Vormittagssitzung.

[137] [Der Zeuge betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Fangen Sie an, Dr. Horn!

DR. HORN: Herr Zeuge, Sie kennen den Grafen Ciano; wann und wo haben Sie ihn kennengelernt?


VON STEENGRACHT: Den Grafen Ciano kenne ich, aber nicht politisch, sondern nur persönlich. Kennengelernt – ich kann mich nicht genau daran erinnern, wann ich ihn kennengelernt habe – wahrscheinlich anläßlich irgendeines Staatsbesuchs. Ich arbeitete damals in der Protokollabteilung des Auswärtigen Amtes.


DR. HORN: Welche Erfahrungen haben Sie mit Graf Ciano gemacht?


VON STEENGRACHT: Da ich politisch nicht mit ihm gearbeitet habe, habe ich auch keinerlei politische Erfahrungen gemacht.


DR. HORN: Ein anderes Gebiet. Ist es richtig, daß Herr von Ribbentrop Anweisung gegeben hatte, unter allen Umständen den französischen Franken gegen eine Inflation zu stützen?


VON STEENGRACHT: Diese Art von Maßnahmen können sich nur auf eine Zeit beziehen, in der ich noch nicht Staatssekretär war. Ich weiß aber, daß die grundsätzliche Linie gegenüber Frankreich und allen besetzten Gebieten die war, daß unter allen Umständen die Währungen möglichst zu erhalten seien, oder besser gesagt, mit allen Kräften zu halten seien. Aus diesem Grunde haben wir auch häufig Gold nach Griechenland geschickt, um dort den Versuch zu unternehmen, die Währung einigermaßen zu halten.


DR. HORN: Was für eine Wirkung wurde in Griechenland durch diese Goldverschickungsmaßnahmen erzielt?


VON STEENGRACHT: Dadurch, daß wir Gold nach Griechenland brachten, drückten wir den Kurs der ausländischen Währungen. Dadurch bekamen die griechischen Händler, die zum großen Teil die Lebensmittel gehamstert hatten, Angst und warfen nunmehr die Lebensmittel auf den Markt, und sie wurden auf diese Weise dem griechischen Volke wieder zugeführt.


DR. HORN: Ist es richtig, daß von Ribbentrop strengste Weisungen gegeben hatte, keine Beschlagnahmungen in den besetzten Gebieten vorzunehmen, sondern nur mit den dortigen Regierungen direkt zu verhandeln?


[137] VON STEENGRACHT: Das ist, wenn Sie die Frage so stellen, grundsätzlich richtig, wobei ich aber nochmals bemerke, wie ich es gestern schon getan habe, daß wir ja in den besetzten Gebieten grundsätzlich keinerlei Funktionen hatten, also auch gar nicht irgendwelche Kräfte zum Beschlagnahmen, oder daß solche Kräfte ja anderen Institutionen unterstanden; aber richtig ist vor allem, daß wir jeweils nur mit den fremden Regierungen verhandelten und von Ribbentrop schärfstens verboten hatte, daß irgendwelche direkten Maßnahmen, die von anderen Stellen gegenüber einem besetzten Land durchgeführt wurden, von uns unterstützt werden.


DR. HORN: Ich habe vorläufig keine weiteren Fragen an den Zeugen.


DR. EGON KUBUSCHOK, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN VON PAPEN, VERTEIDIGER FÜR DIE REICHSREGIERUNG: Kennen Sie, Herr Zeuge, Herrn von Papen gut aus der Zeit Ihrer Tätigkeit im Auswärtigen Amt, insbesondere während der Zeit Ihrer Tätigkeit als Staatssekretär im Auswärtigen Amt?


VON STEENGRACHT: Herrn von Papen kenne ich bereits einige Jahre vor 1933, allerdings privat. Ich habe ihn dann längere Zeit aus den Augen verloren und bin dann wieder mehr mit ihm zusammengekommen als ich Staatssekretär des Auswärtigen Amtes wurde. Ich habe dann fortlaufend mit ihm dienstlich und auch über das Dienstliche hinausgehend mit ihm verkehrt.


DR. KUBUSCHOK: Haben Sie, insbesondere in der letzten Zeit Ihrer Tätigkeit als Staatssekretär, laufend die Berichte erhalten, die Herr von Papen als Botschafter in Ankara nach Berlin sandte?


VON STEENGRACHT: Sofern Herr von Papen diese Berichte nicht unmittelbar an von Ribbentrop leitete, was möglich gewesen sein kann – das weiß ich nicht –, so habe ich sie auf dem amtlichen Dienstwege wöchentlich erhalten.


DR. KUBUSCHOK: Ist Ihnen erinnerlich, daß Herr von Papen den Posten als Botschafter in Ankara im April 1939, nach zweimaliger vorheriger Ablehnung, an dem Tage übernommen hat als Italien Albanien besetzte, wodurch eine akute Kriegsgefahr im Südosten entstand?


VON STEENGRACHT: Ich war damals nicht Staatssekretär, war auch in keiner politischen Stellung, so daß mir die Zusammenhänge aus der Zeit nicht so bekannt sind. Ich habe heute den Eindruck, daß er damals den Posten übernahm, nachdem die Italiener Albanien besetzt hatten. Und er selbst hat mir später gesagt, daß damals die Gefahr bestanden hätte, daß die Italiener weiter vorgedrungen wären auf dem Balkan und dadurch ein Konflikt eventuell mit der Türkei entstanden wäre, und dadurch der Weltfriede gefährdet worden wäre. Aus diesem Grunde hätte er sich damals entschlossen, [138] den Posten zu übernehmen. An welchem Tag das nun genau war, kann ich nicht sagen.


DR. KUBUSCHOK: Was können Sie im allgemeinen über Friedensbemühungen des Herrn von Papen sagen?


VON STEENGRACHT: Ja, ich habe den Eindruck, daß Herr von Papen stets sich bemüht hat, mit allen Mitteln den Frieden aufrechtzuerhalten. Er hat es sicherlich für Deutschland und die Welt als ein großes Unglück gehalten, wenn ein Krieg ausbrechen würde.


DR. KUBUSCHOK: Waren die Bemühungen, die Herr von Papen während des Krieges für den Frieden unternahm, darauf gerichtet, ungeachtet der militärischen Erfolge auf irgendwelche Annektionen zu verzichten und die politische Souveränität der besiegten Staaten im vollen Umfange wiederherzustellen, kurz, im Wege eines vernünftigen Verzichts einen tragbaren Status für alle Staaten Europas wiederherzustellen?


VON STEENGRACHT: In der großen Linie war es ganz klar, daß Papen immer dafür eingetreten ist, daß wieder Friede eintritt unter Verhältnissen, die die volle Souveränität aller Länder wiederhergestellt hätten, und daß keinerlei Eingriffe oder Schädigungen materieller oder sonstiger Art dem übrigen Ausland zugefügt worden wären.


DR. KUBUSCHOK: Vertrat von Papen diesen Standpunkt auch zur Zeit der größten deutschen militärischen Erfolge?


VON STEENGRACHT: Ich glaube, daß sich sein grundsätzlicher Standpunkt in dieser Hinsicht niemals geändert hat.


DR. KUBUSCHOK: Hat Hitler diese dauernden persönlichen Friedensbemühungen dem Herrn von Papen sehr verübelt, und galt er in diesem Zusammenhang als der unbequeme Außenseiter?


VON STEENGRACHT: Ich habe nicht Gelegenheit gehabt, mit Hitler darüber zu sprechen; ich weiß nur, daß er ganz allgemein von Hitler und anderen Persönlichkeiten kritisiert wurde als ein Mann, der immer eine schwache Linie verfolge.


DR. KUBUSCHOK: Hat Herr von Papen freimütig bekannt, daß ein Friedensschluß so lange unmöglich sei, als Hitler und die Partei in Deutschland existiere und der erforderliche Kredit für Verhandlungen im Auslande nicht gegeben sei?


VON STEENGRACHT: Ja, ich habe mit Herrn von Papen – ich glaube, es muß gewesen sein ungefähr im April 1943 oder im Mai 1943 – über das gesamte Thema gesprochen, ausführlich gesprochen, da ich damals gerade Staatssekretär geworden war. Er hat damals die von Ihnen eben aufgezeichnete Linie mir gegenüber ganz klar zum Ausdruck gebracht. Er war sich klar darüber, daß mit Hitler [139] und seinen angewandten Methoden das Ausland keinen Frieden schließen würde.


DR. KUBUSCHOK: Noch eine letzte Frage, Herr Zeuge: Die Anklage wirft dem Angeklagten von Papen vor, er sei ein skrupelloser Opportunist. Sie, Herr Zeuge, kennen den Angeklagten aus der Berichterstattung und dem gesamten dienstlichen Verkehr des Angeklagten mit seiner vorgesetzten Dienststelle seit einer Anzahl von Jahren. Haben Sie auf Grund dieser Kenntnis den Eindruck gewonnen, daß diese Charakterisierung von Papens richtig ist, oder können Sie sagen, daß Papen aus dieser Berichterstattung und aus dienstlichem Verkehr her Ihnen als ein Mann erscheint, der durchaus die Wahrheit sagt, auch dann, wenn sie recht unbequemen Vorgesetzten unangenehm ist, und wenn das Sprechen dieser Wahrheit sogar mit einer persönlichen Gefahr verbunden ist?


VON STEENGRACHT: Das kann ich durchaus sagen, daß es so ist. Ich finde, der beste Beweis dafür ist der, daß Herr von Papen ja schließlich als Vizekanzler völlig ausgeschaltet wurde vom Amte und ausgeschieden ist aus der Regierung, dann Privatmann war und nur, wenn die allergrößte Not wieder da war, Herr von Papen herangezogen wurde, und Herr von Papen sich auch meines Erachtens nur deshalb zur Verfügung gestellt hat, weil er sich sagte: »Ich habe noch einen gewissen Kredit, ich habe eine... ich bin ein guter Katholik, und ich vertrete demgemäß eine Richtung, die sich gegen alle Unmenschlichkeit und so weiter wendet, und vielleicht kann ich durch meine Person irgendwelchen Einfluß in diesem Sinne ausüben.« Ich habe selbst niemals einer Sitzung oder einer Besprechung beigewohnt, die zwischen Hitler und Papen stattgefunden hat. Ich habe aber insbesondere von unserem Verbindungsmann bei Hitler häufig gehört, daß Herr von Papen mit seiner leichten Art sehr viele Sachen Hitler gesagt hat, die sonst einer Hitler nicht hätte sagen können, und ich glaube, daß er durch seine Art auch vieles verhindert hat, wenigstens für einen gewissen Zeitraum.


DR. KUBUSCHOK: Ich danke.


DR. OTTO NELTE, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN KEITEL: Herr Zeuge! Sie haben ausgesagt, daß Hitler aus Anlaß des furchtbaren Bombenangriffs auf Dresden einen Befehl herauszugeben beabsichtigte, wonach Tausende von Kriegsgefangenen zur Vergeltung getötet werden sollten.


VON STEENGRACHT: Jawohl.


DR. NELTE: Habe ich Ihre gestrige Bekundung richtig in Erinnerung, daß alles, was Sie über diese Angelegenheit gesagt haben, Mitteilungen sind oder auf Mitteilungen beruhen, die von Herrn von Ribbentrop stammen?


VON STEENGRACHT: Nein.


[140] DR. NELTE: Was wissen Sie aus eigener Kenntnis?


VON STEENGRACHT: Ich weiß aus eigener Kenntnis lediglich, daß unser Verbindungsmann zu Hitler mich angerufen hat und mir gesagt hat, daß Goebbels den Vorschlag an Hitler gemacht habe, zehntausend oder mehr englische und amerikanische Kriegsgefangene zu erschießen als Repressalie, und daß Hitler darauf eingehen wollte oder eingegangen sei, und das habe ich sofort Ribbentrop berichtet, und der ist dann gleich hingegangen und hat mir in einer halben Stunde erklärt, daß dieser Befehl zurückgenommen sei. Von dem Feldmarschall Keitel ist mir im Zusammenhang damit überhaupt nichts bekannt.


DR. NELTE: Also Sie wissen auch nicht, von wem aus dieser Befehl ergangen ist?


VON STEENGRACHT: Nein.


DR. NELTE: Die Anregung dazu meine ich?


VON STEENGRACHT: Die Anregung zu dem Befehl offenbar von Goebbels nach der mir zugegangenen Information.


DR. NELTE: Durch Herrn von Ribbentrop, ja?


VON STEENGRACHT: Wen?


DR. NELTE: Durch Herrn von Ribbentrop.


VON STEENGRACHT: Nein, von Ribbentrop hat damit nichts zu tun.


DR. NELTE: Also von Herrn Hewel?


VON STEENGRACHT: Herr Hewel hat mir das gesagt. Er hat mich angerufen und hat mir das gesagt.


DR. NELTE: Und Sie wissen nichts über eine Beteiligung des Militärs?


VON STEENGRACHT: Ich weiß gar nichts über eine Beteiligung des Militärs.


DR. NELTE: Danke sehr.


DR. HANS LATERNSER, VERTEIDIGER FÜR GENERALSTAB UND OBERKOMMANDO: Herr Zeuge, ich habe nur eine Frage: Haben Sie als Staatssekretär – oder das Auswärtige Amt – militärische Dienststellen, zum Beispiel das Oberkommando des Heeres, Oberkommando der Marine, über die in Betracht kommenden Fragen deutscher Politik laufend unterrichtet?


VON STEENGRACHT: Nein, sie wurden nicht unterrichtet.


DR. LATERNSER: Ich habe keine weiteren Fragen mehr.


VORSITZENDER: Wünscht der britische Anklagevertreter den Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen?


[141] OBERST H. J. PHILLIMORE, HILFSANKLÄGER FÜR DAS VEREINIGTE KÖNIGREICH: Herr Zeuge! Sie haben uns gestern erklärt, daß der Angeklagte Ribbentrop gegen die Verfolgung der Kirchen, gegen die Verfolgung der Juden eingestellt gewesen sei und auch nicht gewußt habe, was in den Konzentrationslagern vor sich ging. Sie haben uns gesagt, daß er kein typischer Nazi sei. Welches sind die Eigenschaften eines typischen Nazis?


VON STEENGRACHT: Unter einem typischen Nationalsozialisten verstehe ich einen Mann, der fanatisch die sämtlichen Doktrinen des Nationalsozialismus anerkennt und vertritt. Herr von Ribbentrop, habe ich gesagt, folgte Hitler persönlich, hat aber von dem gesamten sonstigen Ideengut eigentlich außerordentlich wenig gewußt und sich auch niemals darum bekümmert. Er hat nie in Versammlungen gesprochen und hat niemals größere Treffen mitgemacht, kannte also auch eigentlich vom Volke und der Stimmung des Volkes außerordentlich wenig.


OBERST PHILLIMORE: Verstehen Sie unter einem »typischen Nationalsozialisten« jemanden, der die Kirche verfolgt?


VON STEENGRACHT: Ich habe diese Frage nicht verstanden.


OBERST PHILLIMORE: Ich werde sie wiederholen: Würden Sie sagen, daß ein typischer Nationalsozialist ein Mann ist, der sich mit der Kirchenverfolgung befaßte?


VON STEENGRACHT: Jedenfalls ein Mann, der, wenn Adolf Hitler das für richtig hielt, keine eigene Meinung zu der Angelegenheit äußerte.


OBERST PHILLIMORE: Und ein Mann, der an der Verfolgung und Austilgung von Juden seinen vollen Anteil nehmen würde?


VON STEENGRACHT: Das möchte ich auch nicht sagen, sondern das beschränkte sich auf einen gewissen Kreis von Menschen. Ein großer Teil von Fanatikern wußte von den Grausamkeiten nichts und hat diese Art der Grausamkeiten abgelehnt, und hätte sie abgelehnt, wenn sie davon richtiggehend orientiert worden wären.


OBERST PHILLIMORE: Ich verstehe Sie dahin, daß Sie sagen, daß Sie davon selbst nichts wußten. Stimmt das?


VON STEENGRACHT: Daß ich nichts wußte?


OBERST PHILLIMORE: Ja.


VON STEENGRACHT: Ich habe in meiner Stellung als Staatssekretär und dadurch, daß ich ausländische Zeitungen gelesen habe und vor allem auch mit Leuten der Opposition zusammengekommen bin, von vielen Sachen der Konzentrationslager Kenntnis gehabt. Ich bin in allen diesen Fällen, soweit es in meiner Kraft stand, dagegen eingeschritten. Aber über diese Sachen, die ich jetzt hier gehört habe, habe ich nichts gewußt.


[142] OBERST PHILLIMORE: Ich will Sie jetzt etwas anderes fragen. Sie haben ausgesagt, daß Ribbentrop für die besetzten Gebiete keine Verantwortung trug. Ihre Worte waren, daß das Auswärtige Amt die Verantwortung in dem Augenblick verlor, da das deutsche Bajonett die Grenze überschritt. Stimmt das?


VON STEENGRACHT: Ich habe gesagt, daß in dem Augenblick, in dem das deutsche Bajonett die Grenze überschritt, das Auswärtige Amt das alleinige Recht, mit ausländischen Regierungen zu verhandeln, überall verlor; daß darüber hinaus in den meisten Ländern das Auswärtige Amt nicht einmal das Recht hatte, einen diplomatischen Beobachter nunmehr ohne irgendwelche Kompetenzen zu halten, dieses insbesondere in Norwegen und in den Ostgebieten.


OBERST PHILLIMORE: Sie haben gesagt, daß das Außenministerium nicht mehr das Recht hatte, einen Beobachter dort zu haben, und daß direkte Beziehungen zu den besetzten Gebieten abgebrochen wurden. Stimmt das?


VON STEENGRACHT: Nein, ich habe gesagt, daß das Auswärtige Amt in allen besetzten Ländern nicht mehr das alleinige Recht hatte, mit der Regierung zu verhandeln, Weil ja dann in diesen Ländern entweder eine Zivil Verwaltung war oder eine Militärregierung mit Hilfskommandanturen, mit einem Militär-Verwal tungschef, und diese Stellen nunmehr von sich aus an die Regierungen und an die einzelnen Exekutivorgane des jemalig besetzten Landes herantraten. Somit kann man nicht mehr sagen, das Auswärtige Amt hat das alleinige Recht, mit den Regierungen zu verhandeln. In Ländern aber, wie im Norden und im Osten, hatten wir überhaupt keine Leute von uns mehr. Und Hitler hatte den Befehl herausgegeben, daß wir auch aus den übrigen Ländern, wie Holland, Belgien und so weiter unsere Beobachter zurückziehen. Wir haben dieses aber nicht getan.


OBERST PHILLIMORE: Sie sagen, daß Sie in Frankreich einen Botschafter hatten, der unmittelbar Ribbentrop Bericht erstattete, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Ja.


OBERST PHILLIMORE: Und seine Aufgaben bestanden darin, die Geheime Feldpolizei und die Geheime Staatspolizei zu beraten dadurch, daß sie politisch wichtige Dokumente beschlagnahmten und die Sicherstellung und Beschlagnahme von öffentlichem Eigentum herbeiführten; weiter auch die Beschlagnahme von privatem und vor allem jüdischem Kunsteigentum auf Grund von Anweisungen, die zu diesem Zweck besonders herausgegeben wurden. Stimmt das nicht?


VON STEENGRACHT: Ich habe gestern bereits betont, daß ich erst seit dem Jahre 1943 überhaupt mit politischen Angelegenheiten zu tun hatte. Wenn ich Ihre Frage, Herr Vertreter der Anklage, [143] richtig verstanden habe, stehen Sie auf dem Standpunkt, daß die Geheime Staatspolizei und die deutschen Exekutivorgane in Frankreich uns unterstanden haben. Das ist unrichtig.


OBERST PHILLIMORE: Sie antworten nicht auf meine Frage. Ich habe Sie gefragt, ob der Minister Abetz nicht diese Aufgaben hatte?


VON STEENGRACHT: Er hatte nicht die Aufgabe, französisches Eigentum zu beschlagnahmen oder irgendwelche Judenaktionen durchzuführen. Zu meiner Zeit und durch meine Hand sind keine derartigen Befehle gegangen und er konnte...


OBERST PHILLIMORE: Wollen Sie sich bitte Dokument 3614-PS ansehen?


[Dem Zeugen wird ein Dokument überreicht.]


Euer Lordschaft! Dieses Dokument wurde als französisches Beweisstück RF-1061 am 4. Februar eingeführt. Es ist ein von Ribbentrop unterzeichnetes Schreiben vom 3. August 1940 an den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, OKW. Es steht darin:

»Der Führer hat den bisherigen Gesandten Abetz zum Botschafter ernannt und auf meinen Vortrag folgendes verfügt:

I. Der Botschafter Abetz hat in Frankreich folgende Aufgaben:....«

Und dann werden verschiedene Aufgaben beschrieben. Ziffer 6 lautet, und das ist die, die ich dem Zeugen als Frage vorgelegt habe:

»6. Beratung der Geheimen Feldpolizei und Geheimen Staatspolizei bei der Beschlagnahme politisch wichtiger Dokumente.

7. Sicherstellung und Erfassung des öffentlichen Kunstbesitzes, ferner des privaten und vor allem jüdischen Kunstbesitzes auf Grund besonderer hierzu erteilter Weisungen.«

Und der letzte Absatz:

»II. Der Führer hat hierbei ausdrücklich angeordnet, daß ausschließlich Botschafter Abetz für die Behandlung aller politischen Fragen im besetzten und unbesetzten Frankreich verantwortlich ist. Soweit durch seine Aufgabe militärische Interessen berührt werden sollten, wird Botschafter Abetz nur im Einvernehmen mit dem Militärbefehlshaber in Frankreich handeln.

III. Botschafter Abetz wird dem Militärbefehlshaber in Frankreich als sein Beauftragter zugeteilt. Sein Sitz bleibt wie bisher Paris. Die Weisungen zur Durchführung seiner Aufgaben erhält er von mir und ist mir ausschließlich hierfür verantwort lich. gez. Ribbentrop.«

[144] Ich will jetzt ein oder zwei Fragen über die Juden an Sie richten. Sie haben uns gesagt, daß Sie und der Angeklagte von Ribbentrop...

VORSITZENDER: Oberst Phillimore! Der Gerichtshof möchte gern wissen, warum dieser Zeuge dem Gerichtshof sagte, der Botschafter Abetz hätte nicht die Aufgabe gehabt Eigentum zu beschlagnahmen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Warum haben Sie das gesagt?

VON STEENGRACHT: Der Botschafter Abetz hatte keinerlei Exekutive, und es bestand das ausdrückliche Verbot, sich in innerfranzösische Angelegenheiten zu mischen. Er konnte also sich ausschließlich an die Französische Regierung wenden, und wenn die Französische Regierung mit ihrer Exekutive etwas durchführt, dann ist das eine Handlung der Französischen Regierung, aber niemals eine Beschlagnahmehandlung von Abetz.

OBERST PHILLIMORE: Das ist keine Antwort auf die Frage. Die Frage ist, warum sagten Sie »nein«, als Ihnen die Frage vorgelegt wurde, ob Abetz die Aufgabe hatte, die Geheime Feldpolizei und die Geheime Staatspolizei bei der Beschlagnahme politischer wichtiger Dokumente zu beraten?


VON STEENGRACHT: Ich habe gesagt, daß durch meine Hand kein Befehl ergangen ist, weil ich erst Staatssekretär geworden bin im Mai 1943. Dieser Befehl ist vom 3. August 1940. Aber es handelt sich hier ausschließlich um eine Dienstanweisung an den Botschafter Abetz.


OBERST PHILLIMORE: Zu der Zeit waren Sie Ribbentrops persönlicher Adjutant, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Ich war Adjutant, aber nicht politischer Sekretär. Ich war ausschließlich...


OBERST PHILLIMORE: Sie waren Adjutant?


VON STEENGRACHT: Ich war Adjutant, das heißt, ich habe mit den technischen Sachen zu tun gehabt. Ich habe niemals zu der Zeit ihm einen politischen Bericht vorgelegt. Aber ich möchte hierzu bemerken, wenn ich darf, hier handelt es sich um eine Anweisung an den Botschafter Abetz, und diese Anweisung ist ja durch die tatsächlichen Verhältnisse völlig überholt gewesen, denn die Beratung der Geheimen Feldpolizei...


OBERST PHILLIMORE: Woher wissen Sie das, wenn Sie nur persönlicher Adjutant waren und nicht in politischen Fragen tätig waren?

VON STEENGRACHT: Der Botschafter Abetz ist Botschafter gewesen bis Mai 1945. Ich habe also von 1943 bis 1945 mit ihm dauernd in Korrespondenz gestanden, und in dieser Zeit hat der [145] Botschafter Abetz dauernd gekämpft gegen die Maßnahmen, die von der Geheimen Staatspolizei doch durchgeführt wurden. Der Kampf war ein erbitterter, er wurde bei allen möglichen Angelegenheiten persönlich bedroht. Also von einer Beratung kann man sprechen, aber ob die Leute ihm gehorcht haben – er hatte keinerlei Machtmittel – das ist eine ganz andere Frage.


OBERST PHILLIMORE: Geht es darauf hinaus, daß sich Ihre Antwort über besetzte Gebiete nur auf die Zeit nach 1943 bezieht?


VON STEENGRACHT: Aus eigener Erfahrung kann ich nur nach 1943 sprechen.


OBERST PHILLIMORE: Jetzt will ich mich der Judenfrage zuwenden. Sie haben ausgesagt, daß Sie und Ribbentrop durch Anwendung einer Verzögerungspolitik die Tagung des antijüdischen Kongresses im Jahre 1944 verhinderten. Stimmt das?


VON STEENGRACHT: Jawohl.


OBERST PHILLIMORE: Und daß Sie gegen die Politik der Judenverfolgung gewesen seien?


VON STEENGRACHT: Jawohl.


OBERST PHILLIMORE: Das gleiche gilt für den Angeklagten Ribbentrop?


VON STEENGRACHT: Ja.


OBERST PHILLIMORE: Sehen Sie sich jetzt Dokument 3319-PS an.


[Dem Zeugen wird die Urkunde überreicht.]


OBERST PHILLIMORE: Euer Lordschaft! Dies ist ein neues Dokument; es wird als Beweisstück GB-287 eingereicht.


[Zum Zeugen gewandt:]


Sie haben vor sich eine Photokopie. Wollen Sie sich Seite 4 im deutschen Text ansehen, das ist die erste Seite des englischen Textes. Es ist ein Schreiben vom 28. April über das Thema: »Antijüdische Auslandsaktion«. Es ist am Ende der Seite 4 angestrichen.

VON STEENGRACHT: Ich habe es nicht gefunden.

OBERST PHILLIMORE: Sehen Sie sich bitte Seite 4 an. Es ist mit einem schwarzen Viereck umrahmt, unten auf der Seite. Sie sehen ein Schreiben vom 28. April 1944: »Betrifft: Antijüdische Aktion im Ausland«, und es ist an fast alle deutschen Gesandtschaften und Missionen im Ausland gerichtet.


VON STEENGRACHT: Ja.


OBERST PHILLIMORE: Schlagen Sie Seite 10 auf. Sie sehen, daß es angeblich von Ihnen unterzeichnet ist. Ist das richtig?


[146] VON STEENGRACHT: Ja.


OBERST PHILLIMORE: Können Sie sich an das Schreiben erinnern? Ich werde Ihnen den ersten Absatz vorlesen, um Ihre Erinnerung aufzufrischen:

»Der Herr Reichsaußenminister...«

VON STEENGRACHT: Ja.

OBERST PHILLIMORE:

»... hat die Bildung der Inf. Stelle XIV (Antijüdische Auslandsaktion) unter Leitung des Gesandten I. K. Schleier angeordnet, deren Aufgabe es ist, durch Zusammenfassung aller an der antijüdischen Auslandsinformation interessierten und beteiligten Sachbearbeiter der Abteilungen und Arbeitseinheiten des Auswärtigen Amtes, in enger Zusammenarbeit mit allen in der antijüdischen Arbeit tätigen Dienststellen außerhalb des Auswärtigen Amtes und mit den deutschen Missionen in Europa, die antijüdische Auslandsinformation zu vertiefen und zu verstärken.«

Und dann zählen Sie die Mitarbeiter auf, und die Zahl der Abteilungen des Auswärtigen Amtes, und dann einen ständigen Vertreter des Reichssicherheitshauptamtes. Das ist Himmlers Dienststelle, nicht wahr?

VON STEENGRACHT: Ja.

OBERST PHILLIMORE: Und einen Vertreter des Amtes Reichsleiter Rosenberg. Die Abteilung, die direkt über »Inland II« steht, das ist doch das Auswärtige Amt, das mit der SS Verbindung hatte.

Stimmt das?


VON STEENGRACHT: Ja.


OBERST PHILLIMORE: Und zu der Zeit war der Chef ein Mann namens Wagner und sein Mitarbeiter war von Thadden?


VON STEENGRACHT: Ja.


OBERST PHILLIMORE: Behaupten Sie noch immer, daß Sie gegen die Politik der Judenverfolgung gewesen sind?


VON STEENGRACHT: Ja, das behaupte ich nach wie vor, und zwar behaupte ich auch, wie ich bereits bei meinen früheren Vernehmungen angegeben habe, daß selbst die Abhaltung eines antijüdischen Kongresses sich in den Auswirkungen nicht gegen die Juden gewandt hatte, denn was in Deutschland vorging, ging alles unter dem Siegel der Verschwiegenheit vor sich und niemand wurde irgendwie informiert. Die Juden verschwanden. Wenn man aber einen internationalen Kongreß abgehalten hätte, wäre man gezwungen gewesen, in erster Linie doch die Frage darauf zu lenken, wo sind [147] denn eigentlich diese Juden, was geschieht denn eigentlich mit diesen Juden?


OBERST PHILLIMORE: Geht es darum, daß Sie einen antijüdischen Kongreß hinausschieben wollten, weil das der Welt bekanntgeworden wäre, aber Sie waren vollkommen bereit, eine Organisation im Auswärtigen Amt einzurichten?


VON STEENGRACHT: Also meine Herren, wir müssen hier zwei völlig verschiedene Komplexe voneinander trennen. Der eine Komplex ist der: Es gab in Deutschland Stellen, die die Judenaktionen durchführten und betrieben. Diese Organisationen griffen auch in das Ausland über und schafften von dort ohne Wissen des Auswärtigen Amtes und ohne sein Zutun die Leute aus dem Ausland weg. Es konnte demgemäß eine Besserung und eine einigermaßen in normale Kanäle geleitete Politik nur dann stattfinden, wenn eine deutsche Stelle wirklich die Verantwortung für die Sache dann übernommen hätte. Denn wir erfuhren nicht von der Geschichte, wir hörten immer die Beschwerden, die wir von den ausländischen Missionschefs bekamen, über Vorgänge, die stattfinden. Wir hatten aber keinerlei Kontrollmöglichkeiten. Wenn ich mich an die innerdeutschen Stellen wandte...


OBERST PHILLIMORE: Wurde diese Stelle errichtet, um die antijüdische Politik zu kontrollieren?


VON STEENGRACHT: Wir sprechen hier heute scheinbar von zwei verschiedenen Dingen. Der antijüdische Kongreß war angeordnet. Daß die Dienststelle Rosenberg einen antijüdischen Kongreß abhält...


VORSITZENDER: Sie haben die Frage nicht beantwortet. Die Frage war: War diese Organisation, die in dem Brief genannt wurde, geschaffen, um die Organisation der antijüdischen Tätigkeit im Ausland zu kontrollieren? So lautete die Frage. Können Sie das nicht mit Ja oder Nein beantworten?


VON STEENGRACHT: Eine generelle Kontrolle konnte das Auswärtige Amt deshalb nicht haben, weil alle antijüdischen Fragen grundsätzlich bei der Dienststelle Rosenberg behandelt wurden.


OBERST PHILLIMORE: Was war also der Zweck dieser Organisation des Auswärtigen Amtes?


VON STEENGRACHT: Wir mußten auf Anordnung von Hitler alle deutschen Stellen zusammenfassen und ein Archiv bilden, um dort das gesamte Material zu erfassen, und wir legten Wert darauf...


OBERST PHILLIMORE: Und das wurde von Ribbentrop angeordnet, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Jawohl.


OBERST PHILLIMORE: Wie aus Ihrem Schreiben hervorgeht?


[148] VON STEENGRACHT: Jawohl, und wir legten Wert darauf, daß wir dadurch einen Überblick bekamen, was eigentlich mit den Juden und so weiter geschieht, und deshalb haben wir von allen Stellen uns Leute herangezogen.


OBERST PHILLIMORE: Ich werde Ihnen in einer Minute genau zeigen, was sich wirklich ereignete, und zwar aus Ihren eigenen Akten. Aber ich will Ihnen nur das sagen:

Der Zweck der Verhinderung der Tagung des antijüdischen Kongresses war einfach der, daß Sie nicht wollten, daß die Welt etwas erfahren sollte. Sie hatten nicht den geringsten Einwand gegen die Schaffung einer antijüdischen Organisation in Deutschland.

Betrachten Sie bitte Seite 32 des deutschen Textes. Euer Lordschaft! Das ist auf Seite 23 im englischen Text. Sie finden hier ein Schreiben von Rosenbergs, Dienststelle an das Auswärtige Amt, unterschrieben von Bräutigam, Seite 32 des deutschen Textes. Es ist unten auf der Seite 32 angestrichen.

Bräutigam war Ihr Verbindungsmann bei Rosenberg, stimmt das, Herr Zeuge? War Bräutigam Ihr Verbindungsmann in Rosenbergs Amt?


VON STEENGRACHT: Nein, Bräutigam war, ich glaube im Jahre 1941 im Auswärtigen Amt.


OBERST PHILLIMORE: Und 1942.


VON STEENGRACHT: Jawohl, aber er war im Jahre 1941, weil er früher im Auswärtigen Amt die Ostangelegenheiten bearbeitet hat, abgegeben worden und war nunmehr im Amte Rosenbergs.


OBERST PHILLIMORE: Sehr gut. Sie werden sehen, daß es sich auf eine Konferenz mit Obersturmbannführer Eichmann bezieht, das ist der Chef der Judenabteilung der Gestapo, sowie einen Dr. Wetzel. Und er schickte Ihnen die Abschrift eines Abkommens, das in Tighina/Rumänien am 30. August 1941 getroffen wurde, mit der Bitte um Bestätigung.


VON STEENGRACHT: Herr Vertreter der Anklage! Da dürfte ein Irrtum vorliegen. Dieses Schreiben ist vom 11. März 1942. Ich bin Staatssekretär geworden im Mai 1943. Ich kenne daher diese Sache nicht. Ich möchte nur bemerken...

OBERST PHILLIMORE: Hören Sie mir zu und warten Sie, bis Sie gefragt werden. Wir werden schneller vorwärts kommen, wenn Sie sich dieses Schreiben anhören:

»Ich verweise besonders auf Ziffer 7 der Vereinbarungen... In meinem Schreiben vom 5. März 1942 habe ich hierzu bereits Stellung genommen.«

Also es enthielt ein Übereinkommen zwischen dem deutschen und dem rumänischen Generalstab. Wenn Sie sich den Absatz 7 auf [149] Seite 38 des deutschen Textes und Seite 27 des englischen Textes ansehen, so finden Sie das Übereinkommen, das getroffen wurde.

»Abschub von Juden aus Transnistrien.

Abschub der Juden über den Bug ist zur Zeit nicht möglich. Sie müssen daher in Konzentrationslagern zusammengefaßt und zur Arbeit eingesetzt werden, bis nach Abschluß der Operationen ein Abschub nach Osten möglich ist.«

Und auf der nächsten Seite des deutschen Textes ist ein Vermerk, noch immer auf Seite 27 des englischen Textes:

»Wie Generaldirektor Lecca heute mitteilte, werden 110000 Juden aus der Bukowina und Bessarabien evakuiert, und zwar in zwei Wälder in der Gegend des Bug. Soweit er erfahren konnte, sei diese Aktion auf einen Befehl des Marschalls Antonescu zurückzuführen. Sinn der Aktion sei die Liquidierung dieser Juden.«

Zweifeln Sie daran, daß dieses Übereinkommen, das dem Schreiben an das Auswärtige Amt beigeschlossen war, den Angeklagten Ribbentrop erreicht hat?

VON STEENGRACHT: Ja. Also ich sehe dieses Dokument und diese Abmachung heute zum ersten Male. Mir ist nichts von dieser ganzen Geschichte und...

OBERST PHILLIMORE: Ja; wollen Sie die Frage beantworten:

Zweifeln Sie daran, daß dieses Schreiben und dieses Übereinkommen, das ihm beigeschlossen war, dem Angeklagten Ribbentrop gezeigt wurde?


VON STEENGRACHT: Es gab damals einen Unterstaatssekretär Luther im Auswärtigen Amt, der außerordentlich selbständig Sachen erledigte; und ich habe gegen ihn einen erbitterten Kampf geführt, trotzdem ich dazu nicht berufen war, seinerzeit, weil er nationalsozialistische Methoden einführen wollte. Ob er die Sache Ribbentrop vorgelegt hat oder nicht, kann ich nicht entscheiden.


OBERST PHILLIMORE: Schön. Jetzt kommen wir zu dem Zeitpunkt, an dem Sie schon Staatssekretär waren.

Sehen Sie sich bitte Seite 31 des deutschen Textes an, Seite 20 des englischen.


VORSITZENDER: Was bedeuten die Worte, die dem gerade von Ihnen verlesenen Satze folgen, auf Seite 27: »Bukarest, den 17. Oktober 1941 (Unterschrift unleserlich)« und dann »Zur Rücksprache mit Vizeministerpräsidenten Antonescu. Vertraulich. Bukarest, den 16. Oktober 1943.«


OBERST PHILLIMORE: Euer Lordschaft! Die Maschinenschrift ist schlecht.

[150] »Bukarest, den 17. Oktober 1941« und dann folgt das nächste Schreiben. Der vorhergehende Teil ist ein Aktenvermerk.


VORSITZENDER: Gut!


OBERST PHILLIMORE: Es handelt sich um einen Vermerk für die Akten der Deutschen Gesandtschaft in Bukarest.


VORSITZENDER: Fahren Sie fort.


OBERST PHILLIMORE: Ich habe den Gerichtshof nicht mit den darauffolgenden Briefen behelligt. Sie beschäftigen sich mit der Entfernung von Juden aus reichsdeutschen Firmen zu einem früheren Zeitpunkt.


[Zum Zeugen gewandt:]


Sehen Sie bitte Seite 31 des deutschen Textes, Seite 20 des englischen, an. Dort finden Sie ein Dokument, gerichtet an...

VORSITZENDER: Als Sie begannen, das Dokument zu verlesen, haben Sie das Datum nicht vollständig angegeben. Es scheint, das Datum ist 1944, nicht wahr?

OBERST PHILLIMORE: Nein, ich glaube, es ist 1942, Euer Lordschaft.


VORSITZENDER: Es sollte der 28. April 1942 sein. Ist das Datum am Anfang des Dokuments?


OBERST PHILLIMORE: Euer Lordschaft! Der Brief, den ich verlesen habe, ist vom März 1942 und trägt einen Stempel des Auswärtigen Amtes: »Erhalten, den 26. März 1942.«


VORSITZENDER: Ich spreche von dem ganzen Dokument, Seite 1 des Dokuments.


OBERST PHILLIMORE: Euer Lordschaft! Es ist ein Aktenstück, eine dieser ziemlich unbequemen Urkunden, ein Aktenstück, das hinten mit dem frühesten Datum beginnt und bis 1944 weitergeführt ist.


VORSITZENDER: Ja, dann ist der Teil, den Sie zuerst lasen...


OBERST PHILLIMORE: Das war 1944.


VORSITZENDER: Sehr wohl! Zu welcher Seite kommen Sie jetzt?

OBERST PHILLIMORE: Ich wollte jetzt zu Seite 20 übergehen, Euer Lordschaft!


[Zum Zeugen gewandt:]


Das ist eine Mitteilung von von Thadden an die Deutsche Gesandtschaft in Bukarest. Sie sagten, daß von Thadden Mitarbeiter in der Abteilung »Inland II« war. Die Mitteilung ist vom 12. Oktober 1943 datiert und trägt den Empfangsstempel vom 18. Oktober. Er[151] fügt ein Schreiben bei, das an alle deutschen Polizeistellen im Ausland gerichtet und von Müller im Reichssicherheitshauptamt unterschrieben ist. Sie werden sehen, daß es an den Kommandeur der Sicherheitspolizei in Prag, den Haag, Paris, Brüssel, Metz, Straßburg, Luxemburg, Krakau, Kiew, Smolensk und so weiter gerichtet ist.

Oktober 1943, also nachdem Sie Staatssekretär geworden waren, nicht wahr?

VON STEENGRACHT: Jawohl!

OBERST PHILLIMORE: Sie wurden im April ernannt?


VON STEENGRACHT: Ja!


OBERST PHILLIMORE: Jetzt zu dem Inhalt des Schreibens. Es betrifft die Behandlung von Juden ausländischer Staatsangehörigkeit im deutschen Machtbereich.

»Im Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt können nunmehr sämtliche nach Abschluß der sogenannten Heimschaffungsaktion im deutschen Machtbereich verbliebenen Juden mit der Staatsangehörigkeit der nachstehend aufgeführten Länder

1. Italien,

2. Schweiz,

3. Spanien,

4. Portugal,

5. Dänemark,

6. Schweden,

7. Finnland,

8. Ungarn,

9. Rumänien,

10. Türkei,

in die Abschiebungsmaßnahmen einbezogen werden.

Da aus außenpolitischen Gründen die Abschiebung dieser Juden nach dem Osten zur Zeit noch nicht erfolgen kann, ist für die vorläufige Unterbringung der männlichen Juden über 14 Jahre das KL. Buchenwald und für die Unterbringung von Jüdinnen sowie von Kindern das KL. Ravensbrück vorgesehen.

Die erforderlichen Maßnahmen sind bezüglich

a) der Juden italienischer Staatsangehörigkeit sofort,

b) der Juden türkischer Staatsangehörigkeit am 20. 10. 43,

c) der Juden mit der Staatsangehörigkeit der übrigen oben angeführten Länder am 10. 10. 1943 durchzuführen.

[152] Für die Überstellung an das KL. ist ein besonderer Schutzhaftantrag nicht erforderlich, es ist jedoch der KL.-Kommandantur mitzuteilen, daß die Überstellung an das KL. im Rahmen der Abschiebungsmaßnahmen erfolgt.«

Und dann sind Anordnungen über Gepäck. Wenn Sie sich Seite 31-e ansehen, das ist unten auf Seite 22 im englischen Text, werden Sie bemerken, daß das von Müller und außerdem von einem Angestellten in Himmlers Dienststelle unterschrieben worden ist. Und dann auf der nächsten Seite des englischen Textes, immer noch 31-e im deutschen, schickte es Himmlers Büro am 2. Oktober an das Auswärtige Amt an Herrn von Thadden.

Haben Sie dieses Dokument nicht gesehen, als es im Auswärtigen Amt einlief?

VON STEENGRACHT: Nein! Ich sehe dieses Dokument heute zum ersten Male.

OBERST PHILLIMORE: Sie waren doch Staatssekretär?


VON STEENGRACHT: Jawohl! Es handelt sich hier ganz offenbar um eine Maßnahme, die von einer anderen Stelle angeordnet worden ist. Innerhalb des Deutschen Reiches hatte wiederum das Auswärtige Amt keinerlei Exekutive und keinerlei Möglichkeiten, und demgemäß sind die Sachen nicht...


OBERST PHILLIMORE: Sie hatten keinerlei Exekutive, aber es ist Ihnen zur Information übersandt worden.


VON STEENGRACHT: Das ist uns zugegangen, die Geschichte, lediglich zur Kenntnisnahme, und mir ist es nicht vorgelegt worden, die Geschichte.


OBERST PHILLIMORE: Sie hatten doch eine Abteilung, die die Verbindung mit der SS aufrecht erhielt, ein Herr von Thadden. War er kein zuständiger Beamter?


VON STEENGRACHT: Den genauen Inhalt dieser Geschichte kenne ich auch jetzt noch nicht, weil ich ihn noch nicht in Ruhe durchgelesen habe. Ich kann mir nur folgendes denken bei der ganzen Angelegenheit:

Es ist lange die Frage erörtert worden, ob wir die Juden, die in Deutschland sind, in ihre Heimatländer zurückgeben können; darum handelt es sich doch hier?


OBERST PHILLIMORE: Wir sind nicht an Ihren Betrachtungen interessiert. Entweder Sie wissen es oder Sie wissen es nicht. Ich fragte Sie, ob von Thadden ein zuständiger Beamter war.


VON STEENGRACHT: Dieses Dokument habe ich nicht gesehen.


OBERST PHILLIMORE: Sie beantworten nicht meine Frage. War von Thadden ein zuständiger Beamter?


[153] VON STEENGRACHT: Von Thadden war ein Mann des Auswärtigen Amtes, der seinen Beruf kannte.


OBERST PHILLIMORE: Ja, er kannte seinen Beruf. Und meinen Sie nicht, daß er Ihnen, als Staatssekretär, dieses Dokument hätte zeigen müssen?


VON STEENGRACHT: Das hätte er sicher tun müssen, wenn nicht über diese Angelegenheit an anderer Stelle verhandelt worden ist, und ich bin überhaupt bei den Judenaktionen völlig ausgeschaltet worden. Auch Weisungen, die ins Ausland gingen, sind nie über mich gelaufen in Judenaktionen. Ich habe gestern, bei Beginn meiner Aussage, darauf hingewiesen, daß viele Sachen unmittelbar an höchster Stelle verhandelt wurden, und auch das Auswärtige Amt nachträglich nicht verständigt wurde, und Befehle in dieser Angelegenheit...


OBERST PHILLIMORE: Ist dies ein Dokument, über das Sie unterrichtet waren?

VON STEENGRACHT: Müller hat es dem Auswärtigen Amt zugesandt.


OBERST PHILLIMORE: Und Sie haben es an Ihre Gesandtschaft nach Bukarest gesandt?


VON STEENGRACHT: Er hätte mir das sicherlich vorlegen müssen. Ich habe es aber nicht gesehen.


OBERST PHILLIMORE: Und wenn Sie sich dieses Schreiben noch einmal ansehen, dann können Sie sehen, wie Müllers Instruktionen anfangen. Er beginnt: »Im Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt...«


VON STEENGRACHT: Wo steht das, ich finde es leider nicht.


OBERST PHILLIMORE: Zu Anfang des Schreibens: »Betrifft: Die Behandlung von ausländischen Juden im deutschen Machtbereich« – und dann fängt er an: »Im Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt.« Heißt das nun, im Einvernehmen mit Herrn von Thadden?


VON STEENGRACHT: Ich nehme an, daß diese Art Geschichten durch den zuständigen Sachbearbeiter gegangen sind, und weil es sich hier doch um eine grundsätzliche Angelegenheit handelt, unmittelbar dem Herrn von Ribbentrop vorgelegt worden sind. Ich bitte, Herrn von Ribbentrop zu befragen, ob er die Sache kennt oder nicht. Ich habe die Sache nicht gesehen.


OBERST PHILLIMORE: Das ist eine Angelegenheit von solcher Bedeutung, daß sie mit dem Auswärtigen Amt nicht hatte vereinbart werden können, ohne daß Ribbentrop gefragt wurde. Stimmt das?


VON STEENGRACHT: Ich stehe auf dem Standpunkt, daß ich diese Sache, wenn sie mir vorgelegt worden wäre, niemals selbst [154] abgeschlossen hätte. Ich stehe auf dem Standpunkt, das war eine Angelegenheit, die von Ribbentrop vorgelegt werden mußte.


OBERST PHILLIMORE: Gut! Und, natürlich, von Ribbentrop war einer der rücksichtslosesten Judenverfolger von allen, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Das ist nicht richtig.


OBERST PHILLIMORE: Ich will Ihnen einen kurzen Abschnitt über eine Besprechung zwischen dem Führer, Ribbentrop und dem ungarischen Regenten Horthy verlesen.

Es handelt sich um Dokument D-736, das von Sir David Maxwell-Fyfe dem Angeklagten Göring als GB-283 vorgelegt wurde. Es war eine Sitzung in Schloß Kießheim am Morgen des 17. April 1943, und Sie sehen, daß das Protokoll von Schmidt unterzeichnet ist.

VON STEENGRACHT: Jawohl!


OBERST PHILLIMORE: Es wurde die Judenfrage aufgeworfen:

»Der Führer erwiderte, daß daran die Juden schuld seien, die auch im Weltkrieg das Hamstern und Schieben als eines ihrer Haupttätigkeitsgebiete betrachtet hätten, genau so wie jetzt in England Verurteilungen wegen Rationierungsvergehen und dergleichen hauptsächlich Juden beträfen. – Auf die Gegenfrage Horthys, was er denn mit den Juden machen solle, nachdem er ihnen so ziemlich alle Lebensmöglichkeiten entzogen habe – erschlagen könne er sie doch nicht –, erklärte der RAM, daß die Juden entweder vernichtet oder in Konzentrationslager gebracht werden müßten. Eine andere Möglichkeit gäbe es nicht.«

Der Führer spricht dann weiter und bezeichnet sie als Tuberkulosebazillen.

Nun, wollen Sie angesichts dieses Dokuments immer noch behaupten, daß der Angeklagte von Ribbentrop gegen die Politik der Judenverfolgung und Ausrottung gewesen ist?

VON STEENGRACHT: Ich habe gestern bereits gesagt, daß Herr von Ribbentrop, wenn er bei Hitler war...

OBERST PHILLIMORE: Es ist gleichgültig, was Sie gestern gesagt haben. Ich frage Sie jetzt, heute. Sie haben jetzt dieses Dokument gesehen. Behaupten Sie noch immer, daß Ribbentrop gegen die Politik der Judenverfolgung und gegen die Ausrottung gewesen ist?


VON STEENGRACHT: Ich möchte auch hier unterscheiden zwischen dem eigentlichen Instinkt des Herrn von Ribbentrop und dem, was er geäußert hat, wenn er unter dem Einfluß Hitlers war. Ich habe gestern bereits gesagt, daß er völlig unter seiner Hypnose gestanden hat und dann sein Werkzeug war.


[155] OBERST PHILLIMORE: Ja, er wurde sein Werkzeug, und von da an war er bereit, alles zu tun, was Hitler wollte, und war genau so ein fanatischer Nazi wie die anderen. Stimmt das nicht?


VON STEENGRACHT: Er hat die Befehle Hitlers blindlings befolgt.


OBERST PHILLIMORE: Jawohl, und bis zu dem Grade, daß er jeder Greueltat nachsah, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Da er keine Exekutive hatte, hat er diese Grausamkeiten persönlich nie begangen.


VORSITZENDER: Wünscht ein anderer Anklagevertreter den Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen?


OBERST AMEN: Sie haben gestern ausgesagt, daß Sie Ribbentrop nicht für einen typischen Nazi hielten. Stimmt das?

VON STEENGRACHT: Ja!


OBERST AMEN: Halten Sie Göring für einen typischen Nazi?


VON STEENGRACHT: Göring hat in allen Versammlungen gesprochen und hat für die Machtergreifung gekämpft und hat demgemäß ein ganz anderes Fundament in der Partei gehabt als Ribbentrop.


OBERST AMEN: Ich glaube, Sie können meine Frage mit Ja oder Nein beantworten. Wir wollen, soweit es geht, Zeit sparen.


VON STEENGRACHT: Jawohl!


OBERST AMEN: Halten Sie Göring für einen typischen Nazi auf Grund desselben Maßstabes, den Sie bei Ribbentrop anlegten? Ja oder nein?


VON STEENGRACHT: Diese Frage kann man so nicht beantworten mit Ja oder Nein. Ich bemühe mich überall...


OBERST AMEN: In Bezug auf Ribbentrop haben Sie doch auf diese Weise geantwortet, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Göring war eine Person eigener Art. Den kann ich nicht in den Rahmen der allgemeinen Nazis bringen, wie man das so schlechthin bezeichnet.

OBERST AMEN: Mit anderen Worten, Sie wissen nicht, ob Sie ihn für einen typischen Nazi halten oder nicht. Wollen Sie das dem Gerichtshof zu verstehen geben?


VON STEENGRACHT: Unter typischem Nazi versteht man den »Durchschnitts«-Nazi. Göring ist eine Person ganz eigener Art und in seiner Lebensgewohnheit kann man ihn auch nicht vergleichen mit den übrigen Nationalsozialisten.


OBERST AMEN: Gut! Sind Sie mit allen diesen Herren, die hier vor Ihnen auf der Anklagebank sitzen, bekannt?


[156] VON STEENGRACHT: Jawohl!


OBERST AMEN: Wollen Sie mir nun bitte sagen, welcher von diesen Herren Ihrer Ansicht nach ein typischer Nazi ist, und zwar auf Grund des Maßstabes, den Sie gestern bei Ribbentrop angelegt haben?


VORSITZENDER: Oberst Amen, ich will Ihr Kreuzverhör nicht unterbrechen, aber ich möchte sagen, daß zuviel Gelächter und Lärm im Gerichtssaal ist. Ich kann das nicht dulden. Fahren Sie mit Ihrem Kreuzverhör fort, Herr Oberst.


OBERST AMEN: Verstehen Sie meine letzte Frage?

Bitte, nennen Sie diejenigen der Angeklagten auf der Anklagebank, die Sie für typische Nazis halten, und zwar nach dem gleichen Maßstab, den Sie gestern bei Ribbentrop angelegt haben.


DR. HORN: Herr Präsident! Ich bin der Überzeugung, daß hier von dem Zeugen ein Urteil gefällt wird, das meines Erachtens zum Schluß der Verhandlung vom Gerichtshof gefällt werden sollte. Das ist ein Werturteil, das der Zeuge nicht beantworten kann.


OBERST AMEN: Dieser Einwand ist genau von dem gleichen Verteidiger gestern mit Bezug auf Ribbentrop vorgebracht worden.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof hält es für eine vollkommen passende Frage. Der Zeuge selbst hat den Ausdruck »typischer Nazi« gebraucht.


OBERST AMEN: Bitte, geben Sie uns nur die Namen und, wenn möglich, keine lange Erklärung.


VON STEENGRACHT: Ich habe gestern gesagt, daß ich unter »typischen Nazis« Leute verstehe, die mit dem Dogma und der Doktrin vertraut sind. Ich möchte heute hinzusetzen, daß ich unter »typischen Nazis« ferner die Leute verstehe, die in der Kampfzeit das nationalsozialistische Gedankengut vertreten haben und die Propagandisten des Nationalsozialismus waren. Bekannt ist das Buch von Rosenberg, bekannt ist Herr Frank als Vorsitzender der Akademie für Deutsches Recht, das sind eigentlich – Heß natürlich auch – und das sind Leute, die ich ganz besonders herausstellen will, weil sie durch ihre Schriften und so weiter und durch ihre Reden bekannt geworden sind; von Herrn von Ribbentrop wird niemand eine Wahlrede je gehört haben.


OBERST AMEN: Aber Sie beantworten nicht meine Frage. Soll ich annehmen, daß Ihrer Ansicht nach Rosenberg, Frank und Heß die einzigen sind, die Sie nach Ihren Maßstäben als typische Nazis bezeichnen?


VON STEENGRACHT: Ja, soll ich jetzt die Reihe der Angeklagten durchgehen und bei jedem ein Urteil abgeben?


[157] OBERST AMEN: Ja, absolut! Geben Sie mir die Namen. Nein, ich will nicht Ihre Meinung. Ich will wissen, wen Sie nach Ihren Maßstäben für einen typischen Nazi halten?


VON STEENGRACHT: Ja, den Maßstab habe ich vorhin bereits gesagt. Er dokumentiert sich darin, ob die Leute rückhaltlos das Gedankengut des Nationalsozialismus in Worten und in Versammlungen vertreten haben, und da habe ich die Prominenten genannt


OBERST AMEN: Und Sie halten all die anderen nicht für typische Nazis, stimmt das?


VON STEENGRACHT: Das habe ich nicht damit gesagt. Ich müßte dann die einzelnen durchgehen.


OBERST AMEN: Ich habe Sie doch schon dreimal darum gebeten, wollen Sie sie mir bitte einzeln nennen?


VON STEENGRACHT: Ich sehe da noch Herrn Sauckel. Herr Sauckel ist Gauleiter gewesen und war in der nationalsozialistischen Bewegung führend tätig; dann sehe ich den Reichsjugendführer, der die Hitler-Jugend erzogen hat.


OBERST AMEN: Wer noch, geben Sie mir nur die Namen, keine Kommentare, bitte.


VON STEENGRACHT: Ja, ich glaube, damit hätte ich die typischen Parteivertreter herausgestellt.


OBERST AMEN: Wie ist es mit Streicher?


VON STEENGRACHT: Den sehe ich hier nicht, sonst würde ich das bejaht haben.


OBERST AMEN: Mit anderen Worten, Sie halten auch ihn, »nach Ihren eigenen Maßstäben«, für einen typischen Nazi?


VON STEENGRACHT: Ja, aber seine Auswüchse bitte ich nicht allen Nationalsozialisten zuzuerkennen.


OBERST AMEN: Verstehe ich recht, daß Sie während Ihrer Zusammenarbeit mit Ribbentrop nichts von den Mordtaten, Quälereien, Aushungerungen und Tötungen in den Konzentrationslagern wußten?


VON STEENGRACHT: Ich wußte dadurch, daß sich ausländische Diplomaten an mich wandten, und dadurch, daß ich von Oppositionellen in Deutschland über die Konzentrationslager unterrichtet wurde, und aus der feindlichen Propaganda über das Bestehen und einen Teil der Methoden. Aber ich betone, nur einen Teil der Methoden. Über den gesamten Umfang und das Ausmaß habe ich erst in der Gefangenschaft hier Kenntnis erhalten.


OBERST AMEN: Wußten Sie, daß Geistliche in Konzentrationslagern gequält und getötet wurden und verhungern mußten, während Sie mit Ribbentrop zusammenarbeiteten?


[158] VON STEENGRACHT: Nein! Über die einzelnen Sachen, die dort passierten, habe ich nichts Genaues gehört und, wenn es bei Priestern geschehen wäre oder geschehen ist, so wäre für mich nur das authentisch gewesen, was der Nuntius oder der Vatikan an mich herangebracht hat, das ist aber nicht geschehen. Ich habe aber, trotzdem der Vatikan, wie ich gestern bemerkte, nicht zuständig war, in den meisten Fällen, mich aller Fälle angenommen, die auf humanitärer Sache beruhten, also alle humanitären Fälle habe ich behandelt und mich immer bemüht, sie erfolgreich zu behandeln. Ich bin in siebenundachtzig Fällen, in denen mein Tätigwerden mit dem Tode bedroht war, tätig geworden. Ich habe in Hunderten von Fällen eingegriffen und habe dadurch das Leben von Tausenden und Abertausenden gerettet oder doch verbessert.


OBERST AMEN: Wenn Sie sich in Ihren Antworten nicht unmittelbar auf meine Fragen beschränken, dann ist es sehr schwer, durchzukommen und Zeit zu sparen. Also wollen Sie sich bitte bemühen, meine Fragen mit Ja oder Nein zu beantworten, und Erklärungen so kurz wie möglich zu halten. Verstehen Sie?


VON STEENGRACHT: Ich verstehe vollkommen. Soweit ich das kann, werde ich das selbstverständlich tun.


OBERST AMEN: Wußten Sie, daß Nonnen in den Konzentrationslagern gequält, dem Hungertod ausgesetzt und getötet wurden, während Sie mit Ribbentrop zusammenarbeiteten?


VON STEENGRACHT: Nein!


OBERST AMEN: Sie wußten weder was mit den Geistlichen noch mit den Nonnen oder anderen Insassen der Konzentrationslager geschah, stimmt das?


VON STEENGRACHT: Ich habe ja gesagt, daß ich in Hunderten von Fällen, in denen der Nuntius zu mir kam, auch wenn es sich um Juden handelte, für die der Nuntius nicht zuständig war, und in Fällen, in denen der Nuntius tätig wurde für die polnischen Geistlichen, also auch ein Gebiet, für das er nicht zuständig war, trotzdem ich die strengste Weisung hatte, solche Fälle nicht entgegenzunehmen, die Fälle entgegengenommen habe, trotzdem der »Nacht- und Nebel-Erlaß« bestand, immer Auskunft gegeben habe, wenn ich irgendwelche Auskunft erhalten konnte. Andere Einzelheiten außer denen, die ich amtlich bekommen hatte, hatte ich nicht gehabt.


OBERST AMEN: Und wer hat Ihnen die Weisung gegeben, gegen diese Beschwerden nichts zu unternehmen?


VON STEENGRACHT: Diese Befehle gingen unmittelbar von Hitler aus und waren mir über Ribbentrop zugegangen.


OBERST AMEN: Woher wissen Sie das?


[159] VON STEENGRACHT: Ich habe gestern bereits gesagt, daß die zwei Noten, die vor meiner Zeit durch den Staatssekretär von Weizsäcker über Ribbentrop an Hitler gingen, von denen zurückgewiesen wurden mit dem Bemerken, es handle sich um plumpe Lügen, und im übrigen sei der Nuntius nicht zuständig; diese Noten sollten zurückgegeben werden, und in künftigen Fällen dürften derartige Dokumente nicht entgegengenommen werden. Außerdem durfte ein Gespräch nicht erörtert werden, und das galt nicht nur für den Nuntius, das galt überhaupt für alle Unzuständigkeiten, insbesondere auch, wenn ausländische Diplomaten intervenierten in Angelegenheiten, wo sie nicht zuständig waren.


OBERST AMEN: Sie wollen also dem Gerichtshof zu verstehen geben, daß Sie versuchten, Abhilfe gegen diese Beschwerden zu schaffen, während Ribbentrop nichts unternahm; stimmt das?


VON STEENGRACHT: Ich habe mich bemüht, die Fälle alle in eigener Zuständigkeit zu erledigen, die ich weisungsgemäß überhaupt nicht annehmen durfte. Wenn ein Fall da und dort doch von grundsätzlicher Bedeutung war oder dadurch das Leben von mehreren Menschen hätte gerettet werden können, habe ich mich immer an Ribbentrop gewandt. Ribbentrop hat in den meisten Fällen diese Sachen dann Hitler gegeben, nachdem wir eine neue Zuständigkeit konstruiert hatten, damit er nicht mit dem Einwand kommen konnte, daß der Nuntius nicht zuständig sei; und, nachdem das geschehen war, hat Hitler die Sachen entweder alle radikal abgelehnt oder er hat doch gesagt, die Sache müsse erst von der Polizei überprüft werden. Es entstand dann das groteske Bild, daß über eine humanitäre Angelegenheit oder eine Angelegenheit, die außenpolitisch unter allen Umständen gemacht werden mußte, nicht mehr der Außenminister entschied, sondern schließlich der Kriminalinspektor Meier oder Schulze, der lediglich zu erklären brauchte: »Im Interesse der Staatssicherheit unerwünscht«.


OBERST AMEN: Hat Ribbentrop die Befehle auf diese Beschwerden, nichts zu unternehmen, die, wie Sie sagen, vom Führer kamen, befolgt oder hat er sie nicht befolgt. Ja oder nein?


VON STEENGRACHT: Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil ich nicht weiß, wieviel Befehle er von Hitler bekommen hat und ob er in jedem Einzelfall den Befehl befolgt hat.


OBERST AMEN: Sie haben ausgesagt, daß Sie Befehle bekamen, nichts über diese Beschwerden des Vatikans zu unternehmen; stimmt das?


VON STEENGRACHT: Jawohl, und die habe ich nicht befolgt.


OBERST AMEN: Nun, ich frage Sie jetzt, ob Ribbentrop diese Befehle befolgte oder nicht?


[160] VON STEENGRACHT: Das war ja die höhere Instanz. Also, welche Befehle Hitler privat Ribbentrop gab, kann ich ja nicht mehr entscheiden, weil ich das nicht weiß.


OBERST AMEN: Von wem haben Sie Ihre Befehle bekommen?


VON STEENGRACHT: Von Ribbentrop.


OBERST AMEN: Ribbentrop hat während der Vernehmung ausgesagt, daß er nicht wußte, was in diesen Konzentrationslagern vor sich ging, bis der Führer wünschte, daß Luther ins Konzentrationslager gesteckt werde. Wissen Sie, wer Luther war?


VON STEENGRACHT: Jawohl.


OBERST AMEN: Wer war er, bitte?


VON STEENGRACHT: Luther war ein Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes, dem die Abteilung »Deutschland« unterstand.


OBERST AMEN: Und wann wurde er in ein Konzentrationslager gebracht?


VON STEENGRACHT: Das muß etwa im Februar 1943 gewesen sein.


OBERST AMEN: War es nicht tatsächlich so, daß Ribbentrop einen ganzen Schreibtisch voller Beschwerden vom Vatikan über die Morde und Greueltaten und das Verhungernlassen von Priestern und Nonnen hatte, die er niemals beantwortete, deren Empfang er nicht einmal bestätigte?


VON STEENGRACHT: Herr Anklagevertreter! Was vor dem Mai 1943 war, weiß ich nicht. Ich habe, solange ich Staatssekretär war, niemals eine Note nicht angenommen oder nicht beantwortet, ich habe vielmehr alle Noten angenommen und mich bemüht, wie ich vorhin gesagt habe, den Leuten zu helfen. Über die Verhältnisse vor meiner Dienstzeit kann ich keine Auskunft geben, weil ich es nicht weiß.


OBERST AMEN: Ich spreche nicht über diese Zeit, ich rede über die Zeitspanne unmittelbar vor und nach Ihrer Ernennung im Jahre 1943. Ich möchte Ihnen nunmehr aus einem...


VON STEENGRACHT: Es tut mir leid; ich würde Ihre Frage gerne beantworten, wenn ich darüber etwas wüßte. Zu meiner Zeit... Ich kann darüber nichts sagen, weil ich es nicht weiß.


OBERST AMEN: Gut, ich werde Ihnen aus Ribbentrops Verhör vorlesen und Sie fragen, ob das, was er sagt, Ihrer Erinnerung nach den Tatsachen entspricht.


VON STEENGRACHT: Ich möchte nur bemerken, bis Mai 1943 war ich politisch nicht tätig, so daß ich aus eigener Kenntnis dazu nichts sagen kann.


[161] OBERST AMEN: Gut, während ich Ihnen die Aussagen vorlese, werden Sie finden, daß sich das Verhör auf Mitteilungen bezieht, die in seinem Schreibtisch unbeantwortet und auf unbegrenzte Zeit liegen blieben. Hatten Sie Zugang zu Ribbentrops Schreibtisch? Wußten Sie, was darin war?


VON STEENGRACHT: Nein!


OBERST AMEN:

»Frage: Haben Sie vom Vatikan eine Mitteilung vom 2. März 1943 erhalten, worin Sie auf eine lange Liste aufmerksam gemacht wurden, auf der Verfolgungen von Bischöfen und Priestern, Verhaftungen, Erschießungen und andere Behinderungen in der Ausübung der Religionsfreiheit aufgezählt waren?

Antwort: Ich kann mich daran nicht erinnern, aber ich weiß, daß wir vom Vatikan Proteste erhielten, das heißt, wir hatten eine ganze Schublade voll von Protesten aus dem Vatikan.«

Stimmt das mit Ihrer Erinnerung überein?

VON STEENGRACHT: Ja, das war, ich muß leider wieder sagen, vor meiner Zeit, also ich kann das nicht wissen, ob Ribbentrop eine ganze Schublade voll von Sachen hatte.

OBERST AMEN: Wenn sie in seiner Schublade vom März bis zum Mai liegen blieben, dann würden Sie davon gewußt haben? Stimmt das nicht?


VON STEENGRACHT: Ich? Nein, ich bin nicht der Diener des Herrn von Ribbentrop gewesen, der seine Sessel oder seine Schubladen kontrolliert hat.


OBERST AMEN: Dann geht Ihre Aussage also dahin, daß Sie nichts über die Proteste vom Vatikan wußten, außer denen, die Sie schon erwähnt haben?


VON STEENGRACHT: Ich weiß über Proteste außer denen, die ich erwähnt habe, nichts. Ich betone nochmals, zu meiner Zeit habe ich alle angenommen und alle beantwortet.


OBERST AMEN: Ich will Ihnen weiter aus diesem Verhör vorlesen:

»Frage: Halben Sie diese Proteste des Papstes beantwortet?

Antwort: Ich glaube, es waren sehr viele, auf die wir nicht geantwortet haben, eine ganze Anzahl.«

Stimmt das mit Ihrer Erinnerung überein?

VON STEENGRACHT: Sicher stimmt das, denn das entsprach ja der Weisung, die ursprünglich gegeben war.

OBERST AMEN: Wessen Weisung?


VON STEENGRACHT: Hitlers Weisung.


[162] OBERST AMEN: Weisung an wen?

VON STEENGRACHT: Sicher an Ribbentrop.


OBERST AMEN: Und das waren die Befehle, die Sie, wie Sie sagen, heimlich verletzten, stimmt das?


VON STEENGRACHT: Die ich nicht befolgt habe, denn sonst hätte ich die Noten des Vatikans in all diesen Fällen, wo es sich nicht um seine Zuständigkeit drehte, selbst nicht annehmen dürfen, ebenso hätte ich nicht annehmen dürfen die Beschwerden des Schwedischen Gesandten über Mißhandlungen in Norwegen zum Beispiel, die ich aber auch angenommen habe.


OBERST AMEN: Ich fahre mit der Verlesung aus dem Verhör fort:

»Frage: Wollen Sie behaupten, daß Sie nicht einen Protest vom Vatikan gelesen haben, der auf Ihren Schreibtisch kam?

Antwort: Das ist wirklich wahr. Es ist so: der Führer nahm gegenüber diesen Vatikan-Angelegenheiten einen derartigen Standpunkt ein, daß von da an die Proteste mir nicht mehr übergeben wurden.«

Stimmt das, soweit Sie sich erinnern?

VON STEENGRACHT: Daß Ribbentrop die Proteste nicht mehr bekam? Ja, das ist richtig, das stimmt ja überein mit dem, was ich sagte, daß ich in allen diesen Fällen, wo wir sie grundsätzlich nicht annehmen konnten, versucht habe, sie in eigener Zuständigkeit zu erledigen, weil das gegen den Befehl war.

OBERST AMEN: Und beim Lesen dieser Beschwerden des Vatikans, die nicht beantwortet wurden, haben sowohl Sie als auch Ribbentrop genau Kenntnis davon erhalten, was in den Konzentrationslagern vor sich ging. Stimmt das?

VON STEENGRACHT: In diesen Noten stand niemals etwas darüber darin – die ich gesehen habe – stand niemals etwas über die Behandlung darin, sondern es handelte sich lediglich darum, daß Beschwerden erhoben wurden, weshalb überhaupt das Todesurteil gefällt worden ist, oder weshalb überhaupt der Geistliche eingesperrt wurde, oder ähnliche Fälle, oder die Schließung von Kirchen und ähnlichen Geschichten.


OBERST AMEN: Ich will die Zeit des Gerichtshofs nicht damit verschwenden, um Ihnen die Dokumente zu verlesen, die schon als Beweismittel vorliegen. Ich verweise auf 3261-PS, 3262-PS, 3264-PS, 3267-PS, 3268-PS, 3269-PS. In diesen Dokumenten – Verzeihung, 3269-PS liegt nicht als Beweismittel vor. Aber in diesen Dokumenten, Herr Zeuge, werden alle Einzelheiten der zahlreichen Einzel- und Kollektivfälle aufgeführt über gerade das, was in den [163] Konzentrationslagern vor sich ging. Sie sagen, Sie waren mit keiner dieser Sachen vertraut?


VON STEENGRACHT: Herr Anklagevertreter! Das habe ich, glaube ich, nicht so ausgedrückt. Ich habe mich dahingehend ausgelassen, daß ich sagte, alles, was mir von den ausländischen Diplomaten mitgeteilt wurde, weiß ich selbstverständlich über die Fälle; also, wenn das zu meiner Zeit gekommen ist mit Einzelangaben, so kenne ich das natürlich auch. Das habe ich nie bestritten.


VORSITZENDER: Was Sie sagten, Herr Zeuge, war – wenigstens so habe ich es niedergeschrieben und verstanden, was Sie sagten – war, daß niemals etwas über die Behandlung in den Konzentrationslagern in den Noten erwähnt wurde.


VON STEENGRACHT: Ich habe bei der Frage vorher aber erwähnt, bei der generellen Frage, ob ich über die Zustände in Konzentrationslagern und die Mißhandlungen orientiert war, gesagt, daß all das, was mir von ausländischen Diplomaten, von Leuten der Opposition mitgeteilt worden ist, und was ich aus den fremden Zeitungen kannte, bekannt war; also, wenn die Dokumente Einzelheiten enthalten zu meiner Zeit, so weiß ich das auch. Aber darf ich fragen, von wann diese Dokumente sind?


OBERST AMEN: Es gibt viele Dokumente mit vielen Daten, die wir hierherbringen könnten. Aber wir wollen die Zeit des Gerichtshofs nicht zu sehr dafür in Anspruch nehmen. Was ich gern wissen möchte, ist, ob Sie und Ribbentrop nicht alles über die Morde, Quälereien, Aushungerungen und Tötungen wußtet die in den Konzentrationslagern verübt wurden, und die Gegenstand ständiger und andauernder Proteste vom Vatikan waren, von denen Ribbentrop ausgesagt hat, daß sie weder gelesen noch bestätigt wurden. Haben Sie das verstanden, Herr Zeuge?


VON STEENGRACHT: Das habe ich verstanden. Ich wußte von den Mißhandlungen in den Konzentrationslagern in dem Umfange und der bestialischen Art, wie ich sie hier gehört habe, bisher Überhaupt nichts. Ich muß mich energisch dagegen verwahren, daß ich damals durch den Vatikan solche Sachen erfahren hätte. Auch bin ich überzeugt, daß Herr von Ribbentrop von den Einzelheiten, die man jetzt hier gehört hat, und wie sie auch im Film vorgeführt worden sind, keine Ahnung hatte.


OBERST AMEN: Ist es nicht Tatsache, Herr Zeuge, daß Sie alles, bis zu den letzten Einzelheiten hätten wissen können, was in den Konzentrationslagern vorging, wenn Sie irgendeinen dieser Proteste des Vatikans verfolgt hätten, von denen Ribbentrop aussagte, daß sie ignoriert wurden? Ja oder nein?


VON STEENGRACHT: Nein, das stimmt nicht. Ich habe gestern bereits gesagt, daß sich ein Schlüssel dafür vielleicht findet in der [164] Rede, die Himmler gehalten hat am 3. Oktober 1943, indem er gesagt hat, daß die Judenaktionen und KZ-Angelegenheiten genau so geheimzuhalten seien, wie die Aktion des 30. Juni 1934. Und da wird Ihnen die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes bestätigen, daß sie bis vor ganz kurzem überhaupt nichts von den Ereignissen erfahren konnte. Und, wenn ich mich an den Gruppenführer Müller oder andere Personen wandte, da habe ich immer die Auskunft bekommen, daß in den Konzentrationslagern alles in hervorragender Weise funktionierte und von Mißhandlungen nicht die Rede sein könne. Ich habe dann darauf bestanden, daß die Ausländer, insbesondere das Rote Kreuz, ein Konzentrationslager besichtigen, und zwar wurde das Dänische Rote Kreuz in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Nachdem diese Besichtigung stattgefunden hatte, das war ein Judenlager, ist der Dänische Gesandte zu mir gekommen und hat mir erklärt, daß wider Erwarten dort alles günstig sei. Ich habe ihm mein Erstaunen darüber ausgedrückt, und er hat mir gesagt: »Jawohl, unsere Leute sind dagewesen, dort ist ein Theater gewesen, eigene Polizei, eigene Sanitätshäuser, eigenes Geld, die Sache ist gut.« Ich hatte also wohl keinen Grund, daran zu zweifeln, daß es so ist. Ich selbst konnte aber von irgendeiner deutschen Stelle kein Bild darüber bekommen, denn sie hätten sich sicherlich gefürchtet, einem Manne des Auswärtigen Amtes etwas darüber mitzuteilen. Ich möchte aber nochmals betonen, daß wir von den Grausamkeiten und den Sachen wirklich keine Ahnung hatten.


OBERST AMEN: Warum in aller Welt sollten sie Angst haben, das Auswärtige Amt über diese Greueltaten zu unterrichten? Hat das Auswärtige Amt jemals etwas getan, sie abzuschrecken?


VON STEENGRACHT: Wir haben in allen Angelegenheiten, die gegen das Völkerrecht verstießen, uns bemüht, die Sache auf dem einen oder anderen Wege dem Roten Kreuz zur Kenntnis zu bringen. Wir haben dieses insbesondere in allen Kriegsgefangenenfällen getan, und wenn irgend etwas uns nicht in Ordnung schien, haben wir von uns aus den Schweizer Delegierten aufmerksam gemacht, »wende Dich einmal an die Stelle und sieh zu, was los ist«, und auch in diesem Falle, wenn ich mich an den Schweizer gewandt hätte und ihm unter der Hand gesagt hätte, der und der Fall ist in dem KZ vorgekommen, dann hätte die Schweiz und das Rote Kreuz sich wahrscheinlich eingemischt, und dann hätte es doch immerhin unangenehme Maßnahmen geben können.


VORSITZENDER: Oberst Amen! Ich glaube, wir sollten zehn Minuten Pause eintreten lassen.


OBERST AMEN: Ich habe nur noch ein paar Fragen.

[Pause von 10 Minuten.]


[165] OBERST AMEN: Hat Ribbentrop, soweit Ihnen bekannt ist, nachdem er diese Schublade voll Beschwerden vom Vatikan erhalten hatte, die er weder las noch bestätigte, irgend etwas unternommen oder irgendwelche Schritte getan, um festzustellen, ob diese Beschwerden berechtigt und zutreffend waren, oder hat er nichts getan?

VON STEENGRACHT: Über die Beschwerden, die vor meiner Zeit lagen, habe ich keinerlei Ahnung.


OBERST AMEN: Ich frage Sie über irgendwelche Beschwerden, die jemals vom Vatikan einliefen, die jemals in Ihre Hände gelangten, mit besonderer Beziehung natürlich auf jene Schublade voll, über die Ribbentrop selbst ausgesagt hat. Wissen Sie von irgendwelchen Schritten, die jemals von Ribbentrop unternommen wurden in Verbindung mit den Beschwerden aus dem Vatikan über die Greueltaten in den Konzentrationslagern? Versuchen Sie bitte, mit Ja oder Nein zu antworten.


VON STEENGRACHT: Soweit ich mich erinnern kann, hat er Beschwerden dieser Art bei Gelegenheit Hitler gegeben und dann den Befehl von Hitler abgewartet.


OBERST AMEN: Gut! Und als Hitler ihm sagte, diesen Beschwerden überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken, tat er natürlich, wie gewöhnlich, genau, was der Führer ihm sagte, nämlich nichts. Ist das richtig, soweit Sie es wissen?


VON STEENGRACHT: Ja; er hat die Befehle Hitlers befolgt.


OBERST AMEN: Und hat nichts getan?


VON STEENGRACHT: Wenn die Befehle so lauteten, hat er nichts getan, ja.


OBERST AMEN: Haben Sie dem Gerichtshof nicht gesagt, die Führerbefehle lauteten, daß er diesen Beschwerden keine Beachtung schenken solle? Ja oder nein?


VON STEENGRACHT: Jawohl!


OBERST AMEN: Und deswegen sage ich, Ribbentrop hat, wie gewöhnlich, nichts auf die Beschwerden hin getan, nachdem der Führer ihm befohlen hatte, sie nicht zu beachten. Stimmt das?


VON STEENGRACHT: Ich habe diese Frage nicht ganz verstehen können.


OBERST AMEN: Ich sage, nachdem Ribbentrop vom Führer die Weisung bekommen hatte, diese Beschwerden vom Vatikan nicht zu beachten, hat er, wie üblich, das getan, was ihm gesagt wurde, nämlich gar nichts.


VON STEENGRACHT: Das nehme ich an bis auf die Fälle, wo er es dennoch wieder versuchte und dann dieselbe Antwort gekriegt hat. Ich weiß auch, daß er sich einmal an Himmler gewandt und [166] grundsätzlich darum gebeten hat, daß diese Judenaktionen nicht durchgeführt werden, und er einen Vorschlag unterbreitet hat, die Judenkinder und -frauen, ich glaube, England und Amerika zur Verfügung zu stellen.


OBERST AMEN: Und Sie wissen auch, welche Antwort er auf diesen Vorschlag bekommen hat, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Ich kenne diese Antwort nicht.


OBERST AMEN: Sie wissen genau Bescheid, daß eine derartige Sache niemals durchgeführt wurde, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Daß es niemals durchgeführt wurde? Ich habe die Frage nicht verstanden.


OBERST AMEN: Der Vorschlag, den, wie Sie sagen, Ribbentrop Himmler gegenüber gemacht hat, dieser Vorschlag wurde niemals durchgeführt, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Ich verstehe nicht, wieso nicht durchgeführt. Soviel ich weiß, hat Ribbentrop sich damals direkt an das Ausland gewandt. Ich weiß aber auch nicht, welche Antwort er damals bekommen hat, wenigstens nicht detailliert.


OBERST AMEN: Soviel Sie wissen, ist bei diesem Vorschlag nichts herausgekommen, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Nein, es ist nichts herausgekommen.


OBERST AMEN: Und, Sie wissen doch, daß Ribbentrop und Himmler nicht sehr gut miteinander standen, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Ja!


OBERST AMEN: Das war allen eine bekannte Tatsache, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Ja; die Feindschaft wurde immer größer im Laufe der Zeit.


OBERST AMEN: Ist Ihnen bekannt, daß Ribbentrop jeden Tag Brom eingenommen hat?


VON STEENGRACHT: Das weiß ich nacht. Er hatte...


OBERST AMEN: Sie haben ihn niemals etwas einnehmen sehen?


VON STEENGRACHT: Das kann sein, das weiß ich nicht.


OBERST AMEN: Haben Sie jemals gesehen, daß er Brom einnahm, oder hat er Ihnen jemals gesagt, daß er es einnahm?


VON STEENGRACHT: Ja, doch, ich erinnere mich jetzt, daß er irgendwelche rote Geschichten da nahm, aber ich habe nicht besonders darauf geachtet.


VORSITZENDER: Sind wir irgendwie daran interessiert, ob er Brom einnahm oder nicht?


[167] OBERST AMEN: Jawohl, Euer Lordschaft, wir sind es, denn in seinen Verhören sagte er aus, daß sein Gedächtnis in Bezug auf viele dieser Ereignisse gelitten oder durch den übermäßigen Gebrauch dieser Medizin getrübt wurde.


VORSITZENDER: Gut!


OBERST AMEN: Nun, Zeuge, sind Sie einmal eingesperrt gewesen an einem Orte, der als »Mülleimer« bekannt war?


VON STEENGRACHT: In einem Mülleimer?


OBERST AMEN: In der Nähe von Luxemburg.

VON STEENGRACHT: In einem Mülleimer? Ich kann mich nicht daran erinnern.


OBERST AMEN: In der Nähe von Luxemburg.


VON STEENGRACHT: In einem Mülleimer eingesperrt? – Nein, ich erinnere mich nicht.


OBERST AMEN: Wo wurden Sie eingesperrt, nachdem Sie gefangengenommen waren?


VON STEENGRACHT: In Mondorf.


OBERST AMEN: Auf wie lange?


VON STEENGRACHT: In Mondorf, insgesamt elf Wochen.


OBERST AMEN: Und waren zu jener Zeit viele der hier Angeklagten ebenfalls dort eingesperrt?


VON STEENGRACHT: Ja.


OBERST AMEN: Konnten Sie sich, während Sie dort waren, mit einigen der Insassen unterhalten?


VON STEENGRACHT: Jawohl!


OBERST AMEN: Und Sie hatten von Zeit zu Zeit auch solche Unterhaltungen, nicht wahr?


VON STEENGRACHT: Ja! Ich war nicht die ganze Zeit mit ihnen zusammen, weil ich in ein anderes Lager kam.


OBERST AMEN: Nun, machten Sie während Ihrer Unterhaltungen mit dem einen oder anderen der dortigen Insassen die Bemerkung, die ich Ihnen sogleich vorlesen werde, und zwar wörtlich oder dem Sinne nach? Verstehen Sie meine Frage? »Ribbentrop hat überhaupt keinen Anstand und kein Wahrheitsgefühl. Er hat überhaupt keinen Begriff davon.« Antworten Sie bitte Ja oder Nein. Haben Sie das gesagt, Zeuge? Haben Sie das gesagt?


VON STEENGRACHT: Ich wäre dankbar, wenn ich das nochmals genau hören könnte, was ich da gesagt haben soll.


OBERST AMEN: Beachten Sie bitte, ich frage Sie, ob Sie sich wörtlich oder dem Sinne nach so geäußert haben. Verstehen Sie das?


[168] VON STEENGRACHT: Ich habe die deutsche Übersetzung Ihrer Frage nicht genau verstanden.


OBERST AMEN: Verstehen Sie es jetzt?


VON STEENGRACHT: Ich verstehe nicht, die deutsche Übersetzung habe ich nicht genau verstanden.


OBERST AMEN: Ja, aber Sie verstehen meine Frage, nämlich, daß Sie mir sagen sollen, ob Sie genau die Worte gebraucht haben oder ähnliche Worte. Ich will es Ihnen noch einmal vorlesen. Verstehen Sie?


VON STEENGRACHT: Ja, ich wäre Ihnen dankbar.


OBERST AMEN: »Ribbentrop hat überhaupt keinen Anstand und kein Wahrheitsgefühl, er hat überhaupt keinen Begriff davon.«


VON STEENGRACHT: Ich kann mich nicht erinnern, daß ich eine derartige Äußerung getan habe; ich müßte wissen, wem gegenüber ich sie gemacht haben soll.


OBERST AMEN: Leugnen Sie, diese Aussage gemacht zu haben, oder können Sie sich nur nicht erinnern, ob Sie das gesagt haben oder nicht?


VON STEENGRACHT: Ich kann mich nicht erinnern, daß ich das gesagt habe.


OBERST AMEN: Ist es möglich, daß Sie es gesagt haben?


VON STEENGRACHT: Es mag sein, daß ich in irgendeinem Zusammenhang eine derartige Äußerung getan habe.


OBERST AMEN: Sehr gut!


VORSITZENDER: Wünscht noch jemand von der Anklagebehörde irgendwelche Fragen zu stellen?

STAATSJUSTIZRAT III. KLASSE, GENERALMAJOR N. D. ZORYA, HILFSANKLÄGER FÜR DIE SOWJETUNION: Um Zeit zu sparen, möchte ich mich nur auf einige Fragen beschränken. Soweit ich die Übersetzung Ihrer gestrigen Ausführungen verstanden habe, sagten Sie, daß außer dem Auswärtigen Amt auch noch andere Leute und andere Behörden die deutsche Außenpolitik beeinflußten.


VON STEENGRACHT: Ja!


GENERALMAJOR ZORYA: Sagen Sie, wer von den Angeklagten, die Sie hier sehen, hat in irgendeiner Art die Außenpolitik Deutschlands zu beeinflussen versucht und sie tatsächlich beeinflußt?


VON STEENGRACHT: Die Außenpolitik wurde selbstverständlich nach Beginn des Krieges....


GENERALMAJOR ZORYA: Ich bitte Sie, nicht große Erklärungen über die Außenpolitik Deutschlands zu geben, sondern nur genau auf meine Frage zu antworten, wer von den Angeklagten [169] in diesem Prozeß die Außenpolitik zu beeinflussen versuchte und diese beeinflußt hat?


VON STEENGRACHT: Die grundsätzlichen Richtlinien der Außenpolitik wurden ausschließlich von Hitler gemacht. Die Tatsache, daß wir viele Länder besetzt hatten und in diesen verschiedenen Ländern die verschiedensten Stellen besetzt hatten...


GENERALMAJOR ZORYA: Das wissen wir alles bereits. Ich bitte Sie, mir namentlich zu sagen, wer von den Angeklagten in diesem Prozeß die deutsche Außenpolitik zu beeinflussen versuchte und diese beeinflußte. Verstehen Sie meine Frage?


VON STEENGRACHT: Die Außenpolitik in großem Rahmen hat, wie ich gestern schon gesagt habe, Hitler allein gemacht; es haben aber die Leute, die auf den speziellen Gebieten eingesetzt waren, natürlich in der einen oder anderen Richtung einen Einfluß ausgeübt. Also wer zum Beispiel einen Sonderauftrag für die Polizei hatte, hat Polizeimaßnahmen durchgeführt; wer Arbeiterfragen zu erledigen hatte, hat Arbeitersachen durchgeführt. Dasselbe gilt für die anderen Sektoren auch.


GENERALMAJOR ZORYA: Sie haben wieder auf meine Frage nicht geantwortet. Unabhängig von den Ausmaßen dieses Einflusses bitte ich Sie, mir anzugeben, wer von den Angeklagten in diesem Verfahren, abgesehen von den Mitgliedern des Auswärtigen Amtes, irgendwie die Außenpolitik Deutschlands zu beeinflussen versuchte und beeinflußt hat?


VON STEENGRACHT: Ich nehme an, daß Sie diese Frage in Bezug auf Rußland stellten; da das Auswärtige Amt seit dem Einmarsch der deutschen Truppen gegenüber Rußland nicht mehr zuständig war...


GENERALMAJOR ZORYA: Ich ersuche Sie, genau meine Frage zu verstehen und mir zu antworten: Wer von den Angeklagten hat die Außenpolitik Deutschlands beeinflußt und zu beeinflussen versucht, obwohl er keine unmittelbaren Beziehungen dazu hatte, und in welcher Weise ist das geschehen?


VON STEENGRACHT: Ja, gegenüber Rußland war das Ostministerium zuständig für diese Fragen.


GENERALMAJOR ZORYA: Nein, nicht in Bezug auf Rußland.


VON STEENGRACHT: In Norwegen hat Terboven die Politik gemacht. Ganz natürlich hat er Hitler in seiner Stellung zu Norwegen und norwegischen Problemen beeinflußt. Ebenso haben die einzelnen Chefs der Verwaltungen in den einzelnen Ländern, je nachdem, wie weit sie mit ihren Berichten an Hitler herankamen, Einfluß ausgeübt.


[170] VORSITZENDER: Wir wollen von Ihnen keine Reden, sondern Antworten auf die Fragen. Sie sind nicht gefragt worden, wer die Außenpolitik beeinflußt hat, sondern welcher der Angeklagten das getan hat. Sie können sagen, keiner oder dieser oder jener. Sie müssen diese Frage doch beantworten können.

VON STEENGRACHT: Also, ich möchte annehmen, daß Rosenberg über Rußland etwas zu sagen hatte, Frank über Polen etwas zu sagen hatte, Seyß-Inquart über Holland etwas zu sagen hatte. Andere Angelegenheiten betrafen nur spezielle Sektoren. Natürlich hatte die SS etwas zu sagen gehabt, die Wehrmacht etwas zu sagen gehabt und sonst die verschiedenen anderen Stellen, und die haben natürlich dann alle einen gewissen Einfluß ausgeübt, einen gewissen aber nur. Die grundsätzliche Politik wurde nur von Hitler gemacht.


GENERALMAJOR ZORYA: Würden Sie nicht in diesem Zusammenhang den Namen Göring erwähnen?


VON STEENGRACHT: Göring führte den Vierjahresplan aus und hatte in dieser Eigenschaft natürlich auch auf Rußland gewissen Einfluß ausgeübt.


GENERALMAJOR ZORYA: Worin bestand dieser Einfluß?


VON STEENGRACHT: Ja, da muß ich wieder sagen, daß ich und das Auswärtige Amt mit Rußland nichts zu tun hatten und uns streng verboten war, uns überhaupt in russische Angelegenheiten zu mischen. Auch auf dem Gebiet der Propaganda und Presse durften wir in keiner Weise tätig werden. Daher bin ich gerade über russische Angelegenheiten besonders schlecht orientiert.


GENERALMAJOR ZORYA: Hat der Angeklagte Göring noch auf andere Fragen, außer der russischen, irgendwelchen Einfluß gehabt?


VON STEENGRACHT: Diese Frage habe ich im Deutschen nicht verstanden.


GENERALMAJOR ZORYA: Hat Göring außer der russischen Frage andere außenpolitische Fragen irgendwie beeinflußt?


VON STEENGRACHT: Ich möchte sagen, daß er auf Hitler bis zum Jahre 1938 einen außenpolitischen Einfluß sicher ausgeübt hat.


GENERALMAJOR ZORYA: Sie haben in Ihren Aussagen ausgeführt, daß sich das Auswärtige Amt im Juli 1944 auch in die Vorbereitung des antijüdischen Kongresses, der in Krakau zusammenberufen werden sollte, eingeschaltet halte. Ich ersuche Sie, kurz zu antworten: Ja oder nein.


VON STEENGRACHT: Ja!


GENERALMAJOR ZORYA: Ist Ihnen bekannt, wer als Ehrenmitglied für diesen Kongreß vorgemerkt war?


[171] VON STEENGRACHT: Wahrscheinlich waren es viele, unter anderen auch Ribbentrop, soviel ich mich heute noch erinnere.


GENERALMAJOR ZORYA: Wer noch von den Angeklagten?


VON STEENGRACHT: Das kann ich bei bestem Wissen nicht sagen. Soweit ich mich erinnere, Rosenberg und eine große Anzahl von anderen führenden Leuten; ich kann mich an die Namen aber nicht mehr erinnern. Aber darüber gibt es natürlich Schriften, so daß das ohne weiteres festzustellen ist.


GENERALMAJOR ZORYA: Hat Ribbentrop versucht, in irgendeiner Form dagegen Einspruch zu erheben, daß sein Name in die Liste der Ehrenmitglieder einbezogen wurde?


VON STEENGRACHT: Soviel ich mich erinnere, hat er sehr ungern diesen Posten übernommen; aber ich glaube nicht, daß er die Absicht hatte, die Sache wirklich irgendwie aktiv zu betreiben.


GENERALMAJOR ZORYA: Soweit ich Sie verstanden habe, haben Sie vor kurzem ausgesagt, daß Ribbentrop und Himmler einander feindlich gegenüberstanden.


VON STEENGRACHT: Ja, schlechte Beziehungen.

GENERALMAJOR ZORYA: Können Sie mir sagen, bestand zwischen Ribbentrop und Himmler ein Arbeitskontakt; haben Sie diesen Kontakt in irgendeinem Bereich ihrer Arbeit aufrechterhalten?


VON STEENGRACHT: Eigentlich bestand kein Arbeitskontakt, wie man das in einem wohlorganisierten Staat für richtig gehalten hätte. Natürlich gab es ab und zu mal irgendwo Angelegenheiten, die den einen und anderen betrafen, und sie hatten insofern Kontakt, ja.


GENERALMAJOR ZORYA: In welcher Form und worin bestand dieser Arbeitskontakt?


VON STEENGRACHT: Er bestand eigentlich nur darin, daß Ribbentrop oder Himmler sich alle paar Monate mal sahen. Darüber hinaus hatten wir vom Auswärtigen Amt einen Verbindungsmann zum Reichsführer-SS Himmler.


GENERALMAJOR ZORYA: Wie können Sie denn das erklären, wo Sie doch von den schlechten Beziehungen zwischen Himmler und Ribbentrop sprachen?


VON STEENGRACHT: Ich nehme an, daß Sie die zweite Frage, die ich beantwortet habe, doch meinen. Es ist doch in jedem normalen Staat so gewesen, daß die Herren Minister sich wenigstens einmal im Jahr gesehen hätten und untereinander ihre Gedanken ausgetauscht hätten. Das ist aber nicht erfolgt, denn, wie wir heute [172] schon hinlänglich gehört haben, haben sich die Materien sehr weitgehend überschnitten, und die Tätigkeit eines Mannes hat die Tätigkeit des anderen doch sehr berührt. So mußte, ob man wollte oder nicht, eine Verbindung hergestellt werden.


GENERALMAJOR ZORYA: Habe ich Sie richtig verstanden, daß sich Himmler und Ribbentrop nicht einmal trafen?


VON STEENGRACHT: Sie trafen sich vielleicht alle drei Monate einmal. Es kann auch alle vier Monate gewesen sein, und sie trafen sich meistens nur dann, wenn sowohl Himmler wie Ribbentrop zufällig bei Hitler waren.


GENERALMAJOR ZORYA: Und es gab keine besonderen Zusammenkünfte, keine amtliche Berührung zwischen ihnen?


VON STEENGRACHT: Eigentlich nicht.


GENERALMAJOR ZORYA: Ich werde bitten, daß man Ihnen das Dokument USSR-120 vorlegt, welches von dem Gerichtshof bereits als Beweisstück angenommen wurde.


VORSITZENDER: Welche Nummer haben Sie angegeben?

GENERALMAJOR ZORYA: USSR-120.


[Zum Zeugen gewandt:]


Wie Sie sehen, handelt es sich um eine Vereinbarung zwischen Himmler und Ribbentrop, die Organisation des Nachrichtendienstes. Sind Sie mit dieser Vereinbarung vertraut?

VON STEENGRACHT: Jawohl!

GENERALMAJOR ZORYA: Scheinbar war der Kontakt zwischen Himmler und Ribbentrop viel enger, als Sie hier zu beschreiben versuchen?


VON STEENGRACHT: Ich glaube nicht, Herr Vertreter der Anklage, daß ich Ihnen einen anderen Eindruck geben wollte als er tatsächlich bestand. Dies bezieht sich hier auf den Befehl Hitlers vom 12. Februar 1944. Auf Grund dieses Befehls hatte Himmler für sich in Anspruch genommen die gesamte Tätigkeit im Auslande, ohne Beteiligung des Auswärtigen Amtes, und er hat im Ausland, nachdem er der Nachfolger von Canaris geworden war, mit diesem Befehl eine überragende Stellung bekommen. Und, wenn das Auswärtige Amt nicht versucht hätte, in der einen oder anderen Weise in einen Kontakt mit dieser Organisation zu kommen, dann hätte das Auswärtige Amt auch im Ausland überhaupt keinen Einfluß mehr gehabt. Um dieses Dokument haben wir außerordentlich kämpfen müssen, denn auf Grund dieses Dokuments war Himmler erstmalig verpflichtet, die Nachrichten, die er nach Deutschland brachte, auch uns zugänglich zu machen, sonst brachte er die Meldungen herein, ohne uns zu verständigen. Das war der Grund, [173] weshalb wir dieses Arbeitsübereinkommen schlossen. Es ist aber, soviel ich mich erinnere, praktisch gar nicht mehr in Kraft getreten, weil der Befehl von Hitler am 12. Februar 1944 erging und wir uns bis Februar 1945 noch nicht geeinigt hatten. Dann ist es allmählich zustandegekommen. So ungefähr muß das Datum liegen. Also, es hat immerhin eine recht lange Zeit gedauert.


GENERALMAJOR ZORYA: Sie sagen, daß dieses Übereinkommen überhaupt nicht in Kraft getreten ist?


VON STEENGRACHT: Das sage ich nicht. Ein Übereinkommen tritt dann in Kraft, in dem Augenblick, wo es unterzeichnet wird. Aber es ist nicht mehr praktisch geworden oder kaum mehr praktisch geworden.


GENERALMAJOR ZORYA: Ich glaube, wir werden uns mit Ihrer Antwort zufriedengeben müssen und können nunmehr auf andere Fragen übergehen: Kamen Sie jemals mit Kaltenbrunner in Berührung?


VON STEENGRACHT: Ob ich mit Kaltenbrunner in Berührung gekommen bin. Ja!


GENERALMAJOR ZORYA: In welchen Fragen?


VON STEENGRACHT: Ich habe mich gerade bei den Fragen, die der Nuntius zum Beispiel an mich gerichtet hat, von Leuten auch, die auf Grund des »Nacht-und-Nebel-Erlasses« aus dem Auslande deportiert waren, und in denen wir keine Auskunft geben durften, häufig privat an Kaltenbrunner gewandt und habe Kaltenbrunner darauf hingewiesen, daß dieser Erlaß unmenschlich sei. Kaltenbrunner hat mir dann häufig aus Gefälligkeit Auskunft gegeben, und ich habe, entgegen den bestehenden Befehlen, diese Auskunft dem Auslande weitergegeben, weil ich das humanitär für richtig hielt. Das waren die Hauptberührungspunkte, die ich mit Kaltenbrunner hatte.


GENERALMAJOR ZORYA: Hatten Sie insbesondere ein Gespräch mit ihm über dänische Polizisten, die von der Gestapo ohne jede Anschuldigung in Konzentrationslager eingesperrt wurden? Ich bitte Sie, mir mit Ja oder Nein zu antworten.


VON STEENGRACHT: Ja!


GENERALMAJOR ZORYA: In einem Verhör sagten Sie aus, es war in einem Verhör von seiten der Amerikanischen Anklagevertretung, daß, obwohl diese dänischen Polizisten schließlich nach Dänemark zurückgebracht wurden, sie sehr schlecht behandelt worden sind.


VON STEENGRACHT: Ja!


GENERALMAJOR ZORYA: Worin bestand diese schlechte Behandlung?


[174] VON STEENGRACHT: Ich erfuhr damals, ich glaube, durch den Dänischen Gesandten, daß 1600 dänische Polizisten...


GENERALMAJOR ZORYA: Ich bitte Sie, sich kurz zu fassen. Worin bestand die schlechte Behandlung, der die dänischen Polizisten in einem Konzentrationslager ausgesetzt waren, in das sie ohne konkrete Beschuldigung eingesperrt wurden?


VON STEENGRACHT: Ja, man hatte diese Polizisten aus Dänemark abtransportiert. Wie ich davon erfuhr, bin ich am selben Tage zu Kaltenbrunner hingegangen und habe ihn gebeten, diese Leute unter allen Umständen als Zivilinternierte oder als Kriegsgefangene zu behandeln.


GENERALMAJOR ZORYA: Ich bitte um Entschuldigung, aber meine Frage haben Sie noch nicht beantwortet. Worin bestand die schlechte Behandlung dieser dänischen Polizisten?

VON STEENGRACHT: Ich nehme aber an, daß Sie wissen wollen, ob Kaltenbrunner persönlich nicht dafür verantwortlich ist, und dazu mußte ich Ihnen das andere sagen. Ich bin...


VORSITZENDER: Wollen Sie bitte die Frage beantworten? Sie wurde wiederholt. Die Frage lautet: Worin bestand die schlechte Behandlung? Entweder Sie wissen es oder nicht. Wenn Sie es wissen, dann können Sie es sagen.


VON STEENGRACHT: Es sind von den Häftlingen, soviel ich mich erinnere, ungefähr zehn Prozent gestorben.


GENERALMAJOR ZORYA: Das ist alles, was Sie über diese Frage berichten können?


VON STEENGRACHT: Über Einzelheiten der schlechten Behandlung ist mir dänischerseits mitgeteilt worden, daß die Leute ihre Uniform nicht behalten durften und KZ-Kleidung bekamen, daß diese KZ-Kleidung zu dünn war und die Leute häufig an Lungenentzündung umkamen, auch daß die Ernährung nicht hinreichend war. Mehr habe ich damals nicht erfahren. Auch hätten sie wohl Schläge bekommen.


GENERALMAJOR ZORYA: Sagen Sie bitte, kamen Sie irgendwann mit der Tätigkeit Sauckels in Berührung?


VON STEENGRACHT: Mit der Tätigkeit Sauckels nur insofern, als wir uns dagegen wandten, daß aus dem Auslande soviele Leute zwangsweise nach Deutschland gebracht wurden.


GENERALMAJOR ZORYA: Erinnern Sie sich nicht an eine Besprechung, an der Sauckel teilnahm, und bei welcher auch Sie anwesend waren? Sie haben über diese Konferenz im Laufe eines Verhörs, das vor diesem Prozeß stattfand, ausgesagt.


VON STEENGRACHT: Ja!


[175] GENERALMAJOR ZORYA: Erinnern Sie sich, daß Sie bei diesem Verhör folgendes ausgesagt haben: »Die Maßnahmen jedoch, die man in Rußland und in anderen Ländern bei der Aushebung der Menschen anwandte, spotten jeder Beschreibung.«


VON STEENGRACHT: Ich habe das in der Sitzung... Ich habe die Frage nicht verstanden.


GENERALMAJOR ZORYA: Sie haben beim Verhör am 28. September 1945 ausgesagt; ich zitiere wörtlich: »Die Maßnahmen jedoch, die sie bei der Aushebung der Menschen in Rußland und ähnlichen Ländern angewandt haben, spotten jeder Beschreibung.«


VON STEENGRACHT: Ich stehe zu dieser Aussage.

GENERALMAJOR ZORYA: Sie bestätigen dies also. Wollen Sie bitte kurz angeben, was das für Maßnahmen waren, die vom Angeklagten Sauckel in Rußland und anderen Ländern angewandt wurden und die jeder Beschreibung spotteten?


VON STEENGRACHT: Ich kenne nur einen Fall, der mir damals berichtet wurde. Es handelte sich darum, daß in einem gewissen Gebiet die Leute zu einer Theatervorstellung eingeladen waren, und das Theater umschlossen wurde und die Leute, die da drin waren, zu Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurden. Um diese Maßnahmen handelte es sich, die ich gehört habe.


GENERALMAJOR ZORYA: Ich habe keine weitere Frage mehr.


OBERST POKROWSKY: Hoher Gerichtshof, ich bitte um Erlaubnis, noch eine Frage stellen zu dürfen, oder besser gesagt, eine Frage noch näher beleuchten zu dürfen.


VORSITZENDER: Oberst Pokrowsky! Der Gerichtshof hat bereits angegeben, daß das Kreuzverhör so kurz wie möglich gehalten werden soll. Er kann nicht zulassen, daß mehr als ein Anklagevertreter für jedes der vier Länder hier spricht. Ich bedauere, daß wir kein weiteres Kreuzverhör durch Sie annehmen können.


OBERST POKROWSKY: Aber es handelt sich um keine neue Frage. Der Zeuge hat eine Frage, die ihm viermal gestellt wurde, nicht beantwortet.


VORSITZENDER: Es handelt sich jedoch um einen neuen Anklagevertreter.


OBERST POKROWSKY: Nein! Der russische Anklagevertreter hat dem Zeugen die Frage vorgelegt, wer von den Angeklagten die Außenpolitik Deutschlands beeinflußte. Der Zeuge antwortete, die Wehrmacht. Ich möchte...


VORSITZENDER: Ich bedauere, Oberst Pokrowsky, aber ich habe Ihnen die Entscheidung des Gerichtshofs bekanntgegeben. Wir können nicht mehr als einen Anklagevertreter hören. Ich hoffe, daß, [176] wie ich bereits gesagt habe, die Anklagevertreter ihr Verhör so kurz wie möglich halten.


M. EDGAR FAURE, STELLVERTRETENDER HAUPTANKLÄGER FÜR DIE FRANZÖSISCHE REPUBLIK: Der Zeuge ist bereits ziemlich lange ins Kreuzverhör genommen worden. Ich will ihm daher nur eine kurze Frage vorlegen.

Herr Zeuge! Ich möchte, daß Sie mir genau angeben, ob Ihre Erklärungen dahingehend zu verstehen sind, daß die Deutsche Botschaft in Paris unter der Befehlsgewalt des Angeklagten Ribbentrop stand und nur von ihm abhängig war. Ist das richtig?


VON STEENGRACHT: Ich habe die Frage auf deutsch nicht verstanden.


M. FAURE: Geht aus Ihrer Erklärung hervor, daß die Deutsche Botschaft in Paris der Befehlsgewalt Ribbentrops unterstand und nur von ihm abhängig war?


VON STEENGRACHT: Ja!


M. FAURE: Daraus geht also hervor, daß jede wichtige Maßnahme, die von dem Botschafter ausgeführt wurde, dem Angeklagten Ribbentrop bekannt sein mußte?


VON STEENGRACHT: Ja!


M. FAURE: Ich wollte nur diesen Punkt im Hinblick auf das Verhör des Zeugen klarstellen. Ich habe keine weitere Frage zu stellen.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird sich nun bis auf 14.00 Uhr vertagen.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 10, S. 137-178.
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