Zweites Kapitel

246-239
Friedenszustand – Antiochos' II. Tod – Berenikes Ermordung – Der dritte Syrische Krieg; Zertrümmerung des seleukidischen Reiches; Antiochos Hierax in Kleinasien; der Bruderkrieg; Friede von 239 – Die Freiheit in Kyrene – Makedonisch-ägyptischer Krieg; Rhodos gegen Ägypten – Der Achaiische Bund – Arats erste Strategie – Einnahme Korinths – Agis' Reformen – Agis und Arat gegen Antigonos und die Makedonen – Agis' Tod – Friede in Griechenland – Zustand Griechenlands – Antigonos' Tod

[243] Noch nicht vierzig Jahre waren seit der Zeit verflossen, da die Lagidenmacht auf Ägypten, Kypros und Kyrene beschränkt, das syrische Reich vom Indus bis zum Hellespont ausgedehnt war; wie verwandelt war die Stellung beider Reiche, da Antiochos Theos den Frieden und die Verschwägerung mit dem alternden Ptolemaios Philadelphos schloß! Die um einen festen Kern gebildete, gleichsam konzentrisch nach außen wirkende Lagidenmacht hatte ihre energische Überlegenheit zu entwickeln begonnen,[243] während das ungeheure Syrerreich ohne Schwerpunkt, ohne einheitlichen Typus sich vergebens mühte, eine Peripherie, die nicht von innen heraus bestimmt war, zu behaupten. Allerdings die Perser hatten fast zwei Jahrhunderte hindurch denselben Länderumfang in Besitz gehabt; es war ihnen möglich geworden durch die Erstorbenheit der bewältigten Völker, durch die Abwesenheit bedeutender Rivalitäten, durch die rauhe Einfachheit ihrer trotz aller Entartung patriarchalischen Stammverfassung. Keine von diesen Bedingungen sicherte das Reich der Seleukiden. Jenes bindende Element der Natürlichkeit war in dem makedonisch-griechischen Wesen, auf das sie sich stützen mußten, bis auf den letzten Rest dahin; die Völker Asiens hatte die Berührung mit dem Griechentum aufgerüttelt, und an immer neuen Punkten, in immer neuen Formen begann das altheimische Wesen zu reagieren, teils schon in eigener Kraft, teils in der Form des herangebildeten lokalen Hellenismus; endlich gab die furchtbare Rivalität Ägyptens allen diesen Keimen innerer Auflösung Raum, sich rasch und ohne bedeutende Hemmung zu entwickeln. Das Reich, wie es Seleukos gegründet, war unhaltbar; in endlosen Kämpfen übte die Geschichte die Kritik gegen diese politische Unmöglichkeit, bis endlich nach fast noch drei Jahrzehnten das Reich, auf ungleich engeren, aber naturgemäßeren Bereich zurückgeführt, Kraft und Beweglichkeit zu entwickeln begann.

Jener Friede unterbrach nur auf kurze Zeit den Kampf der Lagiden und Seleukiden; keine Spur weist darauf hin, daß Antiochos sie benutzte, den verlorenen Osten wiederzugewinnen; wenn es nicht jetzt war, daß er sich den Ausschweifungen und der Völlerei, die ihm vorgeworfen werden, hingab, so scheint er seine Aufmerksamkeit den westlichen Landschaften zugewendet zu haben; wenigstens war er in Kleinasien, als sich das gräßliche Trauerspiel seines Lebensendes entwickelte.

Nach einer alten Anekdote soll Ptolemaios dem berühmten Arzt Erasistratos, da es ihm gelungen war, den König Antiochos in einer lebensgefährlichen Krankheit zu retten, hundert Talente Ehrenlohn gegeben haben. Vielleicht war es nicht bloß die Absicht, die Munifizenz des ägyptischen Königtums zu zeigen, vielleicht befreite jene Kur den Ptolemaios von einer schweren Sorge, die in der Natur der Verhältnisse lag. Mit glänzendem Gefolge war seine Tochter nach Antiochien gekommen; Laodike und ihre Kinder wurden entfernt, und ihren Bruder Andromachos, ihren Vater Achaios, beide bisher gewiß höchst einflußreich am Hofe, sie und ihre Freunde mußte Berenike oder der ägyptische Einfluß, der mit ihr kam, zu verdrängen wissen; der Hof mußte sich in demselben Maße wie die Politik Syriens vollkommen umwandeln, und je rascher diese Umwandlung eintrat, desto schroffer mußte der Gegensatz der eben gestürzten Partei, die verstoßene Königin in ihrer Mitte, gegen die siegreiche ägyptische[244] hervortreten. Diese hatte in der Tat keine natürliche Basis in den Verhältnissen, sie konnte nicht anders als fremd und aufgedrängt erscheinen; Antiochos' Tod hätte eine Reaktion hervorgebracht, welche die Sicherheit Berenikes und des Knaben, den sie geboren, gefährdet haben würde.

Nur auf kurze Frist war die Gefahr vorüber; sie erneuerte sich in einer Weise, auf die die ägyptische Partei nicht vorbereitet war. Der König hatte sich nach Kleinasien begeben; Berenike, so scheint es, war mit ihrem Kinde in Antiochien geblieben; Antiochos' Begleitung bestand natürlich aus Männern der ägyptischen Partei; unter denen, die sich demnächst um ihn befanden, nennt uns ein Zufall Sophron, den Befehlshaber von Ephesos71. Aber Antiochos war nun von Berenike und den Einflüssen, mit denen er in der Residenz umsponnen gewesen war, entfernt; war es das Wiedererwachen alter Neigungen oder fanden die früheren Umgebungen des Königs jetzt Zugang und Einfluß bei ihm, – er rief Laodike und ihre Kinder an seinen Hof.

Sie kam, entschlossen zu der scheußlichsten Tat; oder mußte sie nicht voraussehen, daß der ägyptische König seiner Tochter Rechte, seines kleinen Enkels Ansprüche zu vertreten alles aufbieten werde? War dann von Antiochos, der sie und seine Kinder preisgegeben, zu erwarten, daß er beharrlicher sein oder die Mittel haben werde, die Zurückberufenen zu schützen? So mochte sie ihren Durst nach Rache beschönigen. Vergiftet starb Antiochos; auf dem Sterbebett hatte er befohlen, Laodikes Sohn Seleukos mit dem Diadem zu schmücken. Nun hatte die Königin freien Raum zur Rache; Berenikes Freunde, die den König begleitet hatten, fielen als die nächsten Opfer. Die Vertraute und Helferin der blutigen Intrige war Danaë, die Tochter jener Leontion, die als Freundin und Schülerin Epikurs berühmt war; nur den Sophron wünschte Danaë in Erinnerung an frühere Beziehungen zu retten; sie vertraute ihm der Königin Plan gegen sein Leben, und er flüchtete nach Ephesos. Es war ihr Tod; die Königin befahl, sie von einem Felsen hinabzustürzen; so mag sie da angesichts des Todes die Worte gesprochen haben, welche ihr ein alter Schriftsteller in den Mund legt: mit vollem Recht kümmere sich die Menge um die Gottheit nicht, wenn sie ihr, da sie den Mann habe retten wollen, den ihr das Schicksal zugeführt, solchen Lohn bereite, während Laodike, die den eigenen Gemahl ermordet, neue Ehre und Macht gewonnen.

Zugleich war in Antiochien der Streich geführt worden, den Laodikes[245] Rachedurst forderte: am Hofe selbst, unter den königlichen Leibwächtern hatte sie willige Werkzeuge ihres Mordplans gefunden; sie ermordeten den Knaben Berenikes. Auf die furchtbare Kunde warf sich die Mutter in den Wagen, bewaffnet den Mörder zu verfolgen; ihre Lanze verfehlte ihn, mit einem Steinwurf streckte sie ihn nieder, jagte die Pferde über den Leichnam hin, ungeschreckt durch die Haufen Bewaffneter, die sich entgegenstellten, zu dem Hause, wo sie des Kindes Leiche verborgen glaubte. Wohl mag sich die Menge für die unglückliche Mutter entschieden haben; ihr ward eine Leibwache gallischer Söldner gegeben; mit den heiligsten Eiden ward der Vertrag beschworen, kraft dessen sie sich, so riet es ihr Aristarchos, ihr Leibarzt, nach den Schlössern von Daphne zurückzog. Aber weder die Eide noch die Heiligkeit des apollinischen Ortes schützten sie; Laodikes Anhänger säumten nicht, dorthin zu dringen, das Schloß zu belagern; endlich erzwangen sie den Eingang; in der Mitte ihrer Frauen, die ihrer Königin Leben auch jetzt noch zu verteidigen suchten, ward Berenike ermordet, viele der Dienerinnen mit ihr72.

Ptolemaios Philadelphos erlebte noch dies furchtbare Schicksal seiner Tochter; er starb eben jetzt, als ob zum Rachekrieg eine jüngere Kraft die Herrschaft Ägyptens übernehmen sollte. Kaum erst vermählt mit der kyrenäischen Berenike, eilte sein Nachfolger, die ägyptischen Heere gen Syrien zu führen, und die junge Königin gelobte den Göttern ihr Haupthaar, wenn sie den Gemahl ihr siegreich heimführten.73[246]

Es gibt für den Forschenden keine peinlichere Empfindung, als da, wo er die Stelle großer, nach allen Seiten hin entscheidender Begebenheiten erkennt, sich einer toten Lücke in den Überlieferungen gegenüberzusehen oder nichtssagenden und verschobenen Angaben, die er als solche erkennt, mit dem Bewußtsein, Irrlichtern zu folgen, nachgehen zu müssen. Der Krieg oder das Konvolut von Kriegen, von dem wir jetzt zu sprechen haben, ist in gewissem Betracht die Kulmination in der Politik der hellenistischen Großmächte; aber die Überlieferung ist in dem Maße armselig, fehlerhaft und verworren, daß man verzweifeln muß, auch nur die Spur eines Zusammenhangs nachzuweisen. Versuchen wir es, die einzelnen Fakta, welche angegeben werden, so bestimmt als möglich zu erfassen.

Mit der Empörung der Städte Asiens, heißt es, begann das große Drama: da sie gehört, daß Berenike mit ihrem Kinde gefährdet sei, hätten sie ihr Hilfe zu senden eine große Flotte gerüstet; aber der Doppelmord sei begangen, ehe sie angekommen, und so hätten sie sich dem ägyptischen König zugewandt. Aber welche Städte Asiens? Smyrna blieb dem Seleukos treu74; sollten die anderen ionischen Städte ihre kaum gegründete Freiheit zu sichern geglaubt haben, wenn sie sich an Ägypten anschlossen? Aber nach Ephesos war Sophron geflüchtet; Ephesos wie Samos und Kos, wie Karien und Lykien, stand unter ägyptischer Herrschaft; rüsteten sie, so war es kein Abfall von den syrischen Königen. Auf der syrischen Küste blieb Orthosia treu, Arados hielt zu Seleukos. Andere Städte hier, dann die von Kilikien, Lykien, Pamphylien, die schon Ptolemaios Philadelphos eine Zeitlang besessen hatte, nah genug, um bald Kunde aus Antiochien zu erhalten und schnell Hilfe zu senden, mögen sich erhoben, sich dem ägyptischen König sofort angeschlossen haben.

Unzweifelhaft gleich auf die Kunde von der Gefahr Berenikes war die ägyptische Land- und Seemacht in Bewegung gesetzt worden. Ebenso schnell mußte der junge Seleukos über den Tauros eilen, um sich der zuerst[247] gefährdeten Punkte zu versichern. Aber welche Stimmung mochte ihn dort empfangen! Seine Mutter, vielleicht er mit, galt als Mörder des Vaters, als Mörder der Königin und des Thronerben, er selbst konnte als Usurpator erscheinen; hieß es doch, nicht sein Vater sei es gewesen, der ihm sterbend die Nachfolge übertragen, sondern ein Elender, dem König ähnlich, von Laodike auf des Königs Lager gebracht, habe gesprochen, was die Mörderin ihm geboten; von Daphne aus verbreitete sich die Kunde, Berenike lebe noch, sie beginne sich von ihren Wunden zu erholen. Schon war Seleukeia an der Orontesmündung entweder von Ptolemaios genommen oder freiwillig zu ihm übergetreten75; ohne Widerstand zu finden, mag er nach Antiochien gekommen sein; auch Berenikes Söhnchen, hieß es, der rechtmäßige Thronerbe, lebe noch. In seinem und seiner Mutter Namen wurden die Befehle an die Satrapen und Städte ausgefertigt, und da ihnen Nachdruck zu geben der mächtige Ägypterkönig mit Heeresmacht da war, wer mochte sich da für den flüchtenden Usurpator, den Sohn der furchtbaren Laodike, erheben?

War es die Absicht der ägyptischen Politik mit der Vermählung Berenikes gewesen, den Frieden im syrischen Königshause zu stören, so ist ihr, freilich mit dem traurigsten Opfer, die tiefste Zerrüttung desselben überschnell gelungen; in dem Augenblick, da das Reich ohne anerkanntes Haupt ist, entwickelt der Lagide zu Land und zur See die ganze Übermacht seiner Streitkräfte, um die unerwartet schnell gezeitigte Frucht der Politik seines Vaters mit kühner Hand zu brechen. Nichts Geringeres hat er im Sinn als die Zertrümmerung des ganzen Reiches, und sie scheint ihm ohne alle Mühe gelungen zu sein. Alle einzelnen Momente seiner wunderbaren Züge sind spurlos verschollen; aber das Resultat zeigt die Inschrift von Adulis; dort heißt es nach der Aufzählung der Landschaften, die der »große König Ptolemaios« von seinem Vater ererbt habe: »Er zog aus nach Asien mit Heeresmacht zu Fuß und zu Roß und Seegeschwader und troglodytischen und aithiopischen Elefanten, die sein Vater und er zuerst in jenen Gegenden erjagten und in Ägypten zum Kriegsgebrauch ausrüsteten. Nachdem er sich dann aller Länder diesseits des Euphrat und Kilikiens, Pamphyliens, Ioniens, des Hellesponts, Thrakiens und aller Heerscharen in diesen Ländern und der indischen Elefanten bemächtigt und alle Dynasten in den Landschaften76 sich untertänig gemacht hatte,[248] überschritt er den Euphrat, und nach Unterwerfung Mesopotamiens, Babyloniens, Susianas, Persiens, Mediens und alles übrigen Landes bis Baktriana, und nachdem er alle Heiligtümer, soviel deren von den Persern aus Ägypten hinweggeführt waren, hatte aufsuchen und mit dem übrigen Schatz aus diesen Landschaften nach Ägypten abführen lassen, sandte er Truppen durch die Kanäle ... «77. Gerade da bricht die merkwürdige Inschrift ab; aber glücklich genug ist noch in dem letzten Wort eine Notiz von entscheidender Wichtigkeit bewahrt. Außer Ägypten ist nur das tiefe Land am unteren Euphrat und Tigris mit einem Kanalnetz durchschnitten, auf welches jene Bezeichnung Anwendung haben kann; bis in die Nähe von Susa über Seleukeia und Babylon hinauf verbreitet es sich; von hier aus sandte Ptolemaios Truppen ab, entweder zu einer Fahrt nach Indien, was kaum denkbar, oder zu einer Expedition nach Arabien, etwa nach der reichen Handelsstadt Gerrha, oder auch um sich jenen Landweg durch Arabien zum Roten Meer südlich von der Wüste zu öffnen, den schon Ptolemaios Soter benutzt hatte. Nicht ganz deutlich ist der Ausdruck der Inschrift darüber, ob Ptolemaios über den Tigris und Susa hinaus gen Osten gekommen; es wäre möglich, daß er dort eben nur die Huldigungen der östlichen Satrapen, namentlich des Agathokles von Persien empfangen hätte; doch hätten sie jenseits der Gebirge kaum Anlaß gehabt, mit der Unterwerfung zu eilen; ebenso möglich, daß das siegende Heer durch die Zagrospässe etwa gen Ekbatana vordrang, durch Paraitakene gen Persepolis, von da nach Susa hinabzog.

Das ist der Feldzug, von welchem es im Propheten Daniel heißt: »Gegen die Festungen des Königs des Nordens wird er ziehen, und er hat mit ihnen zu tun und sieget ob; auch ihre Götter samt ihren gegossenen Bildern, samt ihren kostbaren Geräten, Silber und Gold wird er in die Gefangenschaft[249] führen nach Ägypten«. In Wahrheit ungeheure Beute führte er hinweg, 40 000 Talente Silber und 2500 köstliche Gefäße und Bildsäulen; Euergetes, Wohltäter, wie den großen Gott Osiris, nannten ihn die Ägypter zum Dank für die Heiligtümer, die, einst von Kambyses geraubt, durch ihn den Tempeln zurückgegeben wurden78.

Ein Aufstand rief endlich den König nach Ägypten zurück; wir werden sehen, daß es wahrscheinlich der der Kyrenaika war. Aber der politische Zweck des großen Feldzugs, ja das Ziel, auf welches der Hof von Alexandrien so lange hingearbeitet hatte, war vollständig erreicht. Dieselbe Verständigkeit, welche den Gründer des Hauses und den feinen Philadelphos ausgezeichnet hatte, bewährte Euergetes jetzt, da es galt, nach so ungeheuren Erfolgen neue dauernde Maßnahmen zu treffen. Ein Demetrios, ein Pyrrhos würde an Welteroberung gedacht haben; das Lagidenhaus hatte nur dahin gestrebt, die Macht der Seleukiden zu zersplittern, Ägypten nicht zur alleinigen, sondern nur zur ersten Macht zu erheben; der Versuch, auch die iranischen Satrapien, auch Baktrien und Indien dauernd zu okkupieren, würde den Verlust des Westens nach sich gezogen haben. Welche Verwicklungen sich bereits im Bereich des Aigaiischen Meeres bildeten, werden wir demnächst nachweisen; von Kleinasien hatte die ägyptische Seemacht nur die Küsten zu okkupieren vermocht, und auch da hielt sich Smyrna, verband sich mit den Magnesiern am Sipylos, für Seleukos treu auszuhalten; auch Magnesia am Maiandros und Gryneion in Aiolis blieben, so scheint es, unabhängig. Im Inneren Kleinasiens war Lydien mit der uneinnehmbaren Feste von Sardeis, war Phrygien mit seinen zahlreichen Griechenstädten; dorthin muß sich Seleukos nach dem vergeblichen Versuch von 246 zurückgezogen, die Reste der Seleukidenmacht um sich gesammelt haben; er vermählte sich mit Laodike, der Tochter des Andromachos, des Bruders seiner Mutter79, eine Verbindung,[250] die, so scheint es, auf die Verhältnisse des zerstörten Seleukidenhofes bald einen entscheidenden Einfluß ausübte.

Wir finden erwähnt, daß Ptolemaios, da er heimkehrte, Syrien behielt, »seinem Freunde Antiochos« die Verwaltung Kilikiens, »einem andern Feldherrn«, Xanthippos, die Länder jenseits des Euphrat übertrug. Es ergeben sich aus diesen dürren Angaben einige merkwürdige Folgerungen. Xanthippos ist aller Wahrscheinlichkeit nach derselbe Spartaner, der wenige Jahre zuvor, da die Römer nach Afrika übergesetzt waren und Karthago auf das äußerste bedrängten, durch seinen Mut und seinen Feldherrnblick die Stadt vom Untergang rettete, zu neuen Siegen führte; dann war er, die Eifersucht der stolzen Kaufherren mit Recht fürchtend, reich belohnt hinweggegangen; und nun, während die Punier die letzten vergeblichen Anstrengungen machten, sich auf Sizilien zu behaupten, und die Römer, schnell herangebildet zu einer Seemacht, der Karthago schon nicht mehr gewachsen war, zum ersten Male als Gebieter im Westen auftraten, siegte die ihnen verbündete Hauptmacht des Ostens auf so unbeschreibliche Weise; aber dem Feldherrn, der die Römer von der Küste Afrikas siegend hinweggetrieben, gab Ptolemaios den Osten seiner Eroberungen80. An dieser Stelle wird es begreiflich erscheinen, daß sich Seleukos[251] an den römischen Senat wandte, Bündnis und Freundschaft anzutragen; und der Senat versprach sie in einem griechischen Briefe mit der Bedingung, daß die Stammverwandten des römischen Volkes, die Ilier, von allen Lasten befreit würden. Es sind die großartigsten Kombinationen der Politik, die selbst aus den kläglichen Überbleibseln der Überlieferung hervorblicken. Fast nicht minder wahrscheinlich ist es, daß jener Antiochos, dem der Lagide Kilikien übergab, niemand anders als der jüngere Bruder des Seleukos war81; die Bedenken, welche sich dagegen erheben lassen, sind nur scheinbar. Man wird ägyptischerseits den Mord der Berenike und ihres Kindes als das Werk des Seleukos um so leichter haben darstellen können, da er ja als ältester Sohn allein ein Interesse hatte, den kleinen rechtmäßigen Thronerben zu beseitigen; wenn Ägypten es dahin bringen konnte, seinen Bruder Antiochos in das Interesse der Lagiden zu verwickeln, so war damit auch noch der letzte Rest der Seleukidenmacht paralysiert; es mochte Antiochos nicht bloß Kilikien übergeben, sondern ihm auch die Ansprüche des ermordeten Sohnes der Berenike auf das noch seleukidische Kleinasien von Ägypten übertragen worden sein. Antiochos war noch ein Knabe; desto sicherer war für Ägypten der Einfluß über ihn, desto ohnmächtiger blieb der Rest des Seleukidenreiches, den allein Ägypten anerkannte. Aber unmöglich konnte der Knabe sich für sich entscheiden; wer negoziierte für ihn jenes traurige Diadem? Ich denke, niemand anders als Laodike, seine Mutter; in dem langen Bruderkrieg, der nur zu bald anheben sollte, stand sie auf Antiochos' Seite, so wie Ägypten ihn stets unterstützte, während ihr Vater, ihr Bruder Andromachos ebenso tapfer der Sache des älteren Bruders Beistand leisten; ihr anderer Bruder Alexandros entscheidet sich nach einigem Schwanken für den jüngeren; irre ich nicht, so ist eben inmitten jenes Unheils, das das Reich der Seleukiden vernichtete, und infolge desselben das verstörte Haus in sich selber zerfallen; sollte der jugendliche Seleukos nicht vor der Mutter geschaudert haben, die ihm den Vater ermordet, selbst wenn die Tat ihm[252] das Diadem verhieß? Ihr Vater Achaios, ihr Bruder Andromachos – es ist denkbar, daß sie die jähe Tat für unsinnig hielten, wie sie es war; und mit Andromachos' Tochter vermählte sich Seleukos.

Nehmen wir vorläufig das Jahr 243 als das der Rückkehr des Ptolemaios aus dem Osten; er konnte glauben, seine Heerfahrt mit einer das ägyptische Interesse völlig sichernden Anordnung der Verhältnisse beschlossen zu haben. Die Politik aller Zeiten und die der neuesten Zeit nicht am wenigsten hat den Beweis geliefert, welche Bedeutung es für Ägypten hat, das ganze Syrien zu besitzen; wenn sich Ägypten über eine sozusagen provinzielle Bedeutung erheben, wenn es eine nach allen Seiten hin herrschende Stellung einnehmen will, so scheint erst das Amanische Gebirge die natürliche Grenze dieser Macht zu sein. Darum nahm Ptolemaios Euergetes das ganze Syrien zur unmittelbaren Dependenz von Ägypten; mit dieser Eroberung, durch welche der Besitz der Süd- und Westküsten Kleinasiens erst seine volle Bedeutung erhielt, gewann das Reich der Lagiden die Mittagshöhe seiner Macht. Die der Seleukiden schien für immer zerstört; die letzten Erben des Namens standen so widereinander, daß sie sich gegenseitig aufreiben mußten; mochte Xanthippos jenseits des Euphrat tributpflichtig oder unabhängig sein, das Griechentum in den oberen Landschaften ward seinem Schicksal überlassen; oder wer mag zweifeln, daß der Parther Arsakes, der Baktrier Diodotos in ihren Usurpationen anerkannt wurden; auch Euthydemos, auch Agathokles mögen damals bis auf einen Schein der Abhängigkeit von Ägypten Selbstherren geworden sein; vielleicht hat es sich in ähnlicher Weise in Areia, Drangiana, Arachosien verhalten.

Aber ertrug das seleukidische Asien jene Zerstörung und Zertrümmerung der bisherigen staatlichen Existenz ohne allen Widerstand? Empörte die Städte und Völker auch die Plünderung ihrer Heiligtümer, die Beitreibung jener ungeheuren Kontributionen, der Frevel fremder Söldner nicht? Vor allem jene zahlreich angesiedelten Makedonen in Syrien, Mesopotamien, Babylon, nahmen sie still hin, was geschah? Erinnern wir uns, wie der Krieg anhob; mußte nicht die Unsicherheit, wessen das Diadem sei, die Kraft der Makedonen lähmen, der Betrug mit dem Namen des königlichen Kindes sie der Sache ihres Königshauses für den Augenblick, da es gegolten hätte, sich für Seleukos zu erklären, entfremden? Und dennoch hatte sich mancher Platz lange wider den Ägypter gewehrt, ja die wichtigsten Positionen Damaskos und Orthosia wurden noch belagert, als Ptolemaios bereits zurückgekehrt war. Es war natürlich, daß mit dem Abzug des Feindes Seleukos nur jenseits des Tauros zu erscheinen brauchte, um sofort den allgemeinen Abfall hervorzurufen, dem dann Plätze wie Orthosia einen bedeutenden Anhalt bieten mußten.[253]

Wir finden in der Inschrift, welche die Verträge zwischen Smyrna und Magnesia enthält, daß sie eben zu der Zeit gemacht sind, als Seleukos wieder nach der Landschaft Seleukis hinübergegangen war. Dies geschah entweder in der Zeit, als Ptolemaios noch weiter ostwärts in Asien stand, oder nach seiner Rückkehr; im ersten Falle würde die neue Anordnung über die Länder Asiens, wie sie Ptolemaios machte, nur durch eine neue Bewältigung des Seleukos möglich gewesen sein; im zweiten Falle war der Übergang nach der Seleukis, so scheint es, durch Antiochos in Kilikien gesperrt. Hier entscheidet die Notiz, daß Seleukos im Jahre 242 die Stadt Kallinikon an der mesopotamischen Seite des Euphrat gegründet hat. Also 242 hatte Seleukos jenseits des Tauros, ja jenseits des Euphrat in der Nähe der wichtigen Euphratpassage Thapsakos bereits wieder festen Fuß gefaßt; der zweite Zug nach der Seleukis, den die Smyrnäer Inschrift erwähnt, wird geglückt sein; die Rückkehr des Ptolemaios und seine neue Anordnung über Asien kann nicht später als 243, wohl aber schon 244 gemacht sein; mit dem dritten Kriegsjahre, ja mit dem zweiten konnte er seinen Zug bis nach Ekbatana, Persepolis, Susa, wie wir vermuteten, vollendet haben82.

Aber sperrte nicht da schon Kilikien dem Seleukos den Weg nach der Seleukis? War es der Fall, machte Seleukos seinen zweiten Angriff nach der lagidischen Zerstückelung des Reiches, so blieb dem jungen König noch ein anderer Weg als der über die kilikischen Pässe. Seine Schwester Stratonike war mit dem Thronerben von Kappadokien, dem der zärtliche[254] Vater die Mitregentschaft gewährte, vermählt, und vielleicht war es nicht bloß das verwandtschaftliche, sondern auch das politische Interesse Kappadokiens, die Wiederherstellung des Seleukos zu fördern; von Kappadokien aus wird der junge König den Übergang nach der Seleukis gefunden haben. Die Begründung von Kallinikon zeigt, daß er 242 bereits so weit am Euphrat hinab Besitz ergriffen hatte, daß Xanthippos vollkommen von der Verbindung mit der lagidischen Macht abgeschnitten war; unzweifelhaft hatte sich sofort für ihn die Kyrrhestike, Chalkidike, Pierien, Seleukis erhoben; auch Antiochien wird von den Ägyptern abgefallen sein; und Orthosia hielt sich noch.

Für das, was weiter folgt, haben wir einen Bericht, der leider durch gedankenlose Phrasenmacherei jede gründlichere Einsicht unmöglich macht. Justin sagt: »Nach dem Abzug des Ptolemaios, da Seleukos gegen die Städte, welche abgefallen waren, eine große Flotte rüstete, sei durch einen plötzlichen Sturm, gleich als hätten die Götter den Mord des Vaters rächen wollen, die Flotte vernichtet, der König habe nichts als das nackte Leben gerettet. Aber die Städte, gleich als wäre diese Strafe des Königs, aus Haß gegen den sie zu Ägypten übergetreten, ihnen Genugtuung gewesen, hätten ihren Sinn gewandelt und sich für Seleukos erklärt; da habe Seleukos, froh über sein Unglück, den Krieg gegen Ptolemaios erneut, aber als habe er ein Spielball des Glücks sein sollen, sei er in einer Schlacht besiegt und verlassener als nach jenem Schiffbruch gen Antiochien geflohen. Darauf habe er an seinen Bruder Antiochos Briefe gesandt, seine Hilfe anzuflehen, habe ihm Kleinasien bis zum Tauros als Lohn für seine Hilfe angeboten; vierzehn Jahre alt, sei der schon voller Herrschgier gewesen; nicht mit brüderlichem, sondern mit räuberischem Sinn habe er das Angetragene angenommen, daher er den Beinamen Hierax, das ist Habicht, erhalten habe; Ptolemaios aber habe, um nicht mit beiden vereinten Brüdern kämpfen zu müssen, mit Seleukos auf zehn Jahre Frieden geschlossen«83.

Wie sich aus diesem Wust herausfinden? Denn um es im voraus zu sagen, es umfassen diese Angaben etwa vier Jahre voll der allerstärksten Bewegungen. Einen sicheren Haltpunkt bietet es, daß Ol. 134. 3, das ist 242/1, also entweder in demselben Jahre mit der Gründung von Kallinikon oder in der ersten Hälfte des darauf folgenden, Damaskos und Orthosia von Seleukos entsetzt wurden. Es liegt in der Natur der Sache, daß der zehnjährige Waffenstillstand, also auch das Bündnis der beiden Brüder und die Niederlage des Seleukos, die dasselbe veranlaßte, später, also nach 241, fallen. Justin übergeht diesen wichtigen Entsatz der beiden[255] Festen; er hätte ihn nach dem Schiffbruch und nach der Rückkehr der abgefallenen Städte anführen müssen.

Aber was sind das für abgefallene, dann mitleidige Städte? Woher war die Flotte? Smyrna vielleicht hatte Schiffe gesandt und die wenigen Städte Ioniens, die noch gegen die Ägypter ihre Freiheit behaupteten; vielleicht Lemnos, das Seleukos ergeben war; wir werden sehen, wie auch Rhodos für Seleukos glücklich kämpfte; näher waren Laodikeia an der syrischen Küste und die anderen Seestädte dort, die sich gewiß für Seleukos erklärten, sobald er kam; und Arados erhielt das unschätzbare Privilegium, politischen Flüchtlingen ein freier Zufluchtsort zu sein, eben dafür, »daß es sich für Seleukos II. in dessen Kampf gegen Antiochos Hierax erklärte«.

In dem Kampfe gegen Antiochos; denn eben gegen den wendet sich dieser Krieg, zu dem Seleukos die Flotte rüstet. Versuchen wir hier den Verlauf dieses Krieges der beiden Brüder zu verfolgen, soweit die dürftigen Spuren es uns gestatten wollen. Die Städte Kilikiens sind die abgefallenen, die wieder erobert werden sollen; gerade dort war eine große Zahl neu gegründeter Städte, und sie traten, wenn auch gerade nicht aus Mitleid mit dem Schicksal des Seleukos, sondern aus verständiger Berücksichtigung der politischen Verhältnisse, freiwillig zu ihm über84. Und Antiochos, dem ja Kilikien von Ptolemaios übergeben worden war? Unzweifelhaft war er, sobald sein Bruder nach der Seleukis ging, nach dem Inneren Kleinasiens geeilt, die Ansprüche, die ihm Ptolemaios übertragen hatte, durchzusetzen; er und seine Mutter mochten dort auf Freunde rechnen können, und wir erfahren, daß ihr Bruder Alexandros, der den Befehl in Sardes hatte, ihm auf jede Weise Vorschub leistete. Ging so Sardes und damit die entscheidende Position im vorderen Asien an Antiochos Hierax verloren, so mochte sein königlicher Bruder trotz der Erfolge, die er jenseits des Tauros gewonnen, verzweifeln, für den Augenblick diesseits des Gebirges viel behaupten zu können; es war wichtiger, das schon gewonnene Kilikien möglichst von der Landseite zu sichern. Und da findet sich die Angabe, daß er seine zweite Schwester (die andere war schon an den Mitregenten Kappadokiens vermählt) an Mithradat von Pontos verheiratete und ihm Großphrygien als Mitgift überließ. Dies kann, wie der Verlauf der Begebenheiten zeigt, nur eben jetzt geschehen sein; Seleukos mußte vorerst alles daran setzen, die glücklichen Erfolge in Syrien zur Wiederherstellung seiner Macht jenseits des Euphrat zu benutzen. Freilich erkennen wir die Gründe nicht mehr, die den ägyptischen König zwangen, das alles ruhig geschehen, Xanthippos vollkommen erliegen zu lassen. Aber daß es geschehen,[256] bezeugt der sogenannte Prophet Daniel, der, etwa siebzig Jahre später geschrieben, das Faktische dieser Zeit gewiß richtig hat; dort heißt es, nachdem die Rückkehr des Ptolemaios von dem syrischen Zuge bezeichnet ist: »Und Jahre steht er ab von dem Könige des Nordens«85. Hatte so Seleukos von Ägypten her nichts Ernstliches zu besorgen und fühlte er sich gekräftigt durch den wieder errungenen Besitz der Länder vom Tauros bis über den Tigris, so mochte er daran gehen können, die ihm von dem Bruder entrissenen Länder Kleinasiens wieder zu gewinnen; er mochte auf Teilnahme der Städte Asiens rechnen dürfen. Antiochos warb gallische Söldner, aber er verlor in Lydien eine erste, eine zweite Schlacht gegen den Bruder, nur Sardes behauptete er; die übrige Landschaft, auch der größte Teil der Küstenstädte, fiel dem Sieger zu; nur Ephesos behauptete die ägyptische Besatzung. Es ist denkbar, daß Mithradat von Pontos über die Mitgift seiner Gemahlin besorgt wurde; er mochte hoffen, durch Unterstützung des Antiochos jetzt, wo derselbe fast hoffnungslos war, von demselben den Besitz der Landschaft, die er ihm hatte entreißen sollen, gesicherter zu erhalten. So erhob er sich; der Hauptteil seines Heeres bestand aus Galatern; bei Ankyra traf ihn Seleukos zum Kampf. Es muß eine furchtbare Schlacht gewesen sein; 20 000 Mann, heißt es, fielen auf seiten des Seleukos; ihn selbst glaubte man gefallen; seine treue Mysta fiel in die Hände der Barbaren, kaum daß sie sich ihres Schmuckes entkleiden konnte, um mit den anderen Gefangenen in die Sklaverei verkauft zu werden; in Rhodos, wohin sie verkauft wurde, entdeckte sie ihren Stand und wurde mit allen Ehrenbezeugungen nach Antiochien gesandt86. Der junge Antiochos Hierax selbst hatte auf die Kunde, daß sein Bruder gefallen sei, Trauerkleider angelegt und sich in seinem Palast verschlossen, um seinen Tod zu beweinen; aber bald erfuhr er, daß Seleukos gerettet, glücklich nach Kilikien87 entkommen sei und von neuem rüste; da brachte er den Göttern Dankopfer und befahl den Städten, Freudenfeste für die Erhaltung seines Bruders zu feiern. Die Galater hatten jenen großen Sieg erkämpft; vollkommen glaublich ist die Angabe, daß sie sich nun ebenso gegen Antiochos wandten; die Zerstörung aller Ordnung,[257] die in Asien so mühsam auferbaut war, zu vollenden war ihr Vorteil; wenn kein mächtiger Fürst da war, konnten sie ungestraft ihre alten Räubereien wieder üben; von neuem begannen sie die Landschaften zu verheeren; Antiochos vermochte sich nicht anders als durch Tributzahlungen vor ihnen zu sichern.

Nach solchem Ausgang mußte Seleukos wohl Kleinasien aufgeben. Im Propheten Daniel heißt es: »Ägypten wird Jahre abstehen vom Könige des Nordens; der zieht wider das Reich des Königs des Südens, kehrt aber zurück in sein Land«. Nach dem Verlust Kleinasiens, so scheint es, wandte sich Seleukos möglichst bald gen Süden, vielleicht Orthosia und Damaskos zu einer Invasion in das Reich der Lagiden zu benutzen. Ich wage nicht, damit die Tributweigerung des Hohenpriesters Onias in Verbindung zu bringen88; aber in den Zusammenhang dieses Krieges muß jene entscheidende Niederlage gehören, infolge deren Seleukos »verlassener als nach dem Schiffbruch seiner Flotte« nach Antiochien zurückflüchtete. Jetzt war der Moment, wo er mit seinem Bruder Unterhandlungen anknüpfen mußte; gewann er ihn jetzt nicht, so war alles mühsam Errungene rettungslos verloren; er trat ihm das ganze Kleinasien bis zum Tauros ab. Antiochos seinerseits hatte nicht minder Grund, die Aussöhnung mit seinem Bruder zu wünschen, die allein ihm ein sicheres Diadem gewähren konnte; schon hatte wider ihn der pergamenische Dynast zu kämpfen begonnen und kämpfte mit frischen Kräften, mit bedeutendem Erfolg; gegen dessen reiche Schätze vermochte Antiochos, durch den dauernden Krieg, durch Sold und Tribut an die Galater erschöpft, auf die Dauer nicht das Feld zu behaupten; so war auch er wohl zum Frieden geneigt. Von der Versöhnung beider Brüder, deren Hader in den letzten Jahren die politischen Verhältnisse der Halbinsel bestimmt haben mußte, war natürlich eine mehr oder minder durchgehende Beruhigung auch der Städte und Könige Kleinasiens die notwendige Folge; wie sie sich im einzelnen gestaltet hat, ist nirgends mehr zu erkennen; nur das eine sieht man deutlich, daß die Galater die seit der Zeit des Bruderkampfes wieder begonnenen Raubzüge so gewalttätig wie je fortsetzen.

Für Ägypten war diese endliche Beilegung des Bruderkrieges nichts weniger als gleichgültig. Die Politik des Hauses war auf Zerstörung der Seleukidenmacht gerichtet gewesen; wir werden sehen, wie auch andererorten sich Tendenzen gegen die ägyptische Übermacht erhoben; seit Seleukos mit glücklicher Energie das Reich in Syrien wiederherzustellen begann, konnte Ägypten nur dadurch, daß es den jüngeren Bruder als Prätendenten dem älteren gegenüberstellte, die erneute Machtbildung Syriens[258] zu hindern hoffen: eine Politik, die weder populär sein, noch, auf die unnatürliche Trennung brüderlicher Interessen gegründet, die Möglichkeit dauernder Kombinationen gewähren konnte. Dem König Ägyptens blieb nach der Aussöhnung der Brüder nichts übrig, als den Frieden auf zehn Jahre, der früher erwähnt ist, zu schließen, indem er sich natürlich den Besitz derjenigen seleukidischen Plätze und Landschaften, die noch in seinen Händen waren, ausbedingen mußte, also Pamphylien, Lykien, die thrakischen Länder, vielleicht den Hellespont und einen Teil der ionischen Städte89; auch Karien, wie es scheint, blieb bei Ägypten, nur daß Stratonikeia an Rhodos kam, aus Gründen, die demnächst zu betrachten sein werden; vor allem Seleukeia an der Orontesmündung behielt er, gleichsam ein Wahrzeichen seiner Überlegenheit über die Seleukiden90.

Wenigstens das eigentliche Syrerreich gewinnt mit diesem Frieden, der um 239 geschlossen sein mag91, für einige Zeit Ruhe; und der rüstige Seleukos vermag einen Zug nach dem Osten zu unternehmen, um, wenn nicht die ganze Ausdehnung des alten Reiches, so doch die nächsten und wichtigsten Landschaften Irans wieder zu gewinnen.

Wer vermag diese beiden Brüder und ihr Geschick ohne Teilnahme zu betrachten; eine unselige Politik hat sie, da der eine kaum ein Jüngling, der andere noch ein Knabe ist, der Partei der schauderhaftesten Verbrechen in die Arme geworfen; der Mord, der ihnen den Thron retten soll, stürzt alle ihre Aussichten; und wie der ältere mit dem Glücke ringend[259] ihm kaum die ersten Erfolge abtrotzt, steht ihm der Bruder feindselig gegenüber, und mit dem Bruder die Mutter, und wider die Mutter ihr Vater, ihr Bruder wider ihren Bruder; als ob das Königshaus verwildert wäre durch die Bluttat der rächenden Königin. Und doch trauert der junge Antiochos um den Bruder, der, von ihm besiegt, den Tod gefunden haben soll. Den einen wie den anderen hört das Mißgeschick nicht auf zu verfolgen; es ist, als ob die unnatürliche Bildung des Reiches, das ihre Ahnen gegründet, in dem immer erneuten Hader des Hauses seinen Ausdruck finden sollte; aber wenigstens den Adel des Mutes bewähren sie in den immer neuen Kämpfen, die ihnen die arge Kunst der ägyptischen Politik zu schaffen weiß; die falschen Stellungen, in die sie ihr Geschick geworfen, suchen sie so ehrenvoll als möglich zu behaupten; es sind starke, elastische Naturen, voll der unermüdlichen Mannhaftigkeit, die ihre Ahnen auszeichnet. Und so erscheinen sie – wenn wir bei der Dürftigkeit der Überlieferung auch diese Quelle zu benutzen uns erlauben dürfen – auch auf den Bildern ihrer Münzen, edle, ernste Gesichter; kühner das des jüngeren Bruders, sinniger das des älteren, in beiden der brüderliche Zug jugendlichen Adels.

Sehr anders das Bild des Ptolemaios Euergetes; es hat jene stark geformte, nachdenkliche Stirn der Lagiden, jene gehobenen Augenbrauen, aber es spricht sich in den Zügen des wohlgenährten Gesichtes eine gewisse Anstrengung aus; man glaubt eine Kraft zu erkennen, die erschlaffen kann. Von diesem Ptolemaios ist eine Anekdote aufbewahrt, die ihn zu charakterisieren scheint; er saß beim Würfelspiel, und während des Spieles ließ er sich die Liste der verurteilten Verbrecher vorlesen, für die er die Todesstrafe bestimmen sollte; da trat Berenike, seine Gemahlin, hinzu, nahm dem Lesenden die Liste aus der Hand, litt nicht, daß der König des weiteren verfügte; und er freute sich über die verständige Einrede Berenikens und verfügte nie wieder Todesstrafe beim Würfelspiel. Wie gnädig wurde es aufgenommen, als Konon, der Astronom, verkündete, das Haupthaar der jungen Königin, das zum Dank für die großen Siege in Asien in dem Tempel der Arsinoë auf dem Zephyrion geweiht und dann verschwunden war, sei unter die Sterne versetzt worden. Dazu denn freilich paßte es, daß dem Panaretos ein Jahresgehalt von zwölf Talenten gegeben wurde, nicht sowohl, weil er auch den Philosophen Arkesilaos gehört hatte, als weil er von auserlesener Zwerghaftigkeit war.

Doch lassen wir die dürftigen Notizen über Persönlichkeiten, die freilich in dem Maße für die Entwicklung der Verhältnisse bedeutender sein mußten, als diese Monarchien ausschließlich durch den Willen und den Charakter der an der Spitze Stehenden bestimmt wurden. Vergegenwärtigen wir uns, daß in derselben Zeit sich in Griechenland ein neuer Geist[260] der Freiheit zu entwickeln, ja Gestalt zu gewinnen begonnen hatte. Auch die Städte Ioniens hatten eine lange entbehrte Autonomie wieder gewonnen; die Eroberung des ägyptischen Königs zerbrach sie wenigstens in den meisten von neuem. Aber das einmal erwachte, mit der Bildung der Zeit verwachsene Bedürfnis der Freiheit und neugegründeter Gesetzlichkeit hörte nicht auf, vom Mutterland ausgelehrt und gefeiert, sich auch in den fernen Griechenstädten hervorzudrängen. So in Kyrene. Wieder eine dürftige Notiz deutet uns einen großen Zusammenhang von Verhältnissen an. Von Ekdemos und Demophanes, jenen edlen Bürgern von Megalopolis, Arkesilaos' Freunden, heißt es, daß sie ihre Vaterstadt befreiten, zu der Befreiung Sikyons mitwirkten, daß die Kyrenaier, deren Stadt von inneren Unruhen erschüttert war, sie zu sich luden und daß sie die Verfassung der Stadt neu ordneten, sie ausgezeichnet leiteten, ihre Freiheit schützten92. Mit dem Jahr 237 etwa waren sie wieder in ihrer arkadischen Heimat. Aber war nicht gerade die Pentapolis das Erbe Berenikes? Kam nicht mit ihrer Vermählung 274 Kyrene an das Königtum Ägyptens zurück? Woher dann die inneren Zerwürfnisse, woher die Freiheit? Wenn Ptolemaios 244 oder 243 aus Asien nach Ägypten zurückeilte wegen eines Aufruhrs in den heimischen Ländern, so kann es, – denn in Ägypten war weder Anlaß noch auch Gelegenheit, sich gegen das geordnete Regiment der Lagiden zu erheben – nur ein kyrenaiischer Aufruhr gewesen sein, der ihn beunruhigte; die Griechen der Kyrenaika, reich, keck, im Besitz großer Hilfsmittel, stolz auf die ausgeprägte Eigentümlichkeit ihrer Sitte und Bildung, waren nicht so ohne weiteres wieder zu einer Dependenz von Ägypten zu machen; und es war wenige Jahre her, daß sie mit dem makedonischen Demetrios gegen Ägypten gestanden hatten; waren auch mehrere der ausgezeichneten Männer, deren die Pentapolis eine bedeutende Zahl hervorgebracht, am Hofe von Alexandrien, so standen doch unzweifelhaft die Städte in nicht minderer Verbindung mit Athen und den gehobeneren Tendenzen, welche die Philosophie dort erweckt hatte; dort war ihr Landsmann Lakydes, mit jenen Megalopoliten des Arkesilaos Freund, dessen Nachfolger er in der Akademie wurde. In diesem Kreise von Beziehungen wird man sich den Aufstand der Kyrenaier zu denken haben; es scheint unzweifelhaft, daß auch die übrigen Städte der Pentapolis sich demselben anschlossen; nur die außerordentlich große Zahl von Juden, welche vom ersten Lagiden besonders unter ihnen mit gleichem Recht angesiedelt war,[261] mochte der Sache des Königtums ergeben bleiben; zu innerem Zerwürfnis war Stoff genug. Unter den Epigrammen des Kallimachos befindet sich eines, in dem ein Kriegsmann seinen Bogen und Köcher dem Sarapis weiht, »aber die Pfeile haben die Hesperiten«; und die Stadt der Hesperiten am Gestade der Syrte führte fortan den Namen der Königin Berenike. Kyrene scheint nach der Art, wie die Tätigkeit der beiden Megalopoliten dort bezeichnet wird, sich gegen den Lagiden behauptet zu haben.

Die Zeit des Makedonen Demetrios hatte gezeigt, wie wichtig es für Ägypten war, in der Kyrenaika Herr zu sein; waren vielleicht, da Ptolemaios Euergetes heimeilte, die empörte Landschaft zum Gehorsam zurückzubringen, die Verhältnisse wieder von der Art, daß er fürchten mußte, feindlichen, namentlich makedonischen Einfluß sich dort festsetzen zu sehen, und eilte er nun um so mehr, Ägyptens Ansprüche zu sichern? Auch die Analogie früherer Kämpfe zwischen Syrien und Ägypten nötigt uns, zu vermuten, daß der nun schon greise Antigonos Gonatas den Verlauf der östlichen Verhältnisse nicht gleichgültig mit ansah; die momentan vollkommene Zertrümmerung der Seleukidenmacht mußte ihn um so mehr beunruhigen, da auch die thrakische Küste von den Ägyptern okkupiert wurde; wie konnte er ruhig sein, da sich die Lagiden, schon in so drohender Übermacht, unmittelbar an der makedonischen Grenze festsetzten? Ja diese Festsetzung selbst mußte Makedonien auf jede Weise zu hindern suchen; man darf erwarten, daß sie erst eintrat, nachdem der von Makedonien versuchte Widerstand beseitigt war93.

Hierauf ist vielleicht eine Notiz zu beziehen, die vollkommen vereinzelt dasteht und deren ungewisse Fassung nur so viel erkennen läßt, daß von einer entscheidenden Seeschlacht bei Andros die Rede ist. Mit dem Jahre 244 bereits werden wir Antigonos von neuem in die hellenischen Angelegenheiten in einer Weise verwickelt sehen, welche erkennen läßt, daß seine Macht einen starken Stoß erlitten haben mußte. Zwanzig Jahre lang seit dem Siege von Kos hatte die makedonische Seemacht der ägyptischen wenigstens im Aigaiischen Meer die Waage gehalten; mit der Niederlage von Andros mußte sie schwer getroffen, die Seeherrschaft Ägyptens auch[262] im Aigaiischen Meer entschieden, die Okkupation Thrakiens und des Hellesponts, von der die adulitanische Inschrift spricht, möglich sein; damit Makedonien sich nicht mit aller Anstrengung auf die Wiederherstellung der Seemacht und den fortgesetzten Kampf gegen Ägypten wenden konnte, wurden die hellenischen Verwicklungen von Alexandrien aus so geleitet, daß Antigonos seine Macht an dem verletzlichsten Punkte angegriffen sah: ich erwähne schon hier, daß 243 Korinth, der Schlüssel zur Peloponnes, von den Achaiern genommen wurde.

Um dieselbe Zeit, als Ptolemaios Euergetes das Seleukidenreich zerschmettert hatte und über Asien mit völliger Willkür zu verfügen vermochte, war auch die makedonische Rivalität niedergeworfen; und wenn auch Ägypten durch die Verfügung über Asien zeigte, daß es nicht eine Universalmonarchie herzustellen in Absicht habe, so war doch eine Suprematie gewonnen, welche nach solcher Zerstörung der einen und Schwächung der anderen Großmacht die Politik des hellenistischen Staatensystems vollkommen beherrschen zu müssen schien. Allerdings hatten die kleineren Staaten in Asien und Europa in jenen Niederlagen der großen Mächte, durch deren Nachbarschaft sie sich bisher niedergehalten oder gehemmt gefühlt hatten, mannigfaltigen Gewinn, und die Gefahr der alleinigen ägyptischen Suprematie mochte sich vorläufig noch hinter dem momentanen Vorteil verbergen, der ihnen zugewiesen wurde; aber wenn es deren gab, die eine politische Unabhängigkeit, auf die bisherige Rivalität der Großmächte gegründet, einzubüßen hatten, so mußten sie sich mit aller Energie gegen die ägyptische Übermacht erheben und alle ihre Mittel aufbieten, Makedonien nicht sinken zu lassen, Seleukos' Versuch zur Wiederherstellung seines Reiches zu fördern. Und solche kleineren Mächte gab es; wir sahen schon, wie Smyrna, »wenn auch von vielen und großen Gefahren umdrängt«, wie es in einem Beschluß der Stadt heißt, der Sache des Seleukos treu war; wie Herakleia am Pontos und Byzanz, ebenso hatten die freien Inseln Chios und Lesbos allen Anlaß, sich für Seleukos zu erklären; auch die alt-attische Kleruchie in Lemnos wird sich nicht begnügt haben, Seleukos nur durch Ehrenbezeugungen gegen seine Vorfahren zu ehren. Am nächsten und stärksten aber war bei der Entwicklung der Verhältnisse Rhodos beteiligt; der unbeschreiblich reiche Handel von Rhodos war durchaus von der Unabhängigkeit und der stets sorgsam bewahrten Neutralität des Staates bedingt; setzte Ägypten seine ausschließliche Suprematie in den östlichen Gewässern durch, so war die merkantile Bedeutung von Rhodos auf die Dauer nicht zu behaupten. Und die sichere Politik, die den trefflich geordneten rhodischen Staat früher wie später auszeichnet, darf die bestimmte Voraussetzung rechtfertigen, daß Rhodos nicht bloß selbst das von den Umständen Geforderte tat, sondern[263] auch die in ähnlichen Verhältnissen stehenden Politien für die Maßregeln des gemeinsamen Interesses zu gewinnen suchte.

Freilich in den Trümmern der Überlieferung ist von alledem fast keine Spur mehr. Wir wissen nicht, wie und in welchem Maße sich die genannten Staaten für Seleukos etwa erhoben, ob sie an jener Seerüstung, die der Sturm zerstörte, teilgenommen haben. Nur eine verlorene Angabe, die in die hypothetisch gezeichnete Peripherie von Verhältnissen sich auf überraschende Weise einfügt, bestätigt die Richtigkeit der gewagten Konstruktion. Die Rhodier im Kriege gegen Ptolemaios, heißt es, waren in der Nähe von Ephesos; des Königs Admiral Chremonides fuhr in Schlachtordnung gegen sie aus, aber der Rhodier Agathostratos ließ, sobald er des Feindes ansichtig ward, seine Schiffe zurück und bald darauf von neuem in See gehen; der Feind glaubte, er weigere sich der Schlacht und kehrte mit Siegespaianen in den Hafen zurück; als sich die Ägypter von den Schiffen zerstreut hatten, überfiel sie der Rhodier und gewann einen völligen Sieg94. Es ist derselbe Chremonides, der zwanzig Jahre früher an der Spitze der denkwürdigen Erhebung Athens gestanden hatte und dann nach dem Fall der Vaterstadt nach Alexandrien flüchtete; und wenn Teles in seiner Schrift von der Verbannung, die wenige Jahre nach diesem rhodischen Kriege geschrieben ist, erweisen will, daß das Vaterland verloren zu haben oft größeren Glückes Anfang sei, braucht er als Beweis Glaukon und Chremonides: »Sind sie nicht Räte und Beistände des Königs Ptolemaios? Und jüngst ward er ausgesandt mit einem so großen Geschwader und so vielem Gelde, betraut mit dessen Verwendung, wie er sie zu machen für gut fand.« Nicht jene Niederlage erwähnt er, aber auch nicht etwa, daß Chremonides den Sieg von Andros erkämpft hätte; das würde er ausdrücklich gesagt haben; aber die großen Geldmittel, mit denen er zur freien Verwendung ausgerüstet wurde, werden ihm anvertraut gewesen sein, um die Okkupationen, die er machen sollte, zu erleichtern, und vielleicht ist gerade er es, der die thrakische Küste in Besitz zu nehmen hatte, nachdem die makedonische Seemacht nach der Niederlage von Andros das Vordringen der ägyptischen Flotte nicht mehr hinderte.

Wie sich auch der Seekrieg, aus dem jener rhodische Sieg ist, im einzelnen gestaltet haben mag, er muß gleichzeitig mit dem Aufstand von Kyrene und mit den raschen Fortschritten, die Seleukos in Syrien machte, den König Ptolemaios von der Unmöglichkeit überzeugt haben, jene ausschließliche[264] Suprematie, die er einen Augenblick gewonnen zu haben glauben konnte, zu behaupten; die Aussöhnung der beiden seleukidischen Brüder endlich war nur die Vollendung einer Opposition, der Ägypten sich nicht gewachsen glauben konnte. Mag Rhodos, wie fortan häufig, das Geschäft der Vermittlung übernommen haben, das Verdienst, das sich der Staat um die Seleukiden erworben hatte, war groß genug, um es mit der Abtretung von Stratonikeia in Karien zu belohnen95. Die Terra firma der rhodischen Republik umfaßte damit das Küstenland von Kaunos bis zum keramischen Meerbusen; die beiden Städte Kaunos und Stratonikeia allein brachten eine jährliche Einnahme von 120 Talenten. Nicht bloß durch diese äußere Vergrößerung, sondern noch mehr durch die politische Wichtigkeit seiner Einmischung in jenem Kriege mußte Rhodos eine Bedeutung gewonnen haben, die, hinausreichend über den unmittelbaren Kreis der eigenen Beziehungen, auch in den allgemeinen des hellenistischen Staatensystems eine Stelle fordern konnte.

In ähnlicher Weise wie Rhodos hatte der kleine pergamenische Staat, der durch die vorsichtige Politik seiner Dynasten nicht minder als durch die bedeutenden Schätze, die sie besaßen, eine Bedeutung erhielt, sich in die allgemeine Politik zu mischen begonnen. Eumenes, und nach ihm seit 241 seines Bruders Sohn Attalos96, wandten sich nach der Schlacht von Ankyra besonders gegen Antiochos; sie traten damit entschieden gegen Ägypten auf, sie legten damals den Grund zu einer politischen Stellung, die überaus schnell von eigentümlicher Bedeutung wurde; in wenigen Jahren fand Attalos die Gelegenheit, das Diadem zu gewinnen, auf das sein ganzer Ehrgeiz gerichtet war.

Daß Rhodos und Pergamon nicht die einzigen unter den kleineren Staaten waren, welche diese Zeit schwierigster Kämpfe der Großmächte zu[265] einer selbständigen und umfassenderen Machtentwicklung benutzten, wird sich an der Stellung, die mehrere derselben in der nächsten Folgezeit einnehmen, erkennen lassen. Die Entwicklung selbst können wir im hellenischen Lande an einigen Punkten beobachten, und sie werfen einiges Licht auf die Zusammenhänge der gleichzeitigen Vorgänge im Osten.

Besonders war es die achaiische Eidgenossenschaft, welche sich in den politischen Verwicklungen des großen Krieges zu erheben begann; durch den Beitritt von Sikyon und durch Aratos' Verbindung mit Ägypten war die Rolle, welche die Achaier zu übernehmen hatten, bezeichnet; Arat war es, der die Tätigkeit des Bundes zuerst und vielleicht nicht ohne Widerstreben der bisher nur für die innere Ruhe und Selbständigkeit bedachten Eidgenossen nach außen hin wandte. Wie durchaus er, auch bevor ihm die erste Strategie übertragen worden, die bewegende Seele des Bundes war, erkennt man aus den Bemühungen, die Antigonos machte, ihn zu gewinnen oder wenigstens sein Verhältnis zu Ägypten zu stören; in Korinth anwesend und opfernd schickte er Festgeschenke an Aratos und äußerte sich über Tafel in der Art anerkennend über den jungen Helden von Sikyon, daß von seiten des Hofes von Alexandrien, wohin über die Äußerungen des Königs berichtet war, in aller Eile Anfragen in Sikyon gemacht wurden. Daß Aratos in der Frühlingsversammlung 245, obschon er noch nicht einmal das für die Teilnahme an den Beratungen gesetzliche Alter von dreißig Jahren erreicht hatte, zum Strategen erwählt wurde, darf als Beweis dafür gelten, daß in den Verhältnissen etwas lag, was dazu drängte, gerade ihm für das nächste Jahr die höchste Stelle zu übertragen; man darf annehmen, daß die ägyptische Politik, der Arat sich ja anschloß, hier bestimmend einwirkte. Das erste Jahr des großen syrischen Krieges war verflossen, Seleukos aus dem Lande jenseits des Tauros zurückgeworfen; unzweifelhaft eilte Makedonien, sich für die Seleukiden zu beteiligen; es mußte ägyptischerseits so stark als möglich in Griechenland beunruhigt werden.

Vor allem wichtig war Korinth; schon dachte Arat auf einen Angriff, da verriet Alexandros von Korinth von neuem die Sache seines Oheims und trat mit der Eidgenossenschaft in Symmachie97. Dürfte angenommen werden, daß die Seeschlacht von Andros in eben dies Jahr 245 gehört, so war mit derselben den Makedonen auch die Verbindung zur See mit den noch ergebenen Orten im Osten der Peloponnes abgeschnitten. Und schon griff die Eidgenossenschaft weiter aus. Die Boioter waren von den Aitolern mitten im Frieden räuberisch angefallen worden; es schien für die[266] Achaier die günstigste Gelegenheit, die früheren Raubeinfälle der Aitoler zu rächen und zugleich jenseits des Isthmos festen Fuß zu gewinnen. Die Eidgenossenschaft schloß mit den Boiotern ein Bündnis; Arat eilte über den Meerbusen, die Landschaften von Kalydon, von Amphissa zu verwüsten, zog dann mit zehntausend Mann hin, sich mit den Boiotern zu vereinen; aber diese erwarteten seine Ankunft nicht; bei Chaironeia wurden sie vollkommen besiegt, ihr Feldherr Abaiokritos und tausend Boioter erschlagen; ihre Kraft war vollkommen gebrochen, sie mußten in Sympolitie mit den Siegern treten.

Allerdings mißlang so Arats erster kühn vordringender Plan; ja sein Angriff selbst mußte die bisher sich Entgegenstehenden, die Makedonen und Aitoler, einander nähern; Antigonos gewann dadurch eine bedeutende Erleichterung; er bedurfte ihrer um so mehr, je vollkommener die Siege Ägyptens in Asien, je drohender die ägyptische Okkupation Thrakiens war; und waren die Achaier auch für den Augenblick von Boiotien fern gehalten, so blieb ihre Stellung doch im höchsten Maße drohend, solange Alexandros von Korinth in ihrem Interesse war; die Prinzipien, welche die Eidgenossenschaft vertrat, hatten unzweifelhaft die allgemeinste Popularität, deren Wirkungen eben jetzt während des schon so erfolgreichen Kämpfens der Lagiden die makedonische Politik mit der höchsten Besorgnis erfüllen mußten. Antigonos mußte um jeden Preis Korinth zu gewinnen suchen; es war das einzige Mittel, noch einen Rest des makedonischen Einflusses in der Peloponnes zu retten und das Umsichgreifen der Achaier und damit der ägyptischen Politik über den Isthmos hinaus zu hemmen.

Eben jetzt starb Alexandros, »wie es heißt«, sagt der Biograph des Arat, der dessen Denkwürdigkeiten besonders vor Augen hat, »von Antigonos vergiftet«. Nun war dessen Witwe Nikaia Herrin der Stadt; sie residierte in der sorgfältig bewachten Burg. Aus dem seltsamen Bericht, der uns vorliegt98, ist kaum weiteres zu entnehmen, als daß mit Nikaia Unterhandlungen[267] über eine demnächstige Vermählung mit dem makedonischen Thronerben angeknüpft wurden – an welche zu denken um so mehr Grund war, da Demetrios von seiner syrischen Gemahlin bisher entweder gar keine Nachkommenschaft oder nur eine Tochter99 hatte –, und daß die Übergabe von Akrokorinth an Makedonien dabei natürlich die erste Bedingung war. In der Tat, es war kein »unerhörter Verrat«, wenn Antigonos Akrokorinth wieder an sich brachte; zweimal war sein Neffe Alexandros an ihm zum Verräter geworden; wie sollte er der Witwe desselben ein Besitzrecht zugestehen, das möglicherweise dem Lagiden Gelegenheit geben konnte, auch auf dem wichtigsten Punkte Griechenlands festen Fuß zu fassen, während schon in Achaia und, wie wir sehen werden, in Lakonien sein Einfluß entschied.

Durch die Einnahme von Korinth gewann der makedonische Einfluß in der Peloponnes, die Tyrannis in Argos, Phlius, Hermione usw. neuen Halt; in eben dieser Zeit, so scheint es, riß Lydiadas die höchste Gewalt in Megalopolis an sich, ein Jüngling von hoher Gesinnung, voller Ruhmbegierde, den Überredung von der Hoheit und Zeitgemäßheit monarchischer Bestrebungen überzeugt hatte. Antigonos selbst mag zu ihm gesprochen haben; der faßte so das Wesen der Tyrannis, wie es Lydiadas darstellte; nicht blutige Gewaltherrschaft sollte sie sein, sondern eine durch feste Geschlossenheit der Macht begründete Garantie der Ordnung, die dem König in dem Maße notwendiger zu werden scheinen mochte, als jener Ruf nach demokratischer Freiheit, nur, so mochte gesagt werden, von einer kleinen Zahl von Phantasten oder Selbstsüchtigen ausgehend, nur Verwirrungen im Inneren der Städte und die gefährlichsten Schwankungen der auswärtigen Beziehungen hervorzubringen begonnen hatte. So wenig waren Antigonos' Maximen, wie es oft dargestellt wird, die eines launenhaften Despoten, daß sie vielmehr selbst in derselben geistigen Bewegung, welche die Zeit erfüllte, nicht minder als die entgegengesetzten Bestrebungen ihren Halt hatten; innerhalb der stoischen Schule waren die Gedanken entwickelt, die er und die zwei Jahrzehnte später der edle Kleomenes von Sparta zur politischen Geltung zu bringen trachtete. Und bedeutsam genug ist es, daß der König den Befehl in Akrokorinth Persaios, dem Freunde Zenons, dem streng stoischen Manne, übertrug.100[268]

Im Frühling 243 ward Arat zum zweiten Male zum Strategen der Eidgenossenschaft erwählt; die energische Wiederherstellung des makedonischen Einflusses in der Peloponnes mußte die Eidgenossenschaft besorgt machen; man hatte die Rache der Aitoler wegen des Einfalls nach Kalydon und Amphissa zu fürchten, und bis an die Grenzen der Eidgenossenschaft waren sie soeben gekommen; man hatte alles Furchtbarste zu erwarten, wenn der Isthmos in der Gewalt der Gegner blieb.

So wandte sich Arat dazu, die Befreiung Korinths zu versuchen. Ein Zufall bot ihm einen günstigen Anknüpfungspunkt. In Korinth waren vier Brüder aus Syrien, von denen der eine, Diokles, als Söldner bei der Besatzung stand. Die drei hatten den königlichen Schatz bestohlen und kamen nach Sikyon, ihr Gestohlenes umzusetzen; einer von ihnen, Erginos, blieb in Sikyon, erzählte da einmal dem Wechsler, mit dem Arat auch in Verbindung stand, von einem heimlichen Wege zu einer Stelle, wo die Mauer niedrig sei. Sofort wurde in aller Stille Arat davon unterrichtet; sechzig Talente versprach er dem Syrer und seinen Brüdern, wenn der Plan gelänge, und als Erginos forderte, daß das Geld im voraus bei dem Wechsler deponiert würde, gab der Stratege, um nicht durch Anleihen Aufsehen zu erregen, seine Becher und Trinkschalen, seiner Gemahlin Geschmeide als Pfand her. Nun ging Erginos nach Korinth zurück, mit Diokles das Nötige zu verabreden. Endlich war alles in Ordnung; vierhundert Achaier hatte Arat auserwählt, den nächtlichen Angriff mit ihm zu wagen; nur wenige wußten, was es galt; die übrigen Truppen erhielten Befehl, die Nacht hindurch bei den Waffen zu bleiben. So zog er – es war eine helle Mondnacht im hohen Sommer – gegen die Westseite der Stadt hin; der aus dem Meere heraufziehende Nebel verbarg die Heranziehenden. Erginos war zur Stelle; mit sieben als Wanderern verkleideten Achaiern ging er zu dem Tore; die Posten dort wurden niedergestoßen, die Torwache überwältigt, während zugleich Arat an der bezeichneten Stelle die Mauer erstieg und, von Erginos und hundert Achaiern begleitet, gegen die Akropolis hinaufzog; die übrigen sollten durch das Tor eindringen und so schnell als möglich nachrücken. In aller Stille zog Arat mit seiner Schar weiter; da kam eine nächtliche Runde mit Fackeln; man ließ sie nahen, dann warf man sich auf sie; von vieren entkam einer, am Kopf verwundet; mit dem Ruf: »Feinde! Feinde!« rannte er dahin, und in kürzester Frist ertönte in der Stadt unten, in der Burg oben die Lärmtrompete;[269] Fackeln, Rufen der Posten, wachsender Lärm da und dort. Und noch hatte Arat auf den steilen, verschlungenen Fußwegen nicht die Burg erreicht; die dreihundert waren durch das Tor gedrungen, aber in den engen Straßen, in den verschlungenen Felswegen fanden sie sich nicht hinauf, sie bargen sich im Schatten eines überhängenden Felsens. Schon drang Archelaos mit den königlichen Truppen aus der unteren Stadt herauf, dem Häuflein Arats, das mit lautem Jauchzen den Angriff auf die endlich erreichte Burg begonnen hatte, in den Rücken zu fallen; sein Weg führte ihn an jenem Abhang vorüber; die dreihundert stürzten hervor, töteten die ersten, verfolgten, zersprengten die übrigen. Und eben da sie sich wieder gesammelt, kam Erginos von Arat gesandt, sie eiligst ihm zu Hilfe hinaufzuführen. Mit lautem Jubelruf folgten sie ihm; in den Bergen widerhallten die Stimmen und die antwortenden Rufe der Kämpfenden; eine unwiderstehliche Übermacht dünkte es der Besatzung der Burg, sie leistete keinen ernstlichen Widerstand weiter. Mit dem ersten Licht der Morgensonne war die Burg erobert. Auch das Heer von Sikyon war angelangt; die Bürger hatten ihnen die Tore geöffnet, die königlichen Truppen gefangen genommen. Nun strömte alles nach dem Theater, den Befreier zu sehen, zu hören, was weiter geschehen werde. Von seinen Achaiern begleitet, kam Arat; noch in seiner Rüstung trat er auf die Vorbühne; ein unendlicher Jubel empfing ihn; bleich und erschöpft, auf seinen Speer gestützt, zusammensinkend stand er da. Dann, da das Jauchzen und Beifallklatschen endlich schwieg, raffte er sich auf, zu sprechen. Wie mag das Wort der Freiheit diesen Korinthern süß geklungen haben, die sie seit einem Jahrhundert nicht mehr gehabt; dem Volk gab er die Schlüssel der Burg zurück, die seit Philipps und Alexanders Zeit in fremder Herren Gewalt gewesen waren; nur den Wunsch sprach er aus, daß auch die Bürger von Korinth Achaier werden möchten. So trat Korinth in die Eidgenossenschaft.

Gleich nach der Stadt ward auch der Hafen Lechaion genommen; fünfundzwanzig königliche Schiffe, die dort lagen, wurden der Bundesflotte überwiesen, die vierhundert syrischen Söldner, die man gefangen genommen, in die Sklaverei verkauft; Persaios hatte sich von der Burg nach Kenchrai gerettet, Archelaos wurde ohne Lösegeld entlassen; ein anderer Anführer, der seinen Posten nicht verlassen wollte, wurde gefangen und hingerichtet. Fortan bezog eine achaiische Besatzung Akrokorinth.

Unbeschreiblich muß der Eindruck gewesen sein, den diese Befreiung Korinths gerade jetzt hervorbrachte. Welche Bedeutung hatte damit die Eidgenossenschaft gewonnen! Der Schlüssel zur Peloponnes war nun in den Händen der freien Eidgenossen, den aitolischen Räuberzügen nun dieser Weg in die Halbinsel gesperrt, die Sache der Freiheit und der volkstümlichen[270] Verfassung im glänzendsten Fortschreiten. Gleich jetzt fiel Megara von Antigonos ab, schloß sich der Eidgenossenschaft an, ebenso Troizen, ebenso Epidauros; schon ward ein Überfall auf das nicht mehr attische Salamis, ein Streifzug nach Attika versucht, die gefangenen Athener wurden ohne Lösegeld entlassen; man hoffte, der Geist der Freiheit werde auch dort, auch in Argos sich erheben, wohin ein Überfall versucht wurde. Man war in dem Gefühl vollkommenster Berechtigung, mit allen Mitteln der List und der Gewalt gegen die Tyrannen und die Fremdherrschaft in Griechenland anzukämpfen; die Eidgenossenschaft mußte unwiderstehlich in dieser Begeisterung eines großen Berufes sein, wenn sie sie empfand.

Wie seltsam, daß es Arat war, der sie leitete. Nicht aus der geistigen Bewegung, die das Griechentum ergriffen hatte, war er hervorgegangen, sondern aus den Übungen der Palästra, aus den Gewohnheiten eines reichen, mit Königen gastbefreundeten Hauses; nicht aus der Begeisterung der Freiheit stammte sein Tyrannenhaß, sondern aus den schmerzlichen Erinnerungen einer verfolgten Jugend, den zerstörten Ansprüchen auf Einfluß in der Vaterstadt, aus der eigentümlichen Stellung, in welche ihn unerwartete Umstände gebracht hatten; nicht auf den Glauben an jene begeisternden Gedanken stützte er sich, sondern auf die gewandte Benutzung der politischen Verhältnisse, auf die kleinen Mittel und heimlichen Wege, welche dem Verständnis der Menge stets unzugänglich sind und in denen sie nur blindlings dem Führer, dem sie vertraut, folgt. Wir finden nicht, daß er mit jenen edlen Männern von Megalopolis, die ihm bei der Befreiung von Sikyon geholfen, in weiterer Verbindung blieb; er hatte die mit dem König von Ägypten gesucht. Die vornehmen Gewohnheiten seiner hohen Geburt blieben ihm auch in jener eidgenössischen Verbindung mit den kleinen Leuten der Achaierorte. Wie hoch über ihnen stand der vornehme, an den Luxus der Kunstliebe und der feinen Gesellschaft gewöhnte, Königen befreundete Mann! Es war etwas Imponierendes darin, daß er sich ihnen so bürgerlich gleich stellte, sich zu ihnen herabließ. Und er selbst mochte sich innerlich ihnen immer fremd fühlen; sie waren ihm ein brauchbares Material zu den wohlwollenden, staatsbildnerischen Intentionen, mit denen er sich trug; auf jene geistige Bewegung in den hellenischen Städten – und schon war es ihm klar, ihrer so viele als möglich in den neuen Bundesstaat hereinziehen zu müssen – rechnete er, ohne sie zu teilen, ohne aus ihr und ihrem Prinzip heraus seinen neuen Staat bilden zu wollen. Er machte diesen Staat der Eidgenossenschaft, und sein Ehrgeiz war es, dafür zu gelten; er verstand es, sie so zu binden, daß sie ohne ihn nichts zu sein schien; er vermochte nicht aufzuhören, sie zu bevormunden; er mißtraute der jungen Freiheit, soweit er sie nicht beherrschte[271] und leitete; und in demselben Maße, als seine politische Klugheit ihre äußere Existenz gemacht hatte, hemmte eben dieselbe deren selbständige Entwicklung, ließ sie den Charakter einer nur gemachten, einer künstlichen Bildung nicht überwinden, sondern drückte die innere Lebendigkeit, so oft sie sich Raum zu schaffen suchte, gewaltsam und eigenwillig zurück. So Arat, bei allem Verdienst ein kleiner Charakter; man kann es rühmen, daß er das praktisch Notwendige erkannt, das zunächst Erreichbare ins Auge gefaßt, mit dem klugen Blick des Politikers die Gelegenheit erspäht, mit allen offenbaren und heimlichen Mitteln damaliger Staatskunst den neuen Gedanken eine staatliche Basis geschaffen, ihnen Raum sich auszubreiten gewonnen hat; – der lebendige Kern des Neuen, das er unter seine Leitung nahm, lag eben doch da, wo er ein Fremdling war; es erhielt durch ihn von Anfang her eine falsche Fassung, und je bedeutender die Erfolge scheinen konnten, die es durch ihn gewann, desto weiter ward es von der lebendigen Quelle entfernt, aus der es seine Kraft hätte schöpfen müssen101.

So geschah es auf Arats Antrag, daß die Eidgenossenschaft den König Ptolemaios zum Bundesgenossen und Oberbefehlshaber des Bundes zu Land und See erklärte. In derselben Zeit, da der Lagide die Städte der Kyrenaika niederzukämpfen suchte, da die ionischen Städte ihre junge Freiheit kaum wider ihn behaupteten, da von Antigonos' Bundesgenossen, den Aitolern, eine Schar an der ionischen Küste landete, die Schiffe verbrannte, um sich selbst zum siegreichen Kampf für die Ionier zu nötigen, da sich das freie Rhodos gegen Ägypten erhob, in demselben Augenblick übertrug Arat dem König Ägyptens das Protektorat der wiederbeginnenden Freiheit in Griechenland. Nicht die inneren Bildungsprinzipien, sondern die äußeren Machtverhältnisse bestimmen die Politik dieser Zeit, die in Wahrheit eine Zeit der Politik geworden war.

Es ist kein Bericht auf uns gekommen, aus dem wir erkennen könnten, was der greise Makedonenkönig unternommen hat, dem Zusammenbrechen seiner Macht im hellenischen Lande entgegenzuarbeiten; nur dies[272] eine Wort: zwischen ihm und den Aitolern sei ein Vertrag abgeschlossen worden zur gemeinsamen Eroberung und Teilung der eidgenössischen Landschaften.

In eben dieser Zeit nehmen die Verhältnisse Spartas eine merkwürdige Wendung. Leider kennen wir sie fast nur aus den im biographischen Interesse gemachten Aufzeichnungen des Plutarch; kaum, daß sich mit einiger Deutlichkeit die auswärtigen Beziehungen dieses Staates erkennen lassen.

Seit König Akrotatos vor Megalopolis gefallen ist und Leonidas, der lange im syrischen Reiche gelebt, erst als Vormund für Akrotatos' Kind, nach dessen Tode selbst als König bestimmenden Einfluß hat, scheint sich Sparta von den allgemeinen Händeln fernzuhalten; der reichen und üppigen Oligarchie, welche die Stadt beherrschte, mochte es genug sein, in ungestörtem Behagen zu genießen. Nirgends war der Gegensatz zwischen dem, was sich geschichtlich gemacht hatte, und dem, was Vernunft und Recht forderte, empfindlicher als in Sparta; noch bestand dem Namen nach die lykurgische Verfassung; aber völlig degeneriert, wie sie war, dienten ihre Formen nur dazu, die unnatürlichsten und gewaltsamsten Mißverhältnisse aufrecht zu erhalten. Die adlige Gemeinde der Spartiaten war auf 700 Männer zusammengeschmolzen; im Besitz von hundert Familien befand sich alles Grundeigentum102; die übrigen Spartiaten waren verarmt und, indem sie so nicht mehr an den Syssitien teilnehmen konnten, unfähig, die Rechte auszuüben, zu denen sie die Geburt berief. Nimmt man dazu die Masse Perioiken, die ohne politische Berechtigung, die Masse Heloten, die im vollsten Sinn Leibeigene waren, ferner dazu, daß Handel und Gewerbe allein in den Händen der Perioiken war und vielen von ihnen bedeutenden Wohlstand gewähren mußte, daß selbst die Heloten erwerben konnten, so darf man nicht zweifeln, daß, wenn irgend ein anderer Staat, so Sparta gefährdet war, sobald sich die öffentliche Stimmung so verwandelte, so energisch zu betätigen erhob, wie es damals in den Nachbarländern geschah.

Es hat etwas Ergreifendes, wie überall im Griechentum die Jugend vom neuen Leben, das sich auftat, ergriffen wurde. Auch in Sparta bildete sich, ehe die Gefahr von den Recht- und Besitzlosen her sich entwickelte, so ein Kreis edler Jünglinge, in denen der Anblick der entwürdigten Gegenwart das Bild der ehemaligen Herrlichkeit Spartas erweckte. In ihrer Mitte der jugendliche Agis, des Königs Eudamidas Sohn; in Reichtum und Weichlichkeit aufgewachsen, in Putz und Zierlichkeit verwöhnt, verzärtelt von der Mutter und Großmutter, deren große Reichtümer er einst erben sollte, warf er, wie er das Königtum des Vaters erbte, kaum zwanzig[273] Jahre alt, alle jene Unsitte hinweg, begann nach alter strenger Spartanerart zu leben, sich zu kleiden, zu üben: das Königtum sei ihm nichts wert, wenn er nicht mit demselben die Gesetze und die Zucht Spartas herzustellen vermöchte.

Aber auch das kriegerische Ansehen Spartas hatte er herzustellen; vielleicht war es seine Absicht, durch große Erfolge nach außen sich eine Stellung zu erwerben, die ihn in den Stand setzte, gegen die daheim herrschende Entartung energisch aufzutreten. Leider hat der Biograph des Agis über diese Seite seiner Tätigkeit nichts berichten wollen; und ein paar kurze Angaben der Art bei Pausanias gelten einer einzigen irrigen Angabe wegen fast als unbrauchbar. Und doch, wie genau beschreibt er, wenn er von dem Siegeszeichen beim Poseidontempel von Mantineia spricht, die Schlacht, die dort gegen Agis gekämpft worden; wie da auf dem rechten Flügel die Mantineer gestanden, wie bei ihnen ein Seher aus Elis, ein Iamide, gewesen sei, der ihnen Sieg verheißen, wie auf dem linken Flügel die Arkader, nach den Städten jede unter ihren Führern, so Megalopolis unter Lydiadas und Leokydas, aufgerückt seien, wie in der Mitte Arat mit den Achaiern und Sikyoniern durch verstellten Rückzug den Agis zwischen die beiden Flügel gelockt und so den Tag wider ihn entschieden habe. Nur daß Agis in dieser Schlacht gefallen sei, ist ein Märchen der späten Nachkommen, die Pausanias hörte103, eine Verwechslung mit dem König Agis in Alexanders Zeit. Aber man sieht, wie energisch und gefährlich der Angriff des Spartanerkönigs Agis gewesen, zu dessen Abwehr sich so viel Streitmittel vereinten; er muß gemacht sein, ehe Lydiadas Tyrann in Megalopolis war, gewiß nicht später als 245. Diesem Kampf scheint der Angriff auf Megalopolis gefolgt zu sein; es war nahe daran, daß die Stadt erstürmt wurde. Ein dritter Angriff reichte bis in das Achaiergebiet, bis Pellene hin. Agis, so scheint es, kümmert sich nicht um die Parteistellungen in der Nähe und Ferne; Sparta soll eine eigene Politik gewinnen, soll die alte Hegemonie in der Peloponnes sich wieder ertrotzen. Schon war Pellene erobert, da rückte Arat mit seinen Achaiern heran, zwang ihn zum[274] Abzug104. Es scheint, daß hier zwischen Sparta und den Eidgenossen, vielleicht unter ägyptischer Vermittlung, ein Vertrag zu gegenseitiger Hilfeleistung geschlossen worden; geschah dies vor der Befreiung Korinths, so war ein Zusammenschließen beider gegen die Übermacht Makedoniens und der neu gekräftigten Tyrannen nur um so notwendiger.

Vielleicht hatten diese mißlungenen Versuche nach außen eine bedenkliche Mißstimmung bei der Oligarchie Spartas erzeugt; die im ganzen doch erfolglosen Kriege konnten dem jungen König nicht eben jene militärische Übermacht, die er zu gewinnen beabsichtigt haben mochte, gewährt haben; nur um so notwendiger mochte es erscheinen, die inneren Veränderungen nicht länger hinauszuschieben.

Kurze Zeit nach der Befreiung Korinths, wie es scheint, begann Agis das große Werk der inneren Umgestaltung. Bereits oben sind die Hauptmomente bezeichnet worden, welche eine Veränderung notwendig machten. Konnte man eine völlig neue, den Ideen der Zeit entsprechende Verfassung zu gründen versuchen? Eine Revolution, von der unterdrückten Masse der Bevölkerung ausgehend, hätte dies vermocht; sie würde die kleine Oligarchie ausgerottet, auf dem Wege der Gewalt einen neuen Besitzstand, eine Verfassung gegründet haben, wie sie aus dem Drang der Umstände sich hätte bilden wollen. Mehr als einmal im Lauf der Jahrhunderte war Sparta schon von solchen Revolutionen der Heloten, der Perioiken, der verarmten und entrechteten Bürger, bedroht gewesen; daß sie nie durchgedrungen, darf man als Spartas größtes Unheil beklagen. Eben diese starre Kontinuität hatte jene Entartung der Verhältnisse hervorgebracht, deren jedes mit aller Anmaßlichkeit des historischen Rechts auftreten und dem gesunden Menschenverstand nicht minder als dem Geiste der lykurgischen Verfassung Hohn sprechen konnte. In Sparta war nicht wie in den meisten anderen Staaten durch Demokratie, Tyrannis, fremde Herrschaft, Revolution der Wust irrationaler faktischer Bildungen zertrümmert und zu einer neuen Erhebung Raum geschaffen worden. Forderte[275] die Gefahr und Entartung der Gegenwart Veränderungen und wollte man diese machen, ehe sie die entfesselte Wut der Menge nach ihrem Willen machte, wollte man auf verfassungsmäßigem Wege eine Abhilfe gewinnen, so hatte eben jene Oligarchie, gegen welche allein angegangen werden mußte, alles verfassungsmäßige Recht in Händen, repräsentierte allein den Staat, und nimmermehr war es zu erwarten, daß sie von ihrem Recht und Besitz gutwillig das Geringste aufgeben werde. Außer der Revolution war der einzige Weg gegen sie aufzukommen, daß ihr Widerspruch gegen die noch immer als bestehend anerkannte lykurgische Verfassung geltend gemacht, daß die Wiederherstellung dieser Verfassung selbst gefordert wurde. Wie unbestimmt auch, wie entschieden selbst erst eine Bildung mehr als eines Jahrhunderts diese sein mochte, wenigstens dies war aller Zeit ihr anerkanntes Wesen, daß der Staat die alleinige und volle Gewalt über Gut und Blut, über Kraft und Willen der einzelnen habe, daß er denen, die seine Bürger sein wollten, keinerlei Art von privatrechtlicher Existenz gestatte, daß er, wie die Erziehung der Kinder, so die Zucht der Erwachsenen mit absoluter Entschiedenheit dem Zweck des Allgemeinen gemäß bestimme. Das alte Sparta war die einseitigste Ausbildung der Idee des Staates gewesen; und seit die Entwicklung der Demokratie den Wert und das Recht des einzelnen bis zu einer Höhe gesteigert hatte, die die althellenische Idee des Staates selbst gefährdete, hatte wiederholt die politische Theorie eben in der spartanischen Verfassung ein Muster wahrhaft staatlicher Gestaltung zu finden geglaubt. Die Wirklichkeit entsprach diesem traditionellen Bilde in keinem Punkt; eben jener Zug der Zeiten, das Interesse des einzelnen, das Privatrechtliche gegen die abstrakte Idee der Politie durchzusetzen, hatte auch Sparta umgestaltet, nur in verkümmerter, ausschließlicher, gleichsam zufälliger Weise. Konnte man nun, so verwandelt die Zeiten waren, rein und ganz jene alte lykurgische Politie herstellen? Konnte man an die Stelle eines Besitzstandes, wie er sich seit mehr denn einem Jahrhundert ausgebildet hatte, an die Stelle des an Bedürfnissen und Genüssen reichen Privatlebens, das die Gewohnheit mehrerer Generationen heimisch gemacht hatte, an die Stelle der verwandelten Richtung der Erziehung, der Ansichten, der Beschäftigungen, der ganzen Denk- und Handlungsweise plötzlich die alte starre Disziplin, die Nichtachtung des Besitzes, des Familienlebens, die ganze stolze Beschränktheit früherer Zustände wieder hervorzaubern? In der Tat, der Weg der Restauration war nicht minder gefährlich als die Revolution, und das Resultat in jedem Fall zweifelhaft.

Auch war es nicht die kluge Berechnung, wie drohender Gefahr zu begegnen sei, sondern die Begeisterung eines jungen Königs und seiner Freunde, die ihn wählten.[276]

Der ausführliche Bericht, welcher uns vorliegt, stammt freilich aus einer Quelle, gegen deren Lauterkeit schon mehrfach zu sprechen gewesen ist. Phylarch, aus dem Plutarch vorherrschend geschöpft hat, scheint in diesem Teil seiner Darstellung nicht minder als in den übrigen der Anschaulichkeit und Lebendigkeit vieles und namentlich das nähere Eingehen auf die rechtlichen und Verfassungsfragen geopfert zu haben. Aber ihn im einzelnen zu kontrollieren vermögen wir bei dem fast vollkommenen Mangel anderer Nachrichten nicht mehr, und die folgende Darstellung kann nur den Anspruch machen, vom äußeren Tatbestand so viel zu enthalten, als Plutarch aus seiner Quelle entnommen hat.

Agis' Absichten waren kein Geheimnis; sein Erscheinen, seine Übungen, seine Frugalität zeigten, daß er in der Rückkehr zur alten Spartanerweise, die er als notwendig aussprach, mit seinem Beispiel vorangehe. Die Älteren mißbilligten laut die Neuerungen, denen er nachgehe, aber die Jugend folgte seinem Vorgang mit Freudigkeit; der Geist des alten Spartanertums schien von neuem erwacht. Es galt, den großen Schlag vorzubereiten; Genossen des Planes waren vor allen Lysandros, ein Nachkomme des Siegers von Aigospotamoi, des größten Mannes, den Sparta gehabt hat; dann Mandrokleidas, kühn und verschlagen zugleich, mit der Politik der hellenischen Verhältnisse vertraut; Hippomedon, ein in vielen Kämpfen bewährter Krieger, der Jugend gewiß, die ihm im höchsten Maße ergeben war; durch ihn war sein Vater Agesilaos gewonnen, des Königs Oheim, der reich, aber verschuldet war, und der durch seinen Einfluß als Redner der Sache sehr förderlich werden konnte. Entschieden die größte Schwierigkeit hatte man seitens der Frauen zu besorgen; in ihnen war der ganze Stolz eines uralten glorreichen Adels, einer ausschließlichen Berechtigung zur Herrschaft lebendig; mit Eifersucht wachten sie über die Rechte der alten Geschlechter; sie übten über die Männer um so stärkeren Einfluß, je weiter sich diese von der alten Spartanerweise entfernt hatten; dazu kam, daß infolge eines schon über ein Jahrhundert bestehenden Mißbrauchs in den Händen der Frauen endlich über zwei Fünftel des gesamten Landbesitzes waren. Zunächst versuchte Agis seine Mutter Agesistrata zu gewinnen, welche durch ihren Reichtum, durch die Menge ihrer Freunde, ihr Verschuldeter, von ihrer Unterstützung Lebender außerordentlichen Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten besaß; nicht ohne große Mühe ward sie von ihrem Sohn und ihrem Bruder Agesilaos gewonnen, dann aber auch die eifrigste Förderin des Planes. Aber umsonst suchte sie die anderen Frauen zu gewinnen; die bei weitem größere Zahl wandte sich auf das entschiedenste gegen alle Neuerung, intrigierte auf alle Weise, forderte den König des anderen Hauses, den alten Leonidas, Kleonymos' Sohn, auf, den bestehenden Rechtszustand zu schützen; und während[277] die Menge mit froher Hoffnung auf die Rettung blickte, die Agis zu bringen verhieß, sah die Oligarchie in ihm nur einen Selbstsüchtigen, der durch Schuldentilgung und Güterverteilung um die Gunst der Menge buhle, um durch sie Spartas Freiheit in eine Tyrannis zu verwandeln.

Mit dem Herbst des Jahres 243 endlich gelang es dem jungen König, bei der Wahl der Ephoren auch die des Lysandros durchzusetzen. Sofort brachte dieser bei der Gerusia eine Rhetra ein, deren Hauptpunkte waren: alle Schulden sollten getilgt sein; der Grundbesitz sollte von neuem geteilt werden, in der Art, daß gewisse Landstriche, meist in der Nähe des Eurotas, zu 4500 Ackerlosen für Spartiaten (die ursprüngliche lykurgische Zahl), das übrige Land zu 15 000 für waffenfähige Perioiken verteilt würde; die Zahl der Spartiaten sollte aus Perioiken und Fremden, die frei erzogen, gesund und zum Waffendienst fähig, bis zu jenem Betrag vermehrt werden105, eine Ergänzungsart, die in früheren Zeiten üblich gewesen war; endlich sollte die Gesamtzahl der Spartiaten sich nach alter Weise in Phiditien teilen, in jene kleine Genossenschaften, die, zu täglichem Gemeinmahl und gemeinsamer Übung vereint, auch im Heeresdienst und in den bürgerlichen Verhältnissen die korporativen Bestandteile des Volkes bildeten; überall sollte die alte spartanische Zucht und Sitte hergestellt werden.

Die Gerusia war geteilter Meinung. Der Ephoros brachte den Vorschlag an die Volksversammlung der Spartiaten, Agesilaos, Mandrokleidas unterstützten ihn; sie erinnerten an den alten Spruch des delphischen Gottes, daß Spartas Untergang die Geldgier sein werde, sie brachten ein neulich verkündetes Orakel vom Heiligtum der Pasiphaë, daß alle gleich sein sollten nach lykurgischer Satzung. Dann trat auch der junge König auf; mit wenigen Worten erklärte er, daß er all sein Vermögen dem Staate hingebe – und er besaß große Ländereien und sechshundert Talente Geld –; dasselbe tue seine Mutter, seine Großmutter, seine Freunde und Genossen, die reichsten unter den Spartiaten.

Mit dem größten Jubel wurden diese Anträge, diese hochherzigen Opfer aufgenommen. Desto heftiger wurde der Widerstand der Reichen; der Gerusia kam der Vorbeschluß zu; mit der Mehrheit einer einzigen Stimme verwarf sie die Rhetra. Auch die beiden Könige saßen in derselben; vermochte[278] man Leonidas zu entfernen und seine Stelle mit einem Einverstandenen zu ergänzen, so konnte man ein anderes Resultat herbeiführen. Nach altem Brauch hatten die Ephoren in jedem neunten Jahr den nächtlichen Himmel zu beobachten, und wenn ein Stern in gewisser Richtung hinfuhr, die Könige als durch dies Zeichen einer Schuld bezichtigt zu suspendieren, Untersuchung gegen sie zu verhängen. So tat es jetzt Lysandros gegen Leonidas; seine Anklage lautete darauf, daß Leonidas sich im Reich der Seleukiden mit einem asiatischen Weibe vermählt, zwei Kinder mit ihr gezeugt habe usw. Zugleich veranlaßte er Leonidas' Schwiegersohn Kleombrotos, aus königlichem Geschlecht, das erledigte Königtum in Anspruch zu nehmen. Leonidas flüchtete in den Tempel der Pallas Chalkioikos, und seine Tochter Chilonis verließ ihres Mannes Haus, den gefährdeten Vater zu begleiten; dann ward sein Prozeß vorgenommen und da er nicht den Tempel zu verlassen und vor den Ephoren zu erscheinen wagte, das Urteil seiner Absetzung gefällt, das Königtum an Kleombrotos übergeben.

Mit dem Ende des Sommers 242 trat Lysandros mit den übrigen Ephoren ab. Die neuen Ephoren waren ganz im Sinne der Oligarchie ernannt; sie begannen mit einer Anklage gegen Lysandros und Mandrokleidas, daß sie wider das Gesetz Schuldentilgung und Güterteilung in Vorschlag gebracht; die beiden Könige hatten das Schicksal des Leonidas und Härteres zu besorgen, wenn nicht rasch vorgebaut wurde; ohne Gewalttat war keine Rettung. Die Ephoren, hieß es, seien in alten Zeiten bestellt, um im Fall, daß die beiden Könige nicht einer Meinung seien, die gerechte und ersprießliche siegen zu machen; verfassungswidrig sei alle weitere Gewalt, die sie in Anspruch nähmen, wenn beide Könige gleichen Sinnes seien, hätten sie kein Recht, Einsprache zu tun. So erschienen beide Könige, von ihren Anhängern begleitet, auf der Agora, befahlen den Ephoren, ihre Sitze zu verlassen, ernannten andere an deren Stelle, unter ihnen Agesilaos. Sie öffneten die Schuldgefängnisse, sie erschienen, umgeben von der bewaffneten Jugend; die Oligarchie, jeden Augenblick den Ausbruch der Volkswut fürchtend, hielt sich eingeschüchtert zurück; Leonidas flüchtete nach Tegea, durch Agis' Vorkehrungen vor den Nachstellungen geschützt, die ihm auf dem Wege drohten.

In eben diesem Herbst, als der Spartanerstaat in den gefährlichsten inneren Bewegungen schwankte, scheint ein furchtbarer Zwischenfall eingetreten zu sein, der unerklärlich sein würde, wenn ihn nicht eben jener innere Zwiespalt möglich gemacht hätte. Antigonos von Makedonien, schon mit den Aitolern verbündet, mußte, nachdem ihm Korinth und Megara entrissen, die achaiische Eidgenossenschaft durch den Vertrag von Pellene mit Sparta verbündet, sein Einfluß auf die Peloponnes gefährdet[279] war, alles daran setzen, die staatlichen Reorganisationen dort zu stören. Es ist schon erwähnt worden, daß er mit den Aitolern einen Vertrag auf gemeinsame Eroberung und Teilung der achaiischen Eidgenossenschaft gemacht habe; der Vertrag wird dieser Zeit angehören. Aber nicht bloß gegen die Achaier hatte er sich zu wenden; wenn Agis' Pläne in Sparta durchgingen, so war die Gefahr von dorther nicht minder groß. Es wird von einem großen Heereszuge der Aitoler unter Timaios' und Charixenos' Führung gesprochen, der aus der lakonischen Landschaft unzählige Perioiken, 50 000 heißt es, als Gefangene in Sklaverei abgeführt habe; Sparta selbst hätten sie zu erobern, mit List und Gewalt die Flüchtlinge zurückzuführen versucht, hätten den Poseidonstempel auf Tainaron geplündert, geplündert auch das artemisische Heiligtum in Lusoi, ganz nahe der achaiischen Grenze Arkadiens. Es war keine gewöhnliche aitolische Raubfahrt; das ganze Kriegsvolk der Aitoler war ausgezogen; nur so war die ungeheure Gewalt dieses verheerenden Zuges möglich, von dem bitter genug ein alter Spartaner rühmen konnte: er habe Lakonien erleichtert106.

So furchtbar dieser Heereszug der Aitoler gewesen war, er scheint keinen weiteren, keinen dauernden Erfolg im Interesse des Antigonos gehabt zu haben, mögen die makedonischen Streitkräfte an anderen Punkten beschäftigt[280] oder Korinth wieder zu nehmen umsonst bemüht gewesen sein. Ein Feldzug für das nächste Jahr sollte das Begonnene weiterführen.

In Sparta mußte die aitolische Verheerung und der Versuch zur Rückführung der Verbannten zur Beschleunigung der Reformen drängen. Und in der Tat, sie wurden beschleunigt107, aber freilich in ganz anderem Sinn, als der junge König gemeint und die Ärmeren gehofft hatten. Agesilaos mißbrauchte das ihm geschenkte Vertrauen: er besaß viele und schöne Ländereien, war aber tief verschuldet; nur so weit es zu seinem Vorteil war, gedachte der Ephoros die Neuerungen kommen zu lassen. Er überredete seinen jungen Neffen, daß die Schuldentilgung und die Ackerverteilung zugleich vorzunehmen zu gefährlich sein werde; er riet, mit der Schuldentilgung anzufangen; auch Lysandros wurde von der Richtigkeit dieser Folge überzeugt. So wurden an einem Tage alle Schuldscheine auf dem Markt zusammengeworfen und verbrannt. Nun erwartete man die Ausführung der anderen Maßregel mit nächstem; der Befehl der Könige, zu derselben zu schreiten, war bereits erfolgt, doch Agesilaos fand immer neue Gründe, sie hinauszuschieben; noch mochte niemand Arges ahnen.

Der Frühling 241 war gekommen; von Aratos, der eben jetzt wieder zum eidgenössischen Strategen ernannt war, erging die Aufforderung an die Ephoren, die vertragsmäßige Hilfe nach dem Isthmos zu senden, da wieder eine Invasion der Aitoler drohe. König Agis sollte das Hilfsheer führen; schon die Lösung der Schuldhaft und die Tilgung der Schuldbriefe war eine große Erleichterung für die arme Menge; wie bereitwillig folgten die Aufgebotenen dem jungen König; sie waren der Hoffnung gewiß, bei ihrer Heimkehr mit neuer Habe belohnt zu werden. Wo das Heer hindurchkam, bewunderte man die Haltung, die Zucht der Scharen, den alten Spartanerernst, vor allem den König, der, jünger als die meisten in seinem Heer, von allen Ehrerbietung und herzliche Ergebenheit erfuhr, der selbst in seinen Waffen und Kleidern sich in nichts von den Kriegsleuten unterschied, mit ihnen die magere Kost und alle Mühen teilte. Ausdrücklich wird es bemerkt, daß überall die Menge ihn zu schauen eilte und ihre Bewunderung an den Tag legte, während die Reichen nicht ohne Besorgnis die Aufregung sahen, welche das Erscheinen des Mannes, in dem[281] die Armen und Unterdrückten ihren Vertreter sahen, hervorbrachte.

Bei Korinth vereinte sich dies Spartanerheer mit Arat und den Achaiern; sowohl diese wie Agis wünschten einen Angriff auf die Aitoler, ehe sie in die megarische Landschaft vordrangen; man müsse den Feind nicht noch einmal in die Peloponnes lassen, meinte Agis, man könne sich auf den Geist der Truppen hinreichend verlassen, um eine entscheidende Schlacht zu wagen; doch füge er sich gern der Ansicht des Älteren. Aber weder des Königs Wunsch noch der Unmut und der Spott der Soldaten, die des Strategen Abweisung jeder entscheidenden Bewegung nicht bloß für kluge Vorsicht hielten, konnte ihn bewegen, seine unangreifbare Stellung zu verlassen. Ja wie die Ernte vorüber war, entließ er unter vielen Lobeserhebungen den erstaunten Agis mit seinen Truppen. Was konnte ihn dazu bestimmen? Selbst wenn aus wer weiß welchen Umständen mit Zuversicht geschlossen werden konnte, daß nicht auch makedonische Truppen heranziehen würden, den Angriff der Aitoler zu verstärken oder ihm nach in die Peloponnes einzudringen, waren die Aitoler allein schon, wenn Arat sie nicht einmal mit vereinter Macht anzugreifen für rätlich gehalten hatte, wenigstens keck genug, um einen verheerenden Einfall zu machen, wie er denn in der Tat auch bald unternommen wurde. Man muß diesen Strategen der Achaier in allen seinen Zügen beobachten, um das ganze komplizierte Bild seiner Eigentümlichkeit zusammenzufinden. Wir haben ihn bei der Befreiung seiner Vaterstadt, bei der von Korinth tapfer den Kampf führen sehen; aber seine Tapferkeit baut vor mit Heimlichkeiten und Bestechungen, stützt sich auf Überraschung und Betäubung des Feindes, eilt, das Schwert wieder unter dem Gewande der Bürgerlichkeit zu bergen, jede Kraftäußerung, jedes freie Weiterdrängen gesetzlichst zu umfrieden, die frohe Lust wiedererrungener Freiheit zu einer gewissen normalen, eidgenossenschaftlichen Ruhe zu bringen. Und doch muß er sie selbst immer wieder unterbrechen; immer neue und neue Tyrannen geht er zu bekämpfen, dahin und dorthin wendet er seine offnen und geheimen Angriffe, immer Neues gibt er den Eidgenossen zu erwarten, zu tun, zu besorgen, als wage er ebensowenig sie ihrer inneren Entwicklung zu überlassen. Man fühlt es in jedem Augenblick, wie er, wenn auch Jahr um Jahr erwählter Stratege des Bundes, doch nicht im rechten und lebendigen Mittelpunkt des eidgenössischen Lebens, wie es sich zu entwickeln drängt, seine Stelle hat. Nicht zehn Jahre vergehen, und wider ihn erhebt sich auf das stärkste die arme Menge, bereit, sich dem Größeren zuzuwenden, der Agis' Pläne in Sparta von neuem aufnimmt. Das ist der Punkt, von dem aus allein jene seltsame Heimsendung zu verstehen ist; die Begeisterung im Spartanerheer, der Verkehr mit der Armee verschuldeter Elender, die des jungen Königs kecke Reform gerettet und erhoben hat, das ist es, was[282] der klug berechnende Staatsmann vermeiden und von den Eidgenossen fernhalten zu müssen erkennt.

Die Spartaner sind hinweg; ruhig läßt Arat die Aitoler über die geranischen Berge kommen, läßt sie an Korinth vorüberziehen, sich auf Pellene werfen, die Plünderung der Stadt beginnen; und während sie dort in den Häusern zerstreut rauben und zerstören, ist er mit der Mannschaft der nächsten Orte nachgeeilt, überfällt die ausgestellten Posten, dringt, wie sie zurückflüchten, mit ihnen in die Stadt und treibt nach einem heftigen Kampf die an allen Punkten geschlagenen aus den Toren hinaus; siebenhundert Aitoler sind in diesem Gefecht gefallen.

Dies ist alles, was wir von dem Kriege des Jahres 241 erfahren; es ist um so ungenügender, je undenkbarer es ist, daß sowohl Antigonos als auch die ihm zugetanen Tyrannen in Argos, Megalopolis, derer in kleineren Städten nicht zu erwähnen, vollkommen untätig geblieben sein sollten.

Indes hatten die Verhältnisse in Sparta einen Gang genommen, der für die allgemeine hellenische Politik entscheidend werden mußte. Agesilaos hatte die Abwesenheit seines königlichen Neffen und die Gewalt, welche ihm das Ephorat gewährte, auf die schamloseste Weise mißbraucht; so weit ging er in seinen habgierigen Erpressungen, daß er wider die Ordnung einen Schaltmonat einlegte, um eine Monatssteuer mehr zu erheben; an die Ackerverteilung war nicht mehr zu denken. Um sich gegen den wachsenden, schon laut sich aussprechenden Haß zu schützen, umgab er sich mit Dolchträgern und erschien nur von ihnen begleitet im Amtshause; so seiner Gewalt sicher fühlte er sich bereits, daß er öffentlich aussprach, auch nach Beendigung seines Amtsjahres werde er das Ephorat behalten; der König Kleombrotos schien für ihn gar nicht vorhanden zu sein, und gegen Agis, der eben heimkehrte, betrug er sich so, als wenn der nicht dem Königtum, sondern der Verwandtschaft mit ihm allein den Rest von Ansehen danke, den er ihm zu lassen für gut hielt. Die uns vorliegenden Berichte muten uns zu, zu glauben, daß alles dies geschehen konnte, ohne uns zu zeigen, was den jungen König hinderte, sich dem Unfug seines Oheims zu widersetzen und das in edelster Absicht Begonnene durchzuführen. War er denn nicht mehr der armen Spartiaten, der Perioiken gewiß? War es den Oligarchen schon gelungen, auch seinen reinen Willen zu verdächtigen? Fürchtete er sich, seine Zuflucht zur Gewalt zu nehmen? War die Kraft des Perioikenstandes durch die aitolische Invasion gebrochen? Konnten die Gegner der Reform etwa die Heloten auf ihre Seite ziehen, für die allerdings nicht ausdrücklich gesorgt zu sein scheint? Nur dies ist klar, daß der allgemeine Haß es den Gegnern der Reform möglich machte, die Rückkehr des vertriebenen Königs Leonidas zu bewerkstelligen. Nur der allgemeinen Verehrung, die Hippomedon genoß, und den[283] Fürbitten, die er für seinen Vater Agesilaos einlegte, gelang es, für sich und ihn die Erlaubnis zur ungehinderten Flucht aus Sparta zu erwirken, und Hippomedon wandte sich an den Hof der Lagiden, von wo aus er demnächst zur Statthalterschaft der neu erworbenen thrakischen Küsten gesandt wurde. Agis und Kleombrotos flüchteten sich in den Schutz der Tempel. Mit Bewaffneten erschien Leonidas im Poseidonstempel, an Kleombrotos seine Rache zu üben; Chelidonis (Chilonis), die erst dem Vater gegen den Gemahl ihre Treue bewährt hatte, eilte nun, diesen gegen den Zorn des Vaters zu schützen; es gelang ihr, heißt es, den Vater und dessen Freunde zu rühren: Kleombrotos ward gestattet zu fliehen, und die Bitten des greisen Leonidas vermochten nicht, sie zu bewegen, daß sie bei ihm bliebe; das eine Kind an der Hand, das andere auf dem Arm ging sie mit Kleombrotos, seine Verbannung zu teilen108.

Die weitere Erzählung stellt, allerdings in grellen Farben, ein rechtes Musterbild der niedrigen Wut siegender Oligarchen dar. Leonidas wandte sich, nachdem er neue Ephoren seiner Partei ernannt hatte, zur Verfolgung des Agis. Durch freundliche Anerbietungen suchte man ihn aus seinem heiligen Zufluchtsort zu locken: er möge kommen, neben Leonidas sein Königtum zu führen, da die Bürger ihm wegen seiner Jugend, die Agesilaos betört habe, verziehen. Aber er blieb im Tempel, nur dann und wann ging er, von drei Freunden begleitet, zum Bade; und unter diesen war auch Amphares. Er war unter den neugewählten Ephoren, doch hielt ihn Agis für treu, seine Mutter Agesistrata hatte dem Manne zum Beweis ihres vollen Vertrauens kürzlich noch kostbare Trinkgefäße und Festgewänder geliehen. Ihn gelüstete nach dem Besitz; er entschloß sich, die Mutter und den Sohn zu verderben; er trieb die anderen Ephoren zu dem gewaltsamsten Beschluß, er erbot sich, die Ausführung zu übernehmen. Wieder begleitete er mit jenen beiden, Demochares und Arkesilaos, die schon gewonnen waren, den jungen König zum Bade; scherzend und lachend kamen sie auf dem Rückweg an dem Gäßchen vorüber, das zum Gefängnis führte; da ergriff ihn Amphares: kraft seines Amtes führte er ihn vor die Ephoren zur Verantwortung über das, was er getan. Demochares schlang ihm einen Mantel um den Nacken; mehrere dazu Bestellte drängten sich herbei; so zog und stieß und riß man den König nach dem Gefängnis, welches sogleich durch die Soldknechte des Leonidas von allen Seiten besetzt wurde. Bald waren die übrigen Ephoren und von ihnen bestellt aus der Gerusia diejenigen, auf deren Beistimmung man rechnen konnte, zur Stelle. So begann das peinliche Verhör mit Agis. Mit der edelsten Ruhe erklärte er, daß er weder von jemand gezwungen sei und wider[284] seine Meinung getan habe, noch daß er so, wie er getan, getan zu haben bereue. Sofort ward abgestimmt, auf den Tod erkannt; er sollte in die Würgekammer abgeführt werden. Die Büttel wagten nicht, den Leib eines Königs zu berühren, die Soldknechte wichen ehrerbietig zurück; die wachsende Unruhe der Menge, die auf der Straße versammelt war, die Aufregung, welche das Erscheinen Agesistratas und ihrer Mutter hervorbringen mußte, nötigte zu eilen. Demochares ergriff den König, führte ihn in die Kammer. Einem der Büttel, der laut schluchzte, rief Agis zu: er möge ruhig sein; er werde wider Recht und ohne Schuld umgebracht und sei insofern glücklicher als die ihn mordeten. Dann bot er seinen Hals ruhig dem Strang. Während dies drinnen vorging, war Amphares an die Pforte geeilt, wo des Königs Mutter und Großmutter mit immer lauterer Heftigkeit öffentliche Untersuchung, ihres Sohnes Verteidigung vor den Bürgern forderten. Es werde ihm kein Leid geschehen, versicherte Amphares; Agesistrata forderte er auf, hineinzukommen zu ihrem Sohn, sich selbst zu überzeugen. Sie bat, aus Freundschaft für sie möge er auch ihrer Mutter den Eintritt gestatten. Beide gingen hinein, dann ward die Pforte geschlossen. In die Kammer, den Agis zu sehen, führte Amphares zuerst die greise Archidameia; sofort ward sie ergriffen, der Strang um ihren Nacken geschlungen. Dann befahl er der Mutter hineinzugehen; da sah sie den erwürgten Sohn am Boden, die Mutter aufgeknüpft; sie half den Henkersknechten ihren Leib abnehmen, ihn neben den des Sohnes legen; dann küßte sie diesen, klagte um seinen zu edlen, zu milden Sinn, der ihm und den Seinen den Untergang bringe. Da trat Amphares in die Tür der Kammer: wenn sie Agis' Verbrechen gut heiße, so möge sie auch seine Strafe teilen; er befahl, auch sie zu erwürgen.

So der Ausgang der Revolution. Nie ist in Sparta Scheußlicheres verübt worden, aber so groß war die Furcht der Menge vor den Gewalthabern, daß sich der Haß gegen Leonidas und Amphares und deren Genossen scheu verbarg. Der Sieg der Oligarchie war vollkommen. Blieb Leonidas ohne Mitkönig? Agis' Bruder Archidamos war geflüchtet und Agis' Witwe Agiatis zwang Leonidas, um die reiche Erbschaft des Proklidenhauses an sein Geschlecht zu bringen, sich mit seinem noch nicht einmal erwachsenen Sohn Kleomenes zu vermählen; so kam auch das eben geborene Knäbchen des Agis unter die Gewalt des Leonidas; oder erhielt dies Kind den Königsnamen?

Wie bereits bemerkt worden, stammt die hier gegebene Darstellung aus dem Phylarch, und sie trägt nur zu sehr den Stempel seiner Kunstweise. Es fehlen uns andere Berichte, um aus ihnen statt des sehr unsicher gezeichneten Charakters des Agis, wie er im Plutarch vorliegt, ein deutlicheres Bild zu gewinnen. Ganz übergangen sind in diesem Berichte die[285] Kämpfe des Agis vor Mantineia, Megalopolis, Pellene, Kämpfe, aus denen zu erhellen scheint, daß der junge König nicht bloß jene hingebende Milde und jene leichtbetörte Begeisterung besaß, welche sein Oheim Agesilaos so schnöde mißbrauchte. Ja es scheint gewagt, zu glauben, daß in Agis der Grund zum Mißlingen des großen Planes lag; jene Berichte lassen uns nicht erkennen, wie die Menge von den Oligarchen bearbeitet, verlockt, der großen Sache entfremdet wurde, welche nur durch sie zu einem glücklichen Ende geführt werden konnte. Der einzige Vorwurf, der, so wie die Sachen uns vorliegen, den jungen König treffen kann, ist, daß er hat glauben können, ohne Gewalt die Oligarchie zu brechen, daß er, statt mit Verbannung und Hinrichtung der Oligarchen zu beginnen, der guten Sache die Kraft zugetraut hat, ihren Widerstand zu überwinden.


Wir hatten zu bezeichnen, daß die Verbannten, welche die Aitoler, Makedoniens Verbündete, nach Sparta zurückzuführen versuchten, niemand anders als Leonidas und dessen Freunde waren. Der Sieg dieser Partei jetzt war für die makedonische Politik ein nicht geringer Gewinn; nicht bloß Sparta war damit dem Bündnis der Achaier entzogen; jene Reichen in Mantineia, Orchomenos, Tegea, in allen den Städten, welche Agis bei seinem korinthischen Zuge berührt hatte und in denen die Kunde von dem, was Agis in Sparta begonnen, bei den Armen eine so starke, Besorgnis erregende Bewegung hervorgebracht hatte, mußten Verbindungen suchen, welche sie vor den Wutausbrüchen der wieder hoffnungslosen Armut schützten. Ein Jahrzehnt später ist Mantineia in makedonischer Obhut; es ist wahrscheinlich, daß eben jetzt die Stadt sich an Sparta und Makedonien anschloß. Jedenfalls hatte Makedoniens Einfluß in der Peloponnes wieder Bedeutung gewonnen. Antigonos mochte erkennen, daß die Eidgenossenschaft, wie er mit Hilfe der Aitoler gehofft hatte, zu Boden zu werfen nicht mehr möglich sei; hochbejahrt, wie er war, mochte er sich begnügen, durch die neue Entwicklung der Verhältnisse der weiteren Ausbreitung der Eidgenossenschaft ein Ziel gesetzt zu sehen; ihm mußte daran liegen, einen Zustand der äußeren Ruhe hervorzubringen, der allein imstande war, auch im Inneren der Staaten die Aufregung und das erwachte Verlangen nach »Freiheit und Verfassung« allmählich zu ersticken; ja er mochte voraussehen, daß die Eidgenossenschaft selbst, wenn sie auf ihre inneren Verhältnisse zurückgewiesen war, nicht ohne Parteiungen bleiben, sich durch sie selbst schwächen werde. Die weitere Fortsetzung des Krieges, den Makedonien in der unnatürlichen Bundesgenossenschaft mit den Aitolern führte, konnte keine Art von Gewinn mehr bringen; große Erfolge hätten unzweifelhaft den Protektor der Eidgenossenschaft, den Lagiden, veranlaßt, sich unmittelbar in die hellenischen Verhältnisse[286] zu mischen, und dem konnte sich Antigonos schon nicht mehr gewachsen fühlen. Eben jetzt, so scheint es, war Seleukos II. in Asien von den Galliern vollständig geschlagen; von jener Seite her war schon keine Hilfe mehr zu erwarten, wenn nicht die bedenkliche der kleineren Staaten. Ob der greise, weitschauende König auch auf die westlichen Verhältnisse Rücksicht nahm? Im Frühling dieses Jahres hatten die Römer den letzten entscheidenden Sieg über die Punier davongetragen, hatten einen Frieden gewonnen, der bis auf die kleine Herrschaft des Hieron ganz Sizilien in ihre Hände gab; und eben diese Römer, der hellenischen Halbinsel so nahe, waren seit dreißig Jahren mit dem Hofe von Alexandrien in Verbindung, und hatte Xanthippos' Verwendung vielleicht augenblickliche Differenzen hervorgebracht, so trat im Fall der Entscheidung doch notwendig das natürliche Interesse hervor, das Ägypten und Italien verband.

Mit solchen allgemeinen Betrachtungen müssen wir uns begnügen, um den Frieden zu motivieren, den Antigonos mit den Achaiern schloß. Es wird nicht angeführt, unter welchen Bedingungen; jedenfalls erkannte der Makedone die Eidgenossenschaft in der Ausdehnung an, die sie hatte, namentlich also verzichtete er auf seine Ansprüche an Akrokorinth. Ob er die Aufhebung des Protektorats Ägyptens forderte, ob er gleichzeitig mit Ägypten einen Frieden abschloß, ist nicht zu sagen. Ebenso unklar ist es, ob der Friede mit Beistimmung der Aitoler abgeschlossen wurde; was zwei Jahre später vorging, zeigt wenigstens, daß eine starke Partei unter den Aitolern gegen Makedonien war. Man sollte erwarten, daß Makedonien seitens der Eidgenossenschaft gewisse Garantien empfangen, namentlich für die Sicherung der Tyrannen gegen achaiische Einwirkungen gesorgt haben müßte; einzelne Erwähnungen führen darauf hin. Daß Arat den Versuch machte, Athen zu befreien, ward ihm von den Achaiern vorgeworfen als Friedensbruch; er selbst aber erklärte in seinen Denkwürdigkeiten, jener Unternehmung völlig fremd gewesen zu sein, Erginos der Syrer habe auf eigene Hand einen Angriff auf den Peiraieus versucht und, verfolgt von der Besatzung, wiederholt seinen Namen gerufen, als ob er selbst anwesend gewesen, um auf diese Weise die Gegner zu täuschen109. Ähnlich in Beziehung[287] auf Argos; um jeden Preis gern hätte Arat dort die Tyrannis gebrochen, aber der Friede muß ihm die Hände gebunden haben. Und doch unterließ er es nicht, in Argos selbst in aller Stille zu machinieren; eine Verschwörung gegen den Tyrannen Aristomachos kam zustande; von Korinth aus wurden, da der Tyrann mit großer Strafe den Besitz von Schwertern verpönt hatte, von Arat Waffen nach Argos eingeschmuggelt; aber Zwist unter den Verschworenen und die Denunziation, die einer der Führer machte, verdarb den Plan; die Beteiligten fanden in Korinth Zuflucht. Bald darauf wurde Aristomachos von seinen Sklaven ermordet; sofort riß Aristippos die Gewalt an sich. Arat war gleich bei der Nachricht davon mit allen streitbaren Achaiern, die zur Stelle waren, gen Argos geeilt, in der Hoffnung, die Argeier zur Freiheit bereit zu finden; aber niemand erhob sich, und Arat mußte unverrichteter Sache abziehen; er hatte nichts bewirkt als den Vorwurf, daß die Achaier mitten im Frieden nachbarliches Land überfielen. Merkwürdig ist, daß die Eidgenossenschaft von Aristippos deshalb bei den Mantineern verklagt, und, da sich Arat nicht stellte, zu einer Geldstrafe von dreißig Minen verurteilt wurde110. Hieraus ergibt sich zweierlei, einmal daß Arat, der hier offenbar als Stratege der Eidgenossenschaft verfuhr (denn sonst wäre sein Versuch nicht der Eidgenossenschaft zum Vorwurf zu machen gewesen), Maßregeln vornahm, die der Bundesrat nicht guthieß noch aufgegeben hatte, da in diesem Fall ein förmlicher Krieg oder statt der gerichtlichen Verhandlungen diplomatische nötig gewesen wären; sodann daß in dem Frieden eine Bestimmung der Art gewesen sein muß, daß Streitigkeiten zwischen den Staaten auf dem Wege Rechtens ausgeglichen werden sollten. Aber wie kam Aristippos dazu, in Mantineia gerade zu klagen? Vereinte sich der Bund und Argos, dieser Stadt das Schiedsgericht, wie es in Griechenland üblich war, zu übertragen, oder bestand, wie von anderen vermutet worden, in Mantineia der höchste Gerichtshof der Makedonen in der Peloponnes, dem sich die Tyrannen freiwillig unterwarfen? Das letztere ist undenkbar, da die Eidgenossen solchen Gerichtshof unzweifelhaft nicht anerkannt haben würden. An ein von den verschiedenen Staaten der Halbinsel gebildetes Gericht ist schon nach dem Wortlaut der Erzählung nicht zu denken.[288]

Nicht ganz zwei Jahre nach diesem Frieden in Griechenland folgte auch der in den asiatischen Ländern, wie es scheint, noch da Antigonos lebte; ob er Anteil am Ausgleich zwischen den seleukidischen Brüdern und am ägyptischen Frieden hatte, läßt sich nicht erkennen, aber man darf es vermuten; eben die ausgebreitetste und achtsamste Tätigkeit wird als das Eigentümliche seiner Politik bezeichnet111. Es war ein Moment fast allgemeiner Ruhe im Osten und Westen, da Antigonos hochbetagt starb. Wie wechselreich war sein Leben gewesen, wie viel und wieder wie wenig hat er erreicht. Sehen wir rückwärts: sein Erbteil war das Anrecht auf das Diadem Makedoniens; von den Galatern verwüstet, von Prätendenten und Usurpatoren verwirrt, von den Molosserkönigen in wiederholten Angriffen zerstückelt oder ganz erbeutet, ward Makedonien durch ihn in langer, bewunderungswürdiger Anstrengung nicht bloß von neuem gegründet, nach außen gesichert, im Inneren geordnet, sondern aus tiefer politischer Unbedeutendheit wieder zu einer Macht ersten Ranges erhoben und mit verhältnismäßig geringen Machtmitteln immer neuen Gefahren gegenüber behauptet; wieder deckte ein mächtiges Makedonien das hellenische Land gegen die Barbaren des Nordens. Dann erhob sich von einer Seite her, wo es am mindesten erwartet werden mochte, für Antigonos ein Kampf, dem er in der Tat nicht gewachsen war: gegen die Angriffe ländersüchtiger Fürsten und gegen die künstlichen Verwicklungen ihrer Politik hatte er das Feld behauptet; gegen die Bewegung, welche die Völker in der Peloponnes ergriff, vermochte er es nicht. Diese Bewegung, welche ihrem edelsten Teil nach in der Entwicklung der allgemeinen Bildung wurzelnd in eben dem Maße unwiderstehlich war, und, wenn auch in diesem oder jenem Punkte momentan besiegt, doch nicht mehr überwältigt oder rückgängig gemacht werden konnte, zerriß in überraschender Schnelligkeit das Netz, mit dem die makedonische Staatskunst den größten Teil Griechenlands in vieljähriger Sorgfalt übersponnen hatte. Sie fand in der achaiischen Eidgenossenschaft, wenn nicht ihren lebendigen Ausdruck, so doch den Anfang einer staatsrechtlichen Gestaltung, welche zum ersten Male eine wahrhafte und verfassungsmäßig gesicherte Verbindung vieler Politien zu einem Gesamtstaat möglich machte, eine Bundesverfassung, welche für die von Tyrannen oder Oligarchen beherrschten oder vereinzelt ohnmächtigen Bürgerschaften nicht minder lockend sein mochte, als sie in sich selbst den Trieb hatte, weit und weiter um sich zu greifen und, indem sie das Gebiet des auf Gleichheit gegründeten und prinzipienmäßig geordneten Rechtszustandes erweiterte, diesen selbst um so mehr zu kräftigen und zu sichern. So erhob sich innerhalb des so lange hilf- und selbstlosen Griechentums[289] gegen Makedonien und dessen bisherigen weit überragenden Einfluß eine Macht, deren Stärke nicht in ihren äußeren Machtmitteln, sondern in dem Prinzip bestand, das sie, wenn auch nicht schon darstellte, so doch in sich schloß. Welche Zukunft lag in dieser neuen staatlichen Gestaltung, wie ward Makedonien, das als Großmacht bisher seine wesentlichste Bedeutung im Verhältnis zu den Großmächten Syrien und Ägypten hatte geltend machen, die griechischen Angelegenheiten als ihm besonders zugewiesenen, gleichsam inländischen Bereich ansehen müssen, wie ward es plötzlich durch dies inhaltsreiche Entgegentreten der Eidgenossenschaft beeinträchtigt und in einen Gegensatz gestellt, der es von seiner großen und allgemeinen Stellung hinwegzog, um es in eine Menge nächstliegender und schwieriger Verwicklungen zu verfangen! Antigonos hatte für Griechenland keine andere als die konservative Politik befolgen können; er bedurfte der Ruhe in Griechenland; und wohin er nicht seine unmittelbare Herrschaft auszudehnen vermochte, beförderte er die Bildung von Einzelgewalt, von Tyrannis, welche in ihrer nur faktischen Begründung die beste Garantie für innere Ruhe bot. Gegen diese nur faktischen Zustände, gegen das Gewaltrecht fremder Herrschaft oder heimischer Tyrannis erhob sich nun das unveräußerliche Recht der Autonomie und der Volksfreiheit, und das mit solcher Hingebung und Selbstverleugnung, daß die eine wie die andere ihre wesentlichen Attribute freiwillig hingab an die eidgenossenschaftliche Gemeinsamkeit und Souveränität. Die Monarchie seit Philipp und Alexander hatte es versucht, die monadische Sprödigkeit hellenischer Politien zu überwinden und sie als nur kommunale Geschlossenheiten mit dem umfassenderen Begriff eines Staates zu überbauen; aber bis zu diesem Augenblick war es nur teilweise, nur auf dem Wege der Gewalt, nur für solange, als sie sich geltend zu machen verstand, geglückt. Jetzt resultierte eben dieser Gedanke aus der neuen Bewegung, die das Griechentum ergriff; er sollte die Seele jener eidgenossenschaftlichen werden. Schon hatten sich achaiische und dorische, kleine und große Gemeinden zusammengefunden, jede ihre Souveränität, ihr Recht zu Krieg und Frieden und Bündnis der Verbindung aller übertragen; gleiches Maß und Gewicht, gleiche Münze, gleiche Handelsrechte, im wesentlichen dieselbe Verfassung in jeder verbündeten Stadt, gleiche Bundesobrigkeit, gleiches Bundesrecht für alle, das war, was sie verband; ein Bundesheer schützte, Bundesbehörden regierten alle. Völliger wie in irgend einer Monarchie der Zeit war hier die Idee einer einheitlichen Bildung durchgeführt, aber verbunden mit den Vorzügen freistaatlicher Autonomie; und so wie die kommunale Selbständigkeit jeder einzelnen Stadt, ihr Lokalrecht, ihre Finanz, ihre Selbstverwaltung unter der Garantie des Bundes stand, so war sie bei den Entscheidungen der Gesamtheit mit ihrer[290] Stimme in der Bundesversammlung zu gleichem Recht beteiligt112.

In der Natur der Sache liegt es, daß, wenn einmal dieser Gegensatz zwischen dem monarchischen Makedonien und dem Bundesstaat der freien Eidgenossen gebildet war, die übrigen hellenischen Verhältnisse von dieser neuen polarischen Bildung mannigfach bestimmt werden mußten. Der weitere Verlauf der Darstellung wird mehrere merkwürdige Erscheinungen der Art zeigen; die bedeutsamen Vorgänge in Sparta, deren Mißlingen bald zu einer kräftigeren Erneuerung führen sollte, haben wir bereits besprochen.

Vor allem bedeutsam mußte es sein, wie sich der Aitolische Bund unter jenen neuen Verhältnissen gestaltete. Allerdings war derselbe dem ersten Anblick nach demokratisch und eine Vereinigung aus verschiedenen Stämmen und Orten wie der Achaiische; aber so vollständig entgegengesetzt in ihrem Wesen die beiden größten konstitutionellen Monarchien unserer Zeit, die rein historische Bildung der einen, die ebenso antihistorische und rationelle der anderen ist113, in ebenso völligem Gegensatz stehen jene beiden Bundesstaaten. Alt war in Aitolien die Verbindung der einzelnen Gemeinden zu einer, wenn man will, demokratischen Gesamtheit. Aber wie weit entfernt war sie von dem Wesen einer festen staatlichen Einheit; nach Klephtenart zogen einzelne oder Scharen auf Raubfahrt oder gingen in Sold, wohin sie mochten, auch wenn der Bund daheim im schwersten Kriege und an seinen Grenzen gefährdet war; so wenig hatte die Gesamtheit Recht auf die Kraft und den Willen der einzelnen, kaum daß sie die Genossen des Bundes gegen Raub und Gewalt schützte oder ihnen wenigstens Entschädigung sicherte. Es war ein noch vollkommen unstaatlicher und roher Zustand, wie er eben seit Jahrhunderten durch die Bildung von Politien im übrigen Griechenland überholt war; wenn deren in den Bund traten und Aitoler wurden wie etwa Naupaktos oder Amphissa, so war das eine Depravation, ein Zurückkehren zu der Zeit des Faustrechts und des »ehrlichen Stegreifs«, im schroffsten Gegensatz mit dem, was in der achaiischen Eidgenossenschaft vor sich ging. Aus Inschriften erhellt, daß[291] die Aitoler das Amphiktyonengericht an sich gerissen hatten, daß sie es benutzten, Exekutionen verhängen zu lassen, die sie dann unzweifelhaft von Staats wegen als Raubzüge ausführten114. Gegen derartige Räubereien einzelner oder der panaitolischen Gemeinde zu Land und See gab es keinen anderen friedlichen Schutz, als in den Bund einzutreten; nur dann war der Stratege verpflichtet, das Geraubte zurückliefern zu lassen, und stand den Geschädigten der Rekurs an die aitolischen Synhedren frei. Mit aller Bestimmtheit wird man annehmen können, daß der Bund keineswegs wie der Achaiische nur gleichberechtigte Bundesglieder hatte; eine zufällige Notiz lehrt, daß die Lokrer (von Opus), »da sie sich des Dekrets der Aitoler nicht zu weigern vermochten, dem König Antigonos die Entscheidung übertrugen, welchen Tribut die lokrische Stadt schicken müsse«115. Tributpflichtig in ähnlichem Sinn wird die Insel Kephallenia gewesen sein, und kaum ist es denkbar, daß die boiotischen Städte, in offener Feldschlacht bewältigt und dann genötigt, dem Bund sich anzuschließen, als gleichberechtigte eingetreten sein sollten. Es mag da ein Verhältnis von schutzverwandten Orten eingetreten sein, über dessen Anordnung im einzelnen freilich nicht weiterer Bericht vorliegt. Bald werden wir sehen, wie auch Städte in der Peloponnes außer Elis, wie auch Inseln, auch jenseits des Meeres Lysimacheia, Chalkedon, Kios im Aitolischen Bund sind, sich Aitoler nennen; sie behalten ihre alte Verfassung mit »Rat und Volk«; es findet sich nichts vor, was darauf führte, daß solche fernen Genossen des Bundes in regelmäßiger und geordneter Repräsentation Anteil an den Beratungen und Wahlen der panaitolischen Gemeinde, an der Besetzung des Bundesgerichts oder des Bundesrates gehabt hätten; denn nicht durch ihre Repräsentanten, sondern durch ihre Gesandtschaften wenden sie sich an die Bundesbehörde und erhalten ebenso durch Gesandte ihren Bescheid116. Schon diese wenigen Angaben können[292] zeigen, wie roh und von den hohen und entwickelten Verfassungsideen des Griechentums dieser Zeit entfernt die staatliche Gestaltung des alten Bundes war; um den Kern der alten panaitolischen Gemeinde lagerte sich unorganisch und äußerlich eine Masse von Stämmen und Politien in der Nähe und Ferne, die einen tributpflichtig, andere in lockerer Befreundung, andere als Schutzgenossen, alle so wie es eben die Umstände ergeben hatten.

Aber allerdings, dieser aitolische Kern der Bundesgenossenschaft war auch stark und waffenlustig genug, einen rechten Schutz zu gewähren; die aitolischen Kriegsleute waren ohne alle Frage die gefürchtetsten in der ganzen Griechenwelt, und fern über Meer glaubte man sich gegen alle Gefährde gesichert, wenn man in der stets rüstigen Hilfe des Bundes einen Rückhalt hatte. Der Bund sandte dann, wenn es not tat, einen Strategen mit seiner Schar, den gefährdeten Ort zu schützen. Es muß unentschieden bleiben, ob den Tributen der besteuerten Orte der Sinn zugrunde lag, daß sie damit den steten Schutz des Bundes erkauften; jedenfalls bildeten die Aitoler selbst in dieser Bundesgenossenschaft die Kriegsmacht und in gewissem Betracht konnte man ihre Stellung mit der vergleichen, welche Athen ehedem innerhalb der gegen die Perser gebildeten Eidgenossenschaft einnahm.

Aus diesen Momenten ergibt sich die auswärtige Politik des Aitolischen Bundes. Die Aitoler schützten zunächst sich und die ihnen zugewandten Orte gegen fremde Gewalt; und so kämpften sie seit Alexanders Zeit unablässig gegen die Übermacht Makedoniens, sie hatten sich bisher ihre trotzige Selbständigkeit unbeeinträchtigt bewahrt. Je größer der Umfang des ihrem Schutz sich hingebenden Gebietes wurde, desto reichlichere Tribute kamen ihnen zu, desto häufiger hatten sie Gelegenheit, einträgliche Heerfahrten zu machen. Neue Bildungen, wie die der achaiischen Eidgenossenschaft oder wie die Reform des Agis in Sparta, beeinträchtigten ihr Interesse in dem Maß, als damit neue wehrhafte Mächte auftraten, die sich ihrem kecken Faustrecht widersetzen, ihrem Schutzbereich Abbruch tun konnten; sie gingen so weit, sich mit dem alten Feind ihres Bundes, mit Makedonien, gegen Agis und die Achaier zu verbinden. Nicht daß sie hinfort zu Makedoniens Mehrung hätten wirken wollen; eifersüchtig beobachten sie die Macht des Königtums, gewähren ihr nur Zuwachs, wenn ihnen zugleich der größere Gewinn gesichert ist; die projektierte Teilung Achaias war überwiegend in ihrem Interesse. Sie mißlang, und kaum zwei Jahre vergehen, so kämpfen sie mit den Achaiern im Bunde gegen Makedonien. Erst so zwischen beide gestellt entwickeln sie eine Politik; und in der Tat kühner und durchgreifender ist sie als die vorsichtig bürgerliche der Achaier; sie fühlen sich stark genug, immer neues Gebiet in[293] der Nähe und Ferne unter ihrem Schild und Schutz zu vereinen; sie wollen die Vorkämpfer des Griechentums sein, und nicht der König und seine Tyrannen, noch die friedlichen Gesetze und Verträge der Bürger von Achaia sollen Schutz gewähren wie ihr gutes Schwert; dem soll sich das Griechentum beugen und vertrauen. Das ist das trotzige und übermütige Kraftgefühl, wie es in der Gemeinde, wie es in den Häuptern lebt; in jedem Zuge blickt die noch ungeschwächte und derbe Ursprünglichkeit dieses Volkstums durch; es ist das völligste Gegenteil von der achaiischen Einigung.

Doch zurück zu der Zeit, da Antigonos starb. Die Bildung der achaiischen Eidgenossenschaft war erst in ihren Anfängen, und wie gefährdete sie Makedonien schon; war auch die Peloponnes durch einen Friedensschluß beruhigt, es zeigte sich doch allerorten für den makedonischen Einfluß die ernstlichste, wachsende Gefährdung; und unter solchen Beziehungen erhielt die ungebrochene Kraft der aitolischen Bundesgenossenschaft, die bereits die größere Hälfte des eigentlichen Hellas umfaßte, die bedenklichste Wichtigkeit. Makedonien, nach dem Chremonideischen, nach dem Kyrenaiischen Kriege noch in so stolzer Höhe, war nun auf eine Weise verwickelt, die seine Bedeutung als Großmacht in Frage stellte.

Und hatte der letzte furchtbare Kampf in Asien für die syrische Monarchie nicht noch Ärgeres gebracht? Es waren nicht bloß die ungeheuren Verluste im fernen Osten, sondern Kleinasien war losgerissen vom Reich jenseits des Tauros, und in Kleinasien selbst war das seleukidische Reich des Antiochos Hierax schon nicht mehr viel umfangreicher als die Herrschaften Bithyniens, des Pontos, Kappadokiens; es reichte schon nirgends mehr zu den Küsten hinab. Wie riesenhaft war die Überlegenheit Ägyptens geworden! Ägypten beherrschte mit geringer Unterbrechung die Küsten von der Syrte bis zum Hellespont und bis zur makedonischen Grenze. Aber es fehlte viel, daß die innere Kraft des Reiches in gleichem Maße gewachsen wäre. Die Überlegenheit des Lagidenreiches war gewesen, daß Ägypten auf die vollständigste Weise einheitlich organisiert worden war; aber schon die nächsten Erwerbungen, Kyrene und das südliche Syrien, hatte das Königtum nicht auf gleiche Weise durchgreifend zu gestalten vermocht, eine Anomalie, die dem Reich in dem Maße gefährlicher werden mußte, als es sich durch neue und ferne Erwerbungen vergrößerte, durch eben jene, welche bisher zur Gefährdung Syriens so gelegene Angriffspunkte geboten hatten. Die Lagidenherrschaft begnügte sich dort mit militärischer Besetzung und Erhebung von Tributen; aber indem sie so die phoinikischen Städte, das Hohepriestertum Judas, die griechischen Politien der Inseln, der Küsten Kleinasiens, Thrakiens, Kyrenes sich völlig anzuorganisieren unfähig war, hatte sie sich selbst nur die Schwäche eingeimpft,[294] an der bisher Makedonien und Syrien gekrankt hatten, war sie, wie bisher jene, zu einer konservativen Politik gedrängt, welche nur einer in sich starken und einheitlichen Macht, nur einem naturgemäßen Staatsganzen ohne Gefahr ist, ja Stärke verleiht. So übermächtig das ägyptische Reich dastand, in dem Augenblick, da es seine größten Siege errungen, seinen weitesten Umfang erreicht hatte, traten auch jene Momente der Schwäche hervor. Und von welcher Seite her wurden sie benutzt? Es ist bedeutsam, daß der kleine rhodische Staat über die ägyptische Flotte siegen, daß sich die pergamenischen Dynasten inmitten der Wirren, die die ägyptische Politik in Kleinasien hervorrief, gegen die Galater kämpfend, zu ihren finanziellen Mitteln eine moralische Macht erwerben konnten, kraft deren sie ihren eigenen Weg zu gehen vermochten, daß sich unter ägyptischem Protektorat die achaiische Eidgenossenschaft zuerst erhob, daß Ägypten dieselbe Freiheit im Peloponnes beförderte, die es in Kyrene bekämpfte und in Ionien nicht niederzuhalten vermochte.

So entwickelten sich aus den Kämpfen der drei Großmächte und aus deren sozusagen summarischen Gebietsbildungen überall kleinere lokalere Gestaltungen von geschlossenerem und individuellerem Charakter, entwickelten sich zu einer Nähe und Unmittelbarkeit ihrer politischen Kraft, welche die Bedeutung jener mehr und mehr einschränkte und die Zergliederung des hellenistischen Staatensystems ungemein vervielfältigte, – während die westliche Welt schon fast ganz auf den starren Gegensatz Roms und Karthagos zurückgedrängt war.[295]


Quelle:
Johann Gustav Droysen: Geschichte des Hellenismus. Tübingen 1952/1953, Band 3.
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