Karlssage

[481] Karlssage. Schon sehr früh bemächtigte sich die Sage der Gestalt Karls des Grossen, dessen ausserordentliche Kraft, Macht und Thätigkeit schon den Zeitgenossen als von übermenschlichem Ursprung erschienen. Man erkennt das unter andern aus den Aufzeichnungen, die der namenlose Mönch von St. Gallen, Monachus Sangallensis, auf Befehl Karls des Dicken verfasst hat; besonders das Verhältnis Karls zum Orient und sein Zug nach Spanien gaben der Einbildung Raum zu wunderbarer Ausschmückung. Die Ausbildung eines zusammenhängenden Sagencyklus geschah aber auf französichem Boden, wo Karl dem sich allmählich entwickelnden romantischen Rittertum neben Artus das Ideal des ritterlich-christlichen Heldenkönigs wurde; seine eigene Person zwar trat in ähnlicher Weise wie bei Artus zurück und seine Paladine traten in den Vordergrund, namentlich Roland, von dem geschichtlich gar nichts anderes bekannt ist, als sein Name und Einhards Nachricht im Leben Karl, Kap. 9: es sei im Engpass der Pyrenäen nebst vielen anderen gefallen Hruolandus britannici limitis praefectus, Roland, der Befehlshaber im britischen Grenzbezirk. Als Hauptquelle der französisch-karolingischen Dichtungen gilt die Vita Caroli magni et Rolandi des Turpin, welche dem 11. Jahrhundert angehört; als bedeutendste Dichtung das Chanson de Roland oder de Ronceveaux aus dem 12. Jahrhundert. Seitdem in Deutschland Friedrich I. im Jahre 1165 die Gebeine Karls hatte erheben und Papst Paschalis III. unmittelbar darauf Karl heilig gesprochen hatte, wurde auch hier Karls Name wieder volkstümlich,[481] und so ist es erklärlich, dass bald darauf zwischen 1173 und 1177 der Pfaffe Konrad, ein Weltgeistlicher, das genannte französische Gedicht zuerst in lateinische, dann in deutsche Verse brachte. Das Gedicht, Ruolandes liet, wurde schnell beliebt; man zierte die Handschriften mit Bildern aus und überarbeitete es später. So entnahm man französischen Quellen auch eine Bearbeitung der Jugendgeschichte Karls, den Karl meinet, d.h. den kleinen Charlemaine oder Carolus magnus. Andere Gedichte lehnen sich mehr äusserlich an den Karolingischen Sagenkreis an, wie König Ruther, welcher der Vater Pipins und Grossvater Karls ist; Flore und Blanscheflur, die Eltern der Bertha, der Mutter Karls: die Gute Frau, deren Gemahl Karlmann, deren Söhne Karl und Pipin der Kleine sind. Zu den Helden Karls zählt der heilige Wilhelm von Orange, den Wolfram von Eschenbach bearbeitete, aber unvollendet hinterliess; Fortsetzungen hat man von Ulrich von Türheim und Ulrich dem Türlin. Zur karolingischen Sage gehörten sodann das niederdeutsche Gedicht Valentin und Namelos, aus dem 14. Jahrhundert, und die aus dem Niederdeutschen in schlechtes Hochdeutsch übertragenen Geschichten von Malagis, Reinhold von Montalban und Ogier von Dänemark aus dem 15. Jahrhundert; sodann die aus dem Französischen übersetzten Romane von Lother und Maller, die vier Haimonskinder, Kaiser Oktavianus. Wackernagel, Litteratur, S. 57. Die französische Sage ist kritisch untersucht bei Gaston Paris, Histoire poétique du Charlemagne. Paris 1865.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 481-482.
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