Erstes Kapitel

239-227
Friedenszustand – Seuleukos' Zug gen Osten – Empörung in Antiochien – Attalos' Sieg über die Galater – Zweiter Krieg zwischen Seleukos und Antiochos – Friede – Antiochos' Angriff gegen die Lagiden – Antiochos von Attalos bewältigt; sein Tod – Akarnanien bittet um Hilfe in Rom – Das Königtum in Epeiros wird gestürzt – Demetrios gegen die Dardaner – Aitoler und Achaier verbündet – Der Demetrische Krieg – Lydiadas – Friede in Griechenland – Die Illyrier und ihre Raubzüge – Rom gegen Illyrien – Demetrios' Tod – Ausbreitung der Achaier – Verfassung der Eidgenossenschaft – Rom und Griechenland – Antigonos' II. Anfänge – Antigonos besetzt Karien

Keine Zeit der hellenistischen Geschichte bietet der Forschung größere Schwierigkeit als das Jahrzehnt, zu dem wir uns jetzt zu wenden haben; Zusammenhang in den Verhältnissen ist fast nirgends zu gewinnen, und die größten und erfolgreichsten Vorgänge erscheinen in der Überlieferung in so dürftiger Gestalt, daß man, wenn nicht aus dem Bisherigen darüber im klaren, wo man entscheidende Momente suchen muß, an ihnen gleichgültig vorübergehen würde.

Um die Zeit, da Antigonos Gonatas starb, war allgemeiner Friede, aber ein Friede, der bei weitem nicht auf wahrer Versöhnung der widerstreitenden Elemente ruhte. In Europa waren neue Kräfte in den Kampf getreten; und schon regten sich auch die Barbaren im Norden; der Regierungsantritt eines jungen Königs war das Signal zu neuen erschütternden Bewegungen von allen Seiten her. In Asien war das Seleukidenreich zerrissen; das Königtum des Antiochos in Kleinasien hatte eine zu fehlerhafte Stellung, als daß es in derselben bleiben konnte; und Ägypten, in dessen Bunde allein Antiochos Rückhalt hätte finden können, hatte, solange sich der Osten unter Seleukos nicht bis zur Gefahr für das Lagidenreich erhob, keinen Grund, Antiochos' Macht besonders zu befördern, nicht zu erwähnen, daß dessen Friedensschluß mit dem Bruder ägyptischerseits nicht so leicht vergessen werden konnte. Seleukos endlich mußte, da ihm die Abtretung an den Bruder und die Übermacht Ägyptens im Westen Schranken setzte und ihn die Verwicklungen Makedoniens keine Art von Beihilfe für den Westen hoffen ließen, sich dem Osten zuwenden, wenn[299] er seine zersplitterte Macht von neuem auferbauen wollte; dies um so mehr, da er die Usurpationen der dortigen Emporkömmlinge anzuerkennen durch nichts verpflichtet war.

Es ist sicher, daß Seleukos bald nach dem Friedensschluß sich gen Osten wandte. Seines Vaters Schwester Stratonike hatte, da sich ihr Gemahl Demetrios einer neuen Verbindung zuwandte, Makedonien verlassen; sie kam nach Syrien in der Hoffnung, daß ihr Neffe sie zur Gemahlin nehmen, ihre Beschimpfung an Demetrios rächen werde. Aber Seleukos ging auf ihre Wünsche nicht ein; er machte »den Feldzug von Babylon aus« gegen den Osten. Daß Medien und Persien, wenn sie dem Lagiden gehuldigt oder sich selbständig erhoben hatten, damals wiedergewonnen wurden, zeigen spätere Vorgänge. Die einzige unmittelbare Nachricht über diesen Feldzug erhalten wir in Beziehung auf die Parther. Es scheint die Angabe richtig zu sein, welche in dieser Zeit bereits des Arsakes Bruder Tiridates König sein läßt; die Verwechslung desselben mit dem ersten war leicht, da er wie alle folgenden Könige den Namen Arsakes annahm. Schon besaß er außer Parthyene auch Hyrkanien; jetzt bei dem Herannahen der Seleukidenmacht war er besorgt, daß sich Diodotos von Baktrien mit Seleukos verbinden möchte, um ihn zu bewältigen. Und nun sagt ein im hohen Grade glaubwürdiger Schriftsteller bei Erwähnung der skythischen Nomaden in den weiten Gebieten des unteren Oxos und Jaxartes: zu ihnen sei in Alexanders Zeit Bessos und Spitamenes geflüchtet, zu ihnen, namentlich den Apasiaken, später Arsakes, vor Seleukos Kallinikos flüchtend1. Jedenfalls hatte also Seleukos Raum, die von den Parthern okkupierten Landschaften sich wieder zu unterwerfen. Daß diese Wiedererwerbung keine Dauer hatte, zeigt die Folgezeit. Nach einer zweiten Angabe starb eben jetzt, da Seleukos anrückte, Diodotos von Baktrien; mit seinem gleichnamigen Sohn und Nachfolger schloß Arsakes Frieden und Bündnis, und so von dieser Seite gesichert, kämpfte er mit Seleukos, besiegte ihn; und den Tag dieses Siegesfeiern die Parther seitdem als den Anfang ihrer Freiheit. Auffallend muß es sein, daß nach demselben Bericht Seleukos nicht dieser Niederlage wegen, sondern weil daheim neue Unruhen entstanden waren, zurückkehrte.

Dies ist alles, was wir von Seleukos' II. Heerfahrt wissen2. Es ist keine[300] Spur davon vorhanden, ob die östlicheren Satrapien sich ihm feindlich verhalten haben oder nicht, ob sie irgendeine Art von Oberhoheit des Königs ferner anerkannten oder was sonst. Jedenfalls kehrte Arsakes mit seinen Parthern sofort in die jüngst erworbene Herrschaft zurück, ja, erst jetzt begann eine feste Begründung dieser Herrschaft; es wurde das Heerwesen geordnet, Festen angelegt, auch eine Stadt Dara oder Dareion gegründet. Wenn einmal so die Landschaften, welche die Verbindung mit dem Osten beherrschten, in fremder Gewalt waren, so konnte natürlich die Abhängigkeit der östlichen Satrapien, wenn sie etwa vom arischen, drangianischen, arachosischen Lande wieder anerkannt sein sollte, hinfort nur sehr lose sein, nur dem Namen nach bestehen; aber daß dies Anrecht nicht aufgegeben, ihre Unabhängigkeit nicht förmlich ausgesprochen und anerkannt wurde, beweisen die späteren Maßnahmen des dritten Antiochos3.[301]

Also Unruhen daheim nötigten Seleukos zurückzueilen. Stratonike, heißt es, hatte Antiochien zur Empörung gebracht; dann kam Seleukos, überwältigte die Stadt; Stratonike flüchtete nach Seleukeia an der Orontesmündung, und statt sich schnell über Meer zu retten, blieb sie, dem Ausgang vertrauend, den ein Traum ihr verkündet hatte, ward gefangen und fand den Tod. Sollte Stratonike und nur sie eine solche Bewegung hervorgebracht haben? Was konnte die Absicht der Antiochener bei diesem Aufstande sein? Etwa einem Weibe das Reich zu übertragen, oder gar sich der ägyptischen Herrschaft nochmals zu unterwerfen? Es darf mit der größten Wahrscheinlichkeit vermutet werden, daß in diesem syrischen Aufruhr Stratonike nur eine Nebenrolle spielte, daß derselbe nur ein einzelnes Moment aus einem großen Zusammenhang ist, daß es Antiochos Hierax war, der die Entfernung seines Bruders zu benutzen suchte, um sich der Länder diesseits des Euphrat zu bemächtigen.

Wir haben über die späteren Schicksale des Antiochos Hierax zwei Berichte, die sich in wesentlichen Punkten widersprechen, ein Knäuel von Verwirrungen und Verdrehungen, den zu entwirren unmöglich ist4. Das Nächstfolgende kann auf nicht viel mehr als auf eine leidliche Wahrscheinlichkeit Anspruch machen.

Der allgemeine Friede nach so langen und furchtbaren Kriegen, die namentlich in Kleinasien alle Ordnung über den Haufen geworfen, die wilden Galaterhorden wieder entfesselt hatten, konnte um so weniger von Dauer sein, je unzulänglicher die neue Anordnung der Verhältnisse ausgefallen war. Seleukos hatte seinem Bruder das Gebiet bis zum Tauros abgetreten; aber Phrygien war noch in Mithradates' Händen; wir finden erwähnt, daß Antiochos Großphrygien durchzog und Tribute von den Einwohnern erpreßte. Wie sollten die Galater Ruhe halten, die eben in jenen Kriegen wieder ihre ganze furchtbare Überlegenheit fühlen gelernt hatten, und denen jetzt von keiner Seite her eine Macht gegenüber stand, welche sie zu fürchten gehabt hätten? Solange der Krieg gewährt, hatten sie bald bei dem, bald bei jenem Fürsten söldnernd, stets gegen den eben stärkeren zu kämpfen bereit, ihre wilde Beutelust befriedigt; nun seit es Frieden war, führten sie auf eigene Rechnung ihr Raubwesen fort. Der lähmende Schrecken jener ersten Zeit, da sie Asien überschwemmten, war im vollsten Maße wieder da; sie forderten wieder Tribute von den Städten, Tribute von den Fürsten, und glücklich genug die, welche mit Gold ihre barbarischen Räubereien abwenden konnten. Da wagte es[302] der pergamenische Dynast, ihre gierigen Forderungen zurückzuweisen. Durch glückliche Zeichen ermutigte er sein Heer. In der Nähe von Pergamon wurde der glänzendste Sieg gewonnen, und in gerechtem Stolz nahm Attalos das Diadem und den Namen eines Königs an; in Gemälden und Statuen wurde das Gedächtnis des herrlichen Sieges verewigt, und in den zahlreichen Marmorstatuen, in deren Reihe der sogenannte sterbende Fechter gehört, glaubt man Siegesdenkmale damaliger Kunst5 oder deren Kopien zu erkennen. Welchen Ruhm und welchen Dank bei den Städten umher mußte Attalos, dem schon seine edle Freigebigkeit, seine hohe Bildung, sein königlicher Sinn, seine besonnene Leitung der öffentlichen Angelegenheiten die allgemeinste Hochachtung erworben hatte, mit jenem Siege gewinnen; schon durch ihn mochte er sein Gebiet zu erweitern Gelegenheit haben; die Fortsetzung des Kampfes und die weiteren Verwicklungen in Kleinasien gaben ihm bald Anlaß zu den ausgedehntesten Okkupationen.


Antiochos, so heißt es nach der Angabe seiner Plünderung in Phrygien, schickte seine Feldherren gegen Seleukos, fürchtete aber von seinen gallischen Kriegsleuten Verrat und rettete sich mit wenigen Begleitern nach Magnesia, siegte, von den Truppen des Ptolemaios unterstützt, am folgenden Tage; darauf vermählte er sich mit der Tochter des Ziaëlas. So abgerissen diese Angaben des Chronographen sind, so deutlich erscheint hier der Punkt, wo die früher angedeutete Verbindung zwischen Antiochos Hierax und der Königin Stratonike ihre Stelle hat. Wenn wir wagen dürfen, die Reihenfolge der Begebenheiten bei Justin vollkommen unberücksichtigt zu lassen, so läßt sich, aber auch nur so, ein Zusammenhang im weiteren Verlauf der Begebenheiten herausfinden; das Mittel ist freilich in hohem Grade gewaltsam, aber nicht ganz ohne innere Begründung,[303] und jeder Versuch, die Autorität des Justin und der dürftigen Inhaltsangaben der Bücher des Trogus zu retten, zwingt zu noch ärgeren Gewaltsamkeiten.

Wir haben aus der Geschichte dieses Krieges der beiden seleukidischen Brüder ein ausführliches Bruchstück: Antiochos Hierax war von seinem Bruder Seleukos abgefallen; er floh (also nach einer Niederlage) gen Mesopotamien, von dort zog er sich über die Berge Armeniens zurück, wo der ihm befreundete Arsames ihm Aufnahme gewährte. Seleukos' Feldherren Achaios und Andromachos (dessen oft genannter Sohn) verfolgten ihn mit großer Heeresmacht auf das eifrigste. Verwundet endlich in einer neuen Schlacht, floh er an den Abhang eines Gebirges; ungeordnet lagerten seine aufgelösten Scharen; er ließ das Gerücht aussprengen, daß er gefallen sei. Während er über Nacht einige Schluchten besetzte, ging von seiten des Heeres eine Gesandtschaft in das Lager der Gegner, den Leichnam des Königs zur Bestattung zu erbitten, die Ergebung des überwältigten Heeres anzubieten. Andromachos überließ es den Boten, den noch nicht gefundenen zu suchen; er sandte 4000 Mann, die Waffen der geschlagenen Truppen und sie selbst in Empfang zu nehmen. Und kaum, daß sie in die Nähe der Höhen gekommen waren, überfiel sie Antiochos aus seinem Hinterhalt und erschlug ihrer die meisten; er erschien wieder im königlichen Schmuck, sich als noch lebend und als Sieger zu zeigen6. Diese vollständige Angabe macht es möglich, in die Mitte der Verhältnisse hinein einen Blick zu tun. Wenn Antiochos geschlagen sich nach Mesopotamien und weiter über die armenischen Berge zurückzog, so hatte er im Süden des Tauros gegen den Bruder eine Schlacht verloren, und zwar von Westen, vom Orontes her mußte sich Seleukos wider ihn gewandt, ihn gen Osten über den Euphrat hin zurückgetrieben haben. Seleukos hatte also, bevor ihm bei seiner eiligen Rückkehr aus dem parthischen Kriege Antiochos den Weg sperren konnte, das empörte Antiochien überwältigt, Stratonike in seine Gewalt bekommen. Man wird annehmen dürfen, daß jene von Antiochos gesandten Feldherren eben zur Unterstützung des von Stratonike gemachten Aufruhrs in der antiochischen Landschaft geschickt, aber mit Antiochien zugleich bewältigt waren. Antiochos selbst wird später gekommen sein. Dann war ihm der Weg durch die issischen Pässe gesperrt – dort anrückend wäre er nach Kilikien zurückgeworfen worden –, dann konnte er seinen Weg nur von dem durchheerten Phrygien aus über Kappadokien genommen haben; er war dann etwa am Euphrat hinab gegen Seleukos gezogen; dort erlitt er jene Niederlage; in Armenien erst gewann er durch jene Kriegslist wieder festen[304] Fuß, vielleicht um von neuem sein Glück gegen den Bruder zu versuchen.

Man wird jene Niederlage in das Jahr 235 setzen können7. Unzweifelhaft waren es meist Galater, mit denen Antiochos seinen Krieg führte; während der pergamenische König im fortgesetzten Kampf gegen die Galater weit und weiter um sich griff, führten die Brüder diesen furchtbaren Krieg »zum gegenseitigen Untergang«. Antiochos hatte sich nur nicht schnell genug mit aller Macht auf Syrien geworfen, um mit Stratonike vereint des Bruders Entfernung zu benutzen; aber für ihn war Kappadokien, war Armenien; auch nach jener Niederlage stand ihm die Verbindung nach dem Inneren Kleinasiens offen, und durch Kappadokien her vermochte er immer neue Galaterscharen zum fortgesetzten Kampfe heranzuziehen. Man darf nicht zweifeln, daß Ägypten, wenn auch zunächst in der Stille, mit Subsidien unterstützte; es hatte ein zu großes Interesse dabei, den Gewinn, welcher dem syrischen König die Sicherung der Herrschaft über Medien, Persien und die Euphratmündungen gebracht hatte, durch neue Gefährdung im Westen wieder auszugleichen. Und sowie Antiochos gedrängt zu werden begann, mischte es sich trotz des noch nicht abgelaufenen zehnjährigen Friedens offenbar in den Kampf.

Denn allerdings vermochte Antiochos auch nach jenem glücklichen Überfall nicht das Feld zu behaupten. Wir erfahren, daß er, von neuem besiegt, von mehrtägiger Flucht erschöpft, endlich zu seinem Schwiegervater, dem König Ariamenes von Kappadokien, kam, daß er zuerst freundlich aufgenommen, dann, von den Plänen, die man gegen ihn schmiede, unterrichtet, weiter floh. Seleukos' Heer verfolgte ihn; der Kappadoker mochte die bisherige Teilnahme an dem Unternehmen seines Schwiegersohnes, durch die Nähe des siegenden Verfolgers geschreckt, durch Verrat wieder gutzumachen suchen. Dem weiter Flüchtenden folgte Seleukos; nach dem oben erwähnten Chronographen rettete sich Antiochos, den Verrat der Gallier fürchtend, nach Magnesia »zu seinem Feinde Ptolemaios«, sagt Justin, dessen Besatzung in Magnesia lag; Ephesos, der Mittelpunkt der Lagidenmacht auf dieser Küste, war nah genug, um dorther schnell Verstärkung heranzuziehen. Möglich, daß ägyptischerseits jene Verfolgung bis in die Nähe Magnesias als Verletzung des ägyptischen Gebietes, somit als Friedensbruch ausgelegt worden war, daß der Lagide darin den Vorwand gefunden hatte, für Antiochos einzutreten, namentlich von neuem in Syrien einzudringen, – und Seleukeia an der Orontesmündung war noch in der Gewalt der Lagiden.[305]

Die Darstellung selbst ergibt, wie in diesem Moment des Krieges jeder der Kriegführenden ein Interesse hatte, durch einen Frieden weiterer Gefahr zuvorzukommen; Seleukos konnte nicht das Kriegsglück weiter versuchen wollen, wenn der Ägypter, noch im Besitz von Seleukeia, mit eintrat und das kaum wiedergewonnene Antiochien bedrohte; Ptolemaios durfte besorgt sein, außer wie früher die kleineren Seestaaten, jetzt auch den schnell erstarkten Pergamener wider sich zu haben; Antiochos konnte sich Glück wünschen nach so ungeheuren Verlusten, wie er erlitten, wenigstens Lydien wieder zu erhalten. Daß der frühere zehnjährige Waffenstillstand zwischen Syrien und Ägypten in einen definitiven Frieden verwandelt worden, ist nach späteren Vorgängen unzweifelhaft; daß er eben jetzt geschlossen, im höchsten Grade wahrscheinlich8. Es kann keine Frage sein, daß Seleukeia am Meere in der Gewalt der Ägypter gelassen wurde; dafür, so scheint es, wurde Seleukos durch gewisse Zugeständnisse an der Nordgrenze Syriens entschädigt; wenigstens Arsames von Armenien scheint tributpflichtig geworden zu sein. Ob auch Kappadokien eine Minderung erlitt, ist nicht zu erkennen, wie denn überhaupt die Anordnung der Besitzverhältnisse in Kleinasien im höchsten Maße unklar ist. Nur Lydien ist unzweifelhaft an Antiochos Hierax überlassen worden.

Ägypten hatte allen Grund, einen so vorteilhaften Frieden aufrechtzuerhalten; des Königs Sinn, sonst rasch zu den Waffen, neigte sich mehr und mehr zur bequemen Ruhe; wir finden hinfort freundschaftliche Beziehungen zwischen den Königen von Alexandrien und Antiochien; Ptolemaios überließ nach Antiochien hin ein besonders heiliges Isisbild. Seleukos selbst scheint die Friedenszeit sorgsam genutzt zu haben; in Antiochien baute er einen ganz neuen Stadteil, den am Flusse, und die Ansiedlung von Aitolern, Euboiern, Kretern in demselben, die nach den Vorgängen bei der Rückkehr des Königs aus dem Osten sehr begreiflich ist, wird man wohl ihm zuzuschreiben haben.

Antiochos Hierax dagegen scheint in seiner heftigen und ehrgeizigen Weise die Ruhe des Friedens nicht lange ertragen zu haben. Freilich auf ägyptischen Beistand mochte er hinfort nicht rechnen dürfen; und Kappadokien sowie der pontische König konnten nach den Erfahrungen, die sie gemacht, nicht wohl geneigt sein, sich von neuem in Verbindung mit ihm einzulassen; der pergamenische König, mit dessen erweitertem Gebiet seine Herrschaft gen Norden grenzte, war, wennschon ihm nahe verwandt, nicht bloß dem politischen Interesse nach sein Widerpart. So schloß Antiochos mit Ziaëlas von Bithynien Verbindung, vermählte sich mit dessen[306] Tochter9; vielleicht in der Absicht, mit ihm gemeinsam Attalos anzugreifen; sie mochten die Galater zu diesem Kampf um so bereitwilliger finden, da sie noch Rache an dem Pergamener zu üben hatten. Wie dunkel ist hier alles. Bei Ziaëlas finden wir galatische Häuptlinge gastlich versammelt, die Becher kreisen; aber der König sinnt Verrat wider sie, und sie stürzen sich auf ihn, ermorden ihn. Forderten sie zu hohen Sold, zu große Zugeständnisse? Drohten sie mit allem Furchtbarsten, wenn ihnen nicht gewillfahrt würde? Trat Ziaëlas' Sohn und Nachfolger Prusias von dem Bündnis ab, da seines Vaters Bruder Zipoites, einst zum Erben Bithyniens bestimmt, von Makedonien aus, wo er Zuflucht gefunden, sich leicht als gefährlicher Prätendent erheben konnte? Jedenfalls Antiochos wagte allein den neuen Krieg zu beginnen.

Die einzige Notiz, welche über denselben vorhanden ist, enthält etwas vollkommen Rätselhaftes: im vierten Jahre von Ol. 137, sagt der Chronograph, wurde Antiochos in Lydien zweimal angreifend bewältigt, und in einer Schlacht mit Attalos in der Gegend von Koloë, im ersten Jahre von Ol. 138, von Attalos nach Thrakien zu fliehen gezwungen10. Also Antiochos griff zweimal, 229 oder 228, in Lydien an, aber wen? An Attalos kann man bei jener Ausdrucksweise unmöglich denken; sollte er sich gegen die freien Griechenstädte der Küste gewandt haben? Keine Spur weiset darauf hin; gegen Mithradat? Gegen Seleukos? Gegen Ägypten?

Irre ich nicht, so stehen wir hier vor einer sehr merkwürdigen Wendung der politischen Verhältnisse; es wird dreister Kombinationen bedürfen, sie zu bezeichnen. Warum flieht Antiochos, von Attalos bewältigt, nach Thrakien, das damals wenigstens an der Küste in ägyptischer Gewalt war? Wollte er sich in ägyptischen Schutz retten, so lag dem Schlachtfelde in der Nähe von Sardes Ephesos ungleich näher, ja fast so nah wie der nächste Küstenpunkt Smyrna, wohin er doch wahrscheinlich eilte, da er unmöglich seinen Weg durch das pergamenische Gebiet nehmen konnte.[307] Schon hieraus wird wahrscheinlich, daß ihn andere Absichten, als ägyptischen Schutz zu suchen, nach Thrakien führten; und es gewinnt eine Angabe Glaubwürdigkeit, die ein sonst wenig glaubwürdiger Historiker hat: Ptolemaios sei ihm (dem Antiochos) feind gewesen, er sei auf dessen Befehl in engen Verwahrsam genommen, dann durch Hilfe einer gutmütigen Dirne entschlüpft, endlich auf der Flucht von Räubern erschlagen11. Wir müssen, um alle Hilfsmittel zu erschöpfen, der Darstellung der europäischen Verhältnisse vorgreifen. Dort ist Antigonos Doson seit 229 König von Makedonien; es wird berichtet, daß seine Flotte an der boiotischen Küste durch rasches Fallen des Meeres auf das Trockene geraten, daß Gefahr einer feindseligen Bewegung seitens der Thebaner gewesen sei, daß er aber mit seinen Schiffen bald wieder freie Fahrt gewonnen und seinen beabsichtigten Zug nach Asien vollendet habe. Und in einem summarischen Verzeichnis heißt es: dem Demetrios folgte Antigonos, der Thessalien und in Asien Karien unterwarf. Wem anders konnte Antigonos Karien entreißen als dem Ptolemaios? Wohin anders konnte Antiochos Hierax, vom Schlachtfelde bei Sardes nach Thrakien flüchtend, sich wenden wollen als nach Makedonien? Makedonien muß der Bundesgenosse des Antiochos gewesen sein im Kampf gegen die Lagidenmacht, und wir werden sehen, wie mit diesem Angriff auf die Lagiden in Asien ein Angriff auf Makedonien von der Peloponnes aus, den Ägypten leitete, korrespondierte. In dem Moment aber, da sich Antiochos Hierax gegen den Lagiden wandte, hatte dieser kein wichtigeres Interesse, als möglichst lebhaft dahin zu arbeiten, daß irgendeine Macht der Halbinsel, bevor sich Syrien einmischte, sich rasch und entschieden erhöbe und so dieselbe Stellung einnähme, in der den Antiochos gegen seinen Bruder zu halten seit fünfzehn Jahren das Interesse der ägyptischen Politik gewesen war. Attalos war unvermeidlich; so wenig er in seiner bisher stets unabhängigen Politik dem Hofe von Alexandrien genehm sein mochte, in diesem Augenblick war er der einzige, welcher Macht, Geschick und durch seinen Galatersieg Popularität genug besaß, um als Gegenmacht wider den syrischen König verwandt zu werden. In der Nähe von Sardeis auf lydischem Boden, also angreifend, siegte Attalos über Antiochos Hierax; er eilte unzweifelhaft, mit Ägypten schon im Einverständnis, des Besiegten Gebiet in vollster Ausdehnung als erobertes Land in Besitz zu nehmen, während Antiochos, der auf seiner Flucht den Ägyptern in die Hände fiel und in ihrer nächsten[308] Feste auf thrakischem Gebiet gefangen gehalten wurde, aus dem Verhaft sich rettend, von einer Horde Galater überfallen den Tod fand; sein edles Schlachtroß, heißt es, rächte ihn an dem Mörder, der es bestiegen, indem es sich mit ihm in den Abgrund stürzte12. Ob erst jetzt Antigonos von Makedonien gen Asien segelte, ob er schon Karien erobert hatte, muß noch unentschieden bleiben; den Anlaß dazu konnte er in den Verträgen von 277 finden, in denen Syrien und Makedonien, wie angedeutet worden ist, wohl die Freiheit der hellenischen Städte dort garantiert hatten. Aber Seleukos konnte nimmermehr geschehen lassen, daß seines Bruders Sturz seinem Hause für immer den Besitz Kleinasiens raubte; wie sorgfältig er sich vorsehen mochte, Zerwürfnis mit Ägypten zu meiden – denn Seleukeia war in der Gewalt des Lagiden, ein Krieg mit Ägypten hätte von dort aus dem Reich von neuem Verderben gedroht –, er mußte jetzt alle Rücksicht hintansetzen, er durfte nicht mitansehen, daß sich der Pergamener Kleinasiens bemächtigte; er mußte jetzt und gleich in starker Macht jenseits des Tauros erscheinen, sonst war nicht allein der Verlust alles Einflusses dort unvermeidlich, sondern eine frische und durch große Mittel drohende Macht, mit Ägypten verbündet, im Besitz der Angriffspunkte gegen Syrien, gegen welche sein Reich noch wehrloser als an der ägyptischen Grenze war. So eilte er mit seinen Heeren nach Kleinasien; ein Sturz vom Pferde gab ihm den Tod13, vielleicht noch vor der Niederlage des Heeres.

Wohl war ein Sohn des Königs da, sein Diadem zu übernehmen, Alexandros, von den Soldaten als Keraunos begrüßt, der hinfort den Namen Seleukos annahm. Aber mit dem Tode des Vaters, mit jener Niederlage – der wackere Andromachos fiel in Feindes Hand14 – war Asien jenseits[309] des Tauros verloren; Attalos war Herr über das ganze einst seleukidische Innere Kleinasiens15.

Wie seltsam waren nun die Verhältnisse! Gewiß ist es, daß der Makedone Karien behauptete16. Die von Ägypten beherrschten Küstenlandschaften, die Dynastien im Norden, Bithynien, Pontos, Kappadokien, die freien Städte ausgenommen, ist nun Kleinasien in einer Hand vereint, es ist eine zentrale Macht in Kleinasien entstanden, und sie ruht in der Hand eines bewunderten und starken Fürsten, in dem die Galater ihren Meister gefunden haben, in dem die Griechenstädte ihren rechten Schutz gegen jene wüsten Horden verehren. Wohl mag König Ptolemaios Euergetes mit Zufriedenheit auf das Vollbrachte schauen; jenes große Ziel der ägyptischen Politik, das seleukidische Kleinasien von Syrien loszureißen und als eigene Macht zu konsolidieren, ist nun und, so scheint es, für immer gewonnen; Makedonien und Syrien, die natürlichen Verbündeten, sind nun getrennt durch ein starkes Zwischenreich, das kein anderes Interesse haben kann, als mit Ägypten zu halten. Wie widerwärtig auch die makedonische Okkupation in Karien ist, sie kann dem Seleukiden bei der Übermacht des Pergameners in Kleinasien in keiner Art nützlich werden; jede unmittelbare Verbindung Makedoniens mit demselben ist durchrissen. Vereinzelt steht das syrische Reich gegen zwei mächtige Feinde: an den Pässen des Tauros lagert der Pergamener, ehrgeizig, dem Diadem, das er sich angelegt, die würdigste Bedeutung zu erwerben; an der Orontesmündung und am Libanon steht derselbe Euergetes, der schon einmal in Babylon und Susa die Huldigungen des fernsten Ostens empfangen hat, – und ihm gegenüber ein König, kaum zwanzig Jahre alt, ihm zur Seite ein noch jüngerer Bruder, der in Babylon versuchen soll, Gehorsam und Treue zu[310] sichern; des Königs Ratgeber ist der tückisch selbstsüchtige Hermeias, des Reiches einzige Hoffnung der junge Achaios, dessen Vater in Alexandrien als Gefangener schmachtet; die mächtigsten Antriebe vereinen sich für ihn, sein glänzendes Talent dem Reich und dem ihm verwandten König zu weihen. Nur wie soll er handeln? Die Kraft Syriens liegt wie an Händen und Füßen gefesselt, niedergehalten von da und dort; wann wird ihm die Stunde kommen, zur Rache der Seinen loszubrechen?

Freilich von alledem steht in den Überlieferungen nichts. Es ist ein klägliches Geschäft, diese Geschichte zu schreiben. In jedem Augenblick empfindet man, welche Bewegung in allen Verhältnissen, wie plötzliche Entscheidungen in atemloser Folge, welche Anstrengungen unerhörter Kräfte der Inhalt jener Begebenheiten gewesen sein müssen; aber in der öden farblosen Nebelnacht, mit der die Vergessenheit zweier Jahrtausende diese Zeiten überdeckt hat, vermag man kaum hier und da einen schwachen Schimmer, einen vereinsamt ragenden Punkt deutlich zu erkennen. Diese jugendlichen Gestalten der Seleukiden wanken wie trübe Schemen an uns vorüber; umsonst versuchen wir in ihnen einen Hauch persönlichen Empfindens zu erlauschen oder ein Wort, einen Blick zu erhaschen; wir müssen zufrieden sein, sie leidlich mit Namen und Zahlen zu unterscheiden. Wie ein Totenacker ist diese Geschichte, die Leichensteine sind verwittert und versunken, und im wüsten Wirrwarr liegen die Gebeine. Es ziemt uns nicht zu fragen, warum das Schicksal die geschichtlichen Erinnerungen dieser, ja der ganzen hellenistischen Zeit so lieblos zerstört und verweht hat; der leidige Trost, sie sei des Gedächtnisses nicht würdiger gewesen, ist noch liebloser als das Spiel des Zufalls, und vermag sich nicht einmal zu rechtfertigen; und der bequeme Glaube, es sei doch gerettet, was wichtig und für den Fortschritt menschlicher Entwicklung bedeutsam gewesen, wie wenig Bestätigung findet er gerade für diese Zeit, in der von allen den geistigen Entwicklungen zwischen Aristoteles und den Schriften des Neuen Bundes so gut wie kein Zeuge für uns gerettet ist. Es ist, als ob der Erinnerung der Menschheit jener Aufgang eines neuen Lebens unvermittelt, wundergleich, ein Stern inmitten tiefer Nacht hat erscheinen sollen. Und wahrlich nur den Blick auf ihn gewandt, mag man einen Weg durch den wüsten Totenacker der abgestorbenen Heidenwelt hindurchfinden und hier und da einen Schimmer sehen, eine Gräberlage unterscheiden.

Gleich verstört und versunken ist alles Gedächtnis jener Zeit. Von jenen hellenistischen Reichen am Indos wissen wir nicht mehr, als daß sie waren, Generationen, Völker, Reiche sind dort spurlos verweht; von dem, was im Westen geschah, erfahren wir kaum ein paar Fakta ohne Ordnung und Zusammenhang, ein paar leere Namen Beteiligter.[311]

Versuchen wir es, die Armseligkeit von Überlieferungen darzulegen. In der ersten Hälfte des Jahres 239 hatte Demetrios in Makedonien, noch ein Dreißiger, seines Vaters Diadem geerbt. Noch war Friede mit den Achaiern, aber Arat glaubte ihn ebenso mißachten zu dürfen, wie er den jungen König nicht fürchtete. Noch war Makedonien mit den Aitolern im Bündnis, aber schon sprach im Bunde eine Partei wider dasselbe; vielen schien es an der Zeit, nach anderer Seite hinausgreifend neue Eroberungen, neue Raubzüge zu versuchen. Sie wandten den Blick nach dem nachbarlichen Akarnanien. Mit dem Epeiroten Alexandros hatten die Aitoler um 266 die akarnanische Landschaft geteilt; nach dessen Tode mochte es sie auch nach dem epeirotischen Teil gelüsten, aber des Königs Witwe Olympias, die die Vormundschaft führte für ihre Söhne Pyrrhos und Ptolemaios, hatte, wie es scheint, in der Verbindung mit Makedonien Sicherheit gefunden, und solange Antigonos Gonatas lebte, ließen die Aitoler jene Landschaft ungefährdet. Nun starb er; sofort sind die epeirotischen Akarnanen gefährdet; sie mißtrauen dem Schutz des ohnmächtigen Molosserreiches, auch dessen Verbindung mit Makedonien scheint sie jetzt nicht mehr schützen zu können; so wenden sie sich – zum ersten Male, daß es von Griechenland aus geschieht – an Rom; sie bitten den Senat, daß er die ihnen entrissene Autonomie anerkennen und verwirklichen möge, sie erinnern daran, daß sie allein unter allen Hellenen nicht mitgekämpft gegen die Troer, die Vorfahren des römischen Volkes17. Und der Senat schickt eine Gesandtschaft an die Aitoler, sie von Behelligung der Akarnanen abzumahnen; mit trotzigem Hohn antwortet der Aitolerbund; ein verheerender Überfall gen Akarnanien und Epeiros zeigt, wie sie die Mahnungen des stolzen Römervolkes verachten.

In Epeiros hat Olympias – denn noch immer scheint sie den Staat zu leiten, obschon ihre Söhne schon erwachsen sind – so von den Aitolern bedroht, dem König Demetrios, um Makedonien ganz in ihr Interesse zu[312] ziehen, eine Vermählung mit ihrer Tochter Phthia angetragen; noch im ersten Jahre seines Königtums wendet er sich hinweg von der syrischen Stratonike, vermählt sich mit der Epeirotin, vielleicht schon nicht ohne die Aussicht, einst das Königtum dort zu erben. Denn mit der Mutter haderte der ältere Sohn Pyrrhos, sie ließ die Leukadierin Tigris, der sich der junge Fürst hingab, ermorden; und er wieder, so heißt es, ließ die Mutter durch eine Dirne vergiften; nach anderer Nachricht überlebte sie ihn wie ihren zweiten Sohn, den kränkelnden Ptolemaios; der doppelte Verlust habe ihr das Herz gebrochen18. Auf dem Marsch, hieß es, sei Ptolemaios gestorben; er war ermordet worden. War es die Ohnmacht oder Verworfenheit der letzten Fürsten, war es mehr noch dieselbe Bewegung der Geister, welche das Griechentum ergriffen hatte, die Epeiroten wollten keine Könige weiter; es galt, das Geschlecht der Aiakiden auszurotten, um die Republik, die Freiheit zu gewinnen. Pyrrhos' Tochter Deidameia hatte sich nach Ambrakia geworfen, entschlossen, den Mord zu rächen; in Übermacht rückten die Epeiroten heran; sie boten ihr einen Vergleich, die Güter des Hauses und die Ehren der Vorfahren sollten ihr bleiben; auf diese Bedingungen übergab sie dem Volke der Epeiroten, was sie schon nicht mehr weigern konnte. Aber daß sie nur lebte, schien Gefahr; ihr Tod ward beschlossen; einer von König Alexandros' alten Leibwächtern kam, sie zu ermorden; niederblickend erwartete sie den Todesstreich, und die bebende Hand versagte ihm den Blutdienst gegen die Enkelin seines Herrn. Sie floh in den Artemistempel, an heiliger Stätte Schutz zu finden; ein Mensch, auf dem Muttermord lastete, fand sich, sie dort zu erwürgen19. So ward die Freiheit, der Bundesstaat der Epeiroten gegründet, Strategen an der Spitze; doch scheint sich gleich jetzt ein Teil der Landschaften in den Bergen abgelöst zu haben und zu der altheimischen Häuptlingsherrschaft zurückgekehrt zu sein; so die Athamanen am Pindos. Auch die Insel Korkyra geht hinfort ihren eigenen Weg. Der neue Bundesstaat selbst[313] war voller Bewegung und trotzigen Übermuts; nur zu bald begann er von furchtbaren Invasionen heimgesucht zu werden20.

Aber wie mochte Demetrios von Makedonien alles das geschehen lassen? Wir wissen von schweren Kämpfen, die er mit den Dardanern zu bestehen hatte. Zuletzt hatten wir dies Volk zu nennen im Kampf gegen Alexandros den Epeiroten; seit Antigonos seine Grenzen bis an den Aoos ausgedehnt, scheinen sie zur Ruhe gezwungen zu sein; wie denn überhaupt keine Spur davon vorhanden ist, daß, nachdem jener Fürst einmal die Grenzen seines Reiches gesichert hat, die Barbaren umher, Thraker, Illyrier, Galater, sie zu beunruhigen gewagt haben. Das neue Regiment mag auch da die Lust, das blühende Makedonien wieder einmal zu plündern, geweckt haben; Langaros war es, der mit den Dardanern Makedonien angriff. Ob nur die Dardaner, ob auch die thrakischen Maider, Besser, Dentheleten? Oder umfaßte vielleicht der dardanische Name die Reste der alten barbarischen Stämme an Makedoniens Nord- und Westgrenze, welche sich gegen die keltische Invasion selbständig behauptet hatten? Denn mächtig war seit Monunios' Zeit der Dardaner Name. Jedenfalls seit diesen erneuten Angriffen zur Zeit des Demetrios lassen die Dardaner dem Reich nie mehr auf lange Zeit Ruhe. Furchtbar genug mag ihr erster Ansturz nach langer Rast gewesen sein.

Im höchsten Grade gefährlich war es, wenn die Bollwerke der makedonischen Grenze durchrissen wurden; Demetrios mußte jedes andere politische Verhältnis der Sicherung der Grenze nachsetzen, mußte in Epeiros, Thessalien, Griechenland geschehen lassen, was geschah, um nur hier erst jede Gefahr zu beseitigen. Und allerdings eilte man in griechischen Landen, die Umstände zu benutzen; vierzig Jahre waren seit der Keltenzeit verflossen; man hatte die große Lehre, die sie gegeben, vergessen, vergessen auch, daß nur ein starkes Makedonien im Norden Griechenland vor neuen Invasionen retten könne. Begreiflich ist es, daß den trotzigen Aitolern[314] solche Rücksichten fern blieben; sie mochten Akarnanien und Epeiros, wenn auch ohne dauernde Okkupationen zu machen, heimsuchen, und vielleicht war es in jener Zeit, daß sie Phigalia in dem der See nächsten Gebiet Arkadiens in Besitz nahmen. Aber auch Aratos, stets nur dem unmittelbaren Gewinn nach die Tätigkeit des Bundes leitend, war eben jetzt, da ein starkes Auftreten des jungen Königs in Griechenland demnächst nicht zu besorgen war, eifrigst bemüht, neue Erwerbungen für die Freiheit und Eidgenossenschaft zu machen; er kümmerte sich um den mit Makedonien geschlossenen Frieden nicht.

In der Tat auffallend war es, daß Aratos mit den Aitolern Frieden und Bündnis schloß; Pantaleon, damals der einflußreichste Mann im aitolischen Bunde, war für diese Verbindung gewonnen worden21. Schon erwähnt ist, daß die Aitoler sich in Phigalia festsetzten; ganz in der Nähe an der arkadischen Westgrenze lag Heraia; durch Verrat und List nahm Dioitas, Stratege der Achaier, die Stadt ein; so in freundnachbarlicher Weise verfuhren hier die Aitoler und Achaier. Unter dem Schutz solcher Verbindung mochte Arat seine Versuche gegen Argos erneuern; allerdings mußte dem Bund viel daran liegen, jenen alten Sitz der Tyrannis aufzustören, jenes bedeutende Gebiet an sich zu ziehen. Noch da Antigonos lebte, hatte Arat heimliche und offenbare Versuche gegen Aristippos gemacht. Jetzt erneute er sie mit Eifer, ohne Erfolg. Einmal sind bei nächtlicher Weile schon Leitern an die Mauer gelegt, schon die Wachen niedergemacht, dann bricht Aristippos mit seinen Söldnern hervor, und die Bürger von Argos schauen dem heftigen Gefecht wie einem Kampfspiel zu; bis zum Abend behaupten die Achaier ihren Posten, der Tyrann läßt schon seine Kostbarkeiten an das Meer hinabschaffen, um zu flüchten, aber die Achaier haben nach dem heißen Tage Mangel an Wasser, sie erfahren nicht, daß der Tyrann die Hoffnung zum Widerstand aufgibt; Aratos selbst ist verwundet, er gibt den Befehl zum Rückzug. Dann versucht er[315] es mit einem Angriff in offenem Felde; am Flusse Chares trifft er die Scharen Aristipps, und während seine Achaier im besten Siegen zu sein glauben, ordnet er den Rückzug an; laut spricht sich die Mißbilligung über seine Unentschlossenheit aus; seine Feigheit, wo es gelte, dem Feind im offenen Kampf ins Auge zu schauen, sei schuld, daß man den so gut wie besiegten Feind Trophäen müsse errichten sehen. Er entschließt sich nach einem Rasttag, den Angriff zu erneuern; aber wieder, wie er die überlegene Zahl der Truppen auf seiten des Tyrannen sich entwickeln sieht, eilt er, dem Gefecht Einhalt zu tun, um die freie Bestattung seiner Gefallenen zu bitten. Dafür freilich wird Kleonai für die Eidgenossenschaft gewonnen und sofort die Feier der Nemeischen Spiele als dieser Stadt zukommend in Anspruch genommen; und als sie auch die Argeier hielten, ging man sogar so weit, das übliche freie Geleit für die, welche zu den Spielen zogen, zu brechen und alle, die sich nach Argos zum Wettkampf begeben wollten, aufzugreifen und als Kriegsgefangene zu verkaufen. Nicht lange darnach erfuhr Arat, daß der Tyrann von Argos um jeden Preis Kleonai wieder nehmen wolle und nur die Nähe der achaiischen Streitmacht in Korinth fürchte. Arat hoffte endlich zum Ziel zu gelangen; er ließ Proviant für mehrere Tage nach Kenchreai schaffen, als beabsichtige er eine längere Expedition, zog dann selbst mit den Truppen hin. Sofort brach Aristipp nach Kleonai auf; ehe er anlangte, waren die Achaier bei Anbruch der Nacht eingerückt, brachen am andern Morgen aus den Toren gegen den Feind, der, so unerwartet und heftig angefallen, in schnellster Flucht zurückeilte. Bis Mykenai verfolgte Arat; mehr als 1500 Mann wurden erschlagen, der flüchtende Tyrann selbst von einem Sklaven ermordet. Wie leicht mußte es jetzt sein, Argos zu gewinnen; vielleicht wartete Aratos, bei Mykenai lagernd, auf eine Erhebung der Bevölkerung der Stadt; wenigstens sind so die Angaben, die vorliegen, zu vereinbaren. Denn der jüngere Aristomachos und Agias, sagt Plutarch, kamen mit königlichen Truppen und behaupteten die Stadt, während Polybios angibt, daß Arat mit seinen Achaiern in die Stadt eindrang und in derselben für ihre Freiheit kämpfte, endlich aber, da sich aus Furcht vor dem Tyrannen niemand erhob, wieder von dannen zog. Aristomachos aus erlauchtestem Hause ward so Herr der Stadt und Tyrann, wie es sein Vater gewesen. Wie gewaltsam begann er sein Regiment; unter dem Vorgeben, daß nicht ohne Mitwissende in der Stadt Arat so weit gekommen sei, ließ er achtzig von den bedeutendsten Bürgern in Argos foltern, hinrichten; Polybios versichert, sie seien ohne Schuld gewesen22. An dem Herrenhof war der bürgerliche[316] Achaierfeldherr ein Gegenstand des Gespöttes; da wurde man nicht müde zu erzählen, wie er Leibschneiden bekomme, wenn es zur Schlacht gehe, wie er blaß werde und zittere, wenn die Trompete ertöne, wie er auch im letzten Gefecht Hauptleute und Anführer wohl aufgestellt, ermahnt und sich selbst, den Ausgang abzuwarten, zurückgezogen habe. Freilich von der martialischen Haltung der Aitoler und der Makedonen war Arat, der vorsichtige Diplomat, der gewandte Kunstkenner, der Mann der kleinen Maßregeln und der nächtlichen Beschleichungen, weit entfernt, und wohl mochte der trotzige Gewaltherr in Argos mit den Schmeichlern, die sich um ihn drängten, wetteifern, die feinbürgerliche Tugend und heimliche Geschäftigkeit des Sikyoniers zu höhnen, der nun schon so oft Argos umsonst beschlichen habe23.

Wir müssen leider der Reihenfolge von Angaben, wie sie die allein ausführliche Darstellung Plutarchs hat, folgen. Er sagt: gleich nach dem Tode des Aristippos stellte Arat dem Lydiadas von Megalopolis nach. Wir sahen früher, wie dieser, von edlem Ehrgeiz getrieben und von der Trefflichkeit des monarchischen Wesens vielleicht nicht ohne persönliche Einwirkung des greisen Antigonos begeistert, als junger Mann die Herrschaft in Megalopolis an sich gebracht hatte. Es war die Stadt, welche zuerst dem neuen Ruf der Freiheit gefolgt war, deren Befreier bei Sikyons Befreiung mitgewirkt, Kyrenes neue Verfassung gegründet hatten. Unmöglich konnte die großartige Bewegung, welche jene Akademiker dort geweckt oder vertreten hatten, sofort hingestorben sein; waren sie aus Kyrene heimgekehrt und gewannen sie Einfluß auf die Ansichten des Gewaltherrn, oder sprach sich dem Tyrannen gegenüber unverhohlen die Gesinnung aus, welche dies Bürgertum erfüllte? Oder machte die unablässige Tyrannenjagd Arats ihn wirklich besorgt? Er besaß Seelenadel oder Ruhmbegierde genug, die ihm entfremdete Gesinnung seines Volkes nicht ertragen zu können. Es ist etwas Großartiges darin, wie er den Strategen Aratos zu sich lädt, seine Tyrannis hingibt, seine Stadt der Eidgenossenschaft zuführt. Man begreift es, welche Bewunderung solchen Entschluß ehren mochte: die nächste Strategenwahl im Frühling 233 fiel auf ihn. Es war nicht bloß die ungemein bedeutende Vergrößerung, die der Bund durch den Beitritt von Megalopolis gewonnen hatte; ein neues höheres Leben kam in die Eidgenossenschaft; jene Männer der Freiheit – und Philopoimen und Lykortas, Polybios' Vater, die eben jetzt in ihrem Umgang heranwuchsen, geben Zeugnis von dem Geiste, der ihre Vaterstadt erfüllte –, jenes Bürgertum,[317] das einst einen, den es den Wackeren nannte, der Freiheit zum Opfer gebracht, jene Stadt, die Epameinondas gegründet, die Vorhut gegen Sparta zu sein, und welche seitdem nicht aufgehört hatte, in stets schwieriger und oft großartiger politischer Stellung sich zu bewähren, sie trat nun in die Eidgenossenschaft, deren Gebiet damit die Grenzen Lakoniens und Messeniens berührte, und deren Politik die Beziehungen alle übernahm, welche bisher Megalopolis zu vertreten gehabt hatte. Und noch mehr: die Eidgenossenschaft war auf üblem Wege; Aratos war so entschieden das Haupt derselben, daß er gegen das Grundgesetz bereits wiederholt Jahr auf Jahr die Strategie bekleidet hatte24; sein Einfluß war unumschränkt, und die freie demokratische Bewegung, die allein der Eidgenossenschaft eine höhere Richtung bewahren konnte, ja erst geben sollte, hatte gegen seine bevormundende Art der Leitung nicht aufkommen können. Da trat Lydiadas ein; sofort war er der Mittelpunkt aller derjenigen Bestrebungen, welche Aratos niederzuhalten bemüht gewesen war; schon in Lydiadas' erster Strategie kam dieser Gegensatz der Ansicht wie der äußeren Politik zur völligen Entwicklung.

Verfolgen wir zunächst die äußere Politik des Bundes. Wir sahen, wie Arat mit den Aitolern Bündnis geschlossen hatte. Es wird berichtet, daß er nicht aufhörte, sich um die Befreiung Athens zu bemühen; noch als Antigonos lebte, hatte er wiederholte Versuche gemacht; »Als Antigonos gestorben war«, sagt Plutarch, »bemühte er sich nur noch eifriger um Athen und verachtete die Makedonen gänzlich; als er daher bei Phylakia von Bithys, dem Feldherrn des Demetrios, geschlagen worden war und es hieß, daß er gefangen oder gefallen sei, schickte der Phrurarch im Peiraieus Boten nach Korinth, die Räumung des Platzes zu fordern«25. Also in Thessalien hatte Arat mit seinen Achaiern gekämpft; nur in Verbindung mit den Aitolern, zu denen Boiotien gehörte und welche die Thermopylen beherrschten, konnte er bis dahin gelangt sein. Der König mochte[318] damals noch gegen die Dardaner zu kämpfen haben26; aber Bithys' Sieg war so vollständig, Arats Rückzug oder Flucht so schleunig, daß er bereits, als des Phrurarchen Botschaft nach Korinth kam, eben dahin zurückgekehrt war. Wohl mochte er über die Boten aus dem Peiraieus spotten; es mochte ihn über die Niederlage trösten, daß Demetrios auf die Kunde von seiner Gefangenschaft ein Schiff gesandt hatte, ihn – so wichtig erschien er dem Könige – in Ketten nach Makedonien zu bringen; aber daß die Athener sich bei der Nachricht von seinem Unglück festlich gekränzt hatten, kränkte ihn schmerzlichst; und sofort, heißt es, brach er ein in das attische Gebiet, drang bis an die Gärten der Akademie vor, – die Bitten der Athener bewogen ihn, nichts Weiteres zu tun. Eine seltsame Geschichte; sowohl für den raschen Überfall wie für den Rückzug muß Arat andere Motive gehabt haben.

Polybios bezeugt es, daß die Aitoler den Krieg gegen Demetrios begonnen hatten, daß in diesem Kriege die Achaier ihren Verbündeten mit Hingebung beistanden. Bis Thessalien war das verbündete Heer vorgedrungen; welche Aussichten, wenn es gelang, das reiche Thessalien von Makedonien zu trennen, Demetrios so hinter die Pässe des Olympos zurückzudrängen; wie tief hinabgedrückt war Makedoniens Macht in dem Augenblick, da im Norden die Dardaner, im Süden die Achaier und Aitoler andrängten, da sich Epeiros, das Königtum vernichtend, eine Verfassung gegeben hatte27, die es zum natürlichen Bundesgenossen jener Bundesstaaten machte. Es war die höchste Gefahr, daß Makedonien seine ganze Bedeutung einbüßte; denn so sind die Staatsbildungen, welche diese Zeit bestimmen: in jedem Augenblick ist ihre Existenz in Frage gestellt; so wenig sind sie der unmittelbare und in sich notwendige Ausdruck natürlicher und nationaler Verhältnisse, und so ganz fehlt ihnen der einzig wahrhafte Schwerpunkt geschlossener Volkstümlichkeit, daß sie vielmehr nur gemachte Formen, Resultate äußerer politischer Verhältnisse, künstlich zusammengebaute Maschinen sind, die ohne die kundige Hand des Werkmeisters tot dastehen oder bei gefährlichem Anstoß leicht zu toten Fragmenten auseinanderbrechen.

Demetrios, den neuere Historiker den unbedeutendsten Fürsten aus der Dynastie der Antigoniden nennen zu dürfen geglaubt haben, verstand es, die rings androhenden Gefahren zu durchreißen und, wie es in dem trockenen Bericht eines Chronographen lautet, alles, was seines Vaters gewesen[319] war, wiederzugewinnen28. Jener Sieg des Bithys wird der Anfang gewesen sein; mochte derselbe zugleich die Aitoler aus Thessalien zurückwerfen, entscheidend mußte er sein, wenn der Phrurarch von Athen jenes Ansinnen wegen Korinth an die Eidgenossen stellen konnte. Wir finden erwähnt, daß Demetrios mit Heeresmacht in Boiotien erschien, daß die Boioter sofort die Verbindung mit den Aitolern aufgaben, sich ganz an Makedonien anschlossen; es kann keine Frage sein, daß die Phoker, denen längst schon von den Aitolern das delphische Heiligtum entrissen war und deren Grenze, wenn anders sie nicht in den Bund zu treten gezwungen waren, ihren nächsten Überfällen ausgesetzt lag, sich mit Freuden dem Makedonen anschlossen; und die Lokrer am Oita, die zu Antigonos' Zeit sich über die schweren Tribute der Aitoler zu beklagen hatten, fielen um so wahrscheinlicher Demetrios zu, da nach dem Sieg in Thessalien sein Marsch unzweifelhaft durch die Thermopylen gen Boiotien ging. Ja noch weiter, es wird erwähnt, daß Demetrios die alte aitolische Stadt Pleuron jenseits Kalydon in der fruchtbaren lelantischen Marsch völlig zerstört habe, Demetrios, der den Beinamen der Aitoliker führe. Man sieht, welche vollständigen Siege er errungen haben mußte; dorthin zu gelangen hatte er das Gebiet der Ozolischen Lokrer, die längst diesen Namen mit dem der Aitoler vertauscht hatten, durchziehen müssen; und wenn es auch nicht nachzuweisen ist, daß er das delphische Heiligtum den lokrischen Aitolern entriß, das Amphiktyonengericht finden wir hinfort nicht mehr von den aitolischen Hieromnemonen allein, sondern in alter Art besetzt29. Das sind die dürftigen Notizen über einen Krieg, der für Demetrios um so glorreicher sein mußte, je stolzer der Ruhm der aitolischen Waffen war; kaum in den Zeiten der Diadochen hatten sie solche Demütigungen erlitten. Wenn je, so konnten sich in diesem »Demetrischen Kriege« die Akarnanen erheben, und sie werden nicht gesäumt haben, wenigstens die alte Grenze ihres freien Gebietes, den Acheloos, wiederzugewinnen. Die Achaier aber hatten, je gewaltiger sich die makedonische Macht wieder erhob, desto mehr Ursache, den Aitolern jeden Beistand zu leisten, und wir erfahren, daß es in hinreichender Ausdehnung geschah, um die Aitoler zu dauerndem Dank zu verpflichten.

Es wird leider nicht überliefert, wann diese entscheidenden Begebenheiten erfolgt sind; es ist unmöglich, sie mit einiger Sicherheit mit den[320] Verhältnissen in der Peloponnes in Verbindung zu bringen. Die einzige Handhabe ist, daß Polybios, wo er von den Anfängen des kleomenischen Krieges spricht (also in Beziehung auf das Jahr 227), die neulich den Aitolern geleisteten guten Dienste der Achaier anführt; man wird darnach geneigt sein, den Demetrischen Krieg eher in die zweite als in die erste Hälfte der Herrschaft des Demetrios (239-229) zu setzen. Fest steht Lydiadas' erste Strategie vom Frühling 233 an; da man ihn in gerechter Bewunderung über seine hochherzige Befreiung von Megalopolis wählte, so wird sein Eintritt in den Bund gewiß der Wahl nur wenig vorausgegangen sein und er entweder im Ausgang des Jahres 234 oder anfangs 233 seine Tyrannis aufgegeben haben. Es geschah dies gleich nach dem Fall des Aristippos in Argos; aber mit königlichen Truppen konnte Aristomachos in Argos erscheinen, die Herrschaft an sich zu reißen. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß dies 234 geschah. Kurz vorher mochte die Schlacht in Thessalien geliefert sein; eiligst heimgeflüchtet, versuchte Aratos Athen zu befreien; es wäre für den zu erwartenden Feldzug des Demetrios von der höchsten Wichtigkeit gewesen, Attika den Makedonen zu entreißen; es gelang nicht. Jetzt war es Zeit, daß Aristipp seinen Angriff auf Kleonai machte; er ward zurückgetrieben, ermordet. Wahrscheinlich von Attika aus erschien Aristomachos mit den königlichen Truppen in Argos. In demselben Sommer oder Herbst 234 mochte Demetrios nach Griechenland ziehen, vielleicht noch in demselben Jahre Aitolien verheeren. Sollte er unter so glänzenden Erfolgen nichts weiter in der Peloponnes versucht haben? Freilich Akrokorinth wiederzugewinnen mochte unmöglich scheinen; aber eine vereinzelte Notiz gibt an, daß wenige Jahre darauf in Mantineia makedonische Besatzung lag30; es ist wahrscheinlich, daß die Leiter[321] der Stadt sie eben jetzt bereitwillig den Makedonen übergaben. Das Gebiet der Stadt grenzte an das von Argos ebenso wie das der Tyrannen von Phlius, von Hermione; auch Orchomenos, Tegea, vielleicht noch andere Gebiete mögen sich dem Makedonen zugewandt haben oder unter Tyrannen gekommen sein; Sparta stand unzweifelhaft in freundschaftlicher Beziehung zu Demetrios. Er war, sagt Polybios31, gleichsam der Meister und Brotherr der Monarchen in der Peloponnes; es wiederholte sich die Politik der früheren Jahre des Antigonos, und mit Recht konnte von Demetrios gesagt werden, daß er alles, was seines Vaters gewesen, wieder unter seine Gewalt gebracht.

Je schwieriger unter solchem Vordringen des makedonischen Einflusses die Lage der achaiischen Eidgenossenschaft wurde, desto wichtiger war es, daß gerade jetzt Lydiadas zu derselben trat, desto bewunderungswürdiger sein Entschluß, die Tyrannis hinwegzuwerfen gerade da, als er von Demetrios jede Art von Förderung erwarten durfte, wenn er sich dem makedonischen Interesse hingab. Oder sah er von Mantineia aus seine Selbständigkeit bedroht? Fürchtete er Begünstigung Spartas auf Kosten von Megalopolis? Bestimmten solche Rücksichten seinen Entschluß ebensosehr wie sein eigener adliger Sinn? Für den Erfolg können die Motive gleichgültig sein; gewiß ist es, daß er die von Arat befolgte Politik entschieden mißbilligte; er suchte, sagt Plutarch, in seiner Strategie den Ruhm Arats zu überbieten und befahl außer anderen Dingen, die nicht notwendig schienen, einen Auszug gegen Sparta. Diese Maßregel zu würdigen, können wir nur eine Reihe von Vermutungen aufstellen. Sparta war seit der Vernichtung des Agis und seiner Reformen freilich zu der alten Oligarchie zurückgebracht, aber nur gewaltsam mochte die Erbitterung der Armen, der Rechtlosen niedergehalten werden; dem kühneren Scharfblick des Lydiadas konnte es nicht entgehen, daß erst der Eintritt Spartas in die Eidgenossenschaft ihre politische Stellung nach außen entscheiden, daß zugleich die Aufhebung jener entarteten Verfassung, die Begründung einer Demokratie, die Verteilung der Güter jener wenigen Überreichen, welche mit dem bestehenden Zustand stürzen mußten, der Eidgenossenschaft einen demokratischen Zuwachs gewähren würde, durch welchen die bevormundende Stellung Arats, der Einfluß der um ihn gescharten Wohlhabenden und die kleinbürgerliche Beschränktheit der alten eidgenössischen Ortschaften gebrochen werden würde. Und weiter, seit ein paar[322] Jahren war dem alten Leonidas im Königtum Kleomenes gefolgt, noch zurückhaltend und vorsichtig, aber Lydiadas mochte in ihm schon den »Löwen Spartas« erkennen, wie er sich denn bald mächtig genug erhob; er mochte ahnen, was der Erfolg bewährt hat, daß, wenn er erst hervorschritt, sein Wille schöpferisch und unwiderstehlich das Griechentum in neue Bahnen reißen werde; sollte die Bedeutung der Eidgenossenschaft, die so große Elemente bedeutender Gestaltung in sich trug, sich entwickeln, so war es notwendig, jetzt Sparta in dieselbe herüberzuziehen, oder sie hatte für immer die Möglichkeit, ihre Aufgabe zu erfüllen, eingebüßt.

Aber Lydiadas drang, so scheint es, nicht hindurch; Arat arbeitete ihm entgegen; mehr noch als die Dankbarkeit des Bundes, auf die er allerdings rechte Ansprüche hatte, mochte ihn die Gewöhnung an ihn und die reichliche Fülle passiver Elemente, die nun einmal in der Eidgenossenschaft war, stützen. Wenig erfahren wir über die weitere Rivalität beider; immerhin mochte Lydiadas in den Volksversammlungen des Bundes die Majorität haben, in dem städteweise gewählten Rat, der alle Vorberatungen, in der Versammlung der Damiurgen, welche die laufenden Geschäfte zu ordnen hatte, mußte Arats Einfluß stets überwiegend sein. Nachdem er selbst die Strategie von 232 geführt, suchte er die erneute Wahl des Lydiadas auf jede Weise zu hintertreiben, sie auf einen anderen zu lenken. Es gelang ihm nicht. Dasselbe Spiel wiederholte sich nach der nächsten, der zehnten Strategie des Arat 230; nachdem Lydiadas zum dritten Male gewählt (229) und die Feindschaft beider schon vollkommen offenbar war, bot Arat alles auf, die unerträgliche Rivalität des besseren Mannes loszuwerden; mehr die Parteiansicht als das Sachverhältnis bezeichnend ist, was Plutarch für Arat sprechend sagt: »Es schien ein erkünstelter Charakter gegen wahrhafte und ungemischte Tugend zu wetteifern; und wie in der Fabel der Kuckuck die kleinen Vögel fragt, warum sie vor ihm fliehen, und jene antworten, weil er bald ein Habicht sein werde, so schien dem Lydia das aus seiner Tyrannis her der Verdacht einer möglichen Umwandlung seines Wesens zu folgen, welche den Glauben an ihn untergrub«32. Nur zu bald sollte sich zeigen, wie der Bund beraten war, wenn Arats Einfluß ihn wieder allein bestimmte.[323]

Die Eidgenossenschaft gewann vom Beitritt der Megalopoliten an bis zum Tode des Demetrios keinen neuen Zuwachs; unmöglich kann der Grund davon allein in jenem inneren Zwiespalt gesucht werden, er hätte eher das Entgegengesetzte wirken können; nicht minder auffallend sind gewisse Maßregeln der Makedonen in Beziehung auf die Aitoler, von denen gleich zu sprechen sein wird. Es scheint nach dem Wesen dieser Zeit nicht anders möglich, als daß ein Krieg wie jener Demetrische durch einen Frieden beendigt wurde, der die neue Gestaltung der Verhältnisse ordnete; Lydiadas wird es gewesen sein, der ihn in seiner ersten Strategie förderte. Erst durch diesen Frieden erhielt der neue Einfluß, den Demetrios im Westen der Peloponnes gewonnen, seine Sicherung; durch ihn mußte die Trennung Boiotiens vom Aitolischen Bunde, die Trennung oder Sicherung von Phokis und Lokris am Oita, die Wiederherstellung der Amphiktyonie, die Bundesverfassung der Epeiroten anerkannt werden; daß die Freiheit der Akarnanen ebenso ausbedungen worden, scheint nach späteren Vorfällen nicht glaublich, und wenigstens Makedonien hatte kein[324] Interesse dabei, die schon faktische Unabhängigkeit der Akarnanen, welche geeignet schien, die Aitoler mannigfach zu beschäftigen, in der Weise zu garantieren, daß es sich in die mit Bestimmtheit zu erwartenden Kämpfe der Nachbarn mit hätte einlassen sollen, Kämpfe, die ihm keinen unmittelbaren Gewinn bringen konnten. Auch mochten die Nordgrenzen noch keineswegs vollständig und dauernd gesichert scheinen, wie denn nach kaum drei Jahren die Dardaner wieder Makedonien auf das äußerste gefährdeten.

Neben dem von den Dardanern beherrschten Gebiet und mit demselben in häufigem Hader lag an der Küste des Adriatischen Meeres das Königtum der Illyrier, das, vor anderthalb Jahrhunderten durch Bardylis gestiftet, jetzt unter Agron, dem Sohn des Pleuratos, sich etwa vom Drinfluß nordwärts über die zum Teil mit griechischen Kolonien besetzten Küsten bis zu den Inseln Pharos und Issa und vielleicht noch weiter ausdehnte, bewohnt von rohen, räuberischen Stämmen, bei denen Seeraub seit alten Zeiten üblich war. Einst hatte das Gebiet der Taulantinerfürsten die Südgrenze dieses illyrischen Landes gebildet; dann hatte Pyrrhos deren Land an sich gebracht, dann Alexandros, Pyrrhos' Sohn, mit den Dardanern um dasselbe gekämpft; es war eine Zeitlang Dyrrhachion, die Griechenstadt, im Besitz des Dardanerkönigs Monunios gewesen; in wessen Hand darnach das innere Land zwischen dem Drinfluß und den keraunischen Bergen gekommen, ist nicht zu erkennen; die Dardaner besaßen es nicht mehr. An der Küste waren Griechenstädte, Dyrrhachion und Apollonia namentlich, mit unabhängigem Gebiet, Apollonia bereits mit den Römern befreundet33.

So Illyrien in dem Zeitpunkt, als es Gelegenheit finden sollte mit den hellenischen Verhältnissen in Berührung zu kommen. Die Aitoler hatten sich lange vergebens bemüht, die akarnanische Stadt Medeon zum Eintritt in die aitolische Sympolitie zu bewegen; sie faßten endlich den Beschluß, sie dazu zu zwingen; mit dem vollen Aufgebot zogen sie gegen Medeon, umlagerten die Stadt, begannen ihre förmliche Belagerung. Als die herbstliche Tag- und Nachtgleiche und damit die Zeit zur neuen Strategenwahl nahe war, schien der Fall der Stadt sogleich erfolgen zu müssen; der Stratege, der demnächst abtreten sollte, berief die Aitoler und[325] stellte ihnen vor, wie es billig sei, ihm, der die Stadt so weit gebracht, und nicht seinem Nachfolger den üblichen Strategenteil der Beute zu überlassen; unter lebhaftem Widerspruch derer, die sich Aussicht auf die neue Wahl machten, wurde beschlossen, der alte und der neue Stratege sollten gemeinsam die Verteilung der Beute besorgen und beider Namen auf die Weihewaffen geschrieben werden. Schon war der Tag vor der Wahl und dem Amtsantritt des neuen Strategen da, als über Nacht in den Golf von Ambrakia hundert illyrische Barkschiffe mit fünftausend Bewaffneten einfuhren, am medeonischen Strand anlegten und, wie es Tag geworden war, sich rasch und in aller Stille ausschifften, in einzelne Haufen geteilt nach der etwa zwei Stunden entfernten Stadt zogen, um sofort das aitolische Lager anzugreifen. Trotz der vollkommen unerwartet andringenden Gefahr ordneten sich die Aitoler schnell zur tapferen Gegenwehr, aber die Heftigkeit des Angriffs der Illyrier und der gleichzeitige Ausfall der Medeoner zwang sie zum Weichen; mit Verlust vieler Toter und Gefangener eilten sie von dannen, ließen das Lager im Stich; die Illyrier aber, wie ihnen ihr König befohlen hatte, schafften das Erbeutete in die Schiffe und fuhren heim, während die Medeoner, so unverhofft gerettet, in der ersten Volksversammlung beschlossen, auf die Waffen, die nun sie als Trophäen weihten, nach dem Beschluß der Aitoler die Namen des eben abtretenden und des neuen Strategen zu schreiben.

Dieser Überfall der Illyrier war durch Demetrios von Makedonien veranlaßt worden; er hatte den König Agron, der an Fahrzeugen und Landtruppen mächtiger als irgend einer seiner Vorfahren genannt wird, zu der Expedition bewogen, um die bedrängte Akarnanenstadt zu retten. Agron aber war, als seine Fahrzeuge zurückkamen, über die Beute und den Ruhm eines Sieges über die Aitoler so hoch erfreut, daß er schwelgerische Gelage und ausschweifendes Bankettieren zu halten begann, infolgedessen er nach wenigen Tagen starb. Dies wird im Herbst 231 geschehen sein34.

Seine Witwe Teuta übernahm die Regierung für ihren unmündigen Sohn Pinnes. Jener Sieg hatte sie mit der törichtsten Zuversicht erfüllt; sie gab den illyrischen Seefahrern völlige Freiheit, Seeraub zu treiben, wo und wie sie wollten; sie rüstete eine neue Expedition so groß wie jene aus und gab ihren Führern Vollmacht, alle Welt anzugreifen. Zuerst wandten sich diese gen Elis und Messenien, wohin sich immer die illyrischen Piraten zu wenden pflegten, da dort die festen Städte von der Küste entfernt lagen. Nach[326] reichlicher Plünderung zogen sie dann weiter an die Küste von Epeiros, einen Versuch auf Phoinike, die reichste und bedeutendste Stadt des Epeirotenbundes, etwa eine Meile landeinwärts gelegen, zu machen, unter dem Vorwand, Proviant nehmen zu wollen, landeten sie an der nächsten Küste. Der Bund hielt eine Schar von 800 galatischen Söldnern, die in Phoinike lagen; mit diesen wurde ein Einverständnis angeknüpft; mit ihrer Hilfe bemächtigten sich die Illyrier dieser festesten Stadt des Landes. Auf die Kunde davon zog eiligst aufgeboten die ganze waffenfähige Mannschaft der Epeiroten gen Phoinike, nahm neben dem Fluß, der vorüberströmt, eine feste Stellung in der Nähe der Stadt, sie aus den Händen der Barbaren zu retten. Da kam die Kunde, daß Skerdilaidas, der Bruder Agrons, zu Lande mit 5000 Illyriern durch die Pässe von Antigoneia hereinziehe. Sofort ward ein Teil des Epeirotenheeres entgegengesandt, den Weg von Antigoneia zu sperren. Die Teilung der belagernden Streitkräfte und der unordentliche Dienst der Zurückgebliebenen entging den Illyriern in der Stadt nicht; bei nächtlicher Weile stellten sie die abgedeckte Brücke her, gingen ungehindert über den Fluß, besetzten eine Anhöhe in der Nähe des feindlichen Lagers; tags darauf erfolgte ein Gefecht, in dem die Epeiroten gänzlich geschlagen, viele gefangen, der Rest zur Flucht nach der Atintanenlandschaft hin gezwungen wurde. In dieser vollkommen hoffnungslosen Lage wandten sie sich Hilfe bittend an die Aitoler und Achaier, und diese schickten sofort Beistand; sie drangen bis Helikranon vor. Aber schon hatten sich die Illyrier von Phoinike mit Skerdilaidas vereint, lagerten den Verbündeten der Epeiroten gegenüber, begierig zu kämpfen; das schwierige Terrain hinderte sie; zugleich schickte die Königin den Befehl zur schleunigen Heimkehr, da ein Teil der Illyrier zu den Dardanern abgefallen sei. Nach einer schleunigen Plünderung auf dem Rückzug schlossen die Illyrier Waffenstillstand mit den Epeiroten, gaben Phoinike und die gefangenen Freien gegen Lösegeld zurück, eilten mit den gefangenen Sklaven und der übrigen Beute, die einen zur See, die anderen durch die Pässe von Antigoneia, heim.

Ausdrücklich wird es bezeugt, daß dieser Überfall von Phoinike in allen griechischen Landschaften den größten Schrecken hervorbrachte. Illyrische Piraten hatten bisher wohl vereinzelte Raubzüge bis Lakonien hin unternommen; aber diese neue Art von Invasionen, von Staats wegen, zugleich zu Meer und Land unternommen, mußte um so gefahrdrohender erscheinen, als Makedonien sie zu begünstigen schien; Makedonien, von den Aitolern und Achaiern im Rücken gefährdet, während es schwer genug gegen die nördlichen Barbaren zu kämpfen hatte, warf nun, von neuen Angriffen der Dardaner bedroht und neuen Friedensbruch seitens der Aitoler und Achaier besorgend, um sich den Rücken zu sichern, nach Griechenland[327] hinein dieselbe Gefahr barbarischer Invasionen; und seit dem Aufhören des aiakidischen Königtums lag diese Seite des Griechentums denselben, wenn Makedonien es nicht deckte, so gut wie vollkommen bloß; die Republik der Epeiroten war in dem Maße unfähig, eine Vormauer zu sein, daß sie vielmehr, um sich zu sichern, mit den Akarnanen zugleich an die Königin Teuta Gesandte schickte und mit den Illyriern in Bündnis trat.

Die Königin Teuta war, als die beutebeladenen Expeditionen heimkehrten, voll frohen Erstaunens und sofort zu neuen Unternehmungen gegen Griechenland entschlossen. Für den Augenblick hinderten sie noch die inneren Unruhen; schnell wurden die zu den Dardanern abgefallenen Stämme wieder überwältigt, nur Issa auf der gleichnamigen Insel hielt sich noch, wurde belagert. Eben jetzt, es mochte gegen Ausgang des Jahres 230 sein, erschien eine römische Gesandtschaft bei der Königin; schon sonst hatten illyrische Seeräuber die Kauffahrer von Italien behelligt, aber so arg nie wie in diesem Jahre namentlich von Phoinike aus; römische Untertanen in Menge waren nicht bloß geplündert, sondern ermordet oder als Gefangene mitgeschleppt worden; aus den italischen Häfen liefen Klagen über Klagen beim Senate ein und bestimmten ihn endlich, C. und L. Coruncanius als Gesandte zu schicken und Beschwerde zu führen. Die Königin hörte ihre Eröffnungen mit verhaltenem Unwillen: von Staats wegen wolle sie das Mögliche tun, weitere Beeinträchtigung der Römer zu hindern, doch den einzelnen abzuhalten, seinem Privatvorteil auf dem Meere nachzugehen, habe nach illyrischem Herkommen das Königtum das Recht nicht. Mit dreister Entschiedenheit erwiderte der jüngere Coruncanius, daß in Rom das löbliche Herkommen sei, das Recht und die Sicherheit der einzelnen von Staats wegen zu schützen, und man werde das Mögliche tun, um, so es den Göttern gefalle, die Königin zu zwingen, das illyrische Herkommen gründlich zu verbessern. So gingen sie; kaum abgesegelt wurden sie überfallen und nach dem Befehl der Königin der dreiste Sprecher erschlagen. Sobald die Kunde von diesem Frevel nach Rom kam, wurde sofort der Krieg gegen die Illyrier beschlossen und Heer und Flotte gerüstet.

Die Königin Teuta indes, unbekümmert um die drohende Gefahr, sandte mit dem nächsten Frühling eine neue bedeutendere Macht aus, Griechenland heimzusuchen. Ein Teil derselben wandte sich gen Dyrrhachion; sie baten Trinkwasser einnehmen zu dürfen; so kamen ihrer viele in die Tore, aber in ihren Krügen hatten sie die Schwerter, überfielen und ermordeten die Torwache, bemächtigten sich des Tores, der anstoßenden Mauer, während verabredetermaßen die übrigen aus den Barken herbeieilten; bald war fast die ganze Mauer in ihrer Gewalt. Aber die Bürger sammelten sich schleunig,[328] und so kräftig und andauernd war ihr Kampf gegen die Barbaren, daß diese endlich ihren Rückzug antreten mußten. Sie eilten der übrigen Macht nach, welche gen Korkyra vorausgesegelt war. Sofort wurde gelandet, die Belagerung der Stadt begonnen. Die Korkyraier in ihrer Not sandten schleunigst Hilfe bittend an die Aitoler, die Achaier; auch Gesandte von Apollonia, von Dyrrhachion kamen, flehend, daß man sie doch nicht ihrem sichtlichen Untergang preisgeben, sie gegen die Illyrier schützen möge. Man zögerte nicht; die zehn großen Kriegsschiffe, welche die Achaier besaßen, wurden mit Achaiern und Aitolern bemannt, gingen nach wenigen Tagen in See; man hoffte so, Korkyra zu entsetzen. Den Illyriern war indes die vertragsmäßige Hilfe der Akarnanen, bestehend in sieben Kriegsschiffen, zugekommen. Mit diesen und den eigenen Barken gingen sie den Achaierschiffen bei der paxischen Insel entgegen; es entspann sich ein heftiges Gefecht; der Teil der achaiischen Schiffe, welcher gegen die Akarnanen stand, hielt sich gut, es kam dort zu keiner Entscheidung; auf der anderen Seite des Gefechtes aber kamen die Illyrier mit ihren Barken, je vier zusammengebunden, erwarteten ruhig, die Breitseite bietend, den Stoß der feindlichen Schnäbel, ließen sie sich festbohren, um dann, wenn das feindliche Schiff, mit den vier zusammengebundenen Barken vor sich, an weiterer Bewegung gehindert war, auf das feindliche Deck zu springen und mit der Übermacht ihrerseits den Sieg zu entscheiden. Vier Vierruderer wurden so genommen, ein Fünfruderer mit seiner ganzen Bemannung, Margos von Keryneia unter derselben, versenkt. Als dieser Ausgang auf den Schiffen des anderen Flügels bemerkt wurde, eilten sie sich zurückzuziehen und entkamen, vom Winde begünstigt, glücklich nach Hause. Die Korkyraier aber, nun mit doppelter Heftigkeit bedrängt, zu längerem Widerstand unfähig, an Rettung verzweifelnd, ergaben sich auf Vertrag und nahmen eine illyrische Besatzung in die Stadt. Nun segelten die Illyrier von dannen gen Dyrrhachion, den kürzlich mißglückten Versuch gegen die reiche Handelsstadt zu erneuern.

Indes war eine römische Flotte von 200 Segeln unter dem Consul Cn. Fulvius in See gegangen, während der andere Consul, A. Postumius, das Landheer bei Brundisium sammelte. Fulvius eilte gen Korkyra; erfuhr, daß die Insel bereits erobert sei; er schiffte dennoch hin. Unter den Befehlshabern war einer, Demetrios von Pharos, der, bei der Königin Teuta angeschuldigt und über seine Sicherheit besorgt, heimliche Botschaft an die Römer gesandt hatte, daß er bereit sei, ihnen die Stadt und alles, was er unter sich habe, zu übergeben. Als nun die Römerflotte anlangte, lieferten die Korkyraier mit Beistimmung des Demetrios die illyrische Besatzung den Römern aus, ergaben nach einstimmigem Beschluß sich und ihre Insel der römischen Hoheit; es schien die einzige Rettung vor ferneren[329] Gewalttaten der Illyrier. Dann segelte Fulvius, von Demetrios begleitet und in den weiteren Maßnahmen beraten, gen Apollonia, wohin eben jetzt auch Postumius mit etwa 20000 Mann Fußvolk und 2000 Reitern übersetzte; auch Apollonia öffnete bereitwillig die Tore, trat unter den Schutz der Römer. Die römischen Konsuln brachen auf, Dyrrhachion, das bereits hart bedrängt wurde, zu entsetzen; auf die Kunde von ihrem Anrücken gaben die Illyrier die Belagerung auf, zogen sich schleunigst zurück; und Dyrrhachion schloß sich gern den Römern an. Dann zogen sie in das Innere Illyriens, bewältigten die Ardiaier; von anderen Stämmen, namentlich den Parthinern, an der Küste gegenüber von Pharos, und den Atintanen, kamen Gesandte, ihre Ergebung an die Römer zu bezeugen; sie wurden gleich den Städten in die »Freundschaft« Roms aufgenommen. Dann wurde Issa, das sich noch immer verteidigte, entsetzt und trat in dasselbe Verhältnis zu den Römern. Andere illyrische Städte an der Küste wurden mit mehr oder minder Anstrengung genommen. Wie schnell war diese den Griechen so furchtbare Macht der Illyrier zertrümmert; die Königin Teuta selbst hatte sich mit wenigen Begleitern nach Rhizon, einem festen Städtchen am innersten Winkel des Meerbusens von Cattaro, geflüchtet. So kam das Ende des Jahres; nachdem an Demetrios als Dynasten der größte Teil der Illyrier, namentlich das Volk der Ardiaier übergeben war, zogen sich die Römer nach Dyrrhachion zurück, Fulvius kehrte mit den meisten Schiffen und Truppen nach Italien heim, Postumius behielt vierzig Schiffe, sammelte aus den Städten umher ein Heer, überwinterte in der Nähe von Dyrrhachion in einer Stellung, welche die Ardiaier und die übrigen Stämme und Städte, die sich in römischen Schutz gegeben hatten, sicherte. Mit dem Frühling 228 endlich schickte die Königin Teuta ihre Friedensanträge; sie erklärte sich bereit, den Tribut, den die Römer fordern würden, zu zahlen, das illyrische Land bis auf einige Distrikte abzutreten; sie verpflichtete sich, daß künftig über Lissos hinaus nie mehr als zwei illyrische Barken und zwar unbewaffnet fahren sollten. Auf diese Bedingungen wurde ihr der Frieden gewährt. Die Herrschaft Roms über das Adriatische Meer war begründet; Rom hatte wie Großgriechenland so die illyrischen Griechenstädte und Korkyra in fester Hand. Hiernach schickte Postumius eine Gesandtschaft an den Achaiischen und Aitolischen Bund, Rom wegen des Übergangs nach den diesseitigen Küsten durch Darlegung der Gründe, die den Auszug veranlaßt, zu rechtfertigen und den mit der Königin geschlossenen Frieden mitzuteilen; von seiten beider Staaten wurden die Mitteilungen mit lebhaftem Dank entgegengenommen. Es waren die ersten gesandtschaftlichen Verbindungen Roms mit Griechenland; bald folgten deren andere mit Athen, mit Korinth; die Korinther gewährten den Römern[330] die Zulassung zu den Isthmischen Spielen, die Athener die Teilnahme an den eleusinischen Weihen und die Isopolitie.

In Griechenland selbst waren eben jetzt die bedeutendsten Veränderungen vor sich gegangen. Demetrios von Makedonien hatte um dieselbe Zeit, da die Römer nach Illyrien übergesetzt waren, sein Ende gefunden; er war eben wieder im Kampf gegen die Dardaner, er hatte eine völlige Niederlage erlitten, vielleicht war auch er unter den Toten jenes unseligen Tages; ein siebenjähriger Knabe, Philipp, war der Erbe des Diadems. Während die Römer in ungehemmten Siegen über die Illyrier, die die Lage der Verhältnisse zu Makedoniens Verbündeten gemacht hatte, vordrangen, durchbrachen die Dardaner im kecken Siegesübermut die Grenzen. Die Thessaler, bei denen schon lange Gärung gewesen, glaubten die Zeit günstig, ihre dem Namen nach immer noch bestehende Sonderung von Makedonien völlig durchzusetzen; sie rissen sich von Makedonien los. Die Aitoler beeilten sich, in Thessalien vorzudringen, sei es mit Beistimmung der Thessaler, um deren neue Selbständigkeit sichern zu helfen, sei es um die schon vor zehn Jahren versuchten Okkupationen nun für immer zu sichern35; auch nach anderen Seiten hingriffen sie aus, und in Boiotien war wenigstens gegen die Verbindung mit Makedonien eine schnell erstarkende Partei; wie mochten die Opuntier, die Phoker hoffen können, sich lange gegen das Umsichgreifen des Bundes zu halten, wie gar die Akarnanen und Epeiroten, die Verbündeten der Illyrier, deren ephemere Macht eben jetzt so jämmerlich vor den Römern dahinsank. In Athen begannen die Patrioten des Chremonideischen Krieges von neuem zu arbeiten. Noch stärker und erfolgreicher war die Tätigkeit, welche eben jetzt der Achaiische Bund entwickelte. Noch vor Ausgang der zehnten Strategie Arats, so scheint es, war in engster Verbindung mit den Aitolern die Expedition gen Korkyra gemacht worden, die so vollständig mißlang. Trotz Arats Gegenbemühungen war die Wahl für die nächste Strategie wieder, nun zum drittenmal, auf Lydiadas gefallen, und ihm wird es zuzuschreiben sein, wenn nicht wieder die Achaier sich mit den Aitolern zu einer thessalischen Expedition vereinten36, sondern alles darauf gewandt wurde, die nächstgelegenen Gebiete in die Eidgenossenschaft zu ziehen; nur daß die[331] Art dieser Erweiterung offenbar den Charakter der Politik Arats trägt und damit sich offenbart, wie der Stratege des Jahres trotz der Tüchtigkeit, die wir an ihm zu erkennen geglaubt, nicht imstande war, Arats bestimmenden Einfluß zu durchbrechen.

Die einzelnen Vorfälle, wie sie uns berichtet werden, werfen ein ebenso merkwürdiges Licht auf die Stellung der beiden rivalisierenden Bundeshäupter und ihre Politik wie auf den Charakter der uns vorliegenden Berichte. Polybios sagt: »Die Monarchen in der Peloponnes, durch den Tod des Demetrios völlig hoffnungslos und gedrängt von Arat, der sie jetzt zum Aufgeben der Tyrannis nötigen zu müssen glaubte und denen, die folgen würden, große Geschenke und Ehren versprach, den Widerstand Versuchenden aber noch größere Schrecken und Gefahren zeigte, eilten, ihre Tyrannis abzutun, ihre Städte zu befreien, in die Eidgenossenschaft zu treten«; und an dieser Stelle nennt er den Lydiadas, der freilich schon früher, die Zukunft klug voraussehend, seine Herrschaft niedergelegt, sich dem Bunde angeschlossen habe; dann fährt er fort: »Aristomachos von Argos, Xenon von Hermione, Kleonymos von Phlius gaben damals ihre Monarchien auf und traten in die achaiische Demokratie«37. So ganz ist Polybios voller Pietät für den Gründer des Bundes, dem er selbst ein langes und tatenreiches Leben hindurch gedient hat, daß er nicht bloß dessen Fehler zu entschuldigen und zu rechtfertigen bemüht ist, sondern in jeder Weise diejenigen in den Schatten zu stellen sucht, die wider ihn gestanden. Plutarchs Bericht, obschon er aus Arats eigenen Denkwürdigkeiten geschöpft sein wird, läßt das wahre Verhältnis noch einigermaßen erkennen38. »Arat«, sagt er, »forderte Aristomachos von Argos auf, seine Tyrannis niederzulegen und dem Lydiadas nacheifernd lieber mit Ehre und Achtung eines solchen Volkes Stratege, als einer einzelnen Stadt gehaßter und bedrohter Tyrann zu sein; Aristomachos ging darauf ein und forderte fünfzig Talente, um seine Truppen ablohnen und entlassen zu können; und Arat sandte das Geld. Lydiadas darauf, der damals Stratege war, begierig, eine so bedeutende Erwerbung für den Bund selbst zu Ende zu führen, trat gleichfalls mit Aristomachos in Unterhandlung, eröffnete ihm, daß Arat stets feindselig und unversöhnlich gegen Tyrannen sei, erbot sich, ihm selbst die Sache weiterzuführen, und gewann ihn allerdings für den Bund, beantragte seine Aufnahme in denselben. Da zeigte sich denn« sagt Plutarch, »das Wohlwollen und Zutrauen der Eidgenossen gegen Arat; denn als er sich der Aufnahme des Aristomachos widersetzte, wurde derselbe ohne weiteres abgewiesen; in kurzem aber, da Arat dieselbe[332] Sache selbst vorlegte, wurde ihm beigestimmt und Argos in den Bund aufgenommen, Aristomachos selbst ein Jahr später zum Strategen erwählt.« Wie gesagt, es sind Arats Denkwürdigkeiten, aus denen diese Darstellung geschöpft ist. Wie übel stand es mit der Eidgenossenschaft, wenn Arat, ohne Stratege zu sein, nicht bloß so wichtige Verhandlungen auf eigene Hand führen, sondern eine sehr bedeutende Geldsumme verwenden, ja den Ausfall einer Strategenwahl in dem Vertrag im voraus zusichern konnte, wie übel, wenn der Privatmann Arat die durch das Bundesoberhaupt zu Ende geführte Verhandlung auf diese Weise zu Schanden zu machen und dann dieselbe Sache sofort durchzubringen vermochte; und war dann jene Bestechung, jene verfassungswidrige Zusicherung der nächsten Strategenwahl die einzige Möglichkeit, Argos zu befreien? Eben in diesem Zeitpunkt war der Bund imstande, den Tyrannen zu zwingen; wie aber kam Arat dazu, mit den Waffen der Eidgenossenschaft zu drohen, da ja nur der Stratege, freilich gebunden an die Beistimmung der Damiurgen und der allgemeinen Versammlung, die zu mißachten sich nur Arat erlauben zu können glaubte, den Befehl und die Führung der Truppen hatte?

Noch zweideutiger erscheint Arat in der attischen Expedition. Die Athener, so oft schon von ihm gelockt, wollen endlich beim Tode des Demetrios auch befreit werden; an ihn, den allgemeinen Freiheitsstifter, wenden sie sich, obschon damals, sagt Plutarch, ein anderer Stratege war; obwohl er krank war, folgte er dem Ruf, ließ sich in einer Sänfte nach Attika tragen. Im Peiraieus kommandierte noch derselbe makedonische Phrurarch Diogenes, der wenige Jahre zuvor auf die Nachricht von Arats Tod Korinth zur Rückkehr unter makedonische Herrschaft aufgefordert hatte; mit dem handelte nun Arat und wurde mit ihm einig, daß er für hundert und fünfzig Talente den Peiraieus, Sunion, Munychia, Salamis an die Athener verriet; und Arat selbst, ob aus eigener oder der Bundeskasse ist unklar, gab zwanzig Talente dazu. Wie anders erscheint der Vorgang nach den attischen Dokumenten: »Eurykleides, des Mikion Sohn, gab nächst denen, die den Peiraieus zurückgaben, der Stadt die Freiheit wieder und reichte zu dem Kranze für die Soldaten, die mit Diogenes den Platz zurückgaben, das Geld dar und sicherte die Häfen, besserte die Mauern der Stadt und des Peiraieus aus mit seinem Bruder Mikion«39; Diogenes aber wurde als »Euergetes«, als Wohltäter der Stadt, in dem ihm zu Ehren errichteten Diogeneion eine Festfeier gestiftet. Mag Arat das Geld zur nötigen Ablösung der Söldner geliefert haben, Athen trat nicht in den Bund; als freie und selbständige Republik empfing es jene römische Legation.[333] Es war der größte politische Fehler, daß Arat Athen nicht für den Bund gewann; daß er es gekonnt hätte, ist vollkommen klar40. Aber warum hat er es nicht gewollt? War er etwa durch das Jahrgeld von sechs Talenten, das er aus Alexandrien bezog, gebunden? – der Lagide hatte kein besonderes Interesse, Athen als besonderen Staat bestehen zu sehen. Oder war es die Sorge, den Bund nicht über den Isthmos hinaus wachsen zu lassen? – Megara gehörte ja schon zu demselben. Oder war es das Bedenken, das attische Gebiet nicht schützen zu können? – entweder hatte man Makedonien überhaupt nicht mehr zu fürchten, oder Arat hatte schon zu keck in die Interessen des Reiches eingegriffen, als daß er hoffen konnte, anders als durch möglichst umfassende Stärkung des Bundes ihn vor der Rache des Gegners retten zu können. Der Grund der Nichtaufnahme Athens wird anderswo liegen. Athen war in ganz anderem Sinn demokratisch, als Arat die Eidgenossenschaft haben wollte und sein ließ, war durch die plötzliche Herstellung in hohem Maße erregt und zu energischen Entschließungen bereit, wie denn sofort die alten Einwohner von Salamis, weil sie so lange und so gern bei der Sache der Makedonen geblieben, verjagt und die Äcker an attische Kleruchen verteilt wurden. Die Volksführer und die Armen in Athen, beide voll hoher Erinnerungen und dreister Ansprüche, hatten da eine Bedeutung, die Arat um jeden Preis von seiner Eidgenossenschaft fernhalten zu müssen glaubte. Vor allem Athen war der rechte Herd der philosophischen Bildung, der »Ideen«, welche nur schon zu sehr auch im Bunde verbreitet zu sein scheinen mochten und in demselben um keinen Preis eine neue Verstärkung gewinnen durften. In so bevormundender Weise, scheint es, wies Arat, sonst immer bereit, um jeden Preis neue Gebiete für den Bund zu gewinnen, eine Erweiterung desselben zurück, deren Folgen für die Eidgenossenschaft selbst, wie für das ganze Griechenland höchst bedeutend hätten werden müssen, während jetzt Athen, sich selbst überlassen, über lang oder kurz fremdem Einfluß anheimfallen mußte.

So war Arats Politik; man kann nicht sagen, in welchem Maße sie in ihrer Richtung von Alexandrien aus bestimmt wurde; sie war im vorliegenden Fall um so nachteiliger, da sie sich nur im Gegensatz gegen das erwählte Bundeshaupt des Jahres und durch Beeinträchtigung seiner verfassungsmäßigen[334] Stellung durchsetzen konnte. Lydiadas vermochte nichts gegen den heimlichen Mann und gegen die Verblendung oder den bösen Willen derer, die ihn unterstützten. Was half es dem Strategen, daß er ihn wiederholt vor den Eidgenossen anklagte? Arat mochte mit nur zu erfolgreicher Verdächtigung an die Tyrannis von Megalopolis und an die Fabel vom Kuckuck erinnern; in den Fehlern der Verfassung lag die Möglichkeit, daß die bessere Einsicht und das höhere Streben nicht hindurchdrang gegen die trägen Elemente, auf die er sich stützte.

Eine beiläufige Notiz sagt von der Reiterei des Achaierbundes in bezug auf eine etwas spätere Zeit, sie sei überaus vernachlässigt gewesen, weil die zum Reiterdienst Verpflichteten Ersatzleute gestellt hätten oder nur auf Prunk und Ziererei aus gewesen seien; die Hipparchen aber hätten ihnen alles nachgesehen als denen, die in der Verfassung den überwiegenden Einfluß und namentlich über Ehre und Strafe die Entscheidung gehabt hätten; um durch Beliebtheit bei ihnen die Strategie zu gewinnen, hätten die Hipparchen ihnen alles nachgesehen41. Darf man aus dieser Angabe auf ein timokratisches Element in der achaiischen »Demokratie« schließen? Der Natur der Sache nach mußte die Pflicht zum Reiterdienst von einem bestimmten Zensus bedingt sein. In den wichtigsten Funktionen der Verfassung hatten so die Begüterten, die Ktematikoi, einen bedeutsamen Einfluß. In welcher Form, ist nicht mehr erkennbar; gewiß nicht so, daß sie ihre Gemeinden auf den Bundesversammlungen von Aigion repräsentierten; es hätte da die Eidgenossenschaft gar nicht mehr den Namen einer Demokratie führen können; auch bezeugen einzelne Notizen entschieden das Gegenteil. Aber man wird voraussetzen dürfen, daß die Art der Antragstellung und der Abstimmung in diesen Volksversammlungen, in denen jede Stadt eine Stimme hatte, in einer Weise organisiert war, welche den Ktematikoi ihren Einfluß auch da noch sicherte. Oder genügte es, daß der regelmäßige Versammlungsort Aigion den Ärmeren zu entfernt war und daß die außerordentlichen Versammlungen nach irgendeinem Ort im Bunde, der den Leitenden genehm war, berufen wurden, dem man ebenso nach Bedarf ungelegen für die Masse der kleinen Leute auswählen konnte? Wenigstens tatsächlich war die Bundesversammlung nicht für Arm und Reich in gleichem Maße zugänglich; hier war ein Moment in der Verfassung, das in demselben Maße gefährlicher und lähmender werden konnte, als der Vorzug einer bestimmten Begüterung[335] längst außerhalb der bereitwilligen Anerkenntnis dieser zu völlig demokratischen Prinzipien entwickelten Zeit lag.

War einmal diese Unterscheidung nach dem Vermögen faktisch oder verfassungsmäßig wirksam, so hing unzweifelhaft auch die Wahl zu den Bundesämtern und für den Bund von derselben ab; und daß das Bundesgericht nur aus den Begüterten besetzt wurde, scheint die obige Angabe unzweifelhaft zu machen. Unter dieser Annahme erklären sich die oben dem Stande der Ritter zugeschriebenen Attribute, wenn nicht völlig, so doch der Hauptsache nach. Alle Sachen, welche der Volksgemeinde zur Entscheidung vorgelegt wurden, mußten zuvor im Bundesrat verhandelt sein; es durfte in der Gemeinde nichts verhandelt werden, als wozu sie ausdrücklich berufen war; nur zweimal jährlich wurde sie regelmäßig berufen, nur drei Tage durfte sie beisammen bleiben; es ist klar, daß diese Volksgemeinde in ihrer politischen Tätigkeit unbedeutend, ja so gut wie auf die Alternative von Ja und Nein beschränkt war.

Die Gesamtleitung des Bundes lag in den Händen des Strategen und seiner Synarchonten, worunter außer dem Hipparchen, dem Nauarchen, dem Grammateus usw. insbesondere die zehn Damiurgen zu verstehen sind. Die Damiurgen sind nicht eine Kommission des Bundesrates (der Bule oder Gerusia), und es wird kaum zweifelhaft sein, daß dieser entweder vollständig, oder, was wahrscheinlicher ist, in irgend einer Form von Ausschüssen stets zur Stelle war, um mit den Behörden bei der Leitung der laufenden Geschäfte usw. zu konkurrieren. Es ist nicht klar, ob die Damiurgen von der Gemeinde oder vom Rat erwählt wurden; es ist gewiß, daß sie den (oder die?) Kandidaten zur Strategie vorschlugen. Überall trat die Teilnahme der Menge an der Bundesverfassung, so demokratisch sie dem Namen nach war, der Tat nach in den Schatten.

Ob jenes timokratische Moment der Verfassung in allen zur Eidgenossenschaft tretenden Städten und für deren Kommunalangelegenheiten eingeführt wurde, ist nicht mit Sicherheit zu sagen, aber im hohen Grade wahrscheinlich. Diese Zensuseinrichtung konnte ihren wesentlichen Anhalt haben in der Finanzeinrichtung des Bundes. Aus einzelnen Andeutungen ergibt sich, daß jede eidgenössische Stadt einen jährlichen Beitrag an die Bundeskasse zu entrichten hatte, die um so stärker in Anspruch genommen wurde, als für jeden Krieg neben den achaiischen Kontingenten eine größere Zahl von Söldnern geworben wurde. Von einem Kommunalvermögen konnte nach den Verwirrungen des letzten Jahrhunderts bei den meisten Städten wohl kaum mehr die Rede sein; was sonst etwa den Gemeinden als solchen angehört haben mochte, wird unter Tyrannis, Oligarchie, Fremdherrschaft und dann nach deren Sturz in die Hände der Privaten übergegangen sein, so daß nun die Bundesbeiträge der einzelnen[336] Städte, soweit sie ihnen nicht etwa aus Zöllen usw. zuflossen, durch die Abgaben der Privaten beigebracht werden mußten. Es liegt nahe zu vermuten, daß die Ktematikoi die bestimmte Schatzung ihrer Kommune zu vertreten hatten. Es ist leider nicht möglich, von dem Besteuerungssystem des Bundes eine bestimmte Vorstellung zu gewinnen. Doch noch ein Punkt verdient hervorgehoben zu werden. Keineswegs alle im eidgenössischen Gebiet liegenden Ortschaften sind unmittelbare Bundesglieder; wenn späterhin Messenien in den Bund tritt, so werden aus gewissen Rücksichten drei östliche Orte abgesondert und jeder für sich in den Bund aufgenommen, während das ganze übrige Messenien als eine Kommune eintritt und als solche hinfort Münzen mit dem gemeinsamen Achaierzeichen und der Lokalbezeichnung »Messenier« prägt. Und gegen Megalopolis erheben sich mehrere der umliegenden und zugehörigen Flecken, weigern sich, unter der Stadt zu stehen, fordern, unmittelbare Bundesglieder zu werden. Ob von den so abhängigen und sozusagen nicht »unmittelbaren« achaiischen Orten die Zurücksetzung empfunden wurde, kann wohl nicht fraglich sein; sie waren wie Perioiken, sie mußten an ihren Hauptort schatzen, ohne als aktive Glieder am Bunde Anteil zu haben. So wenig nach unten hindurchgearbeitet war das Prinzip der Freiheit in dieser Eidgenossenschaft. Freilich sie war in ihrer Gesamtheit souverän, aber es blieb die bedenkliche Abstimmung in den Bundesversammlungen nach Städten; und doch waren die einen kleine, unbedeutende Flecken, während andere, wie Argos, Megalopolis, später Messenien, große Territorien umfaßten. Es würde nahe gelegen haben, die Stimmen nach der Bevölkerung, nach der Verhältniszahl der Beisteuer zum Bundesschatz zu verteilen; aber es ist mit Bestimmtheit zu behaupten, daß man über jene ursprüngliche Weise nicht hinauskam.

So dürftig diese Betrachtungen über die Verfassung nach der Natur der vorliegenden Quellen ausfallen mußten, so deutlich zeigt sich doch, wie wenig dieselbe den staatsrechtlichen Bedürfnissen, welche die Zeit entwickelt hatte, und den schwierigen politischen Verhältnissen des Bundes entsprach. Wir glaubten für Lydiadas das Verdienst in Anspruch nehmen zu dürfen, daß er auf eine Umgestaltung der Verfassung hingearbeitet habe; von seiner Vaterstadt ging sie später allerdings aus, aber als es schon zu spät war. Aratos hat es versäumt, seinen Einfluß auf die Weise zu benutzen, die allein dem Bunde eine Zukunft sichern konnte, ja er hat jeden Versuch zur Weiterbildung der Verfassung wie eine persönliche Beleidigung aufgenommen, und seine unselige Verblendung, seine immerhin wohlgemeinte, aber eitle, beschränkte Klugheit hat die ganze Verantwortlichkeit für das Mißlingen einer großen und den besseren Resultaten der hellenischen Entwicklung Raum bietenden Gründung.[337]

So standen die inneren Verhältnisse des Bundes. Allerdings bedeutend waren die Erweiterungen, die das Jahr 229 gebracht hatte; mit Ausnahme von Orchomenos und Tegea, die für sich blieben, gehörte nun ganz Arkadien zu demselben, da auch Mantineia gewonnen war; das ganze Argos, Phlius, Hermione, Troizen, Epidauros, kurz der Norden und der Kern der Peloponnes, mehr als die Hälfte der Halbinsel und außer derselben noch Megara war achaiisch; der makedonische Einfluß diesseits des Isthmos hatte sein vollkommenes Ende.

Erinnern wir uns, daß eben in diesem Jahre, als dem Tode des Demetrios in Makedonien eine vormundschaftliche Regierung folgte, als die Dardaner mit einem vollkommenen Siege vordrangen, die Thessaler sich losrissen, jeder makedonische Posten in Griechenland und den nächsten Inseln bis auf Euboia hinweggedrängt wurde, – Roms Heeresmacht zum ersten Male diesseits des Adriameeres erschien. Wir fanden, daß Makedonien, gleichsam in Notwehr gegen die Angriffe von Griechenland her, so oft es an seiner Nordgrenze gefährdet war, bei neuer Gefährdung die Illyrier selbst bewogen hatte, Griechenland heimzusuchen. Wie furchtbar war der Schrecken, den jene Raubzüge hervorbrachten; die Aitoler und Achaier, die beiden einzigen Mächte, die Griechenland, wenn sie es von Makedonien losrissen, hätten vertreten und schützen müssen, vereint wurden sie von den Illyriern bewältigt; man hatte Makedonien der Kraft beraubt, die Nordvölker im Zaum zu halten, und war nicht stark genug, sich selbst gegen deren Räuberanfälle zu schützen.

In diesem Moment allgemeiner Entmutigung und Schwäche traten die Römer ein; wie sicher und ruhig war ihr Niedertreten dieser armseligen Räubermacht, vor der das Griechentum gebebt hatte! Mit der vollkommensten moralischen und materiellen Überlegenheit zerschmetterten sie die frechen Barbaren, die gewagt hatten, römische Untertanen zu schädigen, römische Gesandte zu verletzen. Freilich eine Wohltat für Griechenland mochte es sein, daß diese Piraten vernichtet waren, und Roms erstes Verhalten zur hellenischen Politik war durchaus unverfänglich; aber welche Konsequenzen enthielt es! Rom hatte den Schutz gewährt, den Makedonien infolge der griechischen Oppositionen nicht mehr leisten konnte und den sich selbst zu gewähren Griechenland zu schwach oder zu zersplittert war; Rom hatte Korkyra, Apollonia, Dyrrhachion, kurz die Punkte, zu denen der nächste Übergang aus Italien herüberführte42, an[338] sich genommen; es war im Besitz aller Angriffspunkte und war ihrer in dem Maße gewiß, als sie nur in der Treue gegen Rom Schutz gegen die Illyrier haben konnten. Wir haben jetzt noch nicht die römische Politik und ihre Motive zu entwickeln; fast noch fünfzehn Jahre vergingen, ohne daß sie von neuem in die hellenischen Verhältnisse eingriffen, und auch da nur gezwungenerweise. Aber nach der Ansichtsweise der hellenistischen Politik und nach der Natur der Sache mußte die Tatsache, daß sie sich dort festgesetzt hatten, von der höchsten Bedeutung erscheinen; wenn es Makedonien auch gelang, die Dardaner zu Paaren zu treiben, die Thessaler zu unterwerfen, ja in Griechenland von neuem Positionen zu gewinnen, – nun stand eine Macht da, bei nächstem Anlaß dieselbe Rivalität, die einst das epeirotische Königtum für Makedonien so gefährlich gemacht hatte, zu beginnen, aber mit wie ganz anderen Machtmitteln! Schon besaß Rom ganz Italien, den Puniern hatte es Sizilien entrissen, nur das kleine Fürstentum des Hieron, den armseligen Rest des einst glänzenden Griechentums der Insel, duldete es noch; inmitten eines zwanzigjährigen Krieges hatte es sich zu einer Seemacht erhoben, vor der endlich die der Punier dahinsank; auch Korsika, auch Sardinien entriß es ihnen, zerstörte damit die Hälfte ihres Handels; und als nun Karthago in großartigster Umsicht sich auf Spanien wandte, dort erobernd eine Landmacht zu gründen, die für den Verlust der Seeherrschaft entschädigen, einst die Mittel, dem feindlichen Staate auf seinem eigenen Boden zu begegnen, bieten könnte, gebot Rom, am Ebro Halt zu machen; es war in demselben Jahre 228, da es kraft des Friedensjenseits des Adriameeres Besitz ergriff. Welche feste, umfassende, konzentrische Machtbildung hier, während im hellenistischen Staatensystem Ägypten bereits kulminiert hatte, Asien von Verwirrung in Verwirrung gestürzt ward, Griechenland in sich zerfahren und zerrissen war, Makedonien am Untergang zu stehen schien.


Vielleicht kein Lokal der alten Geschichte hat eine größere Fülle politischer Schwierigkeiten durchzumachen gehabt als Makedonien seit Amyntas' und Philipps Zeiten; stets großen Beziehungen zugewandt, ist es stets durch nächstliegende Verwicklungen wieder zurückgeworfen worden, und immer wieder gegen das zerfahrene Griechentum übermächtig greift es hinaus in die allgemeinen Verhältnisse, ohne in ihnen mehr als ein momentanes, nur durch die persönliche Überlegenheit der Fürsten getragenes Übergewicht zu erlangen. Man darf für die Antigoniden den Ruhm in Anspruch nehmen, daß sie die Stellung ihres Königtums mit großem Sinn aufgefaßt, mit unermüdlicher Anstrengung und Umsicht durchzuführen versucht haben; aber ihre Arbeit ist eine Sisyphosarbeit, nur daß mit jedem neuen Versuch die Mühe peinlicher, die Anstrengung gewaltsamer[339] wird. Wie mühsam hatte Antigonos Gonatas das Reich aus der galatischen Zerstörung auferbaut, gegen die nördlichen Barbaren gesichert, das durch Pyrrhos zertrümmerte von neuem und stärker gegründet, bis sich dann während des Versuchs auf Kyrene seinem Einfluß die Peloponnes zu entziehen begann und im erneuten Kriege mit Ägypten auch der Schlüssel zur Halbinsel verloren ging. Mit neuen politischen Kombinationen versuchte Antigonos diesen Verlust zu ersetzen; aber sein Tod zerriß den mühsam gewonnenen Frieden; sein Sohn Demetrios fand das Reich an den Nordgrenzen bedroht, im Süden selbst Thessalien gefährdet; ein energischer Angriff zwang die Aitoler in ihre Grenzen zurück, erneute den makedonischen Einfluß auch in der Peloponnes, doch Akrokorinth blieb verloren. Wie brach alles mit seinem frühzeitigen Tode zusammen; auch Attika ging verloren, auch Thessalien riß sich völlig los, jenseits des Olymps blieb kein Punkt außer Euboia in Treue, der Norden Makedoniens stand den siegestrunkenen Dardanern völlig offen, – und ein Kind war Erbe des Diadems. Da übernahm Antigonos, der Sohn des Schönen Demetrios, der einst Kyrene gewonnen, die Vormundschaft; ein Mann in der frischen Kraft der dreißiger Jahre, als Regent und Feldherr gleich bedeutend und, wie der Verlauf seiner politischen Tätigkeit zeigen wird, von großartiger Umsicht und klarem Bewußtsem des Zieles, das zu gewinnen war; das wenige, was von seiner persönlichen Weise erkennbar wird, zeigt vor allem ein Rechts- und Pflichtgefühl, eine moralische Würdigkeit nicht gewöhnlicher Art: die Verhältnisse fordern es, daß er die Vormundschaft mit dem Diadem vertauscht, aber nur um es seinem Mündel desto sicherer zu bewahren; Philipp ist des Demetrios natürlicher Sohn, und Antigonos vermählt sich mit dessen Mutter, damit, wenn er einst stirbt, kein echteres Blut für das Königtum als das Philipps bleibe; nicht die Söhne, die ihm Chryseis gebiert, sondern diesen Philipp erzieht er zum künftigen König; und noch über seinen Tod hinaus sichert er durch die sorgsamsten testamentarischen Verfügungen dessen Anfänge. Man hat ihn wohl mit Philipp, dem Sohn des Amyntas, verglichen; er unterscheidet sich von jenem, wie seine Zeit sich von dem Jahrhundert Philipps unterscheidet. Philipp hatte, was die hellenische Bildung und Aufklärung Belebendes und Steigerndes in sich trug, seinem noch frischen und lernsamen Volke zugeführt und mit seiner Verwaltung, seinem Militärsystem, seiner dreisten Handhabung der Macht einen Staat geschaffen, der sich den größten Aufgaben gewachsen zeigen sollte. Dann folgten unermeßliche Revolutionen: die Eroberungen Alexanders, die Diadochenkämpfe, die Keltenzüge; sie hatten die ganze griechische Welt, am tiefsten Makedonien getroffen; Makedonien ist nun wie Schlacke; und das Griechentum, in unaufhaltsamem Verkommen, hält nur um so zäher an jener Aufklärung fest, die ihm die[340] Unfehlbarkeit der Prinzipien verbürgt, kraft deren das hellenische Wesen die Welt beherrscht. Wie stark auch die politischen Ansichten innerhalb der hellenischen und gar hellenistischen Welt divergieren, wie weit die monarchischen von den republikanischen Theorien, die faktischen Zustände von dem für vernünftig und notwendig Erkannten fern sind, – daß dieser Maßstab für das Seiende, dieses Regulativ für das, was gelten soll, überall im Bewußtsein vorhanden und anerkannt ist, das bildet den Typus dieser Zeit in allen ihren Richtungen und bedingt den Charakter der sie bezeichnenden Persönlichkeiten. Nur äußerlich ähnelt Antigonos Doson dem Philipp, ihre Ähnlichkeit ist weniger an ihrem Wesen als in den äußeren Umständen, unter denen sie zu handeln haben; aber jener, der geborene Politiker, wie er der erste in großem Maßstabe ist, sucht die Verwicklungen, seine politische Genialität zu entwickeln, die sich diesem aufdrängen, an ihnen sich in schwerster Pflichterfüllung zu bewähren; jener ist der geborene Regent, dieser ein Mann, der die Pflicht hat, Regent zu sein; jener ist ganz, was er ist, dieser hat eine Aufgabe übernehmen müssen, und sein Ruhm ist, sie zu verstehen. Und so ist diese Zeit des Hellenismus überall: die Genialitäten sind dahin, jenes schöne »Sei, der du bist« reicht nicht mehr aus; die großen schöpferischen Gedanken erscheinen nicht mehr in versöhnlichster Unmittelbarkeit, als hochbegabte Ursprünglichkeit ihrer Träger; es hat sich eine allgemeine Sphäre der Gedanken zu entwickeln begonnen, und an ihr deutend, fördernd, verwirklichend, mehr als Kraft denn als Person tätig teilzunehmen, ist nun der Ruhm der Besten.

Antigonos' erste Sorge mußte sein, die Grenzen Makedoniens zu sichern. In einer Rede an die Makedonen läßt ihn ein Schriftsteller daran erinnern, wie er den Abfall der Bundesgenossen gestraft, die Dardaner, die Thessaler, welche der Tod des Demetrios übermütig gemacht habe, zur Ordnung gebracht, überhaupt die Würde Makedoniens nicht bloß verteidigt, sondern gemehrt habe43. Es ist zu beklagen, daß über sein erstes Auftreten nicht viel mehr erkennbar ist; nur durch gewagte Schlüsse läßt sich ungefähr finden, was in Thessalien geschah. Daß dort die makedonische Herrschaft wieder hergestellt wurde, ist unzweifelhaft; der Kampf mag hartnäckig gewesen sein, aber gegen wen wurde er geführt? Ein abgerissener Bericht wird hieher gehören: Antigonos habe den Aitolern, die, von ihm zurückgetrieben, hart belagert, in Hungersnot endlich den Beschluß gefaßt hätten, ausbrechend den Tod zu suchen, einen Weg zur Flucht geöffnet, dann sich auf die Fliehenden gestürzt, ihrer viele getötet. Dies wird irgendwo im nördlichen Thessalien geschehen sein; aber ganz aus Thessalien[341] verdrängte sie Antigonos nicht: das phthiotische Theben ist fortan in ihrer Hand, ja später können sie auch Larissa-Kremaste, Echinos, Pharsalos in einer Weise fordern, daß man erkennt, diese Städte müssen ihnen – und das kann nur jetzt geschehen sein – von Makedonien völlig und vertragsmäßig überlassen worden sein. Es ist nicht schwer zu erkennen, was Antigonos bewogen haben kann, so bedeutende Zugeständnisse zu machen; sobald er nur erst über die nächste Sorge hinaus war und wieder auf die griechischen Verhältnisse den Blick wenden konnte, mußte er dahin arbeiten, die Aitoler von den Achaiern zu trennen; hätte er nach jenen Erfolgen in Thessalien die Aitoler weit und weiter gedrängt, so war nicht bloß eine Wiedervereinigung der achaiischen und aitolischen Streitkräfte die nächste Folge, beiden wäre er vielleicht schon gewachsen gewesen; er mußte besorgen, daß sie in ihrer Not ägyptische Hilfe, ja vielleicht die Römermacht anriefen, die eben jetzt nach dem illyrischen Siege mit ihnen in Verkehr trat, und welche mit ihrem, wenigstens der ihrem Schutz Hingegebenen Gebiet schon unmittelbar an die westlichsten Festen Makedoniens, Antigoneia und Antipatris, grenzte. Nur wenn Aitoler und Achaier miteinander uneins waren, konnte Antigonos daran denken, seinen Einfluß in den hellenischen Ländern von neuem aufzubauen; und so mochte den Aitolern immerhin der Süden Thessaliens für den größeren Vorteil geopfert werden, daß sie ihre Sache von der der so rasch um sich greifenden Eidgenossen trennten. Unzweifelhaft war bereits die Neigung der Aitoler für ihre Bundesgenossen stark abgekühlt; diese, man möchte sagen, hellenische Politik, wie sie Pantaleon vertreten und in der Symmachie mit den Achaiern durchgesetzt hatte, konnte unmöglich der echten aitolischen Ansichtsweise genehm sein; und je glücklicher die Erfolge der Achaier waren, desto entschiedener erhob sich unter den Aitolern die aitolische gegen die hellenische Partei; sichtlich gingen ja die Achaier darauf aus, die Peloponnes zu vereinen; wie sollte man dann gegen sie den Einfluß auf Elis behaupten? Die Verfassung der Achaier selbst mußte, sich weiter ausbreitend, ihrer Weise die übelste Rivalität werden; es war hohe Zeit, dieser um sich greifenden »Gesetzlichkeit« entgegenzutreten. Freilich offenbar feindlich noch nicht; Polybios meint, die Erinnerung an den Demetrischen Krieg sei noch zu neu gewesen, als daß sie die Pflicht der Dankbarkeit hätten verletzen können. Aber da Mantineia sich wieder losriß vom Achaierbunde, nahmen die Aitoler die Stadt zur Sympolitie auf; ebenso Tegea, ebenso Orchomenos trat zu ihnen. So richtig waren Antigonos' Berechnungen; inmitten des Achaiergebiets standen nun diese Vorposten einer gegen Makedonien schon nicht mehr feindlichen Macht.

Aber was nun weiter? Sollte Antigonos sich auf Attika werfen, es wieder zu erobern? – Athen war in Roms Freundschaft und für jeden Fall[342] des Beistands der ägyptischen Macht gewiß. Sollte er den Achaierbund unmittelbar angreifen? – noch viel stärker war da Ägypten beteiligt; wenn auch das förmliche Protektorat der Lagiden über die Eidgenossenschaft seit einem Jahrzehnt aufgehört haben wird, so blieb doch in der Person Arats, der von Alexandrien aus ein Jahrgeld bezog, der stete Einfluß Ägyptens und sein Interesse in der achaiischen Politik repräsentiert; und Ägypten war nur in dem Maße, als es Makedonien durch die Achaier hatte gefährden und fesseln können, zu seinem kolossalen Übergewicht im Osten gelangt. Wie war gegen solche Lage der Verhältnisse aufzukommen, wie das Ziel, das die makedonische Politik seit dem Herannahen jener großen westlichen Macht nur um so rascher verfolgen mußte, die vollständige Vereinigung Griechenlands unter makedonischen Einfluß, zu erreichen? In der Tat, es gehörte ein großer Sinn dazu, in diesem Moment auch nur die Möglichkeit solcher Vereinigung zu denken; aber nicht sechs Jahre vergingen, und Antigonos hatte sie im wesentlichen erreicht.

Antigonos begann das Werk an einem entlegenen Punkte. Seit der kyrenaiischen Expedition hatte Makedonien aufgehört, angriffsweise gegen Ägypten aufzutreten; durch die Seeschlacht von Andros war es ganz in die Defensive geworfen, die immer neue Verluste in Griechenland nach sich gezogen hatte. Nachdem Ruhe an den Grenzen gewonnen, das Bündnis der Aitoler und Achaier gelöst war, mußte die weitere Isolierung der Achaier folgen, und sie war nur zu erreichen, wenn gegen Ägypten wieder eine entscheidende Stellung genommen werden konnte, eine Stellung, durch die es gezwungen wurde, Griechenland aufzugeben. Wäre es auch möglich gewesen, in Kyrene von neuem festen Fuß zu fassen – wir wissen nicht, ob dort die Unabhängigkeit noch behauptet wurde –, es hätte dennoch eine Expedition dahin jetzt wenig Resultat versprochen, da die syrische Macht seit dem Verlust fast aller Küsten und namentlich Seleukeias außer Stand war, eine makedonische Bewegung gen Libyen durch Angriffe auf Ägyptens Ostgrenze zu unterstützen. Näher lag und wirksamer sein konnte ein Angriff auf die neuen Erwerbungen Ägyptens. Wir haben bereits früher die dunklen Spuren einer karischen Expedition des Antigonos bezeichnet; nicht auf das angrenzende Thrakien wandte sich Antigonos, der Lagide hätte am ehesten diese entlegensten Positionen preisgegeben, sondern recht eigentlich auf den Scheitelpunkt jener okkupierten Küsten Kleinasiens, vielleicht von den Griechenstädten Kariens angerufen auf Grund der Garantie ihrer Freiheit, die Makedonien in früheren Friedensschlüssen mit Syrien übernommen zu haben scheint.

Antiochos Hierax war des Antigonos natürlicher Verbündeter. Wir vermögen nicht mehr die Beziehungen beider zueinander und zu Bithynien völlig aufzuklären; wir wissen nicht, ob der Makedone den Angriff des[343] Antiochos Hierax in Lydien im Jahre 228 nur benutzte oder ihn mit veranlaßte. Hier geschlagen, kämpfte Antiochos in der ersten Hälfte von 227 von neuem unglücklich gegen Attalos; es ist kaum denkbar, daß da erst der Makedone, nachdem sein Bundesgenosse vollkommen bewältigt war, jene Expedition unternahm; es ist wahrscheinlich, daß er sich in derselben Zeit gen Karien wandte, als sich Antiochos erhob, also 228. Man sieht es deutlich44, wie er die Verhältnisse in Griechenland scheinbar vernachlässigt, um nur erst eine Stellung gegen Ägypten zu gewinnen; Boiotien zeigt dafür ein rechtes Beispiel. Wir sahen schon, wie sich dort die antimakedonische Partei bei Demetrios' Tod erhob; wollte sie zurück zur aitolischen Symmachie? Hatten die Achaier den Bund an sich ziehen können? Vielleicht glaubte man selbständig sein zu können; aber nachdem das Abkommen des Antigonos mit den Aitolern Thessalien und damit die Verbindung mit Euboia wieder gesichert hatte, lag Boiotien der makedonischen Macht auf der Insel offen. Als nun jene nach Asien bestimmte Flotte gesammelt wurde, glaubte man nicht anders, als daß eine Invasion gen Boiotien beabsichtigt werde; da geriet die makedonische Flotte auf den Strand von Larymna; es war daran, daß sich die Boioter – und namentlich in Theben wurde es so verlangt – auf die in diesem Augenblick widerstandslosen Makedonen warfen; Neon, der damals Hipparch war, führte auch die Reiter an den Strand, aber makedonisch gesinnt, wie er war, unterließ er es, den Moment zu benutzen, und wenigstens die meisten Boioter billigten, daß er es unterlassen. Bald kam die Flotte frei und konnte ihre Fahrt fortsetzen. Antigonos begnügte sich für den Augenblick, die boiotischen, die hellenischen Verhältnisse so hinzuhalten; sowie die karische Okkupation gelungen war, hatte er nicht etwa Entscheidendes, wohl aber einen wesentlichen Stützpunkt für die Entscheidung erreicht; für Karien konnte er die bedeutendsten Zugeständnisse in der griechischen Politik von Ägypten fordern; daß er das hier Gewonnene nach der Niederlage des Antiochos Hierax behauptete, wird aus gewissen Vorkommnissen späterer Zeit fast unzweifelhaft; wie er es behaupten konnte, ist nach den vorhandenen Nachrichten nicht zu erkennen. Doch wird ein Umstand hervorgehoben werden dürfen. Zufällige Erwähnung lehrt, daß einige Zeit später Kios, Chalkedon am Eingang des Bosporus, Lysimacheia auf der Landenge der thrakischen Chersones in aitolischer Sympolitie sind; namentlich Lysimacheia war mit der thrakischen Eroberung an Ägypten gekommen, nur durch förmlichen Abfall von Ägypten konnte es zu den Aitolern treten, die Aitoler es nur in einer Zeit, da sie mit Ägypten in feindlichem Verhältnis, mit Makedonien befreundet waren, annehmen; eine Kombination[344] von Verhältnissen, die nicht leicht anders als in den ersten Jahren des Antigonos zu finden sein wird. Wenn sich in mehreren der freien Griechenstädte auch auf der weiteren Küste (so in Teos), auch auf den Inseln (so in Keos), solche antiägyptische Stimmung aussprach, – und namentlich Rhodos konnte kaum anders als die makedonische Okkupation Kariens gern sehen, – so war es möglich, daß sich Antigonos, trotz der Niederlagen seines Verbündeten in Lydien, behauptete.

Die Entscheidung lag für Makedonien in der Peloponnes; dorthin zielten alle nah und fern angeknüpften Beziehungen; eine Verwicklung begann eben jetzt erst dort, welche der Natur der Sache nach zu der Dazwischenkunft einer auswärtigen Macht treiben zu müssen schien; Antigonos mußte darauf hinarbeiten, daß diese nur Makedonien sein konnte; dann war es ihm möglich, diejenige Stellung in der griechischen Politik wieder zu gewinnen, durch welche Makedoniens Gewicht in der Staatenwelt bedingt war.

Diese Verwicklungen gingen von Sparta, von Kleomenes aus. Wenn irgendeine Persönlichkeit dieser Zeit bedeutend genannt werden darf, so ist es Kleomenes; es ist nicht bloß persönliche Hoheit, Heldenmut, Tatkraft, was ihn auszeichnet; er ist gleichsam die letzte Spitze einer Entwicklung, die einen edelsten Teil des griechischen Wesens in sich faßt, und deren Irrtum er vergebens gut zu machen versucht hat; der Kampf der Begeisterung gegen die politische Kunst, des großen Willens gegen die kleinen Interessen, des edelsten Mutes gegen die Erbärmlichkeit eifersüchtiger Schwäche, das ist die Tragödie seines Lebens, und sein Tod ist ohne den Trost, daß den Gedanken, die er vertreten, der Sieg sein wird.[345]


Quelle:
Johann Gustav Droysen: Geschichte des Hellenismus. Tübingen 1952/1953, Band 3, S. 297-346.
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