Die Seeherrschaft. Phöniker und Hellenen

[93] In der Seeherrschaft vollzieht sich allmählich der Niedergang der phönikischen Macht. Die wiederholten Angriffe der Assyrer, namentlich die langen Belagerungen von Tyros sind darauf zweifellos von Einfluß gewesen. Denn wenn auch die Städter auf ihrem Felsenriff der assyrischen Landtruppen spotteten und zur See unantastbar waren, so erforderte die Verteidigung doch die volle Kraft der Bewohner, die Wahrung der Interessen im fernen Westen wurde unmöglich. Wie alle Kolonien, werden auch die phönikischen im Laufe ihrer Entwicklung die Herrschaft des Mutterlandes abzuschütteln gesucht haben; die Karthager haben zwar das Pietätsverhältnis zu Tyros namentlich auf religiösem Gebiete niemals verletzt, aber von einer Oberherrschaft des letzteren ist später keine Rede mehr. Selbst auf Cypern wurde ja nur Kition noch mit Mühe behauptet. Ob innere Wirren, wie wir sie in der Folgezeit in Tyros finden, hinzukamen, wissen wir nicht. Vor allem aber war der direkte Zusammenhang des Bereichs der Seemacht durchbrochen: die Hellenen waren dazwischengetreten. In der Technik, im Schiffsbau sind die Phöniker denselben noch auf Jahrhunderte hinaus überlegen (Herod. VII 96), aber wie es scheint, fehlt der Unternehmungsgeist und wohl auch die materielle Kraft. Die Phöniker erscheinen als ein absterbendes, im Besitz erschlafftes Volk und sind nicht mehr imstande, die Konkurrenz der kühn aufstrebenden, sich allseitig entfaltenden Hellenen zu ertragen.

Von allen griechischen Gemeinden sind zuerst die Ansiedlungen an der kleinasiatischen Westküste zu hoher Blüte gelangt. Hier war die städtische Organisation, zu der man im Mutterlande [93] meist erst spät gelangt ist, von Anfang an gegeben. Wenn man auch überall eine größere Landmark in Besitz genommen hatte, um die mit den Eingeborenen manch harter Strauß geführt werden mußte, wenn man diese auch zunächst nach Kräften zurückgedrängt und, wo es anging, zu Knechten gemacht hatte, allmählich traten doch die Ackerbauer und Grundbesitzer gegen die Gewerbetreibenden und Kaufherren völlig in den Hintergrund. Im engsten Zusammenhang damit steht die Beseitigung des Königtums durch eine Aristokratie und das Auftreten von sich auf den Tod bekämpfenden Faktionen. Mit den kleinen einheimischen Staaten, welche die Tatsache der griechischen Ansiedlung nicht mehr rückgängig machen konnten, bahnten sich freundliche Beziehungen an. Die Lyder trieben Landhandel in großem Maßstabe (Herod. I 94 πρῶτοι δὲ καὶ κάπηλοι ἐγένοντο, vgl. I, 155), aber ihr gesamter Seeverkehr lag in den Händen der Griechen; das gleiche gilt von den Küsten Teuthraniens. Dagegen hatten sich die Griechen in Karien nur an einzelnen Punkten, in Lykien, wo die Tramilen selbst nur eine Küstenbevölkerung bildeten, gar nicht ansiedeln können. Hier wetteiferten die einheimischen Gemeinden selbst mit den Griechen; die karischen Küstenorte Karyanda, Bargylia, Kaunos u.a. trieben eifrig Schiffahrt und Seeraub, in Lykien hatte sich das Städtewesen ganz nach Art des griechischen entwickelt. Nirgends aber finden wir eine ausgesprochene Rivalität oder gar einen Rassenhaß zwischen Hellenen und Nichthellenen, sondern trotz mancher Gegensätze den regsten friedlichen Verkehr und eine tiefgreifende gegenseitige Beeinflussung. Die Lyder, Karer und Phryger entlehnen ihre Schrift von den Griechen, und schon im 8. Jahrhundert sendet König Midas Weihgeschenke nach Delphi (Herod. I 14). Die Griechen dagegen nehmen zahlreiche Sitten und Bräuche, vor allem auf religiösem Gebiet, von den Asiaten herüber und sind ihre Schüler in Industrie und Kunst.

Auch im Mutterlande standen manche Staaten, wie Argos, Korinth und die euböischen Städte, den kleinasiatischen Griechen nicht nach. Für sie alle ist das 8. und 7. Jahrhundert eine Zeit hohen materiellen Aufschwungs. In erster Linie aber sind es überall die Ionier Kleinasiens, welche als Ansiedler und weit mehr noch [94] als Händler und Seefahrer mit den Asiaten in Berührung kommen: daher pflegen die letzteren alle Hellenen mit dem Namen Ionier (Jawan) zu bezeichnen. Fremde Küsten werden aufgesucht und besiedelt, neue Gebiete erschlossen; die politischen Zwistigkeiten fördern diese Entwicklung nur, da wiederholt besiegte Parteien die Mutterstadt verlassen, um sich in der Ferne eine neue Heimat zu suchen. Wie die Chalkidier die thrakischen, so besetzen die Lesbier die troischen Küsten; die Ionier, allen voran die Milesier, dringen in die Propontis und den Pontos vor, spätestens um die Mitte des 7. Jahrhunderts scheint Sinope gegründet worden zu sein. Der Einbruch der Kimmerier hemmte die Entwicklung nur vorübergehend; bald ersteht hier eine Ansiedlung nach der anderen, von denen manche, wie Sinope und Kyzikos, zu blühendem Wohlstande gelangen und mit der Mutterstadt in der Gründung von Kolonien wetteifern. Ähnlich sucht man im Süden den Machtbereich auszudehnen. Cypern war seit langem vorwiegend hellenisch, Pamphylien von griechischen Kolonisten besetzt, die freilich den Zusammenhang mit dem Mutterlande fast verloren hatten. Jetzt versucht man auch Kilikien zu besetzen: unter Sanherib landete hier eine Schar Griechen, die, wie schon erwähnt, von den Assyrern zurückgeschlagen wurde (o. S. 65). Indessen in der Folgezeit finden wir hier zahlreiche griechische Ansiedlungen: Kelenderis, Nagidos, Holmi, Soli werden als solche bezeichnet, letzteres als Gründung der Rhodier (und Argiver oder Achäer). Zum Teil haben die Griechen gewiß nur Faktoreien in den weit älteren Ortschaften angelegt; aber ganz Kilikien gerät unter den Einfluß hellenischer Kultur, die hier in der Perserzeit schon völlig die Oberhand gewonnen hat. Ebenso ist Side an der pamphylischen Küste eine kymäische Kolonie; Aspendos wird argivisch, Phaselis (Herod. II 178) dorisch genannt191.

[95] Gleichzeitig dringen die Hellenen ins Westmeer vor. Etwa zu Ende des 9. Jahrhunderts mögen sie Italien entdeckt haben, allen voran gründen hier die Chalkidier von Euböa Kyme im Opikerlande, dann 734 Naxos auf Sizilien. Ihnen folgen die Korinther auf dem Fuß, besetzen Korkyra, gründen 733 Syrakus, und bald ist ganz Unteritalien von Griechen besiedelt, Sizilien großenteils eine hellenische Insel. Nirgends vermögen die Phöniker Widerstand zu leisten: »als die Hellenen in Masse ins Westmeer kamen, verließen die Phöniker die Mehrzahl ihrer Ansiedlungen auf Sizilien und zogen sich nach Motye, Soloeis und Panormos im Westen zurück« (Thuk. VI 2). Im 7. Jahrhundert drangen samische (Herod. IV 152) und vor allem phokäische Kaufleute noch weiter vor, knüpften mit Tartessos einen regen Verkehr an und landeten auf Sardinien und an der ligurischen Küste. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, diese Entwicklung im einzelnen zu verfolgen192. Es war dem Hellenentum nicht beschieden, das ganze Gebiet, welches es im 7. Jahrhundert umspannt hat, zu behaupten: auch unter den günstigsten Umständen hätten die Kräfte des Mutterlandes dazu bei weitem nicht ausgereicht. Aber mit der Seemacht Phönikiens war es vorbei, und der unmittelbare Konnex des Ostens mit dem Westen blieb zerrissen. Als im 6. Jahrhundert die Phöniker im Westmeer sich wieder aufrafften und den Hellenen mit Erfolg entgegentraten, stand nicht Tyros oder Sidon, sondern das inzwischen völlig selbständig gewordene Karthago an der Spitze der Erhebung.

Wie sich an der Peripherie des Assyrerreiches im Westen die Hellenen zu gebietender Machtstellung erheben, so bereitet sich im Osten der nicht minder folgenschwere Eintritt der Iranier in die Geschichte vor, denen das Reich von Ninive noch vor dem Ausgang des 7. Jahrhunderts erliegen sollte. Bevor wir diese Entwicklung im einzelnen verfolgen, haben wir uns der geistigen Schöpfung zuzuwenden, aus der das Iraniertum die Kraft für seinen Aufstieg zur Weltgeltung gewann: der Religion Zoroasters.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 93-97.
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