11. Kapitel. (Fortsetzung.) Die Blütezeit der jüdischen Wissenschaft, die Epoche Saadias und Chasdaïs. Europa. 940-970.

[326] Die vier Gründer neuer Talmudlehrhäuser in Afrika und Europa. R' Mose ben Chanoch und die Gemeinde von Cordova. R' Chuschiel und die Gemeinde von Kairuan. Dunasch ben Tamim. Sabbataï Donnolo und der heilige Nilus. Die Juden in Spanien; der jüdische Minister Chasdaï Ibn Schaprut, sein Charakter und seine Taten. Sendschreiben an den jüdischen Chaǵan Joseph von Chazarien. Schwächung des Chazarenreiches durch die Russen. Menahem ben Saruk und Dunasch ben Labrat. Die Einführung des neuhebräischen Versmaßes. Aufblühen der jüdischspanischen Poesie. Das Lehrhaus in Cordova. R' Chanoch und Ibn Abitur. Chasdaïs Tod.


Mit dem Untergange des Exilarchats und der suranischen Hochschule verlor Asien die Führerschaft über die Gesamtjudenheit. Wenn sich Pumbadita unter Aaron Ibn-Sarǵadu geschmeichelt hatte, die Alleinherrschaft zu behaupten, so war es in einer Selbsttäuschung befangen. Innere Streitigkeiten arbeiteten an dessen Auflösung nach Ibn-Sarǵadus Tode. Kohen-Zedeks Sohn, mit Namen Nehemia, der schon mit ihm rivalisierte, aber keinen Anhang gefunden, hatte sich durch ein Manöver zum Schulhaupte aufgeworfen (960)1, aber das Kollegium war gegen ihn, geführt von dem, dem alten Adel entsprossenen Oberrichter Scherira ben Chanania. Nur wenige Mitglieder und reiche Laien unterstützten Nehemia, die Gegner versagten ihm aber die Anerkennung während seiner ganzen Funktionsdauer (960-68)2. Und, während zwei Parteien sich das Gaonat von Pumbadita und hiermit die [326] religiöse Autorität über die Judenheit streitig machten, hatten die vier Gefangenen aus Sura (o. S. 316) neue Talmudlehrhäuser in Ägypten, Afrikija (Kairuan), Spanien und Frankreich gegründet und dadurch die Gemeinden vom Gaonate losgelöst. Diese vier Männer, welche den Blütenstaub talmudischer Geistesbefruchtung nach verschiedenen Punkten trugen, waren: R' Schemaria ben Elchanan, welcher vom Admiral Ibn-Rumahis in Alexandrien verkauft, dann von der jüdischen Gemeinde ausgelöst wurde und endlich nach Misir (Kahira) gelangte; der zweite war R' Chuschiel, der an der Küste Afrikas verkauft wurde und dann nach Kairuan kam. Der dritte war wahrscheinlich Nathan ben Isaak Kohen, der Babylonier, der vielleicht nach Narbonne gelangte3. Der vierte, R' Mose ben Chanoch erfuhr von allen am meisten Fährlichkeiten. Er war der einzige Verheiratete unter den vieren; seine schöne und fromme Frau, so wie sein Sohn im Kindesalter hatten ihn auf seiner Fahrt begleitet und gerieten mit ihm in Gefangenschaft. Ibn-Rumahis hatte aber auf das schöne Weib sein lüsternes Auge geworfen und gedachte, ihr Gewalt anzutun. Da fragte sie ihren Gatten auf Hebräisch, ob die im Meere Ertrunkenen die Auferstehung zu erwarten haben, und als er es ihr mit einem Bibelverse bejahte, stürzte sie sich ins Meer und ertrank. Tief betrübt und im Sklavengewande wurde R' Mose ben Chanoch mit seinem Söhnchen nach Cordova geschleppt und von der jüdischen Gemeinde ausgelöst; sie ahnte nicht, daß sie in ihm die Suprematie Spaniens über die Judenheit erworben hatte. R' Mose verriet nicht seine tiefere Talmudkunde in der Gemeinde, wohin er verschlagen wurde, um nicht von der Gottesgelehrtheit Nutzen zu ziehen. Er galt daher Anfangs als schlichter Gefangener. In ärmlicher Kleidung trat R' Mose in das Lehrhaus von Cordova, dem ein Richter-Rabbiner, Namens Nathan, mit sehr dürftigen talmudischen Kenntnissen. [327] vorstand, aber in Spanien als ein Licht angestaunt wurde. Mose setzte sich wie ein unwissender Zuhörer in einen Winkel an der Tür. Als er aber wahrnahm, daß Nathan bei der Erklärung einer Talmudstelle sehr schülerhaft verfuhr, wagte er bescheiden einige Einwürfe, die den Meister verrieten4. Die Zuhörer im Lehrhause waren erstaunt, in dem eben losgekauften Gefangenen in Bettlergestalt einen tiefen Talmudkundigen zu erblicken. R' Mose wurde gedrängt, die betreffende Stelle zu erläutern und noch andere Fragen zu lösen, was er mit großer Sachkenntnis zur größten Verwunderung des Zuhörerkreises tat. Noch an demselben Tage erklärte Nathan vor den Parteien, die seiner richterlichen Entscheidung harrten: »Ich mag nicht mehr euer Richter und Rabbiner sein; jener Fremde in ärmlicher Kleidung mag von jetzt an euer Dajjan werden« – eine seltene Selbstlosigkeit! Sofort wählte die reiche Gemeinde von Cordova R' Mose zu ihrem rabbinischen Oberhaupte, machte ihm reiche Geschenke, setzte ihm einen Gehalt aus und stellte ihm einen Prachtwagen zur Verfügung. Als der Admiral Ibn-Rumahis hörte, daß sein Gefangener der Cordovaner Gemeinde so teuer war, wollte er den Kauf rückgängig machen, um einen höhern Preis zu erzielen. Da appellierten die Juden beim gerechten Kalifen Abdul-Rahman III., unter Vermittlung des jüdischen Staatsbeamten Chasdaï, und stellten ihm vor, daß sie sich vermittelst des R' Mose von dem Gaonat des morgenländischen Kalifenreiches loszulösen vermöchten. Abdul-Rahman, der es ungern gesehen hatte, wie alljährlich bedeutende Summen aus seinem Lande für das Gaonat, also für das Land des ihm feindlichen Kalifats, ausgeführt wurden, war froh, daß in seinem eigenen Reiche eine Stätte für das Talmudstudium gegründet werden sollte, und bedeutete seinen Admiral, von der Forderung abzustehen5. So wurde Cordova der Sitz eines bedeutenden, vom Gaonat unabhängigen Lehrhauses. Wie R' Mose, so gründeten seine ehemaligen Mitgefangenen, die ebenfalls bald in den Gemeinden von Kahira und Kairuan als überlegene Talmudkundige erkannt wurden, bedeutende Talmudschulen für Ägypten [328] und das fatimidische Kalifat und rissen unwillkürlich die Gemeinden dieser Länder von dem Gaonate los6.

Kein Land war aber unter den damaligen politischen und kulturgeschichtlichen Verhältnissen geeigneter, Mittelpunkt für die Gesamtjudenheit zu werden und die von Babylonien schwindende Führerschaft zu übernehmen, als Spanien oder das mohammedanische (maurische) Andalusien. Denn Ägypten war kein selbständiges Reich, sondern nur eine Provinz des fatimidischen Kalifats, welche die Politik eines jüdischen Renegaten dafür erobert hatte. Auch bot Ägypten keinen Boden für eine höhere Kulturblüte, sondern blieb auch jetzt, wozu es die Natur bestimmt hat, eine Kornkammer. Das in Afrika gegründete Reich der Fatimiden, Italien gegenüber, mit der Hauptstadt Kairuan (später Mahadia), gewährte allerdings einige Grundbedingungen zur Entwicklung des Judentums, und hätte ein Hauptschauplatz für die jüdische Geschichte werden können. Die reiche Gemeinde von Kairuan nahm das lebhafteste Interesse am Talmudstudium, wie an wissenschaftlichem Streben. Sie hatte noch vor R' Chuschiels Ankunft ein Lehrhaus mit einem Oberhaupte, der den Ehrentitel »Vorsteher der Lehrversammlung« (Resch-Kalla, Rosch) führte7. Wie sie dem verbannten Exilarchen Ukba Gastfreundschaft und Ehrenbezeugung bewilligte (o. S. 280), so nahm sie den dahin verschlagenen R' Chuschiel ehrenvoll auf, übertrug ihm den Titel Rosch und gewährte ihm die Mittel, dem Talmudstudium einen höheren Aufschwung zu geben. Dieser erzog während seiner Wirksamkeit (950-80) zwei Jünger, welche später als Autoritäten anerkannt wurden, seinen Sohn Chananel und einen Eingeborenen Jakob ben Nissim Ibn Schahin. Der Philosoph, Leibarzt und Günstling der ersten zwei Kalifen Isaak Israeli (o. S. 266) hatte Samen für eine jüdische Wissenschaft ausgestreut und deren Wachstum einem Jünger anvertraut, der ihm auch die Hofgunst zuwenden konnte.

Dieser Jünger Abusahal Dunasch Adonim ben Tamim (geb. um 900, starb um 960)8, der Vertreter der jüdischen Wissenschaft [329] im fatimidischen Reiche, war Leibarzt bei dem dritten fatimidischen Kalifen Ismael Almansur Ibn' ul Kaim und vielleicht auch schon bei dessen Vater. Er stand in einem so günstigen Verhältnisse zu diesem, die Wissenschaft fördernden Kalifen, daß er ihm eines seiner astronomischen Werke widmete9. Dunasch ben Tamim stammte aus Irak, bildete sich aber schon in seiner Jugend in Kairuan unter Isaak Israeli aus, von dem er Medizinisches, Sprachliches und Metaphysik erlernte. Schon als zwanzigjähriger Jüngling hatte er ein reifes Urteil und kritisierte Saadias Schriften, die dahin gebracht wurden10. Dunasch ben Tamim umfaßte den ganzen Kreis der damals beliebten Wissensfächer vollständig und verfaßte Werke über Medizin, Astronomie und über die damals neu eingeführte indische Rechnungsweise. Er gibt schon eine Rangordnung der damals gepflegten Wissenschaften an. Die niedrigste Stufe nehmen, nach seiner Schätzung, die Mathematik, Astronomie und Musik ein. Höher stehen Naturwissenschaft und Arzneikunde, auf der höchsten Stufe aber die Metaphysik, die Erkenntnis Gottes und des Geistes (der geistigen Wesen)11. Die Ausbildung der Medizin schreibt Ben-Tamim wunderlicherweise einem jüdischen Verfasser zu. Er behauptet nämlich, die im Mittelalter hochgefeierte medizinische Autorität Galenus sei kein anderer gewesen, als der jüdische arzneikundige Patriarch Gamaliel (B. IV,4 S. 358). Diese seine Schrulle beruhte auf einem Machwerk, das damals in arabischer und hebräischer Sprache zirkulierte12. Dunasch ben [330] Tamims Leistungen auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft sind nicht sehr bedeutend. Er verfaßte eine hebräische Grammatik, die aber weiter nichts enthielt als eine Vergleichung der hebräischen mit den arabischen Spracherscheinun gen13. Dann schrieb er eine Erklärung zu dem rätselhaften Buche der Schöpfung (955-56), weil ihm Saadias Arbeit darüber ungenügend erschien. Aber er hat ebensowenig wie Saadia die eigentümliche Idee dieses Weltschöpfungssystems ergründet. Die Araber stellten Dunasch ben Tamim so hoch, daß sie von ihm fabelten, er sei zum Islam übergetreten14, um ihn zu den Ihrigen zählen zu können; er blieb aber sicherlich bis an sein Lebensende dem Judentume treu, stand mit dem jüdischen Staatsbeamten Chasdaï in brieflichem Verkehr und arbeitete für ihn ein astronomisches Werkchen über den jüdischen Festkalender aus.

Indessen, wenn auch Dunasch ben Tamim keine glänzende Erscheinung war, so hätte er der Kairuaner Gemeinde, und von da aus größern Kreisen, Anregung zu wissenschaftlicher Auffassung des Judentums geben können. Allein das fatimidische Kalifat war nicht geschaffen, Kulturboden für die Juden zu werden. Der fanatische Ursprung der fatimidischen Dynastie – zustande gebracht durch einen schwärmerischen Missionar, der in dem Kalifen vom Hause Ali eine Art verkörperter Gottheit erblickte, und gegründet von einem betrogenen Betrüger, der sich für den wahren Imam und Mahdi (Gottpriester) ansehen und verehren ließ – durfte folgerichtig das Judentum nicht dulden. Das einfache Vorhandensein von Andersgläubigen war schon ein tiefgreifender Zweifel an der Gottmenschheit des Mahdi. Wie die Nachfolger des ersten christlichen Kaisers, so gebrauchten auch die Nachfolger des ersten fatimidischen Kalifen das Schwert als Mittel zur Ausbreitung der Religion. Bald trat ein Fatimide auf, der, was seine Vorfahren aus Nachsicht verabsäumt hatten, gründlich nachholte und die Lehre vom göttlichen Imamat mit blutigem Fanatismus predigte. In solcher Umgebung konnte sich das Judentum nicht zum Lichte emporarbeiten; es bedurfte dazu günstigerer Lagen.

[331] Noch weniger als die mohammedanischen Reiche, Ägypten und Nordafrika, vermochten die christlich-europäischen Länder Kulturstätten für das Judentum zu werden. Dort herrschte damals noch eine reckenhafte Barbarei und die entschiedenste Ungunst für ein geistiges Leben. Die Juden standen nicht minder auf sehr niedriger Stufe; daher ist die geschichtliche Erinnerung über die europäisch-jüdischen Gemeinden stumm. Hier und da gab es in Italien Talmudkundige, wie in Oras (Oria bei Otranto), aber sie brachten es kaum über die Mittelmäßigkeit hinaus15. Überhaupt haben die italienischen Juden in keinem Fache Meisterschaft erlangt, sie blieben stets fleißige und treue Jünger fremder Lehrer. In Babylonien machte man sich daher über »die Weisen« Roms, d.h. Italiens, weidlich lustig16. Selbst Sabbataï Donnolo, der Vertreter der jüdischen Wissenschaft in der saadianischen Epoche in Italien, erscheint als eine mittelmäßige, wenn nicht gar kleinliche Persönlichkeit. Dieser Mann ist auch mehr durch seinen Lebensgang, als durch seine Leistungen bekannt geworden.

Sabbataï Donnolo (Δόμνουλος, geb. 913, starb um 970)17 aus Oria, geriet als zwölfjähriger Knabe in Gefangenschaft, als die Mohammedaner des fatimidischen Reiches unter dem Feldherrn G'afar Ibn-Ubaid über die sizilische Meerenge drangen, Einfälle in Apulien und Kalabrien machten, die Stadt Oria plünderten und die Einwohner töteten oder als Gefangene wegschleppten (9. Tammus = 4. Juli 925). Zehn angesehene Gemeindeglieder von Oria fanden dabei den Tod, und Donnolos Eltern und Verwandte wurden nach Palermo und Afrika weggeführt. Er selbst wurde in Trani losgekauft. Verwaist und verlassen, war der junge Donnolo auf sich selbst angewiesen und erlernte die Heilkunde und die Unheilkunde der Astrologie, erlangte in beiden Fächern einen ausgebreiteten[332] Ruf18 und war Leibarzt des byzantinischen Vizekönigs (Basilicus) Eupraxios, der im Namen des Kaisers Kalabrien beherrschte. Durch die ärztliche. Praxis reich geworden, verwendete er sein Vermögen, um astrologische Schriften anzukaufen und Reisen zu machen, und bei astrologischen Meistern sich in dieser Afterwissenschaft zu vervollkommnen, um genau zu wissen, welche Planeten und Sterne einen günstigen und welche einen übeltätigen Einfluß üben. Donnolo gelangte auf diesen Reisen sogar bis Bagdad. Die Resultate seiner Forschungen legte er in einem Werke nieder (946), das ebenfalls einen Kommentar zum Schöpfungsbuche bildete (Chakmoni)19. Viel Weisheit war, nach den vorhandenen Bruchstücken zu urteilen, darin nicht enthalten. Aber der Verfasser schlug es so hoch an, daß er Sorge trug, daß sein Name »Sabbataï Donnolo aus Oras« auf die Nachwelt übergehe. Zu diesem Zwecke brachte er ihn in Akrostichen von sehr schlechten Versen und beschwor die Abschreiber seines Buches, den versifizierten Anfang ja nicht wegzulassen.

Indessen, so gering auch Donnolos Bedeutung neben seinem Zeitgenossen Saadia und anderen war, so erscheint er doch unendlich überlegen dem Vertreter der katholischen Frömmigkeit in dieser Zeit, seinem Landsmanne Nilus dem Jüngeren, den die Kirche heilig gesprochen hat. Das Verhältnis der beiden Italiener, des jüdischen Arztes und Astrologen und des Abtes von Rossana und Grotta Ferrata, gibt einen Maßstab für den Stand des Judentums und des Christentums in Italien in der Mitte des zehnten Jahrhunderts. Donnolo war mit Nilus von Jugend auf bekannt; sie waren vielleicht Leidensgenossen bei der Plünderung Unteritaliens gewesen. Als der jüdische Arzt den christlichen Asketen einst in einem krankhaften Zustande erblickte, den er sich durch übertriebene Kasteiung zugezogen hatte und von dessen Verkommenheit betroffen war, bot er ihm freundschaftlich und zuvorkommend ein [333] Heilmittel an, das ihn von der Fallsucht heilen sollte, der er entgegen ging. Der heilige Nilus schlug aber das Anerbieten aus und bemerkte, er wolle von einem Juden keine Medizin nehmen, um ihm nicht den Triumph zu verschaffen, sich rühmen zu können, er habe ihn, den Heiligen, den Wundertäter, geheilt. Denn das würde die einfältigsten Christen verleiten, ihr Vertrauen den Juden zu schenken20. Er verlasse sich mehr auf Gott, denn auf Menschen. Das Judentum strebte nach Licht, das mönchische Christentum nach Dunkelheit. Ein anderer Jude, der in Donnolos Gesellschaft einst bei Nilus war, forderte ihn auf, ihm etwas von Gott mitzuteilen; er scheint Lust zu einem Religionsdisput gehabt zu haben. Der Abt von Rossana wollte ihm aber nicht Rede stehen und meinte, seine Worte würden doch für die verstockten Juden ohne Eindruck verhallen, und er wollte nicht ins Wasser schreiben oder ins Meer säen. Er forderte aber ihn und Donnolo auf, ihm mit den Büchern des Gesetzes und der Propheten in seine Zelle zu folgen und so lange darin zu lesen, als Mose auf dem Berge Sinaï weilte, dann wollte er zu ihnen von Gottes Wort reden. Ironisch lehnten Donnolo und sein Genosse diesen Vorschlag ab21. Sabbataï Don nolo hat aber so wenig Wirkung hervorgebracht, daß es fast zwei Jahrhunderte bedurfte, ehe eine Persönlichkeit von einiger Bedeutung in Italien auftauchen konnte. Von dem niedrigen Bildungsstande der italienischen Juden und der Bedrückung, die sie erlitten, legt ein homiletisches Werk Zeugnis ab, das einen italienischen (römischen) Verfasser voraussetzt. Dieses Werk mit dem Titel (Tanna di-be Eliahu)22 läßt zwar den Propheten Eliah erzählen, ermahnen, predigen, verheimlicht aber doch nicht, daß es zur Zeit verfaßt sei, die bereits neun Jahrhunderte seit der Tempelzerstörung zählt. Es ist in einem, wenn auch fließenden, doch ermüdend schleppenden und geschwätzigen Stile geschrieben mit künstlicher Nachahmung älterer Agada-Manier, aber ohne deren epigrammatische Kernigkeit23. Es [334] schwimmt alles untereinander, Großes und Kleinliches, Erhabenes und Niedriges. Der Verfasser ermahnt zwar vielfach im Predigertone zur Demut, Bußfertigkeit, Redlichkeit in Wort und Tat, zum Almosenspenden und zu andächtigem Beten; aber er kennt kein höheres Ziel, als das Weilen im Lehrhause und das Zuhören der Vorträge, wenn man auch nicht viel davon verstehe. Der Prediger unter Eliahs Verkappung räumt zwar ein, daß ein Nichtjude gleich einem Israeliten des göttlichen Geistes teilhaftig werden könne je nach seinen Taten. Er schärft ein, daß ein Jude einen Andersglaubenden nicht einmal mit einer Kleinigkeit betrügen dürfe, »denn er ist als Bruder zu betrachten«. »Wer einen solchen bestiehlt, gegen ihn lügnerisch und meineidig verfährt, sein Blut vergießt, wird auch nicht zurückschrecken, an einem Glaubensgenossen ebenso zu handeln.« Dennoch warnt er, mit Nichtjuden an einer Tafel zu speisen und mit ihnen Umgang zu pflegen24, gerade wie die Geistlichen der französischen Konzilien im entgegengesetzten Sinne den Christen eingeschärft haben. Die Schrift des unbekannten Verfassers klagt oft über Zusammenrottungen des Pöbels, um die Habe der Juden zu plündern, und über die Folterqualen, welche ihre Dränger ihnen auflegen, bis ihnen die Seele ausgeht. Sie zeigt daher Schadenfreude über die wiederholten Einfälle der Ungarn in Westeuropa, von den christlichen Zeitgenossen als Skythen geschildert und vom Verfasser Gog und Magog genannt, welche über Israels Dränger ein schweres Strafgericht verhängen, »wie wir es täglich sehen«.25 – In derselben Zeit verfaßte ein anderer jüdisch-italienischer [335] Schriftsteller ebenfalls unter einem verkappten Namen eine Art Geschichte von der Weltschöpfung bis zum Untergange des zweiten Tempels durch die Römer, oder vielmehr er goß ein älteres arabisches Geschichtsbuch ins Hebräische um und fügte einige Zusätze hinzu. Er trat als der alte Geschichtsschreiber Josephus auf, verwandelte aber diesen Namen in Josippon26, mischte in seiner Darstellung Geschichtliches und Sagenhaftes bunt durcheinander und übertrug Zustände und Namen seiner Zeit aufs Altertum. Der Verfasser des hebräischen Josippon gebrauchte aber die heilige Sprache mit vieler Gewandtheit, fast in altbiblischer Färbung, und das ist auch sein einziges Verdienst.

Es gab also im zehnten Jahrhunderte nur ein einziges Land, das wie dazu geschaffen schien, dem Judentume ein fruchtbarer Boden zu werden, worauf es die schönsten Blüten treiben und zu einer höheren Entwicklung heranreifen konnte – das mohammedanische Spanien, welches den größten Teil der pyrenäischen Halbinsel umfaßte. Während das christliche Europa wieder in vollständige Barbarei versank, aus der es die ersten Karolinger mühsam zu befreien strebten, und während das morgenländische Kalifat das Bild des herannahenden Greisenalters darbot, brachte es das spanische Kalifat unter den Söhnen Omejas voller Manneskraft und Geistesfrische zu einer Kulturhöhe, die das Mittelalter fast vergessen macht. Unter Abdul-Rahman III. (mit dem Beinamen An-Nasir) – der zuerst den vollen Kalifentitel »Fürst der Gläubigen« (Emir-Al-Mumenin) [336] führen konnte – war Spanien ausschließlich der Sitz der Wissenschaft und der Kunst, die sonst fast auf dem ganzen Erdenrund geächtet oder mindestens unbeachtet waren. Mit ihm begann die klassische Zeit der muslemitischen Kulturblüte, die mit Wohlstand und Kraftfülle gepaart war; sie konnte aber nur diese Stufe erreichen, weil ihre Träger edle Fürsten waren, die von Vorurteil gegen die Bekenner einer anderen Religion frei waren. Am meisten galten in Spanien die Lieblinge der Musen, die Meister des wohllautenden Sanges und der geistreichen Rede. Ein gelungenes Gedicht wurde fast noch mehr gefeiert als ein errungener Sieg, und der Sieg war wieder Gegenstand der Poesie. Jeder Große, vom Kalifen bis zum letzten Provinzial-Emir, war stolz darauf, Gelehrte und Dichter zu seinen Freunden zu zählen und ihnen über die Sorge für die Lebensbedürfnisse hinwegzuhelfen. Die Männer der Wissenschaft und der Poesie wurden zu hohen Ämtern befördert und mit den höchsten Staatsinteressen betraut.

Dieser geistigen Atmosphäre konnten sich die Juden Spaniens bei der dem jüdischen Stamme innewohnenden leichten Regsamkeit und Empfänglichkeit nicht entziehen. Ihr Sinn wurde von Begeisterung für Wissenschaft und Dichtkunst ergriffen, und auch das jüdische Spanien wurde »eine Freistätte der Bildung und Geistesregsamkeit, ein duftender Garten heiterer, lebensfreudiger Poesie, sowie der Sitz ernster Forschung und hellen Denkens«27. Gleich den Muzarabern, den unter Mohammedanern wohnenden Christen, hatten sie sich mit der Sprache und Literatur des herrschenden Volkes vertraut gemacht und liefen ihnen nicht selten den Rang ab. Aber während die Muzaraber ihre Eigentümlichkeit an das arabische Wesen so weit aufgaben, daß sie ihre Muttersprache, das gotische Latein, vergaßen, ihre Bekenntnisschriften nicht mehr verstanden und ich des Christentums schämten 28, empfanden die Juden Spaniens [337] bei zunehmender Bildung nur noch mehr Vorliebe und Begeisterung für ihre heimatliche Sprache, ihr heiliges Schrifttum und ihre angestammte Religion. Weit entfernt, daß die Vertreter des Judentums die Aneignung des fremden Wesens verpönt und sie als Abfall gebrandmarkt hätten, waren sie Beförderer der arabischen Kultur; sie zogen daraus frische Säfte, um das Judentum zu verjüngen und zu veredeln. Durch ein Zusammentreffen glücklicher Umstände war das jüdische Spanien imstande, zuerst mit Babylonien einen Wettstreit anzutreten, dann ihm das Zepter zu entwinden und endlich die Führerschaft über die Judenheit fast ein halbes Jahrtausend zu behqupten. Mit Recht sang ein jüdischer Dichter (Charisi):


»Hispanien westlich gelegen,

Und Babylonien ihm östlich entgegen

Unter einem glücklichen Klima voll Segen;

Es mußte darum in beiden,

Gleichsam den Pfeilern zu des Erdballs Seiten,

Die Wissenschaft sich verbreiten

Und hier und dort, an beiden Enden,

Sich zum höchsten Ziele wenden.

So waren früher in Babels Kreisen

Die Weltweisen,

Und später in Sepharad

Die Klugen in Rat und Tat,

Kundig in des Gesanges Pfad.«

»Als der Sängerchor hörte auf zu singen,

Begann Hispanias Lyra zu klingen,

Als Ostens Söhne keinen Ton mehr fanden,

Da sind des Westens Dichter aufgestanden«29.


Drei Männer waren die Begründer der jüdisch-spanischen Kultur: der nach Cordova verschlagene Talmudkundige Mose ben Chanoch, der erste andalusische Grammatiker Menahem ben Saruk und der Schöpfer der Kunstform für die hebräische Poesie, Dunasch Ibn Labrat. Aber diese Kulturblüte konnte sich nur durch die Mithilfe eines Mannes entfalten, der vermöge hoher Begabung, gediegenen Charakters und hervorragender Stellung gewissermaßen die Sonne war, die die Knospe erst zum Aufbrechen trieb. Dieser Mann war Abu-Jussuf Chasdaï ben Isaak [338] Ibn Schaprut (geb. um 915, gest. um 970)30 aus der edlen Familie Ibn Esra, der den geistigen Bestrebungen Halt und Mittelpunkt gegeben und die lange Reihe jener hochgesinnten und hochgestellten Persönlichkeiten eröffnet hat, welche die Beschützung und Förderung des Judentums und seiner Wissenschaft zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben. Chasdaï war eine völlig moderne Gestalt, deren Charakter und Haltung ganz abwichen von dem Typus der vorangegangenen geschichtlichen Träger. Sein leichtes, geschmeidiges, anmutiges Wesen ließ weder die Schwerfälligkeit des Orientalen, noch den düstern Ernst des Juden erkennen; seine Handlungen und Äußerungen lassen ihn vielmehr als Europäer erscheinen, und mit ihm erhält die jüdische Geschichte ein – wenn man so sagen darf – europäisches Gepräge.

Chasdaïs Jugendgeschichte ist nicht bekannt. Seine Vorfahren stammten aus Jaën31; sein Vater Isaak, welcher wohl in Cordova wohnte, war wohlhabend, freigebig und ein Mäcen im kleinen; von ihm lernte sein Sohn die Schätzung der Wissenschaft und die würdige Verwendung des Reichtums. Chasdaï hatte sich auf die Arzneikunde und Sprachwissenschaft verlegt. Die erste eignete er sich jedoch nur theoretisch an; es wird ihm nur nachgerühmt, daß er eine Art Theriak erfunden hat, den die Araber unter dem Namen Faruk als Universalmittel betrachteten. Desto mehr Meisterschaft hatte Chasdaï Ibn Schaprut in der Sprachkenntnis und in der Diplomatenkunst. Er kannte nicht nur das Hebräische und Arabische so gut, daß er es schriftstellerisch behandelte32, sondern – was unter den Christen Spaniens höchstens die höhere Geistlichkeit verstand – auch das Lateinische. Der Kalife Abdul-Rahman III., der mit den kleinen christlichen Höfen Nordspaniens in diplomatischem Verkehr stand, wurde auf Chasdaïs Wert und Brauchbarkeit aufmerksam und ernannte ihn zu seinem Dolmetscher und diplomatischen Vermittler (um 940). Zuerst pflegte Chasdaï bloß als Gesandtschaftsbeirat den Hauptbotschafter an die christlichen Höfe Spaniens zu begleiten33. Je tüchtiger er sich aber bewährte und je mehr Dienste er dem Kalifen leistete, um so mehr wurde er von ihm [339] geschätzt und befördert. Einst errang Chasdaïs Diplomatenkunst einen großen Sieg. Er brachte einen König von Leon, Sancho Ramirez, und eine Königin von Navarra, Toda, samt Geistlichen und Großen nach Cordova, um einen dauernden Friedenstraktat mit Abdul-Rahman abzuschließen. Der Kalife belohnte seine Dienste mit der Belehnung solcher Ämter, durch welche er zugleich dem Staate noch mehr Dienste leisten konnte. Chasdaï wurde in einem gewissen Sinne Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Er hatte die Gesandten zu empfangen, ihre Geschenke und Diplome entgegenzunehmen und ihnen Gegengeschenke von seiten des Kalifen einzuhändigen. Er war aber auch zugleich Handels- und Finanzminister, indem durch seine Hände die Landeseinnahmen für Produkte und Zölle in die Staatskasse flossen34. Bei alledem hatte Chasdaï keinen bestimmten offiziellen Titel; er war weder Wesir (Haǵib bei den spanischen Arabern) noch Staatssekretär (Katib). Denn auch die Araber hatten anfangs ein zu starkes Vorurteil gegen die Juden, als daß sie diese in den Kreis der Staatswürdenträger hätten aufnehmen lassen sollen35. Noch war die eben aufblühende Kultur im mohammedanischen Spanien nicht imstande gewesen, die judenfeindlichen Aussprüche des Koran zu überwinden. Der gerechte und edle Fürst selbst, der zu seiner Zeit die größte Zierde des Thrones war, durfte sich nicht über diese angeborenen Vorurteile hinwegsetzen, die Juden selbst mußten sie erst durch ihre Geistesüberlegenheit nach und nach besiegen. Chasdaï hat zuerst unter den andalusischen Muslemin eine günstige Stimmung für seine Glaubensgenossen erweckt und sie durch seinen Zutritt zur Person des Kalifen vor Unbilden schützen können. Darum konnte ein jüdischer Sänger ihn mit den Worten preisen:


»Er nahm von seinem Volke das drückende Joch,

Weihte ihm seine Seele und nahm es ins Herz,

Zerbrach die Geißel, die es verwundete,

Und schreckte dessen herzlose Bedrücker von ihm zurück.

[340] Der Unvergleichliche sandte es seinem Überreste

Zum Trost und zum Heile.«36


In diesem Lobe ist nichts übertrieben. Chasdaï war in der Tat für die nahen und fernen Gemeinden ein Tröster und Befreier. Seine hohe Stellung und seine Reichtümer verwendete er zum Nutzen seiner Glaubensgenossen. Sein tief religiöser Sinn ließ ihn erkennen, daß er sein hohes Ansehen nicht seinem Verdienste, sondern der göttlichen Gnade zu verdanken habe, und er fühlte sich deswegen berufen, für seine Religions- und Stammesgenossen tätig zu sein. Über die jüdische Gemeinde der Hauptstadt Cordova hatte er eine Art richterlicher und politischer Oberhoheit inne37, sei es, daß sie ihm sein Gönner, der Kalife, übertragen, oder, daß sich ihm die Gemeinde freiwillig untergeordnet hat. Die babylonische Hochschule, der er reiche Spenden zufließen ließ, erteilte ihm den mehr pomphaften als inhaltreichen Titel »Oberhaupt des Lehrhauses« (Resch-Kallah)38, obwohl er vom Talmud wohl noch weniger verstand als jener R' Nathan, der seine Stelle R' Mose selbstlos überlassen hatte. Mit Dunasch ben Tamim stand er in schriftlichem Verkehr und ließ sich von ihm eine astronomische Berechnung des jüdischen Festkalenders anfertigen (o. S. 331). Mit Saadias Sohn Dossa stand Chasdaï ebenfalls in Briefwechsel und ließ sich von ihm die Lebensbeschreibung seines großen Vaters zu schicken39. Die Gesandten der vielen Herren, welche des Kalifen Gunst oder Schutz suchten und auch ihm Geschenke zu bringen pflegten, um sich seiner Fürsprache zu vergewissern, fragte Chasdaï über den Stand der Juden unter ihnen aus und suchte sie günstig für seine Glaubensgenossen zu stimmen.

Bei zwei Gesandtschaften der mächtigsten Höfe Europas spielte Chasdaï eine Rolle, und sein Name wurde in ihre Geschichte verflochten. Das von vielen Seiten bedrängte und verrenkte byzantinische Kaisertum, das sich Jahrhunderte lang als Mumie erhalten [341] hat, bedurfte stets auswärtiger Stützen. Der schwache und pedantisch gelehrte Kaiser Konstantin VIII.40, Sohn und Bruder der Kaiser, welche den Juden so viel Leid zugefügt haben (o. S. 256), suchte eine diplomatische Verbindung mit dem mächtigen muslimitischen Beherrscher Spaniens, um einen Bundesgenossen gegen das morgenländische Kalifat zu gewinnen. Er schickte daher eine feierliche Gesandtschaft nach Cordova (um 944-949)41, und, um recht vielen eitlen Glanz zu entfalten, gab er ihr reiche Geschenke mit, darunter auch ein schönes Exemplar eines griechisch-medizinischen Schriftstellers (Dioskorides) über die einfachen Heilmittel, nach welchem der Kalife und sein medizinisches Kollegium Verlangen hatten. Die Gesandten des judenfeindlichsten Hofes wurden von dem jüdischen Staatsmanne empfangen und zur Audienz geführt. Aber das Buch, auf das die arabischen Ärzte und Naturforscher einen so hohen Wert legten, war für sie mit sieben Siegeln verschlossen; niemand verstand es zu lesen. Abdul-Rahman erbat sich daher vom byzantinischen Kaiser einen kundigen Mann, der neben dem Griechischen auch das Lateinische verstände, und Konstantin sandte, um sich dem mohammedanischen Hofe gefällig zu zeigen, einen Mönch Nikolas, der Dolmetscher sein sollte. Unter allen Ärzten Cordovas verstand aber nur Chasdaï das Lateinische. Er wurde daher vom Kalifen beauftragt, sich an der Übersetzung zu beteiligen, so daß Nikolas das griechische Original ins Lateinische und Chasdaï dieses ins Arabische übertrug. Der Kalife Abdul-Rahman freute sich über das Zustandekommen einer Arbeit, die nach seiner Ansicht seiner Regierung einen hohen Glanz verlieh42.

Bei der Gesandtschaft, welche der mächtige deutsche Kaiser Otto I. an den Hof von Cordova schickte, hatte Chasdaï eine eigenartige Rolle. Abdul-Rahman hatte nämlich vorher einen Botschafter an Otto gesandt und in dem Gesandtschaftsschreiben sich einiger unglimpflicher Ausdrücke gegen das Christentum bedient. Die andalusischen Gesandten hatten aber mehrere Jahre warten müssen, ehe sie zur Audienz vorgelassen wurden. Nachdem sie empfangen worden waren, schickte der deutsche Kaiser eine Gegenge sandtschaft, an deren Spitze der Abt Johannes von Gorze (Jean de Vendières) stand, und gab [342] ihr ein Schreiben mit, welches ebenfalls harte Ausfälle gegen den Islam enthielt. Der Kalife, der etwas derartiges vermutete, beauftragte daher Chasdaï, den Inhalt des gesandtschaftlichen Diploms auszuforschen. Chasdaï verhandelte also mehrere Tage mit Johannes von Gorze, und, obwohl dieser sehr gewandt war, so überlistete ihn Chasdaï doch und erfuhr von ihm die Wendung des Sendschreibens. Darauf ließ Abdul-Rahman die deutsche Gesandtschaft ein ganzes Jahr auf Audienz warten und hätte sie noch länger hingezogen, wenn nicht Chasdaï in Verbindung mit dem muzarabischen Bischof von Cordova Johannes von Gorze bewogen hätten, sich vom Kaiser ein neues, unverfängliches Diplom kommen zu lassen (956-59)43.

Chasdaï, der von seinem Schauplatze aus gewöhnt war, die Verhältnisse im großen anzusehen, fühlte sich tief bekümmert, wenn er auf die Lage der Juden, auf ihre abhängige, geduldete Stellung, auf ihre Zerstreuung und Zusammenhangslosigkeit einen Blick warf. Wie oft mußte er aus dem Munde von Mohammedanern und Christen den Haupteinwurf gegen die Wahrheit des Judentums vernehmen: »Das Zepter ist von Juda gewichen, folglich ist es von Gott verworfen.« Chasdaï selbst teilte die beschränkte Anschauung der Zeit, daß eine Religion und ein Volk, die nicht einen staatlichen Boden, König, Hof, Macht und Untertanen haben, keine Festigkeit und Lebensfähigkeit hätten. Ihn beschäftigte daher die dunkle Kunde von dem Vorhandensein eines selbständigen jüdischen Reiches im Lande der Chazaren, die auch nach Spanien gedrungen war, lebhafter als seine jüdischen Zeitgenossen. Eldads Erscheinen in Spanien einige Jahrzehnte vor Chasdaïs Geburt hatte der unbestimmten Sage einige Glaubwürdigkeit verschafft, aber sie anderseits durch die Übertreibung, daß die Zehnstämme noch in ungeschwächter Kraft fortbeständen, unwahrscheinlich gemacht. Chasdaï unterließ es daher niemals, bei den Gesandtschaften aus weiter Ferne Erkundigungen über ein jüdisches Reich und einen jüdischen Herrscher anzustellen. Wie ein belebender Sonnenstrahl berührte daher sein Gemüt, die Nachricht, die er von Gesandten aus Chorasan, östlich vom Kaspisee, vernahm, daß es allerdings einen jüdischen König im Chazarenlande gebe; sein innigster Wunsch war nun, mit diesem in Verbindung zu treten. Noch glücklicher machte es [343] ihn, als ihm die byzantinischen Gesandten die Nachricht bestätigten und hinzufügten, daß der damals regierende Chagan der Chazaren den jüdischen Namen Joseph führte, daß die Chazaren eine mächtige und kriegerische Nation seien, deren Land nur fünfzehn Tagereisen von Konstantinopel entfernt sei, und daß sie in Bündnis- und Handelsverkehr mit dem byzantinischen Reiche ständen. Diese Nachricht erhöhte nur seine Sehnsucht, mit dem jüdischen Reiche und dem jüdischen König in nähere Verbindung zu treten. Er sah sich daher nach einem zuverlässigen Boten um, der sein Huldigungsschreiben befördern und zugleich nähere Auskunft überbringen sollte. Die Bemühung Chasdaïs um die Botschaft an die Chazaren ist zugleich für die Geschichte interessant.

Zuerst hatte er zu seiner Freude einen Mann Isaak ben Nathan gefunden, der erbötig war, die weite und gefahrvolle Reise anzutreten, und Chasdaï hatte ihn mit reichen Mitteln, mit Gefolge und Empfehlungsschreiben an den befreundeten byzantinischen Hof versehen und ihn mit Abdul-Rahmans Gesandten nach Konstantinopel reisen lassen. Der griechische Kaiser nahm den jüdischen Botschafter gut auf, hielt ihn aber wahrscheinlich aus irgend einem ränkevollen Hintergedanken, wie es den rechtgläubigen Griechen eigen war, ein halbes Jahr zurück, und ließ ihn endlich die Rückreise nach Spanien antreten mit einem Schreiben an Chasdaï, worin er das Gefahrvolle einer Reise ins Chazarenland auseinandersetzte, »zu Lande wegen der Fehden unter den Völkern in den Ländern am Schwarzen Meer, und zu Wasser wegen der Unsicherheit der Fahrt auf dem Meere«. Der jüdische Hofbeamte war in Verzweiflung über das Mißlingen seiner Sendung. Da erboten sich einige, sein Schreiben über Jerusalem, Nisibis und Berdaa (Westarmenien) durch Vermittlung zu besorgen. Als er aber darauf eingehen wollte, traf eine Gesandtschaft des sklavonischen Königs Hunu44 in Cordova ein (953)45, bei welcher sich zwei Juden befanden, Mar-Saul und Mar-Joseph. Die Juden an der Niederdonau müssen also damals in gutem Einvernehmen mit den dortigen slavischen Bewohnern gestanden haben. Die jüdischen Gesandten wußten auch manches von dem Chazarenreich zu erzählen. Ein Jude aus diesem Lande, Mar-Amram, ein Mann von Einsicht und Kenntnis, war, [344] wie sie erzählten, nach Sklavonien gekommen und hatte sich gerühmt, in Ehren bei dem Chazarenchagan zu stehen und öfter von ihm zur Tafel gezogen worden zu sein. Chasdaï schickte sogleich einen Boten ab, diesen Amram nach Spanien zu berufen; er war aber nicht mehr anzutreffen. Indessen erboten sich die jüdisch-sklavonischen Gesandten Chasdaïs, Schreiben zu besorgen, zunächst an die Juden in Ungarn, welche es weiter über Rußland und Bulgarien befördern würden. Das enge Zusammenhalten der Juden machte es ihnen möglich, Verbindungen anzuknüpfen, wie sie damals und später noch dem mächtigsten Staate nicht möglich waren. Chasdaï ließ sich bestimmen, den sklavonischen Gesandten das Schreiben an den Chazarenkönig zu übergeben. Dieses in schöner hebräischer Prosa mit Eingangsversen – von Menahem ben Saruk abgefaßt46 – ist eine unschätzbare Urkunde für die Geschichte der Zeit und die Charakterisierung des Mannes. Der Verfasser hat geschickt durch seine fromme Sehnsucht staatsmännischen Sinn und durch seine demutsvolle Haltung Selbstgefühl und Bewußtsein seines Wertes durchblicken lassen. Sogar eine gewisse selbstgefällige Eitelkeit ist dem Sendschreiben anzusehen. Nachdem im Eingange dem schwülstigen Geschmacke der Zeit gehuldigt und in den gereimten Versen das Namensakrostichon verschlungen wurde, fährt Chasdaï in schöner Prosa fort: Er fühle sich eigentlich unwürdig, an den König das Wort zu richten und sei in Verlegenheit, das rechte Wort zu finden. Indessen hoffe er, der König werde Nachsicht mit ihm, dem Genossen derer haben, die im Exil leben, von denen der Glanz der Selbstständigkeit schon so lange erloschen ist. Denn wegen ihrer Sünden hätten die Juden Spaniens viele Widerwärtigkeiten erfahren, bis der König von Spanien ihm die Gunst zugewendet und es ihm vergönnt habe, den Trauernden Trost zu bringen. Dann beschrieb Chasdaï die geographische Lage Spaniens, berührte die Geschichte der Omejaden-Dynastie, rühmte seinen Gönner Abdul-Rahman, erwähnte die Quellen der reichen Einnahme des Landes und die Handelsverbindungen. Nebenher erwähnte er, daß die königlichen Landeseinnahmen vom Handel durch seine Hände gingen, wie er auch die Gesandtschaften der auswärtigen Mächte empfange, ihre Geschenke übernehme und ihnen Gegengeschenke zukommen lasse. Er beschrieb, welch unendliche Mühe er sich gegeben, Auskunft über das Chazarenreich [345] zu erlangen und einen zuverlässigen Boten zu finden. Er habe dieses nicht aus eitler Neugierde und Ehrsucht getan, sondern um zu erfahren, ob Israel auf einem Fleck der Erde frei von Oberherren sei. »Wüßte ich, daß dem so ist«, schrieb Chasdaï oder ließ schreiben, »so würde ich meine Ehren gering achten, meine Stellung aufgeben, meine Familie verlassen, würde wandern über Berg und Tal, zu Land und Wasser, bis ich mich vor meinem Könige vom Stamme Israel niederwerfen könnte; würde mich erfreuen an seiner Größe und seine Macht bewundern.« Dann bittet das Sendschreiben um gründliche Auskunft über alles und besonders darüber, von welchem der Zehnstämme die Chazaren ihren Ursprung haben, über ihre politische und kriegerische Haltung, namentlich, ob der Krieg auch am Sabbat geführt werde, und ob die hebräische Sprache bei ihnen heimisch sei. Endlich fragte Chasdaï bei dem Könige an, ob sich bei ihnen eine Andeutung erhalten habe, wann die Erlösung Israels eintreffen werde. Denn der Leiden Maß sei voll, und er müße täglich den Hohn hören: »Jedes Volk bildet ein geschlossenes Königreich, ihr aber seid ohne Selbständigkeit.« Deswegen habe die Nachricht von dem jüdischen Chazarenreich erhebend auf sein Gemüt gewirkt; denn dadurch könnten die Juden wieder ihr gebeugtes Haupt erheben und brauchten nicht beschämt zu verstummen47. So richtete der Vertreter der Juden im äußersten Westen Europas an den Juden auf dem Throne den Brudergruß.

Chasdaïs Sendschreiben gelangte glücklich auf Umwegen durch einen Mann Jakob ben Eleasar aus dem Lande Nemez (Deutschland), in die Hand des Chagan Joseph, des elften jüdisch-chazarischen Fürsten seit Obadiah, dem eigentlichen Begründer des Judentums in Chazarien (o. S. 200). Der Chazarenstaat besaß damals (um 960) noch immer eine bedeutende Macht, obwohl er bereits einige Gebiete oder Vasallenländer eingebüßt hatte. Er erstreckte sich noch bis zum Jaik und dem Don im Norden, im Süden bis zur Kaukasuspforte (Bab al-Abwab, Derbend) über den Kaukasus hinweg bis an das östliche Gestade des Schwarzen Meeres und bis zum Dniepr. Im Osten reichte er längs des Nordrandes des Kaspisees (Bahr G'orgon) und jenseits der Wolga bis zur Steppe der heutigen Kalmücken. [346] Der Mittelpunkt dieses Staates oder das eigentliche Chazarien betrug indessen nur 120 Parasangen (30 Meilen) im Umfange, an den beiden Ufern der Wolga (Itil, Atel) bis an den Kaspisee48. Die Residenz des Chagan Joseph befand sich auf einer Wolga-Insel und hatte einen goldenen zeltartigen Palast mit einer goldenen Pforte. Etwa ein Jahrhundert vor Josephs Regierungsantritt hatte einer seiner Vorgänger vom byzantinischen Kaiser Theophil Baumeister aus Konstantinopel kommen lassen, um eine Grenzfestung gegen die Einfälle der wilden Petschenegen erbauen zu lassen (854), welche von ihren weißen Mauern Sarkel (Weißstadt, ἄσπρον ὁσπίτιον, russisch Bjelajaweza) genannt wurde. Und als diese echt türkische Horde ein halbes Jahrhundert später in das chazarische Gebiet einfallen wollte, wurde sie aufs Haupt geschlagen (899)49. Auch gegen die Russen, welche seit der Einwanderung der Waräger immer mächtiger wurden, und stets ein Gelüste nach dem fruchtbaren chazarischen Landstriche hatten, mußten die Chagane gerüstet sein. Sie waren daher genötigt, stehende Truppen zu unterhalten, die zu jeder Zeit bereit sein sollten, sich einem herannahenden Feinde entgegen zu werfen. Im zehnten Jahrhundert belief sich die Zahl der regulären Soldaten auf 12 000, teils Schützen zu Pferde mit Helm und Panzer, und teils Fußvolk mit Speeren. Es waren Mohammedaner, welche vor Bürgerkriegen im Osten des Kaspisees sich nach dem Chazarenlande geflüchtet hatten und von den Chaganen unter dem Namen Aresiah in Sold genommen wurden. Auch ihr Anführer war dem Islam zugetan; die übrigen Staatsbeamten dagegen waren, sowie der ganze Hof, Juden50. Das altersschwache byzantinische Kaisertum mußte um dieselbe Zeit das Chazarenreich als Großmacht respektieren und den jüdischen Fürsten den Titel »edle und erlauchte Chagane« zuerkennen. Während die byzantinischen Kaiser die diplomatischen Sendschreiben an den Papst und die fränkischen Kaiser mit einer goldenen Bulle von geringem Gewichte (2 Solidi) zu siegeln pflegten, nahmen sie sie, wenn sie an die Chagane schrieben, um ein Drittel schwerer51. Wer das [347] pedantische Etikettenwesen dieses verrotteten Hofes kennt, wird begreifen, wieviel Furcht in einer solchen Ehrenbezeugung lag.

Die chazarischen Chagane nahmen ein lebhaftes Interesse an ihren auswärtigen Religionsgenossen und übten Repressalien für die ihnen angetanen Unbilden. Als einst einem Chagan zu Ohren gekommen war, die Muselmänner hätten eine Synagoge im Lande Babunǵ zerstört, ließ er das Minaret von der Moschee in seiner Hauptstadt abbrechen und die Muezzin (Ausrufer) hinrichten (921). Er erklärte, er würde aus Rache sämtliche Moscheen in seinem Lande zerstören lassen, wenn er nicht fürchtete, daß die Mohammedaner blutige Vergeltung an den Juden in ihrem Reiche üben würden52. Chasdaïs Sendschreiben machte daher dem Chagan Joseph beim Empfange ebenso viele Freude, wie dem Absender die Gewißheit von der Existenz eines jüdischen Reiches. Die zum Judentum bekehrten Chazaren verstanden das Hebräische und bedienten sich in ihrer Korrespondenz der hebräischen Schriftzüge, wie ein unparteiischer Zeitgenosse bezeugt53. Joseph setzte selber oder ließ von einem jüdischen Gelehrten ein Antwortschreiben in dieser Sprache aufsetzen, um Chasdaïs teilnehmende Wißbegierde zu befriedigen und zugleich mit seinen Glaubensgenossen im fernen Westen in Verbindung zu treten. Der Chagan drückte seine Freude über den Empfang des Schreibens aus, benahm Chasdaï aber den Irrtum, als ob das Chazarenland von urisraelitischen Stämmen bewohnt sei.54 Die Chazaren seien vielmehr heidnischen Ursprungs, von Togarma abstammend, wie man mit Anlehnung an die Völkertafel der Genesis glaubte. Ihre Stammverwandten seien die Ugier, Tiras (?), Avaren, Usen, Barsilier (oder Basilier), die Tarnier (oder Tarak), die Sangar, Bulgaren und Saviren, Völkerschaften, welche früher im dunklen Skythenlande hausten und später [348] zum Teil sich in den untern Donauländern und in Ungarn ansiedelten. Der Chagan Joseph erzählt ferner ausführlich die Bekehrung seines Urahnen Bulan zum Judentum (o. S. 199), er nennt die auf Bulan folgenden Könige, welche sämtlich hebräische Namen führten. Auf Obadjah waren gefolgt: Chiskijah, Manasse I., Chanukah, Obadjahs Bruder, Isaak, Zebulon, Manasse II., Nissi, Menahem, Benjamin und Aaron, Josephs Vater55. Der jüdische Fürst schildert hierauf den Umfang seines Reiches und die Völker, die seinem Zepter untertan waren, und bezeichnet sein Land als ein ackerbaufähiges und fruchtbares. In betreff der messianischen Erlösungshoffnungen, die auch er in der Brust hege, bemerkte der Chagan, daß er und die Juden seines Landes nichts Bestimmtes wüßten: »Wir haben«, berichtet er56, »unsere Augen auf Jerusalem und die babylonischen Hochschulen gerichtet. Es möge Gott gefallen, das Erlösungswerk zu befördern. Du schreibst mir, daß Du Dich sehnest, mich zu sehen; auch ich habe Sehnsucht, Dich und Deine Weisheit kennen zu lernen. Könnte dieser Wunsch in Erfüllung gehen und ich Dich von Angesicht zu Angesicht sprechen, so wärest Du mir Vater, und ich Dir ein Sohn, und Dir würde ich die Leitung meines Staates anvertrauen.« Hiermit schließt der denkwürdige Brief des jüdischen Chagan an Chasdaï.

Als Joseph dieses Schreiben ausfertigte, konnte er sich noch friedlicher Verhältnisse rühmen. Aber schon nach wenigen Jahren änderte sich die Lage der Dinge. Einer von Ruriks Nachkommen, der russische Großfürst Swiatislaw von Kiew, früher halb und halb Untertan von Chazarien, führte einen gewaltigen Stoß gegen dasselbe und eroberte die Grenzfestung Sarkel (965)57. Immer mehr engten die vorwärtsdringenden und zur Großmacht aufstrebenden Russen das Chazarenland ein. Einige Jahre später (um 969) nahm derselbe Swiatislaw bie Hauptstadt Itil (Atel) und auch die zweite chazarische Stadt Semender ein58. Die Chazaren flüchteten sich [349] teils auf eine Insel des Kaspisees, teils nach Derbend und teils nach der Krim, wo ihre Stammverwandten wohnten, das von der Zeit an den Namen Chazarenland führte. Seine Hauptstadt wurde Bosporus (Kertsch)59. So schrumpfte das Chazarenreich auf ein geringes Maß ein; Joseph war der letzte mächtige Chazarenfürst.

Als Chasdaï dessen Sendschreiben empfing, war sein Gönner Abdul-Rahman nicht mehr am Leben; doch sein Sohn Alhakem, ein noch eifrigerer Beförderer der Wissenschaft und Poesie, aber nicht kriegerisch gleich seinem Vater, hielt Chasdaï in Ehren, ließ ihn in seinen Funktionen und räumte ihm einen sehr hohen Rang als Staatsdiener ein60. Alhakem zog nicht weniger Nutzen als sein Vater von Chasdaïs überlegener Gewandtheit. Ein jüdischer Sänger preist seine diplomatischen Siege mit folgenden Worten:


Mit Gottes Beistand siegte er wie ein Held

Und eroberte durch der Rede Gabe Länder und Städte

Ohne Schwertstreich und Lanzenwurf,

Demütigte den Feind, vermöge seiner Klugheit.

Panzerträger, Speereschleuderer, Schwerterhalter

Beugen sich demütig, entfliehen vor ihm61.


Angeregt durch das Beispiel der beiden, Geistesbestrebungen huldigenden Kalifen, unterstützte auch Chasdaï im jüdischen Kreise mit großer Freigebigkeit die Talente, und ihm gebührt der Ruhm, die Blüte der andalusisch-jüdischen Kultur entfaltet zu haben. Er zog begabte Forscher und Dichter nach Cordova in seine Nähe, und diese belohnten ihn dadurch, daß sie ihn durch ihre Lieder und ihm gewidmete Schriftwerke verewigten.


»In Hispania weit und breit

Ward betrieben zu Chasdaïs Zeit

Die Pflege der Weisheit.

Und sein Lob ward besungen

Von beredten Zungen«62.


Von den Forschern und Dichtern dieser Zeit werden nur vier [350] namhaft gemacht: Menahem ben Saruk, Dunasch ben Labrat, Abbun ben Sardah und Samuel63, von denen jedoch nur die zwei ersten bekannt wurden, mit dem jüdischen Minister Chasdaï in Verbindung standen und von ihm gefördert wurden. Beide haben die hebräische Sprache zum Gegenstande tiefer Forschung gemacht, sie vielfach bereichert und veredelt, so daß ein späterer Dichter mit Recht sagen konnte:


»Unsere Sprache hat etwas Wunderbares,

Sie ist von unendlich prophetischer Kraft;

Knapp ihr Ausdruck und doch sehr weit,

Kurz und reicht für Gedankenfülle aus«64.


Sie haben die Leistungen ihrer Vorgänger, seitdem die hebräische Sprachforschung die Denker beschäftigt hat, namentlich die karäischen Grammatiker65 und selbst Saadia, weit überflügelt. Dunasch ben Labrat hat der heiligen Sprache einen Wohlklang entlockt und einen ebenmäßigen Bau gegeben, wie man ihn gar nicht an ihr ahnte. Er führte zuerst das Versmaß in die hebräische Poesie ein und verlieh ihr den rechten Gleichklang und die symmetrische Abrundung des Strophenbaues. Dunasch wurde dafür von Saadia getadelt66, als wenn er eine unerhörte Neuerung eingeführt hätte, weil dadurch der hebräischen Sprache Gewalt angetan würde. Auch der Inhalt der neuen hebräischen Poesie wurde durch die jüdisch-andalusischen Dichter ein anderer und reicherer. Bisher hatte die Dichtkunst nur einen synagogalen Charakter, sie war immer zerknirscht und büßermäßig und kannte kein frohes Lächeln. Selbst wenn sie sich zum Hymnus verstieg, legte sie den düstern Ernst nicht ab und war immer schleppend und holprig. Kaliri war bis dahin ihr Muster. [351] In Lehrgedichten und Streitschriften sank sie sogar zu elender Reimerei herab, wie die Verse von Salmon ben Jerucham, von Abu Ali Jephet, von den ben Ascher und Sabbataï Donnolo bezeugen. Aber Chasdaï gab den Dichtern Gelegenheit, das Thema zu wechseln. Seine imposante Persönlichkeit, seine hohe Stellung, seine Taten und seine fürstliche Freigebigkeit wirkten begeisternd auf die Dichter, und, indem sie ihn aus vollem Herzen, mit Schwung und feuriger Begeisterung, feierten und verherrlichten, hauchten sie der scheinbar abgestorbenen hebräischen Sprache Verjüngung ein und machten sie so fortbildungsfähig und wohllautend. Allerdings haben sich die jüdischandalusischen Dichter die Araber zum Muster genommen. Sie leugnen es auch gar nicht, »daß Arab der Lehrmeister ward von Eber«. Aber Dunasch und andere, die die arabische Kunstform bald nachahmten, folgten nicht sklavisch diesen Mustern, zwangen nicht der hebräischen Sprache ein ihr unnatürliches Versmaß auf, sondern lauschten ihr die Wohlklänge ab und ergründeten ihre ureigene Natur. Die Verse aus dem Beginne der Blütezeit erhielten einen raschen, lebhaften, tänzelnden Schritt. Doch legte die hebräische Poesie in der Chasdaïschen Epoche noch nicht ganz ihre Steifheit und Geschraubtheit ab, »die Sänger fingen zu Chasdaïs Zeit erst zu zirpen an«, wie ein späterer Kritiker unnachahmlich darüber urteilt67. Das Lieblingsthema der neuhebräischen Poesie wurde jetzt das Lobgedicht (Schir Tehillah) und die Satire (Schir Telunah); sie pflegten aber auch die liturgische Poesie und verschönerten auch sie mit dem Wohlklange des Versmaßes68.

Von den Lebensverhältnissen und dem Charakter der zwei ersten Begründer der andulusisch-jüdischen Kultur ist nur wenig bekannt. Soviel sich aus dem vorhandenen Material entnehmen läßt, [352] war Menahem ben Saruk aus Tortosa (geb. um 910, starb um 970) von Hause aus in dürftigen Umständen; mindestens reichte sein väterliches Erbe nicht zu seinem Lebensunterhalte aus. Chasdaïs Vater Isaak nahm sich seiner an und verhütete, daß nicht Sorgen die Keime seiner geistigen Begabung erstickten. Menahem setzte daher Isaaks Edelmut ein poetisches Denkmal in der von diesem errichteten Synagoge. Nach seinem Tode dichtete Ben Saruk ein rührendes Klagelied auf ihn, das die Gemeindeglieder zum ehrenden Andenken an den Verblichenen während der Trauerzeit rezitierten69. Das Studium der hebräischen Sprache war seine Lieblingsbeschäftigung. Er benutzte dazu die Arbeiten von Ibn Koraisch, Saadia und andern, wohl karäischen70 Grammatikern. Aber den edlen hebräischen Stil lernte er nicht von ihnen, das war sein angeborenes Talent. Menahem kann als der erste hebräische Stilist angesehen werden, und er übertraf noch Abulsari Sahal darin.

Als Chasdaï zu hoher Stellung gelangt war, berief er den Schützling seines Vaters mit schmeichelnden Worten und glänzenden Versprechungen nach Cordova. Ben Saruk, der sein Verhältnis zu dem jüdischen Minister selbst in gereimter Prosa beschrieb, bemerkt:


»Deine Gabe nicht hat mich gezogen,

Noch deine Großmut mich bewogen,

Freundschaft wars, die mich angeregt,

Bewunderung, die den Fuß mir bewegt.«


Er wurde Chasdaïs Hofpoet, bezeugte ihm für seine Unterstützung warme Anhänglichkeit, pries ihn in allen Tonarten und »erschöpfte«, wie er sich ausdrückte, »die Verskunst, um dessen Lob zu singen«. Als Chasdaïs Mutter gestorben war, eilte der Minister um Mitternacht zum Dichter, um für sie ein Trauerlied zu bestellen, fand ihn jedoch bei der Lampe sitzend mit Versen beschäftigt: er war dem Wunsche seines Wohltäters zuvorgekommen. Bei dieser Gelegenheit schwor ihm Chasdaï, er werde ihm diese Aufmerksamkeit nie vergessen71.

Er ermunterte ihn auch, sich der Erforschung der heiligen Sprache zu widmen und deren verschiedene Formen und Wortbedeutungen [353] zu ermitteln. Menahem arbeitete infolgedessen ein vollständiges hebräisches Wörterbuch aus (um 965, Machberet)72, gab darin auch einige grammatische Regeln und berichtigte seine Vorgänger vielfach. In einer Umgebung aufgewachsen, wo das eindringlich und harmonisch gesprochene Wort eine große Bedeutung hatte, stellte der Grammatiker von Tortosa die Sprache im allgemeinen sehr hoch und die heilige noch höher. »Gott hat den Menschen vor allen Geschöpfen verherrlichen wollen, darum gab er ihm eine schöne Gestalt und die Fähigkeit, schön und treffend zu sprechen. Wie Gott durch die Sprachverleihung den Menschen bevorzugt hat, so hat er Israel und dessen Sprache vor allen andern ausgezeichnet«73. Die Gesetzmäßigkeit und Feinheit dieser Sprache aufzudecken, war der Zweck seines Werkes. Menahem ben Saruk erkannte zuerst die reine Wurzel an den hebräischen Sprachstämmen und sonderte sie von den Anhängseln und Anfügungen aus – eine jetzt einleuchtende Theorie, die aber von den vorangegangenen Grammatikern, Saadia mit einbegriffen, verkannt wurde, wodurch diese in der Erzeugung hebräischer Verse wahrhafte Mißbildungen und Mißtöne zutage förderten. Bei jeder Wurzel setzte Menahem in seinem lexikographischen Werke die verschiedenen Bildungen und Formen auseinander, die sie angenommen, und erklärte ihre Bedeutungen oft mit überraschender Feinheit und taktvollem Sprachgefühl. Wo er nach seiner Auffassung der Bibelverse eine eigene Erklärung gibt, zeigt er öfter gesunden Sinn und geläuterten Geschmack, und es ist demnach ein entschiedener Fortschritt in der Schrifterklärung von Saadia zu Menahem74. Hin und wieder stellte er Erklärungen auf, welche der talmudischen Tradition und den damaligen Vorstellungen geradezu entgegenliefen. Die Vorschrift im Gesetze: »das Zeichen an der Hand und an der Stirn zu tragen«, deutete Menahem nicht auf das Anlegen der Gebetkapseln, sondern, gleich den Karäern, als Erinnerung im bildlichen Ausdrucke gebraucht75.

[354] Obwohl Menahem die hebräische Sprachforschung auf eine höhere Stufe gehoben hat, so ist er doch nicht frei von großen Irrtümern geblieben. In seiner Wurzelaussonderung ging er viel zu weit, glaubte, von falschen Gesichtspunkten ausgehend, nicht bloß zwei-, sondern sogar einkonsonantige Wortstämme annehmen zu müssen und verkannte dadurch das Gebilde der hebräischen Spracherscheinungen. Seine Bibelerklärungen sind nicht selten gekünstelt und gewaltsam, und er konnte sich überhaupt von der hergebrachten Exegese nicht ganz frei machen. Dennoch wurde sein lexikographisches Werk, weil hebräisch geschrieben, viel gelesen und benutzt, verbreitete sich nach Frankreich und Italien, verdrängte die saadianischen und die karäischen Arbeiten und wurde eine zeitlang der Wegweiser für Bibelforscher. So edel, blühend und fließend Menahems hebräische Prosa ist, so unschön und ungelenk nehmen sich indessen seine Verse aus. Er verstand noch nicht, das arabische Versmaß zu handhaben. Ihn ergänzte nach mancher Seite sein Nebenbuhler Dunasch ben Labrat.

Dieser Dichter (auch Adonim genannt) stammte aus Bagdad, war jünger als Menahem (geb. um 920 st. um 990), wohnte in Fez und wurde ebenfalls von Chasdaï nach Cordova berufen76. Dunasch scheint vermögend gewesen zu sein und trat darum freier und unabhängiger auf, als der Grammatiker von Tortosa. Er war überhaupt eine feurige, rücksichtslose Persönlichkeit, die das Wort nicht auf die Goldwage legte, und zum literarischen Streite wie geschaffen. Auch er besaß tiefe Kenntnis der hebräischen Sprache, lehrte bereits im dreißigsten Lebensjahre vor einem Jüngerkreise, war ein viel gediegenerer Dichter als Menahem, führte, wie schon erwähnt, in Spanien in den rabbanitischen Kreis zuerst das Versmaß für die neuhebräische Poesie ein, womit er ihr einen neuen Reiz verlieh. Auch er machte Ausstellungen an Saadias exegetischen und grammatischen Leistungen, stellte sie in einer polemischen Schrift (Teschubot)77 zusammen, nahm aber einen barschen [355] und rücksichtslosen Ton gegen ihn an, obwohl er mit Saadia persönliche Bekanntschaft hatte oder gar sein Jünger war78. Sobald ihm Menahems Lexikon zu Gesichte kam, machte sich Dunasch darüber her, um die Irrtümer darin aufzudecken und verfaßte auch gegen ihn eine kritisierende Schrift (Teschubot)79 in witzelndem, spöttelndem Tone, mit vieler Gewandtheit zwar, aber in verletzender Art. Im Eingange tut Ben Labrat, als wenn er den Angegriffenen beschwichtigen wollte. »Ich weise dich zurecht, mein Bruder, damit du mich lieben sollst. Ist es ja unsere Pflicht, einander zurechtzuweisen«. Auf diesen milden Eingang folgen aber gleich harte Ausfälle: »Hätte ich nicht eingesehen, daß dein Werk den Jüngern und den sogenannten Kundigen Nachteil bringt und verkehrte Anschauungen einprägt, so würde ich geschwiegen haben«. Dunaschs Polemik gegen Menahem ist zum Teil zutreffend, zum Teil aber höchst ungerecht80. Seine exegetischen Bemerkungen sind überhaupt richtiger, da er sich weniger ängstlich an den massoretischen Text anklammerte. Mehr als vierundzwanzig Verse erklärte Ben Labrat abweichend von der massoretischen Lesart, und seine Erklärung gibt allerdings einen bessern Sinn81. Dunaschs Heftigkeit rührte vom Hochmute der Gelehrtenkaste her. Er glaubte, daß derjenige, der nicht im Orient Weisheit erlernt, unwissend sei. Er verachtete die jüdischen Forscher von Spanien als Unmündige und Unberufene gründlich82. Darum hielt sich auch Dunasch nicht in den Grenzen einer wissenschaftlichen Fehde, sondern gab ihr eine größere praktische Tragweite. Er widmete seine kritisierenden Ausstellungen gegen Menahem dem jüdischen Staatsmanne und streute ihm in den vorangeschickten Huldigungsversen so viel Weihrauch, daß seine Absicht, [356] den jüdischen Mäzen für sich zu gewinnen und Menahem in dessen Augen zu verkleinern, nicht zu verkennen ist.

In dem einundvierzig kleine Strophen enthaltenden Widmungsgedicht ermahnt der Dichter sein Herz, sich von den trügerischen Freuden und Genüssen dieser Welt abzuwenden und lieber ein Loblied in gemessenen Versen auf den »Fürsten« und das »Oberhaupt« der Gemeinde zu singen, »der die Scharen der Barbaren aufgerieben«. Er hebt dann hervor, wie der Fürst Chasdaï zehn Festungen eingenommen, den Sohn Radmirs (Sancho Ramirez) samt Edelleuten und Geistlichen wie Landstreicher deren Feinden überliefert und die betörte Königin Toda trotz ihres männlichen Charakters ebenfalls nachgezogen habe. Vermöge seiner Klugheit zitterten Völker vor ihm und Könige sendeten ihm nach Spanien Geschenke. Sein Name sei gefeiert im Osten und Westen, das Haus Esaus und Arabs (Christen und Mohammedaner) preisen seine Huld. Seinem Volke wende er Wohlwollen zu, verjage seine Gegner und demütige die ihm Übelgesinnten. Den Armen erweise er sich als Vater; seine spendende Hand sei wie Tau für die Söhne der Muse, für die Söhne der Lehre (die Talmudbeflissenen) sei er Stütze und Leuchte und verwende sein Vermögen für Ankauf von Schriften. Darum habe er, der geringste der Lehrer, sich bewogen gefühlt, sein Verdienst zu preisen und sein Loblied an die Spitze seiner Schrift zu setzen.

Dunaschs Schmeicheleien gegen den jüdischen Hofmann und seine grobe Polemik gegen Menahem verfehlten den Eindruck nicht. Die Bewunderung, die Chasdaï für Ben Saruk hatte, verringerte sich, als er wahrnahm, daß Dunasch ein besserer Poet und ein mindestens ebenbürtiger Sprachkenner sei. Als nun gar einige Ohrenbläser, die sich bei dem jüdischen Großen in Gunst setzen wollten, Menahem bei ihm verleumdeten – der Gegenstand der Verleumdung ist nicht bekannt – verwandelte sich Chasdaïs Gunst in Ungnade gegen seinen bisherigen Schützling. Menahem scheint infolgedessen Cordova verlassen und sich in das Haus seiner Väter (in Tortosa?) zurückgezogen zu haben83. Seine Feinde wußten Chasdaïs Gemüt so sehr gegen ihn zu erbittern, daß er, uneingedenk der feierlichen Versprechungen, die er ihm in der Mitternachtsstunde nach dem Tode seiner Mutter gegeben, ihn ungehört verurteilte. Er ließ den Befehl [357] ergehen, Menahem zu züchtigen. An einem Sonnabend über fielen ihn jüdische Häscher, mißhandelten ihn, warfen ihn am darauffolgenden Passahfeste aus seinem Hause, das er von seinem Vater ererbt hatte und mit seinen Brüdern bewohnte, zerstörten es von Grund aus und eigneten sich die Materialien an. Der unglückliche Menahem ben Saruk wäre dadurch ganz verkommen, wenn sich nicht Chasdaïs Bruder seiner erbarmt und ihm Lebensunterhalt gewährt hätte84.

Der Arme beeilte sich, seinem ehemaligen Gönner Anzeige von den erlittenen Mißhandlungen zu machen und ihn um Abhilfe zu bitten. Aber Chasdaï, der ihn ohne Verhör verdammt hatte, blieb taub gegen seine Klage und fügte noch Spott zum Unrecht hinzu. Er schrieb ihm eine lakonische Antwort: »Bist du schuldig, so habe ich dich durch Strafen zur Besserung geführt; bist du unschuldig, so habe ich dir durch unverdientes Leiden die ewige Seligkeit vergewissert«85. Chasdaïs Verfahren gegen Menahem ben Saruk ist ein Schandfleck an seinem Charakter.

Allein der Unglückliche nahm seine Mißhandlungen nicht so geduldig hin. Er richtete vielmehr eine scharfgespitzte Epistel86 an den Mächtigen, der sich in seiner hohen Stellung unangreifbar wähnte. Dieser Brief ist zugleich demütig und selbstbewußt gehalten und bewegt noch heute zu tiefem Mitleid für den Mißhandelten. Er ist zugleich ein Muster schöner hebräischer Prosa. Menahem sagte ihm darin bittere Wahrheiten, an die das Ohr des Hochgestellten nicht gewöhnt war. Aus Furcht, er möchte sein Sendschreiben ungelesen beiseite legen, beschwört er ihn im Eingange, Einsicht davon zu nehmen. Nachdem er seinem ihm Tränen entlockenden Schmerze Worte geliehen, bemerkt Ben Saruk: »Mein Weinen ist [358] nicht das Zeichen der Demütigung vor dir, sondern die natürliche Wirkung deiner Rechtsverhöhnung an mir. Du hast mich wie ein Gott gerichtet, du bist Zeuge und Richter in einer Person und beurteilst Herzensgeheimnisse. Aber selbst, wenn ich ein arger Verbrecher wäre, hättest du nicht Auftrag geben sollen, mich am Sabbat und Feiertag zu züchtigen und die heiligen Tage zu entweihen«. Dann erinnerte Menahem Ibn Schaprut daran, wie er ihn früher zu sich eingeladen, ihn bewogen, seine Heimat zu verlassen und in Glut und Sturm sich in seine Nähe zu begeben; wie der Dichter ihm in gebundener und ungebundener Rede Lob gespendet und die Poesie zur beflügelten Botin seines Ruhmes gemacht; wie Chasdaï ihm goldene Versprechungen gemacht und sie mit falscher Münze eingelöst. Er beruft sich auf Zeugen seiner Unschuld, die er hätte anhören müssen, ehe er seinen Feinden das Ohr geliehen. Aber als ob er selbst vor soviel Kühnheit zurückschreckte, entschuldigte Menahem zum Schlusse seinen Unmut und seine Verzweiflung und bat um Gnade.

Menahems Sendschreiben scheint nicht ohne Eindruck auf Chasdaï geblieben zu sein. Obwohl er ihn lange auf Antwort warten ließ, schrieb er ihm doch endlich einen freundlichen Brief, der den Unglücklichen erquickte. Menahem äußerte sich daher in einem zweiten Sendschreiben in Danksagungen darüber, daß er sein gebeugtes Haupt aufgerichtet, und daß seine Augen wieder zu ihm aufblicken dürfen, wie die des Sklaven zu seinem Herrn87. Weiteres ist von Menahem ben Saruk nicht bekannt. Er scheint übrigens vor seinem Nebenbuhler Dunasch gestorben zu sein. Indessen übernahmen seine Jünger die Rechtfertigung ihres Meisters. Von diesen Jüngern werden drei namhaft gemacht88: Jehuda ben Daud, Isaak Ibn-G'ikatil mit Dichterbegabung und ein Ben-Kafron (Ephraïm?)89. Diese drei Menahemisten nahmen sich ihres Meisters an und wehrten Dunaschs Angriffe von ihm ab. Auch sie widmeten die polemische [359] Schrift dem jüdischen Minister und schickten ihr ein Loblied auf denselben und eine Satire gegen Ben Labrat voran. Chasdaï scheint gerade von einem diplomatischen Siege, den er für den Kalifen Alhakem errungen hatte, heimgekehrt zu sein, und daran knüpften die Menahemisten an, seinen Triumph mit folgenden Worten feiernd: »Dem Beschützer der Lehre, dem Fürsten in Juda bringt Gruß ihr Berge. Alle Welt jubelt über seine Rückkehr; denn so oft er abwesend ist, tritt Dunkel ein, die Übermütigen herrschen, fallen auch über Judas Söhne her. Chasdaï aber bringt wieder Ruhe und Ordnung zurück. Der Herr hat ihn zum Fürsten eingesetzt und ihm die Gunst des Königs zugewendet, daß er ihn über alle Großen erhoben. Er besiegte mit Gottes Beistand die Christen; alles huldigt ihm dafür und hofft auf ihn wie lechzendes Gefilde auf Tau und Regen«. Seiner Wahrheitsliebe wollen die Retter von Menahems Ehre die Streitsache empfehlen und ihn zum Schiedsrichter machen gegen Ben-Labrat, »der sich zum Meister der Erklärer aufgeworfen, der ins Wesenlose zielt, der die heilige Sprache durch fremde Maße entweiht und verderbt«90. Die Erforschung und Ergründung der hebräischen. Sprache wurde in Spanien mit leidenschaftlichem Kampf, mit heißem Blute, mit galliger Satire betrieben. Noch bei Dunaschs Leben setzten seine Jünger den Kampf fort, von denen nur ein einziger namhaft gemacht ist: Jehudi Ben-Scheschet. Die Menahemisten und Dunaschiten schleuderten witzige Spottlieder gegeneinander, welche wesentlich dazu beitrugen, die hebräische Sprache zu schleifen, sie gefügig, biegsam und reich zu machen91.

Wie Chasdaï Ibn Schaprut unmittelbar und mittelbar, bewußt und unbewußt, durch Aufmunterung und Belohnung Dichter und Pfleger der hebräischen Sprache weckte und bildete, so gründete er auch dem Talmudstudium eine Heimat in Spanien92. Die jüdische Wissenschaft war in Europa noch nicht flügge genug, um selbstständig den Aufschwung nehmen zu können; sie bedurfte eines Beschützers, der sie unter seinen Flügeln wärmte. Jener R' Mose ben Chanoch, welcher für die suranische Hochschule zu sammeln ausgezogen [360] war und im Sklavengewande nach Cordova gebracht und dort ausgelöst wurde93, hatte ebenfalls an Chasdaï einen Gönner, und die beiden wissensfreundlichen Kalifen sahen gerne ein selbständiges Talmudstudium in ihrem Staate erblühen, um ihre jüdischen Untertanen von dem Kalifat von Bagdad loszulösen. R' Mose konnte zu keiner günstigeren Zeit in Spanien eintreffen, um dem Talmud eine sichere Stätte zu gründen, ohne welche die aufblühenden Geistesbestrebungen keinen Halt gehabt hätten. Wie die spanischen Araber sich Mühe gaben, das Kalifat von Bagdad zu verdunkeln und allen politischen und literarischen Glanz an sich zu ziehen, so lag es den spanischen Juden am Herzen, und namentlich denen der Hauptstadt, die babylonische Hochschule in den Schatten zu stellen und den Vorzug, den jene wegen der tieferen Talmudkunde genoß, auf das Lehrhaus zu übertragen, das R' Mose in Cordova eröffnete. Sie machten daher mit ihm förmlichen Staat, umgaben ihn mit Glanz und erkannten ihn als Autorität an. Religiöse Anfragen, die sonst an die babylonischen Schulen gerichtet wurden, ergingen von jetzt ab an R' Mose94. Aus ganz Spanien und Afrika strömten lernbegierige Jünglinge zu seinem Lehrhause. Es entstand ein Wetteifer, sich Talmudkenntnisse anzueignen, um fortan die babylonischen Meister vollständig entbehren zu können. Chasdaï ließ auf seine Kosten Talmudexemplare in Sura aufkaufen95, wo sie durch das Eingehen der Hochschule in Massen unbenutzt lagen, um sie an die Jünger zu verteilen, für deren Lebensunterhalt er wahrscheinlich auch sorgte. Cordova wurde durch R' Mose das andalusische Sura, und der Gründer des dortigen Lehrhauses hatte für Spanien dieselbe Bedeutung wie Rab für Babylonien. Obwohl er den bescheidenen Titel Richter (Dajan) oder Rabbiner führte, übte er doch sämtliche Funktionen eines Gaon aus. Er ordinierte Rabbinen für die Gemeinden, wie es scheint durch Handauflegen96, legte das Gesetz aus, war die letzte Instanz für gerichtliche Entscheidungen und durfte den Bann über ungefügige Gemeindeglieder verhängen. Alle diese Funktionen gingen selbstverständlich auf die europäischen Rabbinen über.

[361] So wurde Spanien nach vielen Seiten hin der Mittelpunkt des Judentums. Einige scheinbar zufällige Ereignisse haben den Grund dazu gelegt, und das erwachte Selbstgefühl der spanischen Juden ließ sich diesen Vorzug nicht mehr entwinden; sie gaben sich vielmehr Mühe ihn zu behaupten und zu verdienen. Der Wohlstand der Cordovaner Gemeinde ermöglichte es ihr, die andalusische Hauptstadt zum Brennpunkte aller Bestrebungen zu machen. Cordova zählte mehrere Tausend wohlhabender Familien, die an Prachtliebe mit den Arabern wetteifern konnten. Sie kleideten sich in Seide, trugen kostbare Turbane und fuhren in Prachtwagen97. Sie ritten hoch zu Roß mit wallenden Federbüschen und eigneten sich ein ritterliches Wesen und eine Grandezza an, die sie vor den Juden anderer Länder vorteilhaft auszeichnete. Es darf aber nicht verschwiegen werden, daß manche unter ihnen ihren Reichtum dem Sklavenhändel verdankten, indem sie Sklavonier aufkauften und sie den Kalifen überließen, die aus ihnen nach und nach ihre Leibwache bildeten98.

Nach R' Moses Tode (um 965) drohte eine Spaltung in der Cordovaner Gemeinde wegen der Nachfolge auszubrechen. Auf der einen Seite war sein Sohn R' Chanoch99, der als Kind mit seinen Eltern die Gefangenschaft geteilt und gesehen hatte, wie seine Mutter sich ins Wasser stürzte, um der Schändung zu entgehen. Als Nebenbuhler stand ihm gegenüber Joseph ben Isaak Ibn Abitur, der R' Moses ausgezeichneter Jünger war, die arabische Literatur gut verstand, Dichterbegabung besaß und ein Eingeborener war. R' Chanoch aber hatte weiter nichts als Talmudkenntnisse und das Verdienst voraus, der Sohn dessen zu sein, der die höchste Verehrung genossen. An Frömmigkeit und sittlichem Adel gab einer dem anderen nichts nach. Es bildeten sich zwei Parteien, die eine war für den Einheimischen und den Vertreter der Bildung, die andere für R' Moses Sohn. Indessen, ehe der Streit eine ernste Wendung nahm, legte Chasdaï das Gewicht seiner Stimme in die Wagschale für R' Chanoch, und er [362] wurde Rabbiner von Cordova und Autorität für die jüdischspanischen Gemeinden. So lange der jüdische Minister Alhakems lebte, blieb Chanochs Rabbinat unangefochten100. Chasdaï Ibn Schaprut starb noch beim Leben des edlen Kalifen (um 970)101 und hinterließ einen klangvollen Namen, den Juden und Mohammedaner um die Wette der Nachwelt überlieferten. Chasdaï scheint keine namhaften Söhne hinterlassen zu haben102.


Fußnoten

1 [Eines Manövers bedurfte es hierzu nicht; vgl. Harkavy in RÉJ. VII, S. 201 und bei Rabbinowitz, S. 371, Anm. 91.]


2 Scherira Sendschreiben Ende. [ed. Neubauer, S. 41. Über Nehemia vgl. jetzt sein Sendschreiben nach Spanien, ed. Cowley in JQR. XIX, S. 105-106 und Poznaṅski ebendort S. 399-401.]


3 Vgl. Note 21, II. [Die im Text gegebene Erzählung von den vier Sendboten muß nach dem jetzigen Stand der Forschung wohl als einer historischen Begründung entbehrend betrachtet werden, zumal ein von Schechter in JQR. XI S. 647 ff. aus der Geniza veröffentlichter Brief bestimmt erweist, daß R' Chuschiel aus einem christlichen Lande, aller Wahrscheinlichkeit nach aus Süditalien, stammte und R' Schemaria stets in Ägypten lebte. Nathan der Babylonier ist auch entschieden auszuscheiden. Aus Babylonien könnten vielleicht nach Spanien gekommen sein R' Mose und sein Sohn R' Chanoch. Weiteres siehe zu Note 21 II und Monatsschrift Jahrg. 1908.]


4 [Zur Beurteilung dieses Berichtes vgl. Doroth Harischonim III, S. 294.]


5 Abraham Ibn-Daud in Sefer ha-Kabbalah, nach einer Erzählung von Samuel ha-Nagid, der sie aus dem Munde von N' Moses Sohn Chanoch vernommen hat.


6 Abraham Ibn Daud in Sefer ha-Kabbalah.


7 Folgt aus Raschi, Pardes, 21 b. Ittur 16 d. und Samuel Gama's Zusätze zum Aruch, Orient, Jahrg. 1851, col. 358. [Über die Bedeutung der Gemeinde in Kairuân schon in gaonäischer Zeit vgl. jetzt die obengenannte Abhandlung von Poznaṅski, S. 175-177.]


8 [Nach Poznaṅski in der letztgenannten Abhandlung Nr. 14 ist er fast zu derselben Zeit geboren wie Saadia, also ca. 892 oder 893.]


9 In seinem Kommentar zu Sefer Jezirah (Manuskript in mehreren Bibliotheken). Daß dieser Kommentar Dunasch ben Tamim, wie eine Handschrift der Pariser Bibliothek und eine andere bei Luzzatto laut der Überschrift haben (Zion I, 47), und weder seinem Lehrer Isaak Israeli, noch seinem jüngern Zeitgenossen Jakob ben Nissim (wie andere Manuskripte haben) angehört, hat Munk nachgewiesen; vgl. o. S. 267, Anm. 2. Munks Resultate über diese Persönlichkeit (Notice sur Aboulwalid, p. 43-60) tragen, wie alle seine Arbeiten, den Stempel der Wahrheit, und ich lege sie hier zugrunde mit Ausnahme seiner Ansicht über Dunasch' Zeitgenossenschaft mit Eldad ha-Dani. [Vgl. über diesen, von M. Großberg, London 1902, sehr fehlerhaft herausgegebenen Kommentar, Steinschneider: Die Juden als Übersetzer, S. 394 ff. und Poznaṅski a.a.O., wonach dieses Werk eine Überarbeitung von Isaak Israelis Kommentar zum Sefer Jezirah sein dürfte.]


10 Kommentar zu Sefer Jezirah Einleitung abgedruckt Orient, Jahrg. 1845, col. 563.


11 Das. abgedruckt in S. Sachs Kerem chemed VIII, S. 64.


12 Das. Ende, abgedruckt Orient a.a.O.


13 Munk a.a.O., p. 56 f. [Über dieses, bei den Sprachgelehrten in nur geringem Ansehen stehende Werk (siehe meine Abhandlung über den Lexikographen Isak ibn Barûn, Paris 1901, S. 7, Anm. 1), vgl. jetzt Bacher in ZDGM., Bd. 61, S. 703-704 und Poznaṅski a.a.O.]


14 Saadia Ibn-Danans Responsum im Sammelwerke Chemda Genuzah von Edelmann, p. 15.


15 [Zur Berichtigung dieses Urteils über das geistige Leben der Juden in Süditalien sei hingewiesen auf die gegenteilige Schilderung in der von Neubauer, Anecdota II S. 111-132 im Jahre 1895 herausgegebenen Chronik des Achimaaz von Oria, wozu zu vergleichen ist: Kaufmann in der Monatsschrift, Ihrg. 1896, S. 461 ff., und meine Ausführungen daselbst Jahrg. 1908.]


16 Vgl. Note 21, II.


17 Quellen über denselben Melo Chofnaim, ed. Geiger, S. 29 f. Kerem Chemed Jahrg. VIII, S. 98 f. und Amari historia dei Muselmani di Sicilia (Florenz 1858) Vol. II, S. 171 ff. [Vgl. ferner Steinschneider über Donnolo in Virchows Archiv für pathologische Anatomie Bd. 38-42 und Ascoli, Inscrizioni inediti, Florenz 1880, S. 65 ff.]


18 Vita St. Nili junioris in den Bolandisten acta Sanctorum zum 26. September T. V, S. 313. Ἔρχεται πρὸς αὐτὸν (Νεῖλον) Ἰουδαῖός τις ὀνόματι Δόμνουλος, ὃς ἦν αὐτῷ γνῶστος ἐκ νεότƞτος αὐτοῠ, – διὰ τὸ εἶναι αὐτὸν σφόδρα φιλομαϑῆ καὶ ἱκανὸν περὶ τὴν ἱατρικὴν ἐπιστἠμƞν. Vgl. das. S. 316 und c. 8.


19 [Herausgegeben von D. Castelli, Florenz 1880. Über Donnolos Bearbeitung des Sefer Jezirah vgl. Epstein in der Monatsschrift, Jahrg. 1893, S. 458-462.]


20 a.a.O. Die Stelle lautet: σὺ δὲ (Δόμνουλε) οὐ κάλλως ϑυνἠσϑς συμπαῖξαι τοὺς τῶν Χριστιάνων ἀκεραίους, εἰ μὴ ἐν τῷ καυχᾶσϑαι σε τῶν φαρμάκων μεταδοῠναι τῷ Νείλῳ.


21 a.a.O.


22 Abfassungszeit 968, s. RÉJ. III, S. 121.


23 [Zu diesem Urteil über das Werk vgl. die kritischen Bemerkungen M. Friedmann's in der Vorrede zu seiner nach einem Manuskript der Vaticana veranstalteten Edition (Wien 1900) und Theodor's in der Monatsschrift 1900, S. 554.]


24 Tanna di-be Eliahu rabba c. 8, verglichen mit c. 9, 15 (S. 38 ed. Zdilkow) c. 28, S. 78.


25 Die Abfassung dieses Agadawerkes hat Herr Rapoport lichtvoll ermittelt und die scheinbaren Widersprüche glücklich aufgehoben (Biogr. d. Nathan Romi Note 43), nur hat er dessen Geburtsland verkannt. Es war nicht Babel, sondern die große Stadt Rom (die bei jüdischen, wie bei nachapostolischen Kirchenschriftstellern Babel genannt wird). Es weht im ganzen Werke, sozusagen, europäische Luft. Manche Redensarten erinnern stark daran. Der Umstand, daß in Tanna d.b. Eliahu nach Weltschöpfungsjahren gezählt wird, spricht besonders dafür. In Babylonien zählten die Juden bekanntlich nach seleuzidischer Ära: Die zweimal wiederkehrende Phrase: Gog und Magogs. Strafgericht sei bereits über die Völker eingetroffen (c. 3, S. 7 b., c. 5, S. 13 a.) bezieht sich sicherlich auf die verheerenden Invasionen der Ungarn, wobei Italien am meisten gelitten, unter den deutschen Herrschern Arnulf bis Otto I. (in den Jahren 889-955). Der Chronograph Regino nennt die Ungarn: gens Hungarorum ferocissima et omni belua crudelior a Scythis regnis et a paludibus, quas Thanais sua refusione in immensum porrigitur, egressa est (bei Pertz monumenta Germaniae I, 599). Eben nach dem Skythenlande versetzt das Mittelalter Gog und Magog, und die Ungarn konnten unter diesem Namen bezeichnet werden. – Das Verhältnis des T. d.b. Eliahu rabba zum Sutta ist mir noch nicht klar. [Friedmann in der Abhandlung über dieses Werk (Wien 1902, S. 44-82) will nachweisen, daß es im großen und ganzen mit dem im Talmud Babli K'thubboth 106a genannten Seder Eliahu identisch sei und der frühamoräischen Zeit angehöre. Als Heimatort gilt ihm Palästina. Vgl. dagegen Theodor in der Monatsschrift, Jahrg. 1903, S. 70-79. Über Polemik des Seder Eliahu gegen Karäer und Chajaweîh aus Balch, vgl. Oppenheim in Beth-Talmud I. S. 370 ff.]


26 Zeitalter und Vaterland des hebräischen Josippon oder Pseudo-Josephus hat Zunz richtig ermittelt (gottesdienstl. Vorträge S. 150 ff.); [2. Aufl. S. 154 ff.] im Nachweis des Ursprunges dagegen hat er sich vergriffen (vgl. o. S. 264, Anm. 2). [Vielleicht ist der Jo sippon identisch mit einem von dem persisch-jüdischen Schrifsteller des 14. Jahrhunderts, Salomon ben Samuel aus Gorgang in Turkestan erwähnten ירבד 'ס ינש תיב םימיה; vgl. Fränkel in Monatsschr. Jahrg. 1900, S. 523.]


27 Vgl. M. Sachs, religiöse Poesie der Juden in Spanien, S. 182.


28 Ein Kirchenschriftsteller des zehnten Jahrhunderts klagt: Quis, rogo hodie, solers in nostris fidelibus laicis invenitur, qui scripturis sanctis inventus volumina quorumquumque doctorum latine conscripta respiciat? Nonne omnes juvenes christiani ... lingua disserti ... gentilicia eruditione praeclari, arabico eloquio sublimati, volumina Chaldaeorum avidissime tractant ... ecclesiasticam pulchritudinem ignorantes. Heu proh dolor! linguam suam nesciunt Christiani ... ita ut omni Christi collegio vix inveniatur unus in milleno hominum numero, qui salutatorias fratri possit rationabiliter dirigere literas. (Epistola Alvari in Flores, España sagrada, XI, 81).


29 Charisi in dessen 18. Makame (Tachkemoni) nach Zedners Übersetzung in seiner Auswahl histor. Stücke, S. 70.


30 Vgl. Note 21, I. [Nach Steinschneider, Die arabische Literatur der Juden, S. 116 ist das Todesjahr 970 fraglich.]


31 Mose Ibn Esra bei Munk, Notice sur Aboulwalid, p. 77 f. Note 2


32 [Vgl. jed. Steinschneider a.a.O., § 72, S. 115].


33 Ibn-Adhari, Zitat Note 21, I.


34 Folgt aus Chasdaïs Sendschreiben an den Chazarenkönig.


35 Über die Vorurteile der spanischen Mohammedaner gegen die Juden zu Abdul-Rahmans Zeit berichtet der Bischof von Cordova an den deutschen Gesandten des Kaisers Otto I.: Simul ipsorum (Cbristianorum) convictu delectantur (Saraceni), cum Judaeos penitus exhorreant. – Acta Sanctorum zum 27. Februar T. III, p. 712. Vgl. den Anfang von Chasdaïs Sendschreiben an den Chazarenkönig.


36 Aus dem Gedichte von M. ben Saruks Jüngern, mitgeteilt von Prof. Luzzatto, Bet ha-Ozar, S. 23 f., und bei Philoxène Luzzatto, Notice sur Abou-Jousouf Hasdaï, S. 68. Jetzt vollständig ediert von S. G. Stern, Liber Responsionum שנודו םחנמ ידימלת תובושת, Wien 1870.


37 Abraham Ibn-Daud im Sefer ha-Kabbalah, ed. Amsterdam, 70 a.


38 So wird Chasdaï genannt von Dunasch ben Labrat in seiner Dedikation und von einem anderen Dichter [vgl. jedoch Harkavy in RÉJ. VII, S. 202 ff..]


39 Abraham Ibn-Daud das. [ed. Neubauer S. 66].


40 [Es war der Kaiser Romanus II; vgl. Steinschneider a.a.O. S. 115 unten.]


41 [Das Datum ist 948-949; vgl. Steinschneider a.a.O.]


42 Ibn-G'olǵol bei de Sacy, Abdellatif, S. 496 und bei Ph. Luzzatto a.a.O., S. 6.


43 Acta Sanctorum zum 27. Februar T. III, p. 712 und bei Pertz monumenta IV, 371 ff.; vgl. Schlosser, Weltgeschichte V, 120. Klopp, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, 140 ff.


44 [Über das Zweifelhafte dieses Namens vgl. Harkavy a.a.O. S. 203.]


45 Ibn-Adhari vgl. Note 21.


46 Vgl. S. Sachs' Kerem Chemed, Jahrg. VIII, S. 189.


47 Das Sendschreiben Chasdaïs an den Chazarenkönig, das Isaak Akrisch auf einer Reise von Konstantinopel nach Ägypten aufgefunden hat, veröffentlichte er zuerst in einem Büchlein Kol Mebasser 1577; seit dem ist es öfter abgedruckt worden; vgl. Carmoly, Itinéraires, S. 5 und 67.


48 Thcophanes continuatus III, c. 28, p. 122.


49 Vgl. Stritter, memoria populorum, in Augustis Memorabilien des Orients 1802 III, 573.


50 Ibn-Foßlan, Ibn-Haukal und Maßudi bei Frähn: de Chazaris im Mémoire de l'académie de St. Petersbourg VIII, 592 ff. und bei Carmoly, Itinéraires, S. 16, 24 ff.


51 Constantinus Porphyrogenitus de Caerimoniis aulae byzantinae II, c. 44, 59.


52 Ibn-Foßlan bei Frähn de Chazaris 294. Unrichtig übersetzt Frähn das Wort Khanisah (הסינכ) im arabischen Original mit Kirche, während es ursprünglich und an dieser Stelle Synagoge bedeutet, wie es d'Hosson richtig auffaßt: les musulmans avaient détruit les temples des juifs (peuples du Caucase, S. 42.)


53 Mohammed Ibn-Ishak in Fihrist al-Ulum, mitgeteilt von Flügel in der Zeitschrift der deutsch-morgenländischen Gesellschaft, Jahrg. 1859, S. 566.


54 [Vgl. zur Berichtigung das Verzeichnis von Harkavy bei Rabbinowitz a.a.O., S. 344-345 nach einem Petersburger Manuskript des Chazarenbriefes.]


55 [Vgl. die vollständige Liste bei Rabbinowitz, S. 345, wonach hinter Nissi einzuschalten ist: Aaron I, und die chronologische Bemerkung von Harkavy a.a.O.]


56 Auch das Sendschreiben des Chagan Joseph hat Isaak Akrisch aufgefunden und veröffentlicht (vgl. o. S. 346, Anm. 1). Seine Echtheit ist vor dem Forum der strengsten Kritik anerkannt worden.


57 Nestor, der russische Annalist, übersetzt von Scherer, S. 53, 85.


58 d'Hosson, peuples du Caucase, p. 198.


59 [Diese Angaben beruhen auf Fälschungen von Firkowitz; vgl. Harkavy a.a.O. S. 346, Anm. 100.]


60 Ibn Abi Osaibija, mitgeteilt von Munk in Archives Israélites, Jahrg. 1848, S. 326.


61 Ben Saruks Jünger bei S. D. Luzzatto, Bet ha-Ozar, S. 24 a. f. und Ph. Luzzatto, Notice sur Abou-Jousouf Hasdaï, S. 69.


62 Charisi Makame 18, nach »Zedners Auswahl« übersetzt.


63 Ders. Makame 3. Die Satire eines Menahemiten, mitgeteilt von Dukes Orient Jahrg. 1850, Literbl., col. 267 und Nachal Kedumim I, 7, vgl. das. S. 1, das Zitat von Saadia Ibn Danan. Dunasch selbst beruft sich in seiner Polemik gegen Menahem (Teschubot, ed. Filipowski, S. 73, 76 77) auf zeitgenössische Dichter und zitiert einige Verse von ihnen, wovon ein Zitat aus einem Lobgedicht auf Chasdaï und ein anderes auf die Weisheit. Diese Gedichte stammen also weder von Dunasch, noch von Menahem ben Saruk; folglich gab es zu dieser Zeit noch andere Poeten, die sogar metrisch gedichtet haben. [Vgl. jedoch betreffs des letzten Namens Harkavy a.a.O. 347, Anm. 101.]


64 Charisi Makame 1.


65 [Solche hat es nicht gegeben.]


66 Vgl. Note 21, I.


67 Abraham Ibn-Daud, Sefer ha-Kabbalah, Ende ימיב ונתנ דיגנה לאומש 'ר ימיבו ףצפצל וליחתה אישנה יאדסח 'ר לוק.


68 Von Dunasch ben Labrat wird ausdrücklich ein metrisches Pijjut mitgeteilt, Dukes, Nachal Kedumim, S. 7 oben. Außerdem kennt man zwei metrische Stücke, welche das Akrostichon Dunasch tragen, und da kein anderer Dichter dieses Namens bekannt ist, als eben Dunasch ben Labrat, so gehören sie sicherlich ihm an: vgl. Landshut, Ammude ha-Aboda, S 61. Die Jünger Menahems teilen in ihrer Polemik gegen ihn metrische Pijjutim von Dunasch mit (bei Pinsker, Likkute, S. 166). Zunzens Urteil, daß »der neuhebräische Versbau in der ersten Zeit nur auf die weltliche Poesie beschränkt blieb«, und daß Ibn Gebirol zuerst das Metrum in die synagogale Poesie eingeführt habe, ist demnach zu berichtigen (Synagogale Poesie, S. 216). Zunz gerät auch hierbei mit sich selbst in Widerspruch.


69 Menahems Sendschreiben, mitgeteilt von S. D. Luzzatto in Bet ha-Ozar, S. 31 a.


70 [Solche hat es jedoch nicht gegeben.]


71 Menahems Sendschreiben.


72 Das Machberet von Menahem ben Saruk ist zuerst ediert von Filipowski, London 1855. [Über eine vollständigere Rezension vgl. Kaufmann in ZDMG. 1886, S. 367-409; auch Weiß a.a.O., S. 232, Anm. 13-15. Die Literatur über Menachem gibt Bacher bei Winter und Wünsche, die jüdische Literatur seit Abschluß des Kanon, Bd. II, S. 231. Vgl. auch desselben Abhandlung: Die Anfänge der hebräischen Grammatik S. 70-95.]


73 Einleitung zu Machberet.


74 Vgl. das. S. 55, 57, 81, 98.


75 Das. S. 99. [Vgl. jedoch die zutreffende Berichtigung bei Luzzatto, Bet ha-Ozar I, S. 35 a und bei Rabbinowitz S. 361 mit Hinweis auf Samuel ben Meïrs Erklärung von Exod. 13, 9 (ed. Rosin, S. 98).]


76 Folgt daraus, daß Dunasch sich mit den politischen Vorgängen in Cordova sehr vertraut zeigt und auch aus dem Schlusse seiner Dedikation an Chasdaï.


77 Diese Teschubot gegen Saadia sind soeben nach einem Luzzattoschen Manuskript von Dr. Schröter (Breslau 1866) ediert. [Sie sind höchstwahrscheinlich in arabischer Sprache verfaßt und später ins Hebräische übersetzt worden; vgl. meine Ausführungen in der Monatsschrift, Jahrg. 1902, S. 76-79.]


78 Folgt aus einer Notiz Note 21 II.


79 Die Teschubot gegen Menahem sind zuerst veröffentlicht von Filipowski, London 1855.


80 [Die besondere Bedeutung von Dunaschs Werk liegt darin, daß er entschieden für die Vergleichung des Hebräischen mit dem Arabischen eintritt und selbst eine Liste von 167, nur aus dieser Sprache zu erklärenden Worten aufstellt. Zur Literatur über ihn vgl. bei Winter und Wünsche a.a.O. und Bacher, Anfänge usw. S. 95-114.]


81 Vgl. darüber dessen Teschubot 50 b; 59, 91, Ibn Esras Sephat Jeter Nr. 107-117, 120, 122.


82 Vgl. Pinsker, Likkute, Noten S. 164.

83 Folgt aus Menahems Sendschreiben bei Luzzatto, Bet ha-Ozar, S. 29 b.


84 Menahems Sendschreiben s. und S. 32 a. In Zeile 6 von oben muß man statt des sinnlosen ךיבא lesen: ךיחא ינודא ימחר ילול (Bemerkung des Herrn P. M. Heilperin). [Vgl. jedoch die Richtigstellung bei Stern, Liber Responsionum, Wien 1870, S. XXXVIII, indem es sich auf die früher von Chasdaïs Vater erhaltenen Wohltaten (oben S. 353) bezieht.]


85 Das. 28 b.


86 Menahems Sendschreiben, von Luzzatto zuerst veröffentlicht (a.a.O.) [auch von Stern a.a.O. S. XXIII–XXXVI] ist eine höchst interessante Urkunde. Der Text ist aber an manchen Orten korrumpiert. So muß es (S. 33 a, Zeile 10 v.o.) heißen: תאמ בשומה רפס תופטוטל והיתמש ידידי statt des sinnlosen Wortes ףכ בשומה. [Vgl. auch Porges in RÉJ. XXIV, S. 147.]


87 Sendschreiben a.a.O. S. 33a; vgl. die vorige Anmerkung.


88 Die Satire in Sterns liber responsionum, wo der Verfasser sich selbst im neunten Verse nennt: Jehudi ben Scheschet, und dieser ist kein anderer als der von Mose Ibn Esra erwähnte. Die Satire ist also von einem Dunaschiten gegen die Menahemisten gerichtet. Hingegen ist die Satire beginnend ונב המ! לאומש טארבל, offenbar von einem Menahemisten gegen einen Jünger Ben-Labrats gerichtet; sie scheint aber defekt zu sein.


89 [Über Isak ben Kapron, vgl. Stern a.a.O. S. LXXV.]


90 Dieses Dedikationsschreiben stammt von Menahems Jüngern und nicht von ihm selbst.


91 [Diese Streitschriften sind in dem genannten Werk von Stern veröffentlicht.]


92 Ausführlicher als die jüdischen Chronographen setzt dies Ibn-Abi-Osaibia auseinander, zitiert von Munk, Archives Israélites 1848, p. 326.


93 [Vgl. hierzu meine Ausführungen in der Monatsschrift Jahrg. 1908.]


94 Abraham Ibn-Daud. [Vgl. über ihn I. Müller, Jahresbericht der Lehranstalt usw., Berlin 1889, S. 3-4 und S. 8-10.]


95 Vgl. Note 21, Ende.


96 [Von einer förmlichen Ordination konnte nicht wohl die Rede sein, da sie außerhalb Palästina unstatthaft war.]


97 Abraham Ibn-Daud.


98 Vgl. Gayangos, history of the mahometan dynasties in Spain I, 137, 380. Rainaud, invasions des Sarrazins en France, p. 233. Dozy, histoire des Arabes en Espagne.


99 [Vgl. über seine literarische Tätigkeit I. Müller a.a.O. S. 4-5 und S. 10-17.]


100 Abraham Ibn-Daud.


101 [Vgl. oben S. 339, Anm. 1.]


102 Ich kann die Ansicht Ph. Luzzattos nicht teilen, daß der Dichter Abu-Amr Joseph ben Chasdaï und dessen Bruder Söhne des Chasdaï Ibn Schaprut waren (Notice S. 60). Die alten Literarhistoriker, Mose Ibn-Esra und andere, würden in diesem Fall nicht verfehlt haben, darauf aufmerksam zu machen. [Vgl. Steinschneider a.a.O.]



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 364.
Lizenz:
Faksimiles:
Kategorien:

Buchempfehlung

Klopstock, Friedrich Gottlieb

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Von einem Felsgipfel im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr. beobachten Barden die entscheidende Schlacht, in der Arminius der Cheruskerfürst das römische Heer vernichtet. Klopstock schrieb dieses - für ihn bezeichnende - vaterländische Weihespiel in den Jahren 1766 und 1767 in Kopenhagen, wo ihm der dänische König eine Pension gewährt hatte.

76 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon