Drittes Kapitel

308-306
Die griechischen Staaten – Der Aitolische, Boiotische, Arkadische Bund – Die Peloponnes – Athen unter Demetrios von Phaleron – Antigonos' Plan zur Befreiung Griechenlands – Demetrios' Charakter – Sein Zug nach Griechenland – Seine Landung – Belagerung von Megara und Munychia – Wiederherstellung der Freiheit Athens – Demetrios in Athen – Zerwürfnis zwischen Antigonos und Ptolemaios – Beginn des Kyprischen Krieges – Belagerung von Salamis – Seeschlacht – Demetrios Sieger – Antigonos König

[277] Was der Friede von 311 mit der Freiheit der hellenischen Staaten gemeint, fand eine hinreichende Erklärung in dem, was seitdem, zunächst in Hellas selbst, geschehen war. Doch wird das alte Zauberwort nicht aufgehört haben, die Geister zu betören und die Herzen zu entflammen; schien doch alles damit befaßt zu sein, was man jetzt zu entbehren und ehedem besessen zu haben glaubte.

Frei konnten diese Stadtrepubliken immerhin noch in gewisser Weise sein oder wieder werden, selbständig kaum eine mehr. Zu überlegene Mächte standen ringsumher; und obschon voll von kriegsrüstigen und söldnernden Leuten, waren diese kleinen Politien zu arm, um bedeutende Heere aufzubringen, untereinander zu eifersüchtig und verbissen, um sich ehrlich zu verbinden, das Bürgertum in ihnen zu verkommen, als daß ein durchgreifend besserer Zustand der Dinge hätte gehofft werden können. Ihre Zeit war vorüber; es hätte großer monarchischer Formen bedurft, um dies allzubewegliche und sich selbst aufreibende Leben zusammenzuhalten; aber so viele deren versucht waren, sie hatten in der nur partikularistischen, nur städtischen Art des Griechentums nicht Wurzel gefaßt. Dieselben Eigenschaften, die das griechische Wesen auf so unvergleichliche Weise befähigten, die gärende Hefe zu werden, um die Völker Asiens durchzuarbeiten und vorwärts zu treiben, machten es unfähig, in selbständigen Politien mit den neuen Entwicklungen gleichen Schritt zu halten; die überlieferten Typen ihrer Staatsordnung, mit den Theorien der Politiker, den Tendenzen der Zeit, den Wünschen und Ansichten der einzelnen, den Bedürfnissen und Mitteln solcher Kleinstaaten selbst im Widerspruch, waren zur leeren und lästigen Form, waren lahm und lähmend, in sich unwahr, verächtlich geworden.

Die Verwirrung der hellenischen Verhältnisse dieser Zeit tritt in der Überlieferung in zahlreichen Zügen hervor. Jede Partei in der großen Politik hat ihre Anhänger, jeder Parteikampf dort wiederholt sich hier; schnell wechselt für diese, für jene Sieg, Niederlage, neuer Sieg, blutige Rache, erbitterte Vergeltung. Fremde Feldherren kommen, plündern,[277] gehen, andere folgen zu strafen, von neuem zu plündern, die Parteien der gegenseitigen Erbitterung zu überlassen. Tyrannen mit oder ohne diesen Namen, Abenteurer, die Beute, Herrschaft, Genuß suchen, Söldnerscharen, die auf Werbung warten, fremde Besatzungen, die nicht Sitte noch Gesetz, nicht Eigentum noch die Heiligkeit der Familien achten, Geächtete, die Waffengewalt heimgeführt und an die Spitze des Staates gestellt hat, Verräter in Reichtum schwelgend, die Menge verarmt, sittenlos, gleichgültig gegen die Götter und das Vaterland, die Jugend im Söldnerdienst verwildert, im Schoß der Lustdirnen ausgemergelt, von den Philosophien der Mode verbildet, alles in Auflösung, im wilden Lärm, im krampfhaften Übermaß, dem schon die stumpfeste Abspannung folgt, – das ist das traurige Bild des Griechentums dieser Zeit.

Glücklich sind die hellenischen Städte Kleinasiens, Thrakiens, der Inseln, des Pontos; ihre Freiheit ist schon zur kommunalen Autonomie hinabgesunken, sie sind im übrigen abhängig unter Antigonos, Lysimachos, einheimischen »Dynasten« oder Tyrannen; glücklich ist Rhodos, Kyzikos, Byzanz, denen ihre eigentümliche Lage als Handelsstaaten, ihre vorsichtige und gemäßigte Politik eine achtbare Neutralität sichert; glücklich Sizilien, wo der großartige Abenteurer Agathokles durch seine Siege in Afrika den Nerv politischer Spannkraft noch einmal galvanisiert; glücklich selbst Großgriechenland, wo das reiche Tarent in klugem und gehaltenem Regiment auch den kleineren Städten noch das Gefühl eines Rückhalts gibt. Aber in Hellas, in der Peloponnes ist fast nichts mehr als Schlacke; in den Städten, groß wie klein, sinkender Wohlstand, politische Zerrüttung, Hoffnungslosigkeit; Tausende sind von dorther dem Ophellas zugezogen, im fernen Libyen Ruhe und Friede zu suchen und in einer neuen Welt die Heimat zu vergessen.

Nur an einem Punkt ist es nicht ganz so, im Lande der Aitoler. Roh, tapfer, beutelustig, in ihren Bergen sicher und frei, leisten sie fortwährend der drohenden Übermacht Makedoniens Widerstand; in diesem Kampf befestigt sich ihr alter Bund und entwickelt Formen, die sich bald als die einzige Möglichkeit der Selbsterhaltung, überlegenen monarchischen Mächten gegenüber, bewähren; sie behaupten ihre Selbständigkeit, sie sind in ihrer losen und dürftigen Verfassung das einzige freie Volk in Griechenland. Seit alten Zeiten haben sie in Hader mit ihren westlichen Nachbarn, den Akarnanen, gelebt, sie fast immer die Angreifenden und Übergreifenden; und schon sind sie einmal ihre Meister gewesen, haben sie gezwungen, zu ihrem Bunde zu halten; jetzt durch die Makedonen ihnen wieder entrissen, ist Akarnanien der Waffenplatz, die Warte Makedoniens gegen Aitolion. Dauernder, scheint es, sind den Aitolern die Lokrer,[278] namentlich die von Amphissa, verbunden, die sich ihres Namens Ozolier schämen und sich lieber Aitoler nennen.

Auch in Boiotien bestand seit frühen Zeiten eine Bundesverfassung, an der anfangs vierzehn, dann elf Städte teil hatten; die Übermacht Thebens hatte sie bis auf die Form in Vergessenheit gebracht. Mit dem Falle dieser Stadt im Jahre 335 und ihrer Zerstörung durch die lange unterdrückten Bundesstädte hatte der Bund wieder politische Geltung gewonnen, er hielt sich seitdem zu Makedonien; als aber Kassandros 316 Theben wiederherstellte, begann der alte Hader von neuem, der Bund trat auf die Seite der Gegner und stellte sogar, da Polyperchon sich im Einverständnis mit Kassandros auf die Peloponnes werfen wollte, demselben bewaffnete Macht entgegen. Der Bund bestand aus acht Städten, von denen die kleineren Ortschaften als Schutzverwandte abhängig waren; wie die Aitoler in ihrem Strategen, so hatten die Boioterin dem Archonten des Boiotischen Bundes ihren Vorstand. Die Lage der Landschaft und der Zwist mit Theben, das sich, durch eine makedonische Besatzung gesichert, zu Kassandros hielt, ließ den Bund nicht zu Kräften kommen. Die nächstliegenden Landschaften der Phoker, der nördlichen Lokrer, der Thessaler waren ganz in Händen der Makedonen.

Noch loser scheint der Bund der Arkader gewesen zu sein; die Bundesstadt Megalopolis war dem makedonischen Königtum treu ergeben, sie hing Kassandros an und schlug 318 den Sturm Polyperchons ab, während andere arkadische Städte, namentlich Tegea, Stymphalos, Orchomenos 314 Partei gegen Kassandros hielten; ob hier33 und in welchen Städten fremde Besatzungen gelegen, ist nicht deutlich; jedenfalls war Ptolemaios' Aufruf im Jahre 308, ihn bei der Befreiung der griechischen Städte zu unterstützen, namentlich auch an die Arkader gerichtet, wenn auch ohne nennenswerte Folgen.

Die argen Verwirrungen der Kriegsjahre von 316 bis 311 hatten besonders die Küstenlandschaften Argos, Achaia, Elis mitgenommen; diese waren endlich im Jahre 308 im Besitz teils des Kassandros, teils Polyperchons, der, mit ihm verbündet, in die Peloponnes gekommen war und die Städte Achaias besetzt hatte. Megara war von Ptolemaios an Kassandros abgetreten worden und hatte wie Argos makedonische Besatzung; auch Messenien und das sonst dem Demetrios ergebene Elis war wohl von solchen besetzt; nur in Korinth und Sikyon standen noch ägyptische Truppen. Schon mehrfach war der Gedanke, die Peloponnes zu einer Herrschaft zu vereinigen, der Ausführung nahe gewesen; es war ungleich[279] verderblicher, daß die verschiedenen Staaten, in angeblicher Freiheit gesondert, bald dieser, bald jener Macht in die Hände fielen.

Seltsam ist die Stellung Spartas in dieser Zeit; noch gelten dort die alten lykurgischen Gesetze und Formen, aber der alte Sinn ist bis auf die letzte Spur gewichen, die schnödeste Sittenlosigkeit herrschend, das Bürgertum bis auf wenige hundert geschmolzen, das Gesetz des Lykurgos, das man äußerlich bewahrt, eine Lüge; je beschränkter der Gedankenkreis, in dem man sich bewegen durfte, um so roher die Gesinnung; Literatur und Wissenschaft, der übrigen Hellenen Trost und Hoffnung, waren in Sparta auch jetzt noch verbannt. Sparta hat für die damaligen Verhältnisse kaum ein anderes Interesse, als daß in seinem Gebiet auf dem Tainaron der allgemeine Werbeplatz aller Parteien ist und vornehme Spartaner gern bereit sind, als Condottiere auszuziehen; selbst des alten Königs Kleomenes II. Sohn, Akrotatos, führt um 315 ein Söldnerheer nach Tarent und Sizilien, empört die, in deren Sold er kämpft, durch seine blutige Wildheit, seine unnatürlichen Lüste. Nicht in Ehren kommt er nach Sparta zurück; er stirbt, ehe er den Vater beerben kann; bei dessen Tod (309) fordert Kleonymos, an Wüstheit und Hoffart des Akrotatos würdiger Bruder, das Königtum; die Gerusia entscheidet für Akrotatos' jungen Sohn Areus, und Kleonymos zieht nach einigen Jahren mit Söldnern in den Dienst von Tarent, dort mit noch ärgeren Taten als der Bruder den spartanischen Namen zu schänden. Daheim ist die Macht der Könige, seit der Spartanerstaat für den Krieg erstorben ist, so gut wie nichts; das Ephorat herrscht oligarchisch, und die Oligarchie will nichts als Ruhe und Genuß, gedeckt durch die toten lykurgischen Gesetze; nichts liegt ihr ferner als der Gedanke, den jetzt die Zerrüttung in Hellas und der neuaufflammende Kampf der Parteien hätte rechtfertigen können, die alte Hegemonie, wenigstens in der Peloponnes, von neuem zu gewinnen.

Den deutlichsten Einblick in diese unglückselige Zeit gibt Athen. Wie vielfach hatte seit der Schlacht von Chaironeia die herrschende Partei, die Politik der Stadt gewechselt. Endlich mit dem Herbst 318 war durch Kassandros' Sieg dem Staate eine Form gegeben, die alles, nur keine Demokratie war. Den das Volk zum Verweser des Staates erwählte und Kassandros bestätigte, war Demetrios, des Phanostratos Sohn, von Phaleron; er war im Hause des Timotheos aufgewachsen, durch den Unterricht des Theophrast für die Wissenschaften und für das Staatsleben gebildet; ein Mann von ebensoviel Talent wie Eitelkeit, ebenso literarisch vielseitig wie politisch charakterlos, im übrigen ein Lebemann, der überall seine Stelle zu finden verstand. Es mag sein, daß er in seinen früheren Jahren sehr philosophisch gelebt hatte, daß sein Tisch frugal genug, »nur mit Oliven in Essig und mit Käse von den Inseln« besetzt[280] war. Auch als er dann Herr der Stadt geworden war, hat er – so sagen die einen – sich leutselig, einsichtig, als trefflicher Staatsmann gezeigt, während andere ihm vorwerfen, daß er von den Einkünften der Stadt, die er mit ägyptischen und makedonischen Subsidien auf 1200 Talente gebracht habe, weniges auf die Verwaltung und die Kriegsbereitschaft der Stadt, das übrige teils auf öffentliche Feste und Prunk, teils zu seinen Schwelgereien und Liederlichkeiten verwendet habe. Er, der mit seinen Satzungen der Sittenverbesserer der Athener sein wollte, verdarb die Sitten durch sein mehr als bedenkliches Beispiel. Jeden Tag, heißt es, hielt er große Tafel, lud jedesmal eine große Anzahl von Gästen ein, übertraf durch den Aufwand bei den Mahlzeiten selbst die Makedonen, durch Eleganz die Kyprier und Phoiniker; mit Narden und Myrrhen wurde gesprengt, der Estrich mit Blumen überstreut, köstliche Teppiche und Malereien schmückten die Zimmer; so kostbar und schwelgerisch war seine Tafel, daß sein Sklave Koch, dem die Überbleibsel zufielen, für den Ertrag ihres Verkaufs sich nach zwei Jahren drei Güter kaufen konnte. Demetrios, heißt es, liebte heimlichen Verkehr mit den Weibern, nächtlichen Besuch bei schönen Knaben; freigeborene Knaben mißbrauchte er, auch die Gemahlinnen der vornehmsten Männer verführte er; die Jünglinge beneideten alle den Theognis, der seiner schändlichen Liebe genoß; für so beneidenswert galt es, sich ihm hinzugeben, daß jeden Tag, wenn er nach dem Essen auf der Tripodenstraße spazierenging, die schönsten Knaben dort zusammenkamen, um von ihm gesehen zu werden. Mit großer Auswahl besorgte er seinen Anzug, er färbte sich sein Haupthaar blond, schminkte sich, salbte sich den Körper mit kostbaren Ölen; er zeigte stets ein lächelndes Antlitz, er wollte jedermann gefallen.

Beides, die koketteste und ungebundenste Leichtfertigkeit und die feine, liebenswürdige und witzreiche Bildung, die man seitdem mit dem Namen des attischen Wesens auszeichnet, ist das Charakteristische für das damalige Leben Athens. Es gehört zum guten Ton, die Schulen der Philosophen zu besuchen; der Mann der Mode ist Theophrastos, der Gewandteste aus der Schule des Aristoteles, der die tiefsinnige Lehre seines großen Meisters populär zu machen verstand, der bis tausend und zweitausend Schüler um sich versammelte, bewunderter und glücklicher repräsentierend als je sein Meister. Ihn und die vielen anderen philosophischen Lehrer in Athen stellte Stilpon von Megara, der gewandteste Dialektiker der Zeit, in den Schatten, sobald er nach Athen kam; die Handwerker verließen ihre Häuser, um ihn kommen zu sehen; wer irgend konnte, eilte, ihn zu hören; die Hetären strömten in seine Vorlesungen, um bei ihm zu sehen und gesehen zu werden, um bei ihm jenen pikanten Witz zu üben, durch den sie nicht minder bezauberten als durch ihre verführerische Toilette[281] und die wohlaufgesparte letzte Gunst. Mit diesen Kurtisanen verkehrten vielfach die Künstler der Stadt, Maler und Bildhauer, Musiker und Poeten; die beiden berühmtesten Komödienschreiber der Zeit, Philemon und Menandros, stritten öffentlich in ihren Komödien um die Vorzüge und die Gunst der Glykera und vergaßen sie, als sie reichere Freunde fand, über anderen Buhlerinnen. Von Häuslichkeit, Zucht und Scham war damals in Athen nicht mehr viel die Rede oder nur noch die Rede; das ganze Leben war in Phrasen und Witzworten, in Ostentation und geschäftigem Müßiggang aufgegangen; Athen spendete den Mächtigen Lob und Witz und ließ sich dafür von ihnen Geschenke und Spenden gefallen; es war je oligarchischer, desto serviler; es spielte als Staat den Königen und Machthabern gegenüber die Rolle des Parasiten, des schmarotzenden Schmeichlers, und schämte sich nicht, mit der eigenen Schande Lobpreisungen und Vergnügungen zu erkaufen. Man scheute nichts als Langeweile und Lächerlichkeit, und beides war die Fülle da. Die Religion war verschwunden, und mit dem Indifferentismus der Aufklärung war Aberglaube, Zaubersucht, Geisterbeschwörung und Sterndeuterei desto mehr im Schwang; der sittliche Gehalt des Lebens, aus der Gewohnheit, der Sitte und den Gesetzen hinwegräsoniert, wurde theoretisch in den Philosophenschulen erörtert und Gegenstand des Disputierens und der literarischen Fehde; die beiden maßgebenden Philosophien der nächsten Jahrhunderte, der Stoizismus und Epikureismus, entwickelten sich in diesen Zeiten in Athen34.

Für Athen ist vielleicht nichts verderblicher gewesen als dieser zehnjährige Friede, den es unter der Herrschaft des Demetrios genoß; indem der Kampf der Parteien erstickt war, erstarb die letzte spannende Friktion, die den Gemütern noch einiges würdige Interesse zu gewähren vermocht hätte, in ekler und lasterhafter Stagnation; der öffentliche Sinn ging vollends zugrunde, die noch einmal wiederkehrende Freiheit sollte in den Nachkommen der marathonischen Kämpfer zur Karikatur werden. Freilich das materielle Wohl des Staates, so wird gerühmt, förderte jene Herrschaft des Demetrios; selbst sein Gegner Demochares erkannte das an: daß vieler und einträglicher Verkehr in der Stadt und jede Art von Lebensbedürfnissen in reichem Maße vorhanden sei, darauf wisse sich Demetrios viel; daß er aber sein Vaterland aller Herrlichkeit beraubt habe und nach den Befehlen Kassandros' handle, dessen schäme er sich nicht. Besonders scheint Athen damals durch die außerordentlich zahlreichen Fremden, die der Bildung, der Hetären, der Wissenschaft und Kunst, des[282] Handels wegen von aller Welt her hier zusammenkamen, viele Einnahmen gehabt zu haben. Auch die Kunstwerkstätten zu Athen mochten reichliche Bestellungen haben; Demetrios allein wurden auf Volksbeschluß, so heißt es, innerhalb dreißig Tagen 360 Statuen errichtet, und attische Künstler arbeiteten für die Höfe der Machthaber und für die neuen Städte, die sie gründeten. Der Handel selbst mochte um diese Zeit in Athen lebhafter als jemals sein und mit dem von Rhodos, Byzanz und Alexandreia wetteifern. Die Bevölkerung Attikas belief sich nach einer Zählung, die wahrscheinlich in dem Archontenjahr des Demetrios (309) vorgenommen wurde, auf 21000 Bürger, 10000 Fremde, 400000 Sklaven35, für ein Gebiet von wenig mehr als 40 Quadratmeilen in der Tat eine große Menschenmenge.

Schätzt man den Wert einer Regierung nach dem materiellen Wohlstand des Volkes, so wird allerdings das Lob, das Demetrios sich selber in seinen Denkwürdigkeiten spendete und welches ihm von mehreren alten Schriftstellern bestätigt wird, nicht ungerecht scheinen. Aber mit der politischen Bedeutung des attischen Staates war es zu Ende; Demetrios regimentierte nach den Weisungen des Kassandros, mit den äußerlich ungeänderten Verwaltungsformen der Demokratie, unter dem geflissentlich gewahrten Schein, als wenn das Vertrauen seiner Mitbürger ihn an seine Stelle gebracht habe und dort halte. Sein antidemokratisches Regiment griff bis in die privatesten Verhältnisse ein; er gründete das Institut der Gynaikonomen oder Weiberhüter, die mit den Areopagiten gemeinschaftlich die Zusammenkünfte in den Häusern bei Hochzeiten und anderen Festen beobachteten, bestimmte die Zahl der Gäste, die zusammen sein durften, machte die Köche zu Spionen bei Ausübung seiner Luxusgesetze; er bestimmte in den Nomophylaken eine eigene Behörde, die darauf sehen mußte, daß seitens der Beamten die Gesetze gehandhabt würden, was in besseren Zeiten in der Teilnahme des Volkes am öffentlichen[283] Leben hinreichend garantiert war. Möglich, daß diese und ähnliche Maßregeln den politischen Theorien entsprechend waren, die er in seinen Schriften dargelegt haben mag; und sie waren immerhin gerechtfertigt, wenn die Athener sich mit ihnen zufrieden fühlten.

Aber schon im Jahre 312, als des Antigonos Neffe Polemaios in Boiotien gelandet war und den attischen Grenzen nahte, hatte sich eine antimakedonische Partei geregt, und Demetrios war genötigt worden, zu förmlichen Friedensunterhandlungen mit Antigonos Gesandte nach Asien zu schicken. Es kam der Friede von 311, der die Freiheit der hellenischen Staaten verkündete; aber Kassandros kümmerte sich wenig darum, seine Besatzung blieb in Munychia; auch Ptolemaios' Verheißungen halfen nicht weiter, und mit der zwischen beiden Machthabern geschlossenen Konvention war die in Athen bestehende Ordnung der Dinge von neuem bestätigt und, wie es scheinen mußte, für die Zukunft gesichert.

Man wird in Athen keine Ahnung davon gehabt haben, daß Antigonos um so weniger gemeint war, diesen Zustand dauernd werden zu lassen; die erste Bedingung, daß ihm sein Plan gelinge, war, daß er geheim blieb. Es war bei ihm nicht die Liebhaberei für die Freiheit Athens und der hellenischen Staaten insgemein, die sein Unternehmen veranlaßten; aber es gelang ihm um so sicherer und hatte um so tiefer greifende Wirkung, je mehr er das, was die so oft wiederholte Verheißung der Freiheit nach dem Sinne derer war, denen sie gegeben wurde, zur Wahrheit werden ließ. Als wäre es für diesen Zweck allein, beschloß er, eine Flotte, deren Größe ihren vollen Erfolg verbürgte, nach Hellas zu senden; er äußerte, als in seinem Kriegsrat vorgeschlagen wurde, die Stadt Athen als die rechte Schanze gegen Griechenland besetzt zu behalten: die beste und unangreifbarste Schanze sei die Zuneigung, und von Athen aus, der hohen Warte, nach der die Blicke der ganzen Welt gerichtet seien, würden die Fanale seines Ruhmes sich über den Erdkreis verbreiten. Zum Führer dieser Expedition, die mit dem Frühling 307 in See gehen sollte, ernannte Antigonos seinen Sohn Demetrios. Die Wahl konnte nicht glücklicher sein.

Unter den Diadochen und ihren Söhnen, den Epigonen, ist keiner, der in so vollem Maße das Bild der Zeit wäre wie dieser Demetrios; es ist, als ob sich in ihm die makedonischen, morgenländischen, hellenischen Lebenselemente zu einer Gestalt durchdrungen hätten. Die volle Rüstigkeit und Strenge des Soldaten, die bezaubernde und witzreiche Gewandtheit des Attizismus, die schwelgerische, selbstvergessene Lust asiatischer Sultane ist in ihm zu gleicher Zeit lebendig, und man weiß nicht, ob man mehr seine Charakterkraft, sein Genie, seinen Leichtsinn bewundern soll. Stets liebt er das Außerordentliche, mag es Tollkühnheit, Abenteuerlichkeit, Ausschweifung, Ungeheures von Plänen und Wagnissen sein; wie[284] ein Meteor durch die Welt zu fahren, leuchtend und allbewundert, oder an Bord seines Schiffes ins Weite schauend im fliegenden Sturm das Meer zu durchjagen, das ist seine Lust; nur Ruhe ist ihm unerträglich, im Genuß stachelt ihn neues Verlangen, und die überschwengliche Kraft seines Körpers und Geistes fordert stets neue Arbeit, neues Wagnis, neue Gefahr, in der alles auf dem Spiele steht. Er verehrt seinen Vater mit kindlicher Bewunderung, dies ist das einzige dauernde Gefühl in seinem Herzen, alles andere ist ihm nur Affekt des Augenblicks und im übrigen sehr gleichgültig. Lieben heißt ihm nur genießen, er kennt nicht wie Alexander das schöne und innige Gefühl der Freundschaft; schnell und launenhaft wechseln seine Neigungen, seine Hoffnungen und sein Schicksal. Es ist nicht ein einiger und großer Gedanke, der sein Leben und Tun lenkt und erfüllt, er hat nicht wie Alexander das Vollgefühl seines Berufes und seiner Kraft in diesem und für diesen, die ihn die Welt zu überwinden befähigt; er wagt, er kämpft und herrscht, um seine Kraft, gleichviel wohin gewandt, in voller dionysischer Lust zu genießen. Was er erkämpft, gründet, ins Leben ruft, ist das gleichsam Zufällige, er in seiner Persönlichkeit Mittelpunkt und Zweck; er ist ein biographischer, kein historischer Charakter36.

Nur eine Lieblingsidee taucht wieder und wieder in ihm auf: das Volk der Athener, dessen glorreiche Vorzeit er als Knabe angestaunt hat, dessen Witz und Feinheit, dessen Künstler und Philosophen er bewundert, in dessen Preis sich die Gebildeten der Welt vereinen, dies nun unfreie und entadelte Volk möchte er wieder frei sehen, er möchte den Ruhm, den größten der Welt, haben, Athen zu befreien, von den Athenern als ihr Retter gepriesen zu werden. Wieder und wieder schwebt dies Bild vor ihm, er denkt sich ganz dorthin; nach Athen sehnt er sich, wie ist ihm dort alles teuer, bewundernswürdig, voll höchster Herrlichkeit! Wie glorreich, wenn er zu ihnen kommen, ihnen das Wort der Freiheit verkünden wird![285] Erscheint er dann auf dem Markt der herrlichen Stadt, in den Tempeln und Hallen, wie wird das Volk seine Schönheit preisen, dem Zauber seiner Rede Beifall klatschen, wie zu den Namen des Alkibiades und Aristogeiton den seinen nennen und ihn kränzen und um ihn her jubeln! Wie wird er die Lorbeeren der Siege im Morgenlande gern vertauschen mit dem Kranze, den ihm das freie Athen weiht!

Da ruft ihn des Vaters Befehl, nach Athen, zur Befreiung Athens auszuziehen. Was kümmert's ihn, ob es die Politik gebietet, was sie fordert und versagt? Jubelnd empfängt er des Vaters Befehl, der ihm den höchsten Wunsch seines Lebens zu erfüllen Gelegenheit gibt. Würdig und mächtig will er den Athenern erscheinen; eine Flotte von 250 Segeln ist mit ihm, 5000 Talente Silber sind zu seiner Verfügung, Kriegsvolk in großer Zahl, Kriegsmaschinen, Waffen, Rüstzeug aller Art in reichster Fülle; so segelt er von Ephesos aus.

Ungehindert kommt er nach Sunion; dort läßt er unter dem Schutze des Vorgebirges den größten Teil der Flotte vor Anker, mit zwanzig auserlesenen Schiffen steuert er an der Küste vorüber, als halte er auf Salamis. Von der Burg zu Athen aus sieht man das stattliche Geschwader; man meint, es seien Schiffe des Ptolemaios, die etwa nach Korinth segeln; man sieht sie wenden, dem Peiraieus zusteuern; es werden Anstalten getroffen, sie in den Binnenhafen einzulassen. Jetzt erst erkennt man die Täuschung; man eilt, sich zu bewaffnen, sich zur Wehr zu setzen; aber schon ist Demetrios durch die ungesperrte Hafenmünde eingedrungen; an Bord seines Admiralsschiffes zeigt er sich der bewaffneten Menge im Glanz seiner Waffen; er gibt ihnen die Zeichen zu schweigen und zu hören; durch einen Herold läßt er verkünden: zum guten Glück sende ihn sein Vater Antigonos, Athen zu befreien, die Besatzung der Makedonen zu vertreiben, den Athenern die Verfassung und die Gesetze ihrer Väter wiederzugeben. Da setzen die Athener die Schilde ab und klatschen Beifall, jubeln laut und wiederholt, nennen ihn ihren Retter, ihren Wohltäter, er möge ans Land kommen, möge erfüllen, was er verheißen.

Indes hatte Demetrios von Phaleron und Dionysios, der Phrurarch von Munychia, die Mauern und Türme des Peiraieus mit Truppen besetzt; sie schlugen die ersten Angriffe zurück; dann gelang es den Gelandeten vorzudringen; mit jedem Schritt weiter mehrte sich die Zahl derer, die zu ihnen übergingen; der Peiraieus war in Demetrios' Händen. Dionysios floh nach Munychia, Demetrios von Phaleron zog sich eiligst nach der Stadt zurück. Dort mochte die heftigste Bewegung sein; es war am Tage, daß von dem Bisherigen und Bestehenden nichts bleiben werde; der bisherige Herr der Stadt begann für seine persönliche Sicherheit besorgt zu werden; er glaubte von den Bürgern mehr als von dem Sieger befürchten[286] zu müssen. Er sandte an den Strategen Demetrios: er sei bereit, die Stadt zu übergeben, er bitte für sich um Schutz. Mit vieler Huld wurde diese Gesandtschaft empfangen; der Stratege antwortete: seine Hochachtung für den persönlichen Charakter und die ausgezeichnete Bildung des bisherigen Verwesers von Athen sei zu groß, als daß es im geringsten seine Absicht sein könne, ihn gefährdet zu sehen. Mit dieser Botschaft sandte er den Milesier Aristodemos, einen der Freunde, in die Stadt, zugleich mit dem Auftrag, für die Sicherheit des Gedemütigten zu sorgen, sein und einiger anderer Männer Erscheinen zu veranlassen, um mit ihnen das Weitere zu ordnen. Am nächsten Tage kamen Demetrios von Phaleron und einige andere, die das Volk dazu bestimmt hatte, in den Peiraieus, die Freiheitsakte für Athen zu unterzeichnen; er selbst trug bei dem Strategen darauf an, unter sicherem Geleit das attische Gebiet verlassen und nach Theben gehen zu dürfen; ohne Anstand wurde es ihm gewährt; er verließ die Stadt, deren Herr er mehr als zehn Jahre gewesen war37.

Dem Volk von Athen ließ der Stratege Demetrios sagen: in die Stadt Athen werde er, wie sehr es ihn darnach verlange, nicht eher kommen, als bis er das Werk ihrer Freiheit durch die Bewältigung von Munychia und der Besatzung dort vollbracht habe. Er ließ die Geschwader von Sunion herankommen, die Hafenfeste Munychia mit Verschanzungen umziehen, seine Maschinen aufrichten, alle Vorbereitungen treffen, um die starke Festung zu stürmen. Während der Zwischenzeit beschloß er, nach Megara zu ziehen, wo gleichfalls eine Besatzung kassandrischer Truppen lag. Während der Belagerungsarbeiten dort eilte Demetrios selbst zu einem Abenteuer nach Achaia; dort in Patrai lebte Kratesipolis, die schöne und kühne Witwe des Alexandros von Tymphaia, die ihn hatte wissen lassen, daß sie ihn zu empfangen bereit sei. Wenige leichte Truppen begleiteten ihn; in die Nähe der Stadt gekommen, ließ er auch diese haltmachen und schlug entfernt von ihnen sein Zelt auf, um desto ungestörter mit der schönen Witwe eine Schäferstunde zu genießen. Da stürmten Feinde heran, überfielen das Zelt, kaum hatte Demetrios Zeit, ein Kleid überzuwerfen; mit Mühe entkam er, sein Zelt mit allem Prunk und Schmuck, der für den galanten Besuch gewählt sein mochte, fiel in die Hände der Feinde38. Nach Megara zurückgekehrt, beeilte er die Belagerung;[287] bald folgte die Einnahme der Stadt, schon waren die Soldaten im Begriff zu plündern39, auf Fürbittender Athener wurden die Bürger verschont, die Freiheit der Megarer verkündet.

Hierauf kehrte Demetrios nach Munychia zurück; der Kampf dort wurde auf das lebhafteste fortgesetzt. Die Truppen des Dionysios wehrten sich ebenso tapfer, wie die Örtlichkeit und die starken Werke der Festung sie unterstützte. Durch die Übermacht an Truppen und die Menge von Belagerungsmaschinen gelang es dem Demetrios endlich, indem er zwei Tage hintereinander mit immer neuen Truppen stürmte und der Verteidiger auf den Mauern immer weniger wurden, Munychia zu erstürmen; die makedonischen Truppen warfen die Waffen hin und ergaben sich, Dionysios wurde gefangen. Hierauf ließ Demetrios die Werke der Hafenfeste schleifen, die vollendete Befreiung Athens, Freundschaft und Bundesgenossenschaft mit dem Demos von Athen verkünden. Dies mochte im August oder September 307 sein.

Jetzt endlich hielt Demetrios auf die erneuten Bitten der Bürger unter unendlichem Jubel des Volkes seinen Einzug in Athen; er berief das Volk zur Versammlung in der Ekklesie und bestieg die Rednerbühne: die Stadt sei frei, er werde ihr auch die frühere Macht wiederherzustellen bemüht sein; vor allem müsse Athen wieder eine Seemacht werden; er werde es bei seinem Vater auswirken, daß ihnen Bauholz zu hundert Trieren gestellt, die Insel Imbros zurückgegeben werde; sie sollten deshalb Gesandte an Antigonos senden; auch 150000 Scheffel Getreide würden sie zum Geschenk erhalten; sie möchten demnächst dafür sorgen, daß diejenigen, welche zur Auflösung der Demokratie die Hand geboten, gerichtlich verfolgt würden.

Die ganze Lebendigkeit der neuen Demokratie wandte sich nun teils auf die Prozesse gegen die Anhänger der Oligarchie, teils auf die Ehrendekrete für Demetrios und seinen Vater Antigonos. Es wurden Eisangelien eingebracht gegen Demetrios von Phaleron, gegen seine Freunde Deinarchos von Korinth und Menandros den Komiker, gegen viele andere, die der vorigen Verfassung anhingen; die meisten von ihnen waren bereits[288] entflohen, sie wurden zum Tode verurteilt, des Demetrios Statuen umgestürzt und eingeschmolzen; Menandros und die übrigen, die in Athen geblieben waren, wurden freigesprochen40. Dann galt es, dem Befreier der Stadt für seine Wohltaten zu danken; bis zum Unsinnigen und Ekelhaften stiegen die Ehrenbezeugungen, die der freie Demos von Athen dekretierte; die Demagogen überboten sich, Neues und wieder Neues zu erfinden, wodurch sie die Aufmerksamkeit des jungen Fürsten auf sich zu ziehen und seine Gnade zu gewinnen hofften. Vor allem war es der alte Stratokles, dessen Einfluß von dieser Zeit an in Athen überwiegend wurde. Auf seinen Antrag beschloß das Volk, goldene Quadrigen mit den Bildern der »Soteren« Demetrios und Antigonos neben den Statuen des Harmodios und Aristogeiton zu errichten, beiden goldene Kränze im Wert von 200 Talenten darzubringen, ihnen unter dem Namen der Retter einen Altar zu weihen, jährlich einen Priester zu bestellen41, die Zahl der Phylen um zwei zu vermehren, die nach ihnen die Namen Antigonis und Demetrias erhielten42, ihnen jährliche Wettspiele mit Prozessionen und Opfern zu stiften, ihre Bilder in dem Peplos, dem Weihgewand für Athena, einzuweben; und Gesandtschaften an Antigonos und Demetrios sollten unter[289] dem Namen und im Aufzuge von Theoren gehen. Andere schlugen vor, daß Demetrios an der Stelle, wo er vom Wagen herabsteigend den Boden Athens zuerst betreten, unter dem Namen des »Herabsteigenden«, der sonst dem Zeus eigen war, ein Altar geweiht werde, daß Demetrios, wenn er nach Athen komme, mit der gleichen Feierlichkeit wie Dionysos oder Demeter empfangen, demjenigen aber, der sich durch Pracht und Erfindung bei solchem Empfang auszeichne, Geld aus dem Schatze gegeben werden sollte, damit er ein Weihgeschenk aufstellen könne; es wurde der Monat Munychion hinfort Demetrion, jeder letzte Monatstag Demetrias, das Fest der Dionysien Demetrien genannt43. Und als demnächst Schilde in den delphischen Tempel geweiht werden sollten, brachte Dromokleides, der Sphettier, folgendes Dekret in die Ekklesie: »Mit gutem Glück! Es beschließe das Volk, daß das Volk einen Mann unter den Athenern wähle, welcher zu dem Retter gehe und nach günstiger Opferschau den Retter frage, wie am heiligsten, schönsten und schnellsten das Volk die Anhinsendung der Weihgeschenke bewerkstellige; und das Volk tue darnach, wie ihm verkündigt wird«. Endlich aber begrüßte das Volk Demetrios nicht bloß als Gott, sondern nannte ihn und den Vater mit dem höchsten Namen, den man zu finden vermochte, mit dem Namen König. Es war das Wort, in dem die Summe der großen politischen Entscheidungen lag, das weder Antigonos noch dessen Gegner, in gleichem Maße wie begierig so eifersüchtig darauf, auszusprechen gewagt hatten; daß der Demos von Athen so seinen Dank auszusprechen sich erlaubte, bedeutete viel oder wenig, je nachdem man darin einen Akt des freiheitlichen Servilismus oder den Ausspruch des Mittelpunkts der hellenischen Bildung und der leitenden öffentlichen Meinung sehen wollte.

Es scheint, daß Demetrios in der Stadt Athen, unter dem witzreichen und in den Künsten der Schmeichelei erfinderischen Volke, bei den geistreichen Gelagen und den schönen Buhlerinnen die weitere Befreiung der griechischen Staaten vergaß; monatelang scheint er untätig in Athen geblieben zu sein; sein Erscheinen, sein Reden und Tun mochte, modisch und liebenswürdig, wie es war, stets von neuem bezaubernd auf die Athener wirken; und als er sich gar mit der schönen Eurydike, der Witwe des Ophellas von Kyrene, die sich nach Athen zurückgezogen hatte, vermählte, da war des enthusiastischen Jubels kein Ende, da schien es das Übermaß von Gnade, Ehre und Glückseligkeit, daß sich der Held mit einer Tochter aus dem Heldengeschlechte des Miltiades vermählt, gleichsam[290] die glorreiche Vergangenheit Athens mit der höchsten irdischen Macht der Gegenwart verbunden habe44.

Vielleicht gedachte er mit dem Frühling die Befreiung von Hellas fortzusetzen, vielleicht war die scheinbare Untätigkeit in Athen mit den Vorbereitungen dazu, mit Anknüpfungen und Verhandlungen da und dort ausgefüllt. Wenigstens an einem Punkt, einem besonders wichtigen, scheint seine Einwirkung erkennbar. Für Kassandros war es von besonderer Wichtigkeit, des epeirotischen Landes, über das er seit 317 seine starke Hand hielt, sicher zu bleiben. Die Bewegung, die 313 dort ausbrach, als des Antigonos Macht in Hellas mit Erfolg aufzutreten schien und der König Aiakidas wieder ins Land kam, zeigte, welche Gefahr dort für Makedonien war; wenn Kassandros den Epeiroten dessen älteren Bruder, den harten und herrischen Alketas, als König ließ, so geschah es nur, um durch ihn des Landes desto gewisser zu bleiben. Bald genug empfanden die Epeiroten die Last dieses argen Regiments unter makedonischem Einfluß, und um so drückender, da Kassandros' Erfolge in Hellas und seine Verträge mit Ägypten jede Hoffnung auf einen Wechsel der Verhältnisse auszulöschen schienen. Rascher, als man erwartet hatte, brachte des Demetrios Zug nach Hellas, seine Befreiung Athens diesen Wechsel; gewiß schnell genug fand die allgemeine Erbitterung in Epeiros die Wege und Mittel zu der ersehnten Umwälzung; in einer Nacht wurde König Alketas mit seinen Kindern ermordet, und der illyrische Fürst Glaukias eilte, des Aiakidas Sohn, den nun zwölfjährigen Pyrrhos, in sein Erbe zurückzuführen. Mit dieser Revolution waren die Epeiroten und die Illyrier des Glaukias die natürlichen Verbündeten des Demetrios, und daß durch Demetrios die makedonische Macht von Hellas und von der See her bedroht war, machte dem Kassandros unmöglich, gegen das, was an seiner Westgrenze geschehen war, einzuschreiten.

Gewiß waren mit den Erfolgen der Epeiroten alle die richtauf, die 312 zugleich mit Epeiros sich hatten beugen müssen, wie Apollonia, oder sich mit Mühe behauptet hatten, wie Leukas und Korkyra. Auf sie, vor allem auf den alten Haß der Aitoler gegen Makedonien konnte Demetrios für seinen nächsten Feldzug gegen Kassandros rechnen; mit seiner so verstärkten Landmacht und seiner überlegenen Seemacht durfte er sich des Erfolges in seinem nächsten Feldzug gewiß halten.

Da kam mit der Gesandtschaft, die an Antigonos gesandt war, dessen Befehl an Demetrios: sofort Griechenland zu verlassen, um den Krieg gegen Ptolemaios, der sich eben jetzt in den östlichen Gewässern entspann, zu führen; er wies ihn an, aus den verbündeten griechischen Staaten ein[291] Synhedrion zu berufen und demselben die Beratung der allgemeinen Angelegenheiten zu übertragen, selbst so bald als möglich in den kyprischen Gewässern zu erscheinen. Gewohnt, den Befehlen seines Vaters ohne weiteres zu gehorchen, sah sich Demetrios plötzlich, und ehe er etwas seiner großen Streitmacht Entsprechendes vollbracht hatte, aus diesem schönen und taumelsüßen Leben Athens hinweggerufen; mit neuer und gesteigerter Heldenlust eilte er dem Osten zu, wo neuer Kampf und neue Gefahren seinem unruhigen und leidenschaftlichen Geiste würdigere Beschäftigung gaben. Nur Athen und Megara waren befreit; gern hätte jetzt in der Eile Demetrios noch dieses und jenes unternommen, aber die Zeit drängte; er schickte an Kleonidas, den ägyptischen Strategen über Korinth und Sikyon, er versprach ihm viel Geld, wenn er diese Städte aufgeben und ihnen die Freiheit gewähren wolle. Mit seinen Anträgen zurückgewiesen, eilte Demetrios – es mochte Anfang des Jahres 306 sein –, Athen und Griechenland zu verlassen und gen Osten zu segeln, dreißig attische Trieren unter Medios' Führung mit ihm.

Nach unseren Überlieferungen ist völlig unklar, was Antigonos zu dieser plötzlichen Wendung veranlaßte, die nicht bloß die begonnene Befreiung von Hellas unterbrach, sondern den bisher bewahrten Schein des auf Grund der Verträge von 311 noch dauernden Friedensstandes aufgab. Wir werden sehen, daß um diese Zeit Seleukos seinen großen Feldzug nach Indien unternahm; also der stärkste unter den Verbündeten Ägyptens konnte ein rasches und kühnes Wagnis jetzt nicht stören. Oder sah Antigonos eine Kriegsdrohung darin, daß der Lagide eine starke Land- und Seemacht in Kypros versammelte, daß, wie gesagt wurde, im Frühling die ganze ägyptische Seemacht dort sein werde? Und gab, was über den König von Paphos jüngst verhängt worden war, den Anlaß zu Reklamationen, die sich leicht bis zu einem casus belli steigern ließen? Unzweifelhaft hatte Antigonos allen Grund, jetzt und rasch die Entscheidung zu suchen; es war kein Fehler, sondern eine kühne und treffende Wendung, daß er für den Augenblick das Werk der Befreiung Griechenlands unterbrach, um einem Ausfall des Lagiden auf Kleinasien zuvorzukommen; gelang ein Schlag gegen ihn, wie der gegen Kassandros in Athen geglückt war, so hatte die Koalition ihr Spiel verloren.

Demetrios ging, dem Auftrag seines Vaters gemäß, mit seiner Flotte zunächst nach Karien; er forderte die Rhodier auf, sich mit ihm zum Kampf gegen Ägypten zu vereinigen; sie weigerten sich dessen: es möge ihnen gestattet sein, mit allen in Frieden zu leben; sie zögen es vor, neutral zu bleiben und ihren bürgerlichen Geschäften nachzugehen. Demetrios hatte jetzt nicht Muße, Weiteres gegen sie zu versuchen; er hoffte, bald Gelegenheit zu finden, den stolzen Handelsstaat für solche Weigerung zur Rechenschaft[292] zu ziehen. Er segelte an der Küste hin nach Kilikien, dort zog er neue Schiffe und Mannschaft an sich. Mit einem bedeutend verstärkten Geschwader, mit etwa 15000 Mann Fußvolk und 400 Reitern an Bord, mit hinreichenden Transport- und Vorratsschiffen für einen längeren Feldzug ging Demetrios – vielleicht im Februar – von neuem in See nach Kypros; nirgends war eine ägyptische Flotte, die ihn gehindert hätte; Demetrios landete auf der Nordostküste der Insel, auf dem Strande von Karpasia; die Schiffe wurden ans Land gezogen, Wall und Graben von bedeutender Tiefe aufgeworfen, von dem verschanzten Lager aus Streifzüge in die nächste Umgebung gemacht, Karpasia und Urania, die nächsten Städte, eingenommen. Dann wandte sich Demetrios zum Angriff auf Salamis, die nächste Stadt an der Südküste der Insel, zugleich die wichtigste von allen. Von den Schiffen wurde ein Teil in See gelassen, um die Küsten zu sichern, er selbst zog mit seiner gesamten Landmacht über die Berge nach Salamis zu. Dort stand des Ptolemaios Bruder Menalaos als Stratege der Insel, er hatte bereits sämtliche Garnisonen der kyprischen Städte und was sonst von Truppen zu werben war, an sich gezogen; er ließ die Feinde bis auf eine Meile herankommen, dort erwartete er sie mit 12000 Mann Fußvolk und 800 Reitern. Es kam zur Schlacht; die ägyptischen Truppen wurden geworfen, sie flüchteten der Stadt zu, der verfolgende Feind drang nach, bei dreitausend Mann wurden gefangen genommen, tausend waren gefallen, kaum daß die Stadt selbst sich hielt; Demetrios hatte den entschiedensten Sieg erfochten. Mit den Gefangenen wollte er seine Truppen verstärken; aber die armen Leute hatten das Ihrige daheim in Ägypten gelassen, sie desertierten, wie sie irgend konnten, so daß sich Demetrios genötigt sah, die übrigen zu Schiff nach Syrien zu Antigonos zu schicken.

Indes rüstete sich Menelaos in Salamis auf das beste, dem Sturm auf die Stadt, den er erwarten mußte, zu begegnen; die Zinnen und Türme der Mauern wurden mit Maschinen- und Geschossen versehen, mit starken Posten besetzt, der Dienst sorgfältig, wie es die Nähe des Feindes forderte, verrichtet; es wurden Eilboten nach Alexandrien gesandt, um schleunige Hilfe zu bitten; 60 Schiffe lagen im Hafen der Stadt, die dem Feind die Einfahrt und den Angriff von der Meeresseite her unmöglich machten. Demetrios seinerseits hatte sich überzeugt, daß die Stadt genommen werden müsse, ehe Entsatz von Ägypten käme, daß sie schwer zu nehmen sei, da sie Verteidiger in vollkommen hinreichender Zahl, treffliche Werke und Verteidigungsmaschinen besaß; weder auf eine langwierige Blockade durfte er sich einlassen, noch auch hoffen, mit Gewalt der Waffen die Stadt zu nehmen, wenn er nicht neue und außerordentliche Mittel zu Hilfe rief. Zum ersten Male hatte der junge Feldherr Gelegenheit, sein[293] staunenswürdiges Talent in Erfindung und Aufstellung furchtbarer Belagerungsmaschinen, seine Kunst im Belagerungskrieg zu bewähren, die ihm den Namen des Städteeroberers, des Poliorketen, mit dem ihn die Geschichte von dieser Zeit an nennt, einbringen sollte; das Neue, Überraschende, Grandiose charakterisiert sein Wesen auch in diesen Schöpfungen. Er eilte, aus Asien Handwerker, Metall, Bauholz und was sonst zu solchen Arbeiten nötig ist, herbeizuschaffen; Maschinen aller Art von außerordentlicher Größe, Schirmdächer, Mauerbrecher, Katapulte und Wurfmaschinen von größter Wurfweite wurden errichtet. Alles andere übertraf die sogenannte Helepolis (Nehmestadt), ein Riesenbau, der die Gewalt vieler Batterien auf einem möglichst kleinen Raum und zu desto furchtbarerer Wirkung vereinigte; 75 Fuß auf jeder Seite breit, 150 Fuß hoch, wurde dies turmartige Gebäude von vier massiven Rädern oder Rollen zu fast 14 Fuß Durchmesser getragen; das Ganze war in neun Stockwerke geteilt; in den untersten Geschossen wurden allerlei Wurfgeschütze errichtet, von denen die größten Steine von anderthalb Zentnern schleuderten; in den mittleren wurden die größten Katapulte, die horizontal werfenden Maschinen, aufgestellt, in die obersten kamen die kleineren Wurfgeschütze und Katapulte in großer Zahl, über 200 Mann wurden allein zu ihrer Bedienung disponiert; endlich waren mit diesem Batterieturm zwei ungeheure Sturmböcke, die unter entsprechenden Schildkrötendächern an beiden Seiten des Turmes aufgerichtet waren, zu gemeinsamer Tätigkeit vereinigt. Nun wurden diese Maschinen gegen die Mauer vorgeschoben, sie begannen ihre Arbeit, bald waren die Zinnen der Mauern durch die Unzahl der Geschosse von Verteidigern gesäubert, die Sturmböcke erschütterten die dicken Mauern. Die Belagerten drinnen stellten ihrerseits Maschinen aller Art auf und arbeiteten nicht minder eifrig und erfolgreich. So währte es mehrere Tage; auf beiden Seiten wurden viele bei der schweren Arbeit verwundet und getötet. Endlich gelang es den Belagerern, mit den Sturmböcken Bresche zu legen; sie versuchten, stürmend über dieselbe einzudringen, es entspann sich ein furchtbarer Kampf auf den Mauertrümmern, mit dem größten Mut kämpften die Belagerten, die hereinbrechende Nacht zwang Demetrios, zum Rückzug zu kommandieren. Menelaos erkannte wohl, daß die höchste Gefahr sei, daß, wenn am nächsten Morgen der Kampf erneut würde, es ihm nicht gelingen werde, die Stadt zu halten; und auch die Bresche zu füllen oder hinter derselben Werke zu errichten war die Zeit zu kurz; ein kühnes Wagnis, hoffte er, sollte die Stadt retten. Er ließ unter dem Schutz der Nacht möglichst viel trockenes Holzwerk zusammenbringen, um Mitternacht wurde es an die feindlichen Maschinen geworfen, zugleich von den Mauern aus unzählige Feuerpfeile und brennende Fackeln hineingeschleudert;[294] sofort begann das Feuer zu wirken, die größten der Maschinen zu fassen; umsonst eilten die Belagerer herbei, um zu löschen; schon schlug es an dem Turm in die Höhe, Rettung war unmöglich, alles brannte nieder, viele Menschen, die in dem Turm und in den übrigen Maschinen waren, kamen ums Leben; die ungeheure Arbeit zur Errichtung jener Maschinen war vergebens gewesen45.

Mit desto größerem Eifer setzte Demetrios die Belagerung der Stadt fort, er schloß sie von der Land- und Seeseite eng ein; er hoffte, Streitkräfte genug zu haben, wenn auch Ptolemaios zum Entsatz heraneilte, denselben empfangen und abschlagen zu können. Allerdings war Ptolemaios auf die Nachricht von der Schlacht bei Salamis sofort mit bedeutender Land- und Seemacht aufgebrochen, war bei Paphos auf der Südwestseite der Insel gelandet, hatte dorthin alle Schiffe der Städte, soviel deren noch frei waren, versammelt, segelte nach Kition, fünf Meilen südwestlich von Salamis; seine Flotte bestand aus 140 Segeln, teils Vierruderern, teils Fünfruderern; diesen folgten über 200 Transportschiffe mit 10000 Mann Fußvolk. Mit so bedeutender Streitmacht in der Nähe des Feindes, der zugleich durch die Besatzung von Salamis im Rücken gefährdet war, glaubte er des Erfolges gewiß zu sein; er ließ Demetrios entbieten, er möge sich beeilen, davonzukommen, bevor er ihn mit seiner ganzen Macht angreife und unfehlbar zu Boden trete. Demetrios antwortete: er wolle ihm diesmal noch freien Abzug gestatten, wenn er sich sofort verpflichte, seine Besatzung aus Korinth und Sikyon zu entfernen; Erklärungen, die den Ton in der damaligen Kriegführung charakterisieren. Nun sandte Ptolemaios an seinen Bruder Menelaos in Salamis heimliche Boten mit dem Auftrag, die 60 Schiffe, die im Hafen der Stadt lagen, wenn er könne, schleunigst zu ihm stoßen zu lassen; mit diesen vereinigt, an Zahl der[295] Schiffe dem Gegner weit überlegen, hielt er sich des Sieges gewiß; mit einem Schlage gedachte er Salamis zu entsetzen, Kypros wiederzugewinnen, dem Krieg ein Ende zu machen.

Demetrios eilte, zunächst die Vereinigung der feindlichen Seemacht zu hindern. Indem er einen Teil seiner Landmacht zur Belagerung von Salamis zurückließ, nahm er die übrigen Kriegsleute, die stärksten und tüchtigsten seines Heeres, auf die Schiffe, sie möglichst stark zu bemannen; er ließ Geschosse, Wurfgeschütze, kleine Katapulte in hinreichender Zahl auf das Deck jedes Schiffes bringen, alles, was sonst zum Seegefecht nötig war, zurüsten. Seine Flotte bestand aus 118 Segeln46, diejenigen mit eingerechnet, welche er in den bereits eroberten Städten von Kypros bemannt hatte; die größten Schiffe waren Siebenruderer, die meisten Fünfruderer. Mit diesem Geschwader segelte er an der Stadt vorüber, ging vor der Hafenmünde, etwas außer Schußweite, vor Anker, brachte dort die Nacht zu, teils um das Aussegeln der 60 Schiffe von Salamis zu hindern, teils um die Anfahrt des Ptolemaios abzuwarten und zum Seegefecht bereit zu sein.

Mit dem nächsten Morgen sah man vom Südwesten her die ganze Flotte des Ptolemaios heransegeln. Sie sah von ferne um so gewaltiger aus, da auch die Lastschiffe folgten; und des Ptolemaios Seemacht galt noch immer für die geübteste und trefflichste, noch war nicht gewagt worden, ihr in offener Seeschlacht zu begegnen; nicht eben mit Zuversicht sah man auf Demetrios' Flotte dem Wagnis entgegen. Nur um so freudiger war Demetrios zur Schlacht. Vor allem galt es, zu hindern, daß nicht während des Gefechtes von den 60 Schiffen im Hafen sein Rücken bedroht werde; um dem Gefecht möglichst wenig Kräfte zu entziehen, befahl er seinem Nauarchen Antisthenes, sich mit zehn Fünfruderern in die enge Hafenmünde zu legen, unter jeder Bedingung diese Station zu behaupten, die Ausfahrt gänzlich zu sperren. Zugleich ließ er seine gesamte Reiterei südwestwärts am Ufer aufrücken, damit sie, wenn im Laufe des Gefechtes Schiffe auf den Strand getrieben oder die Bemannung sich durch Schwimmen zu retten gezwungen werde, diese retten, die Feinde, wenn sie dasselbe versuchten, vernichten könne. Dann fuhr er selbst in geordneter Schlachtlinie dem Feind entgegen; auf dem linken Flügel sieben phoinikische Siebenruderer und die dreißig Vierruderer von Athen unter Befehl des Medios; an diese schlossen sich zehn Sechs- und zehn Fünfruderer an, so daß dieser Flügel, auf dem er sich selbst befand, von besonderer Stärke war; die Mitte der Linie bildeten die minder großen Schiffe, und es kommandierten hier Themison von Samos und Marsyas der Pellaier; auf[296] dem rechten Flügel, der Küste zu, standen die übrigen Schiffe unter Befehl des Hegesippos von Halikarnaß und des Pleistias von Kos, des Obersteuermanns der Flotte. So geordnet ging Demetrios' Flotte, 108 Segel stark, dem Feinde entgegen.

Auch Ptolemaios, der bereits im Dunkel der Nacht ausgesegelt war, um die Einfahrt in den Hafen zu gewinnen, ehe der Feind zur Stelle war, es zu hindern, eilte jetzt, da er beim Lichte der Morgensonne die feindliche Flotte geordnet und schlagfertig sah, seine Geschwader in Schlachtlinie zu stellen; die Transportschiffe wurden hinter der Linie in bedeutender Entfernung zurückgelassen, die Kriegsschiffe, deren er 140, den feindlichen 108 gegenüber, unter diesen aber keine Sieben- und Sechsruderer wie Demetrios hatte, wurden so in Schlachtlinie geordnet, daß auf dem linken Flügel, der Küste zu, wo Ptolemaios selbst kommandierte, die größten Fahrzeuge vereinigt waren; es mußte hier die feindliche Linie durchbrochen werden, um sie teils vom Lande abzuschneiden, teils desto leichter den Hafen von Salamis zu erreichen, während Demetrios beabsichtigte, die feindliche Linie, die er auf ihrem schwächeren rechten Flügel angriff, ganz gegen die Küste zu werfen, damit, nachdem der Sieg auf dem Meere entschieden wäre, die an den Strand Gedrängten seinen Reitern in die Hände fielen.

Nachdem so beide Geschwader geordnet waren, wurde nach der Sitte auf jedem Schiffe vom Bootsmann das Gebet gesprochen und vom Schiffsvolk mit lauter Stimme nachgesprochen; dann erhoben sich die Ruder hier und dort, mit unruhiger Erwartung sahen die Feldherren, auf dem Verdeck stehend, diesem Kampf entgegen, der eine über des Gegners zahlreichere Armada, der andere über des Gegners riesige Schiffe nicht wenig besorgt; nicht bloß die Ehre des Tages stand auf dem Spiel, sondern der Besitz Zyperns, Syriens, das fernere Schicksal des Alexanderreiches. Jetzt dem rechten Flügel der Feinde auf tausend Schritte nahe, steckt Demetrios den goldenen Schild auf, das Zeichen zur Schlacht; dasselbe geschieht drüben auf der ägyptischen Flotte; schnell ist die kurze Entfernung, welche beide Linien trennt, durcheilt. Nun schmettern die Trompeten auf allen Verdecken, die Truppen erheben den Schlachtruf, schäumend rauscht die Flut um die mächtiger eilenden Fahrzeuge, deren Eisenschnäbel sich bald in des Feindes Schiffe bohren sollen; schon beginnt ein Regen von Pfeilen, von Wurfsteinen herabzustürzen, schon sausen Speerwürfe wohlgezielt, verwundend, unzählige herüber und hinüber. Nun naht sich Schiff und Schiff zum Ansturz, die Bewaffneten knien am Bord entlang mit vorstarrender Lanze, lauter pfeift der Bootsmann den Takt der Ruder, die Ruderer arbeiten mit höchster Anstrengung. Dann stößt mit furchtbarer Gewalt Schiff an Schiff, die Ruderreihe zersplittert,[297] das Gefäß ist zu Flucht und Angriff gleich unbrauchbar, die Besatzung wehrt sich, so gut sie kann, auf dem toten Werk. Dort stürmt gleich gut gewandt Schiff auf Schiff mit dem Vorderteil, sie bohren sich fest mit dem Eisenschnabel, die Ruderer arbeiten nach dem Spiegel zu, um wieder loszukommen zu neuem Stoß, während die Kämpfer, den Feind dicht vor sich, mit schnellem und sicherem Speere treffen. Wieder andere gewinnendem Gegner die Seite ab, krachend bohrt sich der Schnabel in den Bauch des Gegners, der sich umsonst loszuarbeiten müht; man versucht des Feindes Bord zu gewinnen, aus kleinerem Schiff klettert man an dem höheren des Feindes empor, die Speere der Epibaten stürzen die Emporklimmenden verwundet hinab ins Meer; von gleichem Bord springt man hinüber auf des Feindes Deck; hinabstürzt, wer zu kühnen Sprung gewagt; wütender Kampf auf engstem Raum, hinabstürzt, wer kämpfend nicht siegt. So lärmt der wilde Kampf über den Wellen; nicht Tapferkeit, – Tollkühnheit und Zufall gewähren den Erfolg; der nahe Tod verdoppelt die Wut, es gibt nur Sieg oder Untergang; Unzählige verschlingt das wilde Meer. Vor allem ruhmreich kämpft der junge Held Demetrios; er steht auf dem Hinterbord seiner Heptere, die stets im Kampf voran ist; auf immer neue Schiffe stürmt er, er ist unermüdlich, den Speer zu schleudern, Heranklimmende hinabzustoßen; unzählige Geschosse werden auf ihn gerichtet, mit dem Schild fängt er sie auf oder weicht mit gewandter Biegung des Körpers ihnen aus; schon sind die drei Schildknappen, die ihm nahe kämpfen, gefallen; mit siegender Kühnheit wirft er, die anderen Schiffe ihm nach, die feindlichen Geschwader des rechten Flügels. Endlich ist dieser vernichtet, nun geht es auf die Geschwader der Mitte; bald ist alles in wilder Verwirrung, in wildester Flucht.

Indes hat Ptolemaios mit nicht viel geringerem Erfolg gegen den rechten Flügel des Demetrios gekämpft, mit seinen großen und stark bemannten Schiffen hat er die Gegner geworfen, mehrere Schiffe genommen und in Grund gebohrt; er wendet nun, auch die übrigen Geschwader des Demetrios zu vernichten; da sieht er den rechten Flügel und das Zentrum der eigenen Linie vollkommen überwältigt, aufgelöst, fliehend, alles verloren. Nun eilt auch er, zu retten, was noch zu retten ist; es gelingt ihm mit Mühe, sich durchzuschlagen, nur mit acht Schiffen entkommt er nach Kition. Demetrios übergibt an Neon und Buri chos den Befehl, den Feind zu verfolgen und die noch in der See Umherschwimmenden zu retten; er selbst kehrt mit seinen Geschwadern, die mit den Zieraten der feindlichen Schiffe geschmückt sind und die gefangenen am Schlepptau führen, triumphierend in seine Station beim Lager zurück.

Während der Schlacht hatte Menelaos in Salamis seine 60 Schiffe wohl ausgerüstet unter dem Nauarchen Menoitios auslaufen lassen; sie waren[298] mit den zehn Schiffen vor der Hafenmünde in Kampf gekommen, hatten diese nach tapferem Widerstand bewältigt und sich auf das Lager zurückzuziehen gezwungen, waren dann nach Südwesten geeilt, um durch ihre Ankunft den Sieg zu entscheiden. Sie kamen zu spät, es war bereits alles verloren; sie eilten, den Hafen wieder zu erreichen.

Demetrios hatte einen großen und denkwürdigen Sieg erkämpft; er kostete ihn etwa 20 Schiffe, die feindliche Seemacht war vernichtet; es waren 40 Kriegsschiffe mit der Besatzung genommen47, mehr als 80 waren versenkt worden und wurden nachher mit Seewasser gefüllt von Demetrios' Leuten eingebracht; von den Transportschiffen wurden über 100 genommen und beinahe 8000 Mann Soldaten auf denselben zu Kriegsgefangenen gemacht; außerdem fiel ungeheure Beute an Weibern und Sklaven, an Geld, Waffen, Rüstungen, an Vorräten aller Art in seine Hände, vor allem auch die schöne Lamia, die Flötenbläserin, die fortan des jungen Helden Herz gefangennahm.

Gleich nach diesem Siege ergab sich auch Menelaos mit seiner Flotte und seiner sehr bedeutenden Landmacht; auch die übrigen Städte der Insel unterwarfen sich, da Ptolemaios unverzüglich von Kition aus nach Ägypten geflüchtet war, dem Sieger. Demetrios selbst säumte nicht, sein gutes Glück durch Großmut und Hochherzigkeit zu ehren; er sorgte für ein ehrenvolles Begräbnis der gefallenen Feinde, er sandte von den Gefangenen viele und die ausgezeichnetsten Ptolemaios ohne Lösegeld und reich beschenkt zurück, unter ihnen Menelaos und Leontiskos, des Ptolemaios Sohn; er nahm von den Kriegsgefangenen und namentlich von den früheren Besatzungen der kyprischen Städte die meisten, 16000 Mann Fußvolk und gegen 600 Reiter, in seinen Dienst; er schickte seinen teueren Athenern, deren Schiffe ihm in dieser Schlacht treulich Dienste geleistet hatten, zwölfhundert Panhoplien zum Geschenk. An seinen Vater sandte er die Siegesbotschaft durch Aristodemos von Milet, einen der Getreuen.

Eiligst segelte Aristodemos, um die erste Kunde von der großen Seeschlacht zu bringen, zur nahen Mündung des Orontes hinüber; dort einige Meilen landeinwärts lagerte Antigonos, mit dem Bau seiner neuen Residenz Antigoneia beschäftigt. Aristodemos, so wird erzählt, ließ sein Schiff nicht landen, sondern unter dem Ufer vor Anker gehen, und befahl dem Schiffsvolk, sich bis auf weiteres ruhig zu verhalten; er bestieg allein ein Boot und ruderte sich ans Land. Schon hatte Antigonos sich mannigfache Sorgen gemacht, daß Botschaft von seinem Sohne so lange ausblieb; da er erfuhr, daß ein Schiff von Kypros her gekommen, daß es vor[299] Anker gegangen, sandte er Boten und wieder Boten. Sie trafen Aristodemos, sie fragten ihn, sie beschworen ihn, den Sorgen des greisen Vaters ein Ende zu machen, und wenn es das schrecklichste sei, es nicht länger zu verhehlen; er zog langsam, ernsten Angesichtes, in tiefen Gedanken seines Weges. Bürger und Soldaten, Makedonen, Griechen, Asiaten, unzähliges Volk hatte sich auf dem Wege zum Schloß gesammelt, mit ängstlicher Spannung erwarteten sie die Botschaft, die sie schon zu fürchten begannen. Antigonos selbst hielt sich nicht länger, er trat hinaus und eilte dem eben Kommenden entgegen, nach seinem Sohne, seiner Flotte zu fragen. Da nun Aristodemos den Strategen nahe sah, streckte er die Hand ihm entgegen und rief mit lauter Stimme: »Freue dich, König Antigonos! Ptolemaios ist überwältigt, Kypros unser, 16800 Mann gefangen.« Und in unendlichem Jubel wiederholte die Menge: »Freue dich, König! Heil dir, König! Heil dem König Demetrios!« und die Freunde traten herzu, banden um des Strategen Stirn das königliche Diadem48, führten ihn unter immer neuem Jubel des Volkes in das Schloß. Er sagte zu Aristodemos: »Du sollst mir büßen, Aristodemos, daß du uns so lange gefoltert hast; spät sollst du deinen Botenlohn erhalten!« Dann sandte er an seinen sieggekrönten Sohn das Schreiben des Dankes, legte ein Diadem mit ein und zeichnete den Brief: »An den König Demetrios.«49

So die Erzählung Plutarchs; nicht leicht dürfte man ihr darin glauben, daß diese folgenreiche Anrede des Aristodemos weiter nichts als eine von ihm ersonnene Schmeichelei war. Aristodemos war einer der höchstgestellten unter den Generalen des Antigonos, nicht, wie es Plutarch und die Neueren nach ihm angeben, einer von den vielen armseligen Schmeichlern, die sich um die Machthaber drängten; er war vertraut mit den Plänen seines Herrn und in seine Politik eingeweiht, nicht bloß zu bedeutenden Unterhandlungen, auch zu bedeutenden Expeditionen mit selbständigem Kommando wiederholt von ihm ausgesandt. Beachtet man ferner, daß es das Diadem, das Königtum war, worum es sich im Kyprischen Kriege handelte, daß nur die Rivalität des nun bewältigten Ptolemaios bisher eine weitere Verfügung über den erledigten Thron gehindert hatte, daß die öffentliche Meinung nur eben von der Frage noch, ob Antigonos König werden würde oder nicht, bewegt wurde, – nimmt man dazu den Eindruck, den auf sie, auf das makedonische Heer in Kypros, auf[300] alle, die von Antigonos' Partei waren, jener glorreiche Sieg bei Salamis hervorbringen mußte, so wird man die Art, wie Aristodemos den königlichen Namen zum ersten Male aussprach, eben für nichts als eine desto feierlichere Form halten, in der er den Strategen, seinen Herrn, wahrscheinlich im Auftrag des Demetrios, vielleicht mit Antigonos' Vorwissen, begrüßte, um dem Volk desto sicherer zu imponieren, – für eine jener offiziellen Szenen, die eben das aussprechen, was nur ausgesprochen zu werden braucht, um zu gelten. Sie erreichte ihren Zweck vollkommen, die allgemeine Akklamation der Anwesenden war ohne weiteres die Sanktion für dies neue Königtum, das den Schein einer Berechtigung durch den allgemeinen Willen der Makedonen anzunehmen nicht verschmähte. Wie unsicher auch im einzelnen die Angaben über das Verfahren des Aristodemos und Antigonos sein mögen, soviel ist klar, daß gerade infolge der kyprischen Siege das neue Königtum proklamiert worden.

Antigonos hatte endlich sein Ziel erreicht; er war über die Mitte der Siebziger hinaus, die Schwächen des Alters begannen sich bei ihm einzustellen. Es kann keine Frage sein, daß er König in dem ganzen Sinne und mit der ganzen Machtbefugnis, die Alexander besessen, zu sein beabsichtigte. Der Satrap von Ägypten war bei Kypros so vollkommen bewältigt, daß er sich der Anerkennung der höheren Macht des Siegers und seines Diadems nicht weiter weigern zu können schien; Kassandros war durch die Befreiung Athens, durch die steigende Bewegung in Hellas, durch die hergestellte Unabhängigkeit von Epeiros so gut wie gelähmt; er und Lysimachos mußten sich fügen, sowie Ptolemaios sich fügte; und Seleukos war im fernen Osten; ehe er von dort nach dem Westen Asiens zurückkehren konnte, war Antigonos sicher, mit allem fertig zu sein. Er, der sein langes Leben hindurch immer vorsichtig gerechnet, immer besonnen und konsequent gehandelt hatte, schien nun, da er das Diadem erreicht hatte, selbst zum Glauben an das Mysterium der Macht bekehrt zu sein, in dessen Zauberwirkungen er die beste Garantie ihrer Dauer sehen mochte; man bemerkte, daß er minder ruhig und geschlossen, eigenwilliger als sonst auf sein Glück trotzte, daß er wagte, statt zu berechnen. Die Jugend, wenn ihr ein höchster Wunsch gelungen, ist leicht betört und des Glückes zu gewiß, das schon der nächste Moment in Frage zu stellen beginnt; aber sie vermag sich dem Neuen und wieder Neuen, ist es Gewinn oder Verlust, anzugewöhnen, sie bedarf des Wagens und Wechsels, sie kann der Zukunft nicht entbehren; der zähe Eigensinn des Greisenalters hat über solch ein erreichtes Ziel hinaus nichts als Erinnerungen, und das Errungene, das nur als Beginn neuer Tätigkeiten Kraft und Währung hat, stirbt in sich selber ab, indem es nur als Ende, als Resultat gelten, nur die Summe der Vergangenheiten, die für alle Ewigkeit vergangen[301] sind, festhalten will. Es hat des Antigonos Verhängnis und endlich sein Untergang sein sollen, daß er das Alexanderreich hergestellt glauben konnte, wenn er den Namen und das Symbol der alten Gründung ohne einen neuen Gedanken wiederholte.


Quelle:
Johann Gustav Droysen: Geschichte des Hellenismus. Tübingen 1952/1953, Band 2, S. 277-302.
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Warum Gott Mensch geworden

Warum Gott Mensch geworden

Anselm vertritt die Satisfaktionslehre, nach der der Tod Jesu ein nötiges Opfer war, um Gottes Ehrverletzung durch den Sündenfall des Menschen zu sühnen. Nur Gott selbst war groß genug, das Opfer den menschlichen Sündenfall überwiegen zu lassen, daher musste Gott Mensch werden und sündenlos sterben.

86 Seiten, 5.80 Euro

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Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

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