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Der Sonnenstaat des Jambulos

[305] Der Verfasser dieses letzten uns bekannten109 Staatsromanes, der überhaupt den Höhepunkt des dichterischen Utopismus der Griechen bezeichnet, ist ein sozialökonomischer Jules Verne. Er gibt einen Reisebericht im Stile der Abenteuer Simbads des Seefahrers,110 indem er uns nach einem wundersamen Märchenlande entführt, das in seiner grotesken Ausstaffierung uns ganz wie Prosperos Zauberinsel anmutet: die Wohnstätte eines glückseligen Menschengeschlechtes, dem alles physische, sittliche und soziale Elend der übrigen Welt fremd ist. Diese novellistische Einkleidung, die selbst den Beifall eines Lukian fand, hat offenbar zu der Popularität des Romans kaum viel weniger beigetragen als der sozialistische Kern, den das phantastische Fabelwerk umrankt und fast überwuchert. Auch Diodor, dessen kurzem Auszug111 wir die Kenntnis des Jambulos verdanken, hebt diese Seite des Romans besonders hervor. Die Entdeckungsgeschichte der Sonneninsel, an deren Realität er übrigens ebenso glaubt, wie an die Panchäas, gibt er ausführlich[305] wieder, ebenso die Fabeleien über die Naturwunder des Inselreiches, während er sich über die sozialökonomischen Zustände weit kürzer faßt. Und wenn es auch verkehrt wäre, aus dem ganz unzulänglichen und dürftigen Exzerpt Diodors ohne weiteres auf die Komposition des Romans selbst zurückzuschließen, so kann es doch kaum zweifelhaft sein, daß die novellistische Einkleidung den ganzen Charakter des Romans wesentlich mitbestimmt hat.

Der Verfasser berichtet: Von Jugend auf der Bildung beflissen, habe er nach dem Tode seines Vaters, eines Kaufmanns, ebenfalls in Kaufmannsgeschäften eine Reise nach Arabien und nach dem Gewürzland (Somal) unternommen. Hier sei er zuerst Räubern in die Hände gefallen, dann, nachdem er einige Zeit als Hirte gedient, mit einem seiner Gefährten von den Äthiopen gefangen worden, die eben damals eines Sühnopfers bedurften, wie sie es alle sechshundert Jahre nach uralter Sitte dem Ozean darzubringen pflegten. Man gab ihnen ein kleines Fahrzeug und hieß sie nach Süden fahren, wo sie ein glückliches, von wohlwollenden Menschen bewohntes Eiland finden würden. Nach einer Fahrt von vier Monaten gelangten sie zu einer Insel von runder Gestalt und einem Umfang von fünftausend Stadien, deren Bewohner die Fremdlinge freundlich aufnahmen. Sie gehörte zu einer Gruppe von sieben Inseln, alle ungefähr gleich groß, gleich weit voneinander entfernt und alle von Menschen bewohnt, deren Sitten und Lebenseinrichtungen sich durchaus glichen. Man befand sich hier unmittelbar am Äquator. Tag und Nacht waren immer von gleicher Länge, und am Mittag warf kein Gegenstand einen Schatten. Die Sonne, allezeit im Zenith stehend, betätigte in diesem Wunderlande uneingeschränkt die Fülle ihrer segenspendenden Kräfte, ein Moment, das auch im Kultus der Insulaner zum Ausdruck kam. Sie verehrten die Sonne als ihre höchste Gottheit, ihr waren die Inseln und deren Bewohner geweiht.112

Außerdem wurden auch der Himmel und alle Himmelslichter verehrt, und die Siebenzahl der Inseln, sowie ihre kreisförmige Gestalt hängt offenbar mit dem Planetendienst zusammen, ebenso die eifrige Beschäftigung der Insulaner mit der Sternkunde. Auch in neueren Sozialromanen findet sich diese Beziehung zur Sonne, z.B. in dem »Sonnenstaat« Campanellas und in der Geschichte der Sevarambier von Vairasse. Hier wird der Sonnenkult damit motiviert, daß er eben die ursprünglichste und allgemeinste aller Religionen gewesen sei. – Möglich,[306] daß schon für Jambulos dieser Gesichtspunkt mitbestimmend war, daß ihm der Sonnenkult als die »natürlichste« Religion am besten für sein Gesellschaftsideal zu passen schien, das ja möglichst das Naturgemäße verwirklichen sollte. Auch ist ja gerade in der Zeit des Hellenismus von der Stoa Helios zum sichtbaren Weltheros, zum »Demiurgos der Welt« gemacht worden; eine Auffassung, die die ganze Folgezeit beherrschte. – Dazu kam die Lage dieser und anderer glückseliger Inseln (vgl. den Sonnenstrom Panchäas bei Diodor V 44) in dem nach griechischer Anschauung der Sonne zunächst gelegenen »äußeren« Meere und jene Ansicht von dem Wunschland und dem Wunschdasein, wie sie uns in dem »Sonnentisch« und der wunderbaren, allerhand gebackenes Fleisch tragenden Wiese der Äthiopen, des Heliosvolkes κατ᾽ ἐξοχήν, schon bei Herodot (III 17f.) – trotz der rationalistischen Umformung wohl erkennbar – als griechischer Volksglaube entgegentritt.113

Auf diesen Zusammenhang – der Sonnentisch ist ja nichts anderes als das dienstbare Gerät des Zauberlandes, das »Tischlein deck dich« – deutet ja auch die unerschöpfliche Produktionskraft, die die Natur in dieser sonnigen Welt auszeichnete. Die Bäume trugen hier stets reife Früchte, wie im homerischen Phäakenland. Der Boden brachte unbestellt Nahrungsmittel in überreicher Fülle hervor, ebenso Öl und Wein und manch seltsame Pflanzen, unter denen besonders ein Rohr hervorgehoben wird mit erbsenartigen Früchten, die in Wasser gelegt aufquollen und zur Bereitung eines süßen Brotes verwendet wurden.

In diesem Reichtum der Natur, der übrigens die Bewohner nicht hinderte, in wohlgeregelter Mäßigkeit zu leben, gediehen auch die letzteren in ursprünglicher Kraft und Schönheit. An Leibesgröße und Lebensdauer überragten sie weit das gewöhnliche Maß der Sterblichen.114 Von Krankheit meist verschont, duldeten sie auch nichts Krankhaftes, Verkrüppeltes, Verfallendes unter sich. Wer an unheilbarem Siechtum oder an körperlichen Gebrechen litt, mußte einem strengen Gesetz gemäß sich selbst den Tod geben. Ebenso war es Sitte, daß alle, die eine gewisse Altersgrenze überschritten hatten, freiwillig ihrem Leben ein Ende machten, indem sie sich auf eine Pflanze lagerten, deren betäubender Duft durch einen sanften Tod hinüberleitete.

Was Jambulos sonst über die wundersamen physischen Eigenschaften[307] und Fertigkeiten der Menschen- und Tierwelt fabuliert, können wir übergehen. Nur der wunderbaren abgerichteten Vögel sei hier gedacht, deren sich die Insulaner bedienen, um Mut und Kraft ihrer Kinder zu prüfen. Bald nach der Geburt wird nämlich jedes Kind auf einen solchen Vogel gesetzt und derselbe dann fliegen gelassen. Die Kinder, die den Flug aushalten, werden aufgezogen und so die Rasse stets kräftig erhalten.

Diese in der Schilderung der Landessitte hervortretenden Eigentümlichkeiten werfen auch bereits ein helles Licht auf die grundlegenden Prinzipien, auf denen sich das ganze Gemeinwesen aufbaut. Das Sozialprinzip, das Gemeinschaftsinteresse ist hier die allbeherrschende Grundnorm des öffentlichen und privaten Lebens, der sich das Individuum, sei es unter dem Druck des Gesetzes, sei es in freier Ergebung, unbedingt unterordnet.

Was schon Plato als höchstes Ideal für den besten Staat aufgestellt hat, die möglichste Verallgemeinerung des kollektivistischen Gedankens, hier ist es zur Tat und Wahrheit geworden. Der ganze Sonnenstaat ist eine große kommunistische Genossenschaft oder vielmehr eine Vereinigung solcher Genossenschaften (συστήματα),115 deren Zweck nichts Geringeres ist als eine vollkommen kommunistische Regelung des gesamten wirtschaftlichen und sozialen Lebens. Daher stellt jeder dieser Verbände zunächst eine sozialistische Organisation der Arbeit dar, ein System gesellschaftlicher Arbeit, das Hunderte von Menschen – jede Gruppe zählt vierhundert Köpfe – zu gemeinsamem, planmäßigem Zusammenwirken verbindet. Nach dem Grundsatz: Gleiche Arbeitspflicht für alle, gleiche Beteiligung eines jeden an jeder Art von Arbeit! lösen sich die einzelnen Genossen bei aller Tätigkeit gegenseitig ab, so daß jeder, wie es in unserem dürftigen Berichte heißt, »abwechselnd die anderen bedient, Fische fängt, Handwerke oder Künste ausübt, öffentliche Geschäfte besorgt« usw.116 Erst das Greisenalter entbindet von dieser allgemeinen[308] Dienst- und Arbeitspflicht. Eine Wirtschaftsorganisation, die natürlich anderseits das Kollektiveigentum an sämtlichen Produktionsmitteln voraussetzt, an Grund und Boden ebenso wie am Kapital, d.h. an Werkstätten und Vorratshäusern, Werkzeugen und Geräten, an Arbeits- und Nutztieren, an allen für die Produktion nötigen Stoffen usw. Auch die Konsummittel sind offenbar Gemeingut. Denn ohne Verstaatlichung der Konsummittel wäre die Kollektivproduktion der Güter in der geschilderten Form gar nicht durchführbar gewesen, und noch weniger die systematische Regelung des Konsums, die sich mit dieser Organisation der Arbeit verband. Denn »all das, was sich auf die Ernährung bezieht, hat hier ebenfalls eine bestimmte Ordnung«. Wie alle der Reihe nach gleichartig produzieren, so sollen auch alle gleichartig genießen. Es ist für die Einnahme der Mahlzeiten eine bestimmte Zeit durch das Gesetz vorgeschrieben, ebenso ist für jeden Tag nur eine bestimmte Gattung von Speisen gestattet, so daß, offenbar im Interesse einer möglichst naturgemäßen Ernährung, ein regelmäßiger Wechsel von vegetabilischer und Fleischnahrung stattfindet.

Es ist, als ob die Bürger des Sonnenstaates ihr Gemeinwesen nach dem Programm geordnet hätten, das die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands 1875 aufgestellt hat. Was hier für die Zukunft gefordert wird, haben sie längst verwirklicht! »Der Gesellschaft, d.h. allen ihren Gliedern, gehört das gesamte Arbeitsprodukt bei allgemeiner Arbeitspflicht nach gleichem Recht, jedem nach seinen vernunftgemäßen Bedürfnissen.« – »Die Befreiung der Arbeit erfordert die Verwandlung der Arbeitsmittel in Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der gesamten Arbeit mit gemeinnütziger Verwendung und gerechter Verteilung des Arbeitsertrags« (Gothaer Programm § 1). Selbst die Regelung des Konsums bedeutet keinen prinzipiellen Unterschied gegenüber dem modernen Zukunftsstaat. Denn auch in diesem bestimmt die gesellschaftliche Behörde das Ausmaß der Bedürfnisse eines jeden, das als »vernunftgemäß« anzusehen ist.

[309] Ja, Jambulos geht in der konsequenten Durchführung des Kommunismus noch weiter als die seinen Sonnenstaat unbewußt kopierenden Gothaer. Er dehnt den Kommunismus auf ein Gebiet aus, vor dem deren »Kompromißprogramm« noch haltmacht. Wie es nämlich im Sonnenstaat keine gesonderten wirtschaftlichen Betriebe gibt, so fehlt auch die sozialökonomische Organisationsform, die dem Sonderbetrieb entspricht, der Einzelhaushalt, die eine ökonomische Einheit bildende Familie. Der Sonnenstaat duldet innerhalb der großen, alle umfassenden Gemeinschaft nichts, was irgendein Sonderinteresse erzeugen, die Gemeinschaftsgefühle abschwächen könnte; er verwirft daher auch grundsätzlich das Institut der Einzelehe und was sich an Konsequenzen aus diesem Institut ergibt. »Die Frauen sind allen gemeinsam«, wie Diodor lakonisch berichtet, ohne ein Wort zur näheren Charakteristik hinzuzufügen.117 Doch ergibt sich für uns wenigstens Sinn und Tendenz dieser Frauengemeinschaft zur Genüge daraus, daß es eben das Gemeinschaftsinteresse ist, nicht das Genußstreben des Einzelindividuums, dem sie ihren Ursprung verdankt. Wir haben hier ja ein Volk vor uns, das gerade durch weise Selbstbeschränkung, durch Maßhalten im Genießen, durch sittliche Reinheit den schroffsten Gegensatz zu dem moralischen Verderben unserer Kulturwelt darstellt und daher nicht einmal die beiden aus dieser bösen Welt stammenden Fremdlinge auf die Dauer unter sich dulden will, in der Besorgnis, es könnten durch sie Keime des Bösen verpflanzt werden. Jambulos und sein Begleiter müssen nach sieben Jahren unfreiwillig das Land verlassen, weil sie unheilbar verderbt seien und die in der alten Gesellschaft eingeimpften Sitten nicht mehr ablegen könnten.118 Die Frauengemeinschaft eines solchen Volkes kann nicht so gestaltet gewesen sein, daß bei ihr möglichst die Sinnengier des Individuums ihre Sättigung fand, d.h. es kann sich nicht um die Anerkennung des Grundsatzes gehandelt haben, daß jeder Mann aller Weiber, jedes Weib aller Männer genießen soll,[310] sondern eben nur darum, daß kein Mann ein Weib, kein Weib einen Mann sich eigen nenne, damit das Lebensprinzip des Ganzen, der Geist der Eintracht und Brüderlichkeit nicht gefährdet werde. Diesem Prinzip zuliebe werden auch die Kinder als »Kinder der Gemeinschaft« gemeinsam erzogen und, um ein gleichmäßiges Wohlwollen aller gegen alle zu erzielen, sogar die Mütter im ungewissen über die eigenen Kinder erhalten, was man dadurch erreicht, daß eine öftere Vertauschung der Neugeborenen von seiten der Wärterinnen stattfindet!

So kennt man in der Tat, wie Diodor am Schlusse seiner kurzen Andeutungen über den Gegenstand bemerkt, bei diesen Menschen kein ehrgeiziges und selbstsüchtiges Sonderstreben. Allgemein ist als höchstes Gut die Eintracht anerkannt und in ungetrübter Harmonie verfließt ihr Dasein.119 Das Ideal eines wahrhaft sozialen Lebens ist hier Wirklichkeit geworden, eine Gemeinschaft, in der die Zwecke aller von allen gleichmäßig in brüderlicher Übereinstimmung verfolgt werden.

Daher fügen sich auch alle in die strenge Unterordnung unter die starke einheitliche Leitung, ohne welche ja die ganze Organisation überhaupt nicht durchführbar gewesen wäre.120 Der Kollektivismus des Sonnenstaates ist ein streng autoritärer. Für die soziale Wirtschaftsführung seiner kommunistischen Genossenschaften besteht ein Zentralorgan, ein »Hegemon«, dessen Machtvollkommenheit eine lebenslängliche ist und daher vom Diodor mit der monarchischen Gewalt verglichen wird.121 Er ist offenbar der Organisator für die ganze Genossenschaft. Auch wird dieses Amt nicht durch Wahl von seiten der Genossenschaftsmitglieder besetzt, woraus Rivalität und Parteiung entstehen könnte, sondern der jeweilig Älteste der Genossenschaft ist auch ihr Leiter.122

[311] Das Glück, das die Bürger dieser Hingebung an die Gemeinschaft verdanken, ist ein großes, es ist die Befreiung von dem Übermaß des Arbeitsdruckes, der auf der übrigen Menschheit lastet. Was Thomas Morus, Campanella und Marx von der Beseitigung der kapitalistischen Produktionsform erwarteten: die Beschränkung des Arbeitstages auf die notwendige Arbeit, der Kommunistenstaat des Jambulos hat es bereits in idealer Weise verwirklicht. Jene gleichmäßige Verteilung der Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft, von der der Marxismus eine so große Abkürzung der Arbeitszeit erhofft, sie hätte nicht radikaler durchgeführt sein können. Hier war es von vorneherein ausgeschlossen, daß »eine Gesellschaftsschicht die Naturnotwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer anderen Schicht zuwälzen kann«. Hier wurde daher auch nicht, wie nach der Marxschen Ansicht in der kapitalistischen Gesellschaft, »freie Zeit für eine Klasse produziert durch Verwandlung aller Lebenszeit der Masse in Arbeitszeit«.123 Da im Sonnenstaat alle nützlich beschäftigt sind, also keine Arbeitskraft ungenützt bleibt, da anderseits die üppige Produktivkraft der Landesnatur den Arbeitsbedarf vermindert, so ist hier in der Tat der »zur materiellen Produktion notwendige Teil des gesellschaftlichen Arbeitstages« ein außerordentlich geringer, der »für freie geistige und gesellschaftliche Betätigung der Individuen eroberte Zeitteil um so größer«. Die Möglichkeit geistiger Vervollkommnung, der freien Entfaltung der Vernunft, worauf hier, ganz wie in der Utopia, der größte Wert gelegt wird,124 steht jedem offen, der Lust und Talent dazu hat. Und ebenso erfreuen sich alle hinlänglicher Muße, um sich einer edlen Geselligkeit[312] und den Freuden eines idyllischen Naturgenusses hingeben zu können, die an das Leben in den elysäischen Gefilden erinnert.

So hat der Sonnenstaat längst das vorweggenommen, was der Marxismus nach zwei Jahrtausenden als Ergebnis neuester sozial-theoretischer Erkenntnis rühmt: »Indem sich die Gesellschaft zur Herrin der sämtlichen Produktionsmittel macht, um sie gesellschaftlich planmäßig zu verwenden, vernichtet sie die bisherige Knechtung der Menschen unter ihre eigenen Produktionsmittel. Die Gesellschaft kann sich nicht befreien, ohne daß jeder einzelne befreit wird. Die alte Produktionsweise muß also von Grund aus umgewälzt werden, und namentlich muß die alte Teilung der Arbeit verschwinden. An ihre Stelle muß eine Organisation der Produktion treten, in welcher die produktive Arbeit statt Mittel der Knechtung Mittel der Befreiung der Menschen wird, indem sie jedem einzelnen die Gelegenheit bietet, seine sämtlichen Fähigkeiten, körperliche wie geistige, nach allen Richtungen hin auszubilden und zu betätigen, und so aus einer Last eine Lust wird.«125

Der Gedanke einer solchen Befreiung des Individuums lag ja gerade der Epoche des Hellenismus ganz besonders nahe. Jene harmonische Vereinigung von öffentlicher und privatwirtschaftlicher Tätigkeit, jene Teilnahme aller Bürger am politischen Leben, die im demokratischen Stadtstaat den einzelnen immer wieder über den engen Kreis seiner privaten Existenz hinausgehoben hatte, sie war im Rahmen der neuen Monarchien in dieser Weise nicht mehr möglich. Selbst die weitestgehende formelle »Autonomie« ließ hier der Bürgerschaft der Polis keine gemeinsame Lebensaufgabe von höherer politischer Bedeutung mehr übrig. Und innerhalb des eigentlichen Untertanenverbandes erscheinen diese Beziehungen zwischen Individuum und Staat vollends zerrissen. Der einzelne kann sich hier nicht mehr als der Bürger eines von ihm mitregierten Gemeinwesens fühlen und sieht sich mehr und mehr auf sich selbst zurückgewiesen, wie denn überhaupt die ganze Entwicklung des Hellenismus in Staat und Gesellschaft die Tendenz zeigt, den einzelnen an bestimmte Lebenssphären zu binden. Mit der zunehmenden Arbeitsteilung in der Volkswirtschaft, der Organisation und Verwaltung des Staates machte auch die technische Differenzierung und Gliederung der Berufe weitere gewaltige Fortschritte.126 Wer sich in dieser vielfach ganz[313] modernen Gesellschaft durchringen und behaupten wollte, mußte auf eine möglichst individuelle Ausbildung bedacht sein. »Man ist nicht mehr in erster Linie Mensch und Bürger, sondern erst Soldat, Beamter, Gelehrter usw.«127

Aber die tief im hellenischen Geistesleben wurzelnde Sehnsucht nach harmonischer Entfaltung der Persönlichkeit ist damit nicht beseitigt. Im Gegenteil, sie ward um so lebhafter, je mehr die Schwierigkeiten zunahmen, die ihr die Verhältnisse entgegenstellten. »Daher das Interesse, das man jetzt an andern Berufen nimmt, das Interesse an andern scharf ausgeprägten Individualitäten, wie wir es in der Kunst dieser Zeit finden. Es ist der Trieb, das einseitige Selbst aus Fremdem zu ergänzen.«128 Und aus der tiefen Empfindung für diese Einseitigkeit erwächst dann ganz naturgemäß ein Gesellschaftsideal, das die Ausbildung des vollen und ganzen Menschen proklamiert und zwar im Sinne möglichst allseitiger, geistiger und körperlicher Betätigung.

Denn auch in bezug auf diese letztere Seite menschlichen Wirkens ist in der Lebensanschauung des hellenistischen Kulturmenschen ein merkwürdiger Wandel erkennbar. Wir befinden uns in der Epoche der Groß- und Weltstädte, wo politische Zentralisation, Welthandel und Industrie die städtische Kultur zu höchster Entfaltung brachten, wo daher auch bald die Mißstände zutage traten, die großstädtische Menschenanhäufung und das Raffinement spezifisch städtischer Kultur immer zur Folge haben. Eine neue Einseitigkeit, die auch als solche empfunden wurde und jene modern-sentimentale Sehnsucht nach der Natur und der »Unschuld« der Natur hervorrief, wie sie uns in einer neuen, für die Zeit recht eigentlich charakteristischen Literaturgattung, im bukolischen Idyll, entgegentritt. Die Berufe, die den Menschen in unmittelbarer Berührung mit der Natur erhalten, das Leben von Landleuten, Hirten, Jägern, Fischern in seiner genügsamen Einfachheit, Friedlichkeit und »Natürlichkeit« gewinnt für den kulturübersättigten Städter einen eigenartigen Reiz. Aus diesem Kreise entnimmt das Idyll vornehmlich seine Stoffe; und die Kunst schließt sich diesem Zuge an, wie die Hirten- und Fischerdarstellungen beweisen, die auf diese Periode zurückzuführen sind.129

So ist es denn nur die letzte Konsequenz einer weitverbreiteten Zeitstimmung,[314] wenn in dem Sonnenstaat des Jambulos wirklich Ernst damit gemacht wird, den dem hellenistischen Großstädter verloren gegangenen Zusammenhang mit der Natur in radikalster Weise eben dadurch herzustellen, daß auch der Gelehrte abwechselnd einfacher Arbeiter, Landmann, Fischer usw. wird. Damit ist zugleich der Gegensatz von Kultur und Natur oder von Stadt und Land beseitigt. Denn das »Leben auf Wiesen«, dessen sich nach der Andeutung Diodors die Bürger des Sonnenstaates erfreuen,130 ist ohne eine völlige Ausgleichung dieses Unterschiedes nicht denkbar. In diesem Ergebnis berührt sich übrigens der Sonnenstaat bis zu einem gewissen Grade auch mit dem modernen Sozialismus, der ja ebenfalls durch eine Vereinigung der gewerblichen mit der ländlichen Arbeit den Gegensatz von Stadt und Land möglichst zu beseitigen wünscht.

Hat Jambulos wohl selbst an die Möglichkeit geglaubt, daß die Institutionen dieses seligen Sonnenreiches, deren rein utopischer Charakter für ein klares und nüchternes sozialökonomisches Denken keinen Augenblick zweifelhaft sein kann, die Verpflanzung in die Wirklichkeit vertragen könnten? Ist die märchenhafte Natur, in die er seine Sonnenbürger versetzt, und der vollkommene Menschentypus, den sie repräsentieren, die unentbehrliche Voraussetzung ihrer idealen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und daher diese selbst von ihm auch nur als ein reines Märchen gedacht, wie die ganze Erzählung, in die ihre Schilderung eingefügt ist?

So viel ist klar: in den Wundergeschichten, die Jambulos von seiner glücklichen Insel auftischt, zeigt er sich unverkennbar als der Fabulist, der um jeden Preis ein sensationslüsternes Publikum zu befriedigen sucht. Allein anderseits ist auch zu bedenken, daß so, wie nun einmal der Reiseroman sich entwickelt hatte, jedes spätere Erzeugnis dieser Gattung auf eine starke Wirkung nur rechnen durfte, wenn es die früheren in der Häufung des Sensationellen womöglich noch überbot. Schon in bezug auf die bekannten Alexanderromane in Briefen, die älter sind als Jambulos, hat man mit Recht bemerkt, daß zumal der weniger gebildete Leser ebensolche gröbere Ware haben wollte. »Wenn Alexander nun einmal nach Indien kam, mußte er dort auch ordentliche handfeste Wunder erleben.«131 Denn die populäre Anschauung über[315] Indien wurde durch ein »ausschweifendes, im Teratologi schen schwelgendes Fabelbuch«,132 das des Ktesias, beherrscht. Wie hätte da ein Autor, der eben ein im Bereiche des indischen Wunderlandes gelegenes Paradies schilderte, auf solche Reizmittel der damaligen Romantechnik verzichten können, wenn er nicht etwa ein Euhemeros war, der als ausgesprochener Rationalist solche handfeste Wunder natürlich nicht gebrauchen konnte? Hat doch auch Hekatäos, bei dem eine ernste Tendenz unverkennbar vorliegt, in seinem Hyperboreerroman dieser Zeitmode die weitgehendsten Zugeständnisse gemacht und ein recht phantastisches Fabelbuch geliefert! Es ist also nicht notwendig, anzunehmen, daß deswegen, weil wir es auch bei Jambulos mit einem solchen Fabelbuch zu tun haben, die von ihm geschilderte soziale Utopie weiter nichts ist, als ein bloßes Spiel der Einbildungskraft. Es kann sehr wohl eine bestimmte Tendenz zugrunde liegen. Und in der Tat kann man sich selbst dem Berichte Diodors gegenüber des Eindruckes kaum erwehren, daß hier eine Schilderung dessen gegeben werden sollte, was dem Autor selbst als das Ideal eines natur- und vernunftgemäßen Lebens vor Augen schwebte,133 wenn dies Ideal für ihn auch nicht mehr war als ein schöner Traum.

Anderseits ist ja dieses Gesellschaftsideal keineswegs ein rein individuelles Gedankenerzeugnis. Es knüpft vielmehr deutlich genug an tatsächlich vorhandene Stimmungen und Ideen an. Wie hätte sich sonst Jambulos eine Wirkung auf den Leser versprechen können? Wie er eine Reihe von Zügen seiner novellistischen Einkleidung mit der ihm vorliegenden ethnographischen Fabelliteratur gemein hat, so sind auch in seinem Gesellschaftsideal neben den schon hervorgehobenen noch andere Anklänge an tatsächlich vorhandene geistige Strömungen erkennbar, die an platonische, kynische, stoische Ideen erinnern und damals sozusagen in der Luft lagen.134 Es würde uns daher gewiß noch weit mehr als Reflex solcher Zeitrichtungen erscheinen, wenn uns diese eben genauer bekannt wären. Selbst dann also, wenn wir annehmen wollten, daß für Jambulos persönlich die soziale Utopie seines Romanes nur die Bedeutung einer Kuriosität hatte, würde sie eine solche noch lange nicht für die Geschichte der sozialen Ideen sein. Auch die Art, wie Ktesias von der Gerechtigkeit seiner Inder redet, wurzelt nicht[316] in eigener sozialethischer Spekulation – diese gerechten Inder sind für ihn gewiß nur eine sensationelle Kuriosität neben so vielen anderen135 –, trotzdem ist dieses Gerechtigkeitsideal das Resultat einer tatsächlich vorhandenen und weitverbreiteten sozialphilosophischen Strömung. Wir dürfen nach alledem auch den Sonnenstaat als ein bedeutsames Zeugnis für die Entwicklungsgeschichte des sozialistischen Gedankens in der hellenischen Welt in Anspruch nehmen. Er läßt uns erkennen, daß sich hier die Entwicklung des Sozialismus, zum Teil wenigstens, in derselben Richtungslinie bewegte wie im neueren Europa.136

Man liebt es gegenwärtig, Thomas Morus, dem Begründer des modernen Sozialismus, als Repräsentanten des antiken Plato gegenüberzustellen.137 Was in der Utopia zu Plato im Gegensatz steht, soll dann »durchaus modern«, d.h. der Antike fremd sein. Als ob der platonische Staat das letzte Wort des antiken Sozialismus und die ganze weitere Entwicklung, wie sie uns in der sozialen Dichtung der Griechen entgegentritt, gar nicht vorhanden wäre! So erscheint es von diesem Standpunkt aus als etwas ganz Neues, »wesentlich Modernes«, wenn in der Utopia die Handarbeit nicht für illiberal gilt, sondern alle Volksgenossen zu eben jener banausischen Arbeit verpflichtet werden, von der bei Plato die beiden kommunistischen Stände befreit sind. Wir sehen ganz ab von der falschen konventionellen Ansicht, als ob die »Ehre der Arbeit« eine durchaus moderne Errungenschaft sei, und stellen einfach die Frage: Ist der Gegensatz des platonischen Staates zum Sonnenstaat des Jambulos nicht mindestens ein ebenso großer wie der zur Utopia? Könnte nicht die moderne Sozialdemokratie von Jambulos mit demselben Rechte wie von Morus sagen: »Der große Grundsatz der gleichen Arbeitspflicht aller (d.h. »bürgerlich« ausgedrückt der ungeheure Rückschritt des gleichmäßigen Arbeitszwanges) verbindet ihn auf das innigste mit dem modernen Sozialismus, scheidet ihn auf[317] das strengste von dem Kommunismus Platos, der ein Kommunismus der Nichtarbeiter ist«?138

Ja, wir gehen noch weiter und behaupten: Vom Standpunkt dieses heutigen proletarischen Sozialismus aus ist Morus in ökonomischer Hinsicht sogar weniger »modern«, als sein antiker Vorgänger. Während er seine Utopier an ein bestimmtes, allerdings meist frei gewähltes Handwerk fesselt, von dessen Betrieb nur die periodisch vorgeschriebene Beschäftigung mit der Feldarbeit zeitweilig entbindet, findet bereits im Sonnenstaat des Jambulos derselbe stetige Wechsel der Arbeit statt, wie im sozialdemokratischen Zukunftsstaat. Morus besitzt doch noch so viel gesunde bürgerliche Einsicht, um zu erkennen, daß bei einer völlig gleichmäßigen Beteiligung aller an mechanischer und geistiger Arbeit die Talente verkümmern, die besseren Elemente nicht zur Betätigung ihrer Kraft kommen würden; und er läßt daher in seiner Utopia eine eigene Klasse von Gelehrten zu, die von der Handarbeit befreit ist. Der mechanische Kommunismus dagegen, wie er im Sonnenstaate herrscht, mit seiner äußerlichen quantitativen Gleichmachung kennt diese Ausnahme nicht, ganz wie die moderne Sozialdemokratie! Jambulos hätte mit Bebel sagen können: »Die Berufsphysiognomien, die unsere Gesellschaft heute aufweist, sind in meinem Staat verschwunden«, oder mit Engels: »Karrenschieber und Architekt von Profession werden nicht verewigt werden, sondern in einer Person vereinigt sein«.

Welch ein Abstand vollends trennt in dieser grundlegenden Frage die letzte hellenische Utopie von der des Plato! Während dieser das Prinzip der Arbeitsteilung auf die Spitze treibt und daher auch die Konsequenz derselben: die »Niederbeugung« oder »Knickung« der Psyche bei ganzen Berufszweigen und Gesellschaftsklassen als etwas Unvermeidliches hinnimmt, schreitet der Sozialismus, wie er uns in dem Roman des Jambulos entgegentritt, kühn über diese Schranken hinweg. Er will nicht, daß, um marxistisch zu reden, der Ausbildung einer einzigen Tätigkeit alle übrigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten zum Opfer gebracht werden. Er will keine »knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit«,139 sondern »die absolute Disponibilität des Menschen für wechselnde Arbeitserfordernisse«.140 Er will wie Marx »das Teilindividuum, den bloßen Träger einer gesellschaftlichen Detailfunktion, durch das total entwickelte Individuum ersetzen,[318] für das verschiedene gesellschaftliche Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen sind.«141 Unbekümmert darum, daß er damit tatsächlich einen ungeheuren Rückschritt macht, läßt Jambulos an die Stelle der Arbeitsteilung gerade das diametral entgegengesetzte Organisationsprinzip treten, das durch abwechselnde Inanspruchnahme verschiedener körperlicher und geistiger Kräfte die Arbeit für alle zu einer immer wieder von neuem erfrischenden und anregenden gestalten und, indem es den Arbeitenden durch eine Reihe von verschiedenen Beschäftigungen hindurchführt, alle in ihm schlummernden Fähigkeiten zur Entfaltung bringen, ihm gerade die Teilnahme an jenen höheren Bestrebungen ermöglichen will, die nach der Ansicht Platos den wirtschaftlich Arbeitenden unzugänglich sein sollten.

Hatte Plato die Dinge so beurteilt, wie sie bei einer Beobachtung von oben her erscheinen, so haben wir hier eine Beurteilung von unten aus. Die geistige Arbeit erscheint hier aus der erhabenen Stellung, die ihr Plato nachgewiesen, verdrängt, die Handarbeit ist ihr sozial durchaus gleichgestellt. Daß dadurch auch das Niveau der geistigen Arbeit herabgedrückt würde, die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit, um die sich der platonische Staat so eifrig bemüht, bleibt unbeachtet. Es liegt eben dieser Betrachtung von unten offenbar, wie bei unseren modernen Sozialisten, eine Anschauungsweise zugrunde, die unter Arbeit in erster Linie nur Handarbeit versteht und geistige Arbeit mehr als Erholung und Genuß ansieht.

Was ferner die Organisation des wirtschaftlichen Arbeitslebens betrifft, so müssen wir uns erinnern, daß Plato über diesen Punkt zu einem klaren abschließenden Ergebnis überhaupt nicht gelangt ist, während auch hier wieder Jambulos mit seiner kühnen Zeichnung einer streng einheitlichen und planmäßig geleiteten Arbeitsgenossenschaft rücksichtslos die letzten Konsequenzen im Sinne des modernen Marxismus gezogen hat.

Noch in einer anderen Frage, die den Utopismus von jeher lebhaft beschäftigt hat, nähert sich der Sonnenstaat dem modernen Sozialismus. Es ist das schwierige Problem, wer sich wohl in dem idealen Gemeinwesen zur Übernahme der niedrigsten und widrigsten Arbeiten verstehen wird. Für den platonischen Staat existiert es noch nicht, weil er an der Sklaverei festhält. Aber auch Morus ist hier noch so »rückständig«, daß er ohne die Arbeit von unfreien und gedungenen Knechten[319] nicht auskommen zu können glaubt. Dagegen hat es in dem Sonnenstaat des Jambulos Unfreie offenbar ebensowenig gegeben wie im Kronosreich. Wenigstens enthält der Bericht Diodors nicht die geringste Spur davon, vielmehr gewinnt man aus ihm durchaus den Eindruck, daß »das sich gegenseitig Bedienen« und die allgemeine Arbeitspflicht der Sonnenbürger jegliche Art nützlicher und notwendiger Arbeit umfaßte, daß also auch die minder angenehmen Arbeiten von allen Arbeitsfähigen abwechselnd verrichtet wurden, ein besonderer Arbeitszwang für eine besondere benachteiligte Klasse von Arbeitern nicht existierte – ganz so, wie es die moderne Sozialdemokratie von ihrem Zukunftsstaat erträumt. Offenbar wird vorausgesetzt, daß jener Geist der Gleichheit und Brüderlichkeit, der alle Sonnenbürger beherrscht, eine Hingebung und Dienstbereitschaft erzeugt, wie sie Morus nur von besonders religiös gesinnten, an Zahl völlig unzureichenden Elementen seiner Utopia erwartet. Jedenfalls ist es unberechtigt, wenn man die Lösung, die das Problem durch Morus gefunden hat, ohne weiteres als eine »antike« bezeichnet142 und damit auch dem gesamten antiken Sozialismus die Ansicht unterschiebt, daß ein ideales Gemeinwesen nur auf der Grundlage der Sklaverei möglich sei. Es wäre ja auch ganz verwunderlich, wenn das sozialtheoretische Denken der Griechen, das mindestens schon im 4. Jahrhundert v. Chr. bei der grundsätzlichen Negation der Sklaverei angelangt war,143 gerade beim Aufbau des sozialistischen Staates durchweg an derselben festgehalten hätte.144

Zweifelhaft freilich bleibt die Entscheidung bei einer nicht minder wichtigen Frage, auf die uns bereits der Sozialstaat des Euhemeros geführt hat. Wir sahen, daß die Seite im platonischen Gesellschaftsideal, die es vom Standpunkt des heutigen Sozialismus als besonders »rückständig« und unmodern erscheinen läßt, die Forderung einer möglichsten Einschränkung der Bedürfnisse, bei Euhemeros nicht wiederkehrt. Dagegen läßt es der überaus erbärmliche und verworrene Bericht Diodors bei Jambulos völlig unklar, ob er die Frage mehr im[320] Sinne des platonischen oder des modernen Sozialismus gelöst wissen will. Zwar ist es gerade die Mäßigung in Speise und Trank, die die Sonnenbürger auszeichnet, allein eine primitive oder asketische ist deswegen ihre Ernährung keineswegs; und auch der moderne Sozialismus verbürgt ja einem jeden nur »Genuß nach seinem vernunftgemäßen Bedürfen«. Bezeichnender ist schon – und zwar im Sinne einer Abweichung von dem platonischen Standpunkt –, daß der Sonnenstaat Öl und Wein im Überfluß erzeugt; dagegen ist wieder völlig ungenügend die Bemerkung Diodors über die Fabrikation prächtiger Purpurgewänder, da sie es unbestimmt läßt, ob es sich hier nur um Feierkleider der Sonnenbürger handelt, wie sie ja auch Plato für seine Magneten und Morus für seine Utopier zuläßt, die im übrigen mit einfarbigen Wollenkleidern oder Fellen vorliebnehmen müssen. Über die sonstige gewerbliche Produktion vollends erfahren wir gar nichts und können daher nicht beurteilen, inwieweit der große Unterschied, der nach Diodor zwischen der Lebensweise der Sonnenbürger und derjenigen der übrigen Menschheit besteht,145 sich auch auf dieses Gebiet erstreckt, ob hier nur an die Ausschließung von übertriebenem Luxus gedacht ist oder an die Rückkehr zu einem älteren Stadium der handwerksmäßigen und kunstgewerblichen Produktion, wie es Plato im Auge hatte.

Doch sei dem, wie ihm wolle; mag in diesem Punkt der Sonnenstaat dem modernen Sozialismus näher oder ferner stehen, mag er in anderen, die sich unserer Kenntnis entziehen, weit von demselben abgewichen sein, soviel läßt uns das Gesellschaftsideal des Jambulos, wie übrigens schon das des Euhemeros, deutlich erkennen, daß der moderne Utopismus im letzten Grunde nicht in der Utopia des Morus wurzelt, sondern seine Vorgänger schon in der sozialen Dichtung der Griechen hat.146 Schon von dem griechischen Staatsroman gilt, was man von Morus gesagt hat: »Er hat ein Programm aufgestellt, das heute in wesentlichen Zügen das Programm einer großen und mächtigen Partei geworden ist und zur Stunde uns alle, Feind und[321] Freund, beschäftigt.«147 Dabei ist es von höchstem Interesse zu beobachten, wie der kühne Gedankenflug hellenischer Denker in der Vorausnahme scheinbar »ganz moderner« Ideen selbst jene Schranken durchbricht, welche nach der Ansicht der heutigen sozialistischen Doktrin vor den Zeiten moderner »Großproduktion« und wissenschaftlicher Technik der sozialtheoretischen Spekulation unüberschreitbar gewesen sein sollen.

Nach dieser Doktrin kann eine »harmonische« Ordnung der individuellen Tätigkeit, d.h. die Möglichkeit, den Arbeitenden mit seinen Arbeiten in rationeller Weise wechseln zu lassen, erst das Ergebnis jener Vereinfachung der einzelnen Arbeitsakte und Handgriffe sein, wie sie durch den modernen Maschinenbetrieb herbeigeführt wird, während im Handwerk bei der Mannigfaltigkeit seiner Verrichtungen die Kettung an ein bestimmtes Gewerbe von Jugend auf eine technische Notwendigkeit sei, und selbst in der kapitalistischen Manufaktur, die doch den Produktionsprozeß schon in verschiedene, je einem Arbeiter ständig zugewiesene und daher rascher erlernbare Teilarbeiten zerlegt, der Arbeiter für längere Zeit an seine Teilarbeit gefesselt werden müsse, wenn er die nötige Geschicklichkeit erlangen und seine Arbeit so produktiv als möglich werden soll. Daraus wird geschlossen, daß aller älterer Sozialismus bei jener »unmodernen« Organisation der Arbeit, wie wir sie in der Utopia finden, d.h. bei der Fesselung jedes Menschen an ein bestimmtes Handwerk, habe stehen bleiben müssen. Dies sei die notwendige Konsequenz der Produktionsweise gewesen, von der dieser ältere Sozialismus ausging und ausgehen mußte.148

In der Tat, wenn es richtig wäre, was die hier zugrunde liegende Geschichtsansicht, die Evolutionstheorie des Marxismus, annimmt, d.h. wenn alle gesellschaftlichen Bewußtseinsformen, überhaupt das ganze Ideenleben bloß Reflexwirkungen der ökonomischen Struktur der Gesellschaft wären, dann hätte sich die antike Sozialtheorie ebensowenig zu dem Ideal des harmonischen Arbeitswechsels erheben können wie der »Vater des modernen utopistischen Sozialismus«. Indem nun aber gerade die Antike in der rücksichtslosen Verfolgung des sozialistischen Gedankens bis zur Aufstellung eben dieses Ideales fortschritt, hat sie den Beweis erbracht, daß die Schranken, in welche die mechanische Geschichtsauffassung des ökonomischen Materialismus den Menschengeist bannen will, in dieser Weise überhaupt nicht existieren.

[322] Wenn ferner die materialistische Geschichtstheorie meint, daß es dem älteren Sozialismus von der Grundlage aus, auf der er stand, unmöglich war, auf die Dienste einer degradierten Klasse zu verzichten, weil erst die moderne großindustrielle Technik die Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten der verschiedenen Arbeiten so auszugleichen und den etwaigen Rest unangenehmer Arbeit so zu vereinfachen vermöge, daß sie von allen Arbeitsfähigen abwechselnd verrichtet werden können, so haben wir gesehen, daß für den sozialen Utopismus der Griechen wenigstens auf dem Höhepunkt, den der Sonnenstaat repräsentiert, allem Anscheine nach auch diese »Unmöglichkeit« nicht bestand.

Vollends aber versagt die materialistische Geschichtsauffassung gegenüber der Art und Weise, wie die Frauenfrage im griechischen Staatsroman gelöst wird. Nach dieser Theorie konnte der ältere Sozialismus, wie er uns z.B. in der Utopia entgegentritt, nicht einmal an die Emanzipation der Frau vom Einzelhaushalt denken, da er eine mächtige Grundlage desselben, die bäuerliche und handwerksmäßige Produktionsweise, bestehen lassen mußte, bei der naturgemäß jedem gesonderten Betrieb eine gesonderte Haushaltung, eine Familie entsprach. Dieser ältere Sozialismus habe also die »patriarchalische Familie« notwendig in sein utopisches Gemeinwesen hinübernehmen müssen. Dieser unmoderne Zug erscheine als eine jener unvermeidlichen Beschränkungen, welche die Rückständigkeit der Zeit ihm auferlegte. Nun, den althellenischen Sozialismus hat die ökonomische Rückständigkeit seinerzeit nicht gehindert, mit den »Formen der geschlechtlichen Beziehungen, die der patriarchalischen Familie eigentümlich sind«, über die Morus noch vor kaum vier Jahrhunderten »nicht hinaus konnte«, und die ja auch heute noch fest im Volksbewußtsein wurzeln, so gründlich zu brechen wie nur immer möglich. Während nach der genannten Geschichtstheorie dem älteren Sozialismus nichts weiter übrig geblieben sein soll, als Milderungen des strengen Eherechtes vorzuschlagen, ist schon die soziale Utopie der Griechen bei der grundsätzlichen Negation der Ehe und der radikalsten Emanzipation des Weibes angelangt!

Man sieht nach alledem klar und deutlich: die Ideen, die in der sozialen Dichtung der Griechen zum Ausdruck kommen, greifen weit über den Rahmen hinaus, durch den eine konventionelle Anschauung von der Antike und eine nicht minder konventionelle allgemeine Geschichtsauffassung die geistige Entwicklung des Altertums auf dem Gebiete des sozialen Gedankens umgrenzt glaubt. Angesichts der Gedankenwelt,[323] die sich hier vor uns aufgetan, muß es im hohen Grade irreführend erscheinen, wenn die moderne Sozialdemokratie, um das Dogma von der absoluten Neuheit ihrer Lehren zu retten, immer nur von einem »sogenannten« antiken Sozialismus zu reden weiß.149

Übrigens bleibt bei solchen Urteilen völlig unbeachtet, daß die Ideenfülle der Antike auch auf diesem Gebiet noch ganz anders zutage treten würde, wenn uns statt elender Trümmer, statt leerer Namen und Büchertitel die gesamte hier in Betracht kommende Literatur erhalten wäre. Wie viel reicher, mannigfaltiger, umfassender würde sich das Bild gestalten als jetzt, wo sich dem Darsteller gegenüber einer verwüsteten Überlieferung auf Schritt und Tritt das Gefühl peinlichster Entsagung aufdrängt!

So viel ist ja gewiß, daß in der Zeit, in der die bedeutsamsten Staatsromane, der des Euhemeros und des Jambulos, entstanden, das sozialistische Ideal nicht mehr die Bedeutung für die Wirklichkeit hatte, wie einst die Proletarierkomödie des Aristophanes. Abgesehen von den ephemeren Empörungen der unfreien Arbeiter und der Sonnenbürger des Aristonikos, sowie von den sozialen Ausgleichungsbestrebungen in den verfallenden hellenischen Kleinstaaten begegnen wir in der Epoche des Hellenismus nirgends sozialen Bewegungen, die unter der Parole der Freiheit und Gleichheit der bestehenden Gesellschaft als solcher den Krieg erklärt hätten. Auf dem Boden der hellenistischen Großstaaten war an die Möglichkeit von eingreifenden Veränderungen in der Struktur der Gesellschaft nicht entfernt mehr zu denken. An der Idee der ökonomischen Ausgleichung hatte sich der Proletarier der freien und autonomen Polis berauschen können, auf dem Boden des hellenistischen Absolutismus war dergleichen nicht mehr zu erhoffen. Es kommt wohl gelegentlich zu Ausständen freier Arbeiter, aber es handelt sich dabei immer nur um die Erringung besserer Arbeitsbedingungen und um ganz vereinzelte Arbeitergruppen, nicht um eine revolutionäre Auflehnung gegen das plutokratische System als solches. Soweit es in einer solchen Zeit für den einzelnen überhaupt noch eine »soziale Frage« gab, konnte sie höchstens die Gestalt einer romantischen Träumerei oder frommer Wünsche annehmen.[324]


Quelle:
Robert von Pöhlmann: Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in der antiken Welt, München 31925, Bd. 2.
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