Von Keilhau auf das Gymnasium zu Kottbus.

[298] Der Abschied von Keilhau fiel mir schwer.

Der Abschied dem Wege nach Rudolstadt, wohin mich die mir liebsten Kameraden begleiteten, ging es indessen lustig genug her.

In Schaale kehrten wir auch ein und tranken auf eine glückliche Zukunft und vieles andere. In dem bäuerlichen Wirtshause daselbst hatten wir Größeren etlichemale mit Barops Erlaubnis einen Schmaus gehalten, der mit den Kreuzern bezahlt worden war, die durch Vergehen gegen die Tischregeln eingekommen waren. Die Tafeln, an denen wir Größeren speisten, hatten sich solche selbst vorgeschrieben; denn an der einen war nur französisch, an der andern nur puristisch reines Deutsch zu sprechen gestattet gewesen. Wer an jener sich der Muttersprache oder an dieser sich eines Fremdwortes bedient hatte, war mit einem Kreuzer bestraft worden.

Ich hatte an beiden gesessen und an der letzteren geholfen, für gangbare Lehnwörter entsprechende deutsche zu finden und aus Klavier Tastenkasten, aus Serviette[298] Tellertuch, und, da wir das Stephansche »Salse« noch nicht kannten, aus Sauce Bratenbrühe zu machen.

Wie fröhlich waren diese Strafkreuzerschmäuse verlaufen, bei denen gewöhnlich Wildbraten und »rohe Kartoffelklöße«, das Leibgericht der Thüringer, das auch ich zu würdigen gelernt hatte, aufgetragen worden waren. Nach dem Schmause hatten wir etwas zechen, das heißt bei schäumendem Gerstensafte singen dürfen und dabei gewöhnlich etliche Lehrer als aufrichtig willkommene Gäste in unserer Mitte gesehen.

Das gehörte ja zu den höchsten Vorzügen Keilhaus, daß unser ganzes Leben und auch unsere Vergnügungen rein genug waren, um das Auge eines Erziehers nicht scheuen zu brauchen.

Allerdings habe ich in Ermangelung einer Cigarre ein Stück von den Rohrstöcken, die man zum Ausklopfen der Kleider verwendet, heimlich zum Rauchen benützt. Es geht. Wer es versucht, wird sich davon überzeugen. In die Pfeife stopfte ich bisweilen als Surrogat für den Tabak, den wir nur selten hatten, Nußblätter, und was wir an dem Obst und den Tauben der Bauern und der Anstalt verbrachen, das wurde schon bekannt; doch so ernstlich ich mich auch bemühe, bei der Rückschau auf jene Zeit ein Vergehen zu finden, das ich meinen erwachsenen Söhnen nicht mit freier Stirn erzählen möchte, ich entsinne mich keines.

Ein reinerer Ton hat wohl selten unter so vielen Knaben geherrscht, und das nämliche wurde mir von anderen früheren Zöglingen, wie meine lieben Freunde Kommerzienrat Julius Meißner in Leipzig, Reichstagsabgeordneter Fritz Kalle und sein Bruder Wilhelm in[299] Wiesbaden und Bieberich, der Wiener Kaufherr Theodor Graf, der amerikanische Generalkonsul Kreismann in Berlin und auch von vielen anderen bestätigt. Und doch sind wir echte, rechte Jungen gewesen, die den Ueberschuß an Kraft nicht nur beim Spiel verwerteten, sondern auch bei dummen Streichen aller Art.

Ein frohes Lächeln umspielt mir noch die Lippen, wenn ich des hartgefrorenen Schneemanns gedenke, den wir mit einem schwarzen Hute auf dem Kopf, einem jüngeren Lehrer als Gespenst ins Zimmer stellten, und der Mühe, die uns der Transport dieses Untiers verursachte, oder wenn nur unsere Streiche im Schlafzimmer in den Sinn kommen.

Fein waren sie keineswegs immer; doch welches Vergnügen, welches den ganzen Menschen erschütternde Gelächter hatten sie häufig zur Folge, und wie herzlich konnte ich lachen! Der Sechzigjährige hat es, gottlob, noch immer nicht völlig verlernt.

Es wurde gut geübt, als Herr Dr. Hoppe, ein besonders schüchterner Lehrer, der im Dunkeln zu Bette zu gehen pflegte, nachdem wir ihm über die »Waschschüssel« ein Stück Zeichenpapier so straff wie ein Trommelfell gebunden hatten, Wasser darauf hingoß.

Welches Vergnügen, wenn das Talglicht des weckenden Lehrers ausging, weil wir auf den Docht des unseren am Abend vorher einige Körner Pulver gestrichen hatten.

Ich glaube, daß ich diese heiteren Dinge hier erzählte, um mir Aufschub zu gönnen; denn was nun folgte, war der Abschnitt meines Lebens, von dem ich am wenigsten gern berichte.

Rousseau sagt, daß die Erziehung des Menschen durch[300] Kunst, Natur und Umstände bewirkt wird. Die beiden ersten Faktoren hatten damals auch auf mich Einfluß geübt, mit den letzten sollte ich erst setzt selbständig rechnen lernen; denn bisher waren sie durch andere überwacht und meiner Persönlichkeit angepaßt worden. Das aber war nicht nur von Meistern der Pädagogik, sondern von ihren nicht minder mächtigen Miterziehern, den Kameraden, geschehen, unter denen sich kein verderbter, wirklich übel gearteter Knabe fand. Es sollte sich jetzt zeigen, welche Umstände ich in den neuen Verhältnissen finden und in welcher Weise sie sich als Erzieher an mir bewähren würden.

Wie ich von Schaale nach Rudolstadt und von da nach Hause kam, ist mir aus dem Gedächtnis geschwunden.

Auch aus der freien Zeit, die nun folgte, weiß ich nur noch wenig zu berichten.

Ich sollte nach Kottbus, damals noch eine kleine märkische Fabrikstadt, aufs Gymnasium kommen.

Die Mutter wagte es nicht, mich in Berlin zu behalten und in den schwierigen Jahren, denen ich entgegen ging, meine Beaufsichtigung in der großen Stadt zu übernehmen. Kottbus war nicht weit von Berlin entfernt, und weil sie wußte, daß es mit mir in der Wissenschaft, die Dr. Boltze, der Mathematiker, lehrte, schlecht bestellt war, hatte man ihm vor anderen Pensionsvätern in märkischen Gymnasialstädten den Vorzug gegeben.

Mir schien ihre Wahl vortrefflich. Wenn irgendwo, so konnte mir im Hause dieses Fachmannes der Kopf für die Disciplin geöffnet werden, die bisher so wenig von mir hatte wissen wollen, wie ich von ihr.

Ich sah der scharfen Arbeit nicht ungern entgegen;[301] im ganzen kam ich mir aber doch vor wie ein Fällen, das von den freien Weideplätzen in den Stall geführt wird.

Eine Reise zur Großmutter in Dresden und manches Vergnügen, das ich mit den Geschwistern teilen durfte, kamen mir wie mein Henkersmahl vor. Ganz verlassen sollte ich indessen auch in Kottbus nicht sein; denn die jüngste Tochter unseres liebsten Verwandten, des Herrn von Oppenfeld, lebte als Gattin eines Gutsbesitzers in der Nähe der Stadt. Der Gedanke daran wehte mir wie erfrischende Landluft entgegen.

Die Mutter begleitete mich in die neue Schulheimat, und ich kann nicht sagen, einen wie bedrückenden Eindruck der auf der flachen Ebene der Mark gelegene Fabrikort auf mich machte, den man nicht mit der heutigen frisch erblühenden Mittelstadt verwechseln darf, die von 9000 auf 30,000 Einwohner heranwuchs.

Damals besaß er nichts, was einen in Bertin geborenen und in einem herrlichen Gebirgsthal erwachsenen Knaben anziehen konnte.

Statt der Berge ein weiter Kranz von Tuchrahmen, statt der hohen Tannen der Thüringer Wälder Fabrikschornsteine überall, und in der Spremberger Straße, an der mein künftiges Heim lag, statt jubelnder Knaben eine Schar von Fabrikarbeitern, Männern, Frauen und Mädchen, die uns von der Arbeit entgegenkam.

Vor dem Hause des Dr. Boltze fanden wir den Mann, dessen Obhut ich anvertraut werden sollte, in einem langen grauen Schlafrocke, mit einem Sammetkäppchen auf dem Kopf und der Pfeife im Munde, an seinen Lieblingen, den Georginen, mir den wenigst sympathischen Kindern der Fora, beschäftigt.[302]

Er mochte damals kaum vierzig Jahre zählen und war ein kleiner Mann mit straffer Haltung und einem klugen Gesicht, dessen Züge auf eine eisernstrenge Sinnesart zu deuten schienen. Dazu trugen auch die starken schwarzen Augenbrauen bei, die ihm über der Nase in buschiger Fülle zusammengewachsen waren.

Er selbst versicherte, daß das Volk in Pommern von Männern mit solchen Augenbrauen glaubte, sie stünden mit dem Teufel selbst in gewisser Beziehung. Auf einer Bootfahrt von Greifswalde, wo er studirt hatte, nach der Insel Rügen war er einmal beinahe von den abergläubischen Schiffern über Bord geworfen worden, als ein wilder Sturm sie überfiel, weil sie ihm als Teufelskind die Fährnis, in der sie schwebten, zugeschrieben hatten. Doch – so erzählte er, der ein durchaus wahrhaftiger Mann war, weiter – doch die Macht, die ihm die wunderbaren Augenbrauen über andere und besonders über Leute aus dem Volk verlieh, hätte die Seeleute veranlaßt, von ihm zu lassen.

Es freute ihn auch, an einem der »gestrengen Herren« im Mai – ich glaube am Tage Pankratius – geboren worden zu sein; denn das schien ihn gleichfalls zu der stählernen Männlichkeit zu prädestiniren, die er wohl wirklich zu besitzen meinte. Doch so viele gute Eigenschaften ich ihm auch nachrühmen kann, gerade diese hatte die Natur ihm sehr entschieden versagt.

Nachdem wir aber erfahren hatten, welch lebenslustiger und nachgiebiger Gesell sich hinter dem eisernen Tyrannen, der uns aus den schwarzen Augen unter der dunkeln, dichten Haarhecke, die sie verband, bedrohlich entgegenschaute, verborgen hielt, war die Scheu gebrochen, und[303] endlich fanden wir es ungefährlich und leicht genug, ihn zu veranlassen, ein entschiedenes »Nein!« in ein nachgiebiges »Ja« zu verwandeln.

Seiner Gattin gegenüber war es ihm ebenso ergangen; denn sie führte mit unumschränkter Gewalt das Scepter im Hause, und doch war sie ein Geschöpf wie ein Hauch, von dem man bei der ersten Begegnung denken mußte, daß es vielleicht die letzte sei; denn sie war von einer an Durchsichtigkeit grenzenden Hagerkeit, und so lange ich sie kannte, erschütterte ihr ein böser Husten den zarten Leib. Aber wenn zusammengewachsene Augenbrauen wirklich auf männliche Thatkraft deuten, war der Geist, der in dieser gebrechlichen Hülle lebte, mit solchen versehen.

Eine energischere und thätigere Hausfrau konnte man suchen. Mit der Feder war sie als Gehilfin des Gatten so schnell bei der Hand wie mit der Zunge. Die meisten Berichte über mich sind von ihrer Hand und vortrefflich geschrieben. Dazu schenkte sie dem Gemahl ein kräftiges, hübsches Kind nach dem andern und gönnte sich dabei, wenn sie mit einem neuen gesegnet worden war, nur kurze Erholung.

Ich bin der Pate des einen, und mein Mitpensionär von Lobenstein teilte mit mir diese Ehre. Die heilige Handlung wurde im Boltzeschen Hause verrichtet. Der Vater und wir sollten je einen Namen auf einen Zettel schreiben und ihn neben das Taufbecken legen, Also geschah es. Wir aber hatten den wunderlichsten, der uns in den Sinn gekommen war, zu Papier gebracht, und als der Pastor die Zettel aufhob, verlas er die Namen Gerhard und Habakuk. Ich brauche nicht zu sagen,[304] wer den letzteren für den Täufling erwählte. Dank der Sorgfalt und Klugheit seiner wackeren Mutter und trotz seines kleinen Prophetennamens gedieh er indes vortrefflich, und ich hörte zu meiner Freude, daß er ein tüchtiger Mann und Besitzer eines Eisenwerks wurde.

Dieser Knabenstreich ist bezeichnend für den Ernst der Beziehungen, die uns verbanden. Trieben wir es nicht gar zu bunt, so hielt es Frau Boltze immer mit uns und wußte die finster zusammengezogenen Augenbrauen des Gatten schnell genug zu glätten.

Uebrigens war es ein wahres Vergnügen, mit der Frau Doktor gut zu stehen; denn sie hatte als Tochter eines höheren Beamten eine ausgezeichnete Erziehung genossen und machte ihrer Vaterstadt Berlin durch schnellen Witz alle Ehre. Ihre Art und Weise forderte auch uns zum Scherzen heraus, und es ging darum heiter genug her in unserem Hause. Manche Stunde, die ich eigentlich der Arbeit hätte widmen sollen, verplauderte ich mit der frischen, amüsanten Frau, die alles wußte, was in der Stadt vorging, und es gern in das Licht des Komischen rückte.

Hätte Dr. Boltze seines Amtes als Tutor mit größerer Energie gewaltet, wäre es uns besser gewesen; sonst aber weiß ich ihm nichts nachzusagen als Gutes; denn er war ein liebevoller Vater und Gatte, ein ausgezeichneter Lehrer und tüchtiger Gelehrter. Die Erfindungen, die er auf mechanischem Gebiete machte, sollen, wie mir von kundiger Seite versichert wurde, für jene Zeit bedeutend und eines besseren Erfolges, als sie thatsächlich erzielten, würdig gewesen sein. Es gehörte dazu ein durch Elektrizität bewegter Wagen. Auf ihn und andere Erfindungen setzte er die größten Hoffnungen, und wie oft hat er uns an[305] ihnen teilzunehmen gestattet und sich wie uns ausgemalt, was er beginnen, fördern, genießen und genießen lassen würde, wenn sein »Patent« ihn reich gemacht hätte.

Von diesem Ehepaar wurde die Mutter und ich freundlich empfangen, und im Gespräch mit ihm schwand der beklemmende erste Eindruck.

Die Prüfung am nächsten Morgen hätte mich beinahe weiter geführt, als ich erwartet; denn der Direktor, der mich übersetzen ließ, fand mich anfänglich reif für die Prima, doch der Prorektor Braune, der mich in der lateinischen Grammatik vornahm, erklärte, daß ich nur für die Secunda tauge, und mit diesem Bescheid kehrte ich zur Mutter zurück.

Der Direktor hatte einen seltsamen Eindruck auf mich gemacht. Einem so unruhigen Manne wie diesem Greise war ich noch nicht begegnet. Er hatte ein kluges, wohlgeformtes Gesicht und seltsam flackernde Augen. So lange ich übersetzte, war er mit dem Buch in der Hand vor mir auf und nieder geeilt. – In seiner Rede überstürzten die Worte einander, doch ihr Inhalt war klug, vielleicht sogar geistreich gewesen. Trotzdem hatte er weder Neigung noch Zutrauen in meinem leicht empfänglichen Herzen erweckt, und wenn ich die Art und Weise dieses Mannes, die so zerfahren war wie sein in getrennten Strähnen vom Haupte abstehendes weißes Haar, mit der gelassenen Mannhaftigkeit unseres Barop oder der ehrwürdigen Liebenswürdigkeit Langethals verglich, mußte ich lächeln.

Als ich das Prüfungslokal verließ, wurde ich von Dr. Boltze einem eleganten jungen Herrn, der eben einem Jagdwagen entstiegen war und den edlen Pferden, die[306] er selbst gelenkt hatte, die Hälse klopfte, als einem künftigen Schulkameraden vorgestellt.

Ich hatte ihn für einen nicht mehr ganz jungen Lieutenant in Zivil gehalten; denn der seine dunkle Schnurrbart, der kleine Backenbart und das militärisch gekämmte Haar, das sich auf dem Scheitel schon ein wenig zu lichten begann, ließen mich das Alter des Einundzwanzigjährigen um ein Lustrum überschätzen.

Mein neuer Tutor teilte ihm einiges über mich mit, empfahl mich seiner Gunst, und nachdem er uns allein gelassen hatte, ließ sich der seltsame Schulkamerad sehr wohlwollend in ein Gespräch mit mir ein.

Als ich ihm erzählte, daß der Direktor mich anfänglich in eine höhere Klasse haben setzen wollen, versicherte er, daß er Dr. Boltze nicht begreife. Wir hätten die Sache verkehrt angefangen. Bei dem Direktor sei auch Schwierigeres durch die Damen zu erreichen.

Als er erfuhr, wie alt, oder besser wie jung ich war, zeigte er sich sehr erstaunt, da er mich wenigstens für einen Siebenzehnjährigen gehalten. Das that mir wohl, und ich war auch für mein Alter ungewöhnlich kräftig entwickelt, ja auf der Oberlippe begannen schon blonde Härchen zu keimen, und die Stimme hatte ich bereits in Keilhau gewechselt.

Nachdem mir der neue Bekannte Dinge über das Gymnasium und seine Leitung mitgeteilt hatte, die mir kaum glaublich erschienen, ging er auf die Mitschüler über, unter denen sich einige »nette Leute« befänden, mit denen er mich bekannt machen wolle, und nannte eine Reihe von großenteils adeligen Namen, deren Träger wie er gekommen waren, um hier das Abiturientenzeugnis[307] zu erlangen, den Schlüssel, ohne den in Preußen so viele Thore verschlossen bleiben.

Schon durch ihn sollte ich erfahren, daß sich dies für denjenigen, der das Eisen zu schmieden verstand. hier zu jener Zeit leichter erreichen ließ als auf anderen Gymnasien.

»Die Weiber, die Weiber,« wiederholte er mehrmals. »Man tanzt, man schickt ein Bouquet, man ... Aber das werden Sie später alles erfahren. Es sind hier Dinge vorgekommen, Dinge ...«

Und nun weihte er mich in Ungeheuerlichkeiten ein, denen ich später als Augenzeuge beiwohnen sollte, von denen ich aber damals nicht wußte, ob sie mir ergötzlich oder ganz anders vorkommen sollten.

Ich behielt natürlich meine Bedenken für mich und stimmte mit ein, wenn er lachte; aber es wurde mir dennoch bänglich ums Herz. Konnte ich mich diesen Kameraden entziehen, wenn sie sich zu mir, dem so viel Jüngeren, herabließen? Und ich war doch hieher gekommen, um fleißig zu sein, die Universität bald zu erreichen und der Mutter Freude zu machen.

Arme Frau! Sie hatte sich so sorgfältig erkundigt, bevor sie mich hieher schickte, und welch ein gefährlicher Boden für einen zum Jüngling heranreifenden, früh entwickelten Knaben war diese Fabrikstadt, eine wie übel geleitete Anstalt das Kottbuser Gymnasium von damals, welche Elemente hatten den Weg in diese Schule gefunden!

Rein, voll schöner Ideale war ich hieher gekommen. Der beste Wille beseelte mich; doch schon der erste Tag ließ mich ahnen, wie viele Hindernisse sich hier seiner Bethätigung entgegenstellen würden. Dazu begriff ich noch[308] nicht, welche Gefahr in der Redeweise lag, deren der neue Kamerad sich bediente.

Was mir bis dahin als heilige Pflicht erschienen war, verkehrte sich in dem hübschen Munde dieses keineswegs schlecht begabten oder verderbten jungen Mannes in eine garstige, wo es geschehen konnte, zu umgehende Plage. Statt der Achtung, die uns in Keilhau unsere Erzieher abgezwungen hatten, hörte ich von dem Leiter dieser Schule im Ton der wegwerfenden Geringschätzung reden. Vieles, was mir hoch und verehrungswürdig erschienen war, sah ich belächeln, und von manchem Unerlaubten. das bis dahin noch außerhalb meiner Lebensspäre gelegen hatte, hörte ich reden wie von einer vergnüglichen Zubehör des Daseins.

All die jungen Herren, die das Examen hieher gezogen hatte, waren Söhne guter Familien, und sie befleißigten sich sämtlich eines durchaus wohlanständigen Betragens; – aber die Rolle, die diese Schüler, und ich bald mit ihnen, in der Gesellschaft, auf den Bällen und bei allen Vergnügungen der gebildeten Kreise der Stadt spielten, in der es damals weder eine Garnison noch ein größeres Gericht gab, war eine so hervorragende, die Lebensanschauungen und Gewohnheiten, die sie mit sich brachte widersprachen der Vorstellung, die sich jeder Verständige von einem deutschen Gymnasiasten macht, so vollkommen, daß die Anwesenheit dieser jungen Herren der Schule zum Nachteil gereichen mußte.

Natürlicherweise konnte das alles auf die Dauer den oberen Behörden nicht verborgen bleiben.

Der alte Direktor wurde plötzlich in den Ruhestand versetzt und einer der hervorragendsten Schulmänner an[309] seine Stelle berufen, dem es auch schnell gelingen sollte, aus dem verkommenen Kottbuser Gymnasium eines der allertüchtigsten in Preußen zu machen.

Ich hatte das Mißgeschick, länger als zwei Jahre unter dem Regiment des ersten Direktors, und das Glück, beinahe ebenso lange unter der Leitung seines Nachfolgers, Schüler dieser Anstalt zu sein.

Die Mutter war mit dem Ergebnis der Prüfung zufrieden, und am Nachmittag, der ihr folgte, fuhr sie mit mir zu den Komptendorfer Verwandten.

Mich in erreichbarer Nähe von diesen prächtigen Menschen zu wissen, mußte ihr wohlthun; denn Frau von Berndt vereinte in sich die Feinheit der in der großen Stadt erwachsenen Dame mit der liebenswürdigen von Herzen kommenden Freundlichkeit der Herrin des Dorfes.

Ihr Gatte wußte jedem das vollste Vertrauen abzugewinnen, dem er mit den überaus redlichen, klugen blauen Augen ins Antlitz schaute. Er war ein Hüne von Gestalt, dessen wohlgebauten Riesenleib ein schöner Ritterkopf mit blondem Haar und Bart krönte. Seine Hand, die ich wahre Wunder von Manneskraft verrichten sah, verstand mit seiner Künstlerschaft Klavier zu spielen, und die Derbheit, die er im Verkehr mit Bauern und gelegentlich auch mit den Gutsnachbarn zur Schau trug, wandelte sich in rücksichtsvolle Liebenswürdigkeit, wenn er mit der Gattin und anderen Damen verkehrte.

Er hatte die juristische Laufbahn verlassen, um das etwas verkommene väterliche Gut zu übernehmen, und es in kurzer Zeit in eins der am besten gehaltenen verwandelt.

Mit Leib und Seele Landwirt, freute es ihn, auch[310] andere an seinem Gelingen teilnehmen zu lassen, und wie oft durfte ich mit ihm seine Fluren durchwandern.

Es hatte ihm wohlgefallen, daß ich, das Stadtkind, in Feld und Wald so gut Bescheid wußte, und so lud er mich schon beim ersten Besuch ein, ihn oft zu wiederholen.

Sehr befriedigt fuhren wir in die Stadt zurück. – Am folgenden Morgen nahm ich von der Mutter Abschied und war nun in der Fremde allein.

Der Schulbesuch begann.

In manchen Stücken war ich den anderen Secundanern voraus, – in anderen sie mir! doch das kümmerte mich wenig; denn ich kam auch so fort, und der Unterricht von damals bot mir nichts Rechtes. An meinem Fleiße lag es nicht, wenn ich regelmäßig von einer Klasse in die andere versetzt wurde.

Die Schule erschien mir wie ein notwendiges Uebel. Erst nach ihrem Schluß begann das rechte Leben, und der mir eigene Frohmut beherrschte mich auch hier.

Die Stadt bot mir wenig Erfreuliches; auf dem Lande aber blühte mir desto mehr voll entgegen. Nach Komptendorf ging es leider weit seltener, als ich gewünscht hätte; denn zu Fuß bedurfte man zwei guter Stunden, um es zu erreichen, und ein Wagen oder Pferd war nicht immer für mich verfügbar.

Mancher Samstag führte mich aber dennoch dorthin, und das Herz ging mir auf, wenn ich das stattliche Herrenhaus betrat, das man nicht ohne Grund »das Schloß« nannte. Welchen Genuß bereitete es mir, mit der freundlichen Wirtin von daheim und anderen guten Dingen plaudern oder ihr etwas vorlesen zu dürfen.[311] Doch ich ging auch gern in die Kinderstube, wo prächtige Mädchen und Knaben heranwuchsen, oder mit ihrem Gatten auf das Feld, oder, war die Schonzeit vorüber, mit der Finte auf dem Rücken den Hafen und Rebhühnern nach.

Der Jäger, den der Gutsherr hielt, hieß Balzer, und er weihte mich in die Kunst des edlen Weidwerkes ein. Da hab' ich denn manches Stück Wild geschossen, und das Herz schlug mir höher, als mir der erste Fuchs zu Gesicht kam, und mein Schrot ihn erlegte.

In dem gastlichen Berndtschen Hause lernte ich auch die Gutsnachbarn kennen, und mancher Einladung, sie zu besuchen, leistete ich Folge. Auch durch Mitschüler und Pensionäre wurde ich auf Güter in der Nähe der Stadt geführt, und endlich lud man mich auch zu den Bällen, die in dem Städtchen Drebkau die Herren und Damen vom Lande bisweilen vereinten.

Schon im zweiten Jahre meines Kottbuser Aufenthaltes war ich ein wenig überall, wo auf einem der Nachbargüter getanzt wurde. Auch in manches angenehme Haus in der Stadt wurde ich eingeführt, und besonders dem des Rechtsanwalts Behm verdanke ich heitere Stunden. Bei der Schwester des Herrn von Berndt, einer Majorin von Diepow, die liebe und hübsche Töchter hatte, trank ich manchmal in behaglichem Familienkreise Thee. Dazu kam das Tanzen und Reiten und die Fülle der Spaziergänge, die mich bald mit Dr. Boltze und den Mitpensionären, bald mit auserwählten Freunden und oft auch allein ins Freie führten.

Von Keilhau her war mir die Bewegung in der Natur zum Bedürfnis geworden, und ich hatte bald entdeckt,[312] daß es sich verlohnte, von Kottbus aus eine Wanderung zu unternehmen.

Die Mark Brandenburg, in der es liegt, ist ja flach, und dazu an vielen Stellen recht sandig; aber schon bei einer früheren Gelegenheit bekannte ich, daß sie landschaftliche Reize besitzt, die mir lieb sind.

Auch in unmittelbarer Nähe von Kottbus gibt es sehr hübsche Partien an dem noch reinen und jungen Spreeflusse, in dessen unterem Laufe sich die stolzen Häuser und Paläste der großen Reichshauptstadt spiegeln. Dabei denke ich besonders an die kleinen, bescheidenen, von der Kunst unberührten, nur den Eingeweihten bekannten Waldstellen auf dem hügeligen Boden am Saume des klaren Flusses. Ich kannte sie alle, und als es mich zum Dichten zu drängen begann, bin ich am liebsten ganz allein hinausgegangen, und habe im Kiefernschatten die Muse gerufen.

Aber oft führte uns auch eine sonntägliche Wanderung, die nicht selten schon am Sonnabend Nachmittag begann, weiter fort, gewöhnlich in fröhlicher Gesellschaft und etlichemale auch mit unserem gestrengen Tutor, der bei solchen Partien, vergnügter als der Jüngste, eher unserer Hütung bedurfte als wir der seinen. So habe ich das herrliche Muskau besucht, und sehr viel öfter noch den schönen Spreewald, ein kleines, von vielen Armen des Stromes und zahllosen Kanälen und Kanälchen reich bewässertes Gebiet, das still und regungslos unter üppigen Laubmassen ruht, wie ein um Mittag im Schatten dichter Baumkronen entschlummertes Kind.

Die hier an den Ufern wachsenden Erlen und Weiden, die Linden und Eichen sind von köstlicher Pracht, Vögel[313] in Menge fliegen zwitschernd und rufend von einem Busch und Ast auf den andern, der gesamte menschliche Verkehr aber wird wie in Venedig durch lautlos dahingleitende Nachen vermittelt.

Da rasselt kein rollendes Rad, da wiehert kein Pferd, da knallt keine Peitsche, da erschallt kein »Huist« und »Hot« hinter dem Pfluge; denn die Hand des Landmanns gräbt die Beete um, die Berlin mit Gurken, Zwiebeln und anderem Gemüse versorgen.

Von breiten Baumkronen überdacht spiegeln sich die Häuser der Bewohner in den stillen, dunklen Wassern.

Am häufigsten führte mich, wie gesagt, der Sonntag in diese eigenartig schöne Landschaft. Da mußte man oft lange gehen oder das Wasser befahren, um den zur Kirche ladenden Klang der Glocken zu vernehmen; denn die Häuser der Bauern liegen weit auseinander und sind nur an wenigen Stellen zu Dörfern vereint. Aber gerade in der Frühe des Sonntags sind die Wasseradern und grünen Ufer mit der anmutigsten Staffage geschmückt. Die hübschen Spreewaldmädchen zeigen sich dann in der prächtig malerischen Tracht, die damals noch von all den »Hankas« – so hießen die meisten – getragen wurde. Der Teint sehr vieler war so weiß und rein wie der einer Städterin; denn der größte Teil ihres Lebens und ihrer Arbeit vollzog sich unter schützendem Schatten.

Wie in der ganzen Kottbuser Gegend, wurde auch hier die Sprache der Urbewohner dieser Provinz, das »Wendische«, gesprochen. Im Spreewald lernte ich die Worte kennen, die »Hanne, Du bist mein Liebchen« und »gib mir einen Kuß« bedeuten; später aber erfuhr ich, wie so manches Interessante dies Idiom dem Linguisten bietet.[314]

Wer ein treues und bis ins einzelne ausgeführtes Bild von dieser merkwürdigen Landschaft kennen lernen will, an die mich auch viel in Holland und manches Hobbemasche Gemälde erinnerte, der nehme den Roman von Wilhelm Bölsche »Die Mittagsgöttin« zur Hand, der zum größeren Teile dort spielt. Er enthält eine Fülle von Naturschilderungen, deren Wahrheit und Anschaulichkeit ihresgleichen suchen.

Besser noch thut er freilich, wenn er sich selbst in dies von Berlin aus so leicht und schnell zu erreichende Stück aus einer fremden, ganz für sich bestehenden Welt begibt.

Es wird ihm auch materiell nicht übel ergehen, wenn die saure Milch, die Butter und das Schwarzbrot so schmackhaft geblieben sind wie vor vierzig Jahren. Die Krebse, die nach dem Urteil von Kennern in ganz Europa nicht ihresgleichen haben sollen, und von denen ganze Wagenladungen in die vornehmen Restaurants von Paris wanderten, sind sicher nicht ausgestorben.

Bei jeder Fahrt in den Spreewald gab es des Schönen und Vergnüglichen genug, aber des stillen Aufenthaltes in meinen lauschigen Waldwinkeln am Ufer des Flusses erinnere ich mich doch noch lieber.

Quelle:
Ebers, Georg: Geschichte meines Lebens. Vom Kind bis zum Manne. In: Gesammelte Werke, 25. Band, Stuttgart, Leipzig, Berlin [um 1895]., S. 298-315.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Geschichte meines Lebens. Vom Kind bis zum Manne
Die Geschichte Meines Lebens; Vom Kind Bis Zum Manne

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