1. Spuren ägyptischer Sprachelemente im Hebräischen.

[333] Bei sorgfältiger Beobachtung des hebräischen Sprachgutes und kritischer Scheidung des Ureigenen vom Fremden stellt sich die Tatsache heraus, daß auch ägyptische Sprachelemente und selbst Ägyptisch-Mythologisches in das Leben des hebräisch-israelitischen Volkes eingedrungen ist, und zwar so tief, daß das Entlehnte wie Eigenes behandelt wurde. Freilich kann man bei der Parallelisierung nicht vorsichtig genug sein, weil einerseits auf dem schlüpfrigen Boden der Etymologie und der Sprachvergleichung Fehltritte unvermeidlich sind, und weil anderseits das ägyptische Sprachmaterial selbst lexikalisch noch nicht fixiert ist. Nur wenn das ägyptische Wort sich lautlich und im Gebrauche vollständig mit dem gleichklingenden hebräischen Worte deckt, und dieses sich nicht aus dem Semitischen erklären läßt, gewährt die Vergleichung mit dem Ägyptischen einige Gewißheit.

Bekannt ist, daß manche Benennungen für Maße aus dem Ägyptischen entlehnt sind; daher geben sie die griechischen Vertenten unübersetzt wieder. So גל Äg. Lok; הפיא Koptisch: Epi, οἰϕί oder οἶϕι; wahr scheinlich auch ןיה εἴν, ἴν, und תב βάτος, βαῖϑος. [Nach anderen seien die Maße von den Babyloniern entlehnt. Vgl. Riehm-Bäthgen, Handwörterbuch, Art. Maße.]

רואי ist ein echtägyptisches Wort Jaro, Jor, Jerô, das zugleich Graben, Kanal und Fluß bedeutet und besonders gebraucht wird, um den Nil zu bezeichnen, also im Ägytischen ebensowie im Hebräischen. – וחא, Papyrusschilf ist anerkannt ägyptisch = Achi, aber auch אמג, Schilf im allgemeinen, ist ebenfalls daraus entlehnt, demotisch-ägyptisch Kham [Nach anderen hängt das Wort mit dem hebräischen Worte אמג zusammen]. סוס Pferd lautet ägyptisch Ses, und da es im Arabischen nicht vorkommt, ist es wohl ägyptisch. – ןורא und הבת, beide ursprünglich für Mumiensarg gebraucht und dann auf Kasten und Arche übertragen, sind ägyptisch Aron, Têbe, Tbee, Taibi.

Dagegen ist der Monatsname ביבא nicht ägyptisch, und Lepsius' Vermutung, daß er dem ägyptischen Monat Epeip, Epep, Epiphi entsprochen habe (Chronolog. d. Ägypter, S. 141), ist unhaltbar. Wenn die Araber auch den Epiphi mit ביבא wiedergeben, so rührt es von dem Mangel ihrer Sprache an dem harten P-Laut her, wodurch sie gezwungen sind, P mit B wiederzugeben. – Wenn das nur bei Ezechiel vorkommende Wort למשח dem ägyptischen Metalle Aschm entsprechen soll, das an Farbe dem Golde und dem[333] Bernstein ähnlich war und daher bei den Griechen ὁ ἤλεκτρος hieß, verschieden von τὸ ἤλεκτρον, Bernstein (vgl. Abhandlungen der Berliner Akademie der Wissenschaften, Jahrg. 1871, S. 122), so beweist es noch nichts für den ägyptischen Ursprung des Wortes; es kann einem anderen Volke, wo dieses Metall heimisch war, entlehnt sein. Einige hebräische Namen für Edelsteine, die bei der Anfertigung des Brustschildes aufgeführt werden, mögen wohl ägyptisch sein; es ist aber noch nicht versucht worden, sie auf diesem Wege zu etymologisieren.

Wichtiger als die bisher konstatierten Entlehnungen sind die Berührungspunkte des Hebräischen mit der ägyptischen Mythologie.

Zunächst stößt uns das Wort ריבא [abir] auf (auch zuweilen ריבא [awir]). Es hat im Hebräischen drei Bedeutungen, die auf einen Begriff zurückgehen. Es bedeutet Ochse, Rind: ןשב יריבא (Ps. 22, 13): םע םירפ םיריבא (Jes. 34, 7), םיריבא רשב לכאה (Ps. 50, 13). Es bedeutet auch Himmlische םיריבא םחל (Ps. 78, 25), vom Manna gebraucht. Es bedeutet aber auch der Starke, Mächtige, überhaupt Gott, und wird auch vom Gotte Israels gebraucht: בקעי ריבא לארשי ריבא. Man ist daher um so mehr berechtigt, in dem Worte den ägyptischen Apis wieder zu erkennen, als es in Jeremia (46, 15) geradezu für Apis gebraucht wird. Es heißt da von Ägypten: ךריבא ףחסנ עודמ, »warum wird dein Apis geschleift« (die richtige L.-A. ist ךריבא Sing. statt ךיריבא Plur.). Auch in dem Jesaianischen V. (10, 13): םיבשי ריבאכ דרואו haben die Ausleger »den Gott« erkannt, gleich ריבאב [baawir]. Es ist also so gut wie gewiß, daß ריבא ursprünglich Apis bedeutete. Die Israeliten haben lange dem Ochsen Verehrung gezollt, haben »Gottes Ehre« mit einem grasfressenden Tiere vertauscht, kurz haben den Apis verehrt. Daher die Begriffsassoziation von »Ochs, mächtig, Gott«. Da nun der Name רבא im Arabischen in dieser Bedeutung nicht vorkommt, so ist der ägyptische Ursprung des Wortes gesichert. Falsch ist die Ableitung desselben von הרבא »Flügel«, ריבאה »sich aufschwingen«. Es hat mit ריבא nichts gemein. An ריבא = Apis haben wir ein sicheres Argument von dem Eindringen ägyptischer Vorstellungen in hebräische Kreise.

Noch mehr bezeugt es das Wort ןוא. An oder On bedeutet im Ägyptischen die Sonne: Ὢν δὲ ἐστὶ κατ᾽ αὐτου`ς (Αἰγυπτιους) ὁ ἥλιος (Cyrill zu Hosea). In der Stadt On oder Heliopolis war der Ursprung des Osiriskultus. Osiris wird der Uralte zu An genannt. Bekannt ist die Osiris- und Isissage vom Tode des ersteren durch den wilden Typhon (Set), und von der Klage der letztern um den Tod ihres Freundes und Gatten wegen des Verlustes des Phallus (Diodor von Sizilien Bibliotheca I., 25 und Plutarch de Osiride et Iside). Die Trauer um Osiris (Ὀσίριδος πένϑος) oder die Klage um On, die im Winter entschwundene Sonne, wurde in Ägypten jedes Jahr erneuert. Herodot erzählt, wie die Klagen am Feste der Isis begangen wurden (II, 61). Nachdem die Opfer für die Göttin dargebracht waren, begannen die Männer und Frauen, zu Zehntausenden versammelt, sich auf die Brust zu schlagen. Von On-Osiris und der Totenklage um ihn stammt unstreitig das hebräische Wort ןוא ab, welches eben »Klage um einen Toten« bedeutet. (Deuteronom. 26, 14, Hosea 9, 4, Genesis 35, 18). Davon deriviert das Verbum ןנואתה, ursprünglich »um einen Verstorbenen klagen« (Numeri 11, 1) und dann in weiterer Bedeutung klagen überhaupt (Klagel. Jeremiä 3, 39). ןוא für Klage hat im Semitischen keine Analogie, [334] es kann also nur aus dem Ägyptischen stammen, und zwar aus dem Mythenkreis von Osiris und Isis und dem Isisfeste. Möglich, daß auch das Verbum הנא klagen eine Neubildung von ןוא ist.

Auch Wort und Begriff םידש [schedim] scheinen aus dem Ägyptischen zu stammen [Vgl. jedoch Schrader, Keilinschriften des Alten Testamentes, 2. Aufl., S. 160.] Set oder Typhon (Plutarch das. 49) galt als der Gott der Zerstörung. Ihm wurden Opfer gebracht, um seinen Zorn abzuwenden. Die Abschwächung von Set in Sched hat Analogien für sich. Dadurch ist verständlich Deuteronom. 32, 17: הלא אל םידשל וחבזי und Ps. 106, 37: םידשל םהיתונב תאו םהינב תא וחבזיו. Möglich, daß das Verbum דוש davon abgeleitet ist, in Ps. 91, 6: םירהצ דושי בטקמ, von der Seuche, die am Mittag »wütet« und »zerstört«; denn vom Verbum דדש kann es nicht herkommen. Unhaltbar ist dagegen die Konjektur, daß der Gottesname ידש mit Set zusammenhänge.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1908], Band 1, S. 333-335.
Lizenz:
Faksimiles:
333 | 334 | 335
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Bozena

Bozena

Die schöne Böhmin Bozena steht als Magd in den Diensten eines wohlhabenden Weinhändlers und kümmert sich um dessen Tochter Rosa. Eine kleine Verfehlung hat tragische Folgen, die Bozena erhobenen Hauptes trägt.

162 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon