II. Die Favoritin Esther Kiera.

[548] Venezianische Gesandtschaftsberichte und türkische Sultanschroniken erzählen von dem Einfluß, den eine Jüdin auf eine Sultanin hatte, und vermittelst ihrer auf den Gang der wichtigsten Staatsangelegenheiten, als diese unter Murad III. und Mohammed IV. vom Harem aus geleitet wurden. Die europäischen Gesandten mußten sich um ihre Gunst bewerben, wollten sie irgend einen Vorteil für ihre Höfe erlangen. Ihr Name lautet in den europäischen Nachrichten verschieden: Kiera, Chiera, Chierara, Chirazza oder Chiarazza. Sie war Favoritin der Sultanin Baffa, einer geborenen Venezianerin, Gemahlin des Sultans Murad III., welche als Chassaki (Sultanin-Gemahlin) und nach dessen Tode als Walide (Sultanin-Mutter) unter ihrem Sohne die Zügel der Regierung leitete. Der venezianische Gesandte Contarini berichtete im Jahre 1583 von einiger Zeit vorher: Et perchè il ambasciator Soranzo non la presentò (la Sultana), se ne risenti assai con la Chierara, ebrea [548] che pratica seco famigliarmente (Alberi Relazioni, Serie 3, III, p. 236). In einem anderen venezianischen Berichte heißt sie: la Chirazza Hebrea (bei v. Hammer, a.a.O., IV., S. 156). In demselben Berichte kommt auch vor: Polizza scritta dalla Sultana in favore della Chiarazza per il lotto suo, Marzo 1587 (das. p. 159, Note d). Die Venezianer haben nämlich der jüdischen Favoritin eine Lotterie bewilligt, und dadurch erlangten sie ausgedehnte Privilegien von der Sultanin. Soranzo Bernardo berichtet 1592: Soleva in tempo mio usarci per mezzo con la Serenissima Sultana la Chiarazza Ebrea (Alberi a.a.O., Serie 3, II., p. 361). Die Sultanin schrieb an einen venezianischen Gesandten, sie habe den Samt erhalten per la Chiera nostra schiava (bei v. Hammer a.a.O., S. 615). Die türkischen Geschichtsschreiber nennen sie Kira, berichten von ihr, daß sie sogar Reiterämter der Sipahi verteilt habe, und erzählen von ihrem Tode durch den Aufstand der Sipahi gegen sie (das. 303 ff.).

Es wäre auffallend, wenn in der jüdischen Literatur nichts von dieser einflußreichen Frau vorkommen sollte. Und in der Tat sprechen jüdische Schriftsteller von ihr, und zwar mit großem Lobe, als einer hochherzigen Wohltäterin und Beförderin der jüdischen Literatur. Der wandernde Hinkfuß Isaak Akrisch erzählt, daß die hochgestellte Frau Kiera Esther, Witwe des Elia Chendali, ihn vor dem großen Brande in Konstantinopel reichlich unterstützt hat, und noch mehr beim Ausbruch desselben (1569), als fast das ganze Judenquartier ein Raub der Flammen geworden war (Einleitung zum Tripel-Kommentar zu Canticum): תרקנה תרבגה תיב לא יתכלה (הפרשל) םימי 'ה רחאו עוגרמ ואצמ התיבב יכ . ילדנח הילא 'רהכ תנמלא .. רתסא הרייק יתוא תעייסמ התיה הפרשה םדוק םגו .םילדו םירישע םיבר יתשא תא םש יתאצמ התיבל יתכלהשכו הידי תנתמו התבדנב יתשא םתליצהש ירפסמ טעמו יתב תאו. Wir erfahren daraus ihren jüdischen Namen; der Name הרייק ist wohl ihr türkischer gewesen. Durch die Ermittelung ihres jüdischen Namens ergibt sich, daß durch ihre Unterstützung Zacutos hebräisches Geschichtswerk Jochasin von Samuel Schulam 1566 ediert wurde, und daß sie eine Mutter der Armen, Witwen und Waisen gewesen ist. In der Einleitung dazu bemerkt nämlich der erste Editor: הבסו הבסנ התיה 'ה תאמ םלוש ... ןב לאומש רמא רתסא 'מ ליח תשא יתראפת תרטע יתרבג חור תא ריעהל הבורק השא ןדע וחונ ילדנח הילא 'רהכ הלענו אשנ הלעב םירעשב עדונ אפרמו הקדצ שמש הישעמב הלודג השא המכח השא 'ה תארי םילשחנה לכ םינויבאהו םיינעה ואובי ץראה ףנכמ .היפנכב הנחלושל ביבם םויו םוי לכבו דימלת םע ןיבמ ועמשי ןזוא עמשל ילוקב אלו רדחב רדח .. ןויבאל החלש הידי ... םיבישקמ םירבח תויוארה תורענהו םהל התקלח הידי תונמלאו םימותי .תולוק לכ הזבזבו הדמע .ואשני אשנ הירי ירפמ .. םישנה תיב לא אבל היתורצוא. Samuel Schulam, unerschöpflich in ihrem Lobe, erzählt, als an ihrer Tafel unter den anwesenden Männern von Kenntnis von diesem Werke und der Nützlichkeit, es durch den Druck zu verbreiten, die Rede war, forderte sie ihn auf, es auf ihre Kosten drucken zu lassen: היהא ינאו תונובתל ארק םוק ילא רמאתו ףסכה לצב קיזחמל. Samuel Schulam hat zwei mißlungene Verse zu ihrer Verherrlichung gedichtet. – Zacutos Werk, welches trotz seiner Mittelmäßigkeit die Kenntnis der jüdischen Geschichte verbreitet und gefördert hat, verdankt seine Veröffentlichung dieser Kiera-Esther, deren Namen und Taten bisher verschollen waren. Noch vor 1566 muß sie also sehr reich, aber schon verwitwet gewesen sein. – Ihre und ihrer Söhne Ermordung durch den Aufstand der Sipahi setzten türkische Geschichtsschreiber 15. Ramadhan 1008 Heǵira = 30. März 1600 (bei v. Hammer das. S. 303). Auch der Fortsetzer von Joseph Kohens Emek ha-Bacha (p. 172) erzählt von ihrem Einfluß, Ansehen und schmählichem Tod, aber ohne [549] ihren Namen zu nennen: רעשב תבשוי הבושח השא הניטשנוקב םג 'וכו הילא םיוחתשמו םיערוכ םירשה לכו רגותה ךלמ. Ihr konfisziertes Vermögen betrug nach dem türkischen Geschichtsschreiber 5000 000 Asper = 100000 Dukaten, nach dem eben genannten jüdischen Historiker: ףסכ לקש תואמ עשתמ רתוי.

Französische und venezianische Gesandtschaftsberichte haben noch den Namen eines sonst unbekannten jüdischen diplomatischen Agenten unter Murad III. aufbewahrt, eines Arztes Benveniste. Bei Charrière, Négociations IV. p. 236 berichtet der französische Gesandte an Heinrich III. vom 13. Dez. 1589 von intimen politischen Verhandlungen, ainsy qu'a rapporté le Bennveniste Juif. Vom 15. Januar 1594 lautet der Bericht, derselbe sei plötzlich in der Nacht vom Sultan mit noch zwei Vertrauten des Paschas in Kerker geworfen worden (das. 246 und in der Note): comme en estant non seulement du tout remis la charge de deçà ès mains du dict juit (Bennveniste), mais quasi la déliberation et décision à son arbitre et volunté. Auf Anklagen der Schwester des Sultans sollte er streng bestraft, dann gezwungen werden, den Turban zu nehmen, kam aber zuletzt mit der leichtern Strafe der Verbannung davon. Er durfte später wieder frei zurückkehren und wurde abermals vertrauter Geschäftsführer des ersten Pascha Siawus oder Sciaus, wie Matteo Zane berichtet (Alberi, Serie 3, III, p. 389 vom Jahre 1594): Sciaus Bassà ha per famigliare il dottore Benveniste.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1907, Band 9, S. 548-550.
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