I.

[546] Man nimmt gewöhnlich das Ende des jüdischen Chazarenreiches mit dem entscheidenden Siege Swatoslaws über die Chazaren (968) an. Dem ist aber nicht so. Nestor, der russische Annalist, berichtet: Als mohammedanische, byzantinische und bulgarische Gesandte nach dem Hofe Wladimirs von Kiew kamen, um ihn zu bewegen, zu ihrer Religion, respektive Konfession, überzutreten, haben sich auch chazarische Juden (Zidowe kosartii) eingefunden, um ihm das Judentum zur Annahme zu empfehlen. Sie sprachen: »Wir haben gehört, daß die Bulgaren und die Christen (Byzantiner) gekommen sind, jeder von ihnen, dich ihre Religion zu lehren. Die Christen glauben aber an den, den wir gekreuzigt haben, wir aber glauben an den einzigen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.« Das war im Jahr 986. Gleich darauf sandte Wladimir auf den Rat seiner Bojaren Gesandte an die Höfe, welche die verschiedenen Religionen vertraten, um sich an Ort und Stelle zu überzeugen, welcher Religion die Russen den Vorzug geben sollten (vgl. Scherers Übersetzung von Nestors Annalen zum Jahr 986). – Auch ist es ganz undenkbar, daß, wenn die Juden Chazariens schon damals ohne politisches Oberhaupt gewesen wären, sie gewagt haben sollten, in einem mächtigen Reiche Propaganda zu machen. Solches kann nur der Vertreter eines politisch selbständigen Gemeinwesens wagen. Es würde also schon aus diesem Faktum folgen, daß [546] ein jüdischer Chazarenstaat damals noch fortbestand. Diese Voraussetzung wird durch eine Urkunde bestätigt, welche aussagt, daß die Chazaren damals von einem jüdischen Fürsten David regiert wurden, und daß an seinen Hof russische Gesandte kamen, um das Judentum zu sondieren. Diese interessante Urkunde, welche der Karäer Firkowitz in Daghestan in einer alten Synagoge gefunden hat (mitgeteilt Orient Jahrg. 1841, Nr. 33, S. 222 und Zion I, p. 140, Note 5) lautet, wenn wir die Worte des Kopisten vom Jahre 1513 weglassen: החמש 'מ ןב םהרבא לארשי ינומא ימלש יכנא ששו ףלא תנשב הירזכ קדצה ירג וניחא תוכלמב דרפס ריעמ תואמ עבשו םיפלא תעברא תנש איה וניתולגל םינומשו תואמ ריעב םידוהיה וניחא םינומש ןינמה יפל הריציל םיעבראו הששו (בויק 1.) בויצ ריעמ ךשמו שאר אישנ יחולש אבב אכרטמ תוחילשב יתחלש הריקחל תדה רבדב ירזכה אישנה דוד ונינודאל םיבותכו םיאיבנו תורות ירפס תונקל ידמו סרפ ץראל ונממ שיש יתעמש ןאפסיא איה הנידמה םליעבו .רזכ תולהקל ונינומדק ינב וניחא יל הוארה םשל יאובבו .ןומדק הרות רפס ןשושב היגמה הדוהי 'הכ תועסמ רופס בותכ ופוסבו לודג להקב לארשי לקהל ןושארה הדובה היה ןדקנה השמ 'ר ויבאש ונעידוהו יל ורכמיש יתשקבו .םהב ארקמה תאירק תדימל םידימלתל ירבד יל ורקי יכ הלמב הלמ הזה רופסה יתקתעהו .ורכמל ונאמיו יל םיעודיה םימותסה וירבדל רואיב וב יתפסוהו דואמ היגמה םולשבו םייחב יתיבל [?יתוא] 'ה ריזחיו ילע ןגת ותוכז .תמאב ןמא. Darauf folgt ein Bericht über die Niederlassung der Juden in der Krim, beginnend mit den Worten: ינא ילתפנ שיא ריבגה הדוהי ןב יחרזמ ןדקנה השמ ןב הדוהי (abgedruckt Orient l.c. Nr. 21, S. 162, Zion I, 135 und Pinner, Prospektus der Manuskripte der Odessaer Gesellschaft, Odessa 1845, S. 6).

Jedes Wort dieser Urkunde trägt den Stempel der Echtheit an sich, daß die Chazaren ursprünglich Proselyten waren, daß Boten im Jahre 986 in Religionsangelegenheit von Kiew gekommen sind, und zwar Boten des Fürsten von Rußland und Moskwa: אישנ ךשמו שאר. Die Worte sind einem Bibelverse entlehnt (Ezechiel 39, 1). Auch die Araber nennen die Russen סאר (vgl. Frähn Ibn-Foßlan)265. Die Stadt אכרטמ ist Tamataracha, Tmotarakan, das alte Phanegoria, jetzt Taman. Dort wohnten längst griechische Juden, hatten die Zeitrechnung nach Weltjahren, wie in Palästina (und nicht die seleuzidische Ära, wie in Babylonien), und eben nach der dort üblichen Ära bestimmte der Reisende Abraham ben Simcha das Jahr, in welchem er von dem Chazarenfürsten David ausgesandt wurde, um alte Bibelexemplare zu kaufen. Die Stadt דרפס, die Heimat des Sendboten Abraham, und wahrscheinlich auch die Hauptstadt des Chazarenfürsten David, ist in der Nähe von Matracha das alte Bosporus, jetzt Kertsch (vgl. Pinsker, Likute, Text, S. 17, Anm. 1). Wir haben also zwei voneinander unabhängige Zeugnisse über die Fortdauer eines, wenn auch kleinen, jüdischen Chazarenstaates nach Swatoslaws Siegen. Noch ein dritter Zeuge kann zugeführt werden. Abraham ben Daûd erzählt im Jahre 1161, er selbst habe in Spanien die Nachkommen jener Chazaren gesehen, die dahin gekommen wären, und, daß der Rest derselben in ihrem Lande dem Rabbanismus angetan wäre: – ברל רפס חלש (םיירזכ ךלמ) םכלמ ףסויו ונועידוהו םימכח ידימלת םהינב ינבמ וניארו קחצי רב יאדסח תונברה תעד לע םתיראשש. [547] Wahrscheinlich sind vornehme Chazaren nach dem Untergang ihres Reiches in der Krim durch Mietislaw und Basilius II. erst 1016 nach Spanien entflohen.

Wir haben bis jetzt den einen Teil der Urkunde des Abraham ben Simcha oder die chazarische Seite in Betracht gezogen und ihn bewährt gefunden; aber auch das Übrige darin enthält nichts Verfängliches. Abraham kam nach Isfahan, um alte Bibelexemplare aufzukaufen, hörte, daß in Susa ein altes Pentateuchexemplar vorhanden ist, reiste dahin, ließ es sich zeigen, fand darin zum Schlusse eine Reisebeschreibung des Jehuda Magihah – dessen Vater die hebräischen Vokale erfunden – und wollte es für sich kaufen. Da es aber die Susaner Juden nicht veräußern mochten, so kopierte er sich die Reisebeschreibung. Er fleht zuletzt Gott um glückliche Heimkehr an. Dieses alles scheint ebenso echt zu sein, wie der erste Teil von den Gesandten des russischen Fürsten historisch dokumentiert ist. Der Teil aber, welcher mit den Worten beginnt: ןדקנה השמ ןב הדוהי ינא, trägt das Gepräge der Unechtheit an der Stirne und ist von einem Karäer späterer Zeit zwecks Mystifikation hinzugefügt worden.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 546-548.
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546 | 547 | 548
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