Lagerstätten

[562] Lagerstätten. Dieselben sind nach Art der römischen Betten bei den Völkern des westlichen und mittleren Europas schon im frühesten Mittelalter bekannt. Erwähnt wird das Bett zuerst bei Gregor von Tours in der Bemerkung, dass sein Lager von dem der anderen Geistlichen umgeben war, wie ja das Kirchengesetz bestimmte, dass ein Bischof nicht allein schlafen dürfe. Nähere Angaben über die Teile des Bettes und deren Beschaffenheit sind nicht gemacht. Die ältesten Abbildungen zeigen teils vierbeinige Bettstellen, teils fusslose Truhen, in welche Bettstücke gelegt wurden. In den Stückverzeichnissen der Wirtschaftshöfe Karls des Grossen werden bereits mit »Linnen bezogene Federbetten« erwähnt. Die Bettstätten des 11. Jahrhunderts bestehen zum Teil aus einem verschieden gefügten und mannigfaltig gezierten Gestell aus Stabwerk. Sie stehen auf vier oder mehr Füssen, haben ein hohes Kopfbrett, ein niedriges Fassende und oft auch eine Seitenlehne, während die zweite Seite frei ist. Neben den hölzernen erscheinen auch schon metallene Bettladen. Als Bettstücke sind erwähnt die Matratzen, das walzen- oder eirunde Kopfkissen und eine Überdecke. Die Betten des 12. und 13. Jahrhunderts erscheinen als schwere Gestelle von der Form einer Bahre mit geschnitzten, auch schon gedrechselten Füssen, hohem Kopf-, niedrigem Fussende und ebensolchen Längsseiten, die in der Mitte eine Öffnung zum Einsteigen hatten. Sie waren oft mit Elfenbeinschnitzereien und Metallarbeiten geziert, auch die Pfühle, Decken, Kissen und Vorhänge wurden aus den köstlichsten Stoffen bereitet, wovon die Dichter viel zu singen wissen. So heisst es im Parzival, 552, 9 ff.:


Einez was ein pflumît,

des zieche ein grüener samît;

des nicht von der hohen art:

ez was ein samît pastart.

ein kulter wart des bettes dach,

niht wan durch Gâwâns gemach,

mit einem pfellel, sunder golt,

verre in heidenschaft geholt,

gesteppet ûf palmât.

darüber zôch man linde wât,

zwei lîlachen snêvar.

man leit ein wanküssen dar,

unt der meide mantel einen,

härmîn, niwe, reinen.


Ebenso wird von dem Bett, welches König Bela von Ungarn um 1189[562] Friedrich I. schenkte, ausdrücklich bemerkt, dass es mit prächtig verziertem Kopfkissen und kostbarer Decke versehen war.

Die Betten des 14. Jahrhunderts hatten bereits zwei Matratzen und zwei Kopfkissen, oft sogar auch eine zweite Decke. Die Überdecke verhüllte das ganze Bett mit Ausnahme des Kopfbrettes. Auch der Betthimmel vergrösserte sich und wurde, statt dass er bisher von der Decke herunterhing, nun auf die pfeilerartig nach oben verlängerten Füsse der Bettstelle selber befestigt und mit leichten beweglichen Vorhängen versehen. Die Überdecken und Seitenvorhänge der Reichen waren meist aus Seide, Sammet oder gar aus Goldstoff, die Überzüge der Matratzen, Kissen und Bettdecken aus buntgemusterter Seide gefertigt und oft mit einem seltenen Pelzwerk gefüttert oder wenigstens verbrämt, mit Stickereien, Besätzen, Troddeln und Fransen geziert. Daneben hatte man in fürstlichen Häusern auch sogenannte Paradebetten, die nur bei besonderen festlichen Vorkommnissen benutzt wurden. Zwei besonders reiche Betten des 15. Jahrhunderts schmückten das Gemach der Isabella von Bourbon, der Gemahlin Karls d. Kühnen. Sie waren durch einen vier bis fünf Fuss breiten Zwischengang und einen verschiebbaren Teppichvorhang getrennt und mit jeglichen Bequemlichkeitsmitteln versehen. Die Betten dieser Zeit waren bis sieben Fuss lang und sechs Fuss breit.

Das 16. Jahrhundert sodann war auch hierin bestrebt, seine Vorgänger noch zu übertreffen. Bettstellen, Matratzen, Kissen und Decken wurden aus den köstlichsten Stoffen gemacht und mit allem erdenklichen Zierat versehen. Das Bett stand selten mehr in einer Ecke des Zimmers, sondern mit dem Kopfende nach der Mitte einer Wand gekehrt. Das Holzwerk war von Nussbaum-, ja sogar von Zedern-, Rosen- und Ebenbolz, vergoldet, bemalt, mit Elfenbein- und Metalleinlagen besetzt. Die vier Eckstützen gestalteten sich zu wirklichen Säulen von mannigfaltigster Form. Sie stiegen mitunter nicht eigentlich vom Bettkasten selbst, sondern von vierseitigen zierlichen Postamenten ausserhalb desselben auf und trugen das köstlich gearbeitete Bettdach. In Italien, das hierin den nördlicher belegenen Staaten voranging, rechnete man um die Mitte dieses Jahrhunderts zu einem vollständigen Bett »vier Matratzen von Baumwolle, bedeckt mit zarten, in Seide und Gold gestickten Linnentüchern, eine Decke von Karmesinatlas, mit Goldfäden bestickt und von Fransen umgeben, aus Karmesinseide und Goldfäden gemischt; vier prächtig behandelte Kissen, und ringsum Vorhänge von Flor in Gold und Karmesin gestreift«. Zu bemerken ist, dass die Baumwolle, die heute als der billigste Kleidungsstoff allgemein verbreitet ist, damals ein kostbarer und schwererhältlicher Artikel war.

Das 17. Jahrhundert aber ging noch weiter. Namentlich mit den 70er Jahren desselben trat eine eigentliche Polstersucht ein, welche die Ausstattung des anfänglich so schlichten Gerätes bis zur Ausschliesslichkeit steigerte. Das ganze Holzwerk wurde in Stoff verkleidet. Die Bettstatt wurde zum lehnenlosen, viereckigen Holzgestell, das höchstens am Kopfende etwas erhöht war; der Betthimmel entbehrt also jedes sichtbaren Gerüstes und erscheint in den wunderlichsten Gestalten lediglich aus Zeugen gefaltet. Zugleich baut man für die Betten eigens entsprechende Wandnischen und verkleidet diese sowohl in ihrem Innern, als besonders nach aussen mit breiten Vorhängen oder »Gardinen«, die vermittelst eines starken[563] Schnur- und Puschelwerkes vorgeschoben und zurückgezogen werden. Es fehlte natürlich auch diesen Betten nicht an allen möglichen Verzierungen und Zuthaten, die aus früheren Perioden bekannt waren oder vom grübelnden Menschengeist ersonnen werden konnten. Als einen beständigen Begleiter des Bettes nennen wir hier noch den Bettschemel. Nach Weiss, Kostümkunde.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 562-564.
Lizenz:
Faksimiles:
562 | 563 | 564
Kategorien: