die Hauptvernehmung. [651] Im Augenblick findet ein Kreuzverhör des Zeugen auf seine Glaubwürdigkeit hin statt, mit anderen Worten, ob er die Wahrheit spricht oder nicht. Was diesen Zeugen betrifft, ich glaube sein Name ist Grosch, so können Sie den Antrag auf seine Vorladung stellen, wenn Sie wünschen. Das hat damit gar nichts zu tun.


DR. STAHMER: Ich habe das wohl verstanden. Aber ich müßte die Möglichkeit haben, mich auf das Zeugnis dieser im Affidavit bezeichneten Personen zu berufen, falls ich es für nötig halte.


VORSITZENDER: Sie können diesen Antrag stellen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sehen Sie, was ich hier hervorheben will, ist folgendes: es handelt sich um eine Angelegenheit, die nicht nur dem OKW, der Gestapo und der Kripo, sondern Ihrem eigenen Chef für Operationen, General Förster, bekannt war, der General Grosch erklärte, daß er Feldmarschall Milch unterrichtet habe. Ich sage jetzt, daß es absolut unmöglich und unwahr ist, daß Sie unter solchen Umständen nichts darüber gewußt hätten.


GÖRING: Ich darf zuerst etwas ganz anderes feststellen. Es ist mir in der deutschen Übersetzung seitens des Gerichtshofs auf den ersten Einspruch von Dr. Stahmer deutsch folgendes durchgegeben worden:


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Der Gerichtshof wünscht nicht, daß Sie juristische Einwendungen diskutieren.

VORSITZENDER: Wollen Sie bitte die an Sie gerichtete Frage beantworten. Es ist Ihnen schon einmal gesagt worden, daß Sie eine Frage direkt beantworten und Erklärungen hinterher geben müssen, und zwar kurz.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Behaupten Sie noch immer auf Grund dieses Beweismaterials und der vorgelegten Erklärungen von Offizieren Ihres eigenen Ministeriums, daß Sie nichts darüber gewußt hätten?


GÖRING: Gerade diese Ausführungen bestätigen dies, und ich darf jetzt eine kurze Erklärung geben. Sie haben ein Datum festgelegt und sagen, das war am 27., während hier in den Ausführungen General Groschs ein solches Datum nicht, zunächst nicht festgelegt ist, sondern es heißt: »Einige Tage nach der Flucht, Datum nicht mehr erinnerlich, meldete mir Oberst Walde...«

Zum zweiten heißt es hier, daß der General Förster, der nicht Chef meiner Operationsabteilung, sondern ein Chef einer Abteilung im Ministerium war, dem Staatssekretär Generalfeldmarschall Milch die Sache vorgetragen habe, ohne wiederum auf das Datum Bezug zu nehmen. Der Generalfeldmarschall Milch war als Zeuge hier und ist leider zu diesem Punkt, ob er mir diese Meldung und zu welchem Zeitpunkt und ob mir direkt weitergegeben hat, nicht befragt worden.


[652] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: O ja, er ist gefragt worden und Generalfeldmarschall Milch hat denselben Standpunkt vertreten, daß er über die ganze Sache nichts gewußt habe und Förster nie mit ihm darüber gesprochen habe. Mein Kollege Mr. Roberts hat ihn gefragt: »Hat General Förster nicht mit Ihnen darüber gesprochen?«

Ich behaupte, daß sowohl Sie als auch Feldmarschall Milch sagen, Sie hätten nichts davon gewußt, obwohl Sie es wußten und die Verantwortung auf die Schultern Ihrer untergebenen Offiziere abwälzen wollen. Das behaupte ich und das möchte ich Ihnen klar machen.


GÖRING: Nein, ich wälze die Angelegenheit nicht auf die Schultern meiner Untergebenen ab; ich stelle fest, und das allein ist für mich wichtig, daß Feldmarschall Milch nicht gesagt hat, daß er mir das weitergegeben hat; und zum zweiten, daß das Datum, zu welchem Zeitpunkt Förster Milch Bescheid gegeben hat, hier nicht festgelegt ist. Es ist durchaus möglich, daß zu diesem Datum, wo das tatsächlich stattfand, der Generalstabschef der Luftwaffe mir unter Umständen schon darüber Vortrag gehalten hat. Entscheidend ist, und dabei bleibe ich, daß ich bei der Befehlsgebung des Führers nicht zugegen gewesen bin, und als ich es erfahren habe, aufs schärfste Widerspruch erhoben habe. Es war zum größten Teile, wie mir gesagt wurde, zu spät. Daß einzelne später erschossen wurden, war damals noch nicht bekannt, und es ist mir auch im einzelnen zu der Zeit nicht bekannt geworden. Die Hauptzahl war damals schon erschossen worden.

Zum dritten, diejenigen Entflohenen, die in der unmittelbaren Umgebung des Lagers von unseren Wachmannschaften ergriffen wurden, sind in das Lager gebracht worden und wurden nicht ausgeliefert. Diejenigen Gefangenen, die von der Polizei und Großfahndung festgenommen wurden und vor dem Befehl des Führers ins Lager zurückgebracht wurden, sind ebenfalls nicht ausgeliefert und nicht erschossen worden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wissen Sie, daß nach Wieland, der später aussagen wird, die Auswahl der zu erschießenden Offiziere, eine Liste für die Auswahl von der Lagerleitung auf Wunsch der Abteilung 5, das heißt der RSHA-Kripo-Abteilung angefertigt wurde, in der diese Offiziere besonders erwähnt und als störende Elemente, Verschwörer und Fluchtanführer bezeichnet wurden. Die Namen wurden entweder von dem Lagerkommandanten oder einem seiner Offiziere ausgewählt. Dann wurde die Erschießung der namentlich genannten Offiziere von Abteilung 4 des RSHA angeordnet und der Staatspolizei entsprechende Weisungen erteilt.

Wollen Sie dem Gerichtshof sagen, Sie hätten nicht gewußt, daß Ihre eigenen Offiziere die zu erschießenden Leute danach auswählten, [653] ob sie Anstifter und Anführer bei dem Ausbruch waren? Auf der ganzen Welt wird der Versuch, zu entkommen, als Pflicht eines Offiziers angesehen, wenn er in Kriegsgefangenschaft ist, nicht wahr?


GÖRING: Das ist richtig, und ich habe es auch betont. Zu Ihrer ersten Frage möchte ich in aller Klarheit feststellen, daß es sich hier um die Aussage eines Mannes handelt, der noch als Zeuge vernommen wird. Ob er tatsächlich eine solche Liste angefordert und gesehen hat, ist in dieser Aussage unlogisch, denn es wurde nicht nach einer Auswahl erschossen, sondern erschossen wurden diejenigen, die von der Polizei festgenommen waren, ausnahmslos, und die noch nicht in das Lager zurückgebracht waren. Es erfolgte also keine Auswahl im Hinblick auf Störenfriede, sondern diejenigen, die in das Lager zurückgekommen waren, wurden nicht erschossen und diejenigen, die außerhalb des Lagers von der Polizei ergriffen wurden, wurden auf Befehl des Führers ohne Ausnahme erschossen. Deshalb erscheint diese Aussage vollkommen unlogisch und nicht den Tatsachen entsprechend.

Mir selbst ist weder von der Anforderung einer solchen Liste noch von der Erfüllung dieses Wunsches das geringste bekannt. Ich habe selbst den Führer aufmerksam gemacht, wiederholt, daß es die Pflicht dieser Offiziere sei, auszubrechen, und daß sie nach ihrer Rückkehr nach dem Kriege diesen Versuch, soweit ich mich erinnere in England sogar dreimaligen Versuch, nachweisen müßten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Können Sie sich daran erinnern, daß die Deutsche Regierung eine amtliche Note über diesen Vorfall veröffentlichte, des Inhalts, daß sie erschossen wurden, weil sie sich der Verhaftung widersetzten, als sie zu entfliehen versuchten? Erinnern Sie sich daran?


GÖRING: Ich habe erst bei der Beantwortung dieser Note gehört, daß eine Note in diesem Sinne abgegeben worden ist. Bei der Abfassung der Note bin ich nicht beteiligt worden. Ich kenne ihren Inhalt nur durch die Rückantwort, weil ich sicherlich dabei war, wie diese vorgetragen wurde.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Im Augenblick interessiert mich die Tatsache nicht, daß jeder jetzt zugibt, daß diese Note eine vollständige Lüge war. Wohl aber möchte ich auf die Wichtigkeit dieser Angelegenheit eingehen. Wissen Sie, daß General Westhoff in seiner Erklärung sagt: Dann, als wir die Note an England in den Zeitungen lasen, waren wir alle bestürzt. Wir haben uns an den Kopf gegriffen, verrückt.

Gemäß Herrn Wieland, der noch kommen wird, trug das dazu bei, daß General Nebe von der Kripo nächtelang nicht zu Bett gehen konnte, sondern die Nacht in seinem Büro verbringen mußte. Sie geben also zu, daß dies eine ernste und schwierige Angelegenheit [654] war? Alle Offiziere, die damit zu tun hatten, hielten es für eine ernste und schwierige Angelegenheit, nicht wahr?


GÖRING: Es fanden nicht nur diese Offiziere die Sache seriös und schlimm, sondern ich selbst habe dies als die schlimmste Sache während des ganzen Krieges angesehen und dies eindeutig und klar zum Ausdruck gebracht und habe, als ich später von der Note Kenntnis bekommen habe, auch gewußt, daß diese Note nicht der Wahrheit entsprochen hat. Dieser meiner Empörung habe ich gerade dadurch Ausdruck gegeben, daß ich daraufhin meinen Generalquartiermeister veranlaßt habe, ein Schreiben an das OKW zu richten, daß wir nunmehr die Gefangenenlager abgeben wollten, weil wir unter diesen Umständen nichts mehr damit zu tun haben wollten.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, nach Ihrer direkten Aussage haben Sie sich an Himmler gewandt, haben ihn gefragt, ob er den Befehl erhalten habe, und dann sagten Sie: »Ich habe ihm dann gesagt, daß dies zu schwerster Erregung in meiner Luftwaffe führen würde, da wir für solche Maßnahmen kein Verständnis hätten, und er, wenn er solche Befehle bekommen hätte, dann könnte er zumindest mich vorher unterrichten, bevor er sie durchführte, um mir Möglichkeit zu geben, derartige Befehle, wenn möglich, zu verhindern.« Und dann sagten Sie: »Ich habe mit dem Führer gesprochen, und er hat bestätigt, daß er den Befehl erteilt habe und sagte mir auch, warum.« Nach diesen Aussagen hatten Sie immer noch genügend Einfluß in Deutschland, Ihrer eigenen Ansicht nach, um sogar bei Himmler selbst die Herausgabe solcher Befehle aufzuhalten, oder – entschuldigen Sie bitte, ich sagte »Herausgabe« – die Durchführung solcher Befehle zu verhindern.


GÖRING: Sie geben meinen Ausführungen eine vollkommen falsche Deutung. Ich habe dem Himmler klar gesagt, es wäre seine Pflicht gewesen, mich vor der Durchführung anzurufen, um mir die Möglichkeit zu geben, selbst zu dieser Zeit meines weitaus abgeschwächten Einflusses alles zu tun, um den Führer daran zu hindern, daß dieser Befehl durchgeführt würde. Ich habe damit nicht unterstellt, daß ich hiermit einen absoluten Erfolg hätte haben können, aber es war selbstverständlich, daß ich mich als Oberbefehlshaber der Luftwaffe Himmler gegenüber in dieser Richtung klar aussprach, daß es seine Pflicht gewesen wäre, mich, der am stärksten davon betroffen wurde, vorher anzurufen, und ich habe auch dem Führer in sehr klaren Worten meine Auffassung kundgegeben und habe aus seinen Antworten erkannt, daß ich voraussichtlich nicht einmal, wenn ich es vorher gewußt hätte, diesen Befehl hätte verhindern können, wobei zur Ausführung und Klärung festgehalten werden muß, daß es sich hier um zwei verschiedene Instanzenwege handelt. Der Befehl ist nicht an die Luftwaffe gegeben worden, [655] durch Luftwaffensoldaten die Leute zu erschießen, sondern an die Polizei. Wenn also der Führer mir gesagt haben würde: Ich beharre auf meinem Befehl, den ich der Polizei gegeben habe, so hätte ich nicht der Polizei befehlen können: Ihr habt den Befehl des Führers nicht auszuführen. Nur wenn er durch meine Leute hätte ausgeführt werden müssen, hätte ich Möglichkeiten gehabt, vielleicht den Befehl zu umgehen. Darauf möchte ich besonders aufmerksam machen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das mag Ihre Ansicht gewesen sein, daß Sie bei dem Führer nichts hätten erreichen können. Ich behaupte aber, daß auch Sie davon wußten, wenn all diese Offiziere, die ich erwähnt habe, davon gewußt haben; und Sie haben nichts getan, um die Erschießung dieser Leute zu verhindern, sondern haben an dieser widerwärtigen Mordserie mitgearbeitet.


VORSITZENDER: Sir David, gehen Sie zu etwas anderem über?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja.


VORSITZENDER: Haben Sie diese beiden Dokumente als Beweismittel eingereicht?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich reiche sie ein. Ich habe sie dem Zeugen vorgelegt, D-731 wird GB-278 und D-730 wird GB-279 sein.


VORSITZENDER: Und sollten Sie nicht vielleicht den zweiten Absatz in D-731 erwähnen?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja.


VORSITZENDER: Daraus ist zu entnehmen, daß in den frühen Stunden des 25. März diese Tatsache der Adjutantur des Reichsmarschalls mitgeteilt wurde – der zweite Absatz, der mit »Die Flucht« anfängt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja.

»Die Flucht von etwa dreißig bis vierzig Gefangenen, die genaue Zahl mußte erst durch einen Zählappell festgestellt werden, wurde der Inspektion in den frühen Dienststunden des 25. März, ich glaube es war der Sonnabendvormittag, telephonisch aus dem Lager Sagan vorgemeldet und von ihr weisungsgemäß auf dem gleichen Wege an die für Fälle von Massenflucht zu unterrichtenden höheren Dienststellen weitergegeben; das waren:

1. Die Adjutantur des Reichsmarschalls,

2. Das Oberkommando der Wehrmacht, Chef des Kriegsgefangenenwesens (OKW Chef Kgf),

3. Der Generalinspekteur des Kriegsgefangenenwesens,

4. Chef der Luftfahrt im Reichsluftfahrtministerium.«

[656] Vielen Dank, Herr Vorsitzender. Der Gerichtshof wird sich daran zu erinnern haben, daß der Zeuge gestern nachmittag nicht zugegeben hat, daß die Nachricht von der Flucht dem Büro seines Adjutanten überbracht worden war.

VORSITZENDER: Jawohl.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Vielen Dank, Herr Vorsitzender.


GÖRING: Diese Flucht wurde jedesmal verhältnismäßig rasch uns mitgeteilt. Zu Ihrer davor geäußerten Ausführung möchte ich nun Stellung nehmen, daß es sich um Behauptungen von Ihnen handelt, aber daß ich nach wie vor darauf bestehen bleibe, daß ich erst von dem Vorfall rückwirkend erfahren habe.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich habe meine Fragen zu diesem Punkt beendet und möchte auf ein anderes Thema übergehen. Ich möchte Ihnen nur zwei oder drei Fragen über die Aussagen stellen, die Sie vor zwei Tagen bezüglich der Aussagen Ihres eigenen Zeugen, Herrn Dahlerus, gemacht haben. Herr Dahlerus machte seinen ersten Besuch in London am 25. August 1939, nachdem er am 24. mit Ihnen erst persönlich und dann telephonisch gesprochen hatte. Ich möchte nur das Datum festhalten, denn manchmal ist es schwer, sich an diese Daten zu erinnern. Zu dem Zeitpunkt lag Ihnen sehr viel daran, daß er die Britische Regierung veranlasse, eine Zusammenkunft von Bevollmächtigten zwecks Behandlung der Danzig-und der Korridorfrage zu arrangieren. Stimmt das?


GÖRING: Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wußten ganz genau, nicht wahr, daß, was den Führer betraf, Danzig und der Korridor gar nicht die wirkliche Frage war, die vor allem seinen Geist beschäftigte. Darf ich Sie daran erinnern, was er am 23. Mai sagte:

»Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um Arrondierung des Lebensraumes im Osten und Sicherstellung der Ernährung. Aufrollen des Ostsee- und Baltikumproblems.«

Das wußten Sie doch, nicht wahr?

GÖRING: Ich wußte, daß er das damals geäußert hatte, aber ich habe schon mehrfach darauf hingewiesen, wie derartige Besprechungen zu werten und in Zusammenhang mit der politischen Lage und Situation zu bringen waren. In dem Augenblick dieser Verhandlungen mit England handelte es sich tatsächlich ausschließlich um Danzig und den Korridor.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Trotz der Behauptungen Hitlers vom 23. Mai halten Sie aufrecht, daß Hitler zu dem Zeitpunkt nur an Danzig und dem Korridor interessiert war. Wollen Sie das allen Ernstes behaupten?


[657] GÖRING: Das will ich allen Ernstes behaupten, daß dies in der damaligen Situation tatsächlich der Fall war. Man könnte sonst überhaupt keine Hitlersche Aktion verstehen, denn dann könnte man ja sein Buch »Mein Kampf« als Grundlage nehmen und daraus alles und seine gesamten Handlungen rückschließen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Im Augenblick interessiert mich nur die letzte Woche des August. Wollen Sie bitte zwei Punkte Ihrer Aussage, soweit sie sich auf den 25. früh und Herrn Dahlerus beziehen, festhalten. Entsinnen Sie sich, daß Sie um 11.30 Uhr am 24. mit ihm eine telephonische Unterredung hatten? Besaßen Sie damals, am 25., das Vertrauen Hitlers so weit, um zu wissen, daß er Sir Nevile Henderson, dem Britischen Botschafter, am 25. eine Verbalnote überreichen würde? Wußten Sie das?


GÖRING: Selbstverständlich.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Zu dem Zeitpunkt, als Sie Herrn Dahlerus entsandten und die Verbalnote dem Britischen Botschafter überreicht wurde, war alles doch so arrangiert, daß Polen am Morgen des 26. angegriffen werden sollte, nicht wahr?


GÖRING: Es scheint eine Störung in der Leitung zu sein.


VORSITZENDER: Ich glaube, es ist irgendeine technische Störung. Vielleicht ist es jetzt angebracht, für einige Minuten zu unterbrechen.


[Kurze Pause.]


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie haben mir erklärt, Zeuge, daß die Pläne, Polen am Morgen des 26. anzugreifen, am Abend des 25. geändert wurden. Bevor ich dazu komme, möchte ich Ihnen ein oder zwei Fragen stellen.

GÖRING: Nein, das habe ich nicht gesagt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Einen Augenblick bitte, es tut mir leid, aber ich habe Ihre Ausführungen so aufgefaßt.


GÖRING: Nein. Ich habe ausdrücklich erklärt, daß bereits am 25. der Angriff für den 26. morgens abgesagt war. Es ist ja auch technisch und militärisch unmöglich, am Abend des 25. einen Großangriff einer ganzen Wehrmacht für den nächsten Morgen abzusagen.

Das Kürzeste ist mindestens von 24 bis 48 Stunden. Ich habe ausdrücklich gesagt, am 25. war die Situation klar.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Damals haben Sie Dahlerus ersucht, am 24. nach England zu gehen. Damals bestand noch immer der Plan, daß der Angriff am 26. erfolgen sollte. Hatten Sie nicht die Absicht, Dahlerus nach England zu senden, um die Britische Regierung zu veranlassen, ihre nächsten Schritte im Augenblick des Beginns des Angriffs zu beraten, um damit der Britischen Regierung größere Schwierigkeiten zu bereiten?


[658] GÖRING: Nein, ich betone ja, ich sollte noch die Unterlage bekommen, wegen der Daten, daß, als ich damals Dahlerus schickte, und als zu diesem Zeitpunkt Sir Nevile eine Notiz Hitlers übergeben wurde, war der Angriff vom 26. abgesagt und verschoben.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Darf ich Sie daran erinnern, was Sie am 29. August selbst sagten: »Es war am 25. August 5.30 Uhr, am Tage, als England seine offizielle Garantie an Polen gab. Der Führer rief mich telephonisch an, daß er die geplante Invasion abgeblasen hätte. Ich fragte ihn, ob das nur temporär oder endgültig wäre. Er sagte: ›Nein, ich muß erst sehen, ob wir die englische Intervention ausschalten können.‹ Ich fragte ihn: ›Wird das Ihrer Meinung nach innerhalb von 4 oder 5 Tagen entschieden sein?‹« Stimmt das?


GÖRING: Das habe ich so gesagt, aber ich habe nicht gesagt, daß das am 25. war, sondern als der Führer über die Garantie, die gegeben wurde, im klaren war. Ich betone noch einmal...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das habe ich Ihnen zitiert. Als die offizielle Garantie gegeben wurde, erfolgte die Unterzeichnung des Vertrags am 25. August, 5.30 Uhr nachmittags. Ich halte Ihnen Ihre eigenen Worte vor. Nachher rief Sie der Führer an und erklärte Ihnen, daß die Invasion abgeblasen sei. Wollen Sie Ihre eigenen Erklärungen widerrufen, daß dies geschah, nachdem die offizielle Garantie an Polen gegeben worden war?


GÖRING: Ich habe noch einmal betont, nachdem wir wußten, daß diese Garantie gegeben würde. Es ist Ihnen selbstverständlich auch klar, daß, wenn die Unterzeichnung am 25. um 5.30 Uhr nachmittags war, sie frühestens der Führer etwas später hätte haben können, dann erst die Führer hätte zusammenrufen müssen, daß also frühestens in der Nacht des 25. zum 26. ein Angriff hätte abgeblasen werden müssen. Jeder militärische Sachverständige muß feststellen, daß das eine absolute Unmöglichkeit ist, sondern gemeint in meiner Aussage war, als sich der Führer klar war, daß diese Garantie gegeben wurde. Ich betone außerdem noch einmal, daß ich dieses Protokoll nicht gesehen, auch nicht beeidigt habe.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich gebe zu, daß mir darüber nichts bekannt ist. Ich weiß nicht, ob Sie zu jener Zeit noch Hitlers Vertrauen genossen haben oder nicht. Aber es ist doch eine Tatsache, daß Signor Attolico Hitler am 25. erklärte, daß die italienische Armee und Luftwaffe für einen Feldzug noch nicht bereit seien? Wurde Ihnen das mitgeteilt?


GÖRING: Das wurde mir selbstverständlich gesagt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und aus diesem Grunde wurden die Befehle für den Angriff am 26. abgeblasen? Stimmt das?


[659] GÖRING: Nein, das ist unter keinen Umständen richtig. Denn mit der Einspringung der italienischen Hilfe war es so, daß sie von vielen Seiten sowieso bezweifelt wurde, und schon in den ganzen Tagen der Spannung vorher war es sichtbar, durch ganz bestimmte Forderungen, die seitens der Italiener gestellt und die zu erfüllen unsererseits unmöglich war, daß Italien dieser Situation ausweichen würde. Es war die Überzeugung des Führers, daß das englische Garantieabkommen mit Polen deshalb abgeschlossen wurde, weil die Englische Regierung unterdessen von der Haltung Italiens, nicht als Bundesgenosse mitzumarschieren, Kenntnis bekommen hatte.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich will Ihnen nunmehr Ihre eigene Erklärung über die Ausführungen des Führers entgegenhalten: »Wir müssen nunmehr sehen, ob wir den britischen Eingriff eliminieren können.« Stimmt es nicht, daß Sie durch Herrn Dahlerus in jeder Weise versuchten, den englischen Eingriff auszuschalten?


GÖRING: Das habe ich doch zu keinem Augenblick bestritten. Es war doch meine ganze Absicht nur, den Krieg mit England zu vermeiden. Wenn dieser Krieg zu vermeiden gewesen wäre, auf der Basis eines Arrangements mit Polen, so wäre das angenommen worden. Wenn der Krieg mit England zu vermeiden gewesen wäre, trotz eines Krieges mit Polen, so war das auch meine Aufgabe. Das geht am klarsten daraus hervor, daß selbst nach Beginn des Polenkrieges am 1. September 1939 ich noch alle Anstrengungen machte, mit England zu keinem Krieg zu kommen und seine Ausweitung zu verhindern.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Mit anderen Worten, Sie versuchten, vom 25. ab England zu bewegen, daß es dem Reiche helfen möge, die Rückgabe Danzigs und des polnischen Korridors zu erreichen? Ist das richtig?


GÖRING: Es ist selbstverständlich ganz klar ausgedrückt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, können Sie sich an Ihre Besprechung mit Herrn Dahlerus erinnern? Es handelt sich um jene Besprechung, während welcher Sie Teile einer Landkarte mit Farbstift markierten. Ich will Sie nur daran erinnern. Wenn ich bloß sage, am 29. August, 11.30 Uhr, würde Ihnen das nicht viel bedeuten. Ich möchte, daß Sie sich daran erinnern, um eine oder zwei Fragen darüber stellen zu können.

Erinnern Sie sich, daß Sie damals anläßlich der Unterredung sehr erregt waren, die stattfand, als Hitler dem Botschafter Henderson die deutsche Antwort überreichte und von dem Ultimatum die Rede war? Erinnern Sie sich daran?


GÖRING: Selbstverständlich war ich erregt, weil das ja meine ganze Situation plötzlich sehr erheblich gestört hatte.


[660] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Habe ich recht, wenn ich nunmehr behaupte, daß Herr Dahlerus auf Seite 72 seines Buches erklärt, daß Sie eine Rede, die ziemlich starke Äußerungen gegen die Polen enthielt, vom Stapel ließen? Erinnern Sie sich, daß Sie seinem Zitat gemäß ausriefen: »Wir kennen die Polen.« Erinnern Sie sich daran?


GÖRING: Selbstverständlich. Sie müssen die Lage damals bedenken. Ich hatte ja auch die Nachricht von den Übergriffen gehört, und ich werde mich doch nicht hinstellen und dem neutralen Dahlerus sagen: »Hier steht Deutschland vollkommen schuldig, drüben stehen die vollkommen unschuldigen Polen«, sondern ich habe aus der Situation, das ist richtig, diese Äußerung getan.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sind Sie nicht stets ein Bewunderer Bismarcks gewesen?


GÖRING: Ich bewundere Bismarck absolut, habe aber nie behauptet, daß ich ein Bismarck bin.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nein, das habe ich nicht gemeint; ich dachte, Sie hätten seine Bemerkungen über die Polen in Erinnerung gehabt. Erinnern Sie sich an seine Äußerung: Haut doch die Polen, daß sie am Leben verzagen. Dachten Sie zu jener Zeit daran?


GÖRING: Nein, an solche Gedanken habe ich um so weniger gedacht, als ich jahrelang aufrichtig die Freundschaft mit Polen gepflegt habe.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie sind über Ihre allgemeinen Absichten ziemlich offen gewesen, und ich will keine Zeit mehr darauf verwenden, sondern ein oder zwei untergeordnete Punkte besprechen.

Sie erinnern sich an die von mir vorgelesenen Stellen aus dem Dahlerus-Buch über das Flugzeug und die Sabotage. Er erwähnt, daß Sie unter Nennung des Angeklagten Ribbentrop erklärten, erinnern Sie sich an diese Stelle? Sie haben hierzu Ihre Erklärungen gegeben und ich möchte nur...


GÖRING: Ich habe die Erklärung völlig klar gegeben.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, Ihre Erklärung war, daß Herr Dahlerus Ihre Sorge, daß sein Flugzeug während des Fluges abgeschossen werden könnte, falsch ausgelegt hätte. Habe ich Ihre Erklärung ungefähr richtig wiedergegeben? Sie sagten, daß Herr Dahlerus das verwechselt habe. Es wäre Ihre Sorge gewesen, sagten Sie, daß das Flugzeug des Herrn Dahlerus nicht abgeschossen werden sollte. Ist das korrekt. So habe ich das verstanden.

GÖRING: Nein, ich habe das, glaube ich, ganz klar zum Ausdruck gebracht. Wenn Sie wollen, kann ich es wiederholen. Ich habe gesagt, Dahlerus hat selbst hier auf dem Zeugenstand die Worte [661] gebraucht: »Ich muß mich korrigieren«, als er von Ribbentrop gesprochen hat. »Ich habe«, spricht Dahlerus, »die Kombination Ribbentrop gemacht, weil kurz vorher der Name in anderem Zusammenhang fiel.« Ich habe daraufhin erklärt, daß meine Sorge tatsächlich, daß etwas passieren könnte, gegeben war. Das habe ich ausführlich ausgeführt und brauche es nicht mehr zu tun. Ich betone noch einmal...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Die Frage, die ich an Sie gerichtet habe, Zeuge, ich glaube, wir stimmen darin überein, bezog sich auf Ihre Sorge wegen seines Flugzeuges, und ich möchte darauf hinweisen und es Ihnen gegenüber ganz klarmachen, daß diese Begebenheit sich nicht an dem Tage zutrug, als Dahlerus sich zu seinem dritten Besuch anschickte, sondern während er in England war und Sie während seines zweiten Besuches dort telephonisch anrief. Er hat Sie am Abend des 27. August angerufen und erklärt auf Seite 59 seines Buches:

»Vor Verlassen des Außenministeriums rief ich Göring an, um ihm von meiner Abreise nach Berlin im Flugzeug um 7 Uhr abends Mitteilung zu machen. Er erklärte, daß ihm dies ziemlich spät zu sein scheine, es würde dunkel werden und er befürchte, daß mein Flugzeug von den Engländern oder über deutschem Gebiet abgeschossen werden könnte. Er bat mich, am Telephon zu warten und kehrte nach einer Minute zurück mit einer genauen Beschreibung der Route, nach welcher das Flugzeug über Deutschland zu fliegen habe, um nicht Gefahr zu laufen, abgeschossen zu werden. Er versicherte mir auch, daß die Flakbatterien entlang dem Kurs des Flugzeuges unterrichtet werden würden.«

Ich möchte bemerken, daß Ihre Erklärung unrichtig ist, und daß sie diese mit jenem früheren Zwischenfall, von dem Dahlerus spricht, verwechselt haben. Herr Dahlerus hat vollkommen recht, wenn er über den zweiten Zwischenfall spricht, der sich zwei Tage später ereignete.

GÖRING: Das widerspricht einander durchaus nicht. Beim ersten Fluge handelt es sich darum, daß es schon bei Dunkelheit war, also eine ganz erhöhte Gefahr; und beim zweiten, betone ich nochmals, hatte bereits die Kriegsbereitschaft aller Länder den Grad erreicht, daß das Fliegen bedenklich war. Ich betone nochmals, daß sich Dahlerus auf die Frage meines Verteidigers korrigieren mußte, daß ich ihm nicht gesagt habe, daß Ribbentrop einen Anschlag vorbereitet hätte und betone zum letzten Male, daß Ribbentrop von meinen Verhandlungen mit Dahlerus nichts gewußt hat.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Behaupten Sie das wirklich? Können Sie sich daran erinnern, daß am 29. August – zuerst am 28. August 1939, abends 10.30 Uhr, Henderson und Hitler ihre [662] Besprechung hatten? Das war vor Beginn dieser Schwierigkeiten. In dieser Besprechung zog Hitler direkte Verhandlungen mit Polen in Betracht. Er sagte: Wir müssen Feldmarschall Göring rufen, um die Frage mit ihm zu besprechen. Das steht in unserem Blaubuch und, soviel ich weiß, wurde dies niemals bestritten. Sie wurden zu dieser Besprechung gerufen, die zwischen Hitler, Ribbentrop und Sir Nevile Henderson stattfand.


GÖRING: Nein, ich muß unterbrechen. Der Führer sagte: Wir müssen ihn holen. Ich bin aber nicht geholt worden, das sagt auch das Blaubuch nicht.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Aber auf Grund der Aufzeichnungen des Herrn Dahlerus sagte er:

»Während unserer Besprechung beschrieb Göring, wie er sofort nach der Abreise von Henderson zu Hitler berufen worden war, und wie Hitler, Göring und Ribbentrop die mit Henderson gehabte Konferenz besprachen und wie befriedigt alle drei mit dem Ergebnis waren. In diesem Zusammenhang wandte sich Hitler an Ribbentrop und sagte ironisch: Glauben Sie noch immer, daß Dahlerus ein britischer Agent ist? Ribbentrop antwortete etwas säuerlich, daß dies wahrscheinlich nicht der Fall sei.«

Wollen Sie behaupten, daß auch das nicht wahr ist?

GÖRING: Herr Dahlerus schildert diese Dinge, ohne dabei gewesen zu sein. Auch aus dieser Schilderung geht klar hervor, daß ich erst nach Hendersons Weggang gekommen bin. Diese Schilderung ist etwas farbig. Ribbentrop hat keine Ahnung gehabt, was ich mit Dahlerus verhandelte und der Führer hat ihn auch in dieser Sache nicht eingeweiht. Er wußte nur, daß ich an sich Dahlerus als Unterhändler benutzte und war selbstverständlich gegen ihn eingestellt aus dem Grunde, weil der Herr Außenminister nicht wollte, daß ein unmittelbarer anderer Weg daneben noch lief.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Um das handelte es sich gerade. Der Frage, die ich an Sie vor etwa sieben Minuten richtete, ob Ribbentrop gewußt habe, daß Sie Dahlerus verwendeten, stimmten Sie nicht zu. Jetzt aber stimmen Sie zu, daß er gewußt habe, daß Sie Dahlerus verwendeten. Lassen wir es dabei bleiben.


GÖRING: Nein, verzeihen Sie, ich sage auch jetzt noch, bitte wollen Sie meine Worte nicht entstellen, daß Ribbentrop nicht gewußt hat, was ich mit Dahlerus verhandelte und nicht einmal durch den Führer er fahren hat.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie sagten »Meine Worte entstellen«, ich sagte doch nicht, daß er wußte, weswegen Sie verhandelten. Ich erklärte Ihnen, daß er Kenntnis davon hatte, daß Sie Dahlerus verwendeten, und dem stimmten Sie zu. Ich habe es darauf beschränkt. Das ist richtig, nicht wahr?


[663] GÖRING: Er wußte auch nicht, daß ich durch Dahlerus mit England in diesem Augenblick verhandelte. Auch von den Flügen wußte er nichts.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun gut, ich möchte Sie bitten, mir bei einer oder zwei anderen Sachen behilflich zu sein. Sie erinnern sich, daß die Deutsche Regierung im Januar 1937 und im Oktober 1937 die stärksten Zusicherungen an Belgien und Holland bezüglich deren Unverletzbarkeit und Neutralität abgab. Erinnern Sie sich daran?


GÖRING: Ich erinnere mich im einzelnen nicht daran, sie sind aber hier vorgetragen worden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wissen Sie, daß am 25. August 1938 der Luftstab eine Aktennotiz einreichte unter der Annahme, daß Frankreich und England, nein, daß Frankreich den Krieg erklären würde, falls der Fall »Grün« eintreten sollte, und daß Großbritannien sich anschließen würde. Erinnern Sie sich daran? Es handelt sich um das Schriftstück 375-PS, US-84. Ich möchte, daß Sie sich das Schriftstück in großen Zügen vergegenwärtigen, weil ich Ihnen einen Satz daraus vorlesen will.


GÖRING: Darf ich bitten, mir zu sagen, ob die Unterschrift Wolter lautet?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich werde es Ihnen gleich sagen. – Jawohl, das ist richtig.


GÖRING: Dann erinnere ich mich an das Schriftstück genau. Es ist mir hier vorgelegt worden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das ist richtig. Ich möchte Sie nur an den folgenden Satz erinnern:

»Da Belgien und die Niederlande in deutscher Hand einen außerordentlichen Vorteil in der Luftkriegsführung gegen Großbritannien als auch gegen Frankreich bedeuten, wird es für erforderlich gehalten, eine Stellungnahme des Heeres herbeizuführen, ob, unter welchen Voraussetzungen und in welcher Zeit eine Besetzung dieses Raumes durchführbar ist.«

Erinnern Sie sich daran? Es handelt sich hier offensichtlich um Luftstrategie. Erinnern Sie sich daran?

GÖRING: Das ist absolut richtig. Es handelt sich um die Arbeit eines Generalstabshauptmanns der 5. Abteilung des Generalstabs, der von sich aus selbstverständlich die besten Anregungen in seinem Exposé vorzuschlagen hat.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, später, am 28. April 1939, Sie werden sich erinnern, daß Hitler erklärte, er habe an eine Reihe von Staaten bindende Erklärungen abgegeben, die auch für Holland [664] und Belgien Geltung hätten. Ich glaube, es handelt sich um eine Reichstagsrede. Er erwähnte eine Anzahl von kleineren Staaten unter Einschluß von Holland und Belgien.


GÖRING: Das ist ja hier wiederholt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, erinnern Sie sich, daß am 23. Mai, laut dem Schriftstück, das ich Ihnen vorlegen ließ, Hitler anläßlich einer Besprechung in der Reichskanzlei erklärte, die holländischen und belgischen Flugstützpunkte müßten von den deutschen Streitkräften besetzt werden, auf Neutralitätserklärungen könne nichts gegeben werden. Erinnern Sie sich, daß er das gesagt hat?


GÖRING: Das steht ja darin.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und am 22. August 1939 erklärte er in einer Ansprache an die Oberbefehlshaber, es handelt sich um das Dokument 798-PS, US-29:

»Es wäre nun noch die Möglichkeit der Verletzung der Neutralität von Holland, Belgien und der Schweiz. Ich habe keinen Zweifel, daß alle diese Staaten und auch Skandinavien ihre Neutralität mit allen Mitteln verteidigen werden. England und Frankreich werden die Neutralität dieser Länder nicht verletzen.«

Erinnern Sie sich daran?

GÖRING: Sie sehen ja selbst daraus, wie oft der Führer hier seine Ansichten änderte, so daß auch die vom Mai eine durchaus nicht festlegende war.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie ist absolut folgerichtig, meiner Ansicht nach. Er sagt, daß sie besetzt werden müßten und daß auf ihre Neutralitätserklärungen nichts gegeben werden könne. Dies wird betont durch die Feststellung, daß England und Frankreich keine Neutralitätsverletzung begehen würden, so daß dies für Deutschland ein leichtes wäre.


GÖRING: Nein, er spricht dann davon, daß auch von unserer Seite daher keine Notwendigkeit besteht. Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, daß die Situationen auch politisch sich immer anders ergeben und wir aber erst bei diesem Verhör und diesem Prozeß den welthistorischen Hintergrund der politischen Dinge betrachten müssen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Das war am 22. Sie haben beigestimmt, daß das gesagt wurde. Kurz danach, und zwar am 26., das heißt vier Tage später, gab Hitler eine erneute Versicherung ab. Können Sie sich daran erinnern? – Kurz vor dem Kriegsanfang.


GÖRING: Ja.


[665] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und am 6. Oktober 1939 gab er weitere Versicherungen ab. Am 7. Oktober, am Tage nachdem er die letzte Versicherung abgegeben hatte, erließ er einen Befehl, das ist 2329-PS, GB-105:

»Gleichzeitig hat Heeresgruppe B entsprechend besonderer Anweisung alle Vorbereitungen zu sofortigem Einrücken in holländisches und belgisches Gebiet zu treffen, falls die politische Lage es erfordert.«

Und am 9. Oktober liegt eine Weisung von Hitler vor, daß Vorbereitungen für den Angriff der Nordflanke der Westfront gegenüber Luxemburg, Belgien und Holland zu treffen seien und dieser Angriff so schnell wie möglich durchgeführt werden müsse. Geht hieraus nicht ganz klar hervor, daß Sie die ganze Zeit wußten, wie Hitler am 22. August erklärt hat, daß England und Frankreich die Neutralität der Niederlande nicht verletzen würden? Sie aber waren darauf eingestellt, die Neutralität dieser Länder zu verletzen, wenn immer es ihren strategischen und taktischen Interessen dienlich schien. Ist das nicht vollständig klar?

GÖRING: Nicht so vollständig, sondern wenn die politische Lage es erfordert. Und mittlerweile waren ja die Einflüsse Englands über die Neutralität Hollands und Belgiens erfolgt, bis zum Oktober.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie sagen, nicht ganz; weiter würden Sie in einer Übereinstimmung mit mir wahrscheinlich nicht gehen.

Nun möchte ich Sie kurz über Jugoslawien fragen. Wissen Sie noch, daß Sie uns in Ihrem direkten Verhör gesagt haben, daß Deutschland vor dem Kriege, das heißt bis zu Beginn des Krieges, in besten Beziehungen mit der jugoslawischen Bevölkerung stand, und daß Sie selbst dazu beigetragen haben? Ich fasse es ganz kurz. Ist das richtig?


GÖRING: Das ist richtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Und das wurde, wenn Sie sich noch erinnern können, am 1. Juni 1939 bei einer Hitler-Rede anläßlich eines Bankette mit dem Prinzen Paul betont?


GÖRING: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Achtzig Tage danach, am 12. August 1939, sind der Angeklagte Ribbentrop, Hitler und Ciano zusammengekommen. Lassen Sie mich Ihrem Gedächtnis nachhelfen, was Hitler bei dieser Zusammenkunft zu Graf Ciano sagte.

GÖRING: Bitte um Entschuldigung, was war die Nummer dieses Dokuments?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es tut mir leid, es ist mein Fehler, TC-77, GB-48. Es ist eine Aktennotiz über eine Unterredung [666] zwischen Hitler, Ribbentrop und Ciano am Obersalzberg am 12. August.


GÖRING: Ich wollte nur wissen, war es aus dem Tagebuch Cianos, das ist für mich wichtig.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: O nein, nicht aus dem Tagebuch, sondern eine Aktennotiz. Es ist ein offizieller Bericht:

»Ganz allgemein gesprochen sei es überhaupt das beste, wenn die falschen Neutralen einer nach dem anderen liquidiert würden. Dies ließe sich verhältnismäßig einfach durchführen, wenn jeweils der eine Partner der Achse dem anderen, der gerade einen der unsicheren Neutralen erledigte, den Rücken deckte und umgekehrt. Für Italien sei wohl Jugoslawien als ein derartiger unsicherer Neutraler anzusehen.«

Das paßt doch nicht zu den Erklärungen, daß Deutschland die besten Absichten gegenüber Jugoslawien hatte, und der Erklärung, die der Führer dem Prinzen Paul abgegeben hat, nicht wahr?

GÖRING: Ich müßte das noch einmal genau durchlesen, in welchem Zusammenhang die Äußerung hier gefallen ist. So, wie sie hier vorgetragen ist, paßt sie nicht dazu.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Einen Augenblick, ich will Sie nicht unnötig unterbrechen, aber dieses Dokument ist vor Gericht wenigstens zweimal verlesen worden. Wollen Sie dies bitte bei künftigen Fragen berücksichtigen? Sie geben doch zu, daß dies nicht mit freundlichen Absichten gegenüber Jugoslawien in Einklang zu bringen ist; es sei denn, daß ich es aus dem Zusammenhang gerissen hätte, was meines Erachtens nicht der Fall ist.


GÖRING: Ich sagte ja, das stimmt nicht damit überein.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: 56 Tage später, am 6. Oktober, gab Hitler eine Erklärung an Jugoslawien ab, in der er sagt:

»Ich habe sofort nach vollzogenem Anschluß Jugoslawien mitgeteilt, daß die Grenze auch von diesem Staat von jetzt ab für Deutschland eine unabänderliche und daß wir nur in Frieden und Freundschaft mit ihm zu leben wünschen.«

Und dann, im März 1941, als der Dreimächtepakt abgeschlossen wurde, erklärte die Deutsche Regierung, daß sie entschlossen sei, die Souveränität und territoriale Unabhängigkeit Jugoslawiens zu allen Zeiten zu respektieren.

Dann kam der Simowitsch-Putsch in Jugoslawien, und ich glaube, Sie haben ganz offen in Ihrer Aussage erklärt, daß Hitler und Sie selbst sich niemals die Mühe gaben oder überhaupt daran dachten, festzustellen, ob die Simowitsch-Regierung die Neutralität Jugoslawiens aufrechterhalten würde. Ist das richtig? Nicht wahr?

GÖRING: So habe ich das nicht gesagt, sondern wir waren überzeugt, daß sie diese Erklärung nur zur Täuschung abgegeben hat, [667] denn wir wußten ja, daß der Putsch einerseits von Moskau geleitet und andererseits, wie ich auch später erfahren habe, finanziell in außerordentlichem Umfange von England unterstützt worden war, und daraus hatten wir die feindliche Absicht erkannt. Aus der sofortigen Mobilisierung der jugoslawischen Armee ging alles klar hervor. Durch das, was Herr Simowitsch erklärte, wünschten wir uns nicht täuschen zu lassen.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich werde auf die Mobilisierung später noch kurz zurückkommen. Am 27. März, das war zwei Tage nachdem der Pakt unterschrieben wurde, den ich gerade erwähnt habe, fand in Berlin eine Besprechung zwischen Hitler und dem deutschen Oberkommando statt, bei der Sie zugegen waren. Erinnern Sie sich, daß der Führer folgendes sagte:

»Der Führer ist entschlossen, ohne mögliche Loyalitätserklärungen der neuen Regierung abzuwarten, alle Vorbereitungen zu treffen, um Jugoslawien militärisch und als Staatsgebilde zu zerschlagen. Außenpolitisch werden keine Anfragen oder Ultimaten gestellt werden. Zusicherungen der jug. Regierung, denen für die Zukunft doch nicht zu trauen ist, werden zur Kenntnis genommen. Angriff wird beginnen, sobald die hierfür geeigneten Mittel und Truppen bereitstehen.

Politisch ist es besonders wichtig, daß der Schlag gegen Jugoslawien mit unerbittlicher Härte geführt wird und die militärische Zerschlagung in einem Blitzunternehmen durchgeführt wird.

Dieser Plan setzt voraus, daß wir alle Vorbereitungen zeitlich beschleunigt treffen und so starke Kräfte ansetzen, daß der jug. Zusammenbruch in kürzester Frist erfolgt.«

Es war keine besonders freundliche Absicht gegenüber Jugoslawien, diplomatische Verhandlungen nicht zu gestatten oder der Regierung keine Möglichkeit zu geben, zu einer Zusicherung oder zu einer Einigung mit Ihnen zu kommen und mit unerbittlicher Härte zuzuschlagen, nicht wahr?

GÖRING: Ich habe ja eben bedeutet, daß wir uns nach dem Simowitsch-Putsch über die Situation restlos klar waren und jedes Neutralitätsmanöver Jugoslawiens nur als ein Zeitmanöver angesehen haben. Nach dem Putsch war Jugoslawien endgültig in die feindliche Front übergegangen, und es galt nun auch unsererseits, ein Täuschungsmanöver zu machen, um schleunigst zum Aufmarsch zu gelangen, weil nur verhältnismäßig schwache Kräfte in diesem Augenblick bereitstanden.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie wissen, daß sie gesagt haben, General Simowitsch sei von Moskau instruiert gewesen. Ich will darüber nicht mit Ihnen diskutieren. Aber ich möchte darauf [668] hinweisen, daß das drei Monate war, bevor Sie sich mit Rußland im Krieg befanden. Sie sind sich dessen bewußt, nicht wahr?


GÖRING: Richtig. Gerade dieser Simowitsch-Putsch hat beim Führer die letzten Bedenken weggeräumt, daß Rußland sich feindlich gegen Deutschland eingestellt habe. Gerade der Simowitsch-Putsch war der erste Anlaß zu einem Entschluß, so bald wie möglich Gegenmaßnahmen gegen diese Gefahr zu ergreifen.

Zum zweiten...


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Einen Augenblick bitte. Wissen Sie, daß aus diesem Dokument deutlich hervorgeht, daß der Angriff auf die Sowjetunion wegen dieser Schwierigkeiten auf dem Balkan um sechs Wochen verschoben wurde? Das steht doch im Gegensatz zu dem, was Sie soeben gesagt haben, nicht wahr?

GÖRING: Nein, wenn Sie meine Ausführungen zu diesem Punkt noch einmal durchlesen, so habe ich gesagt, daß sehr viele Momente auf der russischen Seite den Führer bewogen haben, einen Aufmarsch zu befehlen, daß er sich aber die letzte Entscheidung, ob es da zum Eingreifen kommen sollte, vorbehielt, und daß nach dem Simowitsch-Putsch diese Entscheidung gefallen war. Daß selbstverständlich nun durch eine politische Entscheidung militärisch eine Verzögerung eingetreten ist durch den Kampf mit Jugoslawien, ergibt sich aus der rein strategischen Situation.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte jetzt noch eine andere Frage bezüglich Jugoslawiens stellen. Wissen Sie noch, daß Sie ausgesagt haben, daß der Angriff auf Belgrad auf den Umstand zurückzuführen war, daß das Kriegsministerium und eine Reihe anderer militärischer Organisationen dort lagen? Ich versuchte, es kurz zusammenzufassen, aber das war das Wesentliche Ihrer Aussage, nicht wahr?


GÖRING: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wissen Sie noch, wie der Hitler-Befehl lautete, den ich gerade verlesen habe?

»Der Luftwaffe kommt als Hauptaufgabe zu, so frühzeitig wie möglich beginnend, die jug. Fliegerbodenorganisation zu zerschlagen.«

Und merken Sie sich das nächste Wort:

»... und die Hauptstadt Belgrad in rollenden Angriffen zu zerstören, daneben den Vormarsch des Heeres zu unterstützen.«

Ich sage Ihnen, daß aus diesem Befehl klar hervorgeht, daß der Angriff auf Belgrad nichts weiter war, als ein neuer Terrorangriff, um eine Bevölkerung auf die Knie zu zwingen, die ihm kaum Widerstand leisten konnte.

[669] GÖRING: Nein, das ist nicht richtig. Die Bevölkerung von Belgrad hat sich verteidigt, und Belgrad ist viel mehr der Mittelpunkt von militärischen Einrichtungen, viel mehr, als es sonstige Hauptstädte anderer Länder waren. Darauf bitte ich, Ihr Augenmerk zu lenken.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich gehe nun zu einer anderen Angelegenheit über, und zwar zu einem oder zwei Punkten Ihrer Zeugenaussage. Ich denke an die Stelle, wo Sie vom Verteidiger der Organisationen befragt wurden. Erinnern Sie sich an Ihre an Herrn Babel gemachte Aussage über die Waffen-SS? Das war vor einigen Tagen.


GÖRING: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sehen Sie sich bitte das Dokument an, das keine Nummer hat. Es enthält die Ideen des Führers über die Waffen-SS. Und sagen Sie mir, ob Sie damit einverstanden sind. Es ist D-665 und wird GB-280. Hier handelt es sich um ein Dokument vom Oberkommando des Heeres, Generalstab des Heeres.

»Äußerungen des Führers über die künftige Staatstruppen-Polizei.«

Im Begleitschreiben zu dem Dokument heißt es:

»Es sind Zweifel entstanden, ob bei der seinerzeitigen Übermittlung der Gedanken des Führers über die Waffen-SS die Absicht einer weitergehenden Bekanntgabe bestanden hat.«

Wenn Sie nun zu den Dokumenten übergehen wollen, vielleicht können Sie mir folgen während ich verlese. Ich glaube nicht, daß es vorher vorgelegt worden ist.

»Der Führer äußerte am 6. 8. 1940 gelegentlich des Befehls zur Gliederung der Leibstandarte Adolf Hitler die in folgendem zusammengefaßten Grundsätze zur Notwendigkeit der Waffen-SS.

Das Großdeutsche Reich in seiner endgültigen Gestalt wird mit seinen Grenzen nicht ausschließlich Volkskörper umspannen, die von vornherein dem Reich wohlwollend gegenüberstehen.

Über den Kern des Reiches hinaus ist es daher notwendig, die Staatstruppenpolizei zu unterhalten, die in jeder Situation befähigt ist, die Autorität des Reiches im Innern zu vertreten und durchzusetzen.

Diese Aufgabe kann nur eine Staatspolizei erfül len, die in ihren Reihen Männer besten deutschen Blutes hat und sich ohne jeden Vorbehalt mit der das Großdeutsche Reich tragenden Weltanschauung identifiziert. Ein so zusammengesetzter Verband allein wird auch in kritischen Zeiten [670] zersetzenden Einflüssen widerstehen. Ein solcher Verband wird im Stolz auf seine Sauberkeit niemals mit dem Proletariat und der die tragende Idee unterhöhlenden Unterwelt fraternisieren. In unserem zukünftigen Großdeutschen Reich wird aber auch eine Polizeitruppe nur dann den anderen Volksgenossen gegenüber die notwendige Autorität besitzen, wenn sie soldatisch ausgerichtet ist.

Unser Volk ist durch die ruhmvollen Ereignisse kriegerischer Art und die Erziehung durch die nationalsozialistische Partei derart soldatisch eingestellt, daß eine ›strumpfstrickende Polizei‹ (1848) oder eine ›verbeamtete Polizei‹ (1918) sich nicht mehr durchsetzen kann. Daher ist es notwendig, daß sich diese ›Staatspolizei‹ in geschlossenen Verbänden an der Front ebenso bewährt und ebenso Blutopfer bringt wie jeder Verband der Wehrmacht. In den Reihen des Heeres nach Bewährung im Felde in die Heimat zurückgekehrt, werden die Verbände der Waffen-SS die Autorität besitzen, ihre Aufgaben als ›Staatspolizei‹ durchzuführen.

Diese Verwendung der Waffen-SS im Innern liegt ebenso im Interesse der Wehrmacht selbst. Es darf niemals mehr in der Zukunft geduldet werden, daß die Deutsche Wehrmacht der allgemeinen Dienstpflicht bei kritischen Lagen im Innern gegen eigene Volksgenossen mit der Waffe angesetzt wird. Ein solcher Schritt ist der Anfang vom Ende. Ein Staat, der zu diesen Mitteln greifen muß, ist nicht mehr in der Lage, seine Wehrmacht gegen den äußeren Feind anzusetzen und gibt sich damit selbst auf. Unsere Geschichte hat dafür traurige Beispiele. Die Wehrmacht ist für alle Zukunft einzig und allein zum Einsatz gegen die äußeren Feinde des Reiches bestimmt.

Um sicherzustellen, daß die Qualität der Menschen in den Verbänden der Waffen-SS stets hochwertig bleibt, muß die Aufstellung der Verbände begrenzt bleiben.

Der Führer sieht diese Begrenzung darin, daß die Verbände der Waffen-SS im allgemeinen die Stärke von 5 bis 10 Prozent der Friedensstärke des Heeres nicht überschreitet.«

Stimmen Sie darin überein? Ist das eine richtige Beschreibung der Ziele der Waffen-SS?

GÖRING: Ich bin absolut überzeugt, daß er das gesagt hat, aber das steht in keinem Widerspruch zu meiner Aussage.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Nun, wollen Sie, da wir gerade bei der SS sind, sich einen kurzen Bericht ansehen. Es ist das Dokument D-729, und wird GB-281. Es ist eine Aufzeichnung über die Unterhaltung zwischen Ihnen und dem Duce im Palazzo Venezia [671] am 23. Oktober 1942. Damals hatten Sie noch die besten Beziehungen zu dem Führer und waren im Vollbesitz Ihrer Macht? Ist das richtig?

Ich werde es Ihnen vorlesen, es ist auf Seite 35, Absatz 1:

»Der Reichsmarschall schilderte dann, wie Deutschland bei Partisanenkämpfen vorgehe. In den betreffenden Gebieten wurden zunächst das gesamte Vieh und die Lebensmittel weggeführt, um den Partisanen auf diese Weise die Ernährungsgrundlage zu entziehen.«

GÖRING: Einen Augenblick bitte, wo ist das?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Es ist auf Seite 35, Absatz 1. Ich werde Ihnen beim Suchen behilflich sein, falls Sie Schwierigkeiten haben, es zu finden. Ich glaube, es ist angezeichnet, und es fängt an »Der Reichsmarschall«. Können Sie es finden?


GÖRING: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich fange wieder an:

»Der Reichsmarschall schilderte dann, wie Deutschland bei Partisanenkämpfen vorgehe. In den betreffenden Gebieten würden zunächst das gesamte Vieh und die Lebensmittel weggeführt, um den Partisanen auf diese Weise die Ernährungsgrundlage zu entziehen. Die Männer und Frauen würden in Arbeitslager, die Kinder in Kin derlager gebracht und die Dörfer niedergebrannt. So habe man zum Beispiel in den weiten Waldgebieten von Bialoviza die Sicherung der Bahnen durchgeführt. Kämen Attentate vor, so würde in den Ortschaften die gesamte männliche Bevölkerung auf der einen Seite und die Frauen auf der anderen Seite aufgestellt. Den Frauen würde gesagt, daß alle Männer erschossen werden würden, wenn sie (die Frauen) nicht angäben, wer von den Männern nicht in den Ort gehöre. Um ihre Männer zu retten, bezeichneten dann die Frauen immer die Nichtortsansässigen. Deutschland habe die Erfahrung gemacht, daß Soldaten im allgemeinen schwer zur Ergreifung derartiger Maßnahmen zu bringen seien. Angehörige der Partei verrichteten diese Aufgabe viel härter und besser. Daher kämpften auch Armeen, die weltanschaulich gefestigt seien, wie die deutschen (oder auch die russischen) viel härter als andere. Auch die SS, die Garde der alten Parteikämpfer, die zum Führer persönliche Bindung haben und eine Auslese darstellen, bestätigen diesen Grundsatz.«

Ist das eine korrekte Beschreibung?

GÖRING: Ja, korrekt.

[672] SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ist es auch eine korrekte Wiedergabe Ihrer Auffassungen über die Kriegsführung gegen Partisanen?


GÖRING: Ich habe diese übermittelt. Darf ich um die Nummer dieses Dokuments bitten?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja, ich will Ihnen die Nummer sagen, es ist D-729, und wird GB-281.

Ich möchte nun um Ihre Hilfe hinsichtlich eines anderen Punktes bezüglich dieser Organisationen bitten. Sie erinnern sich wohl, daß Sie in Beantwortung einer Frage – ich glaube von Dr. Servatius – über das Korps der Politischen Leiter etwas zu sagen hatten. Erinnern Sie sich daran? Ich möchte nur, daß Sie das im Sinn behalten.


GÖRING: Ja.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Bitte, schauen Sie sich das nächste Dokument, D-728, GB-282, das Ihnen übergeben werden wird, an. Hier handelt es sich um ein Dokument aus dem Büro des Gauleiters von Hessen-Nassau. Entschuldigung bitte. Vielmehr bezieht es sich auf einen Befehl der Partei-Kanzlei vom 10. Februar 1945 und betrifft:

»Vorgehen seitens der Partei zur Inschachhaltung der Volksgenossen bis zum Kriegsende.« Unterschrieben: »Sprenger, Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar.«

GÖRING: Das Datum ist 15. März 1945, nicht wahr?

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich danke Ihnen. Ich wußte, daß es kurz nach dem 10. März war. Es steht nicht in meiner Abschrift. Aber wenn Sie es sagen, wird es richtig sein.


GÖRING: 1945.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ja.


[Sir David Maxwell-Fyfe verlas sodann Auszüge aus dem Dokument, die am 16. August aus dem Protokoll gestrichen wurden.]


DR. STAHMER: Der Verwertung dieser Urkunde habe ich zu widersprechen, weil ich ihre Echtheit nicht anerkennen kann. Ich habe das Original noch nicht gesehen. Die Zweifel an ihrer Echtheit werden insbesondere daraus hergeleitet, da hier eine Reihe von Ausdrücken verwendet sind, die in der deutschen Sprache völlig ungewöhnlich sind.

GÖRING: Ich wollte dieselben Einwendungen machen. Es handelt sich um kein Original, sondern darüber steht »Abschrift«, und keine Originalunterschrift, sondern mit Schreibmaschine steht darunter: »Sprenger, Gauleiter«.


[673] DR. STAHMER: Es wird hier zum Beispiel der Ausdruck »Gerichtlichkeiten« gebraucht. Das ist in der deutschen Sprache ein völlig ungewöhnlicher und unbekannter Ausdruck. Ich kann mir nicht denken, daß in einem amtlichen Schreiben, das wirklich von einem Gauleiter herausgegeben wird, eine solche Bezeichnung verwendet worden wäre.


GÖRING: Ich kann auf einen weiteren Punkt hinweisen, daß es sich scheinbar um kein Originaldokument handelt, denn von dieser Erhöhung, wie sie der Führerschaft oder sonstwie, von der von Fleisch oder Fett... hätte ich etwas erfahren müssen. Kein einziges Wort dieser beiden Dokumente ist mir bekannt. Es ist auch nicht abgestempelt. Alles ist nur Schreibmaschinenschrift, einschließlich der Unterschriften. Ich kann daher dieses Dokument nicht anerkennen.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Dies ist eine Aktenkopie, die, nach meinem besten Wissen, im Amt der Gauleitung so, wie es vermerkt ist, gefunden wurde. Sie wurde uns von der britischen Armee des Rheins zugesandt. Ich werde Untersuchungen hierüber einleiten. Es scheint dem Inhalt nach eine Aktenkopie zu sein. Ich habe das Originaldokument, das eine Aktenkopie ist, dem Zeugen vorlegen lassen.


[Eine kleine Pause tritt ein.]


VORSITZENDER: Herr Dr. Stahmer; ich habe das Originaldokument jetzt in meinen Händen, sowie eine Beglaubigung eines Offiziers der britischen Armee. Sie besagt, daß das Dokument ihm in der obenerwähnten Eigenschaft auf dem Dienstwege zugegangen ist. Es handelt sich um ein Originaldokument, das in deutschen Archiven gefunden wurde, die von alliierten Militärstreitkräften unter dem Befehl des Oberbefehlshabers erbeutet wurden. Unter diesen Umständen fällt es in dieselbe Gruppe wie alle erbeuteten Dokumente. Die Verteidigung kann natürlich alle ihr gutdünkenden Beweise erbringen, um die Echtheit des Dokuments in Zweifel zu stellen. Das Dokument steht auf der gleichen Basis wie die anderen erbeuteten Dokumente und ist jeder Kritik unterworfen, die Sie durch Ihnen zur Verfügung stehende Beweise bekräftigen können.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Herr Zeuge, ich bitte Sie, sich mit dem Satz im Abschnitt 6 zu beschäftigen.

Dieser Absatz richtet sich sicherlich an alle Verwaltungsorgane hinunter bis an die Kreisleiter und Ortsgruppenleiter der Nazi-Partei, vorwegnehmend, daß sie alle über die Führung der Konzentrationslager Bescheid wußten. Wollen Sie nun dem Gerichtshof gegenüber behaupten, daß Sie, der bis zum Jahre 1943 der zweite Mann im Reich war, nichts über die Konzentrationslager wußten?


[674] GÖRING: In erster Linie erwähne ich noch einmal, daß ich dieses Dokument nicht anerkenne, daß ich dieses Dokument in seiner ganzen Fassung nicht kenne und mir auch dieser Paragraph ungewöhnlich erscheint.

Ich hatte keine... wie es in den Konzentrationslagern später, nach meiner Zeit, zuging, nicht gewußt.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Darf ich Sie an die Beweise erinnern, die vor diesem Gerichtshof erbracht wurden, insbesondere bezüglich Auschwitz allein, wo vier Millionen Menschen ausgerottet wurden. Erinnern Sie sich daran?


GÖRING: Das habe ich nur aus Behauptungen hier gehört. Für mich ist sie keinesfalls erwiesen, diese Zahl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Wenn Sie dies nicht als erwiesen betrachten, lassen Sie mich auf die eidliche Aussage Höttls verweisen, der der stellvertretende Gruppenführer der Auslandsabteilung des Reichssicherheitshauptamtes IV war. Er sagt, daß ungefähr vier Millionen Juden in Konzentrationslagern getötet wurden, und daß weiterhin zwei Millionen auf andere Weise den Tod fanden. Nehmen wir an, daß diese Zahlen – die eine ist eine russische, die andere ist eine deutsche – nehmen wir an, daß nur 5 % richtig ist, somit waren es zwei Millionen und eine Million. Wollen Sie immer noch diesem Gerichtshof gegenüber behaupten, daß ein Minister mit Ihrer Machtstellung im Reiche in Unkenntnis dieser Vorgänge verbleiben konnte?


GÖRING: Das behaupte ich, und gerade deshalb, weil das so war, wurden diese Sachen vor mir geheimgehalten. Ich bin sogar der Meinung, daß nicht einmal der Führer annähernd von diesem Ausmaß etwas gewußt hat. Das spricht auch dafür, daß Himmler diese Sachen außerordentlich geheimgehalten hat. Es sind uns niemals Zahlen oder irgend etwas in dieser Richtung zugestellt worden.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Aber Zeuge, haben Sie denn nicht Zutritt zur ausländischen Presse gehabt, zur Presseabteilung in Ihrem Ministerium, zu ausländischen Sendungen? Es ist bewiesen, daß insgesamt, Juden und andere Personen eingeschlossen, ungefähr zehn Millionen Menschen kalten Blutes ermordet wurden, abgesehen von denen, die im Kampfe getötet wurden; ungefähr zehn Millionen Menschen. Sie wollen behaupten, daß Sie niemals aus der ausländischen Presse oder aus Sendungen erfahren haben, daß sich derartiges ereignete?


GÖRING: Erstens mal ist mir die Zahl von zehn Millionen in keiner Weise erwiesen. Zum zweiten habe ich während des ganzen Krieges keine Auslandspresse gelesen, weil ich das doch nur für Propaganda gehalten habe. Zum dritten war ich an sich berechtigt,[675] für meine Person Auslandssender zu hören, habe sie aber niemals benutzt, weil ich ebenfalls diese Propaganda nicht hören wollte. Ich habe auch inländische Propaganda nicht angehört. Erst in den letzten vier Tagen des Kriegs habe ich zum ersten Male, das könnte ich unter Beweis stellen, den Auslandssender eingeschaltet.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie haben Herrn Jackson gestern gesagt, daß verschiedene Vertreter in den Ostgebieten waren, und daß Sie die Filme über die Konzentrationslager gesehen haben, seitdem dieser Prozeß begann, nicht wahr? Sie wissen, daß Millionen von Kleidungsstücken, Millionen von Schuhen, 20952 kg goldener Eheringe, 35 Waggonladungen von Pelzen vorhanden waren. Alle diese Dinge wurden von den Menschen, die in Maidanek oder Auschwitz umgebracht wurden, hinterlassen. Ist Ihnen niemals von jemandem während der Entwicklung des Vierjahresplans oder von anderer Seite Mitteilung gemacht worden, daß sie diese Unmassen von menschlichen Gebrauchsstücken erhielten? Erinnern Sie sich an den polnisch-jüdischen Herrn, der aussagte, daß alles, was er von seiner Familie, seiner Frau, Mutter und Tochter zurückerhielt, ich glaube, ihre Ausweiskarten waren? Seine Arbeit bestand darin, Kleider aufzulesen. Er sagte uns, daß die Henker Ihres Freundes Himmler so gründlich waren, daß es fünf Minuten länger dauerte, Frauen zu ermorden, weil man ihnen ihre Haare abschneiden mußte, die für die Herstellung von Matratzen benutzt wurden. Ist Ihnen niemals etwas über den Zuwachs deutschen Materials gesagt worden, das von den Effekten dieser ermordeten Menschen stammte?


GÖRING: Nein, und wie stellen Sie sich bitte das vor: Ich habe große Richtlinien für die deutsche Wirtschaft gegeben. Dazu gehörte nicht die Matratzen-oder sonstwie Anfertigung aus Frauenhaaren oder die Verwendung alter Schuhe und Kleider. Ich lasse mal die Zahl einmal vollständig dahingestellt.

Ich möchte auch hier einen Einspruch gegen diesen Ausdruck erheben: »Mein Freund Himmler.«


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Gut, ich will sagen »Ihr Feind Himmler« oder einfach »Himmler«. Sie wissen, wen ich meine, oder nicht?


GÖRING: Jawohl.


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Ich möchte Sie auf einen weiteren Punkt verweisen:

Am 14. April 1943 schrieb der Angeklagte Sauckel an Hitler, Dokument 407-PS – V, US-228:

»... darf ich Ihnen melden, daß vom 1. April v. Js. bis zum 31. März ds. Js. der deutschen Kriegswirt schaft 3638056 neue fremdvölkische Arbeitskräfte zugeführt werden [676] konnten.« »... Außer den fremdvölkischen Zivilarbeitern werden noch 1622929 Kriegsgefangene in der deutschen Wirtschaft beschäftigt.«

Nun hören Sie dem zu:

»Von den 5 Millionen ausländischen Arbeitern, die nach Deutschland gekommen sind, sind keine 200000 freiwillig gekommen.«

Dies ist dem Protokoll der Zentralen Planung vom 1. März 1944 entnommen. Wollen Sie behaupten, daß Sie, in Ihrer Stellung im Staate, als der große Baumeister der deutschen Wirtschaft, nicht wußten, daß Sie 4800000 ausländische Arbeiter für Ihre Wirtschaft erhielten, die gezwungen wurden, zu kommen? Wollen Sie dies dem Gerichtshof sagen?

GÖRING: Ich habe niemals dem Gerichtshof das gesagt. Ich habe gesagt, daß ich genau weiß, daß diese Arbeiter hereingeholt wurden, und zwar nicht immer freiwillig. Ob die Zahl 200000 stimmt, weiß ich nicht. Ich glaube sie auch nicht. Die Freiwilligenzahl war hoher, aber das ändert nichts an der Tatsache, daß auch die Arbeiter unter Zwangsauflagen in das Reich geholt wurden. Das habe ich nicht bestritten und habe ich auch gesagt.

SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Sie geben zu, und ich will Sie ganz fair fragen, daß eine große Anzahl von Arbeitern gezwungen wurde, in das Reich zu kommen, um dort zu arbeiten?


GÖRING: Jawohl.


VORSITZENDER: Sir David, wollen Sie jetzt unterbrechen?


SIR DAVID MAXWELL-FYFE: Jawohl.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 9, S. 641-678.
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